XVI.

Frau Hradscheck war nun unter der Erde, Male hatte das Umschlagetuch

gekriegt, auf das ihre Wünsche sich schon lange gerichtet hatten, und

alles wäre gut gewesen, wenn nicht der letzte Wille der Verstorbenen

gewesen wäre: die Geldsendung an den Krakauer Bischof um der zu lesenden

Seelenmessen willen. Das machte Hradscheck Sorge, nicht wegen des

Geldes, davon hätt' er sich leicht getrennt, einmal weil Sparen und

Knausern überhaupt nicht in seiner Natur lag, vor allem aber weil er das

seiner Frau gegebene Versprechen gern zu halten wünschte, schon aus

abergläubischer Furcht. Das Geld also war es nicht, und wenn er trotzdem

in Schwanken und Säumniß verfiel, so war es, weil er nicht selber dazu

beitragen wollte, die kaum begrabene Geschichte vielleicht wieder ans

Licht zu ziehn. Ursel hatte freilich von Beichtgeheimniß und Ähnlichem

gesprochen, er mißtraute jedoch solcher Sicherheit, am meisten aber dem

ohne Namensunterschrift in Frankfurt aufzugebenden Briefe.

In dieser Verlegenheit beschloß er endlich, Eccelius zu Rathe zu ziehn

und diesem die halbe Wahrheit zu sagen, und wenn nicht die halbe, so

doch wenigstens so viel, wie zu seiner Gewissens-Beschwichtigung gerade

nöthig war. Ursel, so begann er, habe zu seinem allertiefsten Bedauern

ernste katholische Rückfälle gehabt und ihm beispielsweis in ihrer

letzten Stunde noch eine Summe Geldes behändigt, um Seelenmessen für sie

lesen zu lassen (der, dem es eigentlich galt, wurde hier unterschlagen).

Er, Hradscheck, hab' ihr auch, um ihr das Sterben leichter zu machen,

alles versprochen, sein protestantisches Gewissen aber sträube sich

jetzt dagegen, ihr das Versprochene wörtlich und in all und jedem Stücke

zu halten, weßhalb er anfrage, ob er das Geld wirklich an die

Katholschen aushändigen oder nicht lieber nach Berlin reisen und ein

marmornes oder vielleicht auch gußeisernes Grabkreuz, wie sie jetzt Mode

seien, bestellen solle.

Eccelius zögerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das,

was Hradscheck zu hören wünschte. Versprechungen, die man einem

Sterbenden gäbe, seien natürlich bindend, das erheische die Pietät, das

sei die Regel. Aber jede Regel habe bekanntlich ihren Ausnahmefall, und

wenn das einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sündhaft sei,

so hebe das Erkennen dieser Sündhaftigkeit das Versprechen wieder auf.

Das sei nicht blos Recht, das sei sogar Pflicht. Die ganze Sache, wie

Hradscheck sie geschildert, gehöre zu seinen schmerzlichsten

Erfahrungen. Er habe große Stücke von der Verstorbenen gehalten und

allezeit einen Stolz darein gesetzt, sie für die gereinigte Lehre

gewonnen zu haben. Daß er sich darin geirrt oder doch wenigstens halb

geirrt habe, sei, neben anderem, auch persönlich kränkend für ihn, was

er nicht leugnen wolle. Diese persönliche Kränkung indeß sei nicht das,

was sein eben gegebenes Urtheil bestimmt habe. Hradscheck solle getrost

bei seinem Plane bleiben und nach Berlin reisen, um das Kreuz zu

bestellen. Ein Kreuz und ein guter Spruch zu Häupten der Verstorbenen

werde derselben genügen, dem Kirchhof aber ein Schmuck und eine

Herzensfreude für jeden sein, der Sonntags daran vorüberginge.

* * *

Es war Ende Oktober gewesen, daß Eccelius und Hradscheck dies Gespräch

geführt hatten, und als nun Frühling kam und der ganze Tschechiner

Kirchhof, so kahl auch seine Bäume noch waren, in Schneeglöckchen und

Veilchen stand, erschien das gußeiserne Kreuz, das Hradscheck mit vieler

Wichtigkeit und nach langer und minutiöser Berathung auf der königlichen

Eisengießerei bestellt hatte. Zugleich mit dem Kreuze traf ein Steinmetz

mit zwei Gesellen ein, Leute, die das Aufrichten und Einlöthen aus dem

Grunde verstanden, und nachdem die Dorfjugend ein paar Stunden zugesehen

hatte, wie das Blei geschmolzen und in das Sockelloch eingegossen wurde,

stand das Kreuz da mit Spruch und Inschrift, und viele Neugierige kamen,

um die goldblanken Verzierungen zu sehn: unten ein Engel, die Fackel

senkend, und oben ein Schmetterling. All das wurde von Alt und Jung

bewundert. Einige lasen auch die Inschrift: »Ursula Vincentia

Hradscheck, geb. zu Hickede bei Hildesheim im Hannöverschen den 29. März

1790, gest. den 30. September 1832.« Und darunter Evang. Matthäi 6,

V. 14. Auf der Rückseite des Kreuzes aber stand ein muthmaßlich von

Eccelius selbst herrührender Spruch, darin er seinem Stolz, aber

freilich auch seinem Schmerz Ausdruck gegeben hatte. Dieser Spruch

lautete: »Wir wandelten in Finsterniß, bis wir das Licht sahen. Aber die

Finsterniß blieb, und es fiel ein Schatten auf unsren Weg.«

* * *

Unter denen, die sich das Kreuz gleich am Tage der Errichtung angesehen

hatten, waren auch Gensdarm Geelhaar und Mutter Jeschke gewesen. Sie

hatten denselben Heimweg und gingen nun gemeinschaftlich die Dorfstraße

hinunter, Geelhaar etwas verlegen, weil er den zu seiner eignen

Würdigkeit schlecht passenden Ruf der Jeschke besser als irgend wer

anders kannte. Seine Neugier überwand aber seine Verlegenheit, und so

blieb er denn an der Seite der Alten und sagte:

»Hübsch is es. Un der Schmetterling so natürlich; beinah wie'n

Citronenvogel. Aber ich begreife Hradscheck nich, daß er sie so dicht an

dem Thurm begraben hat. Was soll sie da? Warum nicht bei den Kindern?

Eine Mutter muß doch da liegen, wo die Kinder liegen.«

»Woll, woll, Geelhaar. Awers Hradscheck is klook. Un he weet ümmer, wat

he deiht.«

»Gewiß weiß er das. Er ist klug. Aber gerade weil er klug ist ...«

»Joa, joa.«

»Nu was denn?«

Und der sechs Fuß hohe Mann beugte sich zu der alten Hexe nieder, weil

er wohl merkte, daß sie was sagen wollte.

»Was denn, Mutter Jeschke?« wiederholte er seine Frage.

»Joa, Geelhaar, wat sall ick seggen? Eccelius möt et weten. Un de hett

nu ook wedder de Inschrift moakt. Awers _een_ is, de weet ümmer noch en

beten mihr.«

»Und wer is das? Line?«

»Ne, Line nich. Awers Hradscheck sülwsten. Hradscheck, de will de

Kinnings und de Fru nich tosoamen hebb'n. Nich so upp enen Hümpel.«

»Nun gut, gut. Aber warum nicht, Mutter Jeschke?«

»Nu, he denkt, wenn't los geiht.«

Und nun blieb sie stehn und setzte dem halb verwundert, halb entsetzt

aufhorchenden Geelhaar auseinander, daß die Hradscheck an dem Tage,

»wo's los gehe«, doch natürlich nach ihren Kindern greifen würde,

vorausgesetzt, daß sie sie zur Hand habe. »Un dat wull de oll Hradscheck

nich.«

»Aber, Mutter Jeschke, glaubt Ihr denn an so was?«

»Joa, Geelhaar, worümm nich? Worümm sall ick an so wat nich glöwen?«

Unterm Birnbaum · 第 18 / 25 题