Frau Hradscheck war nun unter der Erde, Male hatte das Umschlagetuch
gekriegt, auf das ihre Wünsche sich schon lange gerichtet hatten, und
alles wäre gut gewesen, wenn nicht der letzte Wille der Verstorbenen
gewesen wäre: die Geldsendung an den Krakauer Bischof um der zu lesenden
Seelenmessen willen. Das machte Hradscheck Sorge, nicht wegen des
Geldes, davon hätt' er sich leicht getrennt, einmal weil Sparen und
Knausern überhaupt nicht in seiner Natur lag, vor allem aber weil er das
seiner Frau gegebene Versprechen gern zu halten wünschte, schon aus
abergläubischer Furcht. Das Geld also war es nicht, und wenn er trotzdem
in Schwanken und Säumniß verfiel, so war es, weil er nicht selber dazu
beitragen wollte, die kaum begrabene Geschichte vielleicht wieder ans
Licht zu ziehn. Ursel hatte freilich von Beichtgeheimniß und Ähnlichem
gesprochen, er mißtraute jedoch solcher Sicherheit, am meisten aber dem
ohne Namensunterschrift in Frankfurt aufzugebenden Briefe.
In dieser Verlegenheit beschloß er endlich, Eccelius zu Rathe zu ziehn
und diesem die halbe Wahrheit zu sagen, und wenn nicht die halbe, so
doch wenigstens so viel, wie zu seiner Gewissens-Beschwichtigung gerade
nöthig war. Ursel, so begann er, habe zu seinem allertiefsten Bedauern
ernste katholische Rückfälle gehabt und ihm beispielsweis in ihrer
letzten Stunde noch eine Summe Geldes behändigt, um Seelenmessen für sie
lesen zu lassen (der, dem es eigentlich galt, wurde hier unterschlagen).
Er, Hradscheck, hab' ihr auch, um ihr das Sterben leichter zu machen,
alles versprochen, sein protestantisches Gewissen aber sträube sich
jetzt dagegen, ihr das Versprochene wörtlich und in all und jedem Stücke
zu halten, weßhalb er anfrage, ob er das Geld wirklich an die
Katholschen aushändigen oder nicht lieber nach Berlin reisen und ein
marmornes oder vielleicht auch gußeisernes Grabkreuz, wie sie jetzt Mode
seien, bestellen solle.
Eccelius zögerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das,
was Hradscheck zu hören wünschte. Versprechungen, die man einem
Sterbenden gäbe, seien natürlich bindend, das erheische die Pietät, das
sei die Regel. Aber jede Regel habe bekanntlich ihren Ausnahmefall, und
wenn das einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sündhaft sei,
so hebe das Erkennen dieser Sündhaftigkeit das Versprechen wieder auf.
Das sei nicht blos Recht, das sei sogar Pflicht. Die ganze Sache, wie
Hradscheck sie geschildert, gehöre zu seinen schmerzlichsten
Erfahrungen. Er habe große Stücke von der Verstorbenen gehalten und
allezeit einen Stolz darein gesetzt, sie für die gereinigte Lehre
gewonnen zu haben. Daß er sich darin geirrt oder doch wenigstens halb
geirrt habe, sei, neben anderem, auch persönlich kränkend für ihn, was
er nicht leugnen wolle. Diese persönliche Kränkung indeß sei nicht das,
was sein eben gegebenes Urtheil bestimmt habe. Hradscheck solle getrost
bei seinem Plane bleiben und nach Berlin reisen, um das Kreuz zu
bestellen. Ein Kreuz und ein guter Spruch zu Häupten der Verstorbenen
werde derselben genügen, dem Kirchhof aber ein Schmuck und eine
Herzensfreude für jeden sein, der Sonntags daran vorüberginge.
* * *
Es war Ende Oktober gewesen, daß Eccelius und Hradscheck dies Gespräch
geführt hatten, und als nun Frühling kam und der ganze Tschechiner
Kirchhof, so kahl auch seine Bäume noch waren, in Schneeglöckchen und
Veilchen stand, erschien das gußeiserne Kreuz, das Hradscheck mit vieler
Wichtigkeit und nach langer und minutiöser Berathung auf der königlichen
Eisengießerei bestellt hatte. Zugleich mit dem Kreuze traf ein Steinmetz
mit zwei Gesellen ein, Leute, die das Aufrichten und Einlöthen aus dem
Grunde verstanden, und nachdem die Dorfjugend ein paar Stunden zugesehen
hatte, wie das Blei geschmolzen und in das Sockelloch eingegossen wurde,
stand das Kreuz da mit Spruch und Inschrift, und viele Neugierige kamen,
um die goldblanken Verzierungen zu sehn: unten ein Engel, die Fackel
senkend, und oben ein Schmetterling. All das wurde von Alt und Jung
bewundert. Einige lasen auch die Inschrift: »Ursula Vincentia
Hradscheck, geb. zu Hickede bei Hildesheim im Hannöverschen den 29. März
1790, gest. den 30. September 1832.« Und darunter Evang. Matthäi 6,
V. 14. Auf der Rückseite des Kreuzes aber stand ein muthmaßlich von
Eccelius selbst herrührender Spruch, darin er seinem Stolz, aber
freilich auch seinem Schmerz Ausdruck gegeben hatte. Dieser Spruch
lautete: »Wir wandelten in Finsterniß, bis wir das Licht sahen. Aber die
Finsterniß blieb, und es fiel ein Schatten auf unsren Weg.«
* * *
Unter denen, die sich das Kreuz gleich am Tage der Errichtung angesehen
hatten, waren auch Gensdarm Geelhaar und Mutter Jeschke gewesen. Sie
hatten denselben Heimweg und gingen nun gemeinschaftlich die Dorfstraße
hinunter, Geelhaar etwas verlegen, weil er den zu seiner eignen
Würdigkeit schlecht passenden Ruf der Jeschke besser als irgend wer
anders kannte. Seine Neugier überwand aber seine Verlegenheit, und so
blieb er denn an der Seite der Alten und sagte:
»Hübsch is es. Un der Schmetterling so natürlich; beinah wie'n
Citronenvogel. Aber ich begreife Hradscheck nich, daß er sie so dicht an
dem Thurm begraben hat. Was soll sie da? Warum nicht bei den Kindern?
Eine Mutter muß doch da liegen, wo die Kinder liegen.«
»Woll, woll, Geelhaar. Awers Hradscheck is klook. Un he weet ümmer, wat
he deiht.«
»Gewiß weiß er das. Er ist klug. Aber gerade weil er klug ist ...«
»Joa, joa.«
»Nu was denn?«
Und der sechs Fuß hohe Mann beugte sich zu der alten Hexe nieder, weil
er wohl merkte, daß sie was sagen wollte.
»Was denn, Mutter Jeschke?« wiederholte er seine Frage.
»Joa, Geelhaar, wat sall ick seggen? Eccelius möt et weten. Un de hett
nu ook wedder de Inschrift moakt. Awers _een_ is, de weet ümmer noch en
beten mihr.«
»Und wer is das? Line?«
»Ne, Line nich. Awers Hradscheck sülwsten. Hradscheck, de will de
Kinnings und de Fru nich tosoamen hebb'n. Nich so upp enen Hümpel.«
»Nun gut, gut. Aber warum nicht, Mutter Jeschke?«
»Nu, he denkt, wenn't los geiht.«
Und nun blieb sie stehn und setzte dem halb verwundert, halb entsetzt
aufhorchenden Geelhaar auseinander, daß die Hradscheck an dem Tage,
»wo's los gehe«, doch natürlich nach ihren Kindern greifen würde,
vorausgesetzt, daß sie sie zur Hand habe. »Un dat wull de oll Hradscheck
nich.«
»Aber, Mutter Jeschke, glaubt Ihr denn an so was?«
»Joa, Geelhaar, worümm nich? Worümm sall ick an so wat nich glöwen?«