XV.

Das war in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag gewesen, den letzten Tag

im September. Als am andern Morgen zur Kirche geläutet wurde, standen

die Fenster in der Stube weit offen, die weißen Gardinen bewegten sich

hin und her, und alle, die vorüberkamen, sahen nach der Giebelstube

hinauf und wußten nun, daß die Hradscheck gestorben sei. Schulze

Woytasch fuhr vor, aussprechend, was er sich bei gleichen Veranlassungen

zu sagen gewöhnt hatte, »daß ihr nun wohl sei« und »daß sie vor ihnen

allen einen guten Schritt voraushabe«. Danach trank er, wie jeden

Sonntag vor der Predigt, ein kleines Glas Madeira zur Stärkung und

machte dann die kurze Strecke bis zur Kirche hin zu Fuß. Auch Kunicke

kam und drückte Hradscheck verständnißvoll die Hand, das Auge gerade

verschwommen genug, um die Vorstellung einer Thräne zu wecken.

Desgleichen sprachen auch der Ölmüller und gleich nach ihm Bauer Mietzel

vor, welch letztrer sich bei Todesfällen immer der »Vorzüge seiner

Kränklichkeit von Jugend auf« zu berühmen pflegte. Das that er auch

heute wieder. »Ja, Hradscheck, der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich

piepe nun schon so lang; aber es geht immer noch.«

Auch noch andre kamen und sagten ein Wort. Die meisten indessen gingen

ohne Theilnahmsbezeigung vorüber und stellten Betrachtungen an, die sich

mit der Todten in nur wenig freundlicher Weise beschäftigten.

»Ick weet nich,« sagte der eine, »wat Hradscheck an ehr hebben deih. Man

blot, dat se'n beten scheel wihr.«

»Joa,« lachte der Andre. »Dat wihr se. Un am Enn', so wat künn he hier

ook hebb'n.«

»Un denn dat hannüversche Geld. Ihrst schmeet se't weg, un mit eens fung

se to knusern an.«

In dieser Weise ging das Gespräch einiger ältrer Leute; das junge

Weiberzeug aber beschränkte sich auf die eine Frage: »Weck' een he nu

woll frigen deiht?«

Auf Mittwoch vier Uhr war das Begräbniß angesetzt, und viel Neugierige

standen schon vorher in einem weiten Halbkreis um das Trauerhaus herum.

Es waren meist Mägde, die schwatzten und kicherten, und nur einige waren

ernst, darunter die Zwillings-Enkelinnen einer armen alten Wittwe,

welche letztre, wenn Wäsche bei den Hradschecks war, allemal mitwusch.

Diese Zwillinge waren in ihren schwarzen, von der Frau Hradscheck

herrührenden Einsegnungskleidern erschienen und weinten furchtbar, was

sich noch steigerte, als sie bemerkten, daß sie durch ihr Geheul und

Geschluchze der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurden. Dabei

gingen jetzt die Glocken in einem fort, und alles drängte dichter

zusammen und wollte sehn. Als es nun aber zum dritten Mal ausgeläutet

hatte, kam Leben in die drin und draußen Versammelten, und der Zug

setzte sich in Bewegung. Vorn die von Kantor Graumann geführte

Schuljugend, die, wie herkömmlich, den Choral »Jesus meine Zuversicht«

sang; nach ihr erschien der von sechs Trägern getragene Sarg; dann

Eccelius und Hradscheck; dahinter die Bauernschaft in schwarzen

Überröcken und hohen schwarzen Hüten, und endlich all die Neugierigen,

die bis dahin das Haus umstanden hatten. Es war ein wunderschöner Tag,

frische Herbstluft bei klarblauem Himmel. Aber die würdevoll vor sich

hinblickende Dorfhonoratiorenschaft achtete des blauen Himmels nicht,

und nur Bauer Mietzel, der noch Heu draußen hatte, das er am andern Tag

einfahren wollte, schielte mit halbem Auge hinauf. Da sah er, wie von

der andern Oderseite her ein Weih über den Strom kam und auf den

Tschechiner Kirchthurm zuflog. Und er stieß den neben ihm gehenden

Ölmüller an und sagte: »Süh, Quaas, doa is he wedder.«

»Wihr denn?«

»De Weih. Weetst noch?«

»Nei.«

»Dunn, as dat mit Szulski wihr. Ick segg' Di, de Weih, de weet wat.«

Als sie so sprachen, bog die Spitze des Zuges auf den Kirchhof ein, an

dessen höchster Stelle, dicht neben dem Thurm, das Grab gegraben war.

Hier setzte man den Sarg auf darüber gelegte Balken, und als sich der

Kreis gleich danach geschlossen hatte, trat Eccelius vor, um die

Grabrede zu halten. Er rühmte von der Todten, daß sie, den ihr

anerzogenen Aberglauben abschüttelnd, nach freier Wahl und eignem

Entschluß den Weg des Lichtes gegangen sei, was nur _der_ wissen und

bezeugen könne, der ihr so nah gestanden habe wie er. Und wie sie das

Licht und die reine Lehre geliebt habe, so habe sie nicht minder das

Recht geliebt, was sich zu keiner Zeit schöner und glänzender gezeigt,

als in jenen schweren Tagen, die der selig Entschlafenen nach dem

Rathschlusse Gottes auferlegt worden seien. Damals, als er ihr nicht

ohne Mühe das Zugeständniß erwirkt habe, den, an dem ihr Herz und ihre

Seele hing, wiedersehn zu dürfen, wenn auch freilich nur vor Zeugen und

auf eine kurze halbe Stunde, da habe sie die wohl jedem hier in der

Erinnerung gebliebenen Worte gesprochen: »Nein, nicht jetzt; es ist

besser, daß ich warte. Wenn er unschuldig ist, so werd' ich ihn

wiedersehn, früher oder später; wenn er aber schuldig ist, so will ich

ihn _nicht_ wiedersehn.« Er freue sich, daß er diese Worte, hier am

Grabe der Heimgegangenen, ihr zu Ruhm und Ehre, wiederholen könne. Ja,

sie habe sich allezeit bewährt in ihrem Glauben und ihrem Rechtsgefühl.

Aber vor allem auch in ihrer Liebe. Mit Bangen habe sie die Stunden

gezählt, in schlaflosen Nächten ihre Kräfte verzehrend, und als endlich

die Stunde der Befreiung gekommen sei, da sei sie zusammengebrochen. Sie

sei das Opfer arger, damals herrschender Mißverständnisse, das sei

zweifellos, und alle die, die diese Mißverständnisse geschürt und

genährt hätten, anstatt sie zu beseitigen, die hätten eine schwere

Verantwortung auf ihre Seele geladen. Ja, dieser frühe Tod, er müsse das

wiederholen, sei das Werk derer, die das Gebot unbeachtet gelassen

hätten: »Du sollst nicht falsch Zeugniß reden wider Deinen Nächsten.«

Und als er dieses sagte, sah er scharf nach einem entblätterten

Hagebuttenstrauch hinüber, unter dessen rothen Früchten die Jeschke

stand und dem Vorgange, wie schon damals in der Kirche, mehr neugierig

als verlegen folgte.

Gleich danach aber schloß Eccelius seine Rede, gab einen Wink, den Sarg

hinab zu lassen, und sprach dann den Segen. Dann kamen die drei Hände

voll Erde, mit sich abschließendem Schmerzblick und Händeschütteln, und

ehe noch der am Horizont schwebende Sonnenball völlig unter war, war das

Grab geschlossen und mit Asterkränzen überdeckt.

Eine halbe Stunde später, es dämmerte schon, war Eccelius wieder in

seiner Studirstube, das Sammetkäppsel auf dem Kopf, das ihm Frau

Hradscheck vor gerade Jahresfrist gestickt hatte. Die Bauern aber saßen

in der Weinstube, Hradscheck zwischen ihnen, und faßten alles, was sie

an Trost zu spenden hatten, in die Worte zusammen: »Immer Courage,

Hradscheck! Der alte Gott lebt noch« -- welchen Trost- und

Weisheitssprüchen sich allerlei Wiederverheirathungsgeschichten beinah

unmittelbar anschlossen. Eine davon, die beste, handelte von einem alten

Hauptmann v. Rohr, der vier Frauen gehabt und beim Hinscheiden jeder

Einzelnen mit einer gewissen trotzigen Entschlossenheit gesagt hatte:

»Nimmt Gott, so nehm' ich wieder.« Hradscheck hörte dem allem ruhig und

kopfnickend zu, war aber doch froh, die Tafelrunde heute früher als

sonst aufbrechen zu sehn. Er begleitete Kunicke bis an die Ladenthür

und stieg dann, er wußte selbst nicht warum, in die Stube hinauf, in der

Ursel gestorben war. Hier nahm er Platz an ihrem Bett und starrte vor

sich hin, während allerlei Schatten an Wand und Decke vorüberzogen.

Als er eine Viertelstunde so gesessen, verließ er das Zimmer wieder und

sah, im Vorübergehen, daß die nach rechts hin gelegene Giebelstube halb

offenstand, dieselbe Stube, drin die Verstorbene nach vollendetem Umbau

zu wohnen und zu schlafen so bestimmt verweigert hatte.

»Was machst Du hier, Male?« fragte Hradscheck.

»Wat ick moak? Ick treck em sien Bett öwer.«

»Wem?«

»Is joa wihr ankoamen. Wedder een mit'n Pelz.«

»So, so,« sagte Hradscheck und stieg die Treppe langsam hinunter.

»Wedder een ... wedder een ... Immer noch nicht vergessen.«

Unterm Birnbaum · 第 17 / 25 题