Das war in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag gewesen, den letzten Tag
im September. Als am andern Morgen zur Kirche geläutet wurde, standen
die Fenster in der Stube weit offen, die weißen Gardinen bewegten sich
hin und her, und alle, die vorüberkamen, sahen nach der Giebelstube
hinauf und wußten nun, daß die Hradscheck gestorben sei. Schulze
Woytasch fuhr vor, aussprechend, was er sich bei gleichen Veranlassungen
zu sagen gewöhnt hatte, »daß ihr nun wohl sei« und »daß sie vor ihnen
allen einen guten Schritt voraushabe«. Danach trank er, wie jeden
Sonntag vor der Predigt, ein kleines Glas Madeira zur Stärkung und
machte dann die kurze Strecke bis zur Kirche hin zu Fuß. Auch Kunicke
kam und drückte Hradscheck verständnißvoll die Hand, das Auge gerade
verschwommen genug, um die Vorstellung einer Thräne zu wecken.
Desgleichen sprachen auch der Ölmüller und gleich nach ihm Bauer Mietzel
vor, welch letztrer sich bei Todesfällen immer der »Vorzüge seiner
Kränklichkeit von Jugend auf« zu berühmen pflegte. Das that er auch
heute wieder. »Ja, Hradscheck, der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich
piepe nun schon so lang; aber es geht immer noch.«
Auch noch andre kamen und sagten ein Wort. Die meisten indessen gingen
ohne Theilnahmsbezeigung vorüber und stellten Betrachtungen an, die sich
mit der Todten in nur wenig freundlicher Weise beschäftigten.
»Ick weet nich,« sagte der eine, »wat Hradscheck an ehr hebben deih. Man
blot, dat se'n beten scheel wihr.«
»Joa,« lachte der Andre. »Dat wihr se. Un am Enn', so wat künn he hier
ook hebb'n.«
»Un denn dat hannüversche Geld. Ihrst schmeet se't weg, un mit eens fung
se to knusern an.«
In dieser Weise ging das Gespräch einiger ältrer Leute; das junge
Weiberzeug aber beschränkte sich auf die eine Frage: »Weck' een he nu
woll frigen deiht?«
Auf Mittwoch vier Uhr war das Begräbniß angesetzt, und viel Neugierige
standen schon vorher in einem weiten Halbkreis um das Trauerhaus herum.
Es waren meist Mägde, die schwatzten und kicherten, und nur einige waren
ernst, darunter die Zwillings-Enkelinnen einer armen alten Wittwe,
welche letztre, wenn Wäsche bei den Hradschecks war, allemal mitwusch.
Diese Zwillinge waren in ihren schwarzen, von der Frau Hradscheck
herrührenden Einsegnungskleidern erschienen und weinten furchtbar, was
sich noch steigerte, als sie bemerkten, daß sie durch ihr Geheul und
Geschluchze der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurden. Dabei
gingen jetzt die Glocken in einem fort, und alles drängte dichter
zusammen und wollte sehn. Als es nun aber zum dritten Mal ausgeläutet
hatte, kam Leben in die drin und draußen Versammelten, und der Zug
setzte sich in Bewegung. Vorn die von Kantor Graumann geführte
Schuljugend, die, wie herkömmlich, den Choral »Jesus meine Zuversicht«
sang; nach ihr erschien der von sechs Trägern getragene Sarg; dann
Eccelius und Hradscheck; dahinter die Bauernschaft in schwarzen
Überröcken und hohen schwarzen Hüten, und endlich all die Neugierigen,
die bis dahin das Haus umstanden hatten. Es war ein wunderschöner Tag,
frische Herbstluft bei klarblauem Himmel. Aber die würdevoll vor sich
hinblickende Dorfhonoratiorenschaft achtete des blauen Himmels nicht,
und nur Bauer Mietzel, der noch Heu draußen hatte, das er am andern Tag
einfahren wollte, schielte mit halbem Auge hinauf. Da sah er, wie von
der andern Oderseite her ein Weih über den Strom kam und auf den
Tschechiner Kirchthurm zuflog. Und er stieß den neben ihm gehenden
Ölmüller an und sagte: »Süh, Quaas, doa is he wedder.«
»Wihr denn?«
»De Weih. Weetst noch?«
»Nei.«
»Dunn, as dat mit Szulski wihr. Ick segg' Di, de Weih, de weet wat.«
Als sie so sprachen, bog die Spitze des Zuges auf den Kirchhof ein, an
dessen höchster Stelle, dicht neben dem Thurm, das Grab gegraben war.
Hier setzte man den Sarg auf darüber gelegte Balken, und als sich der
Kreis gleich danach geschlossen hatte, trat Eccelius vor, um die
Grabrede zu halten. Er rühmte von der Todten, daß sie, den ihr
anerzogenen Aberglauben abschüttelnd, nach freier Wahl und eignem
Entschluß den Weg des Lichtes gegangen sei, was nur _der_ wissen und
bezeugen könne, der ihr so nah gestanden habe wie er. Und wie sie das
Licht und die reine Lehre geliebt habe, so habe sie nicht minder das
Recht geliebt, was sich zu keiner Zeit schöner und glänzender gezeigt,
als in jenen schweren Tagen, die der selig Entschlafenen nach dem
Rathschlusse Gottes auferlegt worden seien. Damals, als er ihr nicht
ohne Mühe das Zugeständniß erwirkt habe, den, an dem ihr Herz und ihre
Seele hing, wiedersehn zu dürfen, wenn auch freilich nur vor Zeugen und
auf eine kurze halbe Stunde, da habe sie die wohl jedem hier in der
Erinnerung gebliebenen Worte gesprochen: »Nein, nicht jetzt; es ist
besser, daß ich warte. Wenn er unschuldig ist, so werd' ich ihn
wiedersehn, früher oder später; wenn er aber schuldig ist, so will ich
ihn _nicht_ wiedersehn.« Er freue sich, daß er diese Worte, hier am
Grabe der Heimgegangenen, ihr zu Ruhm und Ehre, wiederholen könne. Ja,
sie habe sich allezeit bewährt in ihrem Glauben und ihrem Rechtsgefühl.
Aber vor allem auch in ihrer Liebe. Mit Bangen habe sie die Stunden
gezählt, in schlaflosen Nächten ihre Kräfte verzehrend, und als endlich
die Stunde der Befreiung gekommen sei, da sei sie zusammengebrochen. Sie
sei das Opfer arger, damals herrschender Mißverständnisse, das sei
zweifellos, und alle die, die diese Mißverständnisse geschürt und
genährt hätten, anstatt sie zu beseitigen, die hätten eine schwere
Verantwortung auf ihre Seele geladen. Ja, dieser frühe Tod, er müsse das
wiederholen, sei das Werk derer, die das Gebot unbeachtet gelassen
hätten: »Du sollst nicht falsch Zeugniß reden wider Deinen Nächsten.«
Und als er dieses sagte, sah er scharf nach einem entblätterten
Hagebuttenstrauch hinüber, unter dessen rothen Früchten die Jeschke
stand und dem Vorgange, wie schon damals in der Kirche, mehr neugierig
als verlegen folgte.
Gleich danach aber schloß Eccelius seine Rede, gab einen Wink, den Sarg
hinab zu lassen, und sprach dann den Segen. Dann kamen die drei Hände
voll Erde, mit sich abschließendem Schmerzblick und Händeschütteln, und
ehe noch der am Horizont schwebende Sonnenball völlig unter war, war das
Grab geschlossen und mit Asterkränzen überdeckt.
Eine halbe Stunde später, es dämmerte schon, war Eccelius wieder in
seiner Studirstube, das Sammetkäppsel auf dem Kopf, das ihm Frau
Hradscheck vor gerade Jahresfrist gestickt hatte. Die Bauern aber saßen
in der Weinstube, Hradscheck zwischen ihnen, und faßten alles, was sie
an Trost zu spenden hatten, in die Worte zusammen: »Immer Courage,
Hradscheck! Der alte Gott lebt noch« -- welchen Trost- und
Weisheitssprüchen sich allerlei Wiederverheirathungsgeschichten beinah
unmittelbar anschlossen. Eine davon, die beste, handelte von einem alten
Hauptmann v. Rohr, der vier Frauen gehabt und beim Hinscheiden jeder
Einzelnen mit einer gewissen trotzigen Entschlossenheit gesagt hatte:
»Nimmt Gott, so nehm' ich wieder.« Hradscheck hörte dem allem ruhig und
kopfnickend zu, war aber doch froh, die Tafelrunde heute früher als
sonst aufbrechen zu sehn. Er begleitete Kunicke bis an die Ladenthür
und stieg dann, er wußte selbst nicht warum, in die Stube hinauf, in der
Ursel gestorben war. Hier nahm er Platz an ihrem Bett und starrte vor
sich hin, während allerlei Schatten an Wand und Decke vorüberzogen.
Als er eine Viertelstunde so gesessen, verließ er das Zimmer wieder und
sah, im Vorübergehen, daß die nach rechts hin gelegene Giebelstube halb
offenstand, dieselbe Stube, drin die Verstorbene nach vollendetem Umbau
zu wohnen und zu schlafen so bestimmt verweigert hatte.
»Was machst Du hier, Male?« fragte Hradscheck.
»Wat ick moak? Ick treck em sien Bett öwer.«
»Wem?«
»Is joa wihr ankoamen. Wedder een mit'n Pelz.«
»So, so,« sagte Hradscheck und stieg die Treppe langsam hinunter.
»Wedder een ... wedder een ... Immer noch nicht vergessen.«