Ängstigungen und Ärgernisse wie die vorgeschilderten kamen dann und wann
vor, aber im Ganzen, um es zu wiederholen, war die Bauzeit eine
glückliche Zeit für unsern Hradscheck gewesen. Der Laden war nie leer,
die Kundschaft wuchs, und das dem Grundstück zugehörige, draußen an der
Neu-Lewiner Straße gelegene Stück Ackerland gab in diesem Sommer einen
besonders guten Ertrag. Dasselbe galt auch von dem Garten hinterm Haus;
alles gedieh darin, der Spargel prachtvoll, dicke Stangen mit gelbweißen
Köpfen, und die Pastinak- und Dill-Beete standen hoch in Dolden. Am
meisten aber that der alte Birnbaum, der sich mehr als seit Jahren
anstrengte. »Dat 's de Franzos«, sagten die Knechte Sonntags im Krug,
»de deiht wat för em,« und als die Pflückenszeit gekommen, rief Kunicke,
der sich gerade zum Kegeln eingefunden hatte: »Hör', Hradscheck, Du
könntest uns mal ein paar von Deinen _Franzosen_birnen bringen.«
Franzosenbirnen! Das Wort wurde sehr bewundert, lief rasch von Mund zu
Mund, und ehe drei Tage vergangen waren, sprach kein Mensch mehr von
Hradscheck's »Malvasieren«, sondern blos noch von den »Franzosenbirnen«.
Hradscheck selbst aber freute sich des Wortes, weil er daran erkannte,
daß man, trotz aller Stichelreden der alten Jeschke, mehr und mehr
anfing, die Vorkommnisse des letzten Winters von der scherzhaften Seite
zu nehmen.
Ja, die Sommer- und Baumonate brachten lichtvolle Tage für Hradscheck,
und sie hätten noch mehr Licht und noch weniger Schatten gehabt, wenn
nicht Ursel gewesen wäre. Die füllte, während alles andre glatt und gut
ging, seine Seele mit Mitleid und Sorge, mit Mitleid, weil er sie liebte
(wenigstens auf seine Weise), mit Sorge, weil sie dann und wann ganz
wunderliche Dinge redete. Zum Glück hatte sie nicht das Bedürfniß Umgang
zu pflegen und Menschen zu sehn, lebte vielmehr eingezogener denn je,
und begnügte sich damit, Sonntags in die Kirche zu gehn. Ihre sonst
tiefliegenden Augen sprangen dann aus dem Kopf, so begierig folgte sie
jedem Wort, das von der Kanzel her laut wurde, _das_ Wort aber, auf das
sie wartete, das kam nicht. In ihrer Sehnsucht ging sie dann, nach der
Predigt, zu dem guten, ihr immer gleichmäßig geneigt bleibenden Eccelius
hinüber, um, so weit es ging, Herz und Seele vor ihm auszuschütten und
etwas von Befreiung oder Erlösung zu hören; aber Seelsorge war nicht
seine starke Seite, noch weniger seine Passion, und wenn sie sich der
Sünde geziehn und in Selbstanklagen erschöpft hatte, nahm er lächelnd
ihre Hand und sagte: »Liebe Frau Hradscheck, wir sind allzumal Sünder
und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. Sie haben eine
Neigung sich zu peinigen, was ich mißbillige. Sich ewig anklagen ist
oft Dünkel und Eitelkeit. Wir haben Christum und seinen Wandel als
Vorbild, dem wir im Gefühl unsrer Schwäche demüthig nachstreben sollen.
Aber wahren wir uns vor Selbstgerechtigkeit, vor allem vor _der_, die
sich in Zerknirschung äußert. _Das_ ist die Hauptsache.« Wenn er das
trocken-geschäftsmäßig, ohne Pathos und selbst ohne jede Spur von
Salbung gesagt hatte, ließ er die Sache sofort wieder fallen und fragte,
zu natürlicheren und ihm wichtiger dünkenden Dingen übergehend, »wie
weit der Bau sei?« Denn er wollte nächstes Frühjahr _auch_ bauen. Und
wenn dann die Hradscheck, um ihm zu Willen zu sein, von allen möglichen
Kleinigkeiten, am liebsten und eingehendsten aber von den
Meinungsverschiedenheiten zwischen ihrem Mann und Zimmermeister
Buggenhagen geplaudert hatte, rieb er sich schmunzelnd und vor sich
hinnickend die Hand und sagte rasch und in augenscheinlicher Furcht, das
Seelengespräch wieder aufgenommen zu sehn: »Und nun, liebe Frau
Hradscheck, muß ich Ihnen meine Nelken zeigen.«
* * *
Um Johanni wußte ganz Tschechin, daß die Hradscheck es nicht lange mehr
machen werde. Keinem entging es. Nur sie selber sah es so schlimm nicht
an und wollte von keinem Doktor hören. »Sie wissen ja doch nichts. Und
dann der Wagen und das viele Geld.« Auf das Letztere, das »viele Geld«,
kam sie jetzt überhaupt mit Vorliebe zu sprechen, fand alles unnöthig
oder zu theuer, und während sie noch das Jahr vorher für ein
Polysander-Fortepiano gewesen war, um es, wenn nicht der Amtsräthin in
Friedrichsau, so doch wenigstens der Domänenpächterin auf Schloß
Solikant gleich zu thun, so war sie jetzt sparsam bis zum Geiz.
Hradscheck ließ sie gewähren, und nur einmal, als sie gerade beim
Schotenpalen war, nahm er sich ein Herz und sagte: »Was ist das nur
jetzt, Ursel? Du ringst Dir ja jeden Dreier von der Seele.« Sie schwieg,
drehte die Schüssel hin und her und palte weiter. Als er aber stehen
blieb und auf Antwort zu warten schien, sagte sie, während sie die
Schüssel rasch und heftig bei Seite setzte: »Soll es alles umsonst
gewesen sein? Oder willst Du ...« Weiter kam sie nicht. Ein Herzkrampf,
daran sie jetzt häufiger litt, überfiel sie wieder, und Hradscheck
sprang zu, um ihr zu helfen.
Ihre Wirthschaft besorgte sie pünktlich und alles ging am Schnürchen,
wie vordem. Aber Interesse hatte sie nur für eins, und das Eine war der
Bau. Sie wollt' ihn, darin Hradscheck's Eifer noch übertreffend, in
möglichster Schnelle beendet sehn, und so sparsam sie sonst geworden
war, so war sie doch gegen keine Mehrausgabe, die Beschleunigung und
rascheres Zustandekommen versprach. Einmal sagte sie: »Wenn ich nur erst
oben bin. Oben werd' ich auch wieder Schlaf haben. Und wenn ich erst
wieder schlafe, werd' ich auch wieder gesund werden.« Er wollte sie
beruhigen und strich ihr mit der Hand über Stirn und Haar. Aber sie wich
seiner Zärtlichkeit aus und kam in ein heftiges Zittern. Überhaupt war
es jetzt öfter so, wie wenn sie sich vor ihm fürchte. 'mal sagte sie
leise: »Wenn er nur nicht so glatt und glau wär'. Er ist so munter und
spricht so viel und kann alles. Ihn ficht nichts an ... Und die drüben
in Neu-Lewin war auch mit einem Male weg.« Solche Stimmungen kamen ihr
von Zeit zu Zeit, aber sie waren flüchtig und vergingen wieder.
* * *
Und nun waren die letzten Augusttage.
»Morgen, Ursel, ist alles fertig.«
Und wirklich, als der andre Tag da war, bot ihr Hradscheck mit einer
gewissen freundlichen Feierlichkeit den Arm, um sie treppauf in eine der
neuen Stuben zu führen. Es war die, die nach der Kegelbahn hinauslag,
jetzt die hübscheste, hellblau tapezirt und an der Decke gemalt: ein
Kranz von Blüthen und Früchten, um den Tauben flogen und pickten. Auch
das Bett war schon heraufgeschafft und stand an der Mittelwand, genau
da, wo früher die Bettwand der alten Giebel- und Logirstube gewesen war.
Hradscheck erwartete Dank und gute Worte zu hören. Aber die Kranke sagte
nur: »_Hier_? Hier, Abel?«
»Es sind neue Steine,« stotterte Hradscheck.
Ursel indeß war schon von der Thürschwelle wieder zurückgetreten und
ging den Gang entlang, nach der andern Giebelseite hinüber, wo sich ein
gleich großes, auf den Hof hinaussehendes Zimmer befand. Sie trat an das
Fenster und öffnete; Küchenrauch, mehr anheimelnd als störend, kam ihr
von der Seite her entgegen und eine Henne mit ihren Küchelchen zog unten
vorüber; Jakob aber, der holzsägend in Front einer offnen Remise stand,
neckte sich mit Male, die beim Brunnen Wäsche spülte.
»_Hier_ will ich bleiben.«
Und Hradscheck, der durch den Auftritt mehr erschüttert als verdrossen war,
war einverstanden und ließ alles, was sich von Einrichtungsgegenständen
in der hellblau tapezirten und für Ursel bestimmten Stube befand, nach
der andern Seite hinüberbringen.
* * *
Und siehe da, Frau Hradscheck erholte sich wirklich und sogar rascher,
als sie selbst zu hoffen gewagt hatte. Schlaf kam, der scharfe Zug um
ihren Mund wich, und als die schon erwähnten Manövertage mit ihrer
Dragoner-Einquartierung kamen, hatte sich ihr Aussehn und ihre Stimmung
derart verbessert, daß sie gelegentlich die Wirthin machen und mit den
Offizieren plaudern konnte. Das Hagere, Hektische gab ihr, bei der guten
Toilette, die sie zu machen verstand, etwas Distinguirtes, und ein alter
Eskadronchef, der sie mit erstaunlicher Ritterlichkeit umcourte, sagte,
wenn er ihr beim Frühstück nachsah und mit beiden Händen den langen
blonden Schnurrbart drehte: »Famoses Weib. Auf Ehre. Wie _die_ nur
hierher kommt?« Und dann gab er seiner Bewunderung auch Hradscheck
gegenüber Ausdruck, worauf dieser nicht wenig geschmeichelt antwortete:
»Ja, Herr Rittmeister, Glück muß der Mensch haben! Mancher kriegt's im
Schlaf.«
Und dann lachte der Eskadronchef und stieß mit ihm an.
* * *
Das alles war Mitte September.
Aber das Wohlbefinden, so rasch es gekommen, so rasch ging es auch
wieder, und ehe noch das Erntefest heran war, waren die Kräfte schon so
geschwunden, daß die Kranke die Treppe kaum noch hinunter konnte. Sie
blieb deßhalb oben, sah auf den Hof und machte sich, um doch etwas zu
thun, mit der Neu-Einrichtung sämmtlicher Oberzimmer zu schaffen. Nur
die Giebelstube, nach der Kegelbahn hin, vermied sie.
Hradscheck, der immer noch an die Möglichkeit einer Wiederherstellung
gedacht hatte, sah jetzt auch, wie's stand, und als der heimlich zu
Rathe gezogene Doktor Oelze von Abzehrung und Nervenschwindsucht
gesprochen, machte sich Hradscheck auf ihr Hinscheiden gefaßt. Daß er
darauf gewartet hätte, konnte nicht wohl gesagt werden; im Gegentheil,
er blieb seiner alten Neigung treu, war überaus rücksichtsvoll und
klagte nie, daß ihm die Frau fehle. Er wollt' auch von keiner andern
Hilfe wissen und ordnete selber alles an, was in der Wirthschaft zu thun
nöthig war. Vieles that er selbst. »Is doch ein Mordskerl,« sagte
Kunicke. »Was er will, kann er. Ich glaub', er kann auch einen Hasen
abziehn und Sülze kochen.«
An dem Abend, wo Kunicke so gesprochen, hatte die Sitzung in der
Weinstube wieder ziemlich lange gedauert, und Hradscheck war noch keine
halbe Stunde zu Bett, als Male, die jetzt oben bei der Kranken schlief,
treppab kam und an seine Thür klopfte.
»Herr Hradscheck, steihn's upp. De Fru schickt mi. Se sülln ruppkoamen.«
Und nun saß er oben an ihrem Bett und sagte: »Soll ich nach Küstrin
schicken, Ursel? Soll Oelze kommen? Der Weg ist gut. In drei Stunden ist
er hier.«
»In drei Stunden ...«
»Oder soll Eccelius kommen?«
»Nein,« sagte sie, während sie sich mühvoll aufrichtete, »es geht nicht.
Wenn ich es nehme, so sag' ich es.«
Er schüttelte verdrießlich den Kopf.
»Und sag' ich es _nicht_, so ess' ich mir selber das Gericht.«
»Ach, laß doch _das_, Ursel. Was soll _das_? Daran denkt ja keiner. Und
ich am wenigsten. Er soll blos kommen und mit Dir sprechen. Er meint es
gut mit Dir und kann Dir einen Spruch sagen.«
Es war, als ob sie sich's überlege. Mit einem Mal aber sagte sie: »Selig
sind die Friedfertigen; selig sind die reines Herzens sind; selig sind
die Sanftmüthigen. All die kommen in Abraham's Schoß. Aber wohin kommen
_wir_?«
»Ich bitte Dich, Ursel, sprich nicht so. Frage nicht so. Und wozu? Du
bist noch nicht soweit, noch lange nicht. Es geht alles wieder vorüber.
Du lebst und wirst wieder eine gesunde Frau werden.«
Es klang aber alles nur an ihr hin, und Gedanken nachhängend, die schon
über den Tod hinausgingen, sagte sie: »Verschlossen ... Und was
aufschließt, das ist der Glaube. Den hab ich nicht ... Aber is noch ein
Andres, das aufschließt, das sind die guten Werke ... Hörst Du. Du mußt
ohne Namen nach Krakau schreiben, an den Bischof oder an seinen Vikar.
Und mußt bitten, daß sie Seelenmessen lesen lassen ... Nicht für mich.
Aber Du weißt schon ... Und laß den Brief in Frankfurt aufgeben. Hier
geht es nicht und auch nicht in Küstrin. Ich habe mir's abgespart dies
letzte halbe Jahr, und Du findest es eingewickelt in meinem Wäschschrank
unter dem Damast-Tischtuch. Ja, Hradscheck, _das_ war es, wenn Du
dachtest, ich sei geizig geworden. Willst Du?«
»Freilich will ich. Aber es wird Nachfrage geben.«
»Nein. Das verstehst Du nicht. Das ist Geheimniß. Und sie gönnen einer
armen Seele die Ruh!«
»Ach, Ursel, Du sprichst so viel von Ruh' und bangst Dich und ängstigst
Dich, ob Du sie finden wirst. Weißt Du, was ich denke?«
»Nein.«
»Ich denke, leben ist leben, und todt ist todt. Und wir sind Erde, und
Erde wird wieder Erde. Das Andre haben sich die Pfaffen ausgedacht.
Spiegelfechterei sag' ich, weiter nichts. Glaube mir, die Todten _haben_
Ruhe.«
»Weißt Du das so gewiß, Abel?«
Er nickte.
»Nun, ich sage Dir, die Todten stehen wieder auf ...«
»Am jüngsten Tag.«
»Aber es giebt ihrer auch, die warten nicht so lange.«
Hradscheck erschrak heftig und drang in sie, mehr zu sagen. Aber sie war
schon in die Kissen zurückgesunken und ihre Hand, der seinigen sich
entziehend, griff nur noch krampfhaft in das Deckbett. Dann wurde sie
ruhiger, legte die Hand aufs Herz und murmelte Worte, die Hradscheck
nicht verstand.
»Ursel,« rief er, »Ursel!«
Aber sie hörte nicht mehr.