Eine Woche war vergangen, in der die Tschechiner viel erlebt hatten. Das
Wichtigste war: Hradscheck, nachdem er noch ein Küstriner Schlußverhör
durchgemacht hatte, war wieder da. Schlicht und unbefangen, ohne Lücken
und Widersprüche, waren die Dunkelheiten aufgeklärt worden, so daß an
seiner Unschuld nicht länger zu zweifeln war. Es seien ihm, so hieß es
in seiner vor Vowinkel gemachten Aussage, durch Unachtsamkeit, deren er
sich selber zu zeihen habe, mehrere große Speckseiten verdorben, und
diese möglichst unbemerkt im Garten zu vergraben, hab' er an jenem Tage
vorgehabt. Er sei denn auch, gleich nachdem seine Gäste die Weinstube
verlassen hätten, ans Werk gegangen und habe, genau so wie's die Jeschke
gesehn und erzählt, an dem alten Birnbaum ein Loch zu graben versucht;
als er aber erkannt habe, daß da was verscharrt liege, ja, dem Anscheine
nach ein Todter, hab' ihn eine furchtbare Angst gepackt, in Folge deren
er nicht weiter gegraben, sondern das Loch rasch wieder zugeschüttet
habe. Der Koffer, den die Jeschke gesehen haben wolle, das seien eben
jene Speckseiten gewesen, die, dicht übereinander gepackt, an der
Gartenthür gelegen hätten. »Aber wozu die Heimlichkeit und die Nacht?«
hatte Vowinkel nach dieser Erklärung etwas spitz gefragt, worauf
Hradscheck, in seiner Erzählung fortfahrend, ohne Verlegenheit und
Unruhe geantwortet hatte: »Zu dieser Heimlichkeit seien für ihn zwei
Gründe gewesen. Erstens hab' er sich die Vorwürfe seiner Frau, die nur
zu geneigt sei, von seiner Unachtsamkeit in Geschäftsdingen zu sprechen,
ersparen wollen. Und er dürfe wohl hinzusetzen, wer verheirathet sei,
der kenne das und wisse nur zu gut, wie gerne man sich solchen Anklagen
und Streitscenen entziehe. Der zweite Grund aber sei noch wichtiger
gewesen: die Rücksicht auf die Kundschaft. Die Bauern, wie der Herr
Justizrath ja wisse, seien die schwierigsten Leute von der Welt, ewig
voll Mißtrauen, und wenn sie derlei Dinge, wie Schinken und Speck, auch
freilich nicht in seinem Laden zu kaufen pflegten, weil sie ja genug
davon im eignen Rauch hätten, so zögen sie doch gleich Schlüsse vom
einen aufs andre. Dergleichen hab' er mehr als einmal durchgemacht und
dann wochenlang aller Ecken und Enden hören müssen, er passe nicht auf.
Ja, noch letzten Herbst, als ihm ganz ohne seine Schuld eine Tonne
Heringe thranig geworden sei, habe Schneidigel überall im Dorfe
geputscht und unter anderm zu Quaas und Kunicke gesagt: 'Uns wird er
damit nicht kommen; aber die kleinen Leute, die, die ...'«
Der Justizrath hatte hierbei gelächelt und zustimmend genickt, weil er
die Bauern fast so gut wie Hradscheck kannte, so daß, nach Erledigung
auch _dieses_ Punktes, eigentlich nichts übrig geblieben war als die
Frage, »was denn nun, unter so bewandten Umständen, aus dem durchaus zu
beseitigenden Speck geworden sei?« Welche Frage jedoch nur dazu
beigetragen hatte, Hradscheck's Unschuld vollends ins Licht zu stellen.
»Er habe die Speckseiten an demselben Morgen noch an einer anderen
Gartenstelle verscharrt; gleich nach Szulski's Abreise.« »Nun, wir
werden ja sehn,« hatte Vowinkel hierauf geantwortet und einen seiner
Gerichtsdiener abgeschickt, um sich in Tschechin selbst über die
Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Aussage zu vergewissern. Und als
sich nun in kürzester Frist alles bestätigt oder mit anderen Worten der
vergrabene Speck wirklich an der von Hradscheck angegebenen Stelle
gefunden hatte, hatte man das Verfahren eingestellt, und an demselben
Nachmittage noch war der unter so schwerem Verdacht Gestandene nach
Tschechin zurückgekehrt und in einer stattlichen Küstriner Miethschaise
vor seinem Hause vorgefahren. Ede, ganz verblüfft, hatte nur noch Zeit
gefunden, in die Wohnstube, darin sich Frau Hradscheck befand,
hineinzurufen: »Der Herr, der Herr ...«, worauf Hradscheck selbst mit
der ihm eigenen Jovialität und unter dem Zurufe: »Nun Ede, wie geht's?«
in den Flur seines Hauses eingetreten, aber freilich im selben
Augenblick auch wieder mit einem erschreckten »Was is, Frau?«
zurückgefahren war. Ein Ausruf, den er wohl thun durfte. Denn gealtert,
die Augen tief eingesunken und die Haut wie Pergament, so war ihm Ursel
unter der Thür entgegengetreten.
* * *
Hradscheck war da, das war das _eine_ Tschechiner Ereigniß. Aber das
andere stand kaum dahinter zurück: Eccelius hatte, den Sonntag darauf,
über Sacharja 7, Vers 9 und 10 gepredigt, welche Stelle lautete: »So
spricht der Herr Zebaoth: Richtet recht, und ein Jeglicher beweise an
seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit. Und thuet nicht Unrecht den
_Fremdlingen_ und denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in seinem
Herzen.« Schon bei Lesung des Textes und der sich daran knüpfenden
Einleitungsbetrachtung hatten die Bauern aufgehorcht; als aber der
Pastor das Allgemeine fallen ließ und, ohne Namen zu nennen, den
Hradscheck'schen Fall zu schildern und die Trüglichkeit des Scheines
nachzuweisen begann, da gab sich eine Bewegung kund, wie sie seit dem
Sonntag (es ging nun ins fünfte Jahr), an welchem Eccelius auf die
schweren sittlichen Vergehen eines als Bräutigam vor dem Altar stehenden
reichen Bauernsohnes hingewiesen und ihn zu besserem Lebenswandel
ermahnt hatte, nicht mehr dagewesen war. Beide Hradschecks waren in der
Kirche zugegen und folgten jedem Worte des Geistlichen, der heute viel
Bibelsprüche citirte, mehr noch als gewöhnlich.
Es war unausbleiblich, daß diese Rechtfertigungsrede zugleich zur
Anklage gegen alle diejenigen wurde, die sich in der Hradscheck-Sache so
wenig freundnachbarlich benommen und durch allerhand Zuträgereien
entweder ihr Übelwollen oder doch zum mindesten ihre Leichtfertigkeit
und Unüberlegtheit gezeigt hatten. Wer in erster Reihe damit gemeint
war, konnte nicht zweifelhaft sein, und vieler Augen, nur nicht die der
Bauern, die, wie herkömmlich, keine Miene verzogen, richteten sich auf
die mitsammt ihrem »Lineken« auf der vorletzten Bank sitzende Mutter
Jeschke, der Kanzel grad' gegenüber, dicht unter der Orgel. Line, sonst
ein Muster von Nichtverlegenwerden, wußte doch heute nicht wohin und
verwünschte die alte Hexe, neben der sie das Kreuzfeuer so vieler Augen
aushalten mußte. Mutter Jeschke selbst aber nickte nur leise mit dem
Kopf, wie wenn sie jedes Wort billige, das Eccelius gesprochen, und
sang, als die Predigt aus war, den Schlußvers ruhig mit. Ja sie blieb
selbst unbefangen, als sie draußen, an den zu beiden Seiten des
Kirchhofweges stehenden Frauen vorbeihumpelnd, erst die vorwurfsvollen
Blicke der Älteren und dann das Kichern der Jüngeren über sich ergehen
lassen mußte.
Zu Hause sagte Line: »Das war eine schöne Geschichte, Mutter Jeschke.
Hätte mir die Augen aus dem Kopf schämen können.«
»Bis doch sünnst nicht so.«
»Ach was, sünnst. Hat er Recht oder nicht? Ich meine, der Alte drüben?«
»Ick weet nich, Line,« beschwichtigte die Jeschke. »He möt et joa
weeten.«