Vierundzwanzig Stunden später kam -- und zwar auf die Meldung hin, die
Geelhaar, gleich nach seinem Gespräche mit der Jeschke, bei der Behörde
gemacht hatte -- von Küstrin her ein offener Wagen, in dem, außer dem
Kutscher, der Justizrath und Hradscheck saßen. Die Luft ging scharf und
die Sonne blendete, weßhalb Vowinkel, um sich gegen Beides zu schützen,
seinen Mantel aufgeklappt, der Kutscher aber seinen Kopf bis an Nas' und
Ohren in den Pelzkragen hineingezogen hatte. Nur Hradscheck saß frei da,
Luft und Licht, deren er seit länger als vier Wochen entbehrt hatte,
begierig einsaugend. Der Wagen fuhr auf der Dammhöhe, von der aus sich
das unten liegende Dorf bequem überblicken und beinah jedes einzelne
Haus in aller Deutlichkeit erkennen ließ. Das da, mit dem schwarzen,
theergestrichenen Gebälk, war das Schulhaus und das gelbe, mit dem
gläsernen Aussichtsthurm, mußte Kunicke's sein, Kunicke's »Villa«, wie
die Tschechiner es spöttisch nannten. Das niedrige, grad gegenüber aber,
das war seine, das sah er an dem Birnbaum, dessen schwarzes Gezweig über
die mit Schnee bedeckte Dachfläche wegragte. Vowinkel bemerkte wohl,
wie Hradscheck sich unwillkürlich auf seinem Sitze hob, aber nichts von
Besorgniß drückte sich in seinen Mienen und Bewegungen aus, sondern nur
Freude, seine Heimstätte wieder zu sehen.
Im Dorfe selbst schien man der Ankunft des justizräthlichen Wagens schon
entgegen gesehen zu haben. Auf dem Vorplatz der Igel'schen Brett- und
Schneidemühle, die man, wenn man von der Küstriner Seite her kam, als
erstes Gehöft zu passiren hatte (gerade so wie das Orth'sche nach der
Frankfurter Seite hin), stand der alte Brett- und Schneidemüller und
fegte mit einem kurzen storrigen Besen den Schnee von der obersten
Bretterlage fort, anscheinend aufs Eifrigste mit dieser seiner Arbeit
beschäftigt, in Wahrheit aber nur begierig, den herankommenden
Hradscheck eher als irgend ein anderer im Dorf gesehen zu haben. Denn
Schneidemüller Igel, oder der »Schneidigel«, wie man ihn kurzweg und in
der Regel mit absichtlich undeutlicher Aussprache nannte, war ein
Topfkucker. Aber so topfkuckrig er war, so stolz und hochmüthig war er
auch, und so wandt' er sich in demselben Augenblicke, wo der Wagen an
ihm vorüberfuhr, rasch wieder auf sein Haus zu, blos um nicht grüßen zu
müssen. Hier nahm er, um seine Neugier, deren er sich schämen mochte,
vor niemandem zu verrathen, Hut und Stock mit besonderer Langsamkeit vom
Riegel und folgte dann dem Wagen, den er übrigens bald danach schon vor
dem Hradscheck'schen Hause vorfahren sah.
Frau Hradscheck war nicht da. Statt ihrer übernahm es Kunicke, den sie
darum gebeten haben mochte, den Wirth und so zu sagen die Honneurs des
Hauses zu machen. Er führte denn auch den Justizrath vom Flur her in den
Laden und von diesem in die dahinter befindliche Weinstube, wo man einen
Imbiß bereit gestellt hatte. Vowinkel nahm aber, unter vorläufiger
freundlicher Ablehnung, nur ein kleines Glas Portwein und trat dann in
den Garten hinaus, wo sich bereits alles, was zur Dorfobrigkeit gehörte,
versammelt hatte: Schulze Woytasch, Gensdarm Geelhaar, Nachtwächter
Mewissen und drei bäuerliche Gerichtsmänner. Geelhaar, der, zur Feier
des Tages, seinen Staats-Czako mit dem armslangen schwarzen Lampenputzer
aufgesetzt hatte, ragte, mit Hilfe dieser Paradezuthaten, um fast drei
Haupteslängen über den Rest aller Anwesenden hinaus. Das war der innere
Zirkel. Im weitern Umkreis aber standen die, die blos aus Neugier sich
eingefunden hatten, darunter der schon stark gefrühstückte Kantorssohn
und Dorfdichter, während einige zwanzig eben aus der Schule
herangekommene Jungens mit ihren Klapp-Pantinen auf das Kegelhaus
geklettert waren, um von hier aus Zeuge zu sein, was wohl bei der Sache
herauskommen würde. Vorläufig indeß begnügten sie sich damit,
Schneebälle zu machen, mit denen sie nach den großen und kleinen Mädchen
warfen, die hinter dem Gartenzaun der alten Jeschke standen. Alles
plapperte, lachte, reckte den Hals, und wäre nicht Hradscheck selbst
gewesen, der, die Blicke seiner alten Freunde vermeidend, ernst und
schweigend vor sich hinsah, so hätte man glauben können, es sei Kirmeß
oder eine winterliche Jahrmarktsscene.
Die Gerichtsmänner flüsterten und steckten die Köpfe zusammen, während
Woytasch und Geelhaar sich umsahen. Es schien noch etwas zu fehlen, was
auch zutraf. Als aber bald danach der alte Todtengräber Wonnekamp mit
noch zwei von seinen Leuten erschien, rückte man näher an den Birnbaum
heran und begann den Schnee, der hier lag, fortzuschippen. Das ging
leicht genug, bis statt des Schnees die gefrorne Erde kam, wo nun die
Pickaxt aushelfen mußte. Der Frost indessen war nicht tief in die Erde
gedrungen, und so konnte man den Spaten nicht nur bald wieder zur Hand
nehmen, sondern kam auch rascher vorwärts, als man anfangs gehofft
hatte. Die herausgeworfenen Schollen und Lehmstücke wurden immer größer,
je weicher der Boden wurde, bis mit einem Male der alte Todtengräber
einem der Arbeiter in den Arm fiel und mit der seinem Stande zuständigen
Ruhe sagte: »Nu giw mi moal; nu kümmt wat.« Dabei nahm er ihm das
Grabscheit ohne weiteres aus der Hand und fing selber an zu graben. Aber
ersichtlich mit großer Vorsicht. Alles drängte vor und wollte sehn. Und
siehe da, nicht lange, so war ein Todter aufgedeckt, der zu großem
Theile noch in Kleiderresten steckte. Die Bewegung wuchs, und aller
Augen richteten sich auf Hradscheck, der, nach wie vor, vor sich hin sah
und nur dann und wann einen scheuen Seitenblick in die Grube that.
»Nu hebben se'n,« lief ein Gemurmel den Gartenzaun entlang, unklar
lassend, ob man Hradscheck oder den Todten meine; die Jungens auf dem
Kegelhäuschen aber reckten ihre Hälse noch mehr als vorher, trotzdem
sie weder nah noch hoch genug standen, um irgend 'was sehn zu können.
Eine Pause trat ein. Dann nahm der Justizrath des Angeklagten Arm und
sagte, während er ihn dicht an die Grube führte: »Nun, Hradscheck, was
sagen Sie?«
Dieser verzog keine Miene, faltete die Hände wie zum Gebet und sagte
dann fest und feierlich: »Ich sage, daß dieser Todte meine Unschuld
bezeugen wird.«
Und während er so sprach, sah er zu dem alten Todtengräber hinüber, der
den Blick auch verstand und, ohne weitere Fragen abzuwarten,
geschäftsmäßig sagte: »Ja, der hier liegt, liegt hier schon lang. Ich
denke zwanzig Jahre. Und der Pohlsche, der es sein soll, is noch keine
zehn Wochen todt.«
Und siehe da, kaum daß diese Worte gesprochen waren, so war ihr Inhalt
auch schon bewiesen und jeder schämte sich, so wenig kaltes Blut und so
wenig Umsicht und Überlegung gehabt zu haben. In einem gewissen
Entdeckungseifer waren alle wie blind gewesen und hatten unbeachtet
gelassen, daß ein Schädel, um ein richtiger Schädel zu werden, auch sein
Stück Zeit verlangt und daß die Todten ihre Verschiedenheiten und ihre
Grade haben, gerade so gut wie die Lebendigen.
Am verlegensten war der Justizrath. Aber er sammelte sich rasch und
sagte: »Todtengräber Wonnekamp hat Recht. Das ist nicht der Todte, den
wir suchen. Und wenn er zwanzig Jahre in der Erde liegt, was ich keinen
Augenblick bezweifle, so kann Hradscheck an diesem Todten keine Schuld
haben. Und kann auch von einer früheren Schuld keine Rede sein. Denn
Hradscheck ist erst im zehnten Jahr in diesem Dorf. Das alles ist jetzt
erwiesen. Trotz alledem bleiben ein paar dunkle Punkte, worüber
Aufklärung gegeben werden muß. Ich lebe der Zuversicht, daß es an dieser
Aufklärung nicht fehlen wird, aber ehe sie gegeben ist, darf ich Sie,
Herr Hradscheck, nicht aus der Untersuchung entlassen. Es wird sich
dabei, was ich als eine weitere Hoffnung hier ausspreche, nur noch um
Stunden und höchstens um Tage handeln.«
Und damit nahm er Kunicke's Arm und ging in die Weinstube zurück,
woselbst er nunmehr, in Gesellschaft von Woytasch und den
Gerichtsmännern, dem für ihn servirten Frühstücke tapfer zusprach. Auch
Hradscheck ward aufgefordert, sich zu setzen und einen Imbiß zu nehmen.
Er lehnte jedoch ab und sagte, daß er mit seiner Mahlzeit lieber warten
wolle, bis er im Küstriner Gefängniß sei.
So waren seine Worte.
Und diese Worte gefielen den Bauern ungemein. »Er will nicht an seinem
eignen Tisch zu Gaste sitzen und das Brot, das er gebacken, nicht als
Gnadenbrot essen. Da hat er Recht. Das möcht' ich auch nicht.«
So hieß es und so dachten die Meisten.
Aber freilich nicht alle.
Gensdarm Geelhaar ging an dem Zaun entlang, über den, sammt andrem
Weibervolk, auch Mutter Jeschke weggekuckt hatte. Natürlich auch Line.
Geelhaar tippte dieser mit dem Finger auf den Dutt und sagte: »Nu Line,
was macht der Zopf?«
»Meiner?« lachte diese. »Hörens, Herr Gensdarm, jetzt kommt _Ihrer_ an
die Reih'.«
»Wird so schlimm nicht werden, Lineken ... Und Mutter Jeschke, was sagt
die dazu?«
»Joa, wat sall se seggen? He is nu wedder 'rut. Awers he kümmt ook woll
wedder 'rin.«