XI.

Vierundzwanzig Stunden später kam -- und zwar auf die Meldung hin, die

Geelhaar, gleich nach seinem Gespräche mit der Jeschke, bei der Behörde

gemacht hatte -- von Küstrin her ein offener Wagen, in dem, außer dem

Kutscher, der Justizrath und Hradscheck saßen. Die Luft ging scharf und

die Sonne blendete, weßhalb Vowinkel, um sich gegen Beides zu schützen,

seinen Mantel aufgeklappt, der Kutscher aber seinen Kopf bis an Nas' und

Ohren in den Pelzkragen hineingezogen hatte. Nur Hradscheck saß frei da,

Luft und Licht, deren er seit länger als vier Wochen entbehrt hatte,

begierig einsaugend. Der Wagen fuhr auf der Dammhöhe, von der aus sich

das unten liegende Dorf bequem überblicken und beinah jedes einzelne

Haus in aller Deutlichkeit erkennen ließ. Das da, mit dem schwarzen,

theergestrichenen Gebälk, war das Schulhaus und das gelbe, mit dem

gläsernen Aussichtsthurm, mußte Kunicke's sein, Kunicke's »Villa«, wie

die Tschechiner es spöttisch nannten. Das niedrige, grad gegenüber aber,

das war seine, das sah er an dem Birnbaum, dessen schwarzes Gezweig über

die mit Schnee bedeckte Dachfläche wegragte. Vowinkel bemerkte wohl,

wie Hradscheck sich unwillkürlich auf seinem Sitze hob, aber nichts von

Besorgniß drückte sich in seinen Mienen und Bewegungen aus, sondern nur

Freude, seine Heimstätte wieder zu sehen.

Im Dorfe selbst schien man der Ankunft des justizräthlichen Wagens schon

entgegen gesehen zu haben. Auf dem Vorplatz der Igel'schen Brett- und

Schneidemühle, die man, wenn man von der Küstriner Seite her kam, als

erstes Gehöft zu passiren hatte (gerade so wie das Orth'sche nach der

Frankfurter Seite hin), stand der alte Brett- und Schneidemüller und

fegte mit einem kurzen storrigen Besen den Schnee von der obersten

Bretterlage fort, anscheinend aufs Eifrigste mit dieser seiner Arbeit

beschäftigt, in Wahrheit aber nur begierig, den herankommenden

Hradscheck eher als irgend ein anderer im Dorf gesehen zu haben. Denn

Schneidemüller Igel, oder der »Schneidigel«, wie man ihn kurzweg und in

der Regel mit absichtlich undeutlicher Aussprache nannte, war ein

Topfkucker. Aber so topfkuckrig er war, so stolz und hochmüthig war er

auch, und so wandt' er sich in demselben Augenblicke, wo der Wagen an

ihm vorüberfuhr, rasch wieder auf sein Haus zu, blos um nicht grüßen zu

müssen. Hier nahm er, um seine Neugier, deren er sich schämen mochte,

vor niemandem zu verrathen, Hut und Stock mit besonderer Langsamkeit vom

Riegel und folgte dann dem Wagen, den er übrigens bald danach schon vor

dem Hradscheck'schen Hause vorfahren sah.

Frau Hradscheck war nicht da. Statt ihrer übernahm es Kunicke, den sie

darum gebeten haben mochte, den Wirth und so zu sagen die Honneurs des

Hauses zu machen. Er führte denn auch den Justizrath vom Flur her in den

Laden und von diesem in die dahinter befindliche Weinstube, wo man einen

Imbiß bereit gestellt hatte. Vowinkel nahm aber, unter vorläufiger

freundlicher Ablehnung, nur ein kleines Glas Portwein und trat dann in

den Garten hinaus, wo sich bereits alles, was zur Dorfobrigkeit gehörte,

versammelt hatte: Schulze Woytasch, Gensdarm Geelhaar, Nachtwächter

Mewissen und drei bäuerliche Gerichtsmänner. Geelhaar, der, zur Feier

des Tages, seinen Staats-Czako mit dem armslangen schwarzen Lampenputzer

aufgesetzt hatte, ragte, mit Hilfe dieser Paradezuthaten, um fast drei

Haupteslängen über den Rest aller Anwesenden hinaus. Das war der innere

Zirkel. Im weitern Umkreis aber standen die, die blos aus Neugier sich

eingefunden hatten, darunter der schon stark gefrühstückte Kantorssohn

und Dorfdichter, während einige zwanzig eben aus der Schule

herangekommene Jungens mit ihren Klapp-Pantinen auf das Kegelhaus

geklettert waren, um von hier aus Zeuge zu sein, was wohl bei der Sache

herauskommen würde. Vorläufig indeß begnügten sie sich damit,

Schneebälle zu machen, mit denen sie nach den großen und kleinen Mädchen

warfen, die hinter dem Gartenzaun der alten Jeschke standen. Alles

plapperte, lachte, reckte den Hals, und wäre nicht Hradscheck selbst

gewesen, der, die Blicke seiner alten Freunde vermeidend, ernst und

schweigend vor sich hinsah, so hätte man glauben können, es sei Kirmeß

oder eine winterliche Jahrmarktsscene.

Die Gerichtsmänner flüsterten und steckten die Köpfe zusammen, während

Woytasch und Geelhaar sich umsahen. Es schien noch etwas zu fehlen, was

auch zutraf. Als aber bald danach der alte Todtengräber Wonnekamp mit

noch zwei von seinen Leuten erschien, rückte man näher an den Birnbaum

heran und begann den Schnee, der hier lag, fortzuschippen. Das ging

leicht genug, bis statt des Schnees die gefrorne Erde kam, wo nun die

Pickaxt aushelfen mußte. Der Frost indessen war nicht tief in die Erde

gedrungen, und so konnte man den Spaten nicht nur bald wieder zur Hand

nehmen, sondern kam auch rascher vorwärts, als man anfangs gehofft

hatte. Die herausgeworfenen Schollen und Lehmstücke wurden immer größer,

je weicher der Boden wurde, bis mit einem Male der alte Todtengräber

einem der Arbeiter in den Arm fiel und mit der seinem Stande zuständigen

Ruhe sagte: »Nu giw mi moal; nu kümmt wat.« Dabei nahm er ihm das

Grabscheit ohne weiteres aus der Hand und fing selber an zu graben. Aber

ersichtlich mit großer Vorsicht. Alles drängte vor und wollte sehn. Und

siehe da, nicht lange, so war ein Todter aufgedeckt, der zu großem

Theile noch in Kleiderresten steckte. Die Bewegung wuchs, und aller

Augen richteten sich auf Hradscheck, der, nach wie vor, vor sich hin sah

und nur dann und wann einen scheuen Seitenblick in die Grube that.

»Nu hebben se'n,« lief ein Gemurmel den Gartenzaun entlang, unklar

lassend, ob man Hradscheck oder den Todten meine; die Jungens auf dem

Kegelhäuschen aber reckten ihre Hälse noch mehr als vorher, trotzdem

sie weder nah noch hoch genug standen, um irgend 'was sehn zu können.

Eine Pause trat ein. Dann nahm der Justizrath des Angeklagten Arm und

sagte, während er ihn dicht an die Grube führte: »Nun, Hradscheck, was

sagen Sie?«

Dieser verzog keine Miene, faltete die Hände wie zum Gebet und sagte

dann fest und feierlich: »Ich sage, daß dieser Todte meine Unschuld

bezeugen wird.«

Und während er so sprach, sah er zu dem alten Todtengräber hinüber, der

den Blick auch verstand und, ohne weitere Fragen abzuwarten,

geschäftsmäßig sagte: »Ja, der hier liegt, liegt hier schon lang. Ich

denke zwanzig Jahre. Und der Pohlsche, der es sein soll, is noch keine

zehn Wochen todt.«

Und siehe da, kaum daß diese Worte gesprochen waren, so war ihr Inhalt

auch schon bewiesen und jeder schämte sich, so wenig kaltes Blut und so

wenig Umsicht und Überlegung gehabt zu haben. In einem gewissen

Entdeckungseifer waren alle wie blind gewesen und hatten unbeachtet

gelassen, daß ein Schädel, um ein richtiger Schädel zu werden, auch sein

Stück Zeit verlangt und daß die Todten ihre Verschiedenheiten und ihre

Grade haben, gerade so gut wie die Lebendigen.

Am verlegensten war der Justizrath. Aber er sammelte sich rasch und

sagte: »Todtengräber Wonnekamp hat Recht. Das ist nicht der Todte, den

wir suchen. Und wenn er zwanzig Jahre in der Erde liegt, was ich keinen

Augenblick bezweifle, so kann Hradscheck an diesem Todten keine Schuld

haben. Und kann auch von einer früheren Schuld keine Rede sein. Denn

Hradscheck ist erst im zehnten Jahr in diesem Dorf. Das alles ist jetzt

erwiesen. Trotz alledem bleiben ein paar dunkle Punkte, worüber

Aufklärung gegeben werden muß. Ich lebe der Zuversicht, daß es an dieser

Aufklärung nicht fehlen wird, aber ehe sie gegeben ist, darf ich Sie,

Herr Hradscheck, nicht aus der Untersuchung entlassen. Es wird sich

dabei, was ich als eine weitere Hoffnung hier ausspreche, nur noch um

Stunden und höchstens um Tage handeln.«

Und damit nahm er Kunicke's Arm und ging in die Weinstube zurück,

woselbst er nunmehr, in Gesellschaft von Woytasch und den

Gerichtsmännern, dem für ihn servirten Frühstücke tapfer zusprach. Auch

Hradscheck ward aufgefordert, sich zu setzen und einen Imbiß zu nehmen.

Er lehnte jedoch ab und sagte, daß er mit seiner Mahlzeit lieber warten

wolle, bis er im Küstriner Gefängniß sei.

So waren seine Worte.

Und diese Worte gefielen den Bauern ungemein. »Er will nicht an seinem

eignen Tisch zu Gaste sitzen und das Brot, das er gebacken, nicht als

Gnadenbrot essen. Da hat er Recht. Das möcht' ich auch nicht.«

So hieß es und so dachten die Meisten.

Aber freilich nicht alle.

Gensdarm Geelhaar ging an dem Zaun entlang, über den, sammt andrem

Weibervolk, auch Mutter Jeschke weggekuckt hatte. Natürlich auch Line.

Geelhaar tippte dieser mit dem Finger auf den Dutt und sagte: »Nu Line,

was macht der Zopf?«

»Meiner?« lachte diese. »Hörens, Herr Gensdarm, jetzt kommt _Ihrer_ an

die Reih'.«

»Wird so schlimm nicht werden, Lineken ... Und Mutter Jeschke, was sagt

die dazu?«

»Joa, wat sall se seggen? He is nu wedder 'rut. Awers he kümmt ook woll

wedder 'rin.«

Unterm Birnbaum · 第 13 / 25 题