Die Verhaftung Hradscheck's erfolgte zehn Tage vor Weihnachten. Jetzt
war Mitte Januar, aber die Küstriner Untersuchung rückte nicht von der
Stelle, weßhalb es in Tschechin und den Nachbardörfern hieß: »Hradscheck
werde mit Nächstem wieder entlassen werden, weil nichts gegen ihn
vorliege.« Ja, man begann auf das Gericht und den Gerichtsdirektor zu
schelten, wobei sich's selbstverständlich traf, daß alle die, die vorher
am leidenschaftlichsten von einer Hinrichtung geträumt hatten, jetzt in
Tadeln und Schmähen mit gutem Beispiel vorangingen.
Vowinkel hatte viel zu dulden; kein Zweifel. Am ausgiebigsten in
Schmähungen aber war man gegen die Zeugen, und der Angriffe gegen diese
wären noch viel mehr gewesen, wenn man nicht gleichzeitig über sie
gelacht hätte. Der dumme Ladenjunge, der Ede, so versicherte man sich
gegenseitig, könne doch nicht für voll angesehen werden und die Male mit
ihren Sommersprossen und ihrem nicht ausgetrunkenen Kaffee womöglich
noch weniger. Daß man bei den Hradschecks oft einen wunderbaren Kaffee
kriege, das wisse jeder, und wenn alle die, die das durchgetrichterte
Cichorienzeug stehn ließen, auf Mord und Todtschlag hin verklagt und
eingezogen werden sollten, so säße bald das halbe Bruch hinter Schloß
und Riegel. »Aber Jakob und der alte Mewissen?« hieß es dann wohl. Indeß
auch von diesen Beiden wollte die plötzlich zu Gunsten Hradscheck's
umgestimmte Majorität nichts wissen. Der dusslige Jakob, von dem jetzt
so viel gemacht werde, ja, was hab' er denn eigentlich beigebracht? Doch
nichts weiter, als das ewige »He wihr so'n beten still.« Aber du lieber
Himmel, wer habe denn Lust, um Klock fünf und bei steifem Südost einen
langen Schnack zu machen? Und nun gar der alte Mewissen, der, so lang er
lebe, den Himmel für einen Dudelsack angesehen habe? Wahrhaftig, der
könne viel sagen, eh' man's zu glauben brauche. »Mit einem karrirten
Tuch über dem Kopf. Und wenn's kein karrirtes Tuch gewesen, dann sei's
eine Pferdedecke gewesen.« O, du himmlische Güte! Mit einer Pferdedecke!
Die Hradscheck mit einer Pferdedecke! Giebt es Pferdedecken ohne Flöhe?
Nein. Und nun gar diese schnippsche Prise, die sich ewig mit ihrem
türkischen Shawl herumziert und noch ötepotöter is als die Reitweinsche
Gräfin!
So ging das Gerede, das sich, an und für sich schon günstig genug für
Hradscheck, in Folge kleiner Vorkommnisse mit jedem neuen Tage günstiger
gestaltete. Darunter war eins von besondrer Wirkung. Und zwar das
folgende. Heilig Abend war ein Brief Hradscheck's bei Eccelius
eingetroffen, worin es hieß: »es ging' ihm gut, weßhalb er sich auch
freuen würde, wenn seine Frau zum Fest herüberkommen und eine
Viertelstunde mit ihm plaudern wolle; Vowinkel hab' es eigens gestattet,
versteht sich in Gegenwart von Zeugen.« So die briefliche Mittheilung,
auf welche Frau Hradscheck, als sie durch Eccelius davon gehört, diesem
letzteren sofort geantwortet hatte: »sie werde diese Reise _nicht_
machen, weil sie nicht wisse, wie sie sich ihrem Manne gegenüber zu
benehmen habe. Wenn er schuldig sei, so sei sie für immer von ihm
geschieden, einmal um ihrer selbst, aber mehr noch um ihrer Familie
willen. Sie wolle daher lieber zum Abendmahl gehn und ihre Sache vor
Gott tragen und bei der Gelegenheit den Himmel inständigst bitten, ihres
Mannes Unschuld recht bald an den Tag zu bringen.« So was hörten die
Tschechiner gern, die sämmtlich höchst unfromm waren, aber nach Art der
meisten Unfrommen einen ungeheuren Respekt vor Jedem hatten, der »lieber
zum Abendmahl gehn und seine Sache vor Gott tragen«, als nach Küstrin
hin reisen wollte.
Kurzum, alles stand gut, und es hätte sich von einer totalen
»Rückeroberung« des dem Inhaftirten anfangs durchaus abgeneigten Dorfes
sprechen lassen, wenn nicht _ein_ Unerschütterlicher gewesen wäre, der,
sobald Hradscheck's Unschuld behauptet wurde, regelmäßig versicherte:
»Hradscheck? _Den_ kenn' ich. _Der_ muß ans Messer.«
Dieser Unerschütterliche war niemand Geringeres als Gensdarm Geelhaar,
eine sehr wichtige Person im Dorf, auf deren Autorität hin die Mehrheit
sofort geschworen hätte, wenn ihr nicht seine bittre Feindschaft gegen
Hradscheck und die kleinliche Veranlassung dazu bekannt gewesen wäre.
Geelhaar, guter Gensdarm, aber noch besserer Saufaus, war, um Kognaks
und Rums willen, durch viele Jahre hin ein Intimus bei Hradscheck
gewesen, bis dieser eines Tages, des ewigen Gratis-Einschenkens müde,
mit mehr Übermuth als Klugheit gesagt hatte: »Hören Sie, Geelhaar, Rum
ist gut. Aber Rum kann einen auch 'rum bringen.« Auf welche Provokation
hin (Hradscheck liebte dergleichen Witze) der sich nun plötzlich aufs
hohe Pferd setzende Geelhaar mit hochrothem Gesicht geantwortet hatte:
»Gewiß, Herr Hradscheck. Was kann einen nich alles 'rumbringen? Den
einen dies, den andern das. Und mit Ihnen, mein lieber Herr, is auch
noch nicht aller Tage Abend.«
Von der aus diesem Zwiegespräch entstandenen Feindschaft wußte das ganze
Dorf, und so kam es, daß man nicht viel darauf gab und im Wesentlichen
blos lachte, wenn Geelhaar zum hundertsten Male versicherte: »_Der_? Der
muß ans Messer.«
* * *
»Der muß ans Messer,« sagte Geelhaar, aber in Tschechin hieß es mit
jedem Tage mehr: »Er kommt wieder frei.«
Und »he kümmt wedder 'rut,« hieß es auch im Hause der alten Jeschke, wo
die blonde Nichte, die Line -- dieselbe, nach der Hradscheck bei seinen
Gartenbegegnungen mit der Alten immer zu fragen pflegte -- seit
Weihnachten zum Besuch war und an einer Ausstattung, wenn auch freilich
nicht an ihrer eigenen, arbeitete. Sie war eine hervorragend kluge
Person, die, trotzdem sie noch keine 27 zählte, sich in den
verschiedensten Lebensstellungen immer mit Glück versucht hatte: früh
schon als Kinder- und Hausmädchen, dann als Nähterin und schließlich als
Pfarrköchin in einem neumärkischen Dorf, in welch letztrer Eigenschaft
sie nicht nur sämmtliche Betstunden mitgemacht, sondern sich auch durch
einen exemplarisch sittlichen Lebenswandel ausgezeichnet hatte. Denn sie
gehörte zu denen, die, wenn engagirt, innerhalb ihres Engagements alles
Geforderte leisten, auch Gebet, Tugend und Treue.
Solcher Forderungen entschlug sich nun freilich die Jeschke, die
vielmehr, wenn sie den Faden von ihrem Wocken spann, immer nur
Geschichten von begünstigten und genasführten Liebhabern hören wollte,
besonders von einem Küstriner Fourage-Beamten, der drei Stunden lang im
Schnee hatte warten müssen. Noch dazu vergeblich. All das freute die
Jeschke ganz ungemein, die dann regelmäßig hinzusetzte: »Joa, Line, so
wihr ick ook. Awers moak et man nich to dull.« Und dann antwortete
diese: »Wie werd ich denn, Mutter Jeschke!« Denn sie nannte sie nie
Tante, weil sie sich der nahen Verwandtschaft mit der alten Hexe schämen
mochte.
Plaudern war Beider Lust. Und plaudernd saßen beide Weibsen auch heute
wieder.
Es war ein ziemlich kalter Tag und draußen lag fußhoher Schnee. Drinnen
aber war es behaglich, das Rothkehlchen zwitscherte, die Wanduhr ging in
starkem Schlag und der Kachelofen that das Seine. Dem Ofen zunächst aber
hockte die Jeschke, während Line weitab an dem ganz mit Eisblumen
überdeckten Fenster saß und sich ein Kuckloch gepustet hatte, durch das
sie nun bequem sehen konnte, was auf der Straße vorging.
»Da kommt ja Gensdarm Geelhaar,« sagte sie. »Grad über den Damm. Er muß
drüben bei Kunicke gewesen sein. Versteht sich, Kunicke frühstückt um
diese Zeit. Und sieht auch so roth aus. Was er nur will? Er wird am Ende
der armen Frau, der Hradschecken, einen Besuch machen wollen. Is ja
schon vier Wochen Strohwittwe.«
»Nei, nei,« lachte die Alte. »Dat deiht he nich. Dem is joa sien ejen
all to veel, so lütt se is. Ne, ne, den kenn ick. Geelhaar is man blot
noch för so.«
Und dabei machte sie die Bewegung des aus der Flaschetrinkens.
»Hast Recht,« sagte Line. »Sieh, er kommt grad auf unser Haus zu.«
Und wirklich, unter diesem Gespräch, wie's die Jeschke mit ihrer Nichte
geführt hatte, war Geelhaar von der Dorfstraße her in einen schmalen,
blos mannsbreiten Gang eingetreten, der, an der Hradscheck'schen
Kegelbahn entlang, in den Garten der alten Jeschke führte.
Von hier aus war auch der Eingang in das Häuschen der Alten, das mit
seinem Giebel nach der Straße stand.
»Guten Tag, Mutter Jeschke,« sagte der Gensdarm. »Ah, und guten Tag,
Lineken. Oder ich muß jetzt wohl sagen Mamsell Linchen.«
Line, die den stattlichen Geelhaar (er hatte bei den Gardekürassieren
gedient), aller despektirlichen Andeutungen der Alten ungeachtet,
keineswegs aus ihrer Liste gestrichen hatte, stemmte sofort den linken
Fuß gegen einen ihr gegenüberstehenden Binsenstuhl und sah ihn zwinkernd
über das große Stück Leinwand hin an, das sie, wie wenn sie's abmessen
wollte, mit einem energischen Ruck und Puff vor sich ausspannte.
Die Wirkung dieser kleinen Künste blieb auch nicht aus. So wenigstens
schien es Linen. Die Jeschke dagegen wußt' es besser, und als Geelhaar
auf ihre mit Vorbedacht in Hochdeutsch gesprochene Frage, »was ihr denn
eigentlich die Ehre verschaffe,« mit einem scherzhaft gemeinten
Fingerzeig auf Line geantwortet hatte, lachte sie nur und sagte:
»Nei, nei, Herr Gensdarm. Ick weet schon, ick weet schon ... Awers nu
setten's sich ihrst ... Joa, diss' Hradscheck ... he kümmt joa nu wedder
rut.«
»Ja, Mutter Jeschke,« wiederholte Geelhaar, »he kümmt nu wedder rut. Das
heißt, er kommt wieder 'raus, wenn er nich drin bleibt.«
»Woll, woll. Wenn he nicht drin bliewt. Awers worümm sall he drin
bliewen? Keen een hett joa wat siehn, un keen een hett joa wat utfunn'n.
Un Se ook nich, Geelhaar.«
»Nein,« sagte der Gensdarm. »Ich auch nich. Aber es wird sich schon was
finden oder doch finden lassen, und dazu müssen Sie helfen, Mutter
Jeschke. Ja, ja. So viel weiß ich, die Hradscheck hat schon lange keinen
Schlaf mehr und ist immer treppauf und treppab. Und wenn die Leute
sagen, es sei blos, weil sie sich um den Mann gräme, so sag ich: Unsinn,
_er_ is nich so und _sie_ is nich so.«
»Nei, nei,« wiederholte die Jeschke. »He is nich so un se is nich so.
De Hradschecks, nei, de sinn nich so.«
»Keinen ordentlichen Schlaf also,« fuhr Geelhaar fort, »nich bei Tag und
auch nich bei Nacht, und wankt immer so 'rum, und is mal im Hof und mal
im Garten. Das hab' ich von der Male ... Hören Sie, Mutter Jeschke, wenn
ich so mal Nachtens hier auf Posten stehen könnte! Das wäre so was. Line
bleibt mit auf, und wir setzen uns dann ans Fenster und wachen und
kucken. Nich wahr, Line?«
Line, die schon vorher das Weißzeug bei Seite gelegt und ihren blonden
Zopf halb aufgeflochten hatte, schlug jetzt mit dem losen Büschel über
ihre linke Hand und sagte: »Will es mir noch überlegen, Herr Geelhaar.
Ein armes Mädchen hat nichts als seinen Ruf.«
Und dabei lachte sie.
»Kümmen's man, Geelhaar,« tröstete die Jeschke, trotzdem Trost
eigentlich nicht nöthig war. »Kümmen's man. Ick geih to Bett. Wat doa to
siehn is, ick meen hier buten, dat hebb' ick siehn, dat weet ick all. Un
is ümmer dat Sülwigte.«
»Dat Sülwigte?«
»Joa. Nu nich mihr. Awers as noch keen Snee wihr. Doa ...«
»Da. Was denn?«
»Doa wihr se Nachtens ümmer so 'rümm hier.«
»So, so,« sagte der Gensdarm und that vorsichtig allerlei weitere
Fragen. Und da sich die Jeschke von guten Beziehungen zur Dorfpolizei
nur Vortheile versprechen konnte, so wurde sie trotz aller sonstigen
Zurückhaltung immer mittheilsamer und erzählte dem Gensdarmen Neues und
Altes, namentlich auch das, was sie damals, in der stürmischen
November-Nacht, von ihrer Küchenthür aus beobachtet hatte. Hradscheck
habe lang da gestanden, ein flackrig Licht in der Hand. »Un wihr binoah
so, as ob he wull, dat man em seihn sull.« Und dann hab' er einen Spaten
genommen und sei bis an den Birnbaum gegangen. Und da hab' er ein Loch
gegraben. An der Gartenthür aber habe was gestanden wie ein Koffer oder
Korb oder eine Kiste. Was? das habe sie nicht genau sehen können. Und
dann hab' er das Loch wieder zugeschüttet.
Geelhaar, der sich bis dahin, allem Diensteifer zum Trotz, ebenso sehr
mit Line wie mit Hradscheck beschäftigt hatte, ja, vielleicht mehr noch
Courmacher als Beamter gewesen war, war unter diesem Bericht sehr
ernsthaft geworden und sagte, während er mit Wichtigkeitsmiene seinen
gedunsenen Kopf hin und her wiegte: »Ja, Mutter Jeschke, das thut mir
leid. Aber es wird Euch Ungelegenheiten machen.«
»Wat? wat, Geelhaar?«
»Ungelegenheiten, weil Ihr damit so spät herauskommt.«
»Joa, Geelhaar, wat sall dat? wat mienens mit 'to spät'? Et hett mi joa
keener nich froagt. Un Se ook nich. Un wat weet ick denn ook? Ick weet
joa nix. Ick weet joa joar nix.«
»Ihr wißt genug, Mutter Jeschke.«
»Nei, nei, Geelhaar. Ick weet joar nix.«
»Das ist gerade genug, daß einer Nachts in seinem Garten ein Loch gräbt
und wieder zuschüttet.«
»Joa, Geelhaar, ick weet nich, awers jed' een möt doch in sien ejen
Goarden en Loch buddeln künn'.«
»Freilich. Aber nicht um Mitternacht und nicht bei solchem Wetter.«
»Na, rieden's mi man nich rin. Un moaken Se't good mit mi ... Line,
Line, segg doch ook wat.«
Und wirklich, Line trat in Folge dieser Aufforderung an den Gensdarmen
heran und sagte, tief aufathmend, wie wenn sie mit einer plötzlichen und
mächtigen Sinnen-Erregung zu kämpfen hätte: »Laß nur, Mutter Jeschke.
Herr Geelhaar wird schon wissen, was er zu thun hat. Und wir werden es
auch wissen. Das versteht sich doch von selbst. Nicht wahr, Herr
Geelhaar?«
Dieser nickte zutraulich und sagte mit plötzlich verändertem und wieder
freundlicher werdendem Tone: »Werde schon machen, Mamsell Line. Schulze
Woytasch läßt ja, Gott sei Dank, mit sich reden und Vowinkel auch.
Hauptsach' is, daß wir den Fuchs überhaupt ins Eisen kriegen. Un is dann
am Ende gleich, _wann_ wir ihn haben und ob ihm der Balg heut oder
morgen abgezogen wird.«