Der Todte fand sich nicht, der Wagen aber, den man mühevoll aus dem
Wasser heraufgeholt hatte, wurde nach dem Dorf geschafft und in
Kunicke's große Scheune gestellt. Da stand er nun schon zwei Wochen, um
entweder abgeholt oder auf Antrag der Krakauer Firma versteigert zu
werden.
Im Dorfe gab es inzwischen viel Gerede, das aller Orten darauf
hinauslief: »es sei was passirt und es stimme nicht mit den Hradschecks.
Hradscheck sei freilich ein feiner Vogel und Spaßmacher und könne
Witzchen und Geschichten erzählen, aber er hab' es hinter den Ohren, und
was die Frau Hradscheck angehe, die vor Vornehmheit nicht sprechen
könne, so wisse jeder, stille Wasser seien tief. Kurzum es sei Beiden
nicht recht zu traun und der Pohlsche werde wohl ganz wo anders liegen,
als in der Oder.« Zum Überfluß griff auch noch unser Freund, der
Kantorssohn, der sich jedes Skandals mit Vorliebe bemächtigte, in die
Saiten seiner Leier, und allabendlich, wenn die Knechte, mit denen er
auf Du und Du stand, vom Kruge her durchs Dorf zogen, sangen sie nach
bekannter Melodie:
Morgenroth!
Abel schlug den Kain todt.
Gestern noch bei vollen Flaschen
Morgens ausgeleerte Taschen
Und ein kühles, kühles Gra-ab.
All dies kam zuletzt auch dem Küstriner Gericht zu Ohren, und wiewohl es
nicht viel besser als Klatsch war, dem alles Beweiskräftige fehlte, so
sah sich der Vorsitzende des Gerichts, Justizrath Vowinkel, doch
veranlaßt, an seinen Duz- und Logenbruder Eccelius einige Fragen zu
richten und dabei Erkundigungen über das Vorleben der Hradschecks
einzuziehen.
Das war am 7. December, und noch am selben Tage schrieb Eccelius zurück:
»Lieber Bruder. Es ist mir sehr willkommen, in dieser Sache das Wort
nehmen und Zeugniß zu Gunsten der beiden Hradschecks ablegen zu können.
Man verleumdet sie, weil man sie beneidet, besonders die Frau. Du kennst
unsere Brücher; sie sind hochfahrend und steigern ihren Dünkel bis zum
Haß gegen alles, was sich ihnen gleich oder wohl gar überlegen glaubt.
Aber #ad rem.# Er, Hradscheck, ist kleiner Leute Kind aus Neu-Lewin und,
wie sein Name bezeugt, von böhmischer Extraktion. Du weißt, daß
Neu-Lewin in den 80er Jahren mit böhmischen Kolonisten besetzt wurde.
Doch dies beiläufig. Unsres Hradscheck Vater war Zimmermann, der, nach
Art solcher Leute, den Sohn für dasselbe Handwerk bestimmte. Und unser
Hradscheck soll denn auch wirklich als Zimmermann gewandert und in
Berlin beschäftigt gewesen sein. Aber es mißfiel ihm, und so fing er,
als er vor etwa 15 Jahren nach Neu-Lewin zurückkehrte, mit einem
Kramgeschäft an, das ihm auch glückte, bis er, um eines ihm unbequem
werdenden 'Verhältnisses' willen, den Laden aufgab und den Entschluß
faßte nach Amerika zu gehen. Und zwar über Holland. Er kam aber nur bis
ins Hannöversche, wo er, in der Nähe von Hildesheim, also katholische
Gegend, in einer großen gasthausartigen Dorfherberge Quartier nahm. Hier
traf es sich, daß an demselben Tage die seit Jahr und Tag in der Welt
umhergezogene Tochter des Hauses, krank und elend von ihren Fahrten und
Abenteuern -- sie war muthmaßlich Schauspielerin gewesen -- zurückkam und
eine furchtbare Scene mit ihrem Vater hatte, der ihr nicht nur die
bösesten Namen gab, sondern ihr auch Zuflucht und Aufnahme verweigerte.
Hradscheck, von dem Unglück und wahrscheinlich mehr noch von dem
eigenartigen und gewinnenden Wesen der jungen Frau gerührt, ergriff
Partei für sie, hielt um ihre Hand an, was dem Vater wie der ganzen
Familie nur gelegen kam, und heirathete sie, nachdem er seinen
Auswanderungsplan aufgegeben hatte. Bald danach, um Martini herum,
übersiedelten Beide hierher, nach Tschechin, und schon am ersten
Advents-Sonntage kam die junge Frau zu mir und sagte, daß sie sich zur
Landeskirche halten und evangelisch getraut sein wolle. Was denn auch
geschah und damals (es geht jetzt ins zehnte Jahr) einen großen Eindruck
auf die Bauern machte. Daß der kleine Gott mit dem Bogen und Pfeil in
dem Leben Beider eine Rolle gespielt hat, ist mir unzweifelhaft, ebenso
daß Beide seinen Versuchungen unterlegen sind. Auch sonst noch, wie
nicht bestritten werden soll, bleiben einige dunkle Punkte, trotzdem es
an anscheinend offenen Bekenntnissen nie gefehlt hat. Aber wie dem auch
sein möge, mir liegt es pflichtmäßig ob zu bezeugen, daß es
wohlanständige Leute sind, die, so lang ich sie kenne, sich gut gehalten
und allzeit in einer christlichen Ehe gelebt haben. Einzelnes, was ihm,
nach der entgegengesetzten Seite hin, vor längrer oder kürzrer Zeit
nachgesagt wurde, mag auf sich beruhn, um so mehr als mir Sittenstolz
und Tugendrichterei von Grund aus verhaßt sind. Die Frau hat meine
besondere Sympathie. Daß sie den alten Aberglauben abgeschworen, hat sie
mir, wie Du begreifen wirst, von Anfang an lieb und werth gemacht.«
Die Wirkung dieses Eccelius'schen Briefes war, daß das Küstriner Gericht
die Sache vorläufig fallen ließ; als demselben aber zur Kenntniß kam,
»daß Nachtwächter Mewissen, nach neuerdings vor Schulze Woytasch
gemachten Aussagen, an jenem Tage, wo das Unglück sich ereignete, so
zwischen fünf und sechs (um die Zeit also, wo das Wetter am tollsten
gewesen) die Frau Hradscheck zwischen den Pappeln an der Mühle gesehn
haben wollte, ganz so wie wenn sie halb verbiestert vom Damm her käme,«
-- da waren die Verdachtsgründe gegen Hradscheck und seine Frau doch
wieder so gewachsen, daß das Gericht einzuschreiten beschloß. Aber
freilich auch jetzt noch unter Vermeidung jedes Eclats, weshalb Vowinkel
an Eccelius, dem er ohnehin noch einen Dankesbrief schuldete, die
folgenden Zeilen richtete:
»Habe Dank, lieber Bruder, für Deinen ausführlichen Brief vom 7. d. M.,
dem ich, soweit er ein Urtheil abgiebt, in meinem Herzen zustimme.
Hradscheck ist ein durchaus netter Kerl, weit über seinen Stand hinaus,
und Du wirst Dich entsinnen, daß er letzten Winter sogar in Vorschlag
war und zwar auf meinen speciellen Antrag. Das alles steht fest. Aber zu
meinem Bedauern will die Geschichte mit dem Polen nicht aus der Welt,
ja, die Verdachtsgründe haben sich gemehrt, seit neuerdings auch euer
Mewissen gesprochen hat. Andrerseits freilich ist immer noch zu wenig
Substanz da, um ohne Weiteres eine Verhaftung eintreten zu lassen,
weßhalb ich vorhabe, die Hradscheck'schen Dienstleute, die doch
schließlich alles am besten wissen müssen, zu vernehmen und von _ihrer_
Aussage mein weiteres Thun oder Nichtthun abhängig zu machen. Unter
allen Umständen aber wollen wir alles, was Aufsehn machen könnte, nach
Möglichkeit vermeiden. Ich treffe morgen gegen 2 in Tschechin ein, fahre
gleich bei Dir vor und bitte Dich Sorge zu tragen, daß ich den Knecht
Jakob sammt den beiden andern Personen, deren Namen ich vergessen, in
Deinem Hause vorfinde.«
* * *
So des Justizraths Brief. Er selbst hielt zu festgesetzter Zeit vor dem
Pfarrhaus und trat in den Flur, auf dem die drei vorgeforderten
Dienstleute schon standen. Vowinkel grüßte sie, sprach, in der Absicht
ihnen Muth zu machen, ein paar freundliche Worte zu jedem und ging dann,
nachdem er sich aus seinem Mantel herausgewickelt, auf Eccelius'
Studirstube zu, darin nicht nur der große schwarze Kachelofen, sondern
auch der wohlarrangirte Kaffeetisch jeden Eintretenden überaus
anheimelnd berühren mußte. Dies war denn auch bei Vowinkel der Fall. Er
wies lachend darauf hin und sagte: »Vortrefflich, Freund. Höchst
einladend. Aber ich denke, wir lassen das bis nachher. Erst das
Geschäftliche. Das Beste wird sein, _Du_ stellst die Fragen und ich
begnüge mich mit der Beisitzer-Rolle. Sie werden Dir unbefangner
antworten als mir.« Dabei nahm er in einem neben dem Ofen stehenden
hohen Lehnstuhle Platz, während Eccelius, auf den Flur hinaus, nach Ede
rief und sich's nun erst, nach Erledigung aller Präliminarien, an seinem
mächtigen Schreibtische bequem machte, dessen großes, zwischen einem
Sand- und einem Tintenfaß stehendes Alabasterkreuz ihn von hinten her
überragte.
Der Gerufene war inzwischen eingetreten und blieb an der Thür stehn. Er
hatte sichtlich sein Bestes gethan, um einen manierlichen Menschen aus
sich zu machen, aber nur mit schwachem Erfolg. Sein brandrothes Haar lag
großentheils blank an den Schläfen, während ihm das Wenige, was ihm
sonst noch verblieben war, nach Art einer Spitzflamme zu Häupten stand.
Am schlimmsten aber waren seine winterlichen Hände, die, wie eine Welt
für sich, aus dem überall zu kurz gewordenen Einsegnungsrock
hervorsahen.
»Ede,« sagte der Pastor freundlich, »Du sollst über Hradscheck und den
Polen aussagen, was Du weißt.«
Der Junge schwieg und zitterte.
»Warum sagst Du nichts? warum zitterst Du?«
»Ick jrul' mi so.«
»Vor wem? Vor uns?«
Ede schüttelte mit dem Kopf.
»Nun, vor wem denn?«
»Vor Hradschecken ...«
Eccelius, der alles zu Gunsten der Hradschecks gewendet zu sehen
wünschte, war mit dieser Aussage wenig zufrieden, nahm sich aber
zusammen und sagte: »Vor Hradscheck. Warum vor Hradscheck? Was ist mit
ihm? Behandelt er Dich schlecht?«
»Nei.«
»Nu wie denn?«
»Ick weet nich ... He is so anners.«
»Nu gut. Anders. Aber das ist nicht genug, Ede. Du mußt uns mehr sagen.
Worin ist er anders? Was thut er? Trinkt er? Oder flucht er? Oder ist er
in Angst?«
»Nei.«
»Nu wie denn? Was denn?«
»Ick weet nich ... He is so anners.«
Es war ersichtlich, daß aus dem eingeschüchterten Jungen nichts weiter
herauszubringen sein würde, weßhalb Vowinkel dem Freunde zublinkte, die
Sache fallen zu lassen. Dieser brach denn auch wirklich ab und sagte:
»Nun, es ist gut, Ede. Geh. Und schicke die Male herein.«
Diese kam und war in ihrem Kopf- und Brusttuch, das sie heute wie
sonntäglich angelegt hatte, kaum wieder zu erkennen. Sie sah klar aus
den Augen, war unbefangen und erklärte, nachdem Eccelius seine Frage
gestellt hatte, daß sie nichts wisse. Sie habe Szulski gar nicht gesehn,
»un ihrst um Klocker vier oder noch en beten danoah« wäre Hradscheck an
ihre Kammerthür gekommen und hätte gesagt, daß sie rasch aufstehn und
Kaffee kochen solle. Das habe sie denn auch gethan, und grad als sie den
Kien gespalten, sei Jakob gekommen und hab' ihr so im Vorübergehn
gesagt, »daß er den Pohlschen geweckt habe; der Pohlsche hab' aber 'nen
Dodenschlaf gehabt und habe gar nich geantwortet. Und da hab' er an die
Dhür gebullert.«
All das erzählte Male hintereinander fort, und als der Pastor zum
Schlusse frug, ob sie nicht noch weiter was wisse, sagte sie: »Nein,
weiter wisse sie nichts, oder man blos noch das Eine, daß die Kanne, wie
sie das Kaffeegeschirr herausgeholt habe, beinah noch ganz voll gewesen
sei. Und sei doch ein gräuliches Wetter gewesen und kalt und naß. Und
wenn sonst einer des Morgens abreise, so tränk' er mehrstens oder
eigentlich immer die Kanne leer, un von Zucker übrig lassen wär' gar
keine Rede nich. Und manche nähmen ihn auch mit. Aber der Pohlsche hätte
keine drei Schluck getrunken, und sei eigentlich alles noch so gewesen,
wie sie's reingebracht habe. Weiter wisse sie nichts.«
Danach ging sie, und der Dritte, der nun kam, war Jakob.
»Nun, Jakob, wie war es?« fragte Eccelius; »Du weißt, um was es sich
handelt. Was Du Malen und mir schon vorher gesagt hast, brauchst Du
nicht zu wiederholen. Du hast ihn geweckt und er hat nicht geantwortet.
Dann ist er die Treppe herunter gekommen und Du hast gesehn, daß er sich
an dem Geländer festhielt, als ob ihm das Gehn in dem Pelz schwer
würde. Nicht wahr, so war es?«
»Joa, Herr Pastor.«
»Und weiter nichts?«
»Nei, wider nix. Un wihr man blot noch, dat he so'n beten lütt utsoah,
un ...«
»Und was?«
»Un dat he so still wihr un seggte keen Wuhrd nich. Un as ick to em
seggen deih: 'Na Adjes, Herr Szulski,' doa wihr he wedder so bummsstill
un nickte man blot so.«
Nach dieser Aussage trat auch Jakob ab und die Pfarrköchin brachte den
Kaffee. Vowinkel nahm eine der Tassen und sagte, während er sich an das
Fensterbrett lehnte: »Ja, Freund, die Sache steht doch schlimmer, als
_Du_ wahr haben möchtest, und fast auch schlimmer als _ich_ erwartete.«
»Mag sein,« erwiderte der Pastor. »Nach meinem Gefühl indeß, das ich
selbstverständlich Deiner besseren Erfahrung unterordne, bedeuten all
diese Dinge gar nichts oder herzlich wenig. Der Junge, wie Du gesehn
hast, konnte vor Angst kaum sprechen, und aus der Köchin Aussage war
doch eigentlich nur das Eine festzustellen, daß es Menschen giebt, die
_viel_, und andre, die _wenig_ Kaffee trinken.«
»Aber Jakob!«
Eccelius lachte. »Ja Jakob. 'He wihr en beten to lütt', das war das
eine, 'un he wihr en beten to still', das war das andre. Willst Du
daraus einen Strick für die Hradschecks drehn?«
»Ich will es nicht, aber ich fürchte, daß ich es muß. Jedenfalls haben
sich die Verdachtsgründe durch das, was ich eben gehört habe, mehr
gemehrt als gemindert, und ein Verfahren gegen den so mannigfach
Belasteten kann nicht länger mehr hinausgeschoben werden. Er muß in
Haft, wär' es auch nur um einer Verdunklung des Thatbestandes
vorzubeugen.«
»Und die Frau?«
»Kann bleiben. Überhaupt werd' ich mich auf das Nöthigste beschränken,
und um auch jetzt noch alles Aufsehen zu vermeiden, hab' ich vor, ihn
auf meinem Wagen, als ob es sich um eine Spazierfahrt handelte, mit nach
Küstrin zu nehmen.«
»Und wenn er nun schuldig ist, wie Du beinah glaubst oder wenigstens für
möglich hältst? Ist Dir eine solche Nachbarschaft nicht einigermaßen
ängstlich?«
Vowinkel lachte. »Man sieht, Eccelius, daß Du kein Kriminalist bist.
Schuld und Muth vertragen sich schlecht zusammen. Alle Schuld lähmt.«
»Nicht immer.«
»Nein, nicht immer. Aber doch meist. Und allemal da, wo das Gesetz schon
über ihr ist.«