IX.

Der Todte fand sich nicht, der Wagen aber, den man mühevoll aus dem

Wasser heraufgeholt hatte, wurde nach dem Dorf geschafft und in

Kunicke's große Scheune gestellt. Da stand er nun schon zwei Wochen, um

entweder abgeholt oder auf Antrag der Krakauer Firma versteigert zu

werden.

Im Dorfe gab es inzwischen viel Gerede, das aller Orten darauf

hinauslief: »es sei was passirt und es stimme nicht mit den Hradschecks.

Hradscheck sei freilich ein feiner Vogel und Spaßmacher und könne

Witzchen und Geschichten erzählen, aber er hab' es hinter den Ohren, und

was die Frau Hradscheck angehe, die vor Vornehmheit nicht sprechen

könne, so wisse jeder, stille Wasser seien tief. Kurzum es sei Beiden

nicht recht zu traun und der Pohlsche werde wohl ganz wo anders liegen,

als in der Oder.« Zum Überfluß griff auch noch unser Freund, der

Kantorssohn, der sich jedes Skandals mit Vorliebe bemächtigte, in die

Saiten seiner Leier, und allabendlich, wenn die Knechte, mit denen er

auf Du und Du stand, vom Kruge her durchs Dorf zogen, sangen sie nach

bekannter Melodie:

Morgenroth!

Abel schlug den Kain todt.

Gestern noch bei vollen Flaschen

Morgens ausgeleerte Taschen

Und ein kühles, kühles Gra-ab.

All dies kam zuletzt auch dem Küstriner Gericht zu Ohren, und wiewohl es

nicht viel besser als Klatsch war, dem alles Beweiskräftige fehlte, so

sah sich der Vorsitzende des Gerichts, Justizrath Vowinkel, doch

veranlaßt, an seinen Duz- und Logenbruder Eccelius einige Fragen zu

richten und dabei Erkundigungen über das Vorleben der Hradschecks

einzuziehen.

Das war am 7. December, und noch am selben Tage schrieb Eccelius zurück:

»Lieber Bruder. Es ist mir sehr willkommen, in dieser Sache das Wort

nehmen und Zeugniß zu Gunsten der beiden Hradschecks ablegen zu können.

Man verleumdet sie, weil man sie beneidet, besonders die Frau. Du kennst

unsere Brücher; sie sind hochfahrend und steigern ihren Dünkel bis zum

Haß gegen alles, was sich ihnen gleich oder wohl gar überlegen glaubt.

Aber #ad rem.# Er, Hradscheck, ist kleiner Leute Kind aus Neu-Lewin und,

wie sein Name bezeugt, von böhmischer Extraktion. Du weißt, daß

Neu-Lewin in den 80er Jahren mit böhmischen Kolonisten besetzt wurde.

Doch dies beiläufig. Unsres Hradscheck Vater war Zimmermann, der, nach

Art solcher Leute, den Sohn für dasselbe Handwerk bestimmte. Und unser

Hradscheck soll denn auch wirklich als Zimmermann gewandert und in

Berlin beschäftigt gewesen sein. Aber es mißfiel ihm, und so fing er,

als er vor etwa 15 Jahren nach Neu-Lewin zurückkehrte, mit einem

Kramgeschäft an, das ihm auch glückte, bis er, um eines ihm unbequem

werdenden 'Verhältnisses' willen, den Laden aufgab und den Entschluß

faßte nach Amerika zu gehen. Und zwar über Holland. Er kam aber nur bis

ins Hannöversche, wo er, in der Nähe von Hildesheim, also katholische

Gegend, in einer großen gasthausartigen Dorfherberge Quartier nahm. Hier

traf es sich, daß an demselben Tage die seit Jahr und Tag in der Welt

umhergezogene Tochter des Hauses, krank und elend von ihren Fahrten und

Abenteuern -- sie war muthmaßlich Schauspielerin gewesen -- zurückkam und

eine furchtbare Scene mit ihrem Vater hatte, der ihr nicht nur die

bösesten Namen gab, sondern ihr auch Zuflucht und Aufnahme verweigerte.

Hradscheck, von dem Unglück und wahrscheinlich mehr noch von dem

eigenartigen und gewinnenden Wesen der jungen Frau gerührt, ergriff

Partei für sie, hielt um ihre Hand an, was dem Vater wie der ganzen

Familie nur gelegen kam, und heirathete sie, nachdem er seinen

Auswanderungsplan aufgegeben hatte. Bald danach, um Martini herum,

übersiedelten Beide hierher, nach Tschechin, und schon am ersten

Advents-Sonntage kam die junge Frau zu mir und sagte, daß sie sich zur

Landeskirche halten und evangelisch getraut sein wolle. Was denn auch

geschah und damals (es geht jetzt ins zehnte Jahr) einen großen Eindruck

auf die Bauern machte. Daß der kleine Gott mit dem Bogen und Pfeil in

dem Leben Beider eine Rolle gespielt hat, ist mir unzweifelhaft, ebenso

daß Beide seinen Versuchungen unterlegen sind. Auch sonst noch, wie

nicht bestritten werden soll, bleiben einige dunkle Punkte, trotzdem es

an anscheinend offenen Bekenntnissen nie gefehlt hat. Aber wie dem auch

sein möge, mir liegt es pflichtmäßig ob zu bezeugen, daß es

wohlanständige Leute sind, die, so lang ich sie kenne, sich gut gehalten

und allzeit in einer christlichen Ehe gelebt haben. Einzelnes, was ihm,

nach der entgegengesetzten Seite hin, vor längrer oder kürzrer Zeit

nachgesagt wurde, mag auf sich beruhn, um so mehr als mir Sittenstolz

und Tugendrichterei von Grund aus verhaßt sind. Die Frau hat meine

besondere Sympathie. Daß sie den alten Aberglauben abgeschworen, hat sie

mir, wie Du begreifen wirst, von Anfang an lieb und werth gemacht.«

Die Wirkung dieses Eccelius'schen Briefes war, daß das Küstriner Gericht

die Sache vorläufig fallen ließ; als demselben aber zur Kenntniß kam,

»daß Nachtwächter Mewissen, nach neuerdings vor Schulze Woytasch

gemachten Aussagen, an jenem Tage, wo das Unglück sich ereignete, so

zwischen fünf und sechs (um die Zeit also, wo das Wetter am tollsten

gewesen) die Frau Hradscheck zwischen den Pappeln an der Mühle gesehn

haben wollte, ganz so wie wenn sie halb verbiestert vom Damm her käme,«

-- da waren die Verdachtsgründe gegen Hradscheck und seine Frau doch

wieder so gewachsen, daß das Gericht einzuschreiten beschloß. Aber

freilich auch jetzt noch unter Vermeidung jedes Eclats, weshalb Vowinkel

an Eccelius, dem er ohnehin noch einen Dankesbrief schuldete, die

folgenden Zeilen richtete:

»Habe Dank, lieber Bruder, für Deinen ausführlichen Brief vom 7. d. M.,

dem ich, soweit er ein Urtheil abgiebt, in meinem Herzen zustimme.

Hradscheck ist ein durchaus netter Kerl, weit über seinen Stand hinaus,

und Du wirst Dich entsinnen, daß er letzten Winter sogar in Vorschlag

war und zwar auf meinen speciellen Antrag. Das alles steht fest. Aber zu

meinem Bedauern will die Geschichte mit dem Polen nicht aus der Welt,

ja, die Verdachtsgründe haben sich gemehrt, seit neuerdings auch euer

Mewissen gesprochen hat. Andrerseits freilich ist immer noch zu wenig

Substanz da, um ohne Weiteres eine Verhaftung eintreten zu lassen,

weßhalb ich vorhabe, die Hradscheck'schen Dienstleute, die doch

schließlich alles am besten wissen müssen, zu vernehmen und von _ihrer_

Aussage mein weiteres Thun oder Nichtthun abhängig zu machen. Unter

allen Umständen aber wollen wir alles, was Aufsehn machen könnte, nach

Möglichkeit vermeiden. Ich treffe morgen gegen 2 in Tschechin ein, fahre

gleich bei Dir vor und bitte Dich Sorge zu tragen, daß ich den Knecht

Jakob sammt den beiden andern Personen, deren Namen ich vergessen, in

Deinem Hause vorfinde.«

* * *

So des Justizraths Brief. Er selbst hielt zu festgesetzter Zeit vor dem

Pfarrhaus und trat in den Flur, auf dem die drei vorgeforderten

Dienstleute schon standen. Vowinkel grüßte sie, sprach, in der Absicht

ihnen Muth zu machen, ein paar freundliche Worte zu jedem und ging dann,

nachdem er sich aus seinem Mantel herausgewickelt, auf Eccelius'

Studirstube zu, darin nicht nur der große schwarze Kachelofen, sondern

auch der wohlarrangirte Kaffeetisch jeden Eintretenden überaus

anheimelnd berühren mußte. Dies war denn auch bei Vowinkel der Fall. Er

wies lachend darauf hin und sagte: »Vortrefflich, Freund. Höchst

einladend. Aber ich denke, wir lassen das bis nachher. Erst das

Geschäftliche. Das Beste wird sein, _Du_ stellst die Fragen und ich

begnüge mich mit der Beisitzer-Rolle. Sie werden Dir unbefangner

antworten als mir.« Dabei nahm er in einem neben dem Ofen stehenden

hohen Lehnstuhle Platz, während Eccelius, auf den Flur hinaus, nach Ede

rief und sich's nun erst, nach Erledigung aller Präliminarien, an seinem

mächtigen Schreibtische bequem machte, dessen großes, zwischen einem

Sand- und einem Tintenfaß stehendes Alabasterkreuz ihn von hinten her

überragte.

Der Gerufene war inzwischen eingetreten und blieb an der Thür stehn. Er

hatte sichtlich sein Bestes gethan, um einen manierlichen Menschen aus

sich zu machen, aber nur mit schwachem Erfolg. Sein brandrothes Haar lag

großentheils blank an den Schläfen, während ihm das Wenige, was ihm

sonst noch verblieben war, nach Art einer Spitzflamme zu Häupten stand.

Am schlimmsten aber waren seine winterlichen Hände, die, wie eine Welt

für sich, aus dem überall zu kurz gewordenen Einsegnungsrock

hervorsahen.

»Ede,« sagte der Pastor freundlich, »Du sollst über Hradscheck und den

Polen aussagen, was Du weißt.«

Der Junge schwieg und zitterte.

»Warum sagst Du nichts? warum zitterst Du?«

»Ick jrul' mi so.«

»Vor wem? Vor uns?«

Ede schüttelte mit dem Kopf.

»Nun, vor wem denn?«

»Vor Hradschecken ...«

Eccelius, der alles zu Gunsten der Hradschecks gewendet zu sehen

wünschte, war mit dieser Aussage wenig zufrieden, nahm sich aber

zusammen und sagte: »Vor Hradscheck. Warum vor Hradscheck? Was ist mit

ihm? Behandelt er Dich schlecht?«

»Nei.«

»Nu wie denn?«

»Ick weet nich ... He is so anners.«

»Nu gut. Anders. Aber das ist nicht genug, Ede. Du mußt uns mehr sagen.

Worin ist er anders? Was thut er? Trinkt er? Oder flucht er? Oder ist er

in Angst?«

»Nei.«

»Nu wie denn? Was denn?«

»Ick weet nich ... He is so anners.«

Es war ersichtlich, daß aus dem eingeschüchterten Jungen nichts weiter

herauszubringen sein würde, weßhalb Vowinkel dem Freunde zublinkte, die

Sache fallen zu lassen. Dieser brach denn auch wirklich ab und sagte:

»Nun, es ist gut, Ede. Geh. Und schicke die Male herein.«

Diese kam und war in ihrem Kopf- und Brusttuch, das sie heute wie

sonntäglich angelegt hatte, kaum wieder zu erkennen. Sie sah klar aus

den Augen, war unbefangen und erklärte, nachdem Eccelius seine Frage

gestellt hatte, daß sie nichts wisse. Sie habe Szulski gar nicht gesehn,

»un ihrst um Klocker vier oder noch en beten danoah« wäre Hradscheck an

ihre Kammerthür gekommen und hätte gesagt, daß sie rasch aufstehn und

Kaffee kochen solle. Das habe sie denn auch gethan, und grad als sie den

Kien gespalten, sei Jakob gekommen und hab' ihr so im Vorübergehn

gesagt, »daß er den Pohlschen geweckt habe; der Pohlsche hab' aber 'nen

Dodenschlaf gehabt und habe gar nich geantwortet. Und da hab' er an die

Dhür gebullert.«

All das erzählte Male hintereinander fort, und als der Pastor zum

Schlusse frug, ob sie nicht noch weiter was wisse, sagte sie: »Nein,

weiter wisse sie nichts, oder man blos noch das Eine, daß die Kanne, wie

sie das Kaffeegeschirr herausgeholt habe, beinah noch ganz voll gewesen

sei. Und sei doch ein gräuliches Wetter gewesen und kalt und naß. Und

wenn sonst einer des Morgens abreise, so tränk' er mehrstens oder

eigentlich immer die Kanne leer, un von Zucker übrig lassen wär' gar

keine Rede nich. Und manche nähmen ihn auch mit. Aber der Pohlsche hätte

keine drei Schluck getrunken, und sei eigentlich alles noch so gewesen,

wie sie's reingebracht habe. Weiter wisse sie nichts.«

Danach ging sie, und der Dritte, der nun kam, war Jakob.

»Nun, Jakob, wie war es?« fragte Eccelius; »Du weißt, um was es sich

handelt. Was Du Malen und mir schon vorher gesagt hast, brauchst Du

nicht zu wiederholen. Du hast ihn geweckt und er hat nicht geantwortet.

Dann ist er die Treppe herunter gekommen und Du hast gesehn, daß er sich

an dem Geländer festhielt, als ob ihm das Gehn in dem Pelz schwer

würde. Nicht wahr, so war es?«

»Joa, Herr Pastor.«

»Und weiter nichts?«

»Nei, wider nix. Un wihr man blot noch, dat he so'n beten lütt utsoah,

un ...«

»Und was?«

»Un dat he so still wihr un seggte keen Wuhrd nich. Un as ick to em

seggen deih: 'Na Adjes, Herr Szulski,' doa wihr he wedder so bummsstill

un nickte man blot so.«

Nach dieser Aussage trat auch Jakob ab und die Pfarrköchin brachte den

Kaffee. Vowinkel nahm eine der Tassen und sagte, während er sich an das

Fensterbrett lehnte: »Ja, Freund, die Sache steht doch schlimmer, als

_Du_ wahr haben möchtest, und fast auch schlimmer als _ich_ erwartete.«

»Mag sein,« erwiderte der Pastor. »Nach meinem Gefühl indeß, das ich

selbstverständlich Deiner besseren Erfahrung unterordne, bedeuten all

diese Dinge gar nichts oder herzlich wenig. Der Junge, wie Du gesehn

hast, konnte vor Angst kaum sprechen, und aus der Köchin Aussage war

doch eigentlich nur das Eine festzustellen, daß es Menschen giebt, die

_viel_, und andre, die _wenig_ Kaffee trinken.«

»Aber Jakob!«

Eccelius lachte. »Ja Jakob. 'He wihr en beten to lütt', das war das

eine, 'un he wihr en beten to still', das war das andre. Willst Du

daraus einen Strick für die Hradschecks drehn?«

»Ich will es nicht, aber ich fürchte, daß ich es muß. Jedenfalls haben

sich die Verdachtsgründe durch das, was ich eben gehört habe, mehr

gemehrt als gemindert, und ein Verfahren gegen den so mannigfach

Belasteten kann nicht länger mehr hinausgeschoben werden. Er muß in

Haft, wär' es auch nur um einer Verdunklung des Thatbestandes

vorzubeugen.«

»Und die Frau?«

»Kann bleiben. Überhaupt werd' ich mich auf das Nöthigste beschränken,

und um auch jetzt noch alles Aufsehen zu vermeiden, hab' ich vor, ihn

auf meinem Wagen, als ob es sich um eine Spazierfahrt handelte, mit nach

Küstrin zu nehmen.«

»Und wenn er nun schuldig ist, wie Du beinah glaubst oder wenigstens für

möglich hältst? Ist Dir eine solche Nachbarschaft nicht einigermaßen

ängstlich?«

Vowinkel lachte. »Man sieht, Eccelius, daß Du kein Kriminalist bist.

Schuld und Muth vertragen sich schlecht zusammen. Alle Schuld lähmt.«

»Nicht immer.«

»Nein, nicht immer. Aber doch meist. Und allemal da, wo das Gesetz schon

über ihr ist.«

Unterm Birnbaum · 第 11 / 25 题