VIII.

Der Wind hielt an, aber der Himmel klärte sich, und bei hellem

Sonnenschein fuhr um Mittag ein Jagdwagen vor dem Tschechiner Gasthause

vor. Es war der Friedrichsauer Amtsrath; Trakehner Rapphengste, der

Kutscher in Livrée. Hradscheck erschien in der Ladenthür und grüßte

respektvoll, fast devot.

»Tag, lieber Hradscheck; bringen Sie mir einen 'Luft' oder lieber gleich

zwei; mein Kutscher wird auch nichts dagegen haben. Nicht wahr, Johann?

Eine wahre Hundekälte. Und dabei diese Sonne.«

Hradscheck verbeugte sich und rief in den Laden hinein: »Zwei

Pfefferminz, Ede; rasch!« und wandte sich dann mit der Frage zurück,

womit er sonst noch dienen könne?

»_Mir_ mit nichts, lieber Hradscheck, aber andren Leuten. Oder

wenigstens der Obrigkeit. Da liegt ein Fuhrwerk unten in der Oder,

wahrscheinlich fehlgefahren und in der Dunkelheit vom Damm gestürzt.«

»Wo, Herr Amtsrath?«

»Hier gleich. Keine tausend Schritt hinter Orth's Mühle.«

»Gott im Himmel, ist es möglich! Aber wollen der Herr Amtsrath nicht

bei Schulze Woytasch mit vorfahren?«

»Kann nicht, Hradscheck; ist mir zu sehr aus der Richt. Der Reitweiner

Graf erwartet mich und habe mich schon verspätet. Und zu helfen ist

ohnehin nicht mehr, soviel hab' ich gesehn. Aber alles muß doch seinen

Schick haben, auch Tod und Unglück. Adieu ... Vorwärts!«

Und damit gab er dem Kutscher einen Tipp auf die Schulter, der seine

Trakehner wieder antrieb und wenigstens einen Versuch machte, trotz der

grundlosen Wege das Versäumte nach Möglichkeit wieder einzubringen.

* * *

Hradscheck machte gleich Lärm und schickte Jakob zu Schulze Woytasch,

während er selbst zu Kunicke hinüber ging, der eben seinen Mittagsschlaf

hielt.

»Stör' Dich nicht gern um diese Zeit, Kunicke; Schlaf ist mir allemal

heilig, und nun gar Deiner! Aber es hilft nichts, wir müssen hinaus. Der

Friedrichsauer Amtsrath war eben da und sagte mir, daß ein Fuhrwerk in

der Oder liege. Mein Gott, wenn es Szulski wäre!«

»Wird wohl,« gähnte Kunicke, dem der Schlaf noch in allen Gliedern

steckte, »wird wohl ... Aber er wollte ja nicht hören, als ich ihm

gestern Abend sagte: 'nicht so früh, Szulski, nicht so früh ...' Denke

doch blos voriges Jahr, wie die Post 'runter fiel und der arme Kerl von

Postillon gleich mausetodt. Und der kannte doch unsern Damm! Und nu

solch Pohlscher, solch Bruder Krakauer. Na, wir werden ja sehn.«

Inzwischen hatte sich Kunicke zurecht gemacht und war erst in hohe

Bruchstiefel und dann in einen dicken graugrünen Flausrock

hineingefahren. Und nun nahm er seine Mütze vom Riegel und einen

Pikenstock aus der Ecke.

»Komm!«

Damit traten er und Hradscheck vom Flur her auf die Treppenrampe hinaus.

Der Wind blies immer stärker, und als Beide, so gut es ging, von oben

her sich umsahen, sahen sie, daß Schulze Woytasch, der schon anderweitig

von dem Unglück gehört haben mußte, die Dorfstraße herunter kam. Er

hatte seine Ponies, brillante kleine Traber, einspannen lassen und fuhr,

aller Polizeiregel zum Trotz, über den aufgeschütteten Gangweg hin, was

er sich als Dorfobrigkeit schon erlauben konnte. Zudem durft' er sich

mit Dringlichkeit entschuldigen. Als er dicht an Kunicke's Rampe heran

war, hielt er und rief Beiden zu: »Wollt auch hinaus? Natürlich. Immer

aufsteigen. Aber rasch.« Und im nächsten Augenblicke ging es auf dem

aufgeschütteten Wege in vollem Trabe weiter, auf Orth's Gehöft und die

Mühle zu. Hradscheck saß vorn neben dem Kutscher, Kunicke neben dem

Schulzen. Das war so Regel und Ordnung, denn ein Bauerngut geht vor

Gasthaus und Kramladen.

Gleich hinter der Mühle begann die langsam und allmählich zum Damm

ansteigende Schrägung. Oben war der Weg etwas besser, aber immer noch

schlecht genug, so daß es sich empfahl, dicht am Dammrand entlang zu

fahren, wo, wegen des weniger aufgeweichten Bodens, die Räder auch

weniger tief einschnitten.

»Paß Achtung,« sagte Woytasch, »sonst liegen wir auch unten.«

Und der Kutscher, dem selber ängstlich sein mochte, lenkte sofort auf

die Mitte des Damms hinüber, trotzdem er hier langsamer fahren mußte.

Sah man von der Fährlichkeit der Situation ab, so war es eine

wundervolle Fahrt und das sich weithin darbietende Bild von einer

gewissen Großartigkeit. Rechtshin grüne Wintersaat, so weit das Auge

reichte, nur mit einzelnen Tümpeln, Häusern und Pappelweiden dazwischen,

zur Linken aber die von Regengüssen hoch angeschwollene Oder, mehr ein

Haff jetzt als ein Strom. Wüthend kam der Südost vom jenseitigen Ufer

herüber und trieb die graugelben Wellen mit solcher Gewalt an den Damm,

daß es wie eine Brandung war. Und in eben dieser Brandung standen

gekröpfte Weiden, nur noch den häßlichen Kopf über dem Wasser, während,

auf der neumärkischen Seite, der blauschwarze Strich einer

Kiefernwaldung in grellem, unheimlichem Sonnenscheine dalag.

Bis dahin war außer des Schulzen Anruf an den Kutscher kein Wort laut

geworden, jetzt aber sagte Hradscheck, indem er sich zu den beiden

hinter ihm Sitzenden umdrehte: »Der Wind wird ihn runter geweht haben.«

»Unsinn!« lachte Woytasch, »Ihr müßt doch sehn, Hradscheck, der Wind

kommt ja von da, von drüben. Wenn _der_ schuld wäre, läg' er hier rechts

vom Damm und nicht nach links hin in der Oder ... Aber seht nur, da

wanken ja schon welche herum und halten sich die Hüte fest. Fahr' zu,

daß wir nicht die Letzten sind.«

Und eine Minute darauf hielten sie gerad an der Stelle, wo das Unglück

sich zugetragen hatte. Wirklich, Orth war schon da, mit ihm ein paar

seiner Mühlknechte, desgleichen Mietzel und Quaas, deren ausgebaute

Gehöfte ganz in der Nähe lagen. Alles begrüßte sich und kletterte dann

gemeinschaftlich den Damm hinunter, um unten genau zu sehen, wie's

stünde. Die Böschung war glatt, aber man hielt sich an dem Werft- und

Weidengestrüpp, das überall stand. Unten angekommen, sah man bestätigt,

was von Anfang an niemand bezweifelt hatte: Szulski's Einspänner lag wie

gekentert im Wasser, das Verdeck nach unten, die Räder nach oben; von

dem Pferde sah man nur dann und wann ein von den Wellen überschäumtes

Stück Hintertheil, während die Scheere, darin es eingespannt gewesen,

wie ein Wahrzeichen aus dem Strom aufragte. Den Mantelsack hatten die

Wellen an den Damm gespült und nur von Szulski selbst ließ sich nichts

entdecken.

»Er ist nach Kienitz hin weggeschwemmt,« sagte Schulze Woytasch. »Aber

weit weg kann er nicht sein; die Brandung geht ja schräg gegen den

Damm.«

Und dabei marschirte man truppweise weiter, von Gestrüpp zu Gestrüpp,

und durchsuchte jede Stelle.

»Der Pelz muß doch oben auf schwimmen.«

»Ja, der Pelz,« lachte Kunicke. »Wenn's blos der Pelz wär'. Aber der

Pohlsche steckt ja drin.«

Es war der Kunicke'sche Trupp, der so plauderte, ganz wie bei

Dachsgraben und Hühnerjagd, während der den andern Trupp führende

Hradscheck mit einem Male rief: »Ah, da ist ja seine Mütze!«

Wirklich, Szulski's Pelzmütze hing an dem kurzen Geäst einer Kropfweide.

»Nun, haben wir _die_,« fuhr Hradscheck fort, »so werden wir ihn auch

selber bald haben.«

»Wenn wir nur ein Boot hätten. Aber es kann hier nicht tief sein, und

wir müssen immer peilen und Grund suchen.«

Und so geschah's auch. Aber alles Messen und Peilen half nichts und es

blieb bei der Mütze, die der eine der beiden Müllerknechte mittlerweile

mit einem Haken herangeholt hatte. Zugleich wurde der Wind immer

schneidender und kälter, so daß Kunicke, der noch von Möckern und

Montmirail her einen Rheumatismus hatte, keine Lust mehr zur Fortsetzung

verspürte. Schulze Woytasch auch nicht.

»Ich werde Gensdarm Geelhaar nach Kienitz und Güstebiese schicken,«

sagte dieser. »Irgendwo muß er doch antreiben. Und dann wollen wir ihm

ein ordentliches Begräbniß machen. Nicht wahr, Hradscheck? Die Hälfte

kann die Gemeinde geben.«

»Und die andre Hälfte geben wir,« setzte Kunicke hinzu. »Denn wir sind

doch eigentlich ein bischen schuld. Oder eigentlich ganz gehörig. Er war

gestern Abend verdammt fißlig und man bloß noch so so. War er denn wohl

kattolsch?«

»Natürlich war er,« sagte Woytasch. »Wenn einer Szulski heißt und aus

Krakau kommt, ist er kattolsch. Aber das schad't nichts. Ich bin für

Aufklärung. Der alte Fritze war auch für Aufklärung. Jeder nach seiner

Façon ...«

»Versteht sich,« sagte Kunicke. »Versteht sich. Und dann am Ende, wir

wissen auch nicht, das heißt, ich meine, so ganz bestimmt wissen wir

nicht, ob er ein Kattolscher war oder nich. Un was man nich weiß, macht

einen nich heiß. Nicht wahr, Quaas?«

»Nein, nein. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Und Quaasen

auch nicht.«

Alle lachten und selbst Hradscheck, der bis dahin eine würdige

Zurückhaltung gezeigt hatte, stimmte mit ein.

Unterm Birnbaum · 第 10 / 25 题