Der Wind hielt an, aber der Himmel klärte sich, und bei hellem
Sonnenschein fuhr um Mittag ein Jagdwagen vor dem Tschechiner Gasthause
vor. Es war der Friedrichsauer Amtsrath; Trakehner Rapphengste, der
Kutscher in Livrée. Hradscheck erschien in der Ladenthür und grüßte
respektvoll, fast devot.
»Tag, lieber Hradscheck; bringen Sie mir einen 'Luft' oder lieber gleich
zwei; mein Kutscher wird auch nichts dagegen haben. Nicht wahr, Johann?
Eine wahre Hundekälte. Und dabei diese Sonne.«
Hradscheck verbeugte sich und rief in den Laden hinein: »Zwei
Pfefferminz, Ede; rasch!« und wandte sich dann mit der Frage zurück,
womit er sonst noch dienen könne?
»_Mir_ mit nichts, lieber Hradscheck, aber andren Leuten. Oder
wenigstens der Obrigkeit. Da liegt ein Fuhrwerk unten in der Oder,
wahrscheinlich fehlgefahren und in der Dunkelheit vom Damm gestürzt.«
»Wo, Herr Amtsrath?«
»Hier gleich. Keine tausend Schritt hinter Orth's Mühle.«
»Gott im Himmel, ist es möglich! Aber wollen der Herr Amtsrath nicht
bei Schulze Woytasch mit vorfahren?«
»Kann nicht, Hradscheck; ist mir zu sehr aus der Richt. Der Reitweiner
Graf erwartet mich und habe mich schon verspätet. Und zu helfen ist
ohnehin nicht mehr, soviel hab' ich gesehn. Aber alles muß doch seinen
Schick haben, auch Tod und Unglück. Adieu ... Vorwärts!«
Und damit gab er dem Kutscher einen Tipp auf die Schulter, der seine
Trakehner wieder antrieb und wenigstens einen Versuch machte, trotz der
grundlosen Wege das Versäumte nach Möglichkeit wieder einzubringen.
* * *
Hradscheck machte gleich Lärm und schickte Jakob zu Schulze Woytasch,
während er selbst zu Kunicke hinüber ging, der eben seinen Mittagsschlaf
hielt.
»Stör' Dich nicht gern um diese Zeit, Kunicke; Schlaf ist mir allemal
heilig, und nun gar Deiner! Aber es hilft nichts, wir müssen hinaus. Der
Friedrichsauer Amtsrath war eben da und sagte mir, daß ein Fuhrwerk in
der Oder liege. Mein Gott, wenn es Szulski wäre!«
»Wird wohl,« gähnte Kunicke, dem der Schlaf noch in allen Gliedern
steckte, »wird wohl ... Aber er wollte ja nicht hören, als ich ihm
gestern Abend sagte: 'nicht so früh, Szulski, nicht so früh ...' Denke
doch blos voriges Jahr, wie die Post 'runter fiel und der arme Kerl von
Postillon gleich mausetodt. Und der kannte doch unsern Damm! Und nu
solch Pohlscher, solch Bruder Krakauer. Na, wir werden ja sehn.«
Inzwischen hatte sich Kunicke zurecht gemacht und war erst in hohe
Bruchstiefel und dann in einen dicken graugrünen Flausrock
hineingefahren. Und nun nahm er seine Mütze vom Riegel und einen
Pikenstock aus der Ecke.
»Komm!«
Damit traten er und Hradscheck vom Flur her auf die Treppenrampe hinaus.
Der Wind blies immer stärker, und als Beide, so gut es ging, von oben
her sich umsahen, sahen sie, daß Schulze Woytasch, der schon anderweitig
von dem Unglück gehört haben mußte, die Dorfstraße herunter kam. Er
hatte seine Ponies, brillante kleine Traber, einspannen lassen und fuhr,
aller Polizeiregel zum Trotz, über den aufgeschütteten Gangweg hin, was
er sich als Dorfobrigkeit schon erlauben konnte. Zudem durft' er sich
mit Dringlichkeit entschuldigen. Als er dicht an Kunicke's Rampe heran
war, hielt er und rief Beiden zu: »Wollt auch hinaus? Natürlich. Immer
aufsteigen. Aber rasch.« Und im nächsten Augenblicke ging es auf dem
aufgeschütteten Wege in vollem Trabe weiter, auf Orth's Gehöft und die
Mühle zu. Hradscheck saß vorn neben dem Kutscher, Kunicke neben dem
Schulzen. Das war so Regel und Ordnung, denn ein Bauerngut geht vor
Gasthaus und Kramladen.
Gleich hinter der Mühle begann die langsam und allmählich zum Damm
ansteigende Schrägung. Oben war der Weg etwas besser, aber immer noch
schlecht genug, so daß es sich empfahl, dicht am Dammrand entlang zu
fahren, wo, wegen des weniger aufgeweichten Bodens, die Räder auch
weniger tief einschnitten.
»Paß Achtung,« sagte Woytasch, »sonst liegen wir auch unten.«
Und der Kutscher, dem selber ängstlich sein mochte, lenkte sofort auf
die Mitte des Damms hinüber, trotzdem er hier langsamer fahren mußte.
Sah man von der Fährlichkeit der Situation ab, so war es eine
wundervolle Fahrt und das sich weithin darbietende Bild von einer
gewissen Großartigkeit. Rechtshin grüne Wintersaat, so weit das Auge
reichte, nur mit einzelnen Tümpeln, Häusern und Pappelweiden dazwischen,
zur Linken aber die von Regengüssen hoch angeschwollene Oder, mehr ein
Haff jetzt als ein Strom. Wüthend kam der Südost vom jenseitigen Ufer
herüber und trieb die graugelben Wellen mit solcher Gewalt an den Damm,
daß es wie eine Brandung war. Und in eben dieser Brandung standen
gekröpfte Weiden, nur noch den häßlichen Kopf über dem Wasser, während,
auf der neumärkischen Seite, der blauschwarze Strich einer
Kiefernwaldung in grellem, unheimlichem Sonnenscheine dalag.
Bis dahin war außer des Schulzen Anruf an den Kutscher kein Wort laut
geworden, jetzt aber sagte Hradscheck, indem er sich zu den beiden
hinter ihm Sitzenden umdrehte: »Der Wind wird ihn runter geweht haben.«
»Unsinn!« lachte Woytasch, »Ihr müßt doch sehn, Hradscheck, der Wind
kommt ja von da, von drüben. Wenn _der_ schuld wäre, läg' er hier rechts
vom Damm und nicht nach links hin in der Oder ... Aber seht nur, da
wanken ja schon welche herum und halten sich die Hüte fest. Fahr' zu,
daß wir nicht die Letzten sind.«
Und eine Minute darauf hielten sie gerad an der Stelle, wo das Unglück
sich zugetragen hatte. Wirklich, Orth war schon da, mit ihm ein paar
seiner Mühlknechte, desgleichen Mietzel und Quaas, deren ausgebaute
Gehöfte ganz in der Nähe lagen. Alles begrüßte sich und kletterte dann
gemeinschaftlich den Damm hinunter, um unten genau zu sehen, wie's
stünde. Die Böschung war glatt, aber man hielt sich an dem Werft- und
Weidengestrüpp, das überall stand. Unten angekommen, sah man bestätigt,
was von Anfang an niemand bezweifelt hatte: Szulski's Einspänner lag wie
gekentert im Wasser, das Verdeck nach unten, die Räder nach oben; von
dem Pferde sah man nur dann und wann ein von den Wellen überschäumtes
Stück Hintertheil, während die Scheere, darin es eingespannt gewesen,
wie ein Wahrzeichen aus dem Strom aufragte. Den Mantelsack hatten die
Wellen an den Damm gespült und nur von Szulski selbst ließ sich nichts
entdecken.
»Er ist nach Kienitz hin weggeschwemmt,« sagte Schulze Woytasch. »Aber
weit weg kann er nicht sein; die Brandung geht ja schräg gegen den
Damm.«
Und dabei marschirte man truppweise weiter, von Gestrüpp zu Gestrüpp,
und durchsuchte jede Stelle.
»Der Pelz muß doch oben auf schwimmen.«
»Ja, der Pelz,« lachte Kunicke. »Wenn's blos der Pelz wär'. Aber der
Pohlsche steckt ja drin.«
Es war der Kunicke'sche Trupp, der so plauderte, ganz wie bei
Dachsgraben und Hühnerjagd, während der den andern Trupp führende
Hradscheck mit einem Male rief: »Ah, da ist ja seine Mütze!«
Wirklich, Szulski's Pelzmütze hing an dem kurzen Geäst einer Kropfweide.
»Nun, haben wir _die_,« fuhr Hradscheck fort, »so werden wir ihn auch
selber bald haben.«
»Wenn wir nur ein Boot hätten. Aber es kann hier nicht tief sein, und
wir müssen immer peilen und Grund suchen.«
Und so geschah's auch. Aber alles Messen und Peilen half nichts und es
blieb bei der Mütze, die der eine der beiden Müllerknechte mittlerweile
mit einem Haken herangeholt hatte. Zugleich wurde der Wind immer
schneidender und kälter, so daß Kunicke, der noch von Möckern und
Montmirail her einen Rheumatismus hatte, keine Lust mehr zur Fortsetzung
verspürte. Schulze Woytasch auch nicht.
»Ich werde Gensdarm Geelhaar nach Kienitz und Güstebiese schicken,«
sagte dieser. »Irgendwo muß er doch antreiben. Und dann wollen wir ihm
ein ordentliches Begräbniß machen. Nicht wahr, Hradscheck? Die Hälfte
kann die Gemeinde geben.«
»Und die andre Hälfte geben wir,« setzte Kunicke hinzu. »Denn wir sind
doch eigentlich ein bischen schuld. Oder eigentlich ganz gehörig. Er war
gestern Abend verdammt fißlig und man bloß noch so so. War er denn wohl
kattolsch?«
»Natürlich war er,« sagte Woytasch. »Wenn einer Szulski heißt und aus
Krakau kommt, ist er kattolsch. Aber das schad't nichts. Ich bin für
Aufklärung. Der alte Fritze war auch für Aufklärung. Jeder nach seiner
Façon ...«
»Versteht sich,« sagte Kunicke. »Versteht sich. Und dann am Ende, wir
wissen auch nicht, das heißt, ich meine, so ganz bestimmt wissen wir
nicht, ob er ein Kattolscher war oder nich. Un was man nich weiß, macht
einen nich heiß. Nicht wahr, Quaas?«
»Nein, nein. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Und Quaasen
auch nicht.«
Alle lachten und selbst Hradscheck, der bis dahin eine würdige
Zurückhaltung gezeigt hatte, stimmte mit ein.