Es war Ende November, als an einem naßkalten Abende der von der Krakauer
Firma angekündigte Reisende vor Hradscheck's Gasthof vorfuhr. Er kam von
Küstrin und hatte sich um ein paar Stunden verspätet, weil die vom Regen
aufgeweichten Bruchwege beinah unpassirbar gewesen waren, am meisten im
Dorfe selbst. Noch die letzten dreihundert Schritt von der Orth'schen
Windmühle her hatten ein gut Stück Zeit gekostet, weil das ermüdete
Pferd mitunter stehen blieb und trotz allem Fluchen nicht weiter wollte.
Jetzt aber hielt der Reisende vor der Ladenthür, durch deren trübe
Scheiben ein Lichtschein auf den Damm fiel, und knipste mit der
Peitsche.
»Halloh; Wirthschaft!«
Eine Weile verging, ohne daß wer kam. Endlich erschien der Ladenjunge,
lief aber, als er den Tritt heruntergeklappt hatte, gleich wieder weg,
»weil er den Knecht, den Jakob, rufen wolle.«
»Gut, gut. Aber flink ... Is das ein Hundewetter!«
Unter solchen und ähnlichen Ausrufungen schlug der jetzt wieder allein
gelassene Reisende das Schutzleder zurück, hing den Zügel in den
freigewordenen Haken und kletterte, halb erstarrt und unter Vermeidung
des Tritts, dem er nicht recht zu trauen schien, über das Rad weg auf
eine leidlich trockene, grad' vor dem Laden-Eingange durch Aufschüttung
von Müll und Schutt hergerichtete Stelle. Wolfsschur und Pelzmütze
hatten ihm Kopf und Leib geschützt, aber die Füße waren wie todt, und er
stampfte hin und her, um wieder Leben ins Blut zu bringen.
Und jetzt erschien auch Jakob, der den Reisenden schon von früher her
kannte.
»Jott, Herr Szulski, bi so'n Wetter! Un so'ne Weg'! I, doa kümmt joa
keen Düwel nich.«
»Aber ich,« lachte Szulski.
»Joa, blot _Se_, Herr Szulski. Na, nu geihen's man in de Stuw'. Un dat
Fellisen besorg' ick. Un will ook glieks en beten wat inböten. Ick weet
joa: de Giebelstuw, de geele, de noah de Kegelboahn to.«
Während er noch so sprach, hatte Jakob den Koffer auf die Schulter
genommen und ging, dem Reisenden vorauf, auf die Treppe zu; als er aber
sah, daß Szulski, statt nach links hin in den Laden, nach rechts hin in
das Hradscheck'sche Wohnzimmer eintreten wollte, wandt' er sich wieder
und sagte: »Nei, nich doa, Herr Szulski. Hradscheck is in de Wienstuw
... Se weeten joa.«
»Sind denn Gäste da?«
»Versteiht sich. Wat arme Lüd' sinn, na, de bliewen to Huus, awers
Oll-Kunicke kümmt, un denn kümmt Orth ook. Un wenn Orth kümmt, denn
kümmt ook Quaas un Mietzel. Geihen's man in. Se tempeln all wedder.«
* * *
Eine Stunde später war der Reisende, Herr Szulski, der eigentlich ein
einfacher Schulz aus Beuthen in Oberschlesien war und den National-Polen
erst mit dem polnischen Sammtrock sammt Schnüren und Knebelknöpfen
angezogen hatte, der Mittelpunkt der kleinen, auch heute wieder in der
Weinstube versammelten Tafelrunde. Das Geschäftliche war in Gegenwart
von Quaas und Kunicke rasch abgemacht und die hochaufgelaufene
Schuldsumme, ganz wie gewollt, durch Baarzahlung und kleine Wechsel
beglichen worden, was dem Pseudo-Polen, der eine so rasche Regulirung
kaum erwartet haben mochte, Veranlassung gab, einiges von dem von seiner
Firma gelieferten Ruster bringen zu lassen.
»Ich kenne die Jahrgänge, meine Herren, und bitt' um die Ehr'.«
Die Bauern stutzten einen Augenblick, sich so zu Gaste geladen zu sehen,
aber sich rasch erinnernd, daß einige von ihnen bis ganz vor Kurzem noch
zu den Kunden der Krakauer Firma gehört hatten, sahen sie das Anerbieten
schließlich als einen bloßen Geschäftsakt an, den man sich gefallen
lassen könne. Was aber den Ausschlag gab, war, daß man durchaus von dem
eben beendigten polnischen Aufstand hören wollte, von Diebitsch und
Paskewitsch, und vor allem, ob es nicht bald wieder losgehe.
Szulski, wenn irgendwer, mußte davon wissen.
Als er das vorige Mal in ihrer Mitte weilte, war es ein paar Wochen vor
Ausbruch der Insurrektion gewesen. Alles, was er damals als nahe
bevorstehend prophezeit hatte, war eingetroffen und lag jetzt zurück,
Ostrolenka war geschlagen und Warschau gestürmt, welchem Sturme der
zufällig in der Hauptstadt anwesende Szulski zum Mindesten als
Augenzeuge, vielleicht auch als Mitkämpfer (er ließ dies vorsichtig im
Dunkel) beigewohnt hatte. Das alles traf sich trefflich für unsere
Tschechiner, und Szulski, der als guter Weinreisender natürlich auch ein
guter Erzähler war, schwelgte förmlich in Schilderung der polnischen
Heldenthaten, wie nicht minder in Schilderung der Grausamkeiten, deren
sich die Russen schuldig gemacht hatten. Eine Haus-Erstürmung in der
Dlugastraße, just da, wo diese mit ihren zwei schmalen Ausläufern die
Weichsel berührt, war dabei sein Paradepferd.
»Wie hieß die Straße?« fragte Mietzel, der nach Art aller verquienten
Leute bei Kriegsgeschichten immer hochroth wurde.
»Dlugastraße,« wiederholte Szulski mit einer gewissen gekünstelten Ruhe.
»Dluga, Herr Mietzel. Und das Eckhaus, um das es sich in meiner
Geschichte handelt, stand dicht an der Weichsel, der Vorstadt Praga
grad' gegenüber, und war von unseren Akademikern und Polytechnikern
besetzt, das heißt von den Wenigen, die von ihnen noch übrig waren, denn
die meisten lagen längst draußen auf dem Ehrenfelde. Gleichviel indeß,
was von ihnen noch lebte, das steckte jetzt in dem vier Etagen hohen
Hause, von Treppe zu Treppe bis unters Dach. Auf dem abgedeckten Dach
aber befanden sich Frauen und Kinder, die sich hier hinter Balkenlagen
verschanzt und mit herangeschleppten Steinen bewaffnet hatten. Als nun
die Russen, es war das Regiment Kaluga, bis dicht heran waren, rührten
sie die Trommel zum Angriff. Und so stürmten sie dreimal, immer umsonst,
immer mit schwerem Verlust, so dicht fiel der Steinhagel auf sie nieder.
Aber das vierte Mal kamen sie bis an die verrammelte Thür, stießen sie
mit Kolben ein und sprangen die Treppe hinauf. Immer höher zogen sich
unsere Tapferen zurück, bis sie zuletzt, mit den Frauen und Kindern und
im bunten Durcheinander mit diesen, auf dem abgedeckten Dache standen.
Da sah ich jeden Einzelnen so deutlich vor mir, wie ich _Sie_ jetzt
sehe, Bauer Mietzel« -- dieser fuhr zurück -- »denn ich hatte meine
Wohnung in dem Hause gegenüber und sah, wie sie die Konfederatka
schwenkten, und hörte, wie sie unser Lied sangen: 'Noch ist Polen nicht
verloren.' Und bei meiner Ehre, _hier_, an dieser Stelle, hätten sie
sich trotz aller Übermacht des Feindes gehalten, wenn nicht plötzlich,
von der Seite her, ein Hämmern und Schlagen hörbar geworden wäre, ein
Hämmern und Schlagen sag' ich, wie von Äxten und Beilen.«
»Wie? Was? Von Äxten und Beilen?« wiederholte Mietzel, dem sein bischen
Haar nachgerade zu Berge stand. »Was war es?«
»Ja, was war es? Vom Nachbarhause her ging man vor; jetzt war ein Loch
da, jetzt eine Bresche, und durch die Bresche hin drang das russische
Regiment auf den Dachboden vor. Was ich da gesehen habe, spottet jeder
Beschreibung. Wer einfach niedergeschossen wurde, konnte von Glück
sagen, die meisten aber wurden durch einen Bajonettstoß auf die Straße
geschleudert. Es war ein Graus, meine Herren. Eine Frau wartete das
Massacre, ja, vielleicht Schimpf und Entehrung (denn dergleichen ist
vorgekommen) nicht erst ab; sie nahm ihre beiden Kinder an die Hand und
stürzte sich mit ihnen in den Fluß.«
»Alle Wetter,« sagte Kunicke, »das ist stark! Ich habe doch auch ein
Stück Krieg mitgemacht und weiß wohl, wo man Holz fällt, fallen Spähne.
So war es bei Möckern, und ich sehe noch unsren alten Krosigk, wie der
den Marinekaptän über den Haufen stach, und wie dann das Kolbenschlagen
losging, bis alle dalagen. Aber Frauen und Kinder! Alle Wetter, Szulski,
das ist scharf. Is es denn auch wahr?«
»Ob es wahr ist? Verzeihung, ich bin kein Aufschneider, Herr Kunicke.
Kein Pole schneidet auf, das verachtet er. Und ich auch. Aber was ich
gesehn habe, das hab' ich gesehn, und eine Thatsache bleibt eine
Thatsache, sie sei wie sie sei. Die Dame, die da herunter sprang (und
ich schwör' Ihnen, meine Herren, es _war_ eine Dame), war eine schöne
Frau, keine 36, und so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich hätt' ihr was
Bessres gewünscht, als diese naßkalte Weichsel.«
Kunicke schmunzelte, während der neben anderen Schwächen und Leiden auch
an einer Liebesader leidende Mietzel nicht umhin konnte, seiner nervösen
Erregtheit plötzlich eine ganz neue Richtung zu geben. Szulski selbst
aber war viel zu sehr von sich und seiner Geschichte durchdrungen, um
nebenher noch zu Zweideutigkeiten Zeit zu haben, und fuhr, ohne sich
stören zu lassen, fort: »Eine schöne Frau, sagt' ich, und hingemordet.
Und was das Schlimmste dabei, nicht hingemordet durch den Feind, nein,
durch uns selbst; hingemordet, weil wir verrathen waren. Hätte man uns
freie Hand gelassen, kein Russe wäre je über die Weichsel gekommen. Das
Volk war gut, Bürger und Bauer waren gut, alles einig, alles da mit Gut
und Blut. Aber der Adel! Der Adel hat uns um dreißig Silberlinge
verschachert, bloß weil er an sein Geld und seine Güter dachte. Und wenn
der Mensch erst an sein Geld denkt, ist er verloren.«
»Kann ich nicht zugeben,« sagte Kunicke. »Jeder denkt an sein Geld. Alle
Wetter, Szulski, das sollt' unsrem Hradscheck schon gefallen, wenn der
Reisende von Olszewski-Goldschmidt und Sohn alle November hier
vorspräch' und nie an Geld dächte. Nicht wahr, Hradscheck, da ließe sich
bald auf einen grünen Zweig kommen und brauchte keine Schwester oder
Schwägerin zu sterben und keine Erbschaft ausgezahlt zu werden.«
»Ah, Erbschaft,« wiederholte Szulski. »So, so; daher. Nun, gratulire.
Habe neulich auch einen Brocken geerbt und in Lemberg angelegt. Lemberg
ist besser als Krakau. Ja, das muß wahr sein, Erbschaft ist die beste
Art zu Gelde zu kommen, die beste und eigentlich auch die
anständigste ...«
»Und namentlich auch die leichteste,« bestätigte Kunicke. »Ja, das liebe
Geld. Und wenn's viel ist, das heißt _sehr_ viel, dann darf man auch
dran denken! Nicht wahr, Szulski?«
»Natürlich,« lachte dieser. »Natürlich, wenn's viel ist. Aber, Bauer
Kunicke, denken und denken ist ein Unterschied. Man muß _wissen_, daß
man's hat, soviel ist richtig, das ist gut und ein angenehmes Gefühl und
stört nicht ...«
»Nein, nein, stört nicht.«
»Aber, meine Herren, ich muß es wiederholen, denken und denken ist ein
Unterschied. An Geld _immer_ denken, bei Tag und bei Nacht, das ist
soviel, wie sich immer drum ängstigen. Und ängstigen soll man sich
nicht. Wer auf Reisen ist und immer an seine Frau denkt, der ängstigt
sich um seine Frau.«
»Freilich,« schrie Kunicke. »Quaas ängstigt sich auch immer.«
Alle lachten unbändig, und nur Szulski selbst, der auch darin durchaus
Anekdoten- und Geschichten-Erzähler von Fach war, daß er sich nicht gern
unterbrechen ließ, fuhr mit allem erdenklichen Ernste fort: »Und wie mit
der Frau, meine Herren, so mit dem Geld. Nur nicht ängstlich; haben muß
man's, aber man muß nicht ewig daran denken. Oft muß ich lachen, wenn
ich so sehe, wie der oder jener im Postwagen oder an der Table d'hôte
mit einem Male nach seiner Brieftasche faßt, 'ob er's auch noch hat'.
Und dann athmet er auf und ist ganz roth geworden. Das ist immer
lächerlich und schadet blos. Und auch das Einnähen hilft nichts, das ist
ebenso dumm. Ist der Rock weg, ist auch das Geld weg. Aber was man auf
seinem Leibe hat, das hat man. All die andern Vorsichten sind Unsinn.«
»Recht so,« sagte Hradscheck. »So mach' ich's auch. Aber wir sind bei
dem Geld und dem Einnähen ganz von Polen abgekommen. Ist es denn wahr,
Szulski, daß sie Diebitschen vergiftet haben?«
»Versteht sich, es ist wahr.«
»Und die Geschichte mit den elf Talglichten auch? Auch wahr?«
»Alles wahr,« wiederholte Szulski. »Daran ist kein Zweifel. Und es kam
so. Constantin wollte die Polen ärgern, weil sie gesagt hatten, die
Russen fräßen bloß Talg. Und da ließ er, als er eines Tages elf Polen
eingeladen hatte, zum Dessert elf Talglichte herumreichen, das zwölfte
aber war von Marzipan und natürlich für ihn. Und versteht sich nahm er
immer zuerst, dafür war er Großfürst und Vicekönig. Aber das eine Mal
vergriff er sich doch und da hat er's runter würgen müssen.«
»Wird nicht sehr glatt gegangen sein.«
»Gewiß nicht ... Aber, Ihr Herren, kennt Ihr denn schon das neue
Polenlied, das sie jetzt singen?«
»Denkst Du daran -- --«
»Nein, das ist alt. Ein neues.«
»Und heißt?«
»Die letzten Zehn vom vierten Regiment ... Wollt Ihr's hören? Soll ich
es singen?«
»Freilich.«
»Aber Ihr müßt einfallen ...«
»Versteht sich, versteht sich.«
Und nun sang Szulski, nachdem er sich geräuspert hatte:
Zu Warschau schwuren tausend auf den Knieen:
Kein Schuß im heil'gen Kampfe sei gethan,
Tambour schlag' an, zum Blachfeld laßt uns ziehen,
Wir greifen nur mit Bajonetten an!
Und ewig kennt das Vaterland und nennt
Mit stillem Schmerz sein _viertes_ Regiment.
»Einfallen! Chorus.« »Weiter, Szulski, weiter.«
Ade, ihr Brüder, die zu Tod getroffen
An unsrer Seite dort wir stürzen sahn,
Wir leben noch, die Wunden stehen offen
Und um die Heimath ewig ist's gethan;
Herr Gott im Himmel, schenk' ein gnädig End'
Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.
Chorus:
»Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.«
Alles jubelte. Dem alten Quaas aber traten seine schon von Natur
vorstehenden Augen immer mehr aus dem Kopf.
»Wenn ihn jetzt seine Frau sähe,« rief Kunicke.
»Da hätt' er Oberwasser.«
»Ja, ja.«
Und nun stieß man an und ließ die Polen leben. Nur Kunicke, der an
#anno# 13 dachte, weigerte sich und trank auf die Russen. Und zuletzt
auch auf Quaas und Kätzchen.
Mietzel aber war ganz übermüthig und halb wie verdreht geworden und
sang, als er Kätzchens Namen hörte, mit einem Male:
»Nicht mal seiner eignen Frau,
Kätzchen weiß es ganz genau.
Miau.«
Quaas sah verlegen vor sich hin. Niemand indessen dachte mehr an
Übelnehmen.
Und nun wurde der Ladenjunge gerufen, um neue Flaschen zu bringen.