V.

Es war Ende November, als an einem naßkalten Abende der von der Krakauer

Firma angekündigte Reisende vor Hradscheck's Gasthof vorfuhr. Er kam von

Küstrin und hatte sich um ein paar Stunden verspätet, weil die vom Regen

aufgeweichten Bruchwege beinah unpassirbar gewesen waren, am meisten im

Dorfe selbst. Noch die letzten dreihundert Schritt von der Orth'schen

Windmühle her hatten ein gut Stück Zeit gekostet, weil das ermüdete

Pferd mitunter stehen blieb und trotz allem Fluchen nicht weiter wollte.

Jetzt aber hielt der Reisende vor der Ladenthür, durch deren trübe

Scheiben ein Lichtschein auf den Damm fiel, und knipste mit der

Peitsche.

»Halloh; Wirthschaft!«

Eine Weile verging, ohne daß wer kam. Endlich erschien der Ladenjunge,

lief aber, als er den Tritt heruntergeklappt hatte, gleich wieder weg,

»weil er den Knecht, den Jakob, rufen wolle.«

»Gut, gut. Aber flink ... Is das ein Hundewetter!«

Unter solchen und ähnlichen Ausrufungen schlug der jetzt wieder allein

gelassene Reisende das Schutzleder zurück, hing den Zügel in den

freigewordenen Haken und kletterte, halb erstarrt und unter Vermeidung

des Tritts, dem er nicht recht zu trauen schien, über das Rad weg auf

eine leidlich trockene, grad' vor dem Laden-Eingange durch Aufschüttung

von Müll und Schutt hergerichtete Stelle. Wolfsschur und Pelzmütze

hatten ihm Kopf und Leib geschützt, aber die Füße waren wie todt, und er

stampfte hin und her, um wieder Leben ins Blut zu bringen.

Und jetzt erschien auch Jakob, der den Reisenden schon von früher her

kannte.

»Jott, Herr Szulski, bi so'n Wetter! Un so'ne Weg'! I, doa kümmt joa

keen Düwel nich.«

»Aber ich,« lachte Szulski.

»Joa, blot _Se_, Herr Szulski. Na, nu geihen's man in de Stuw'. Un dat

Fellisen besorg' ick. Un will ook glieks en beten wat inböten. Ick weet

joa: de Giebelstuw, de geele, de noah de Kegelboahn to.«

Während er noch so sprach, hatte Jakob den Koffer auf die Schulter

genommen und ging, dem Reisenden vorauf, auf die Treppe zu; als er aber

sah, daß Szulski, statt nach links hin in den Laden, nach rechts hin in

das Hradscheck'sche Wohnzimmer eintreten wollte, wandt' er sich wieder

und sagte: »Nei, nich doa, Herr Szulski. Hradscheck is in de Wienstuw

... Se weeten joa.«

»Sind denn Gäste da?«

»Versteiht sich. Wat arme Lüd' sinn, na, de bliewen to Huus, awers

Oll-Kunicke kümmt, un denn kümmt Orth ook. Un wenn Orth kümmt, denn

kümmt ook Quaas un Mietzel. Geihen's man in. Se tempeln all wedder.«

* * *

Eine Stunde später war der Reisende, Herr Szulski, der eigentlich ein

einfacher Schulz aus Beuthen in Oberschlesien war und den National-Polen

erst mit dem polnischen Sammtrock sammt Schnüren und Knebelknöpfen

angezogen hatte, der Mittelpunkt der kleinen, auch heute wieder in der

Weinstube versammelten Tafelrunde. Das Geschäftliche war in Gegenwart

von Quaas und Kunicke rasch abgemacht und die hochaufgelaufene

Schuldsumme, ganz wie gewollt, durch Baarzahlung und kleine Wechsel

beglichen worden, was dem Pseudo-Polen, der eine so rasche Regulirung

kaum erwartet haben mochte, Veranlassung gab, einiges von dem von seiner

Firma gelieferten Ruster bringen zu lassen.

»Ich kenne die Jahrgänge, meine Herren, und bitt' um die Ehr'.«

Die Bauern stutzten einen Augenblick, sich so zu Gaste geladen zu sehen,

aber sich rasch erinnernd, daß einige von ihnen bis ganz vor Kurzem noch

zu den Kunden der Krakauer Firma gehört hatten, sahen sie das Anerbieten

schließlich als einen bloßen Geschäftsakt an, den man sich gefallen

lassen könne. Was aber den Ausschlag gab, war, daß man durchaus von dem

eben beendigten polnischen Aufstand hören wollte, von Diebitsch und

Paskewitsch, und vor allem, ob es nicht bald wieder losgehe.

Szulski, wenn irgendwer, mußte davon wissen.

Als er das vorige Mal in ihrer Mitte weilte, war es ein paar Wochen vor

Ausbruch der Insurrektion gewesen. Alles, was er damals als nahe

bevorstehend prophezeit hatte, war eingetroffen und lag jetzt zurück,

Ostrolenka war geschlagen und Warschau gestürmt, welchem Sturme der

zufällig in der Hauptstadt anwesende Szulski zum Mindesten als

Augenzeuge, vielleicht auch als Mitkämpfer (er ließ dies vorsichtig im

Dunkel) beigewohnt hatte. Das alles traf sich trefflich für unsere

Tschechiner, und Szulski, der als guter Weinreisender natürlich auch ein

guter Erzähler war, schwelgte förmlich in Schilderung der polnischen

Heldenthaten, wie nicht minder in Schilderung der Grausamkeiten, deren

sich die Russen schuldig gemacht hatten. Eine Haus-Erstürmung in der

Dlugastraße, just da, wo diese mit ihren zwei schmalen Ausläufern die

Weichsel berührt, war dabei sein Paradepferd.

»Wie hieß die Straße?« fragte Mietzel, der nach Art aller verquienten

Leute bei Kriegsgeschichten immer hochroth wurde.

»Dlugastraße,« wiederholte Szulski mit einer gewissen gekünstelten Ruhe.

»Dluga, Herr Mietzel. Und das Eckhaus, um das es sich in meiner

Geschichte handelt, stand dicht an der Weichsel, der Vorstadt Praga

grad' gegenüber, und war von unseren Akademikern und Polytechnikern

besetzt, das heißt von den Wenigen, die von ihnen noch übrig waren, denn

die meisten lagen längst draußen auf dem Ehrenfelde. Gleichviel indeß,

was von ihnen noch lebte, das steckte jetzt in dem vier Etagen hohen

Hause, von Treppe zu Treppe bis unters Dach. Auf dem abgedeckten Dach

aber befanden sich Frauen und Kinder, die sich hier hinter Balkenlagen

verschanzt und mit herangeschleppten Steinen bewaffnet hatten. Als nun

die Russen, es war das Regiment Kaluga, bis dicht heran waren, rührten

sie die Trommel zum Angriff. Und so stürmten sie dreimal, immer umsonst,

immer mit schwerem Verlust, so dicht fiel der Steinhagel auf sie nieder.

Aber das vierte Mal kamen sie bis an die verrammelte Thür, stießen sie

mit Kolben ein und sprangen die Treppe hinauf. Immer höher zogen sich

unsere Tapferen zurück, bis sie zuletzt, mit den Frauen und Kindern und

im bunten Durcheinander mit diesen, auf dem abgedeckten Dache standen.

Da sah ich jeden Einzelnen so deutlich vor mir, wie ich _Sie_ jetzt

sehe, Bauer Mietzel« -- dieser fuhr zurück -- »denn ich hatte meine

Wohnung in dem Hause gegenüber und sah, wie sie die Konfederatka

schwenkten, und hörte, wie sie unser Lied sangen: 'Noch ist Polen nicht

verloren.' Und bei meiner Ehre, _hier_, an dieser Stelle, hätten sie

sich trotz aller Übermacht des Feindes gehalten, wenn nicht plötzlich,

von der Seite her, ein Hämmern und Schlagen hörbar geworden wäre, ein

Hämmern und Schlagen sag' ich, wie von Äxten und Beilen.«

»Wie? Was? Von Äxten und Beilen?« wiederholte Mietzel, dem sein bischen

Haar nachgerade zu Berge stand. »Was war es?«

»Ja, was war es? Vom Nachbarhause her ging man vor; jetzt war ein Loch

da, jetzt eine Bresche, und durch die Bresche hin drang das russische

Regiment auf den Dachboden vor. Was ich da gesehen habe, spottet jeder

Beschreibung. Wer einfach niedergeschossen wurde, konnte von Glück

sagen, die meisten aber wurden durch einen Bajonettstoß auf die Straße

geschleudert. Es war ein Graus, meine Herren. Eine Frau wartete das

Massacre, ja, vielleicht Schimpf und Entehrung (denn dergleichen ist

vorgekommen) nicht erst ab; sie nahm ihre beiden Kinder an die Hand und

stürzte sich mit ihnen in den Fluß.«

»Alle Wetter,« sagte Kunicke, »das ist stark! Ich habe doch auch ein

Stück Krieg mitgemacht und weiß wohl, wo man Holz fällt, fallen Spähne.

So war es bei Möckern, und ich sehe noch unsren alten Krosigk, wie der

den Marinekaptän über den Haufen stach, und wie dann das Kolbenschlagen

losging, bis alle dalagen. Aber Frauen und Kinder! Alle Wetter, Szulski,

das ist scharf. Is es denn auch wahr?«

»Ob es wahr ist? Verzeihung, ich bin kein Aufschneider, Herr Kunicke.

Kein Pole schneidet auf, das verachtet er. Und ich auch. Aber was ich

gesehn habe, das hab' ich gesehn, und eine Thatsache bleibt eine

Thatsache, sie sei wie sie sei. Die Dame, die da herunter sprang (und

ich schwör' Ihnen, meine Herren, es _war_ eine Dame), war eine schöne

Frau, keine 36, und so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich hätt' ihr was

Bessres gewünscht, als diese naßkalte Weichsel.«

Kunicke schmunzelte, während der neben anderen Schwächen und Leiden auch

an einer Liebesader leidende Mietzel nicht umhin konnte, seiner nervösen

Erregtheit plötzlich eine ganz neue Richtung zu geben. Szulski selbst

aber war viel zu sehr von sich und seiner Geschichte durchdrungen, um

nebenher noch zu Zweideutigkeiten Zeit zu haben, und fuhr, ohne sich

stören zu lassen, fort: »Eine schöne Frau, sagt' ich, und hingemordet.

Und was das Schlimmste dabei, nicht hingemordet durch den Feind, nein,

durch uns selbst; hingemordet, weil wir verrathen waren. Hätte man uns

freie Hand gelassen, kein Russe wäre je über die Weichsel gekommen. Das

Volk war gut, Bürger und Bauer waren gut, alles einig, alles da mit Gut

und Blut. Aber der Adel! Der Adel hat uns um dreißig Silberlinge

verschachert, bloß weil er an sein Geld und seine Güter dachte. Und wenn

der Mensch erst an sein Geld denkt, ist er verloren.«

»Kann ich nicht zugeben,« sagte Kunicke. »Jeder denkt an sein Geld. Alle

Wetter, Szulski, das sollt' unsrem Hradscheck schon gefallen, wenn der

Reisende von Olszewski-Goldschmidt und Sohn alle November hier

vorspräch' und nie an Geld dächte. Nicht wahr, Hradscheck, da ließe sich

bald auf einen grünen Zweig kommen und brauchte keine Schwester oder

Schwägerin zu sterben und keine Erbschaft ausgezahlt zu werden.«

»Ah, Erbschaft,« wiederholte Szulski. »So, so; daher. Nun, gratulire.

Habe neulich auch einen Brocken geerbt und in Lemberg angelegt. Lemberg

ist besser als Krakau. Ja, das muß wahr sein, Erbschaft ist die beste

Art zu Gelde zu kommen, die beste und eigentlich auch die

anständigste ...«

»Und namentlich auch die leichteste,« bestätigte Kunicke. »Ja, das liebe

Geld. Und wenn's viel ist, das heißt _sehr_ viel, dann darf man auch

dran denken! Nicht wahr, Szulski?«

»Natürlich,« lachte dieser. »Natürlich, wenn's viel ist. Aber, Bauer

Kunicke, denken und denken ist ein Unterschied. Man muß _wissen_, daß

man's hat, soviel ist richtig, das ist gut und ein angenehmes Gefühl und

stört nicht ...«

»Nein, nein, stört nicht.«

»Aber, meine Herren, ich muß es wiederholen, denken und denken ist ein

Unterschied. An Geld _immer_ denken, bei Tag und bei Nacht, das ist

soviel, wie sich immer drum ängstigen. Und ängstigen soll man sich

nicht. Wer auf Reisen ist und immer an seine Frau denkt, der ängstigt

sich um seine Frau.«

»Freilich,« schrie Kunicke. »Quaas ängstigt sich auch immer.«

Alle lachten unbändig, und nur Szulski selbst, der auch darin durchaus

Anekdoten- und Geschichten-Erzähler von Fach war, daß er sich nicht gern

unterbrechen ließ, fuhr mit allem erdenklichen Ernste fort: »Und wie mit

der Frau, meine Herren, so mit dem Geld. Nur nicht ängstlich; haben muß

man's, aber man muß nicht ewig daran denken. Oft muß ich lachen, wenn

ich so sehe, wie der oder jener im Postwagen oder an der Table d'hôte

mit einem Male nach seiner Brieftasche faßt, 'ob er's auch noch hat'.

Und dann athmet er auf und ist ganz roth geworden. Das ist immer

lächerlich und schadet blos. Und auch das Einnähen hilft nichts, das ist

ebenso dumm. Ist der Rock weg, ist auch das Geld weg. Aber was man auf

seinem Leibe hat, das hat man. All die andern Vorsichten sind Unsinn.«

»Recht so,« sagte Hradscheck. »So mach' ich's auch. Aber wir sind bei

dem Geld und dem Einnähen ganz von Polen abgekommen. Ist es denn wahr,

Szulski, daß sie Diebitschen vergiftet haben?«

»Versteht sich, es ist wahr.«

»Und die Geschichte mit den elf Talglichten auch? Auch wahr?«

»Alles wahr,« wiederholte Szulski. »Daran ist kein Zweifel. Und es kam

so. Constantin wollte die Polen ärgern, weil sie gesagt hatten, die

Russen fräßen bloß Talg. Und da ließ er, als er eines Tages elf Polen

eingeladen hatte, zum Dessert elf Talglichte herumreichen, das zwölfte

aber war von Marzipan und natürlich für ihn. Und versteht sich nahm er

immer zuerst, dafür war er Großfürst und Vicekönig. Aber das eine Mal

vergriff er sich doch und da hat er's runter würgen müssen.«

»Wird nicht sehr glatt gegangen sein.«

»Gewiß nicht ... Aber, Ihr Herren, kennt Ihr denn schon das neue

Polenlied, das sie jetzt singen?«

»Denkst Du daran -- --«

»Nein, das ist alt. Ein neues.«

»Und heißt?«

»Die letzten Zehn vom vierten Regiment ... Wollt Ihr's hören? Soll ich

es singen?«

»Freilich.«

»Aber Ihr müßt einfallen ...«

»Versteht sich, versteht sich.«

Und nun sang Szulski, nachdem er sich geräuspert hatte:

Zu Warschau schwuren tausend auf den Knieen:

Kein Schuß im heil'gen Kampfe sei gethan,

Tambour schlag' an, zum Blachfeld laßt uns ziehen,

Wir greifen nur mit Bajonetten an!

Und ewig kennt das Vaterland und nennt

Mit stillem Schmerz sein _viertes_ Regiment.

»Einfallen! Chorus.« »Weiter, Szulski, weiter.«

Ade, ihr Brüder, die zu Tod getroffen

An unsrer Seite dort wir stürzen sahn,

Wir leben noch, die Wunden stehen offen

Und um die Heimath ewig ist's gethan;

Herr Gott im Himmel, schenk' ein gnädig End'

Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.

Chorus:

»Uns letzten Zehn vom vierten Regiment.«

Alles jubelte. Dem alten Quaas aber traten seine schon von Natur

vorstehenden Augen immer mehr aus dem Kopf.

»Wenn ihn jetzt seine Frau sähe,« rief Kunicke.

»Da hätt' er Oberwasser.«

»Ja, ja.«

Und nun stieß man an und ließ die Polen leben. Nur Kunicke, der an

#anno# 13 dachte, weigerte sich und trank auf die Russen. Und zuletzt

auch auf Quaas und Kätzchen.

Mietzel aber war ganz übermüthig und halb wie verdreht geworden und

sang, als er Kätzchens Namen hörte, mit einem Male:

»Nicht mal seiner eignen Frau,

Kätzchen weiß es ganz genau.

Miau.«

Quaas sah verlegen vor sich hin. Niemand indessen dachte mehr an

Übelnehmen.

Und nun wurde der Ladenjunge gerufen, um neue Flaschen zu bringen.

Unterm Birnbaum · 第 7 / 25 题