So ging es bis Mitternacht. Der schräg gegenüber wohnende Kunicke wollte
noch bleiben und machte spitze Reden, daß Szulski, der schon ein paarmal
zum Aufbruch gemahnt, so müde sei. Der aber ließ sich weder durch Spott
noch gute Worte länger zurück halten; »er müsse morgen um neun in
Frankfurt sein.« Und damit nahm er den bereitstehenden Leuchter, um in
seine Giebelstube hinaufzusteigen. Nur als er die Thürklinke schon in
der Hand hatte, wandt' er sich noch einmal und sagte zu Hradscheck:
»Also vier Uhr, Hradscheck. Um fünf muß ich weg. Und versteht sich, ein
Kaffee. Guten Abend, Ihr Herren. Allerseits wohl zu ruhn!«
* * *
Auch die Bauern gingen; ein starker Regen fiel und alle fluchten über
das scheußliche Wetter. Aber keine Stunde mehr, so schlug es um, der
Regen ließ nach und ein heftiger Südost fegte statt seiner über das
Bruch hin. Seine Heftigkeit wuchs von Minute zu Minute, so daß allerlei
Schaden an Häusern und Dächern angerichtet wurde, nirgends aber mehr als
an dem Hause der alten Jeschke, das grad' in dem Windstrome lag, der,
von der andern Seite der Straße her, zwischen Kunicke's Stall und
Scheune mitten durchfuhr. Klappernd kamen die Ziegel vom Dachfirst
herunter und schlugen mit einem dumpfen Geklatsch in den aufgeweichten
Boden.
»Dat's joa groad', as ob de Bös kümmt,« sagte die Alte und richtete sich
in die Höh', wie wenn sie aufstehen wolle. Das Herausklettern aus dem
hochstelligen Bett aber schien ihr zu viel Mühe zu machen, und so
klopfte sie nur das Kopfkissen wieder auf und versuchte weiter zu
schlafen. Freilich umsonst. Der Lärm draußen und die wachsende Furcht,
ihren ohnehin schadhaften Schornstein in die Stube hinabstürzen zu sehn,
ließen sie mit ihrem Versuche nicht weit kommen, und so stand sie
schließlich doch auf und tappte sich an den Herd hin, um hier an einem
bischen Aschengluth einen Schwefelfaden und dann das Licht anzuzünden.
Zugleich warf sie reichlich Kienäpfel auf, an denen sie nie Mangel litt,
seit sie letzten Herbst dem vierjährigen Jungen von Förster Nothnagel,
drüben in der neumärkischen Haide, das freiwillige Hinken wegkurirt
hatte.
Das Licht und die Wärme thaten ihr wohl, und als es ein paar Minuten
später in dem immer bereit stehenden Kaffeetopfe zu dampfen und zu
brodeln anfing, hockte sie neben dem Herde nieder und vergaß über ihrem
Behagen den Sturm, der draußen heulte. Mit einem Mal aber gab es einen
Krach, als bräche was zusammen, ein Baum oder ein Strauchwerk, und so
ging sie denn mit dem Licht ans Fenster und, weil das Licht hier
blendete, vom Fenster her in die Küche, wo sie den obern Thürladen rasch
aufschlug, um zu sehn, was es sei. Richtig, ein Theil des Gartenzauns
war umgeworfen, und als sie das niedergelegte Stück nach links hin bis
an das Kegelhäuschen verfolgte, sah sie, zwischen den Pfosten der
Lattenrinne hindurch, daß in dem Hradscheck'schen Hause noch Licht war.
Es flimmerte hin und her, mal hier, mal da, so daß sie nicht recht sehen
konnte, woher es kam, ob aus dem Kellerloch unten oder aus dem dicht
darüber gelegenen Fenster der Weinstube.
»Mien Jott, supen se noch?« fragte die Jeschke vor sich hin. »Na,
Kunicke is et kumpafel. Un dann seggt he hinnerher, dat Wedder wihr
Schull un he künn nich anners.«
Unter dieser Betrachtung schloß sie den Thürladen wieder und ging an
ihre Herdstätte zurück. Aber ihr Hang zu spioniren ließ ihr keine Ruh,
und trotzdem der Wind immer stärker geworden war, suchte sie doch die
Küche wieder auf und öffnete den Laden noch einmal, in der Hoffnung 'was
zu sehen. Eine Weile stand sie so, ohne daß etwas geschehen wäre, bis
sie, als sie sich schon zurückziehn wollte, drüben plötzlich die
Hradscheck'sche Gartenthür auffliegen und Hradscheck selbst in der
Thüröffnung erscheinen sah. Etwas Dunkles, das er schon vorher
herangeschafft haben mußte, lag neben ihm. Er war in sichtlicher
Erregung und sah gespannt nach ihrem Hause hinüber. Und dann war's ihr
doch wieder, als ob er wolle, _daß_ man ihn sähe. Denn wozu sonst das
Licht, in dessen Flackerschein er dastand? Er hielt es immer noch vor
sich, es mit der Hand schützend, und schien zu schwanken, wohin damit.
Endlich aber mußt' er eine geborgene Stelle gefunden haben, denn das
Licht selbst war weg und statt seiner nur noch ein Schein da, viel zu
schwach, um den nach wie vor in der Thüröffnung liegenden dunklen
Gegenstand erkennen zu lassen. Was war es? Eine Truhe? Nein. Dazu war es
nicht lang genug. Oder ein Korb, eine Kiste? Nein, auch das nicht.
»Wat he man hett?« murmelte sie vor sich hin.
Aber ehe sie sich, aus ihren Muthmaßungen heraus, ihre Frage noch
beantworten konnte, sah sie, wie der ihr auf Minuten aus dem Auge
gekommene Hradscheck von der Thür her in den Garten trat und mit einem
Spaten in der Hand rasch auf den Birnbaum zuschritt. Hier grub er eifrig
und mit sichtlicher Hast und mußte schon ein gut Theil Erde
herausgeworfen haben, als er mit einem Male das Graben aufgab und sich
aufs Neue nach allen Seiten hin umsah. Aber auch jetzt wieder (so
wenigstens schien es ihr) mehr in Spannung als in Angst und Sorge.
»Wat he man hett?« wiederholte sie.
Dann sah sie, daß er das Loch rasch wieder zuschüttete. Noch einen
Augenblick und die Gartenthür schloß sich und alles war wieder dunkel.
»Hm,« brummte die Jeschke. »Dat's joa binoah, as ob he een' abmurkst
hett'. Na, so dull wahrd et joa woll nich sinn ... Nei, nei, denn wihr
dat Licht nich. Awers ick tru em nich. Un ehr tru ick ook nich.«
Und damit ging sie wieder bis an ihr Bett und kletterte hinein.
Aber ein rechter Schlaf wollt' ihr nicht mehr kommen, und in ihrem
halbwachen Zustande sah sie beständig das Flimmern im Kellerloch und
dann den Lichtschein, der in den Garten fiel, und dann wieder
Hradscheck, wie er unter dem Baume stand und grub.