VI.

So ging es bis Mitternacht. Der schräg gegenüber wohnende Kunicke wollte

noch bleiben und machte spitze Reden, daß Szulski, der schon ein paarmal

zum Aufbruch gemahnt, so müde sei. Der aber ließ sich weder durch Spott

noch gute Worte länger zurück halten; »er müsse morgen um neun in

Frankfurt sein.« Und damit nahm er den bereitstehenden Leuchter, um in

seine Giebelstube hinaufzusteigen. Nur als er die Thürklinke schon in

der Hand hatte, wandt' er sich noch einmal und sagte zu Hradscheck:

»Also vier Uhr, Hradscheck. Um fünf muß ich weg. Und versteht sich, ein

Kaffee. Guten Abend, Ihr Herren. Allerseits wohl zu ruhn!«

* * *

Auch die Bauern gingen; ein starker Regen fiel und alle fluchten über

das scheußliche Wetter. Aber keine Stunde mehr, so schlug es um, der

Regen ließ nach und ein heftiger Südost fegte statt seiner über das

Bruch hin. Seine Heftigkeit wuchs von Minute zu Minute, so daß allerlei

Schaden an Häusern und Dächern angerichtet wurde, nirgends aber mehr als

an dem Hause der alten Jeschke, das grad' in dem Windstrome lag, der,

von der andern Seite der Straße her, zwischen Kunicke's Stall und

Scheune mitten durchfuhr. Klappernd kamen die Ziegel vom Dachfirst

herunter und schlugen mit einem dumpfen Geklatsch in den aufgeweichten

Boden.

»Dat's joa groad', as ob de Bös kümmt,« sagte die Alte und richtete sich

in die Höh', wie wenn sie aufstehen wolle. Das Herausklettern aus dem

hochstelligen Bett aber schien ihr zu viel Mühe zu machen, und so

klopfte sie nur das Kopfkissen wieder auf und versuchte weiter zu

schlafen. Freilich umsonst. Der Lärm draußen und die wachsende Furcht,

ihren ohnehin schadhaften Schornstein in die Stube hinabstürzen zu sehn,

ließen sie mit ihrem Versuche nicht weit kommen, und so stand sie

schließlich doch auf und tappte sich an den Herd hin, um hier an einem

bischen Aschengluth einen Schwefelfaden und dann das Licht anzuzünden.

Zugleich warf sie reichlich Kienäpfel auf, an denen sie nie Mangel litt,

seit sie letzten Herbst dem vierjährigen Jungen von Förster Nothnagel,

drüben in der neumärkischen Haide, das freiwillige Hinken wegkurirt

hatte.

Das Licht und die Wärme thaten ihr wohl, und als es ein paar Minuten

später in dem immer bereit stehenden Kaffeetopfe zu dampfen und zu

brodeln anfing, hockte sie neben dem Herde nieder und vergaß über ihrem

Behagen den Sturm, der draußen heulte. Mit einem Mal aber gab es einen

Krach, als bräche was zusammen, ein Baum oder ein Strauchwerk, und so

ging sie denn mit dem Licht ans Fenster und, weil das Licht hier

blendete, vom Fenster her in die Küche, wo sie den obern Thürladen rasch

aufschlug, um zu sehn, was es sei. Richtig, ein Theil des Gartenzauns

war umgeworfen, und als sie das niedergelegte Stück nach links hin bis

an das Kegelhäuschen verfolgte, sah sie, zwischen den Pfosten der

Lattenrinne hindurch, daß in dem Hradscheck'schen Hause noch Licht war.

Es flimmerte hin und her, mal hier, mal da, so daß sie nicht recht sehen

konnte, woher es kam, ob aus dem Kellerloch unten oder aus dem dicht

darüber gelegenen Fenster der Weinstube.

»Mien Jott, supen se noch?« fragte die Jeschke vor sich hin. »Na,

Kunicke is et kumpafel. Un dann seggt he hinnerher, dat Wedder wihr

Schull un he künn nich anners.«

Unter dieser Betrachtung schloß sie den Thürladen wieder und ging an

ihre Herdstätte zurück. Aber ihr Hang zu spioniren ließ ihr keine Ruh,

und trotzdem der Wind immer stärker geworden war, suchte sie doch die

Küche wieder auf und öffnete den Laden noch einmal, in der Hoffnung 'was

zu sehen. Eine Weile stand sie so, ohne daß etwas geschehen wäre, bis

sie, als sie sich schon zurückziehn wollte, drüben plötzlich die

Hradscheck'sche Gartenthür auffliegen und Hradscheck selbst in der

Thüröffnung erscheinen sah. Etwas Dunkles, das er schon vorher

herangeschafft haben mußte, lag neben ihm. Er war in sichtlicher

Erregung und sah gespannt nach ihrem Hause hinüber. Und dann war's ihr

doch wieder, als ob er wolle, _daß_ man ihn sähe. Denn wozu sonst das

Licht, in dessen Flackerschein er dastand? Er hielt es immer noch vor

sich, es mit der Hand schützend, und schien zu schwanken, wohin damit.

Endlich aber mußt' er eine geborgene Stelle gefunden haben, denn das

Licht selbst war weg und statt seiner nur noch ein Schein da, viel zu

schwach, um den nach wie vor in der Thüröffnung liegenden dunklen

Gegenstand erkennen zu lassen. Was war es? Eine Truhe? Nein. Dazu war es

nicht lang genug. Oder ein Korb, eine Kiste? Nein, auch das nicht.

»Wat he man hett?« murmelte sie vor sich hin.

Aber ehe sie sich, aus ihren Muthmaßungen heraus, ihre Frage noch

beantworten konnte, sah sie, wie der ihr auf Minuten aus dem Auge

gekommene Hradscheck von der Thür her in den Garten trat und mit einem

Spaten in der Hand rasch auf den Birnbaum zuschritt. Hier grub er eifrig

und mit sichtlicher Hast und mußte schon ein gut Theil Erde

herausgeworfen haben, als er mit einem Male das Graben aufgab und sich

aufs Neue nach allen Seiten hin umsah. Aber auch jetzt wieder (so

wenigstens schien es ihr) mehr in Spannung als in Angst und Sorge.

»Wat he man hett?« wiederholte sie.

Dann sah sie, daß er das Loch rasch wieder zuschüttete. Noch einen

Augenblick und die Gartenthür schloß sich und alles war wieder dunkel.

»Hm,« brummte die Jeschke. »Dat's joa binoah, as ob he een' abmurkst

hett'. Na, so dull wahrd et joa woll nich sinn ... Nei, nei, denn wihr

dat Licht nich. Awers ick tru em nich. Un ehr tru ick ook nich.«

Und damit ging sie wieder bis an ihr Bett und kletterte hinein.

Aber ein rechter Schlaf wollt' ihr nicht mehr kommen, und in ihrem

halbwachen Zustande sah sie beständig das Flimmern im Kellerloch und

dann den Lichtschein, der in den Garten fiel, und dann wieder

Hradscheck, wie er unter dem Baume stand und grub.

Unterm Birnbaum · 第 8 / 25 题