schwerseidenes Kleid es anhatte, und wie es sich auch darin zu benehmen
wußte! Mutter Barthold war eigentlich zuerst ein Bischen verlegen gewesen
und hatte sich gar nicht ordentlich getraut sie Du zu nennen, denn sie sah
eigentlich wie eine recht vornehme Dame aus. Aber den Hans genirte das
gar nicht. Er nahm sie beim Kopf und küßte sie ab, als ob sie ein
Kattunfähnchen angehabt hätte, und die Mutter Barthold stand nur immer
in Todesangst dabei, daß er ihr vielleicht einmal auf das lange, kostbare
Kleid treten möchte. Er konnt's beinah gar nicht verhindern.
Bei Tisch saß Vater Barthold, als Geburtstagskind und Hochzeiter, mit
seiner Frau oben an der Tafel, und neben der Mutter saß der Traubenwirth
und neben dem Vater dessen Frau, während unten am Tisch Hans zwischen
seiner Pflegeschwester und Lieschen seinen Platz hatte, und eine
vergnügtere Tischgesellschaft hat es wohl seit langer Zeit nicht gegeben.
Merkwürdig war aber der Unterschied zwischen den beiden jungen Mädchen,
und Vater Barthold, der ihnen gerade gegenüber saß, war vielleicht der
Einzige, der es bemerkte oder wenigstens so darauf achtete, denn er
mußte immer und immer wieder dorthin sehen und die Beiden mit einander
vergleichen.
Katharine war das echte Bild eines deutschen Mädchens, mit nicht zu
hellblonden Haaren und so tiefblauen Augen, daß man gar nicht satt werden
konnte hinein zu schauen, wenn Einem der Blick einmal begegnete. Um die
wirklich zart geschnittenen Lippen lag dabei ein unbeschreiblicher Zug von
Sanftmuth und Milde, ja auch wohl von stiller Ergebenheit, und wenn sie
lächelte, konnte man gar nicht anders, als ihr gut sein. Und doch war sie
eigentlich keine Schönheit, denn Lieschen war viel, viel schöner.
Lieschens Gesicht war wirklich mehr als hübsch, es war schön, in seiner
Regelmäßigkeit und edlen Form, und die dunkelbraunen Augen funkelten den
an, mit welchem sie sprach, als ob es ein paar Brillanten gewesen wären.
Wundervolles kastanienbraunes Haar hatte sie auch, und wußte es auf eine
gar so geschickte Weise zu tragen. Mutter Barthold hatte sich schon den
ganzen Morgen im Stillen den Zopf angesehen, um nur heraus zu bekommen,
wie er geflochten und aufgesteckt wäre. Dabei war ihr Benehmen, wenn auch
immer mädchenhaft, doch frei und ungezwungen, was sie jedenfalls in der
Stadt gelernt hatte, und wenn sie lachte, zeigte sie zwei Reihen Zähne,
wie Perlen, so regelmäßig und weiß.
Es war ein »wahres Prachtmädel«, wie der alte Barthold bei sich meinte.
Wahrhaftig, er konnte es seinem Sohne nicht verdenken, daß er sich die zur
Frau gewählt. Aber zu seinen Beobachtungen wurde ihm auch nicht lange
Zeit gelassen, denn der Traubenwirth, der in derlei Dingen außerordentlich
gewandt war und einen prächtigen Humor hatte, stand auf und brachte mit so
künstlich und komisch gesetzten Worten einen Toast auf den Vater Barthold
und auf die Mutter aus, daß sich Alle am Tisch halbtodt darüber lachen
wollten. Und dann klangen die Gläser zusammen, und der feurige Ungarwein
stieg der kleinen Gesellschaft bald in's Blut und brachte Leben selbst
in die Ruhigsten. Sogar Katharine, die sonst nie derlei starke Getränke
berührte, hatte ein volles Glas davon geleert, weil sie mit Hans und dem
auf ihrer anderen Seite sitzenden Traubenwirth ein paar Mal, erst auf den
Vater, dann auf die Mutter und dann auf die Brautleute, anstoßen mußte --
und zurückstehen konnte sie doch nicht bei einer solchen Gelegenheit. Wenn
sie aber auch still blieb, bekamen doch ihre Wangen einen rötheren
Schein und ihre Augen einen höheren Glanz, und der alte Barthold, der das
bemerkte, nickte ihr freundlich zu und rief über den Tisch hinüber: »So
recht, Kathrine, zeig den Leuten auch einmal, daß Du in Ungarn gewesen
bist und seine Weine trinken kannst. Heute ist unser Ehrentag, und da muß
Alles fidel und lustig sein.«
Hans besonders war ganz glücklich über seine wunderhübsche Braut. So gut
hatte sie ihm noch gar nicht gefallen, wie heute Abend, und er konnte sich
nicht satt an ihr sehen. Jedes Stückchen, das sie an sich hatte, musterte
er, und dann mußte er ihr immer wieder in die dunkeln Augen schauen. Wie
die blitzten und funkelten!
»Wo hast Du denn die schöne Rose her?« frug er sie da einmal, und zeigte
auf die Blume, die sie vorn an der Brust trug. »Es ist schon so spät im
Jahre; in unserem Garten blühen schon lange keine Rosen mehr.«
»Die hab' ich geschenkt bekommen,« sagte Lieschen neckend. »O, andere
Leute können auch galant gegen mich sein.«
»So?« lachte Hans, »wohl von dem jungen Herrn, der da neulich an der
Treppe bei Dir stand?«
»Und wenn's von dem wäre?« frug Lieschen und sah ihn dabei gar so
schelmisch an, »wärst Du eifersüchtig?«
»Nein,« sagte Hans treuherzig, »wenigstens auf den geschniegelten
und gebügelten Burschen noch lange nicht. Aber Du brauchst die Rose gar
nicht,« fuhr er leiser fort, »Deine Backen haben ein viel schöneres
Roth, Du siehst gar so hübsch aus, Lieschen.«
Lieschen wurde jetzt noch viel röther, als die Blume war, und dann
flüsterte sie Hans etwas zu, worüber dieser lachte, und nachher lachten
sie Beide mit einander und plauderten den ganzen Abend.
Am schlechtesten kam eigentlich die arme Katharine dabei weg, denn um die
kümmerte sich Niemand. Hans, ihr Nachbar zur Rechten, schwatzte natürlich
nur mit seiner Braut, und der Wirth an ihrer Linken hatte soviel mit seiner
Nachbarin, der Mutter Barthold, und dem alten Barthold zu reden, daß er
an das stille Mädchen neben sich auch nicht denken konnte. Freilich durfte
sie auch nicht immer sitzen bleiben und mußte viel aufstehen, um bald
dies bald Jenes zu besorgen, und da war es denn recht gut, daß sie Niemand
vermißte. Unbemerkt stand sie von ihrem Platz auf, unbemerkt nahm sie ihn
wieder ein, und so wurde auch Niemand dadurch gestört.
So lange blieben sie aber am Tische sitzen und so spät wurde es an dem
Abend, bis sie Alles gesehen und besprochen hatten, daß Barthold unter
keiner Bedingung zugab, sie dürften heute noch an den Heimweg denken.
Ja, wenn es andere Leute von Wetzlau gewesen wären, denen hätte er den
Heimweg im Dunkeln schon gegönnt, aber seine künftige Schwiegertochter
und ihre Eltern wollte er nicht daran wagen, und so gern der Traubenwirth
heut Abend noch zu Haus gewesen wäre, er durfte eben nicht fort.
Und was für Betten machte die Mutter jetzt, mit Katharinens Hülfe, für
die lieben Gäste zurecht, eine wahre Welt von Federn, jedes einzelne,
daß einem ordentlich der Athem ausging, wenn man hineinsprang und darin
versank! Ein anderer Mensch als ein deutscher Bauer hätte auch gar nicht
darin schlafen können. Aber der Ungarwein half, und Punkt zehn Uhr lag
Alles in tiefer Ruhe.
Am nächsten Morgen freilich brachen die Wetzlauer früh auf, denn allzu
lange konnten und durften sie nicht von daheim wegbleiben. Im Haus selber
gab es jetzt auch viel zu thun mit Aufräumen, Ordnen und Reinigen. Ein
solches Fest mußte nicht spät in den nächsten Tag hineinreichen, und
es war schon eine tüchtige Arbeit, nur das grüne Werk wieder alles
hinauszuschaffen und das Haus blank zu kehren. Um acht Uhr Morgens war aber
auch das Letzte beseitigt und Katharine unten in der Stube beschäftigt,
das zweite Frühstück für den Vater und Hans herzurichten, daß sie es
gleich bereit fänden, wenn sie vom Feld herein kämen.
»Nun, Kathrine,« sagte die Mutter, die in der Stube an ihrem Spinnrad
saß, denn müßig konnte sie nun einmal nicht sein, »wie hat Dir denn
gestern dem Hans seine Braut gefallen? Du hast mir ja noch kein Wort
darüber gesagt. Gelt, das ist ein sauber Mädel?«
»Ei gewiß, Mutter,« sagte das junge Mädchen, ohne sich aber dabei in
ihrer Arbeit stören zu lassen, »das ist gar eine stattliche Maid und so
hübsch und so vornehm. Mit der wird der Hans Ehre einlegen.«
Die Mutter nickte mit dem Kopf, erwiderte aber nicht gleich etwas darauf,
denn sie dachte eben über das Wort »vornehm« nach. Sonderbar, es war ihr
auch fast so vorgekommen, als ob Lieschen fast ein bischen zu vornehm
für eine wirkliche Bäuerin wäre, wenn es ihr auch noch nicht recht
klar geworden. Die Wirthstochter ging im Grunde genau wie eine Stadtdame
gekleidet und trug auch so ein neumodisch Ding, eine Crinoline nannten
sie's ja, daß die Röcke nach allen Seiten hinausstanden. In den Kuhstall
konnte sie mit den Kleidern auf keinen Fall gehen. Aber daheim führte sie
ja doch auch die Wirthschaft und war so tüchtig und fleißig dabei, und
bei der Arbeit würde sie gewiß schon andere Kleider haben. Wie hübsch
hatte sie auch ihr Haar geflochten; viel Zeit ging da freilich drauf, wenn
sie das hätte jeden Morgen so machen wollen, oder sie mußte eben ein
bischen früher aufstehen.
Die Frau saß eine ganze Weile in tiefen Gedanken, und das Rädchen
schnurrte dabei, daß es eine Lust war. Katharine sprach ebensowenig; es
gab heute Morgen gar so viel zu thun.
»Aber ein gutes Herz hat sie gewiß,« brach die Frau plötzlich wieder
das Schweigen, und die Worte fuhren ihr eigentlich nur da so heraus, wo sie
gerade in ihren Gedanken stehen geblieben war, »Ihr Beiden werdet gewiß
recht gut mitsammen auskommen.«
Katharine erschrak ordentlich, denn genau an dasselbe hatte sie eben auch
gedacht und sich in dem Augenblick die nämliche Frage gestellt, der die
Mutter jetzt Worte gab: Wie würde es werden, wenn die junge Frau in das
Haus zog und die Wirthschaft selber übernahm? Würde diese auch so lieb
und gut mit ihr sein wie die Mutter? Oder würde sie selber überhaupt hier
noch nöthig bleiben? Ob sie dann gut mitsammen auskämen? O gewiß; aber
wenn nicht? Dann mußte die Fremde doch natürlich das Haus verlassen,
ihre Heimath, und hinausziehen zu fremden Leuten. Und wäre es nicht besser
gewesen, wenn sie das gleich vom Anfang an und freiwillig gethan hätte,
ehe die Verhältnisse sie dazu zwangen? O gewiß, in vielen, vielen
Stücken wäre es besser gewesen.
»Meinst Du nicht, Kathrine?« frug die Mutter noch einmal, da ihr das
Mädchen, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, nicht gleich eine
Antwort gab.
»Ich? ei, gewiß, Mutter,« sagte Katharine jetzt schnell, »warum denn
nicht? Ich will sie gewiß lieb haben, wie eine Schwester -- wenn sie mich
nur noch im Hause brauchen können,« setzte sie leiser hinzu und erschrak
fast, als die Worte heraus waren.
Die Mutter sah rasch zu ihr auf, so rasch, daß ihr der Faden abriß, denn
daß die Katharine daran denken könnte, je ihr Haus zu verlassen, daran
hatte sie selbst im Leben noch nicht gedacht. War es denn nicht ihre eigene
Tochter geworden durch die langen, langen Jahre?
»Unsinn, Kathrine,« sagte sie aber auch gleich darnach kopfschüttelnd
und nahm den Faden wieder auf. »Dich sollten sie nicht brauchen können?
Und wenn sie Dich nicht brauchten, glaubst Du, daß mein Alter und ich
Dich missen möchten? Sprich mir nicht wieder solch Zeug, Mädel, oder Du
bekommst es mit mir zu thun. Uebrigens ließ Dich Hans auch gar nicht fort,
denn wie lieb Dich der hat, weißt Du, und daß er überall Deine Partie
nimmt. Nein, Schatz,« setzte sie gutmüthig hinzu, »mit uns bleibt's beim
Alten, ob Du zu der jungen Frau passest oder nicht. Außer --« und
sie nickte ihr dabei freundlich zu, »Du müßtest denn einmal von uns
fortziehen wollen, wie das Lieschen jetzt bald aus der Eltern Hause zieht,
dann freilich mit unserem besten Segen, Kind.«
»Du lieber Gott, Mutter,« sagte Katharine, und ein Seufzer hob dabei
unwillkürlich ihre Brust, »damit hat's Zeit. Wenn Ihr mich nicht früher
loswerdet, müßt Ihr mich wahrscheinlich bis an meinen Tod bei Euch
behalten.«
»Denkst Du eher zu sterben, als wir, Kathrine?« lächelte die Frau
wehmüthig.
»Wir wollen nicht vom Sterben reden, Mutter,« sagte Katharine, ging auf
die Mutter zu und drückte ihr herzlich die Hand, »wann's kommt, kommt's.
Es war nur so eine dumme Redensart von mir. Seid mir nicht böse drum.«
Und sich rasch abdrehend, verließ sie das Zimmer.
Die Mutter sah ihr wohl eine Minute kopfschüttelnd nach, dann nahm sie
ihren wieder und wieder abgerissenen Faden noch einmal auf und spann emsig
weiter; allein das eben Besprochene konnte sie doch nicht aus dem Kopfe
bringen; es ging ihr immer darin herum.
»Arme Kathrine,« dachte sie dabei, »das Kind hat Sorge, daß es aus
dem Haus muß, wenn die neue Hausfrau einzieht; aber da kennt es mich und
meinen Alten schlecht. Du bleibst, das weiß ich, oder ich ging selber
mit aus dem Hause,« nickte sie leise vor sich hin, und mit dem Entschluß
schnurrte das Rädchen noch viel schärfer als vorher.
Sechstes Kapitel.
Weltliche und geistliche Behörden.
War aber Hans schon ungeduldig und bös geworden, wie es ihm die ersten
acht und vierzehn Tage mit den nöthigen Papieren nicht fördern wollte, so
bekam er nachher noch eine weit vortrefflichere Gelegenheit, seine Langmuth
auf die Probe zu stellen, denn Jenes schien nur der Anfang gewesen zu sein
von dem Herüber- und Hinüber-Spiel.
Erstlich erklärte der General-Superintendent, nachdem er die Eingabe des
alten Barthold einen vollen Monat im Haus gehabt, daß er in der ganzen
Sache gar nichts thun könne, die müsse doch noch vor das Consistorium
gebracht werden, wo man sie dann in gemeinschaftlicher Sitzung berathen
würde. -- Und dann war der Heimathschein noch immer nicht eingetroffen.
Wie der alte Barthold, der jetzt schon fünf Mal wegen der einen Eingabe in
der Stadt gewesen, diesmal wieder nach Hause kam, mocht' er's dem Hans gar
nicht sagen, was für einen Erfolg er gehabt. Hans sah es ihm aber doch am
Gesicht an, und wenn in dem Augenblick eine Revolution ausgebrochen wäre,
Hans hätte sich mit in den dicksten Haufen geworfen, nur um seine Wuth
erst einmal an den »Gerichtsschreibern« und den »Pfaffen«, wie er ein
hohes Consistorium sehr unehrerbietig nannte, auszulassen.
Und der Heimathschein erst -- was für eine Masse Papier die Leute in
der Stadt schon in der Angelegenheit verschrieben hatten, nur um
herauszubekommen, welcher Fleck in Deutschland ihm nachher bescheinigte,
daß er überhaupt da sei und das Recht habe, hier oder dort einmal
Ansprüche an das Gemeindearmenhaus zu machen. Es war ganz erstaunlich,
und man hätte nun glauben sollen, sie wären auf dem Gericht selber bös
geworden über die entsetzliche Mühe und Arbeit, die es ihnen machte;
aber Gott bewahre. Immer gut gelaunt blieben sie dabei, und wenn der alte
Barthold auf seinen verschiedenen Streifzügen in der Stadt bei ihnen
anfrug, wie denn die Sache mit dem Heimathschein stände, so schlugen sie
erst eine Menge von Büchern nach, -- und jetzt hätten sie's eigentlich
auch schon aus dem Kopf wissen können -- und lachten und meinten dann, er
möchte einmal in sechs Wochen wieder nachfragen.
Doch wie könnte ich dem Leser einen Begriff von all den Weitläufigkeiten,
Laufereien, Schreibereien, Scheerereien und Quälereien geben, die nur das
eine Wort »Heimathschein« in sich begreift! Hat er's selber schon einmal
durchgemacht, so kennt er's, und nickt nur traurig mit dem Kopf, wenn er
daran zurückdenkt. Hat er's aber noch nicht durchgemacht, dann glaubt
er's nicht einmal und denkt, man übertreibt, nur um den Gerichten eins
anzuhängen.
Unsere Gesetze sind wohl ganz schön und auch gewiß gerecht, es ist nur
der Henker, daß eine große Anzahl von Menschen ihre ganze Lebenszeit
daran verwenden muß, um einzig und allein herauszuklügeln, wie sie zu
verstehen sind. Und wenn sie dann nachher nur noch einerlei Meinung wären,
aber Gott bewahre. Die Einen sagen: dies Gesetz bedeutet das, und das ist
darunter gemeint, und die Anderen rufen nachher: Aber du mein Himmel, es
fällt ihm ja gar nicht ein, gerade das Gegentheil ist darunter verstanden;
und bis dann nicht ein Dritter dazu kommt, von dem man auch nicht recht
fest überzeugt ist, ob er's genau weiß und sagt: Du hast Recht und Du
hast Unrecht, zahlt der ruhige Staatsbürger, für den sie eigentlich
gemacht sind, der aber gar nichts davon versteht, ganz einfach
vierteljährlich seine Kosten und bekommt nachher ein schriftliches Urtheil
zugeschickt, mit dem er indeß wieder zu einem Andern gehen muß, um nur zu
verstehen, was da in deutscher Sprache geschrieben ist.
Das nennt man nachher einen Proceß, und wer ihn gewinnt, hat Glück.
Bei einem Heimathschein ist wenigstens das eine Gute, daß man die
Schreibereien nicht alle zu bezahlen hat -- das Gericht thut das zu seinem
eigenen Vergnügen -- aber Hans bekam den seinigen wenigstens die ersten
drei Monate nicht, und es half nichts, daß sich sein Vater und der
Traubenwirth in der Stadt erboten, Bürgschaft zu leisten, soviel sie haben
wollten, daß er keiner hiesigen Gemeinde einmal zur Last fiele. »Das
ginge nicht,« meinten die Herren vom Gericht, vom Kreisgericht bis zum
Ministerium hinauf. Vor allen Dingen müßte jetzt erst einmal ausgeforscht
werden, wohin Hans eigentlich gehöre, und wieder wurden Briefe nach
Preußen und Ungarn geschickt und Acten hinübergesandt und von dort
einverlangt; das war aber auch Alles. In der Sache selber blieb's beim
Alten, und die Hochzeit konnte natürlich noch immer nicht stattfinden,
denn der Pfarrer durfte vorher nicht einmal das Aufgebot erlassen.
Hans war außer sich, denn nun kam auch noch die Ernte dazwischen, wo sich,
des schlechten, unsicheren Wetters wegen, die Arbeit so häufte, daß er
oft nicht einmal Sonntags hinüber nach Wetzlau konnte.
Es war an einem solchen Sonntagsabende, sie hatten den ganzen Tag
eingefahren und eben das letzte trockene Fuder hereingebracht und
abgeladen, als er in die Stube kam, seinen Hut in die Ecke, sich auf einen
Stuhl warf und, den Kopf in die Hand stützend, sich und sein Geschick
verwünschte.
»Ich wollt' ich wär' todt,« rief er aus, »todt und begraben und weg von
der Erde, daß ich nur das Elend nicht mehr länger ansehen müßte; und
viel länger halt' ich's überdies nicht aus, denn Gift und Galle bringen
mich doch über kurz oder lang in's Grab. Giebt es denn in der ganzen Welt
einen Menschen, der mehr Unglück hat als ich?«
»Aber Hans, um Gottes willen, versündige Dich nicht,« bat die Mutter,
doch der Vater sagte:
»Du sprichst wie ein Kind, Hans, und solltest Dich schämen. Sind das
Reden für einen erwachsenen Menschen? Kannst Du's ändern, kann ich's
ändern? Haben wir nicht bis jetzt Alles gethan, was in unseren Kräften
stand, um Dir über die Schwierigkeit hinauszuhelfen, und hat es sich
machen lassen mit all unserer Mühe? Wer also trägt die Schuld?«
»Seid nicht bös, Vater,« rief Hans, »ich weiß ja wohl, daß Ihr keine
Schuld dabei habt, 's ist auch nur allein mein ewiges Unglück, das ich mit
Allem habe, was ich nur anfasse.«
»Hans,« sagte der alte Barthold ernst, »wenn ich Deiner Jugend nicht die
unbedachten Worte zu gute hielte, würde ich jetzt ernstlich böse auf Dich
werden. Was hast Du denn schon für wirkliches Unglück im Leben gehabt,
und weißt Du denn überhaupt ob es ein Unglück ist, daß Deine Heirath
jetzt hinausgezögert wird?«
»Aber Vater --«
»Ihr junges Volk,« sagte der Vater ernst, ohne sich irre machen zu
lassen, »beurtheilt immer Alles nur nach dem Augenblick, ob es Euch paßt
oder nicht. Was paßt, wird ruhig hingenommen, als ob es nicht anders sein
könnte; was nicht paßt, ist ein Unglück, eine Verfolgung des Schicksals,
eine Ungerechtigkeit, und wie die Faseleien alle heißen. Es geschieht
nichts umsonst! Wenn Du einmal älter bist, wirst Du mir das aus eigener
Erfahrung bestätigen. In dem gewaltigen Weltgebäude fällt kein Sperling
vom Dache ohne den Willen des Höchsten, und so wunderbar greift Alles in
einander, daß wir nur staunen und anbeten können, wenn wir die Wirkung
sehen. Daß uns armen unbedeutenden Menschenkindern aber nicht verstattet
ist, den lieben Gott in seiner geheimen Werkstätte zu belauschen und die
einzelnen Fäden zu sehen, mit denen er die Geschicke der Menschen leitet,
darüber bist Du unzufrieden. Du willst auch gleich wissen, warum das und
das so ist, und weshalb Du gerade nicht auf der Stelle Deinen Willen haben
kannst.«
»Ach, Vater,« brummte der junge Bursch verdrießlich vor sich hin, »das
ist Alles schon recht, aber soll ich nicht die Geduld verlieren, wenn
ich sehe wie mir mein ganzes Leben verbittert wird, blos einer albernen
Weitläufigkeit wegen, die mit ein paar Federstrichen abgemacht wäre? Ich
habe, was ich zum Leben brauche, und kann eine Frau ernähren, Lieschen
ist mir gut, Ihr und Lieschens Eltern habt eingewilligt, und Monate lang
könnten wir schon unseren neuen Hausstand haben; aber nein, da strecken
lauter Leute, die mir nicht ein Stück Brod geben, wenn ich an der Straße
verhungere, die Finger dazwischen und schreien: Nein, das geht nicht, die
hohe Obrigkeit will's nicht, der liebe Gott nicht! Ist denn das nicht um
den Verstand zu verlieren?«
»Wahre das Bischen was Du hast, mein Junge!« sagte der Alte trocken, »Du
weißt nicht, wie Du's noch 'mal im Leben brauchen kannst.«
Und damit war das Gespräch über den Gegenstand für heute abgebrochen,
aber die Sache wurde darum nicht anders, denn wieder vergingen Wochen,
ohne daß weder von der geistlichen noch weltlichen Behörde ein Entscheid
gekommen wäre. »Sie müssen warten,« lautete die jedesmalige Antwort,
»eine solche Sache läßt sich eben nicht über's Knie brechen,« und
dabei blieb's, einmal wie allemal.
Der arme Hans ging wirklich in Verzweiflung umher, und er glaubte oder
bildete es sich auch wohl nur ein, daß Lieschen jetzt selber ungehalten
über die Verzögerung würde und es ihn entgelten ließe. Es wollte ihm
wenigstens so vorkommen, als ob sie lange nicht mehr so freundlich, so
herzlich mit ihm sei, wie in früherer Zeit, wenn er sie drüben in Wetzlau
aufsuchte, und welchen anderen Grund hätte sie dazu in der Welt haben
können, als die verwünschte Heimathsangelegenheit? Er konnte sich nicht
mehr helfen, er mußte Jemanden deshalb um Rath, um seine Meinung fragen,
und Niemand schien ihm dazu passender als seine Pflegeschwester. Niemand
war es auch wohl.
»Sei nicht thöricht, Hans,« sagte ihm diese aber freundlich, »Deine
eigene üble Laune macht Dich Alles schwarz sehen; Du wirst drüben in
Wetzlau gerade so mürrisch und verdrießlich ausgeschaut haben wie hier,
und daß das arme Lieschen sich darüber nicht glücklich fühlen konnte,
willst Du sie nun auch noch entgelten lassen. Ist das recht?«
»Und glaubst Du wirklich, Kathrine, daß mich Lieschen recht von Herzen
lieb hat und nicht bös auf mich werden würde, wenn's auch noch länger
dauert?«
»Ich glaub's gewiß, Hans,« sagte das junge Mädchen, aber mit recht
leiser Stimme. »Es kann ja --« sie hielt plötzlich an, sah vor sich
nieder und fuhr dann fort: »Bist Du denn schuld an der Verzögerung? Sie
wird nur eben auch traurig sein, daß es so lange dauert, ehe sie -- ihr
Glück an Deiner Seite findet.«
»Was wolltest Du vorher sagen, Kathrine? Du meintest ›es kann
ja --‹«
Katharine erröthete leicht, aber sie sagte: »Ich bringe das was ich sagen
will, nicht immer so mit den rechten Worten heraus, aber gemeint ist's gut,
Hans, das darfst Du mir glauben.«
»Ich glaub Dir's, Kathrine,« sagte Hans, drückte ihre Hand, während er
ihr mit der Linken über die blonden Haare strich, und ging dann hinaus in
den Stall, um nach seinen Pferden zu sehen.
Katharine setzte sich auf denselben Stuhl, auf dem Hans vorher gesessen
hatte, stützte den Kopf in die Hand und schaute nach der untergehenden
Sonne hinüber, die da drüben am Berghang die Kieferstämme mit ihrem
rothen Gluthenschein übergoß und ihr blitzendes Licht in den Fenstern des
Pfarrhauses wiederspiegelte.
Siebentes Capitel.
Die Dreiberger Kirmeß.
Der Herbst rückte heran und die Zeit der Kirmeß, und die erste sollte in
Dreiberg abgehalten werden. Am nächsten Sonntag wurde sie »angetrunken«,
und Hans durfte deshalb nicht so lange als gewöhnlich in Wetzlau bleiben.
Aber er kehrte heute mit fröhlichem Herzen heim, denn Lieschen hatte
geweint, als er ihr von seinem Verdacht erzählte, daß sie ihn nicht
mehr so lieb habe, und war ihm dann um den Hals gefallen, und ihre Küsse
brannten ihm noch auf den Lippen.