mich nur auf den Rückweg.«
Alle weiteren Bemerkungen wurden aber hier kurz abgebrochen, denn eben
lenkten die Pferde wiehernd in den Thorweg der goldenen Traube ein, und in
der inneren Thür stand auch schon der Wirth, Christoph Erlau, der ihnen
sein Käppchen entgegenschwenkte, während Lieschen, die in der Küche
beschäftigt gewesen war, wie der Blitz in ihr Kämmerchen hinaufhuschte,
denn so konnte sie sich den neuen Schwiegereltern doch nicht zeigen, und
so wäre sie gerade am allerhübschesten gewesen, denn Frau wie Mädchen
sehen, sie mögen selber denken, was sie wollen, doch immer am hübschesten
im Hauskleid aus. Aber der Geschmack ist eben verschieden, und man
behauptet ja, daß sich nicht darüber streiten lasse.
Jetzt, nachdem Hansens Eltern ausgestiegen und hinein in die »beste
Stube« geführt waren, begannen nun vor allen Dingen eine Menge von
Förmlichkeiten, die in den höchsten Cirkeln nicht weitschweifiger und
unbehülflicher sein konnten, als hier in der sonst so schlichten Familie.
Aber es soll nur um Gotteswillen Niemand glauben, daß jenes Ungethüm,
die sogenannte »Etiquette«, an irgend einem fürstlichen Hofe steifer
und unnachsichtlicher gehandhabt würde, als in irgend einer Bauernfamilie,
sobald sich eine passende und außergewöhnliche Gelegenheit dazu findet.
Da bestehen ganz genau bestimmte und festgestellte Formen, was gesagt
werden muß und wie es gesagt werden muß, wohin man sich setzt und wie man
sich setzt, und was endlich vorgesetzt werden soll, und wie die Hausfrau
zu dem Vorgesetzten zu nöthigen hat, daß es einen einfach schlichten
Menschen zur Verzweiflung bringen könnte. Das einzige Gute hat es, daß
es nicht so lange dauert, wie bei Hofe, denn da ist es den Leuten ein
natürlicher Zustand, in dem sie sich bewegen, sie würden eine andere
Existenz für unmöglich halten; hier dagegen ist es ein unnatürlicher,
gewaltsam hervorgerufener, der wohl eine Zeit lang anhält, sich aber
zuletzt selber verarbeitet -- und plötzlich finden sich die Leute wieder
in ihrem gewöhnlichen, natürlichen Fahrwasser, ohne daß sie eigentlich
merken, wie sie dahin gekommen sind.
So ging es auch hier. Zuerst wurden die Gäste also in die »beste
Stube« geführt, die natürlich, wie alle »besten Stuben«, kalt und
ungemüthlich aussah, denn ein Ort, in dem man sich wohl und behaglich
fühlen soll, muß bewohnt sein und nicht blos zum Staat gehalten werden.
Dann fuhr die Wirthin, nachdem eine Menge steife, nichtssagende Redensarten
gewechselt waren, aus und ein, um heranzuschleppen, was Küche und
Keller boten. Daß die Gäste gerade eben vom Essen kamen, war gar keine
Entschuldigung, und nun ging das Nöthigen los, in dem die Frau Erlau
wirklich Außerordentliches leistete. Endlich kam auch Lieschen in ihrem
Sonntagsstaat, aber viel schöner geschmückt durch das liebliche Erröthen
den neuen Verwandten gegenüber, das ihren Augen einen ganz eigenen Glanz
verliehen.
Nun kannten sich die beiden Familien schon seit längerer Zeit und waren
sonst wohl manchmal zusammengekommen und hatten miteinander gelacht und
geplaudert. Jetzt aber, wo sie sich durch die Verlobung der Kinder um
soviel näher traten, schien es ordentlich, als ob sie das weit eher
entfremdet hätte, so steif und unbehülflich standen sie sich gegenüber,
und Lieschen besonders, sonst voller Leben, ja oft ausgelassen lustig,
konnte fast kein Wort über die Lippen bringen. Aber ein Bann lag auf ihnen
Allen: das Bewußtsein, daß dies ein »Staatsbesuch«, daß es eine Form
sei, der Genüge geleistet werden müßte, und der ließ sich so schnell
nicht wieder abschütteln, der mußte erst ordentlich verdampfen.
Der Wirth war aber nicht der Mann, der sich lange einem solchen Zwang
beugte, und da sich auch Barthold nicht wohl dabei fühlte -- die Frauen
wären den ganzen Tag darin sitzen geblieben -- so trat bald eine Aenderung
zum Besseren ein. Die nöthigen Redensarten von Ehre und Freude und
Hoffnung einer solchen Verbindung etc. etc. waren gewechselt, was von
Speisen noch vertilgt werden konnte, war vertilgt, und der Wirth brachte
jetzt, während Lieschen den Kaffee und Kuchen besorgte, Cigarren. Da
war es ordentlich, als ob mit dem aufsteigenden Dampf derselben der böse
Zauber bräche, der auf ihnen Allen gelegen.
Die beiden Männer kamen bald auf ein Gespräch über Vieh und Felder,
was sie Beide interessirte; dadurch lenkten die Frauen auf ihre
Wirthschaftsangelegenheiten ein, und im Handumdrehen war die noch vor
Kurzem so steife hölzerne Gesellschaft in ihre natürlichen Bewegungen,
ja selbst in den natürlichen Ton ihrer Stimmen zurückgefallen, und die
Unterhaltung floß von da an leicht und ungezwungen.
Auch Lieschen thaute auf, und durch das wirklich Matronenhafte der sonst
gar noch nicht so alten Mutter ihres Bräutigams angezogen, setzte sie sich
zu ihr und plauderte bald mit ihr so frei und herzlich von der Leber weg,
als ob sie von Kindheit auf miteinander bekannt und befreundet gewesen
wären. Das aber schmeichelte der Frau Barthold auch; Lieschen sah dabei
in ihrer städtischen Kleidung so vornehm und »ansehnlich« aus, daß jene
ordentlich stolz auf ihre zukünftige Schwiegertochter wurde und nicht satt
werden konnte, ihr zu wiederholen, wie sehr sie sich freue, sie zur Tochter
zu bekommen und ihrem Sohne eine solche Frau geben zu können. Dabei
unterließ sie freilich auch nicht, alle die Tugenden und Vorzüge ihres
eigenen Hans aufzuzählen, und Lieschen fand da wohl eben soviel Freude
daran, ihr zuzuhören.
Den beiden Männern wurde es aber bald zu eng in der Stube. Bauern halten
nie lange in einem Zimmer aus, denn die freie Luft ist ihnen Bedürfniß,
und während die Frauen noch beim Kaffee sitzen blieben, gingen die Männer
miteinander hinunter auf den Hof und in die Ställe und, da die Pferde
gerade nahebei ackerten, auch einmal ein Stück hinaus auf das Feld.
Ihr Weg führte sie dicht hinter dem Pfarrgarten vorbei, und weil es
Barthold einfiel, daß er Hansens Taufschein eingesteckt hatte, konnten
sie den hier eben so gut gleich abgeben. Hier stand dem alten Barthold auch
eine Ueberraschung bevor, denn der Geistliche schien gar nicht gewußt zu
haben, daß Hans katholisch sei; zu einer »gemischten Ehe« schüttelte
er aber bedenklich den Kopf und bedeutete den alten Barthold, daß er
unter keinen Umständen ein Aufgebot erlassen könne, bis er nicht vom
General-Superintendenten einen sogenannten Dispens gelöst hätte.
Der Alte wollte schon über die neue Schwierigkeit wild werden, allein der
Traubenwirth nahm ihn unter den Arm und sagte, als sie wieder draußen im
Feld waren: »Macht Euch keine Sorge Barthold, ein Dispens vom Consistorium
ist schon zu erlangen, und geben sie ihn nicht, nun dann fahren wir
hinüber nach Gotha und lassen die jungen Leute da trauen. Dort sind sie
vernünftiger. Das junge Paar kann dann gleich seine Hochzeitsreise nach
der Wartburg machen,« fügte er lächelnd hinzu.
Mit diesem Trost schlug sich der alte Barthold denn auch bald die
ärgerlichen Gedanken aus dem Kopf, noch dazu, da sie hier in offenes Land
und zu ein Paar neugekauften Pferden des Wirthes kamen, für die er sich
ganz besonders interessirte. So verging ihnen die Zeit rasch, bis der
Dreiberger Bauer plötzlich merkte, daß die Sonne schon bald am Horizont
stand, und erschreckt ausrief: »Aber Wetter noch einmal, wir haben uns
bei dem Herrn Pfarrer zu lange aufgehalten, und ich muß machen, daß ich
wieder zu meiner Alten komme, die wird sonst böse. Im Dunkeln möcht' ich
auch nicht gerade den Weg nach Dreiberg zurückfahren.«
»Es sind ein paar böse Stellen drin,« sagte der Wirth.
»Na, es geht,« meinte Barthold störrisch, »aber mein Wägelchen ist
nicht so recht drauf eingerichtet, und die Frau könnte brummen. Wann kommt
Ihr denn eigentlich einmal nach Dreiberg hinüber?«
»Ich weiß nicht, ob ich die Woche noch kann,« sagte der Wirth, »denn
morgen haben wir hier eine große Kindtaufe im Orte, wo bei mir getanzt
wird, und am Sonnabend bringe ich meine Alte doch nicht aus dem Haus.
Wenn's aber irgend möglich zu machen ist, so rutschen wir den Freitag doch
noch hinüber.«
»Rutschen?« dachte Barthold, mit dem Weg in der Erinnerung, aber er sagte
nichts, und die beiden Männer schritten jetzt wieder dem Wirthshaus zu.
Ueber die Aussteuer der Brautleute war heute noch kein Wort gesprochen
worden, obgleich der Wirth darauf gewartet hatte. Anfangen davon mochte er
aber auch nicht, und Barthold hielt es nicht für schicklich, das gleich
bei der ersten Begegnung vorzunehmen. Wenn der Traubenwirth zu ihm nach
Dreiberg kam, dann wollten sie das wohl bald in Ordnung bringen. Schneller
jedenfalls, als die Geschichte mit dem Consistorium, die ihm doch im Kopf
herumging.
Der Großknecht hatte jetzt Auftrag bekommen, einzuspannen, und der Wagen
hielt bald darauf vor der Thüre, aber die beiden Frauen, die im Anfang den
Mund kaum öffnen wollten, waren jetzt warm geworden und in ein
Gespräch über ihre Kinder hineingerathen, aus dem sie sich nicht wieder
herausfinden konnten. Barthold stand schon lange, mit Hut und Stock in der
Hand, neben der Thür und hielt die Klinke.
»Na, Alte, kommst Du?«
»Gleich, Vater, gleich -- das glaub' ich, Ihr Männer seid immer gleich
fertig mit Anziehen. Ihr setzt den Hut auf und damit basta. Und nicht wahr,
Frau Erlau, Sie machen uns recht bald das Vergnügen, damit Sie auch einmal
sehen können, wie wir da draußen eingerichtet sind? O, es soll Ihrem
Lieschen schon bei uns gefallen, daran zweifle ich keinen Augenblick.«
»Wenn so ein paar Frauen in's Schwatzen kommen,« lachte Barthold
gutmüthig vor sich hin, »da reißt's nachher gar nicht wieder ab. Wir
kommen heute nicht mehr weg. Habt Ihr Betten genug im Haus, Erlau?«
»Betten genug,« schmunzelte dieser.
»Die brauchen wir für heute nicht!« rief aber die Alte, sich gewaltsam
losreißend. Sie hatte die letzten Worte gehört. Doch das Lieschen kam
jetzt noch herbei, dem sie einen Kuß und noch einen und noch einen geben
mußte, und endlich war sie mit Allem fertig. Unten knallte der Großknecht
mit der Peitsche, daß die Fensterscheiben klirrten. Jetzt saßen sie im
Wagen, und nun sollte es noch einmal an ein Abschiednehmen und
Handdrücken gehen; dem aber machte der Großknecht ein Ende. Ein kleiner
Peitschenschlag traf das Handpferd, und hinaus rasselte der Wagen aus
dem Thorweg, ein kurzes Stück auf der Chaussee hin, eben genug, um das
Chausseehaus wieder zu passiren, und bog dann in den Feldweg ein, ehe die
Frau nur von ihrem Mann Alles erfahren hatte, was er mit dem Herrn Pfarrer
vorhin gesprochen. So neugierig sie aber darauf war, eine Unterhaltung
wurde zur Unmöglichkeit, sobald sie in den Feldweg einlenkten, und alle
weiteren Erklärungen mußten für daheim aufgeschoben werden.
Viertes Kapitel.
Eine weltliche Schwierigkeit.
Am Freitag kam der Traubenwirth mit seiner Frau zur Gegenvisite nach
Dreiberg. Die beiden Väter saßen dann wohl eine Stunde lang oben zusammen
allein in des Alten Stube -- aber nicht etwa trocken, denn Barthold hielt
darauf, einen ganz vorzüglichen Ungarwein in seinem Keller zu haben -- und
kamen nachher wieder, Beide seelenvergnügt, und wie es schien vollkommen
einig, zu den Frauen hinunter, um dort Kaffee zu trinken und Kuchen zu
essen.
Am nächsten Sonntag war Hans natürlich den ganzen Tag drüben in Wetzlau
in der Traube, und dort holten sich die beiden jungen Leute eine Landkarte
vor und zeichneten sich darauf die Reise nach Gotha zusammen ab. Was
kümmerten sie sich um das Consistorium.
Merkwürdige Zeit nahm sich übrigens der Herr Generalsuperintendent, an
den die Eingabe zuerst gemacht war; denn die ganze nächste Woche verging,
ohne daß er auch nur das Mindeste hätte von sich hören lassen. Das war
aber noch das Wenigste, es traf auch keine Antwort von Schlesien ein,
und Hans wußte schon vor lauter Ungeduld gar nicht mehr, was er angeben
sollte. Endlich, am Sonnabend Mittag, die Familie saß gerade bei Tische,
kam ein Brief mit dem preußischen Gerichtssiegel.
»Nun endlich!« rief Hans jubelnd und sprang von seinem Stuhl auf, »das
hat lange gedauert.«
»Hm,« meinte der Vater, der den Brief kopfschüttelnd befühlte und dabei
nach seiner Brille suchte, denn das Schreiben kam ihm viel zu dünn vor,
als daß irgend ein Document darin eingeschlossen sein konnte, »seit ich
die Geschichte mit dem Consistorium gehört, habe ich ordentlich Angst
bekommen, daß hier ebenfalls etwas der Quere gehen könnte; aber das
ist doch nicht gut möglich, denn das Amt geht es doch nichts an, ob wir
Katholiken oder Protestanten sind.«
Jetzt hatte er seine Brille gefunden, setzte sie auf, öffnete den Brief
und sah hinein.
»Nun, ist der Schein nicht drin?« frug Hans rasch und mißtrauisch.
»Drin ist nichts,« sagte der Vater, »aber wir wollen erst einmal sehen,
was der Gerichtshalter schreibt. Vielleicht ist es blos eine Anweisung
an die hiesigen Gerichte, ihn hier auszustellen; das wäre auch das
Kürzeste.«
»Was brauch' ich überhaupt einen Heimathschein?« sagte Hans, »wenn ich
nur eine Heimath habe, denn so ein Wisch giebt mir doch keine. Nun, was
schreibt der Gerichtshalter?«
»Da werde der Henker d'raus klug,« rief der alte Barthold, indem er den
Brief -- er enthielt kaum zehn Zeilen -- auf den Tisch warf, seine Brille
abwischte und wieder in die Tasche steckte.
»Nun?« rief Hans, das Schreiben aufgreifend.
»Du wärst in Preußen gar nicht heimathberechtigt, wenn auch da geboren,
denn ich wäre mit Dir, als Du noch minderjährig gewesen, in das Ausland
ausgewandert, und ich und meine Kinder hätten dadurch unser Heimathsrecht
in Preußen aufgegeben.«
»Ja, aber Du lieber Gott, wo soll er denn da einen solchen Schein
herbekommen?« rief die Mutter, »sie müssen ihm ja den geben, er ist ja
doch dort geboren.«
»Es steht auch noch drunter, daß der Junge in Preußen nie seiner
Militärpflicht nachgekommen wäre und schon deshalb nicht als preußischer
Unterthan betrachtet werden könnte.«
»Und was liegt dran?« rief Hans, den Brief trotzig auf den Tisch
zurückwerfend, »irgendwo muß ich zu Haus gehören, das sieht ein Kind
ein, und wenn Preußen nichts von mir wissen will -- ei, dann müssen sie
mir hier einen solchen Wisch geben. Siehst Du wohl, Vater, hättest Du
mich nur gleich in die Stadt hineinreiten lassen, so wäre jetzt Alles
abgemacht, und nun geht die Geschichte noch einmal von vorn an. Hier
haben wir unsern Grund und Boden, und hier gehören wir also auch her. Was
kümmert uns Preußen?«
»Na, ich will's wünschen,« sagte der alte Barthold, der auf einmal
merkwürdig mißtrauisch gegen alles das geworden war, was Behörden
eigentlich thun müssen und was sie wirklich thun. »Da ist's aber doch
besser, ich fahre selber in die Stadt; denn wenn Du auch jetzt gingst, so
müßte ich später doch selber hinein, und da würde nur noch mehr
Zeit damit verloren. Außerdem kann ich dann gleich einmal mit zum
General-Superintendenten gehen und sehen, wie die Sache mit dem
»Dispens,« glaub' ich, nannt' es der Pfarrer in Wetzlau, steht. Die
nehmen sich auch eine bärenmäßige Zeit. Heute käm' ich freilich zu
spät hinein, und morgen ist Sonntag, wo alle Gerichte geschlossen sind;
aber den Montag Morgen mit Tagesanbruch fahre ich weg. Bis dahin mußt Du
Dich schon noch geduldigen, Hans. Es kann eben nichts helfen.«
Der alte Barthold ging hinauf in seine Stube, um sein Mittagsschläfchen
zu halten, und die Mutter hatte draußen noch zu thun. Hans war am Tische
sitzen geblieben, stützte den Kopf in die Hand und sah finster brütend
vor sich nieder. Katharine trat in's Zimmer und ging hindurch in die
Kammer, um reine Milchtücher herauszunehmen. Als sie nach einer Weile
zurückkam, saß der Hans noch immer in der nämlichen Stellung; er hatte
sie gar nicht gehört.
Katharine trat leise auf ihn zu, legte ihre Hand auf seine Schulter und
sagte: »Hans!«
»Bist Du's, Kathrin,« sagte Hans und sah zu ihr auf. »Willst' was?«
»Weiter nichts, als daß Du nicht mehr so traurig bist. Habe nur ein klein
wenig Geduld, es macht sich ja Alles, und das Lieschen wird bald Deine Frau
werden. Ihr seid ja nachher auch für das ganze lange Leben beisammen, und
bei so einer langen Zeit kann's ja doch auf die paar Tage nicht ankommen.«
»Ich bin nicht traurig, Kathrin,« sagte Hans, indem er sich die lockigen
Haare aus der Stirn warf, »nur ärgerlich, ärgerlich über die Gerichte,
über das Consistorium, über die Pfarrer, über die Gerichtshalter, über
mich -- ei, über die ganze Welt!«
»Ueber mich auch, Hans?« fragte Kathrine, und sah ihn mit ihren hellen
Augen so treuherzig an.
»Ueber Dich? -- nein, Kathrin',« sagte Hans, ihre Hand nehmend und
drückend, »weshalb sollt' ich über Dich böse sein? Du bist immer so
lieb und gut, und wenn's an Dir läg', so hätt' ich meine Papiere gewiß
schon lange und könnt' morgen Hochzeit machen.«
»Du darfst mir's glauben, Hans, ja,« erwiderte Katharine, und sah ihn
dabei recht ernst und wehmüthig an. »Wenn's an mir läg', solltst Du
nicht einen Augenblick warten dürfen, um glücklich zu werden. Aber
der Vater wird's auch schon allein fertig bringen,« fuhr sie nach einer
kleinen Pause fort. »Es geht nun einmal so entsetzlich langsam mit den
Gerichten, und Nachbars Margareth hat mir erzählt, daß eine Schwester
von ihr, die in die Stadt hinein heirathete, über zwei Jahr hat warten
müssen, weil ihr Bräutigam immer und immer die Papiere nicht bekommen
konnte.«
»Da würde ich wahnsinnig, wenn das mir passirte,« rief Hans.
»Nun, so schlimm wird's schon nicht werden,« lächelte das junge
Mädchen. »Hab' nur guten Muth und mach' wieder ein freundlich Gesicht.
Siehst Du, wenn Du traurig bist, dann sieht's gleich im ganzen Hause
schwarz aus, und -- man ist's auch eigentlich gar nicht an Dir gewöhnt.
Aber ich muß fort; Joseph und Marie! da draußen steht schon die Rese und
wartet auf mich,« und mit den Worten huschte sie mit den Leintüchern, die
sie noch immer unter dem Arm hielt, aus der Thür.
Hans stand auch auf. Es war ebenfalls Zeit geworden, daß er wieder hinaus
an seine Arbeit ging, und nur das Böse dabei, daß er sich bei der Arbeit
nicht einmal die Gedanken aus dem Kopf schlagen konnte, denn der Aerger
wollte ihm gar nicht aus dem Sinn, und beim Pflügen hatte er erst recht
Zeit, darüber nachzugrübeln.
Sonderbar; die Liebe zu Lieschen und der Schmerz, daß er ihr noch so lange
nicht angehören solle, hatten eigentlich mit seinen Gefühlen weit weniger
zu thun, als der Aerger über diese albernen Weitläufigkeiten. Es war aber
auch wieder ganz natürlich, denn nichts kann einen Menschen mehr ärgern
und verdrießen, als wenn er einem bestimmten Ziel entgegenstrebt, ja
schon in Armesbereich nahe gekommen ist und dann durch eine Menge von
Hindernissen davon zurückgehalten wird. Sind diese Hindernisse der Art,
daß man sie selber mit eigener Kraft und Ausdauer bewältigen kann, ei,
dann ist es etwas Anderes; dann wird unser Geist, unsere ganze Thätigkeit
dadurch in Anspruch genommen, und wir haben sogar nachher noch einmal so
viel Freude an dem Gewonnenen, denn nichts macht uns glücklicher, als was
wir uns selbst verdient und errungen haben. Sind solche Hemmnisse dagegen
der Art, daß wir nichts, gar nichts auf der Gotteswelt dawider thun
können und nur immer warten und warten müssen, dann mögen sie wohl
einen nur etwas lebhaften Menschen zur Verzweiflung treiben, und Hans war
allerdings lebhafter Natur. Seine Geduld zu erproben, bekam er aber jetzt
Gelegenheit, denn er schien dazu gerade auf das rechte Capitel gerathen zu
sein: eine Eingabe an ein Consistorium und ein Heimathschein. Selbst für
den urgeduldigen Deutschen ist es ein Meisterstück, die beiden Dinge ruhig
abzuwarten.
Fünftes Kapitel.
Zwischenfälle.
Der nächste Tag war wieder ein Sonntag, und Hans ritt natürlich gleich
nach dem Frühstück nach Wetzlau hinüber. Zugleich nahm er aber auch
eine Einladung mit dorthin für die Familie Erlau, denn am Dienstag --
den Montag wollte der Alte überdies in die Stadt -- war seines Vaters
Geburtstag und zugleich sein Hochzeitstag, und der wurde immer daheim nicht
allein festlich, sondern sogar feierlich begangen. Er ließ auch sein
Pferd tüchtig ausgreifen und trabte noch rasch in den Thorweg zur goldenen
Traube hinein, ehe er den Braunen einzügelte.
Drinnen im Hausflur, an dem links das Schenkzimmer für die Fuhrleute und
Handwerker, rechts die »Gaststube« für vornehmere Gäste lag, führte
hinten gegen den Hof zu die offene Treppe in den ersten Stock. Dort stand
Lieschen unten an der Treppe und ein junger, sehr elegant gekleideter
Herr, mit dem Hut in der Hand, neben ihr und schien sich nach etwas zu
erkundigen. Wie sie Hans aber hereintraben sah, ließ sie den jungen Herrn
gleich stehen, rief ihm nur noch ein paar Worte zu, daß er ihren Vater
da drüben in der Stube träfe, und sprang dann an das Pferd, um ihrem
Bräutigam die Hand hinauf zu reichen und guten Morgen zu sagen.
»Wer war denn der Fremde, Schatz?« sagte Hans, als er sein Pferd dem
Hausknecht übergeben hatte und mit Lieschen in die obere Stube ging.
»Ich weiß es nicht, Hans,« lautete die Antwort, »ein fremder Herr,
der bei uns ein paar Tage wohnen will. Er gehört, glaub' ich, mit zu den
Vermessern, die jetzt das Zusammenlegen der Felder beginnen sollen. Der
Vater hat auch den Kopf voll damit. Aber das ist brav, daß Du so früh
gekommen bist, da haben wir heute den ganzen langen Tag vor uns. Wie ist's,
hast Du Deinen Heimathschein?«
»Ach, sprich mir nicht davon,« sagte Hans verdrießlich, »es verdirbt
mir den ganzen, schönen Tag. Der Vater muß noch morgen deshalb in die
Stadt. Wenn er mich nur hineinließe; ich wollte denen da drinnen schon die
Meinung sagen.«
»Ja, und nachher steckten sie Dich ein,« lachte Lieschen, »und Du
bekämst ihn gar nicht. Nein, da laß Du doch lieber den Vater gehen, der
setzt mit Ruhe und Vernunft mehr durch, als Du mit Hitze und Poltern. Aber
jetzt hol' ich Dir erst etwas zum Frühstücken, und nachher gehen wir ein
wenig hinunter in den Garten.«
»Aber kein Wort mehr über den Heimathschein,« rief Hans ihr nach.
»Keine Sylbe.«
Der Vertrag wurde gehalten, und spät am Abend, nach einem vergnügt
verlebten Tag, ritt Hans nach Dreiberg zurück.
Am nächsten Morgen fuhr der Vater in die Stadt, hatte indeß auch
noch Nichts ausgerichtet, als er gegen acht Uhr Abends wieder ziemlich
erschöpft zurückkam. Die Herren nahmen seine Angaben allerdings
sämmtlich zu Protokoll, versicherten ihn aber auch, die Sache könnte
nicht übers Knie gebrochen werden. Trotzdem solle er, wenn irgend
möglich, noch in dieser Woche Bescheid erhalten.
Der alte Barthold wäre übrigens beinah noch übel gefahren. Anfangs
wollte er daheim mit der Geschichte nicht recht laut werden, nach und nach
kam aber doch Alles heraus. Er hatte nämlich dem Einem der Leute auf dem
Gericht, den er für einen untergeordneten Beamten gehalten, weil er gar
so schäbig ausgesehen, einen harten Thaler in die Hand drücken wollen,
um die Sache ein wenig zu beschleunigen, und nachher war das ein
Gerichtsassessor gewesen. Der alte Barthold schüttelte jetzt noch mit dem
Kopf, wenn er daran dachte was der für ein Gesicht gemacht, und wie er ihn
angesehen hatte. Es war aber dennoch gut abgelaufen.
Auf den nächsten Tag fiel die Geburtstagsfeier; Erlau's hatten zugesagt zu
kommen -- Lieschen auch mit, natürlich -- und das Haus in Dreiberg war
von unten bis oben mit Blumen und grünen Reisern geschmückt, daß man in
lauter Lauben treppauf und treppunter ging. Und wie hatte die Mutter heute
aufgetafelt, und als Traubenwirths endlich kamen, ließ sie es sich auch
nicht nehmen, die Braut selber herumzuführen in Haus und Wirthschaft, und
ihr Alles zu zeigen, wo sie einmal später als Herrin schalten sollte.