Der »Mosje aus der Stadt« wohnte freilich noch immer in der goldenen

Traube und hatte mit ihnen an einem Tisch gegessen -- was er alle Tage mit

Lieschen und ihren Eltern that, da er sich bei ihnen in Kost gegeben. Der

Herr war auch sehr aufmerksam gegen seine Braut gewesen, und eigentlich

gefiel das Hans nicht recht, aber es ließ sich auch nicht gut etwas

dagegen sagen. Das Zusammenlegen der Felder, besonders bei den verwickelten

Eigenthumsverhältnissen in Wetzlau, war keine Arbeit, die sich eben in

vierzehn Tagen abthun ließ, und das andere Wirthshaus im Dorf dabei so

schlecht, daß ein anständiger Mensch dort nicht gut wohnen konnte. Jener

Fremde -- Herr von Secklaub hieß er -- mußte also wohl oder übel in der

Traube wohnen und essen, und daß er sich artig gegen die Tochter vom Haus

betrug, konnte Hans ebenfalls nicht gut übelnehmen. Weit eher hätte er

Grund dafür gehabt, wenn das Gegentheil der Fall gewesen. Lieschen sprach

aber auch in der Zeit, da Hans in Wetzlau war, keine zehn Worte mit jenem

Herrn, und als sie ihm auch noch zusagte, daß sie seine Platzjungfer

auf der Kirmeß zu Dreiberg sein wollte, hatte er alles Andere darüber

vergessen -- selbst den Heimathschein und das hohe Consistorium -- und

galoppirte so fröhlich und guter Dinge, wie er lange nicht gewesen war,

nach Hause zurück.

Und heute Abend wurde die Kirmeß wirklich in Dreiberg angetrunken, wie

man diese Feierlichkeit dort nennt; d. h. die jungen Burschen aus dem

Orte kamen im Wirthshaus zusammen und behandelten die sehr wichtige

Angelegenheit, wer die Kirmeß eigentlich von ihnen halten, d. h.

bezahlen sollte. Zu dem Zweck mußten sich drei von ihnen zu sogenannten

Platzburschen erbieten, die es übernahmen die sämmtlichen Kosten zu

tragen, oder wenigstens dafür gut zu sagen. Erreichte die Einnahme nachher

die Kosten nicht, so hatten sie aus ihrer Casse darauf zu legen, was daran

fehlte.

Es versteht sich von selbst, daß sich immer die wohlhabendsten Burschen

im Dorfe dazu erboten, und Hans war heute der Erste, der sich zu einem

derselben meldete. Nach einigem Herüber- und Hinüberreden, denn die Sache

kostete manchmal viel Geld, fanden sich auch noch die beiden Anderen, und

jetzt mußte Jeder seine Platzjungfer nennen.

Das ging ebenfalls rasch genug: Hans nahm natürlich seine Braut, ein

anderer Bauerssohn aus Dreiberg erklärte, seine Platzjungfer solle

Barthold's Katharine sein, und der dritte hatte sich des Schulmeisters

Tochter ausgesucht.

Nun kamen noch einige geschäftliche Angelegenheiten, denn die

Platzburschen hatten auch für die Musik, die ganze Kirmeß durch, zu

sorgen, wie sie ebenfalls während der Zeit Freibier halten mußten. Auf

morgen Abend aber wurde, wie das jedes Mal so geschieht, das Ständchen

angesetzt, das die Platzburschen ihren gewählten Mädchen geben, und

ein Abgesandter der Stadtmusikanten, die gewöhnlich auf den Kirchweihen

spielen, war schon zu dem Zweck herausgekommen, um die nöthigen

Anordnungen zu hören und die Stärke des Orchesters mit den Platzburschen

zu besprechen.

Gewöhnlich hatten diese nun immer zwölf »Musikanten« zu ihrem Tanz und

Vergnügen gehalten, Hans aber bestand auf zwanzig, ohne den Kapellmeister,

weil er die Sache glänzend durchgeführt haben wollte, und als die

Anderen, der Kosten wegen, darauf nicht eingingen, erbot er sich die

Ueberzähligen aus seiner eigenen Tasche zu bezahlen. Der »Stadtmusikant«

bekam dann gleich Befehl, morgen Abend um sieben Uhr mit seiner »Bande«

an Ort und Stelle zu sein, und die beiden anderen Platzburschen -- Lieschen

wußte ja schon, daß sie gewählt sei, und kannte den dabei beobachteten

Gebrauch -- brachen jetzt auf, um ihren Platzjungfern die zugedachte Ehre

anzuzeigen.

Katharine sträubte sich erst. Sie war bis jetzt nur dann zu Tanz gewesen,

wenn Hans mit ihr ging, aber Hans redete ihr selber zu und bat sie, es

seinet- und Lieschens wegen anzunehmen, das sich gewiß freuen würde,

mit ihr da zusammen zu sein. Außerdem konnte sie es nicht einmal gut

ausschlagen, ohne den jungen Burschen gröblich zu beleidigen. Er wäre

gewiß nicht wenig von den Cameraden ausgelacht worden. So nahm sie es

denn an, und die Mutter, die stolz darauf war, daß sie ihre Katharine zur

Platzjungfer gewählt, hatte alle Hände voll zu thun, um den gehörigen

Putz für sie herzurichten, denn Katharine sollte dem Barthold'schen Haus

wahrhaftig keine Schande machen.

Die eigentliche Kirmeß fing erst in vier Wochen an, am nächsten Abend

aber mußte den Platzjungfern, mit dem vollen Musikcorps, das Ständchen

gebracht werden, und es ist dann Sitte, daß die Mädchen die Burschen

sowohl, als die Musikanten mit Kaffee, Kuchen, Wurst und Brod tractiren. Da

sie aber doch nicht gut bei allen dreien essen und trinken konnten, suchten

sich die Burschen gewöhnlich zum Halteplatz den Ort aus, wo sie auf ein

gutes »Tractament« rechnen konnten, und das war hier im Ort natürlich

sicherer bei Barthold, als beim Schulmeister zu finden. Des Schulmeisters

Tochter wurde deshalb, sowie die Musik eingetroffen war, zuerst

heimgesucht, und das ganze Dorf lief zusammen, als das mächtige Musikcorps

mit Pauken und Trompeten in die stille Nacht hineinwirbelte und einen ganz

heillosen Lärm machte. Dann nahm der Tänzer Bärbel's, denn so hieß

das junge Mädchen, diese an den Arm, und nun zog der Trupp zu Barthold's

hinüber, um dort den musikalischen Spectakel von neuem zu beginnen.

Der alte Barthold ließ sich aber nicht »lumpen«. Aufgetragen war in der

großen unteren Stube, was Küche und Keller nur liefern konnten, und wie

sie sich dort ganz gehörig »gestärkt« ging der Zug -- ohne die Mädchen

natürlich -- in einem Strich nach Wetzlau hinüber, denn der Traubenwirth

war auch nicht zu verachten.

Das galt aber, wie gesagt, nur als das Vorspiel des Ganzen, denn vier

Wochen später begann am Dienstag die wirkliche Kirmeß, die drei Tage

dauerte, Freitag und Sonnabend war Ruhe, und am Sonntag wurde dann die

sogenannte Nachkirmeß gehalten.

Am ersten Kirmeßtag aber ist es Sitte, daß die Platzburschen ihre

Mädchen mit Musik abholen, und Hans natürlich hatte es sich etwas kosten

lassen, um das seiner würdig in's Werk zu setzen. Er selber, mit dem

üblichen Strauß im Knopfloch und einem anderen kleineren mit einem

wehenden rothen Band daran am Hut, eröffnete an dem Morgen den Reigen,

da Wetzlau am weitesten entfernt lag und er also sein Mädchen zuerst

herüberbringen mußte. Er ritt seinen Braunen, ein prächtiges munteres

Pferd, und dahinter kam ein mit Guirlanden und Büschen geschmückter

Leiterwagen, auf den die ganze Musik gepackt war. Hinter dem Leiterwagen

aber fuhr der Großknecht den kleinen steierischen Wagen leer hinüber, um

darin die Platzjungfer, seine Braut, mit ihren Eltern abzuholen. Früh um

sechs Uhr brachen sie auf. Lieschen war auch schon gerüstet und prangte im

prachtvollen Schmuck der Platzjungfer, mit Blumen am Mieder und im Haar

und einem carmoisinrothen Seidenband in den dunklen Locken, genau dieselbe

Farbe wie es ihr Platzbursche, der Hans, trug, was ihr gar so reizend

stand.

Die Eltern wollten auch, und zwar nur für heute mitfahren, denn drei

Tage, so lange wie die Kirmeß dauerte, konnten sie nicht gut von Hause

wegbleiben. Der alte Erlau zog es aber doch vor mit seiner Tochter den

eigenen kleinen Wagen zu benutzen und sich nicht dem »Räderwerk« des

Dreiberger Bauern anzuvertrauen. _Er_ hatte jetzt Federn an seinem Wagen.

Dem Zug, dem sich noch ein Dutzend junge Burschen von Wetzlau anschlossen,

folgte auch Herr von Secklaub, auf einem prachtvollen Rappen, seinem

eigenen Pferd. Er schien sich ebenfalls einmal die Dreiberger Kirmeß mit

ansehen zu wollen, und eingeladen war ja Jeder, der kommen wollte.

Die Gäste, d. h. der Traubenwirth mit seiner Familie, stiegen natürlich

bei Barthold's ab, wo auch schon die anderen Platzburschen warteten, um

Katharine abzuholen.

Und wie lieb Katharine heut aussah! Sie war in die Bauerntracht ihres Ortes

gekleidet, und unwillkürlich flog Hansens Blick von ihr zu Lieschen,

um zum ersten Mal die Beiden mit einander zu vergleichen. Lieschen war

städtisch gekleidet, wie sie immer ging, heut aber wär' es Hansen fast

lieber gewesen, sie hätte auch die Bauerntracht getragen. Es hätte mehr

zu dem Ganzen gepaßt, so aber sah sie aus, als ob sie nicht recht dazu

gehöre und nur zum Besuch herausgekommen wäre, und das war sie doch

nicht. Er hatte sie auch wirklich darum bitten wollen, es aber wieder

vergessen; was kam denn überhaupt auf die Tracht an? Woraus das Kleid

nur gewebt war, das sie trug? dachte er dabei; es sah prächtig aus,

mit hineingewirkten Blumen und Zierrathen, und die Blumen -- künstlich

gemachte, ihr Strauß und Kopfputz -- die waren wirklich herrlich und so

natürlich, daß man hätte daran riechen mögen -- Moosrosen und Nelken

stellten sie vor, weil sie, zu dem Band passend, roth sein mußten. Wo

hatte sie nur so rasch die kostbaren Blumen herbekommen? -- Lieschen war

unbestritten das schönste Mädchen im Dorfe, und während des ganzen

Festes, und obgleich sie mit Allen auf das Herzlichste und Unbefangenste

sprach, hatten die beiden anderen Platzburschen doch einen ordentlichen

Respect vor ihr, was jedenfalls die städtische kostbare Kleidung bewirkte,

und doch war sie ja auch nur eines Bauern Tochter.

Viel heimischer wurde es ihnen dagegen bei Katharine zu Muthe, die mit

ihrem kleidsamen kurzen Rock, den bunten Zwickelstrümpfen, dem geputzten

Mieder und ihrem einfachen Kornblumenkranz im Haar, der zu dem blauen Band

paßte, ganz wie die Kornblume gegen die Moosrose abstach, aber doch auch

wieder in ihrer Art gar wunderhübsch und lieblich aussah.

Ob sie sich in Lieschens Nähe gedrückt fühlte? sie schien heute lange

nicht so heiter und fröhlich als sonst, während in Lieschens Augen das

Vergnügen über das zu erwartende Fest ordentlich funkelte und sie in

einem fort lachte und Hans über sein ehrbar steifes Wesen als Platzbursche

neckte.

Jetzt war auch des Schulmeisters Tochter abgeholt, ein einfaches, doch auch

gar liebes Mädchen, das einen weißen Strauß in den dunklen Haaren und am

Mieder, und ein weißes Band in den Locken trug, und der Zug ging nun zur

Kirmeßstange vor der Kirche. Hier tanzten erst die drei »Platzpaare«

drei Tänze im Freien, welches Recht ihnen allein zustand, dann zog die

ganze fröhliche Schaar auf den festlich geschmückten Tanzboden in das

Wirthshaus.

Achtes Capitel.

Wie die Kirmeßburschen ihr Recht ausüben.

Und das ging jetzt lustig da oben zu, denn ein solches Musikcorps war noch

nicht im Ort gewesen, so lange Dreiberg stand. Das schmetterte durch den

Saal, daß die Tanzlust sich aller Gäste bemächtigte. Die ersten drei

»Reihen,« wie man es dort nennt, gehörten aber wiederum den Platzpaaren,

die damit gewissermaßen die Kirmeß eröffneten; aber als die erst getanzt

waren, hatte Jeder freien Zutritt, d. h. er mußte sich vorher bei den

Platzburschen um fünf Groschen ein Band lösen, das er dann, wie eine

Eintrittsmarke, im Knopfloch trug. Das berechtigte ihn zu freiem Tanz und

freiem Bier bis zum Abendbrod.

Nach den drei ersten »Reihen« oder Tänzen hatten die Platzjungfern, für

die ganze Kirmeßzeit, das Recht, sich ihre Tänzer selber auszusuchen,

wenn sie eben Extratouren tanzen wollten. Nur der Platzbursche, der

sich die Maid gewählt, konnte einspringen wann er wollte und einen Tanz

verlangen -- und das verstand sich auch von selbst und war ganz in der

Ordnung.

Hans tanzte aber vor der Hand nur die ersten Reihen mit Lieschen, denn als

erster Platzbursche bekam er zu viel zu thun, um neu Hinzukommende, die

sich dem Tanz anschließen wollten, mit Bändern zu versehen, und Lieschen

hatte sich nach ihm Herrn von Secklaub, der sich auch ein Band gelöst,

ausgesucht, und zwar für zwei Tänze hintereinander. Dann forderte sie

die beiden anderen Platzburschen auf, und darauf wieder Herrn von Secklaub.

Aber auch aus der Stadt waren ein paar Bekannte herausgekommen, denen sie

diese Gunst gewährte, und sie versäumte keinen einzigen Reihen bis zum

Abendbrod.

Katharine hielt sich mehr zurück, obgleich sie es auch nicht gut vermeiden

konnte, den und jenen aufzufordern. Mit den anderen Platzburschen mußte

sie natürlich auch einmal tanzen, und Hans, der heut ganz wild und

ausgelassen war, schwang sich mit ihr lustig im Kreise.

»Mach' kein so traurig Gesicht, Kathrin,« sagte er dabei zu seiner

Tänzerin, »die Leute glauben Dir's ja sonst gar nicht, daß Du fidel

bist, und warum sollten wir heute nicht alle fidel sein; es ist ja

Kirmeß!«

»Ich bin ja lustig Hans,« sagte sie leise, ganz glücklich jetzt. »Hab'

ich denn wirklich so ernst ausgesehen?«

»Wie der Herr Pfarrer auf der Kanzel,« lachte der junge Bursche, »aber

sieh nur, wie der Mosje da drüben, der mit von Wetzlau gekommen ist, die

langen Beine herumwirft. Er will uns hier auf dem Dorfe zeigen wie man

tanzen muß, aber wir wollen einmal sehen ob er aushält, wenn's erst

einmal in die dritte Nacht hineingeht. Da wird er wohl auf dem Rücken

liegen und alle Viere strecken. Das weiß der liebe Gott, die Stadtleute

haben gar kein Mark in den Knochen.«

»Wie hübsch Lieschen tanzt!« sagte Katharine.

»Ja,« meinte Hans, »aber man sieht's gar nicht vor den langen Kleidern.

Ich weiß nicht, die Stadtmoden gefallen mir doch lange nicht so gut wie

unsere Tracht. Du siehst viel hübscher aus, Kathrine, mit Deinen kurzen

Röcken.«

Katharine war blutroth geworden, doch der Tanz auch gerade aus und Hans

wurde zu einer neuen Bändervertheilung abgerufen, da er vor dem Abendbrod

dies Geschäft übernommen hatte, und bis um neun Uhr, wo es zum Essen

ging, kam er nur noch ein einziges Mal zum Tanzen, dann wurde er ja aber

auch von seinem Amte abgelöst und konnte sich ganz seinem Vergnügen

überlassen.

Natürlich führte jeder Bursche sein Mädchen zu Tische, und die

Platzpaare saßen obenan, Hans mit Lieschen in der Mitte, und die anderen

Beiden rechts und links, und wenn auch eben nicht viel gegessen ward,

getrunken wurde desto mehr. Der Tisch brach aber trotzdem fast unter den

verschiedenen Speisen, und Kalbsbraten, Schweinebraten, Truthahn, Gans,

Enten, Hühner und Schinken, deckten mit einer Menge von Zuspeisen und

süßen und sauern Sachen die Tafel wirklich von einem Ende bis zum

anderen. Der Bauer, so mäßig er sonst lebt, hält etwas darauf, daß bei

solchen Gelegenheiten die Speisen gut und hauptsächlich in Masse da sein

müssen. Und hier war es noch besondere Ehrensache, daß es auf ihrer

Kirmeß an nichts fehle, damit die Burschen, die von anderen Dörfern

herüber gekommen waren, sich nicht am Ende später über die Festgeber

lustig machten.

Es war überhaupt eine eigene Sache mit dem Besuch von anderen Dörfern,

und dieser, wenn auch gestattet, doch immer nur mehr geduldet als gern

gesehen. Mit dem größten Vergnügen konnten die Burschen kommen, mit

trinken und mit tanzen, aber sie durften kein Mädchen »aus unserem

Dorfe« besonders auszeichnen, oder gar Abends heimführen wollen. Nachher

gab es böses Blut. Die Burschen wurden dann, zwar nicht gerade von den

Platzburschen, aber von den Uebrigen, geneckt und gehänselt. Man spielte

ihnen jeden Schabernack, den man nur gelegentlich anbringen konnte, und

setzten sie sich zur Wehr oder nahmen sie nicht Alles gutmüthig hin, dann

kam es auch wohl zu Thätlichkeiten, und der Tanzboden verwandelte sich

plötzlich aus einem Lust- in einen Kampfplatz. Es geschah aber doch

verhältnißmäßig selten, denn die fremden Burschen wußten schon, wie

sie sich zu benehmen hatten, und die »hiesigen« hielten ebenfalls soviel

als möglich mit solchen »letzten Hülfen« zurück, weil sie ja doch auch

manchmal die Nachbardörfer besuchten, wo ihnen alsdann hätte Aehnliches

widerfahren können.

Vor Tische fiel überhaupt nie eine derartige Scene vor, und der erste Tag

verging fast jedes Mal in Ruhe und Frieden.

So auch hier. Heute tanzte das junge Volk bis zwei Uhr des andern Morgens.

Jeder im Ort wohnende Tänzer geleitete dann sein Mädchen heim, und am

andern Morgen fing die Musik schon wieder um zehn Uhr an zu spielen. Auch

an diesem Tage fiel nichts Bemerkenswerthes vor, und Jeder stimmte damit

überein, daß eine so prachtvolle und reiche Kirmeß noch gar nicht in

Dreiberg gefeiert worden wäre und eine so friedliche ebenfalls nicht.

Am dritten Tage kam, etwa um drei Uhr Nachmittags, Herr von Secklaub wieder

nach Dreiberg, der in der That einen Zwischentag gebraucht hatte, um sich

ordentlich auszuruhen, und die Burschen zischelten und lachten über ihn,

als er den Saal betrat. Er ließ sich aber dadurch wenig stören, und

Lieschen entschädigte ihn auch bald dafür, da sie ihn, von ihrem Recht

Gebrauch machend, gleich zu dem nächsten Tanz abholte.

Mit Dunkelwerden hatte Katharinens Tänzer, der Soldat gewesen war und in

der Stadt eine Menge neue Tänze gelernt zu haben schien, von denen man

auf dem Lande eben keinen Gebrauch machte, eine Française oder einen

Contre-Tanz vorgeschlagen. Erst wollten die Mädchen nicht darauf eingehen,

zuletzt aber, unter Kichern und Lachen, stellten sie sich an, die

drei Platzpaare und noch ein anderes. Der arme Teufel, der den Tanz

vorgeschlagen, bereute es jedoch bald bitter, denn sie machten ihm das

Leben dabei sauer genug. Die Mädchen begriffen trotzdem ziemlich rasch,

wie sie sich dabei zu verhalten hätten, und von Lieschen unterstützt

ging es schon gar nicht so schlecht. Die Burschen ließen sich aber desto

ungeschickter an, und Hans besonders konnte das Ding nicht in den Kopf,

oder vielmehr nicht in die Füße kriegen.

Herr von Secklaub, der zum vierten Paar gehörte, war dagegen in diesem

Tanz vollkommen zu Hause, und daß er sich so geschickt dabei benahm und

Hans so hölzern, ärgerte diesen ganz besonders. Das dauerte aber

nicht lange. Hans sowohl, wie die andern Platzburschen, bekamen das

»Durcheinanderdrehen« bald satt. Mitten drin ließen sie abbrechen, und

wieder wirbelten die Paare in einem rasenden Rutscher dahin und umeinander

herum.

Jetzt wurde zum Essen trompetet und Lieschen stand einen Augenblick allein,

da Hans nach dem anderen Ende des Saales gerufen wurde, wo ein Streit

entstanden war, ob ein Fremder sein Band gelöst habe oder nicht. Secklaub,

der den letzten Tanz frei geblieben, trat auf Lieschen zu und bot ihr

seinen Arm, um sie zu Tische zu führen.

»Ich weiß nicht ob ich darf,« flüsterte sie, »Hans könnte es

übelnehmen.«

»Aber wenn er Sie so vernachlässigt, mein Fräulein,« sagte der junge

Mann, »so darf er sich doch darüber nicht beklagen. Kommen Sie, ich will

Sie ja nur begleiten und stehe dann gern von näheren Anrechten zurück.«

Er ließ auch keinen Widerspruch zu, zog Lieschens Arm in den seinen und

führte sie zu Tische.

»Na?« sagte Katharinens Platzbursche, den Fremden erstaunt ansehend, als

dieser mit seiner Dame an den oberen Theil des Tisches trat, »blöde sind

Sie gerade nicht. Ist das etwa der Stellvertreter für den Bräutigam,

Jungfer Braut?«

Lieschen wurde feuerroth, ehe sich aber Secklaub zurückziehen konnte,

stand Hans neben ihm und seinen Arm ergreifend, daß die blauen Flecke

daran noch acht Tage sichtbar blieben, sagte er eben nicht höflich:

»Will der Herr wohl so gut sein und die Hand davon lassen? Das ist meine

Platzjungfer, und die hat Niemand anders zu Tisch zu führen, als ich

selber!«

»Hans, fang' keinen Streit an,« bat Katharine leise flüsternd, indem sie

seinen Arm ergriff. »Er hat es ja auch nicht so bös gemeint. Er weiß ja

nicht was hier Sitte ist.«

»Sie entschuldigen,« sagte Secklaub, dem es nicht unangenehm war, daß

ihn Hans wieder losließ, »ich wußte nicht, daß ich dabei einen Eingriff

in Ihre Rechte beging, aber Fräulein Erlau --«

»Komm, Lieschen,« sagte Hans, vor den Fremden tretend und ihm den Rücken

kehrend, während er seine Braut auf ihren Stuhl niederzog, »setz' Dich

und mach' Dir's bequem. Und nun wollen wir einmal tüchtig einhauen, denn

ich bin nicht schlecht hungrig geworden.« Den Stadtherrn beachtete er

gar nicht mehr, und Herr von Secklaub zog sich, eben nicht erfreut von der

Behandlung, an das andere Ende der Tafel zurück. Mit den Bauerburschen

konnte er doch nicht gut Streit anfangen.

Um halb elf Uhr begann der Tanz von Neuem, und es wurden jetzt blaue

Bänder ausgegeben. Vor Tische waren wieder rothe getragen worden.

Katharinens Platzbursche hatte die Vertheilung derselben. Das ging auch

rasch und ohne Schwierigkeit vor sich, und das junge Volk warf sich der

Lust wieder mit solchem Eifer in die Arme, als ob das der erste Abend

gewesen wäre und sie nicht schon zwei halbe Nächte durchtanzt hätten.

»Hallo, Freund,« begann Katharinens Tänzer, der mit seiner Sparbüchse

in der Hand durch die Reihen schritt und jetzt damit, dicht vor Herrn von

Secklaub, klapperte. »Ihr habt noch Euer Band von vor Tisch ein; bitt' um

die fünf Groschen, hier ist ein anderes.«

»Bitte um Verzeihung,« sagte Secklaub, indem er in die Westentasche griff

und sein blaues Band herausholte und vorzeigte, »ich habe es mir eben

von Ihnen selbst eingelöst und trage nur das rothe, weil es mir besser

gefällt.«

»So? na, das ist Geschmacksache,« sagte der Bursche, »aber wenn Sie hier

mittanzen wollen, müssen Sie das blaue tragen, wie's meine Platzjungfer

trägt, nicht dem Hans seine, verstehen Sie mich? oder ich komme wieder mit

der Büchse,« und damit wandte er sich lachend ab, und Herr von Secklaub

knüpfte das blaue Band zu dem rothen.

»Tanz' nicht mehr mit dem Herrn mit dem Schnurrbart!« flüsterte

Katharine leise dem Lieschen zu.

»Und warum nicht?« frug diese rasch und etwas heftig zurück.

»Die anderen Burschen haben schon darüber gesprochen,« warnte sie das

junge Mädchen. »Sie haben auch heut Abend 'was im Kopf, und es könnt'

sonst Streit geben. Es wär' besser wenn er ganz wegginge.«

»Sie dürfen ihm nichts thun,« sagte aber Lieschen trotzig, »er ist Gast

hier in Dreiberg und hat seine Musik bezahlt, so gut wie die Andern, auch

noch Niemanden beleidigt, und der Hans ist doch schon vorhin recht grob mit

ihm gewesen.«

»Sei dem Hans nicht böse drüber, Lieschen,« bat Kathrine gutmüthig,

»Du weißt, daß die Platzburschen ihre Rechte haben und sich nicht gern

'was davon nehmen lassen. Es kostet ihnen ja auch viel Geld. Uebrigens

war's gewiß nicht so bös gemeint; Hans ist nun einmal so gradhin.«

»Er hätte mehr Lebensart haben sollen,« zürnte Lieschen noch immer.

»Uebrigens hab' ich als Platzjungfer auch meine Rechte und kann tanzen mit

wem ich will.«

»Das kannst Du, ja, Lieschen,« beschwichtigte sie das junge Mädchen,

»aber thu's mir zu Liebe nicht mehr heut' Abend mit dem fremden Herrn. Es

läuft wahrhaftig nicht gut ab.«

»Unsere Kirmeß!« jubelte da mit einem hellen Juchzer Katharinens Tänzer

dicht neben ihnen, umschlang das junge Mädchen und wirbelte mit ihm zum

Tanze fort; Lieschen aber, durch die Warnung nur noch mehr gereizt, ging

geraden Weges auf den etwas abseits stehenden Secklaub zu, bot ihm die Hand

und trat in die Reihe ein.

»Du, Hans,« sagte da einer der Dreiberger Burschen, indem er ihn auf die

Schulter klopfte, »wer ist denn hier eigentlich Platzbursch', Du oder der

da?« und damit zeigte er auf den gerade vorbeitanzenden Secklaub; »einen

Strauß trägt er auch schon im Knopfloch.«

»Ach laß ihn,« sagte Hans, indem er dem Paar mit einem finsteren Blick

folgte, »was weiß der Laffe von unseren Gebräuchen hier!«

»Ei zum Henker,« rief ein Anderer, der daneben stand, »dann muß man ihn

gescheidt machen. Von meinem Mädchen wollte er vorher einen Kuß haben,

die hat ihn aber schön ablaufen lassen. Das weiß ich, wenn er mir so in

die Quere käme, ich wollt' ihm bald zeigen, wo der Zimmermann das Loch

gelassen hat.«

Hans, obgleich er ein bischen viel getrunken, wollte doch nicht gern Streit

anfangen. Das Necken der Kameraden war ihm aber doch nicht recht, und als

der Erste jetzt sogar wieder spöttisch meinte, das Heimführen würde der

ihm wohl auch ersparen, da er die Jungfer gewiß gleich heute Abend nach

Wetzlau hinüberbrächte, stieg ihm das Blut in den Kopf. Noch ein paar

Minuten blieb er mit verschränkten Armen stehen, dann aber, als er sah,

wie der Fremde seinem Mädchen eine Menge Sachen in's Ohr flüsterte,

schritt er plötzlich ruhig, aber entschlossen zwischen den Tanzenden

durch, gerade auf das Paar zu, und Lieschen an der Hand nehmend, zog er sie

mit sich fort und sagte: »Komm, Jungfer, Du hast jetzt genug mit dem Herrn

da getanzt.«

»Aber, Hans!« rief Lieschen erschreckt und zugleich beleidigt, denn die

Mädchen in der Nachbarschaft lachten.

»Entschuldigen Sie,« rief aber auch Herr von Secklaub, »die Dame hat, so

viel ich weiß, das Recht --«

»Hier sind keine Damen,« trat ihm ein anderer Bursche, der schon darauf

gewartet hatte, gerade vor das Gesicht, »das da ist dem Hans seine

Platzjungfer -- verstanden?«

»Mit Ihnen habe ich gar nichts zu schaffen,« sagte der junge Mann und

wollte ihn bei Seite schieben. Das war gefehlt.

Unter Palmen und Buchen. Dritter Band. · 第 13 / 16 段