Christoph Erlau, oder der Traubenwirth, wie er gewöhnlich genannt wurde,

da sein Gasthof »zur goldenen Traube« hieß, war eigentlich ein Metzger,

der sich in Wetzlau niedergelassen und durch Fleiß und Aufmerksamkeit

gegen seine Gäste ein ganz hübsches Besitzthum erworben hatte. Lieschen,

seine einzige Tochter, galt wenigstens im Dorf für eine vortreffliche

Partie. Er hielt auch viel auf das Kind und ließ sie, sowie sie aus der

Schule war, erst ein paar Jahr in der Stadt, bei einem Schwager, daß

sie nicht zwischen den Bauermädchen aufwachsen, sondern auch ein Bischen

»Manieren lernen sollte«, wie er's nannte. Mit siebzehn Jahren nahm

er sie aber wieder zu sich heraus, denn einestheils hatte sich seine

Wirthschaft so vergrößert, daß er ihre Hülfe wirklich nothwendig

brauchte, und dann fehlte es ihm auch an allen Ecken und Enden, wenn er das

Mädel nicht bei sich hatte.

Lieschen, obgleich sie ihre Eltern von Herzen liebte, war anfangs nicht

gern auf das Dorf gezogen, denn es gefiel ihr besser in der Stadt; aber das

elterliche Haus übte doch seine Anziehungskraft, und sie fand zuletzt auch

Gefallen an der Wirthschaft selber, wo viele fremde Leute einkehrten und

ein reges Leben herrschte. Sie nahm sich der Arbeit dabei mit gutem Willen

an, und Vater wie Mutter hatten ihre Freude an dem Kind.

Lieschen war eben zwanzig Jahre geworden, als Barthold's Vater in die

Nachbarschaft -- d. h. auf das nächste Dorf, nach Dreiberg, zog und sich

dort niederließ.

Der alte Barthold hatte sich aber schon -- wie man so sagt -- »etwas in

der Welt versucht« und gehörte nicht zu denen, die mit dem Sprüchwort

»bleibe im Lande und nähre Dich redlich« an der Scholle kleben, auf der

sie geboren sind -- obgleich das wohl auch manchmal sein Gutes haben mag.

Er war als junger Bauer nach Schlesien gezogen, wo er sich verheirathete,

später aber, durch ein paar schlechte Jahre verdrießlich gemacht und

durch glänzende Anpreisungen verlockt, verkaufte er sein dortiges Gut

und wanderte nach Ungarn aus, wo er mit deutschem Fleiß und altgewohnter

Sparsamkeit auch hier wieder »was Ordentliches vor sich brachte«.

In Ungarn blieb er auch viele Jahre, und sein Gut galt bald für eine

Musterwirthschaft in der ganzen Nachbarschaft. Allein auf die Länge der

Zeit konnte es ihm trotzdem nicht gefallen.

Daß die Eingeborenen des Landes, die Ungarn selber, die eingewanderten

Deutschen nicht leiden mochten, darüber hätte er sich vielleicht

hinweggesetzt, denn der gutmüthige Deutsche dachte sich in ihre Lage und

meinte: »Uns daheim wär's am Ende auch nicht recht, wenn Fremde von der

Regierung begünstigt und uns auf die Nase gesetzt würden.« Aber die

Ungarn verachten auch die Deutschen und ließen sie das merken, wo sich nur

immer eine Gelegenheit dazu bot. Das ärgerte ihn. Im Anfang nahm er sich

freilich aus Leibeskräften zusammen und sagte zu sich: »Warte, Du willst

den ungarischen Hochnasen einmal zeigen, was ein Deutscher leisten kann,«

und er hielt sich redlich Wort, doch es half Nichts. Wo ein Volk ein

anderes aus Ueberzeugung verachtet, da kann ein solch Gefühl gehoben

werden, wenn man eben im Stande ist ihm zu beweisen, daß es Unrecht

hat; wo das aber aus Vorurtheil und Nationalhaß geschieht, da ist eine

Aenderung nicht zu erhoffen und wird auch nie stattfinden.

Der alte Barthold sah das endlich ein, und wenn er auch Bescheidenheit

genug besaß, nicht stolz darauf zu sein daß er ein Deutscher war, sagte

ihm doch sein eigenes Selbstgefühl, daß er sich wenigstens von einem

Ungarn noch lange nicht brauche verachten zu lassen. Möglich, daß auch

noch ein wenig Heimweh nach dem eigenen Vaterland dazu kam, kurz, er faßte

in einer Lebenszeit, wo man doch eigentlich nicht mehr so leicht daran

denkt seinen Wohnsitz zu verändern, nochmals den Entschluß, fortzuziehen.

Er bot sein trefflich eingerichtetes Gut aus, und es hielt wahrlich nicht

schwer, einen Käufer dafür zu finden, machte Alles zu baarem Gelde, was

er sonst noch an Eigenthum besaß, und zog diesmal nach dem Lande, aus dem

seine Eltern stammten, nach Thüringen, um hier seine Tage zu beschließen.

Er hatte einen einzigen Sohn, den er Hans genannt, und dazu in Schlesien

noch ein damals kleines Mädchen, eine Waise, an Kindesstatt angenommen,

die aber auch wirklich wie ein Kind im Hause gehalten wurde und so an ihrer

Pflegemutter hing, als ob sie diese selber unter dem Herzen getragen. Hans

war jetzt fünfundzwanzig Jahr, Katharina, wie die Waise hieß, wurde im

nächsten Winter achtzehn, und Beide wuchsen wie Bruder und Schwester auf.

Der alte Barthold fühlte sich übrigens in den letzten Jahren nicht mehr

so recht fest auf den Füßen wie in früherer Zeit; es geht das ja so im

Leben. Er hatte das »Reißen« in den Gliedern, was die Stadtleute mit

einem etwas gelehrteren Namen »Rheumatismus« nennen, wenn die Sache auch

dieselbe bleibt, denn »reißen« thun beide, und da er oft tagelang das

Zimmer hüten mußte, so fing er an sich nach Ruhe zu sehnen. Sein Hans

war ohnedies in den Jahren, wo er schon an's Heirathen denken durfte, denn

»jung gefreit hat Niemand gereut« meinte der Alte. Der Hans ließ sich

denn das auch nicht zweimal sagen und »ging auf die Freite«.

Die Bauerstöchter in seinem Dorfe behagten ihm aber nicht; er war draußen

gewesen und hatte sich schon in der Welt umgesehen, und wenn auch selber

ein tüchtiger Bauer, glaubte er doch, er müsse von seiner Frau ein wenig

mehr verlangen, als daß sie nur im Feld den Mägden vorneweg arbeiten und

daheim die Wirthschaft ordentlich führen konnte. Da stach ihm denn des

Traubenwirths Lieschen in die Augen.

Das war ein Mädel zum Anbeißen, flink und gewandt dazu, keine der

gewöhnlichen plumpen Bauerdirnen. Mit der konnte er sich auf jedem

Tanzboden, ja selbst in der Stadt, wohin er oftmals kam, sehen lassen. Ihr

Vater hatte außerdem ein hübsches Besitzthum mit Land, Vieh und Pferden

dazu, wie ein richtiger Bauer, und da seine Eltern der Sache ebenfalls

nicht im Wege standen und Lieschen an dem schmucken Bauerssohn bald

Gefallen fand, so ging Alles eigentlich von selber. Wir kamen ja auch

gerade dazu, wie der Traubenwirth, den die Werbung recht innig freute, aus

vollem Herzen sein Jawort gab, und Hans, da man alte Gebräuche ehren

soll, nahm dann Lieschen beim Kopf und küßte sein hübsches Bräutchen so

herzhaft ab, daß sie gleich nachher wieder auf ihr Zimmer gehen mußte,

um sich die Haare frisch zu ordnen. Sie schien aber trotzdem nicht böse

darüber.

Die Sache war also in Ordnung, und da beide Elternpaare Nichts dagegen

hatten, wenn die Hochzeit _bald_ gefeiert würde, so lief Hans, überhaupt

ein wenig ungeduldiger Natur, schon an demselben Nachmittag noch zum Herrn

Pfarrer hinüber, um das erste Aufgebot gleich auf den nächsten Sonntag

zu bestellen. Dreimal mußten sie ja doch, wie es Sitte war, von der Kanzel

herab aufgeboten werden. Der Herr Pfarrer, der seinen Vater recht gut

kannte, empfing ihn auch auf das Freundlichste, wünschte ihm zu seiner

Wahl von Herzen Glück und versprach das Aufgebot am nächsten Sonntag,

heute war Mittwoch, recht gern zu erlassen. Der Bräutigam möchte nur so

gut sein und ihm bis dahin die nöthigen Papiere verschaffen.

»Papiere?« sagte Hans erstaunt, »was für Papiere?«

»Nun, Geburtsschein, Impfschein, Heimathschein, die Erlaubniß der Eltern

kann mündlich erfolgen, dann ein Schein von da, wo Sie sich früher

aufgehalten, daß Sie sich dort nicht schon verehelicht haben. Es ist dies

natürlich nur Formsache.«

»Ja aber um Gotteswillen, Herr Pfarrer,« rief Hans lachend aus, »ich war

in Schlesien und Ungarn, in Schlesien freilich nur als ganz junger Bursch,

und bis ich von unserm Comitat in Ungarn einen solchen Schein hierher

bekäme, darüber könnten ja Monate vergehen, und so lange soll ich doch

wahrhaftig nicht mehr mit meiner Heirath warten?«

»Nun, nun,« meinte der Pfarrer freundlich, »das läßt sich auch

vielleicht vereinfachen, denn Ihr Vater ist ja als Ehrenmann hier bekannt.

Ungarn liegt freilich ein wenig weit von hier entfernt« -- der Herr

Pfarrer hielt es noch für viel weiter, als es wirklich war, -- »besorgen

Sie mir nur bis spätestens Sonnabend Nachmittag das Uebrige, und ich werde

dann schon Alles in Ordnung bringen.«

»Also Geburtsschein. Glauben Sie mir denn nicht einmal auf mein Wort, daß

ich geboren bin?«

»Wir verstehen darunter das Taufzeugniß. Aber ich werde Ihnen lieber das

kleine Verzeichniß der nöthigen Papiere aufschreiben; Sie könnten sonst

leicht etwas vergessen und das Aufgebot dadurch verzögern. Die nöthigen

Papiere der Braut werde ich mir von deren Vater selber geben lassen.«

Damit ging er an seinen Schreibtisch, notirte die genannten Zeugnisse und

Scheine auf ein Blatt, und Hans steckte es indessen in die Tasche; heute

verstand es sich doch von selbst, daß er in Wetzlau bei seiner Braut

blieb. Nicht zehn Pferde hätten ihn von da weggebracht.

Zweites Capitel.

Die Kathrine.

Am nächsten Morgen bekam Hans seinen Vater erst zu sehen, als er zum

Frühstück aus dem Felde zurückkehrte. Es gab jetzt außerordentlich viel

zu thun draußen, und bei der Arbeit durfte Hans nicht fehlen.

»Also Alles in Ordnung, Hans?« schmunzelte der Alte, der aus dem

vergnügten Gesicht des Sohnes schon genau wußte, wie die Sache

abgelaufen. »War auch kein Wunder, denn des Heinrich Barthold Sohn kam

nicht so leicht in Gefahr, sich bei seines Gleichen einen Korb zu holen

und -- hätte auch vielleicht noch eine Stufe höher steigen dürfen, oder

zwei, wie die Mutter meinte.«

»Alles in Ordnung, Vater, -- guten Morgen miteinander,« sagte der

Sohn, der seinen Hut an einen Nagel hing und dann ohne Weiteres Platz

am Frühstückstisch nahm; »Montag in vierzehn Tagen kann die Hochzeit

sein.«

»Hallo!« lachte der Alte, und die Mutter schlug die Hände vor Erstaunen

zusammen, »nur stat! das geht ja verwünscht schnell. Und glaubt denn

der Mosje, daß, wenn Er auch fix und fertig ist in den Ehestand hinein zu

springen, die Anderen auch nur eben so auf dem Sprunge sitzen? Da gehört

mehr dazu, als Du wohl denkst.«

»Unter acht Wochen ist gar keine Möglichkeit,« sagte die Mutter, »und

dann weiß ich nicht wie ich fertig werden will.«

»Die Frau Mutter?« rief Hans lachend, »ja was hat denn die Frau Mutter

dabei zu thun, daß sie nicht fertig werden kann?«

»Und glaubst Du denn,« rief aber die Mutter in Eifer, »daß ich Dich

wie eines Häuslers Sohn will heirathen lassen, der Nichts mitbringt in die

neue Wirthschaft, als was er auf dem Rücken und vielleicht noch unter

dem Arm trägt? Nein Hans, daraus wird nichts; ehe ich nicht mit Deiner

Ausstattung fertig bin, bekommst Du meine Einwilligung nicht, und wenn das

noch drei Monate dauern sollte, und daß Lieschens Mutter bis dahin mit der

ihrigen fertig wird, glaub' ich noch lange nicht.«

»Aber beste Herzensmutter!«

»Laß nur sein,« lachte aber der Vater, »werden schon noch etwas davon

herunterhandeln können, Alte. Aber so holter-dipolter geht die Sache auch

nicht, wie der Hans glaubt. Bei derlei Dingen hat man immer eine Menge von

Umständen, an die man vorher gar nicht denkt, und sechs, acht Wochen sind

da eine kurze Zeit. Muß auch vorher noch mit dem Traubenwirth reden, was

ich Dir mitgebe und was das Mädel mitbekommt, wenn ich auch grad' nicht

glaube, daß uns das besonders lang aufhalten wird. Jedenfalls werden wir

früher damit fertig, als die Mutter mit ihrer Wäsche und was sonst noch

drum und dran hängt. Was hast Du denn da für einen Zettel? etwas für

mich?«

»Ach,« sagte der Hans, indem er den Zettel dem Vater hinüberschob, »der

Herr Pfarrer drüben in Wetzlau hat ihn mir gegeben. Es stehen die Papiere

d'rauf, die er haben muß, um das Aufgebot zu erlassen. Er meinte, es wäre

nur der Form wegen.«

»Also beim Pfarrer ist er auch schon gewesen,« nickte der Alte seiner

Frau schmunzelnd zu, indem er seine Brille aus der Tasche nahm, um den

Zettel durchzulesen. »Er hat wenigstens das Gras nicht unter den Füßen

wachsen lassen. Na, da wollen wir denn einmal sehen, was der Herr

Pfarrer Alles verlangt. Hm, das ist ja ein ordentliches Recept, was er da

geschrieben hat.«

»Aber so erzähle doch nun auch einmal, wie's gestern drüben war,« sagte

die Mutter, indem sie dem Sohn den Butterteller hinschob und den duftenden

Handkäse etwas näher rückte. »Sitzt der Mensch da und spricht kein

Wort. Ich möchte doch auch wissen, was die Mutter sagte und das Mädel und

-- was sie für ein Gesicht dazu gemacht haben, alle Beide.«

»Ja, Mutter,« lachte der Hans verlegen, »was soll ich denn da erzählen?

Ein vergnügtes Gesicht haben sie gemacht, und eine Flasche vom besten

Rheinwein haben wir nachher getrunken. Das Lieschen weinte wohl ein

Bischen, aber -- das dauerte nicht lange, und die -- die Frau Erlau war

auch ein wenig gerührt, und fuhr sich ein paar Mal mit der Schürze nach

den Augen, doch -- das dauerte auch nicht lange, und dann -- dann haben sie

uns eine Menge guter Lehren gegeben; wenn ich aber ehrlich sein will, so

weiß ich wirklich nicht mehr recht über was, denn das Lieschen guckte

mich dabei mit den großen dunklen Augen an, und da -- da hab' ich an

ganz andere Dinge dabei gedacht, als an das, was die zukünftige Frau

Schwiegermutter sagte.«

Während der Sohn sprach, saß die Mutter dabei und nickte und schmunzelte

vergnügt vor sich hin.

»Also gute Lehren haben sie Euch gegeben -- ja lieber Gott, junges Volk,

junges Volk; leichtsinnig und obenhinaus, was kümmert sich das um gute

Lehren in der Brautzeit! Das weiß Alles besser, und -- muß nachher doch

Alles aus eigener Erfahrung und oft mit vieler Trübsal kennen lernen.

Hören will keins.«

»Papperlapapp, Alte,« brummte der Vater, indem er sein Käppchen rückte

und sich in den grauen Haaren kratzte, ohne aber die Augen von dem Papier

zu nehmen -- »wir haben's eben auch nicht besser gemacht in unserer

Jugend; so laß das junge Volk sich nun ebenfalls die Hörner ablaufen. Wer

nicht hören will, muß fühlen.«

»Ich dachte, Vater,« sagte der Sohn, als der Alte noch immer in dem

Zettel studirte, »wenn ich nun selber vielleicht heut Nachmittag in die

Stadt ritte, um das von den Papieren zu besorgen, was vielleicht noch

fehlt. Die drei Knechte werden auch ohne mich heute mit Pflügen drüben

auf der Rainerspitze fertig, wenn ich ihnen noch bis Mittag helfe, und

nachher ist's doch immer besser, das ist abgemacht. Meint Ihr nicht?«

»Hm, hm, hm,« überlegte der Alte aber noch immer, indem er das kleine

Papier wieder und wieder überlas -- »ich fürchte beinah, daß Du in der

Stadt verwünscht wenig ausrichten wirst, und ich muß am Ende noch selber

hinein. Wäre mir gar nicht so besonders lieb, denn in der linken Schulter

zwickt's mich wieder ganz heidenmäßig, und bei dem linken Beine hat's

mich auch. Aber was kann's helfen, man muß doch jedenfalls sehen, was zu

machen ist, denn die Papiere müssen geschafft werden.«

»Was muß er denn nur für Papiere haben?« frug die Mutter. »Sie kennen

uns doch hier und wissen, daß wir ordentliche und rechtschaffene Leute

sind, und unser Auskommen haben wir doch auch.«

»Ja, ja, Mutterchen,« lachte der Vater, »das hilft Nichts bei den

Gerichten, die wollen Alles Schwarz auf Weiß haben, und womöglich auch

auf einem Stempelbogen, mit einem großen Siegel drunter, und daß Einer

ein ehrlicher und rechtschaffener Mensch ist, glauben sie ihm erst recht

nicht, wenn er nicht im Stande ist, es ihnen schriftlich zu beweisen. Komm

Du denen!«

»Wir brauchen ja aber doch Niemanden, da sollen sie uns wenigstens in

Frieden lassen.«

»Aber sie brauchen uns,« lachte der Vater wieder, »und damit sie sicher

sind, daß die neuen Staatsbürger auch ihre Steuern und Abgaben richtig

bezahlen können und nicht etwa gar einmal dem Staate zur Last fallen,

müssen sie sich legitimiren oder ausweisen.«

»Staatsbürger,« brummte die Frau kopfschüttelnd -- »wir sind keine

Staatsbürger, wir sind Bauern, und es wird doch wahrhaftigen Gott kein

Mensch glauben, daß unser Hans einmal Jemandem zur Last fallen könnte?

Was wollen sie denn nur?«

»Nun, erstlich einmal seinen Geburts- oder Taufschein.«

»Nun, den hast Du ja -- der liegt in der gelben Lade, bei den andern

Papieren.«

»Dann seinen Impfschein.«

»Impfschein? Den haben wir nie bekommen.«

»Das macht weiter nichts,« sagte der Vater, »die Narben sind noch

deutlich zu sehen, und den kann man sich hier vom ersten besten Arzt

ausstellen lassen. Nachher einen Heimathschein.«

»Was ist das?«

»Nun, eine Bescheinigung der Behörde, wo er geboren ist, daß er dort

seine Heimath hat,« sagte der Alte.

»Aber wenn wir deshalb einen Brief nach Schlesien schicken sollen,« rief

der Sohn, »so kann das vierzehn Tage dauern, bis der Schein hierher kommt.

So lange mag ich doch nicht warten.«

»Nun, vierzehn Tage wohl nicht,« sagte der Vater, »aber ich will selber

heute nach Schlesien schreiben. Unser Gerichtsverwalter in Kreuzberg wird

mir schon die Freundschaft thun und das besorgen; ein Brief geht leicht in

zwei Tagen hin, und wenn nichts dazwischen kommt, kann der Wisch in acht

Tagen hier sein.«

»Aber noch volle acht Tage, Vater --«

»Mach' mir den Kopf nicht warm,« rief aber der Alte, seine Mütze

rückend, »hast Du so lange warten können, wird's auf die acht Tage auch

nicht ankommen -- also dabei bleibt's.«

»Dabei bleibt's,« wenn der Alte das einmal sagte, so wußte der Hans

recht gut, daß dann weiter kein Einwenden half. Die Sache war abgemacht,

und ein Widerspruch hätte den wohl herzensguten, aber auch starrköpfigen

Mann nur böse machen können, erreicht wäre aber nichts weiter worden.

Der Hans setzte sich wieder zu seinem Frühstück, denn seine Zeit war bald

verflossen und er durfte nicht der Letzte draußen bei der Arbeit sein,

schon der Knechte wegen. Er war aber auch gleich fertig, denn die Sache

ging ihm im Kopf herum, daß er noch eine ganze Woche warten solle, bis

das erste Aufgebot erfolgen könne, und nahm ihm den Appetit. Gerade war er

aufgestanden und wollte eben wieder hinausgehen, als die Thür sich aufthat

und seine Pflegeschwester Kathrine hereintrat. Sie hatte drüben in der

Milchkammer die frisch gemolkene Milch eingegossen und nach Butter und

Käse gesehen.

»Guten Morgen, Kathrin',« sagte Hans und streckte ihr die Hand entgegen,

»haben uns ja seit gestern Morgen nicht einmal gesehen.«

»Guten Morgen, Hans,« sagte das junge Mädchen freundlich, auch ihm die

Hand reichend, »ja, wenn man freilich so wichtige Geschäfte hat. Nun, ist

Alles gut abgelaufen?«

»Alles, Kathrin', schön Dank für die Nachfrage,« sagte der Hans. »Die

Eltern haben eingewilligt, und das Lieschen ist meine Braut. Hoffentlich

haben wir in vier Wochen Hochzeit. Da müssen wir auch zusammen tanzen.«

Die Kathrine stand vor dem Pflegebruder, dessen Hand sie noch gefaßt

hielt, und sah ihn mit ihren großen blauen Augen recht voll und treuherzig

an. Wie er aber endete, drückte sie ihm die Hand herzlich und sprach mit

leiser, aber bewegter Stimme: »Da wünsch' ich Dir recht von Herzen Glück

dazu, und möge Gottes Segen auf Euch ruhen immerdar -- auf Dir und auf

Deiner jungen Frau.« Damit zog sie die Hand aus der seinen, wandte sich ab

und verließ das Zimmer wieder. Hans sah ihr nach.

»Was hat nur die Kathrin'?« sagte er, »sie war ordentlich gerührt.«

»Sie hat ein weich' Gemüth,« sagte die Mutter, mit dem Kopf nickend,

»und hängt an uns Allen mit großer Liebe. Da ist's denn wohl natürlich,

daß ihr bei einem so wichtigen Ereigniß etwas weich um's Herz wird. Ja,

Ihr Mannsleute nehmt das Alles nur so leicht hin und denkt nicht weiter

darüber nach. Laß mir die Kathrin' zufrieden, das ist ein wacker Ding,

und ich hab' sie gerade so lieb, als wenn sie meine eigene Tochter wäre.«

Der Hans nahm seinen Hut vom Nagel und ging hinaus an seine Arbeit. Er

hatte doch richtig so lange da drinnen gesessen, daß die Knechte im Felde

draußen schon wieder an der Arbeit waren, als er hinauskam. Das ärgerte

ihn und er hieb jetzt wacker auf die Pferde ein, um das Versäumte

nachzuholen. Es war aber auch kein Wunder, denn was gingen ihm nicht für

eine Menge von Dingen im Kopf herum!

Drittes Kapitel.

Eine Staatsvisite.

Der Vater hielt Wort, und das that er immer. Er schrieb noch an dem

nämlichen Morgen an seinen Freund in Kreuzberg, schickte außerdem noch

eine Abschrift von seines Sohnes Taufschein ein, den er sich von ihrem

Pfarrer in Dreiberg und von dem Schulzen beglaubigen ließ, und theilte dem

Gerichtshalter dort in aller Kürze mit, um was es sich hier handele. Dann

bat er ihn, er möchte doch, wenn irgend möglich, den Heimathschein mit

der nächsten Post einschicken und ihm auch dazuschreiben was er ausgelegt

hätte, damit er's ihm gleich zurückzahlen könne. Der alte Barthold blieb

nicht gern Jemandem etwas schuldig.

Der Brief war ihm ein wenig sauer geworden, denn das Schreiben gehörte

gerade nicht zu den Dingen, die er sehr gern that, oder zu denen er sich

drängte, aber es hatte eben sein müssen, und jetzt war's, Gott sei Dank,

fertig und abgemacht. Wenn die Postkutsche heut' Abend durch Dreiberg kam,

nahm der Conducteur den Brief schon mit hinein in die Stadt und gab ihn

dort auf. Nachher ging er direct nach Kreuzberg ab.

Aber heute gab's noch mehr zu thun, denn wie die Sachen nun einmal standen,

erforderte es auch die Artigkeit nicht allein, sondern der Gebrauch, daß

die Eltern des Bräutigams den Eltern der Braut einen Besuch abstatteten,

und wenn es auch der alte Barthold lieber auf den nächsten Sonntag

verschoben hätte, erstlich der Arbeit und dann auch seines Reißens wegen,

ließ sich das doch nicht gut einrichten. Sonntags hatte der Traubenwirth

auch immer soviel zu thun und das Haus voller Gäste, daß man ihm und

den Seinen erschrecklich unbequem gekommen wäre. Besprechen hätte man

außerdem gar nichts können, und da mußte denn schon ein Wochentag dazu

genommen werden.

Uebrigens wurde auch daheim indessen nichts versäumt, denn der Hans blieb

ja zu Haus und bei den Knechten, und auf die übrige Wirthschaft paßte

schon die Kathrine; auf die durften sie sich fest und sicher verlassen. Die

Mutter war ebenfalls damit einverstanden, und gleich nach dem Mittagbrod,

die Dorfuhr hatte noch nicht Eins geschlagen, ließ der alte Barthold sein

kleines steierisches Wägelchen vorrücken und die Braunen einspannen, der

Großknecht mußte in seinem Sonntagsrock auf den Bock, und fort ging die

Reise den Feldweg nach Wetzlau hinüber.

Eine Vergnügungstour war die Fahrt eigentlich nicht gut zu nennen, denn

kein Mensch in der Welt konnte sich ein Vergnügen daraus machen, eine gute

Glockenstunde auf einem solchen Weg und einem kleinen Wagen ohne Federn

durchgerüttelt und geschüttelt zu werden. Aber die Bauern trugen selber

die Schuld daran, daß diese Straße in einen derartigen Verfall gerieth,

denn obgleich sich beide Dörfer willig zeigten, daran zu bauen, lag es nur

an einer erbärmlichen Kleinigkeit, daß die Arbeit unterblieb und von

Jahr zu Jahr aufgeschoben wurde. Zwischen Wetzlau und Dreiberg schnitten

nämlich die Fluren nicht in gleicher Hälfte ab. Die Dreiberger hatten

vielleicht eine Strecke von zwei Morgen Land über die Hälfte, und

obgleich sie sich erboten, die Straße, die von beiden Dörfern gleich

stark benutzt ward, zu gleichen Hälften zu übernehmen, gingen die

Wetzlauer doch nicht darauf ein, sondern verlangten, daß die Dreiberger

soweit bauen müßten, wie ihre Grundstücke reichten. Nachgeben that

selbstverständlich kein Theil, und so ruinirten sie lieber Jahr aus Jahr

ein ihre Pferde und Geschirre, nur dieser unbedeutenden, kleinen Strecke

wegen.

Der alte Barthold, obgleich es ihm sonst wahrlich nicht auf einige zwanzig

Thaler mehr oder weniger ankam, war dabei gerade so schlimm, wie die

Anderen, und mit dem Bewußtsein, daß er selber mit schuld an dem

heillosen Wege sei, murrte er auch unterwegs mit keiner Sylbe und ertrug

alle die Stöße und Puffe, die er bekam, mit wahrhaft christlicher Geduld.

Sein Trost blieb ja auch dabei, daß die Wetzlauer genau dieselben Puffe

bekämen, und denen, wie er sich innerlich sagte, geschah es vollkommen

recht. Sie verdienten es gar nicht besser. Nur die arme Frau stöhnte und

ächzte, und wenn manchmal ein ganz außergewöhnlich kräftiger Stoß kam,

daß sie die Zähne aufeinander beißen mußte, klagte sie wohl mit einem

kurzen Stoßgebet: »O du grundgütiger Vater! so gleich nach Tische!«

Es hat aber Alles sein Ende, auch der schlechteste Weg. Es schlug gerade

Zwei in Wetzlau, als sie, zur Abwechselung der bisherigen Fahrt, auf das

Dorfpflaster kamen, wo sie auch noch, da sie das Chausseehaus passiren

mußten, Chausseegeld bezahlen durften.

»Ich muß doch einmal Federn an den Wagen machen lassen,« sagte Barthold,

als sie hier endlich etwas bessere Straße erreichten, denn draußen hätte

er gar nicht reden dürfen, aus Furcht, einmal die Zunge zwischen die

Zähne zu bekommen, »der Weg ist gar nicht so schlecht, aber der Karren

stößt so.«

Unter Palmen und Buchen. Dritter Band. · 第 10 / 16 段