kamen aus den einzelnen Baumgruppen, in denen versteckt ihre Hütten lagen,
heraus, ihr mühsames Tagewerk mit Pflanzen zu beginnen, und hier und da
schlenderte langsam ein junger Bursch mit seinen beiden Karbauen heran und
in den Schlamm der noch nicht zugerichteten Felder hinein, zu pflügen oder
zu eggen.
Der Reis ist die Hauptnahrung nicht allein des Javanen, sondern fast
aller indischen Völker, und der Reisbau deshalb eine ihrer wichtigsten,
nothwendigsten Beschäftigungen.
Man baut hier auf Java zwei Arten von Reis, den nassen und trocknen.
Das hauptsächlichste Handelsproduct liefert der naßgebaute Reis, die
Eingeborenen ziehen dagegen für ihren eigenen Bedarf den trocken gezogenen
-- und unter diesem wieder den _rothen_ Reis vor, der nahrhafter und
wohlschmeckender sein soll, als der andere, aber nicht so verkäuflich ist
wie dieser. Einzig und allein dürfen sie sich aber auch nicht auf ihre
trockenen Felder, die in der Anlage mit unsern Weizenfeldern Aehnlichkeit
haben, verlassen, denn eine sehr trockene Jahreszeit könnte ihnen leicht
eine Mißernte bringen, während der andere, durch lebendige Quellen
und Ströme bewässert, weniger oder doch nicht so allein, von dem Regen
abhängig ist.
Die hauptsächlichste und mühsamste Arbeit beim _nassen_ Reis, d. h.
solchem, der nicht allein im Wasser gepflanzt wird, sondern auch fast bis
zur Reife mit den Wurzeln unter Wasser gehalten werden muß, ist jedenfalls
die Herstellung der Felder selber, die vollkommen eben angelegt, und
einzeln mit Rändern oder Rainen umgeben sein müssen, um das Wasser sowohl
darin zu halten, als auch gleichmäßig zu verbreiten. Natürlich findet
sich in diesen bergigen oder auch nur wellenförmigen Ländern selten eine
Strecke Land, selbst nur von einem Acker groß, deren Fläche vollkommen
wagrecht wäre, oder mit nur einiger Mühe dahin gebracht werden könnte.
Die natürliche Folge davon ist denn, daß die Felder sehr klein angelegt
und lieber mehrere tiefer und tiefer laufende Abtheilungen oder Schichten
gegraben werden müssen, um das Wasser nach allen Seiten gleichmäßig
verbreiten und benutzen zu können.
Um diese Felder zu ebnen und aufzuhacken, gebrauchen die Javanen eine
breite, und wenn man sie von weitem ansieht, scheinbar sehr schwere Hacke;
der Javane hat aber viel zu viel Liebe für seine eigenen Gliedmaßen,
als daß er sich wirklich mit schweren Werkzeugen nur irgendwie einlassen
sollte. Die Hacke besteht aus dem leichtesten Holz, mit einem Stiel, den
man ohne die geringste Mühe zwischen den Händen -- nicht einmal vor
dem Knie -- durchbrechen könnte, und nur vorn an der Schneide liegt ein
dünner, sehr dünner und schmaler langer Stahl, um dadurch dem Werkzeug
doch eine Schneide zu geben. Das sämmtliche Eisen an der ganzen Hacke wird
nicht über ein Viertelpfund wiegen.
Ist das geschehen und von abgeschlagenem Rasen ein etwa Fuß hoher und
ebenso breiter Damm oder Rand um dasselbe gelegt, dann wird das Feld
gepflügt. Ich glaube aber, sie lassen schon _vor_ dem Pflügen Wasser
hinein, um diese Arbeit leichter in dem sonst wohl etwas schweren Boden
verrichten zu können, und gehen erst mit dem Pflug hinein, wenn sie die
Erde in eine Art Schlamm verwandelt haben. Sehr oft sah ich sie wenigstens
in solchem Schlamm, aber nie in trockenem Grunde, ausgenommen in den zu
trockenem Reis bestimmten Feldern pflügen.
Haben sie den Boden gehörig aufgerissen, so kommt die Egge hinein -- ein
schwerfälliges Instrument, nicht wie unsere Eggen, sondern nach Art
der Cultivatoren gebaut, und nur aus zwei Schenkeln bestehend, die vorn
zusammenlaufen und ziemlich einen rechten Winkel bilden. In diesen stecken
zehn oder zwölf starke hölzerne und etwas zugespitzte Zähne, und um
dem Ganzen noch etwas mehr Schwere zu geben, und die Zähne tiefer in den
Schlamm hineinzudrücken, setzt sich der junge Bursch, der die Karbauen
gewöhnlich treibt, sehr häufig oben auf seine Egge drauf und läßt sich
in dem Brei spazieren fahren.
Was die Saat des Reis anbetrifft, so geschieht die erst in besonders
dazu hergerichtetem Feld, wie wir z. B. in Deutschland den Kraut- oder
Kohlsamen säen. Er schießt dort dicht, Halm an Halm gedrängt empor und
wird nur, sobald er die gehörige Reife erreicht hat, herausgenommen
und büschelweis, d. h. immer drei, vier oder fünf Halme zusammen, von
Menschenhänden in die nassen, unter Wasser stehenden Felder gepflanzt.
Diese Arbeit besorgen fast allein Mädchen, ich habe wenigstens nie Knaben
damit beschäftigt gesehen; sie nehmen sich eine tüchtige Hand voll der
kleinen Pflanzen und drücken sie einzeln, ohne weiter ein Loch dazu bohren
zu müssen, wie das bei den Krautpflanzen in trockenen Feldern der Fall
ist, in den weichen Schlamm in ziemlich regelmäßigen Entfernungen und
Reihen ein.
Von jetzt ab haben sie weiter nichts mit dem Reis zu thun, bis er reif ist,
als einmal vielleicht, nach einigen Wochen durchzugehen und das dazwischen
wuchernde Gras und Unkraut auszuziehen. Die Arbeit ist aber in sofern,
obgleich nicht sehr hart, doch unangenehm und beschwerlich, da die
Pflanzenden den ganzen Tag in dem fast fußtiefen Schlamm und in der
heißen, durch nichts abgehaltenen Sonnenhitze, gebückt umhersteigen
müssen.
Solche frisch angepflanzte Felder mit ihren hellgrünen, fast
durchsichtigen Reispflänzchen, haben ein höchst freundliches Ansehen,
und wo besonders in den einzelnen Abdachungen ältere und dadurch dunkler
gewordene Gefache, wie man fast sagen könnte, mit diesen abwechseln,
thun die verschiedenen oft wie in regelmäßigen Zeichnungen ausgestreuten
Farben dem Auge unendlich wohl.
Das Schneiden des Reises bewerkstelligen sie auch auf eine ganz eigene Art;
die Frauen, welche diese Arbeit wieder meist allein besorgen, haben eine
besondere Art von Messern oder Instrumenten dazu, womit sie _jeden Halm
einzeln_ abknipsen, es geschieht dies aber mit einer solchen Uebung und
Gewandtheit, daß sie doch eine sehr bedeutende Strecke in einem Tag
beendigen sollen. Die reifen Halme werden mit dem Stroh etwa fünfviertel
Fuß lang abgeschnitten und in kleine starke Büschel gebunden, die sie
dann, die Aehren herunterhängend, zu Markte tragen.
Eine Hauptnoth haben die Javanen von der Zeit an, wo der Reis zu reifen
anfängt und eine wahrhaft unzählbare Schaar von Reisvögeln, seinem
grimmigsten Feind, oder vielmehr liebstem Freund, herbeilockt. Dann muß
die ganze junge Bevölkerung auf die Beine, und von früh bis spät mit
allerlei entsetzlichen Lärminstrumenten und Scheuchmaschinen thätig sein.
Eine besondere Art dieser letzteren, die ich vorzüglich auf dem Wege von
Batavia nach Buitenzorg sah, besteht darin, daß in gewissen Entfernungen
in den Reisfeldern kleine, auf hohen Baumstangen ruhende Hütten oder
vielmehr Körbe, mit einem Schutzdach gegen Sonne und Regen errichtet sind,
in denen Knaben von sechs bis zehn Jahren auf der Lauer sitzen. Von diesen
Körben aus, wo sie jeden Theil der in ihrer nächsten Umgebung liegenden
Felder leicht übersehen und überwachen können, gehen aus Cocosnußfasern
dünn gedrehte Seile nach den verschiedenen Theilen und stehen dort
mit einem aufgesteckten Cocosblatt oder sonst einem vorragenden, leicht
beweglichen Gegenstand in Verbindung. Lassen sich nun irgendwo in ihrem
Bereich Reisvögel oder sonst dem Getreide nachtheilige Thiere blicken,
so ziehen sie nur einfach in etwas raschen Zuckungen an der dort
hinausführenden Schnur, und die scheuen Thiere fliehen, sobald sie so ganz
urplötzlich etwas anscheinend Lebendes in ihrer Nähe sich bewegen sehen,
rasch in's Weite.
Wo sie diese Hütten nicht haben, laufen die Jungen mit wahrer
Todesverachtung den ganzen Tag mit riesigen Schnurren in den Feldern herum,
die sie von nur einem etwas gebogenen Bambusstab anfertigen und die ein
schmähliches Geräusch machen. Aehnliche Instrumente befestigen sie auch
auf hohen Bambusstangen und überlassen den Lärm dem Winde, der sich auch
gewöhnlich ein Vergnügen daraus macht, ihnen zu willfahren. Den größten
Spektakel aber und einen wahren Heidenlärm, der genau wie das
tolle Brüllen eines wild gewordenen Stieres klingt, macht ein etwas
abgeschorenes Cocospalmblatt, das gerade so aufgesteckt wird, daß der
Wind schräg in die starren emporragenden und an einanderschlagenden
Blattabtheilungen oder Zweigblätter hineinweht. Mag er dabei so stark
blasen wie er will, er wird nie aus solchem Blatt ein gleichmäßiges
Geräusch herausbringen können. Sobald es nur ein klein wenig aus der
nöthigen Richtung tritt, muß der tönende Lärm aufhören, der aber
augenblicklich und zwar mit voller Stärke einsetzt, sobald es die frühere
Stellung annimmt. Dadurch macht er aber auch den meisten Effect auf die
Reisdiebe, weil er nicht in einem fort tönt, sondern nur manchmal in
unregelmäßigen Zwischenräumen und wie ihn gerade der Wind faßt,
einsetzt, dann aber mit einer Kraft, daß ich selber schon zusammengefahren
bin, wenn ich mich gerade unter solch einer Reisklapper befand, ohne sie
früher beachtet zu haben.
Die Reisscheuen sind kleine eigenthümlich geflochtene Gebäude, vielleicht
zehn bis zwölf Fuß hoch, acht Fuß lang und sechs bis sieben Fuß breit,
nach unten etwas spitz zulaufend und mit hölzernen Füßen, wie ein
richtiger Tragkorb. Sie können, wenn sie leer sind, leicht von einem
Ort zum andern gewechselt werden und stehen wenn aufgestellt, mit diesen
Füßen immer auf untergelegten Steinen. Das Dach ist ebenfalls von Bambus
geflochten und gewöhnlich mit den schwarzen Fasern der Arenpalme gedeckt.
Bei dem Reis darf ich aber auch nicht vergessen, des nützlichsten und von
den Eingeborenen ungemein geschätzten Karbau, oder besser Malayisch, Karbo
Erwähnung zu thun.
Diese Karbo's oder Büffel gehören gewissermaßen mit zu einer javanischen
Familie, und so sehr der Javane das Schwein, als ein unreines Thier,
verabscheut, so zärtlich liebt er den schmierigen, fast stets mit Schlamm
bedeckten Karbo, mit dem der Knabe gewissermaßen aufwächst und in die
Schule geht. Schon das Aussehen dieser Thiere ist merkwürdig -- sie haben
fast gar keine Haare und eine Art Elephantenhaut, die nur in der Farbe
wechselt, denn manche sind grau, wie jene, andere aber auch wieder, und
ein fast ebenso großer Theil vollkommen fleischfarben, weshalb sich einige
Deutsche hier neulich ein Vergnügen daraus gemacht haben, einem gerade
anwesenden Schiffscapitain weiß zu machen, diesen Karbo's würde jedes
Jahr die Haut abgezogen, weshalb sie auch keine Haare hätten und einen
Theil im Jahr noch fleischfarben und den andern dann wieder grau aussähen.
»Es ist wunderbar,« war Alles, was er sagen konnte.
Ihre Hörner, die oft eine unverhältnißmäßige Größe erreichen, biegen
weder zurück noch vorwärts, sondern stehen in gerader Linie mit dem
Vorkopf, so daß man, wenn man ein Lineal fest von der Nase über die Stirn
des Thieres weglegte, die nach oben wieder zusammenlaufenden Spitzen der
Hörner dadurch ebenfalls berühren würde. Da sie die Nase fast immer
vorgestreckt halten, so liegen die Hörner dadurch natürlich vollkommen
zurück, und es giebt ihnen das mit den kleinen Schweinsaugen und dem
halboffenen Maul ein wirklich rechtswidrig dummes Gesicht.
Die Thiere sind aber gar nicht so dumm und wissen sich wohl recht gut, wenn
das nur irgend ausführbar ist, von Arbeit und Quälerei wegzudrücken.
Ueber dieselben haben nun gewöhnlich die Knaben die Oberaufsicht und es
ist merkwürdig, was für eine gegenseitige Zuneigung zwischen den Beiden
aufwächst. So wenig sich der Javane aus einem Pferd macht, und so sorglos
und ohne Abwartung er dasselbe, selbst nach starkem Ritt laufen läßt, so
äußerst ängstlich geht er dagegen mit diesen plumpen Geschöpfen um,
und die Jungen sind ewig beschäftigt, sie in die Schwemme zu führen und
abzuwaschen; was nebenbei gesagt, eine so nutzlose als undankbare Arbeit
ist, da die Thiere sich kaum rein abgestriegelt und gespült fühlen, als
sie auch schon wieder mit einem grenzenlosen Wohlbehagen im Schlamm liegen,
und sich mit ihren schaufelartigen Schnauzen das kühlende, natürlich
dickschmutzige Wasser über den Rücken werfen.
In dem Schlammwasser aber, wie draußen zur Weide gehend oder zu Hause
ziehend, liegt der Knabe, der die Aufsicht über die Thiere hat, mit dem
Bauch auf seinem Lieblingsbüffel, streckt die dünnen braunen Beine hinten
in die Höh', und jauchzt vor Lust und Vergnügen. Jemehr verschiedene
Gespanne zusammen sind, desto größer ist die Freude, gehen sie dicht
gedrängt, so wälzt sich das fröhliche Völkchen oft von einem zum
andern, ohne daß sich die geduldigen Thiere auch nur im mindesten
ungeberdig darüber zeigten; selbst beim Grasen bleiben sie oben liegen
und manchmal sehr zum Aerger eines kleinen, Staarartigen Vogels, den die
Balinesen Tjulik nennen (der malayische Name ist mir entfallen) und der
sich ebenfalls, wenn der junge Javane einmal absteigen sollte, am liebsten
auf dem Rücken des Karbo's aufhält, und ihm das Ungeziefer absucht, womit
Karbo ebenfalls vollkommen einverstanden ist. Die unbepflanzten Reisfelder
sind mit ihrem Schlamm eine wahre Erholung für diese Thiere, so lange sie
nämlich nicht darin pflügen und eggen müssen, und sie wälzen sich ganze
Tage lang aus einem in's andere.
Eine anstrengende Arbeit hat der Karbo oder Büffel übrigens im
Karrenziehen, was nach dem Reisbau eine der bedeutendsten Beschäftigungen
für ihn ist. Auf oder vielmehr an der Hauptstraße -- denn neben den
Hauptchausseen läuft noch ein Nebenweg, stets zerfahren und aufgewühlt,
der nur für die Ochsenkarren der Javanen bestimmt ist -- begegnet man
oft ganzen Zügen von zwanzig bis fünfzig zweirädrigen Karren, die
sich quietschend und schreiend auf den holprigen, schlammigen Straßen
dahinwälzen, während doch daneben ein Weg geht, auf dem sie sich mit
Leichtigkeit fortbewegen könnten, den sie aber nicht betreten dürfen. Die
Karren selber sind leicht genug, von Bambus stark geflochten und mit einem
eben solchen Bambusdach, wie zwei zusammengestellte Kartenblätter der Form
nach, gedeckt. Vorn hängt, wahrscheinlich der Melodie wegen, eine Glocke,
denn die Javanen halten ungemein viel von solch eintöniger, schreiender
Musik. Das Gekreisch dieser Wagen ist dabei entsetzlich; die Räder sind,
vielleicht vier bis fünf Zoll dick und etwa vier Fuß im Durchmesser, aus
grobem Holz geschlagen, und werden natürlich nie geschmiert, so daß
man sie oft Meilen weit hören kann. Ganz in der Nähe hat selbst dies
Gequietsche aber, mit seinen theils hoch theils tief gestimmten Rädern
eine Art Melodie, für die die Javanen jedenfalls Gehör haben und auch
ein gewisses Interesse empfinden müssen. Im Lande wurde eine Anecdote von
einem Orang gunung oder Bergmenschen erzählt, der zum ersten Male eine
Harmonika spielen hörte, und auf die Frage, ob ihm die Musik gefalle, zur
Antwort gab: »Ausgezeichnet -- es klingt beinah so wie unsere Wagen.«
Diese Karren fahren sämmtliche, im Lande gezogenen Produkte in die
nächsten Städte oder nach den Küsten hinunter, und die Karbo's sind in
ein Joch gespannt, das Aehnlichkeit mit dem amerikanischen hat, aber lange
nicht so praktisch ist. Es besteht nur aus einem geraden, runden
Stück Holz, an das der Hals der Thiere durch ein gebogenes und wieder
eingeschobenes Stück Bambus oder biegsamen Holzes festgehalten wird. Weil
aber das Holz oder Joch eben gerade ist, so kann der Nacken der Thiere nur
gegen einen einzelnen, den mittelsten Punkt drücken, und sie sind deshalb
auch gar nicht im Stande, ihre ganze Stärke dabei anzuwenden, während der
eine kleine Theil ihres Körpers, gegen den das ganze Gewicht liegt, leicht
ermüden und schmerzen muß. Das amerikanische Joch dagegen ist unten, nach
dem Nacken des Thieres rund ausgeschnitten, so daß dieser vollkommen
darin liegt und von allen Seiten gleich stark dagegen preßt, was ihnen die
Arbeit ungemein erleichtert und sie weit mehr leisten läßt.
Die Javanen haben aber außerdem noch eine eigene Manier, ihre Büffel
zu leiten; sie befestigen ihnen nämlich ein dünnes Seil durch den
Nasenknorpel, mit dem sie das Thier leicht führen und lenken können,
besonders, wenn sie oben auf sitzen. Eingespannt, treiben sie es nur mit
der Peitsche.
Unterwegs hatten wir mehre kleine Flüsse zu kreuzen, die von dem letzten
Regen bedeutend angeschwellt waren. Ueber den einen kamen wir mit dort von
Javanen bereit gehaltenen Canoes, und ließen die Pferde hinüberschwimmen,
an andern aber waren keine Canoes, und die Ufer so steil und schlammig,
daß der Uebergang bei hohem Wasser eben nicht angenehm, und manchmal wohl
sogar gefährlich wird. Hierüber war allerdings etwas weiter unten eine
Brücke geschlagen, aber nur von Pfosten und mit geflochtenen Bambusmatten
gedeckt, ohne die geringste Stütze darunter. Solche Bambusmatten halten
auch vortrefflich, so lange der Bambus eben noch jung und frisch ist, wird
er aber erst einmal alt, dann bricht er ungemein leicht und ist dann für
Pferde eine höchst gefährliche Passage.
Es blieb uns aber nicht gut ein anderer Ausweg, als die Brücke zu nehmen,
wir mußten von zwei Uebeln das kleinere wählen, und gebrauchten nur
die Vorsicht, vorher abzusteigen und die Pferde zu führen. -- Es war ein
häßlicher Platz -- die Brücke etwa zwanzig Fuß hoch über dem Wasser,
und nichts als die dünne bröckliche Matte darüber -- brach ein Pferd
ein, so war es verloren. -- Mein Begleiter, der voran ging, kam aber gut
hinüber, sein Pferd trat nur zweimal durch und fand immer wieder eine
feste Stelle. Ich folgte aber nicht hinter ihm, denn die eben eingetretenen
Plätze machten es dort nur noch schwieriger, hinüber zu kommen -- ganz
an der Seite schien mir der beste Platz. Das Pferd mochte aber wohl merken,
welche fatale Stelle es zu passiren hatte, und wollte im Anfang gar nicht
hinüber; erst als es sah, daß es nicht anders ging, machte es plötzlich
einen Satz und sprang, den günstigsten Fleck sich dabei aussuchend, nach
vorn, während es zu gleicher Zeit mit beiden Hinterbeinen durch die Matte
brach. Glücklicher Weise hatte es mit den Vorderhufen festen Halt, gerade
hinter einem der Querbalken und sein volles Gewicht auf diese werfend,
gelang es ihm, die Hinterbeine wieder mit einem plötzlichen Ruck in die
Höhe und zu den Vorderfüßen zu bringen -- noch ein Satz und wieder
krachte der trockene mürbe Bambus, diesmal aber nur an einer Stelle, das
Pferd gewann wieder festen Fuß und war mit dem dritten Sprung auf dem erst
später gelegten und sicheren Theil der Matten. -- Wir waren glücklich
hinüber, ich versprach mir aber, und wenn ich durch sechs Flüsse hindurch
schwimmen sollte, nie wieder über eine solche Brücke mit einem Pferde zu
ziehen.
Gegen Mittag erreichten wir eine andere Farm, wo ein Holländer Aufseher
war. Dies Gut gehörte einem im Land aus gemischter Ehe geborenen
sogenannten Liplap, der sich durch sein liederliches, oder vielmehr
verschwenderisches Leben einen ordentlichen Namen erworben hatte. Der gute
Mann verzehrte, ich weiß nicht wie viel hundert tausend Gulden jährlich,
und stak dabei doch fortwährend dermaßen in Schulden, daß ihm jetzt nun
schon zum zweiten Mal Curatoren gesetzt waren, um seine Gläubiger sicher
zu stellen und zu befriedigen.
Nach Tisch brachen wir wieder auf, Tjipamingis noch vor dem gewöhnlich
spät Nachmittags eintretenden Regen zu erreichen, und jetzt kamen wir
auch, allerdings noch in circa sechs bis sieben Meilen Entfernung von
Klapanunga, an dem Orte vorbei, wo in den kleinen niederen, von dem
Hauptrücken des hier jedoch schon abflachenden Gebirges, auszweigenden
Hügeln, die indischen Schwalben in tief in die Berge gehenden Höhlen ihre
eßbaren und so theuer bezahlten Nester bauen.
Unterwegs kamen wir noch durch einen kleinen Kampong, wo auch
allwöchentlich ein =pasar= oder Markt gehalten wird -- und wo wir bei
einem behaglichen alten Burschen von Chinesen abstiegen, eine Tasse Thee
tranken und einige eingemachte Früchte dazu aßen. Die Art, wie die
Chinesen Thee trinken, hat etwas Besonderes -- zuerst haben sie enorm
kleine Kannen und Tassen, die in einem Theebret stehen, auf dem, durch das
fortwährende Einschenken, schon immer eine Quantität herumschwimmt. Die
kleinen Tassen werden vollgeschenkt, sowie aber der Gast nur die Hälfte
davon getrunken hat, steht auch der Wirth oder die Wirthin schon da, und
füllt sie wieder voll. Sie brauchen ebenfalls Zucker dazu, aber keine
Milch. Ihre eingemachten Früchte sind vortrefflich und sie benutzen dazu,
auf sehr geschickte Weise, Alles was ihnen nur vorkommt. Besonders zu
lieben scheinen sie eine kleine Gattung wachsartiger Beeren, die sie
vortrefflich zu präserviren wissen.
Von hier ab betraten wir die Hügel, die wir bis jetzt nur zu unserer
Rechten gehabt, bald ritten wir durch ein freundliches Thal, bald an weiten
Hügelrücken hin, auf deren Flächen grünender Radjang tjina, Bohnen,
Ananas und trockene Reisfelder lagen.
Die Radjang tjina oder chinesische Radjang-Bohne wird hier ungemein viel
gezogen und hauptsächlich dazu gebraucht, Oel daraus zu pressen,
doch schmecken die Bohnen auch geröstet vortrefflich und sind eine
Lieblingsspeise besonders der Kinder. Diese Radjang tjina ist übrigens
dieselbe Frucht, die in den südlichen Theilen Nord-Amerika's unter dem
Namen Erdnuß bekannt, auch manchmal nach Deutschland hinüber verschickt
wird, dort aber schon meistens ranzig schmeckt. Sie werden in Reihen
gepflanzt und die Nuß oder Bohne, wie sie hier genannt wird, wächst als
Knolle in der Erde und hat einen vollkommen nußähnlichen Geschmack.
Sie soll das Land sehr bedeutend ausziehen, wenn zwei Jahre auf ein und
derselben Stelle gebaut, während sie dagegen dem Boden im ersten Jahre
eher Nutzen als Schaden bringt.
Ziemlich spät am Nachmittag, und als eben die ersten Regen einsetzten,
erreichten wir endlich Tjipamingis, das eine höchst freundliche Lage am
Ufer eines kleinen Bergstroms und am Fuße eines gerade dicht dahinter
ziemlich steil und malerisch aufsteigenden und dicht bewaldeten Berges hat.
Rings von Hügeln eingeschlossen, liegt es dabei wie in einem Kessel und
seine freundlichen, dicht von Fruchtbäumen überschatteten Dächer und
wehenden Palmen geben ihm einen höchst lieblichen Anblick.
Der Weg führte steil und schnurgerade durch und hinunter, und die Pferde
liefen was sie nur ausgreifen konnten, denn sie wußten es ging nach Hause.
Das Innere der Wohnung war übrigens ächt Indisch -- ein europäischer
Mann, eine chinesische Frau und ein javanisches Kind -- man findet das hier
im Lande ungemein häufig und die Chinesinnen sollen gewöhnlich recht gute
Frauen werden.
Der Heimathschein.
Erstes Capitel.
Was der Traubenwirth dazu sagte.
»Meinen Segen habt Ihr, Kinder,« sagte der Traubenwirth in dem
thüringischen Dorfe Wetzlau, indem er dem jungen Barthold derb die Hand
schüttelte, während Lieschen, seine Tochter, ihren Kopf an der Mutter
Schulter legte. »Du bist ein braver Bursch, Dein Vater hat ein hübsches
Gut, und ich denke, Ihr werdet schon mit einander auskommen. Arbeiten
habt Ihr ja alle Beide gelernt, und das ist und bleibt doch immer die
Hauptsache; so macht denn Hochzeit, wann Ihr eben wollt, Hans. Das Uebrige
werd' ich schon mit Deinem Vater in Richtigkeit bringen.«
Vorher wird es aber auch nöthig sein, daß wir uns die Leute einmal
betrachten, mit denen wir hier bekannt werden, und das ist bald geschehen,
denn wir haben es keineswegs mit etwa besonderen oder außergewöhnlichen
Menschen zu thun.