»Gnädige Frau,« sagte Eduard, aber so verlegen, daß er die Worte kaum

über die Lippen brachte -- »ich -- ich freue mich -- freue mich wirklich

herzlich der Ehre dieser Bekanntschaft.«

Graf Galaz sah ihn an und lächelte. So befangen und ungeschickt hatte er

seinen Schwager noch gar nicht gesehen.

»Und heute quäle ich Sie recht meine liebe, liebe Ostenburg,« rief

Alexandrine dazwischen, »doch jetzt singen Sie uns noch einmal das kleine

reizende französische Lied.«

»Aber Alexandrine,« sagte der Graf, »Du belästigst wirklich unsern

lieben Gast.«

»Gern, gern,« rief aber die junge Frau und wandte sich rasch wieder dem

Instrument zu.

Eduard starrte sie noch immer an, und bemerkte gar nicht, daß ihn Frau von

Fermont lächelnd beobachtete. Die junge Künstlerin aber ließ sich nicht

lange nöthigen, und rasch wieder ihren Platz am Clavier nehmend, begann

sie ein reizendes französisches Lied, voll muthwilliger Neckerei und mit

einer so silberhell klingenden Stimme, daß es den kleinen Kreis zu lautem

und stürmischem Beifall hinriß.

Nur Eduard war still und nachdenkend geworden; den Kopf in die Hand

gestützt, saß er in seinem Fauteuil und sein Blick haftete am Boden.

Alexandrine hatte sich neben ihn gesetzt und flüsterte ihm zu, wie

reizend die kleine Frau die Lieder vortrage. Er nickte still vor sich hin,

erwiderte ihr aber kein Wort, bis sie geendet hatte und sich wieder erhob.

»Wunderbar -- wunderbar,« murmelte er dabei vor sich hin und schüttelte

langsam den Kopf -- »fabelhaft wunderbar.«

»Nicht wahr, die Stimme,« sagte Alexandrine, welche den Worten gehorcht

hatte -- »ich habe nie etwas Aehnliches gehört.«

Eduard erwiderte noch immer Nichts und starrte nur die Sängerin an,

so daß es selbst seinem Schwager zuletzt auffallen mußte. Gräfin

Alexandrine und Frau von Fermont waren aufgestanden und zu der jungen Frau

getreten und plauderten jetzt, durch das französische Lied angeregt, mit

ihr in dieser Sprache und Eduard konnte indessen den Blick nicht von der

lieblichen Erscheinung wenden.

»Nun, Eduard, Du bist ja ganz wie in einer Verzückung,« lachte Galaz,

indem er ihm die Hand auf die Achsel legte, »aber ich muß selber

gestehen, daß ich etwas Aehnliches noch nicht gehört.«

»Ich sage Dir, Rudolph,« rief aber Eduard seine Hand ergreifend, »mir

schwindelt der Kopf ordentlich -- ich werde noch verrückt --«

»Oho,« lachte der Graf -- »so hat Dich der Gesang ergriffen.«

»Ich habe gar nicht gehört, _was_ sie sang.«

»Was? -- nicht gehört? -- aber was hast Du nur, Du bist ja in einer

merkwürdigen Aufregung.«

»Diese Aehnlichkeit.«

»Welche Aehnlichkeit?«

»Der Dame mit -- mit einer anderen Dame, die ich -- die ich vor längerer

Zeit gesehen. Wo um Gottes Willen stammt sie her?«

»Meine Frau sagt aus Frankreich, aber ich wüßte nicht, wo Du sie schon

gesehen haben könntest, denn wie ich gehört, so ist sie erst vor

wenigen Wochen nach Deutschland gekommen, und Du selber warst doch nie in

Frankreich, wie?«

»Nein, nie,« sagte Eduard, während seine Blicke noch immer fest auf der

Dame hafteten, die ihm aber jetzt, im Gespräch mit Gräfin Alexandrine und

Frau von Fermont, den Rücken zudrehte.

»Ich habe eine solche Aehnlichkeit bei zwei verschiedenen Personen nicht

für möglich gehalten,« sagte Eduard, noch ganz verstört. --

»Das kommt ja vor,« lachte Galaz, »und vor vierzehn Tagen ist es mir

genau so in der Residenz mit einer vollkommen fremden Dame gegangen, die

ich geradezu wie eine alte Bekannte ansprach, und die mich dann furchtbar

kalt und stolz ablaufen ließ. Ich war nur froh, als ich mich mit einer

verlegenen Entschuldigung zurückziehen konnte.«

»Aber hier --« sagte Eduard -- »das Gesicht _hat_ etwas Fremdes, ja,

aber ich kann nicht sagen, worin es liegt, und diese Augen, dieser Mund,

das Haar, der ganze Wuchs -- nur etwas voller und eleganter. Ich weiß, es

ist nicht möglich und doch glaub' ich, könnt' ich den Verstand verlieren,

wenn ich lange in ihrer Nähe sein müßte.«

»Das wird wohl verschiedenen Leuten so gehen,« lachte Graf Galaz, »denn

sie hat wirklich etwas Bezauberndes, diese reizende Sirene. Aber komm, wir

dürfen uns hier nicht so lange flüsternd unterhalten. Alexandrine hat

schon ein paar Mal herüber gesehen.«

Sie schlossen sich jetzt den Damen an und Frau von Ostenburg erröthete

tief, als Eduard sie anredete, antwortete ihm aber unbefangen und frug

ihn, da sie gehört, daß er schon so weite Reisen gemacht, ob er sich denn

jetzt recht wohl und glücklich in der Heimath fühle, oder ob -- wie das

so oft der Fall sei -- die Unruhe ihn wieder hinaus in das wilde Leben

dränge.

Und diese Stimme -- Eduard war so befangen, daß er nur ganz verworrene,

kaum verständliche Antworten gab, und endlich, ärgerlich über

sich selber, gerade diesem liebenswürdigen Wesen gegenüber eine so

unglückliche Rolle zu spielen, all seine Sinne zusammen nahm, und fest

entschlossen war, sich nicht mehr von einem so wirren Wahn befangen zu

lassen.

Die Unterhaltung kam dadurch besser in Gang, wurde aber immer noch in

französischer Sprache geführt, die auch der jungen Frau von Fermont

geläufiger, als die deutsche schien.

Indessen wurden Erfrischungen herumgereicht und Eduard benutzte den Moment.

Seiner Schwester Arm ergreifend flüsterte er ihr leise zu:

»Du hast immer gewünscht meine Frau kennen zu lernen. Sieh sie denn, wie

sie leibt und lebt.«

»Wen?« frug Alexandrine erstaunt, »Frau von Ostenburg?«

»Denke Dir sie in Bauerkleidern -- einfach und schüchtern.«

»Und _die_ Frau hättest Du verlassen?« sagte die Schwester

kopfschüttelnd -- »Deine Phantasie führt Dich jetzt irre.«

»Ich gebe Dir mein Wort!« rief der Bruder erregt -- »jeder Zug ihres

lieben Gesichts ist derselbe, und doch auch wieder anders -- schöner

vielleicht, charaktervoller, aber das Liebe und Gute in ihren Zügen,

die Grübchen -- die Lippen -- die Stimme selbst -- ich habe ihr wie ein

Schulknabe gegenüber gestanden --«

»Und auch ihre Stimme?«

»Wenn sie spricht, genau; nur der Gesang ist viel klangvoller, und diese

französischen und italienischen Romanzen sind meinem Ohr fremd. Wenn sie

nur einmal ein deutsches Lied singen wollte.«

»Ich werde sie bitten,« sagte Alexandrine rasch von ihm fort und zu der

jungen Dame tretend -- »Ach, liebe Frau von Ostenburg,« wandte sie sich

an diese -- »mein Bruder dort, ein entsetzlich schüchterner Mensch, wie

sie sehen, aber leidenschaftlich für Musik eingenommen, hat noch eine

große Bitte an Sie!«

»Und womit kann ich ihm dienen?« lächelte die junge Frau.

»Er bittet um ein ganz kleines, kleines -- aber _deutsches_ Lied -- Sie

dürfen ihm aber nicht böse deshalb sein.«

Frau von Ostenburgs Blick haftete fest, fast wehmüthig einen Moment auf

Eduards Zügen -- »Gern,« flüsterte sie dann, wandte sich ab und trat

wieder zum Instrument. Aber eine ganz eigene Bewegung schien sich auch

ihrer jetzt bemächtigt zu haben. Ihr Busen hob sich stürmisch -- ihre

Finger berührten in weichen, klagenden Akkorden die Tasten und zwei Mal

war es, als ob sie ansetzen wolle, und immer noch kam kein Ton über ihre

Lippen.

Eduard stand am Tisch. Der Blick der Fremden war ihm durch Mark und Seele

gedrungen, das Herz schlug ihm fast hörbar in der Brust.

Jetzt hatte sich die schöne Spielende gefaßt. Ihre Finger berührten

leicht die Tasten in einem kurzen, schwermüthigen Vorspiel, mit den

Anklängen eines bekannten Volksliedes, und jetzt sang sie mit leiser, oh

wie zum Herzen sprechender Stimme:

»Muß i denn, muß i denn, zum Städtle naus,

Städtle naus --

Und Du mein Schatz bleibst hier --

Wann i komm, wann i komm, wann i wiedrum komm,

wiedrum komm,

Kehr i ein mein Schatz bei Dir --«

So sang sie den zweiten Vers: »Wie Du weinst, wie Du weinst, daß ich

wandern muß« -- leise, leise, kaum hörbar und erst anwachsend, als sie

zur dritten Strophe kam:

»Ueber's Jahr, über's Jahr wenn mer Träuble schneidt,

Träuble schneidt,

Stell ich hier mich wiederum ein --

Bin i dann, bin i dann Dein Schätzle noch --«

Die Sängerin schwieg plötzlich -- kein Laut regte sich im Saal, aber

Eduard seiner Sinne kaum mehr mächtig und seiner fast unbewußt, rief

flüsternd:

»Henriette!«

Die Sängerin stand auf -- sie sah leichenblaß aus.

»Gnädige Frau, Ihnen ist unwohl!« rief Graf Galaz bestürzt.

Sie schüttelte langsam den Kopf und wandte sich der Thüre zu -- noch

einmal suchte ihr Blick Eduard, der -- wild zu ihr hinüberstarrend, mitten

in der Stube stand -- aber da hielt sie sich nicht länger.

»Eduard! Eduard!« rief sie, flog auf ihn zu, umschlang seinen Nacken mit

wilder Leidenschaftlichkeit und preßte heiße, brennende Küsse auf seine

Lippen.

»Henriette, mein Weib! mein Weib!« -- mehr vermochte er nicht zu rufen.

Er wußte nicht ob er wache, oder von einem wilden, fabelhaften Traume

befangen sei -- und selbst die Möglichkeit konnte er sich nicht denken,

daß er jetzt lebe, daß er athme.

Graf Galaz -- während die kleine lebendige Frau von Fermont vor lauter

Freude und Rührung laut schluchzte -- war kaum weniger erstaunt über

diese Scene, als Eduard selber; aber Alexandrine löste ihm mit wenigen

raschen Worten das Räthsel, und während er jetzt nur, überrascht und

doch voller Bewunderung, das reizende junge Weib betrachtete, das sich mit

solcher Energie und Ausdauer aus ihrer Sphäre herausgearbeitet, um jetzt

eine Zierde der höchsten geworden zu sein, verließ seine Gattin leise das

Zimmer.

»Und bist Du es denn wirklich, Henriette? Ist es denn möglich, daß

Wunder noch auf dieser Welt geschehen?«

»Mein Eduard, Du böser, lieber Mann, und so lange -- so lange hast

Du mich verlassen können, bis ich selber kommen mußte, um Dich

aufzusuchen!«

»Meine Henriette, und kannst Du mir vergeben? Aber schon sind meine Sachen

gepackt, damit ich wieder in Deine Arme eile.«

»Still, still, ich weiß Alles,« sagte die herzige junge Frau, ihre Hand

auf des Gatten Lippen legend, -- »fürchte keinen Vorwurf von mir -- ich

weiß ja recht gut, daß ich nicht so zu _Dir_ paßte, wie ich war. Erst

jener Engel, Deine Schwester, hat mich Dir werth gemacht.«

»Alexandrine?«

»Nachher Alles --«

»Und wo ist unser Kind?«

»=Ou est donc Mama!=« rief in diesem Augenblick ein prächtiger kleiner,

etwa fünfjähriger Bursch, der vor Alexandrinen in das Zimmer sprang und

sich überall umsah.

Aber es ist nicht möglich, die Freude dieses Wiedersehens, den Jubel zu

beschreiben, der die Herzen dieser guten Menschen erfüllte. Und was war

jetzt Alles zu erzählen, und Eduard, seinen Knaben fest an sich gepreßt

auf dem Knie, lauschte mit Thränen der höchsten Seligkeit in den Augen

der fast wunderbar klingenden Mähr von Henriettens Reise nach Deutschland,

ihrer Aufnahme bei seiner Schwester und dem Plan, den diese mit Frau von

Fermont entworfen, die junge Frau heran- und auszubilden.

Und Alexandrine lehnte dabei das Haupt an ihres Gatten Schulter und

flüsterte leise und lächelnd:

»Wer redete mir denn neulich einmal von Hauslauch, der auf Dächern und

Mauerwerk wächst, und den man nie versuchen sollte zu veredeln -- es

würde nie eine Rose daraus werden? -- Nun, mein Herr Gärtner?«

»Wenn Du _Zauber_künste treibst, mein liebes Kind,« sagte der Graf, sie

an sich pressend, »dann freilich muß ich mich besiegt erkennen.«

»Keine Zauberkünste,« lächelte aber freundlich die Gräfin, »glaube

mir Rudolph, jedes Mädchen, jede Frau hat das Zeug zu einer Dame in sich,

wenn ihr Gelegenheit geboten wird sich auszubilden -- mit Deinem _starken_

Geschlecht aber geb' ich Dir Recht, aus einem Bauern wird sich nie ein Graf

machen lassen.«

Eduard dachte jetzt natürlich nicht mehr daran, Deutschland wieder zu

verlassen, ja, Graf Galaz selber war Feuer und Flamme dafür, die junge

Frau in die Gesellschaft einzuführen. Anfangs zwar hatte das junge Paar

noch hie und da ein durch das frühere Gerücht gewecktes Vorurtheil zu

besiegen, aber die junge Frau eroberte sich die Herzen im Sturm. Selbst die

Enkelburg konnte nicht lange diesem liebenswürdigen Wesen widerstehen.

Der alte Comthur war allerdings leicht und bald gewonnen; Hedwig aber,

vielleicht gerade aus dem Grund, weil sie keinen Grund angeben konnte,

hielt sich noch am längsten scheu von ihnen zurück. Henriettens

natürliche und herzliche Einfachheit, mit dem bescheidensten Auftreten

gepaart, trug jedoch zuletzt auch über sie den Sieg davon, und jetzt

ist in der kleinen Colonie von Rittergütern kein Fest, kein fröhliches

Beisammensein irgendwo denkbar, wenn Henriette nicht dabei erscheinen kann.

Allerdings wollte Eduard, als er nur erst einmal festen Boden gefaßt, auch

die Eltern seiner Frau herüber nach Deutschland ziehen, und dem Vater,

der ein tüchtiger Landwirth war, eines von seinen Gütern übergeben. Die

Mutter wäre auch wahrscheinlich gern gekommen, aber der alte Schuhmacher

schlug jede solche Aufforderung hartnäckig ab. Er behauptete zwar immer

nur, er hätte sich so an die Kakadusuppe gewöhnt, daß er nicht

ohne dieselbe leben könne: er meinte aber mit derselben nur das freie

unabhängige australische Leben, das er nicht mehr entbehren konnte und

wollte. Er flickt allerdings für die australischen Bauern keine Schuhe

mehr, aber er hat sich, von Benner dabei unterstützt, noch ein paar

Sectionen Land zu seinem eigenen gekauft und ist jetzt einer der größten

Weizenbauern im ganzen Tanundadistrict.

Der Gevatterbrief.

Geschichte zur Warnung für Jedermann.

Der geheime Regierungsrath von Fischer in -- saß Morgens in seinem

Studirzimmer, als der Diener ihm ein kleines zierlich gefaltetes Briefchen

hereinbrachte, das keinen Poststempel trug.

»Von wem?« frug der Regierungsrath, zu gleicher Zeit die Papierscheere

aufnehmend.

»Ein Bäckergesell hat ihn gebracht und bittet um Antwort.«

»Ein Bäckergesell?« murmelte der würdige Mann vor sich hin, »was habe

ich denn eigentlich mit einem Bäckergesellen zu thun?« Nichtsdestoweniger

öffnete er das kleine Schreiben das seine richtige Adresse trug, und

überflog den Inhalt.

»Hm, hm, hm, hm,« schüttelte er aber dabei den Kopf -- es mußte etwas

ganz Absonderliches in dem Briefe stehen -- »hm, hm, hm, hm, das ist doch

merkwürdig -- sehr merkwürdig -- der Bursche soll warten,« sagte er dann

zu dem Diener, der sich mit einer Verbeugung verabschiedete und der geheime

Regierungsrath, der sich doch nicht allein zu rathen wußte, stand auf und

ging in das Zimmer seiner Frau hinüber, um dieser den etwas absonderlichen

Inhalt des Briefes mitzutheilen. Der Inhalt war aber eigentlich gar nicht

so absonderlich, sondern lautete nur einfach:

»Der Himmel hat meine liebe Frau, Sophie, vor acht Tagen mit einem

gesunden, kräftigen Knäblein beschenkt und meine Bitte geht an Sie,

verehrter Herr Regierungsrath, dasselbe am nächsten Sonntag aus der Taufe

zu heben. Sie würden dadurch unendlich verbinden

Ihren

Ihnen gehorsamst ergebenen

Jacob Hellmann, Bäckermeister.

Die Taufe ist 11 Uhr Morgens, hohe Gasse Nr. 17, 1 Treppe.«

»Sieh 'mal, Louise,« sagte der Regierungsrath, als er das Zimmer seiner

Frau betrat und ihr den Brief entgegen hielt. »Dieses Schreiben habe ich

eben bekommen und der Bäckerbursche wartet auf Antwort.«

»Ich habe Nichts bestellt,« sagte die Frau Regierungsräthin.

»Nein, die Sache betrifft auch kein Backwerk,« erwiederte ihr Mann,

»lies nur einmal den Brief.«

»Um Gottes Willen, wie kommst _Du_ dazu?« rief aber seine Frau indignirt,

als sie die Zeilen erstaunt durchgelesen hatte -- »laß' Du das die

Leute einmal merken, daß Du Gevatter stehst und Du kannst die Kinder

sämmtlicher Innungen aus der Taufe heben.«

»Hm, ja, das ist schon wahr -- aber was soll ich thun?« sagte ihr Mann

verlegen.

»Was Du thun sollst? -- danken; das ist eine einfache Bettelei.«

»Doch wohl nicht,« schüttelte der Regierungsrath bedenklich mit dem

Kopfe, »der Bäcker Hellmann ist einer der reichsten und angesehensten

Bürger in der Stadt; der Mann hat viel Geld und noch mehr Freunde,

ich begreife deshalb auch gar nicht, wie er in dieser unglückseligen

Geschichte gerade auf _mich_ fallen konnte; hm, hm, das ist mir doch

ungemein fatal.«

»Aber ich sehe nicht ein, weshalb Du so große Umstände machen willst,«

sagte seine Frau, »was kann Dir der Bäcker Hellmann nützen?«

»Ja liebes Kind, das ist eine eigene Sache,« meinte der Regierungsrath,

»ich -- ich möchte ihn doch auch nicht gerade vor den Kopf stoßen.

-- Dieß leidige Gevatterstehen ist doch eine furchtbare Einrichtung und

trotzdem giebt es solche glückselige Menschen, die sich etwas derartiges

noch zur Ehre rechnen und dadurch befangen genug werden zu glauben, sie

ehrten den Eingeladenen ebenfalls.«

»So werde krank an dem Tage.«

»Das geht auch nicht,« sagte der Regierungsrath kopfschüttelnd, »sieh

nur den Datum an, es ist derselbe Abend an dem der Tannhäuser zum ersten

Mal gegeben wird und wir müssen die Vorstellung, zu der ich für uns die

Plätze schon bestellt habe, dann ebenfalls versäumen.«

»Nein, das geht auf keinen Fall,« sagte die Frau Regierungsräthin.

»Dann wird mir wahrhaftig nichts weiter übrig bleiben, als die Einladung

anzunehmen,« seufzte ihr Mann, »aber fünf Thaler gäb' ich darum, wenn

ich wüßte, wer den Menschen auf den unglückseligen Gedanken gebracht

hat, gerade _mich_ zu wählen -- und das kostet dabei wieder ein

Heidengeld.«

»Thu' was Du willst,« sagte die Frau Regierungsräthin, »aber soviel

weiß ich, wenn _ich_ eingeladen wäre, ich ginge _nicht_.«

Ihr Mann schüttelte mit dem Kopf, ging noch ein paar Mal mit auf den

Rücken gelegten Händen im Zimmer auf und ab und dann wieder zurück in

seine eigene Studirstube, wo er einen Briefbogen aus dem Gefach nahm und

schrieb:

Verehrter Herr!

Es wird mir zur großen Freude gereichen, Ihrer Einladung zu dem

glücklichen Feste -- zu dem ich Ihrer werthen Frau Gemahlin meine besten

Glückwünsche darzubringen mir erlaube -- Folge zu leisten. Ich werde mich

pünktlich einfinden und zeichne mich indessen hochachtungsvoll als

Ihren

ergebensten Diener

Johann v. Fischer, geh. Regierungsrath.

Der Tag kam; Herr von Fischer hatte die nöthigen Erkundigungen eingezogen

und seiner Mitgevatterin ein Körbchen mit sehr schönen Blumen und

Handschuhen gesandt. Die Feier selber fand im Hause des Bäckermeisters

statt und nach der Ceremonie, zu der noch eine Anzahl Gäste geladen war,

führte Herr Hellmann, der seinen Gevatter auf's Herzlichste empfangen

hatte, sämmtliche Eingeladene in das Speisezimmer hinüber. Die Tafel

war gedeckt und brach fast unter der Last der Speisen und Getränke; der

geheime Regierungsrath hatte den Ehrenplatz am Tische und da der Wein

ausgezeichnet und von Fischer ein Kenner war, fing er sich nach der ersten

halben Stunde schon an wohler, und nicht lange nachher auch behaglich

zu fühlen. Die etwas gemischte Gesellschaft bestand dabei aus höchst

liebenswürdigen, jovialen Menschen und es wurde erzählt und gelacht und

ein Toast nach dem anderen ausgebracht; ja der Regierungsrath, der den

ersten auf das Wohl der Wöchnerin getrunken, thaute ordentlich auf; er

lachte und erzählte mit und amüsirte sich vortrefflich.

Gegen das Ende der Mahlzeit stand auch Herr Hellmann auf, hob sein Glas

und ließ den Herrn Regierungsrath und seine werthe Familie leben, und wie

derselbe jubelnd getrunken war, ging er zu seinem Gast um den Tisch

herum, um mit ihm anzustoßen, rückte sich dann einen Stuhl zu ihm und es

entspann sich bald ein kleines Gespräch über Mahlzeit und Wein, worin

der Regierungsrath sein Entzücken über beides ausdrückte, und überhaupt

versicherte, sich nicht der Zeit erinnern zu können, wo er sich so gut

unterhalten habe.

»Nun das freut mich wirklich herzlich, daß es Ihnen bei mir gefällt,«

sagte der Bäckermeister.

»Nein wahrhaftig, mein guter Herr Hellmann, es ist Alles vorzüglich,

außerordentlich -- aber -- aber eine Frage erlauben Sie mir wohl?«

»Bitte, mit dem größten Vergnügen, Herr Regierungsrath, wenn ich sie

irgend beantworten kann.«

»Es ist mir eine Ehre gewesen, Ihren kleinen Burschen von Sohn aus der

Taufe gehoben zu haben, wir essen und trinken hier ausgezeichnet, wir

amüsiren uns, wie man sich nur amüsiren kann, aber --«

»Aber?«

»Aber sagen Sie mir doch, mein guter Herr Hellmann,« fuhr der

Regierungsrath fort, den neben ihm Sitzenden dabei freundlich auf das Knie

klopfend, »wie sind Sie gerade auf _mich_ zum Taufpathen gefallen? -- ich

habe mir schon den ganzen Tag den Kopf darüber zerbrochen und kann es

doch unmöglich meinen geringen Verdiensten, dem Staat gegenüber,

zuschreiben.«

»Hm, Herr Regierungsrath,« lächelte Hellmann still vor sich hin, »das

hat eine eigene Bewandtniß und ich sehe keinen Grund ein, sie Ihnen zu

verheimlichen.«

»Wäre mir lieb,« sagte der Regierungsrath.

»Ich weiß nicht einmal, ob Sie sich meiner von früher noch

erinnern --«

»Glaube kaum früher das Vergnügen Ihrer persönlichen Bekanntschaft

gehabt zu haben.«

»Doch, doch,« sagte Hellmann, »besinnen Sie sich auf den letzten Winter,

wo wir einmal zwei Tage hintereinander so entsetzliches Glatteis in der

Stadt hatten.«

»Ja allerdings -- es kamen auch mehrere Unglücksfälle damals vor.«

»Ganz recht -- an einem von diesen Tagen ging ich Vormittags an Ihrem

Hause vorüber, dessen Parterre Sie bewohnen; Sie standen am Fenster und

sahen auf die Straße hinaus und demselben gerade gegenüber rutschte ich

aus -- die Füße glitten mir unter dem Leib fort und ich fiel der Länge

nach hin.«

»Das waren Sie?« rief der Regierungsrath, noch in der Erinnerung an den

Augenblick lächelnd.

»Das war ich, mein bester Herr und wie ich mich nach Ihnen umdrehte -- und

ich hatte mir weh gethan -- wollten Sie sich ausschütten vor Lachen.«

»Hahahaha,« lachte der Regierungsrath, »das sah auch wirklich zu komisch

aus, die Beine kamen Ihnen mit einem ordentlichen Ruck in die Höhe.«

»Ja allerdings,« sagte Herr Hellmann, ohne jedoch in das Lachen mit

einzustimmen, »an dem Morgen aber schwor ich es mir: dem Regierungsrath

spielst Du für das Lachen einmal einen Possen, wo sich die erste

Gelegenheit dazu bietet -- und die habe ich mir auch nicht entgehen

lassen.«

Der Regierungsrath nahm die Sache natürlich als Scherz auf, und lachte

daß ihm die Thränen in die Augen kamen; amüsirte sich auf wohl noch eine

Stunde vortrefflich, wo er dann nach Hause mußte um das Theater nicht

zu versäumen. Er tritt aber von der Zeit an bei Glatteis nie mehr an's

Fenster, denkt gar nicht daran zu lachen, wenn er Jemanden hinfallen sieht,

und seine Frau weiß heut noch nicht, weshalb er damals zu Gevatter gebeten

wurde.

Ein Ausflug in Java.

Am 14. Januar Morgens ritt ich mit Herrn Blumenberger, der in Geschäften

nach Batavia gekommen war, nach Tjipamingis hinauf. Gerade mit

Sonnenaufgang verließen wir die letzten Landhäuser, und einen

schmalen Fuß- oder Reitpfad annehmend, der durch eine weitläufige

Cocosgartenanpflanzung führte, erreichten wir die freien Reisfelder,

durch die ein enger Weg, bald durch, bald an Gräben hin, jetzt über eine

Strecke hohen trocknen Landes, jetzt wieder durch niedere sumpfige oder

künstlich überschwemmte Gegenden führte.

Es war ein wunderherrlicher Morgen, die Gipfel der schwankenden im Wind

rauschenden Cocospalmen, des schönsten, stolzesten Baumes, den die

Tropenwelt geschaffen, glühten von den ersten Strahlen der jungen Sonne

geküßt; über das niedere Land zogen noch dünne duftige Nebelstreifen,

hier sich wie zum Spiel um eine hohe Gruppe dunkellaubiger Manga's

sammelnd, dort, von irgend einem Luftstrom erfaßt, wie ein Milchbach rasch

ein enges Thal hinabfließend. Hier herrschte auch Leben in der Flur;

dann und wann flog zwitschernd und scherzend ein muntrer Schwarm von

buntgefiederten Reisvögeln in die niedern, die Felder umwachsenden und

den Weg hier und da begränzenden Büsche, wenn ein Ulang-Ulang vielleicht,

dicht über ihnen wegstreichend, sie aufgescheucht hatte von ihrem

Morgenschmauß. An den feuchten Rainen saßen kleine weiße ernsthafte

Kraniche und schauten neugierig in das zu ihren Füßen leise quillende

Wasser nieder, und über ein dann und wann trockenes Feld schritt wohl

ein langbeiniger Bangun, eine Art Storch mit riesig dickem Schnabel

und schwerfälligem Kopf, sich mühsam rechts und links nach den

vorbeispringenden Pferden umschauend, ob sie ihn nicht auch etwa in seinem

Morgenspaziergang stören und ihm die schöne Frühzeit verderben wollten.

Unter Palmen und Buchen. Dritter Band. · 第 8 / 16 段