die aber jetzt viel spärlicher als früher kamen und ihn auch ihrem
Inhalt nach in Staunen setzten. Sie enthielten allerdings noch ebenso viele
orthographische Fehler als früher, ja vielleicht noch mehr, denn er wußte
bestimmt, daß sie früher einzelne Worte richtig geschrieben hatte, die
jetzt sonderbare Fehler zeigten. Aber die Handschrift war eine ganz andere,
festere geworden, obgleich es auch jetzt an Kleksen im Brief nicht fehlte
-- ein Zeichen, daß die Schreiberin noch immer mit der Feder nicht
umzugehen wußte -- und manche Buchstaben und Worte bös verschoben waren.
Auch die Gedanken, die sie verriethen, zeigten oft von tiefem innigen
Gefühl, das er ihr wohl immer zugetraut, aber von dem er doch nie geglaubt
hatte, sie würde es so aussprechen können. -- Und dann wieder ihre
naiven, fast kindlichen Wendungen dazwischen.
Früher hatte ihm außerdem der Schmerz weh gethan, der aus jeder ihrer
Zeilen sprach; der Schmerz der Trennung von ihm, die Trauer um seine
Abwesenheit. Alle ihre Briefe waren fast nur Klagen gewesen. Das hatte sich
ganz geändert; sie bat ihn wohl, doch bald, recht bald zu ihr und dem Kind
zurück zu kehren, aber dann wieder schrieb sie ganz heiter, erzählte ihm
Anecdoten von Bekannten und beklagte sich nur darüber, daß er ihr fehle,
nicht über ihre Einsamkeit. -- Und wie viel wußte sie über das Kind zu
sagen, über den kleinen prächtigen Kerl, der jetzt anfange, dem Vater
so ähnlich zu sehen, und auch schon immer nach ihm verlange und frage, ob
denn der »böse Papa« noch nicht zurückkehren und mit ihm spielen wolle.
Nach solchen Briefen wurde es ihm zu eng im Haus -- er mochte sich nicht
selber gestehen, _was_ ihn quäle, er mochte sich über die Vorwürfe, die
ihm sein Gewissen machte, nicht klar werden und ritt dann immer weit hinaus
in die Nachbarschaft, um sich zu zerstreuen.
Heute war wieder ein Brief eingetroffen und wie er ihn gelesen und in
sein geheimes Fach eingeschlossen, ließ er sich sein Pferd satteln und
beschloß, nach Galaz hinüber zu reiten.
Auf dem Wege dahin passirte er des Comthurs Schloß -- die »Enkelburg«
wie es scherzhafter Weise von den Bekannten und bald auch überhaupt in der
Umgegend genannt wurde. Er fühlte das Bedürfniß freundliche Gesichter zu
sehen -- Musik zu hören -- mit einem Wort, eine Zerstreuung zu haben, die
ihn von seinen eigenen Gedanken abzog und lauter Jubel hatte ihn bis jetzt
immer empfangen, wenn er in den Park des gastlichen Hauses einritt.
Auch heute gab er seinem Pferd die Sporen, als er, den Kiesweg
hinabreitend, schon von Weitem die lichten Kleider der Damen auf der
Terrasse erkannte. Er glaubte auch den alten Herrn selber gar nicht daheim
zu finden, da dieser vor einigen Tagen nach der Residenz gefahren war und
erst morgen oder übermorgen zurückerwartet wurde. -- Als er aber -- auf
dem breiteren Weg war er völlig in Sicht des Hauses gewesen und mußte
auch von dort aus gesehen sein -- um ein dichtes Bosquet herumritt und nun
gerade auf die steinerne Treppe zu hielt, sah er, daß die Damen von der
Terrasse verschwunden waren, und nur der Comthur stand dort und schien ihn
zu erwarten.
Das fiel ihm allerdings schon auf, aber wer wußte denn, was die
Gesellschaft plötzlich konnte in den Saal gelockt haben; er überlegte
wenigstens nicht lange, sprang aus dem Sattel, warf seinem Reitknecht die
Zügel zu, und stieg die breiten niederen Granitstufen hinauf.
»Schon wieder aus der Residenz zurück?« rief er dem alten Herrn
freundlich zu, indem er ihm die Hand entgegenstreckte -- »das ist brav von
Ihnen. Wo finden Sie auch dort ein Plätzchen, so lieb und heimlich wie die
Enkelburg.«
Der alte Herr nahm die dargebotene Hand, aber er schien befangen. Es war
etwas vorgefallen, von Benner sah das auf den ersten Blick, aber konnte er
selber damit in Verbindung stehen? -- unmöglich.
»Allerdings,« sagte der Comthur, aber einsylbig -- »es ist sehr
freundlich hier.«
»Und wo sind die Damen? ich dächte doch, ich hätte sie vorhin auf der
Terrasse gesehen. --«
»Die Damen -- Sie müssen sie entschuldigen -- es war gerade Besuch da --
eine Schneiderin -- sie haben mit ihrer Toilette zu thun --«
»So hab' ich hier gestört?«
»Nicht im Mindesten --«
Eduard versuchte, ein oder das andere Gespräch anzuknüpfen, der Comthur
antwortete sehr höflich, aber einsylbig. Er blieb noch eine Zeitlang
neben ihm sitzen, in der Hoffnung, die Damen zurückkommen zu sehn -- aber
Niemand kam und es war augenscheinlich, daß sich der alte Herr ebenfalls
nicht behaglich dabei fühlte. Benner empfahl sich deshalb bald wieder und
ritt langsam und ganz in seine Gedanken vertieft, nach Galaz hinüber.
Was in aller Welt _konnte_ da nur vorgefallen sein? Er begriff es nicht,
aber der alte sonst so freundliche und joviale Mann zeigte sich so
merkwürdig verändert, daß es ihm auffallen _mußte_. In Galaz
angekommen, erzählte er es seinem Schwager, und dieser sah, während er
mit ihm sprach, sinnend und ernst vor sich nieder; erwiederte auch kein
Wort darauf. Endlich sagte er:
»Kennst Du einen Herrn von Krowsky?«
»Krowsky? -- gewiß,« rief Eduard rasch -- »wir waren zusammen in
Australien.«
»Hm -- und er weiß um -- Deine Verhältnisse?«
»Allerdings,« nickte Eduard bestürzt, denn ein Verdacht stieg in ihm
auf.
»Er ist jetzt zurückgekehrt,« sagte Galaz; »mit seinen Verwandten
ausgesöhnt, hält er sich seit etwa vierzehn Tagen in der Residenz auf --
der Comthur hat ihn dort kennen gelernt.«
Eduard war aufgesprungen und ging mit verschränkten Armen im Zimmer auf
und ab.
»Und deshalb hätten die Damen mich gemieden?« murmelte er endlich bitter
vor sich hin -- »nur auf das Gerücht einer Mesalliance hin?«
»Mein lieber Eduard,« sagte Galaz, »erinnere Dich, was ich Dir
schon früher über diesen Gegenstand gesagt habe. Du _kennst_ unsere
Verhältnisse und willst sie ignoriren -- wozu? Hedwig hat Dich wirklich
gern, und daß ihr _diese_ Nachricht keine Freude machen konnte, ist doch
wohl natürlich.«
»Und Du glaubst in der That, daß er durch Krowsky Alles erfahren hat?«
»Nicht allein das, sondern daß es auch schon in der ganzen Nachbarschaft
bekannt ist. Kannst Du Dich wirklich nicht zu einem entscheidenden Schritt
entschließen, so bleibt Dir nichts übrig, als wieder auf einige Zeit zu
verreisen. Andere Interessen nehmen dann die Aufmerksamkeit der Leute in
Anspruch und bis Du zurückkehrst, denkt man nicht mehr daran oder urtheilt
milder darüber. Jedenfalls hat es den Reiz der Neuheit verloren. Du selber
kommst auch vielleicht indessen auf andere Gedanken.«
Eduard sträubte sich gegen den Gedanken, dem Urtheil der Welt so
gewissermaßen zu entfliehen, aber Alexandrine selber redete ihm zu, und er
entschloß sich endlich, dem Rath zu folgen.
Er reiste ab und zwar zuerst wieder auf sein schlesisches Gut, dann nach
Italien und Aegypten -- aber er entfloh dem Wurme nicht, der in ihm nagte
-- seinem Gewissen, und wieder und wieder stand Henriettens Bild vor
seinen Augen, sah er sein liebes herziges Kind, wie es am letzten Abend
die Aermchen um seinen Nacken schlang. Und sollte er wieder zurück
nach Australien? Er besaß jetzt Geld genug, um sich das Leben auch dort
angenehm zu machen; seine kühnsten je gehegten Pläne waren noch weit
übertroffen und er hätte zahlreiche Stationen anlegen und ein angesehener
Mann in jenem Welttheil werden können.
Und sollte er _jetzt_ fort, wo die »hochadlige Sippschaft« dann
vielleicht höhnisch gesagt hätte, er sei der öffentlichen Meinung
gewichen, sobald er gemerkt, daß sein Geheimniß verrathen worden? Nein,
wahrlich nicht, jetzt _durfte_ er Europa nicht verlassen, und erst mußte
er ihnen beweisen, daß er _ihre_ Meinung nicht achtete und sein Leben nie
darnach regeln würde. Was er dann später that, sollte wenigstens nicht
von dem Urtheil der Gesellschaft abhängig sein.
Er fühlte sich ruhiger, als er diesen Entschluß gefaßt, weil er sich
einredete, er habe ihn seiner Charakter_stärke_ zu verdanken -- und doch
war es nur seine Charakter_schwäche_, die so lange nach einer Ausrede
suchte, um ihn nicht seine Pflicht thun zu lassen, bis er endlich eine
leidlich glaubbare gefunden hatte. Dann war er zufrieden, er konnte
wieder eine Weile in dem alten Gleis fortleben, ohne von seinem Gewissen
außergewöhnlich belästigt zu werden -- alles Spätere fand sich von
selbst.
Aber die Zeit fliegt. Was Du thun willst und mußt, thue bald, denn nur
zu rasch verstreicht die erbettelte Frist, und immer schwerer kommt es Dir
dann an.
Es war das Nämliche mit Eduard von Benner; über acht Monate hatte er sich
wieder in der Welt herumgetrieben -- zwecklos -- freude- und ruhelos, jetzt
kehrte er nach Bennersberg zurück, und weil _er_ die Ursache vergessen
oder vielmehr den Sinn dafür betäubt hatte, die ihn hinaus in die Fremde
gejagt, glaubte er thörichter Weise, daß das Nämliche mit den Anderen
geschehen war.
So lange er fort gewesen, hatte man allerdings wenig mehr von ihm und der
bekannt gewordenen »Heirath mit einer Dienstmagd« gesprochen -- denn
Krowsky schien das Schlimmste erzählt zu haben, kaum aber kehrte er
zurück, so suchte die Gesellschaft den noch nicht halb verbrauchten Stoff
wieder auf das Eifrigste hervor, und Eduard von Benner fand bald, wie er
mit seinen früheren »Freunden« stand.
Die Herren schienen nicht so sehr davon berührt zu sein, und ihn häufiger
zu entschuldigen. Lieber Gott, in Australien, wie sie meinten, wen
heirathete man denn da nicht, um die Langeweile zu tödten. Entschieden
anders aber dachten die Damen darüber, und wo er sich wieder blicken
ließ, konnte ihm nicht entgech und förmlich man gerade da gegen ihn
geworden war, wo man ihm früher die meiste Herzlichkeit bewiesen.
Früher überall ausgezeichnet, sah er sich jetzt zurückgesetzt, und
auf ihn selber konnte das nicht verfehlen, seinen ertödtenden Einfluß
auszuüben. So lebendig und liebenswürdig er sich sonst in der
freundlichen Umgebung gezeigt, so kalt und gemessen wurde er jetzt, wo
er sich aller Orten zurückgestoßen oder doch vernachlässigt sah. Es
_konnte_ ihm nicht entgehen, daß er nirgends mehr ein _willkommener_ Gast
war, und die Folge blieb nicht aus -- er fühlte sich unglücklich.
Selbst Graf Galaz war nicht mehr so warm und herzlich gegen ihn wie
früher, denn er ärgerte sich über die »Unentschlossenheit« seines
Schwagers, die das nicht abschütteln wollte, was _seiner_ Meinung nach
allein sein ganzes Lebensglück zerstörte -- die unwürdige Verbindung in
dem fremden Land.
Nur Alexandrine, seine Schwester, blieb sich immer gleich, immer lieb und
gut gegen ihn, immer freundlich. Sie tröstete ihn, wenn seine Stirn von
Sorge und Mißmuth gefurcht war, sie spielte ihm seine Lieblingslieder von
Mendelssohn und Schubert und brachte es bald dahin, daß er sich nur in
ihrer Nähe wohl und glücklich fühlte. -- Aber auch das währte nicht
lange, selbst sie konnte nicht mehr die Wolken von seiner Stirn halten, und
eine finstere Schwermuth schien sich seiner bemächtigt zu haben.
Dieser Zustand hatte seinen Gipfelpunkt erreicht, als wieder ein Brief aus
Australien von seiner Frau eintraf. Er trug aber diesmal keinen englischen
Stempel, sondern kam aus der Residenz und die auf der Adresse befindlichen
Worte »Durch Güte« zeigten an, daß er wohl durch Einlage gekommen,
vielleicht mit Depeschen des eifrigen Consuls Becher.
Und wie gut, wie herzlich lautete der Brief; keine Klage fand er darin,
kein Wort der Trauer -- nur Dank für die vielen Beweise von Liebe, die
er ihr gesandt, und die Sehnsucht nach dem fernen Gatten, aber durch eine
Engels-Geduld gemildert.
Eduard empfing den Brief auf Galaz, und mit dem offenen Schreiben in der
Hand, betrat er seiner Schwester Zimmer. Sein Auge strahlte aber dabei
von Freude, seine ganze Gestalt schien gehoben, und mit leuchtenden Augen
schritt er auf die Schwester zu, reichte ihr den Brief und rief:
»Da lies -- und bin ich nicht ein Thor, daß ich _hier_ Freundschaft und
Liebe suchen will, wo mich dort offene Arme und treue Herzen erwarten --
ersehnen? Die Worte sind unorthographisch geschrieben, ja, aber eine treue
Hand hat sie gestellt -- der Styl ist schlecht, aber jeder Satz macht die
Fibern meines Herzens beben.«
Alexandrine las schweigend den Brief und ihn dann ihrem Bruder
zurückgebend, sagte sie leise:
»Wie lieb und gut -- die arme, arme Frau. Wie lange ist es jetzt her,
Eduard, daß Du von Australien fort bist -- Zwei Jahre, nicht wahr?«
»_Zwei_ Jahre?« rief ihr Bruder leidenschaftlich, »_vier_ Jahre sind es,
daß ich die Meinen nicht gesehen, und zu einer Ewigkeit ist mir die Zeit
geworden.«
»Vier Jahre -- es ist eine lange Zeit -- und wie wird sich Henriette
indeß nach Dir gesehnt haben. Dir freilich mag sie rasch genug verflossen
sein, denn das gesellige Leben, das Du dort ganz entbehren mußtest, hat
Dich doch sehr in Anspruch genommen. Ich sehe jetzt auch wohl selber ein,
daß es zu viel von Dir verlangt gewesen wäre, ihm für immer zu entsagen.
Wozu der Mensch einmal von Jugend auf erzogen ist, das verwächst mit
seinem inneren Selbst, und er kann es nicht so leicht abschütteln ohne
sich unglücklich -- wenigstens außer seiner Sphäre zu fühlen.«
»Und glaubst Du wirklich, daß ich an diesem Leben hänge?« rief Eduard
erregt aus, »glaubst Du wirklich, daß mich dies schale Treiben, das Ihr
die »Gesellschaft« nennt, auf die Länge der Zeit fesseln und halten
könnte?«
»Das _schale_ Treiben?« sagte Alexandrine lächelnd, »in dem Du Dich so
lange wohl gefühlt?«
»Wohl gefühlt? ja, weil ich taub und blind gegen mein eigenes Herz
war,« rief ihr Bruder -- »aber weiß _Deine Welt_ den inneren Werth eines
Menschen zu schätzen, und urtheilt sie etwa nach einem anderen Maaßstab,
als der äußeren Form?«
»Du denkst jetzt anders über die Gesellschaft, als vor kurzer Zeit.«
»Oh, daß ich immer so gedacht hätte,« sagte Eduard leise, »viel, viel
Schmerz wäre meinem braven Weib erspart geblieben. Aber es ist noch nicht
zu spät,« setzte er rasch hinzu, »noch kann ich gut machen, was ich
gefehlt, und beim ewigen Gott, ich werde es.«
»Was willst Du thun, Eduard?«
»Das, was ich schon lange hätte thun _sollen_,« sagte der Mann
entschlossen -- »nach Australien zurückkehren und dort von nun an
meiner Familie leben. Noch heute fahre ich in die Residenz, um meine
Geldangelegenheiten in Ordnung zu bringen, Deinem Bruder übergebe ich den
Verkauf meiner Güter, und dann bindet mich Nichts mehr an Deutschland.«
»_Nichts_ mehr?« sagte Alexandrine herzlich.
»Und hast Du selber mir nicht zugeredet, so zu handeln?«
»Du hast Recht, Eduard,« sagte die Schwester freundlich. »Gott sei Dank,
daß Du endlich in _die_ Bahn eingelenkt bist. Aber verfalle auch jetzt
nicht in das Extreme und übereile in diesem Augenblick nicht, was Du bis
dahin -- vielleicht zu lang -- verzögert hast.«
»Und kann ich da übereilen?«
»Ja,« erwiderte ruhig die Schwester -- »Du magst allerdings so rasch
Du willst in die Residenz fahren und dort Rücksprache mit Deinem Banquier
nehmen; je eher das geschieht, desto besser; dann aber kehre hierher
zurück und ordne selber, gemeinschaftlich mit Rudolph, Deine
Angelegenheiten. Rudolph ist überhaupt nicht Geschäftsmann genug, um
ihm das Alles so vollständig zu überlassen und würde sich auch nur
unbehaglich unter einer solchen Verantwortung fühlen. Wann geht das
nächste Schiff?«
»Ich weiß es nicht, aber ich werde heute Morgen noch deshalb nach England
schreiben und die Antwort -- da ich nicht sagen kann wo ich sein werde,
wenn sie eintrifft, -- hierher adressiren lassen.«
»Thue das nur,« nickte die Schwester befriedigt vor sich hin -- »und
wann willst Du in die Residenz?«
»Gleich auf der Stelle.«
»Galaz kann Mittag zurück sein.«
»Ich kann ihn nicht mehr erwarten. Ich weiß auch, daß er mit meinem
Plan nicht ganz einverstanden sein wird, und möchte seinen Einwürfen
ausweichen.«
»Fürchtest Du sie?«
»Nein -- ich bin fest entschlossen. Die Gesellschaft hier hat mich
wie einen Verfehmten ausgestoßen -- überall habe ich Anspielungen und
spöttische Bemerkungen hören müssen, und war doch nie im Stande dieser
ver -- dammten Höflichkeit gegenüber irgend eine wirkliche Beleidigung
zu constatiren. Dem will ich ein Ende machen. Ob ich glücklich werde -- ob
ich mich dort glücklich fühlen _kann_, Gott weiß es, aber ich will mir
wenigstens nicht neben den geheimen und versteckten Vorwürfen der Welt,
auch noch selber sagen müssen, sie verdient zu haben. -- Leb wohl,
Alexandrine.«
»Und auf ein recht baldiges, frohes Wiedersehen.«
Zehntes Capitel.
Schluß.
Vierzehn Tage waren nach Eduard's Abreise verflossen und in Schloß Galaz
blieb es in der Zeit ziemlich einsam, da der Graf selber viel mit der
Expropriation einiger Grundstücke zu thun hatte, durch welche ein
Schienenweg gelegt werden sollte. Die Bahn hatte hier gerade sein bestes
Jagdterrain durchschnitten, und er gab sich die größte Mühe, ihr eine
andere Richtung anzuweisen, ja erbot sich sogar, eine andere Strecke weit
unter dem Taxationspreis herzugeben -- aber vergebens. Die Techniker der
Bahn erklärten, daß ihre angegebene Linie beibehalten werden müsse,
aus den und den Gründen, und deshalb auf den Wildpark keine Rücksicht
genommen werden könne. Der Graf fuhr selber nach der Residenz, um an
höchster Stelle seinen Einfluß geltend zu machen; es blieb Alles umsonst.
Das practische Leben bohrt sich nach und nach überall in die alten
Vorrechte hinein; das Geld gewinnt einen immer höheren Rang über
Adelsbriefe und Stammbäume, und Graf Galaz mußte zu seinem nicht geringen
Verdruß erleben, daß ein Gutachten von bürgerlichen Leuten über den
speciellen Fall ausgestellt, mehr galt und berücksichtigt wurde, als sein
ganzer Einfluß werth war.
Eben nicht in bester Laune kehrte er nach Galaz zurück, und das konnte
nicht dazu beitragen sie zu verbessern, daß er eine Equipage mit Extrapost
fand, die auf seinem Hof vorgefahren war. Also Besuch.
»Wer ist angekommen?« frug er den Diener, der hinaus sprang um seinen
Wagenschlag zu öffnen.
»Frau Baronin von Fermont mit einer anderen Dame.«
»Mit wem?«
»Kenne sie nicht, Herr Graf. Sie sprechen nur Französisch.«
Graf Galaz stieg in sein eigenes Zimmer hinauf und schien nicht übel
Lust zu haben, sich dort abzuschließen. Frau von Fermont war aber eine so
liebenswürdige Frau und so befreundet mit ihnen, daß es sich nicht gut
umgehen ließ sie zu sehen. Außerdem erzählte ihm auch sein Kammerdiener,
daß die Damen ein paar Koffer mitgebracht hätten, also aller
Wahrscheinlichkeit einige Tage hier verweilen würden. Es ließ sich nicht
ändern, er mußte ihnen seine Aufwartung machen. Außerdem wurde auch das
Diner sehr bald servirt und da noch Besuch aus der Nachbarschaft dazu
kam, ein alter Obrist von Berdow mit Frau und Tochter, so blieb die kleine
Gesellschaft dort den Abend zusammen und es wurde geplaudert und musicirt
bis spät in die Nacht hinein.
»Und wie gefällt Dir Frau von Ostenburg?« sagte Alexandrine zu ihrem
Gatten, als die von Berdow's das Gut verlassen und Frau von Fermont mit
ihrer Begleiterin sich auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten.
»Das ist ein reizendes Frauchen,« sagte der Graf, »eine wunderhübsche
Erscheinung und dabei so liebenswürdig, daß man ihr auf den ersten Blick
gut sein muß. Stammt sie denn aus Frankreich?«
»Allerdings -- weshalb?«
»Sie spricht das Französische so sonderbar.«
»Sie spricht vortrefflich.«
»Ja; doch mit einem so eigenthümlichen Accent, der ihr aber reizend
steht.«
»Und singt wie eine Nachtigall.«
»Sie hat eine magnifique Stimme, und würde auf jeder Bühne Furore
machen. Ist sie mit Fermonts verwandt?«
»Ich glaube; ihr Gatte stand in der österreichischen Armee und ist bei
Solferino geblieben -- ein Rittmeister von Ostenburg.«
»Arme Frau -- so jung und schön und schon einen solchen Verlust erlitten.
Uebrigens wird sie wohl nicht lange Wittwe bleiben, denn an Bewerbern kann
es ihr bei den jungen Leuten gewiß nicht fehlen. Der alte Obrist selbst
war schon ganz entzückt von ihr -- Apropos, ich habe vorhin auch einen
Brief von Eduard auf meinem Zimmer gefunden -- er wird morgen herüber
kommen.«
»Das freut mich.«
»Wenn er nur die unglückselige Idee aufgäbe, nach Australien zurück zu
gehen. Er _kann_ sich ja dort nicht glücklich fühlen. Der hat sich auch
seine Carrière recht muthwillig selbst verdorben.«
»Und wenn er nun seine Frau zu uns herüber brächte, glaubst Du nicht,
daß sie sich in unser Leben, in unsere Verhältnisse finden würde?«
»Nie,« sagte Graf Galaz kopfschüttelnd -- »glaube mir, mein Kind,
derartige Frauen mögen gut und brav und häuslich sein und das Glück
eines Mannes in ihrem eigenen Kreis begründen können, aber sie sind wie
Hauslauch, der nur auf Mauerwerk und Dächern wächst; sie verlangen einen
ganz bestimmten und engbegrenzten Boden für ihre Existenz. Man soll um
Gotteswillen nicht versuchen, sie zu veredeln -- es würde nie eine Rose
daraus werden.«
Am nächsten Tag traf Eduard ein und suchte den Schwager auf dessen Zimmer
auf. Er hatte ebenfalls gehört, daß fremde Damen zum Besuch da wären,
und fühlte sich nicht in der Stimmung, ihnen zu begegnen. Der Graf war
aber gerade zu den Damen hinüber gegangen, und zwar hatte ihn Alexandrine,
als sie den Bruder in den Hof einfahren sah, herüber rufen lassen. Es
wurde musicirt und Frau von Ostenburg hatte zugesagt, ihm einige Lieder zu
singen.
Eduard schickte einen Diener hinüber, um dem Grafen seine Ankunft wissen
zu lassen. Alexandrine ließ ihrem Bruder aber sagen, Graf Galaz könne
jetzt nicht fort, und er selber sei den Damen schon angemeldet, er möge
also rasch Toilette machen und in den Salon kommen.
Es war ihm nicht recht; eine Weigerung wäre aber unartig gewesen; Frau von
Fermont kannte er überdieß selber recht gut und seufzend fügte er sich
in das Unvermeidliche.
Als er den Salon betrat, saß Frau von Ostenburg gerade am Instrument und
sang eine spanische Romanze, die sie sich selber begleitete -- Graf Galaz
stand neben ihr und wandte die Notenblätter um, und Frau von Fermont
saß mit Alexandrine rechts auf dem Sopha. Alexandrine stand auf, ging dem
Bruder leise entgegen und gab ihm die Hand, auch Frau von Fermont reichte
ihm die ihrige und nickte ihm freundlich zu; aber es wurde kein Wort
gesprochen, um den Gesang nicht zu stören und die Schritte selber blieben
auf dem weichen Teppich überhaupt unhörbar.
Die Romanze war die Klage eines andalusischen Mädchens, das um den
Geliebten trauerte, der gegen die Mauren zu Felde gezogen und sie allein
gelassen hatte, und die Stimme der Sängerin zitterte, als sie leise, nur
von gedämpften Accorden begleitet, das Gebet zur Jungfrau Maria um Schutz
für den Fernen, sang. So ergreifend waren die Töne dabei, daß der
überhaupt leicht empfänglichen Alexandrine die hellen Thränen in die
Augen stiegen und selbst Eduard sich von dem wehmüthigen Lied ergriffen
fühlte.
»Singt sie nicht reizend?« flüsterte ihm Frau von Fermont zu, neben der
er saß.
»In der That,« erwiderte er, »ich weiß mich der Zeit nicht zu erinnern,
daß ich eine so klangvolle und so zum Herzen dringende Stimme gehört
hätte -- und mit so tiefem Gefühl.«
Aber der Sinn des Liedes änderte sich -- die Mauren waren geschlagen, der
Geliebte kehrte siegreich zurück und laut jubelten jetzt die Töne
und quollen aus voller, jauchzender Brust, während in der kunstvollen
Begleitung der Siegesmarsch der heimziehenden Krieger immer wieder
dazwischen tönte.
Jetzt endete plötzlich das Lied und die Sängerin erhob sich von ihrem
Stuhl, indeß Graf Galaz ihr mit wahrhaft begeisterten Worten und voller
Entzücken für den Genuß dankte. -- Ihr Blick streifte durch den Saal und
eine Purpurröthe legte sich über ihre Wangen und ergoß sich bis tief in
den schneeigen Nacken hinab. -- Ihr Blick streifte Eduard.
»Sie sind zu gütig, Herr Graf,« lächelte sie dabei, »und werden mich
noch verwöhnen.«
Alexandrine aber war aufgesprungen, schlang ihre Arme um sie und küßte
sie herzlich.
»Ah, Eduard,« rief der Graf, der ihn jetzt erst erblickte, »das ist
schön; bist Du noch zur rechten Zeit gekommen?«
»Ich hatte das Glück, dem seelenvollen Vortrag zu lauschen,« sagte der
junge Mann, während sein Blick starr an den Zügen der fremden Dame hing.
»Nicht wahr, das ist ein Genuß? -- aber ich habe Dich noch nicht einmal
vorgestellt. Gnädige Frau, mein Schwager, Eduard von Benner -- Frau von
Ostenburg, die uns die Freude gemacht hat, unsere Einsamkeit ein paar Tage
mit uns zu theilen.«