In dieser Zeit, während er sich den geselligen Freuden der Nachbarschaft

mit Leib und Seele hingab, ward ein Unterschleif entdeckt, den sein

Verwalter auf dem schlesischen Gut gemacht hatte, und es war nöthig

geworden, die Sache dort selber an Ort und Stelle zu untersuchen und in

Ordnung zu bringen. Da zu dem Gut nicht unbedeutende Jagd gehörte, so

entschloß sich Graf Galaz ihn zu begleiten, und ihre Abwesenheit wurde auf

vier bis sechs Wochen festgestellt.

Gräfin Alexandrine blieb in dieser Zeit allein auf Schloß Galaz zurück

und es war am zweiten Tag, nachdem sie ihr Gatte und Bruder verlassen

hatten, als der Haushofmeister in ihr Zimmer trat und meldete, es sei ein

Mann und eine Frau draußen, die den Herrn Baron von Benner zu sprechen

wünschten.

»Ein Mann und eine Frau?«

»Ja ein alter Mann, ein wunderlicher Kauz, und eine junge nette Frau --

Bauersleute jedenfalls --«

»Von Bennersberg vielleicht,« sagte die Gräfin -- »es wird irgend eine

Klagesache sein. Sie müssen jetzt warten bis mein Bruder zurückkehrt --

wollen sie ihm aber schreiben, so werd' ich den Brief befördern.«

»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin,« sagte der alte Mann, »sie sind nicht

von Bennersberg; ich glaubte es anfangs auch und frug sie darnach; sie

sehen aber fremdländisch aus, und der Alte sagte immer statt ja auf

englisch =yes=.«

Die Gräfin erschrack. Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte sie, aber

wäre es möglich gewesen? Sie mußte sich abwenden, um ihre Bewegung zu

verbergen, trat an's Fenster und sah hinaus. Der alte Diener wartete ruhig

bis sie wieder mit ihm sprach.

»Ich will sie doch einmal selber sprechen, Cornelius,« sagte sie endlich

-- »wer weiß denn was sie wollen. Führt sie zu mir herein, und daß wir,

so lange sie bei mir sind -- nicht gestört werden.«

»Sehr wohl, Frau Gräfin.« Die Thür schloß sich wieder hinter ihm und

Alexandrine blieb in heftiger Aufregung zurück. Wenn Eduards Frau -- aber

war es denkbar, daß sie die weite Reise gewagt haben sollte -- wie kam sie

nur auf den Gedanken -- und doch wieder -- ein alter Bauer der englische

Wörter gebrauchte -- wenn nun der Vater -- Draußen wurden Stimmen laut

-- »Also Frau Gräfin wird sie genannt?« hörte sie Jemanden sagen,

dann öffnete sich geräuschlos die weite Thür und die Gemeldeten traten,

während der Haushofmeister ehrfurchtsvoll auf die Gräfin zeigte, und die

Thür dann wieder hinter ihnen schloß, in das hohe, durch schwerseidene

Gardinen halbverhangene Gemach.

Der alte Bauer war auch wohl draußen noch ziemlich unbefangen gewesen,

denn er »wollte Nichts _betteln_,« wie er zu dem Haushofmeister sagte,

und hätte mit dem Herrn von Benner »nur ein Wort zu reden«. Anders wurde

ihm aber doch zu Muthe, als er in das prachtvolle, halb dunkle Gemach auf

den weichen Teppich trat, auf dem er seine eigenen Schritte nicht mehr

hörte, und ihm jetzt unwillkürlich das Gefühl kam, er ginge absichtlich

so leise, um Niemanden zu stören. Und dann die hohe schöne Frau, die ihm

gegenüber stand, und deren großes klares Auge so forschend auf ihm und

seiner Begleiterin haftete. Draußen hatte er auch genau gewußt, was er

sagen wollte -- hier drinnen fiel's ihm nicht gleich wieder ein. Seine

Begleiterin schien aber noch viel mehr verlegen, als er selber, denn

ängstlich und verstört hielt sie sich hinter ihm, und seinen Rockschooß

mit der linken Hand fest, und da er selbst vollkommen still schwieg,

flüsterte sie ihm scheu zu:

»Sprecht _Ihr_, Vater -- ich bring kein Wort über die Zunge.«

»Wer seid Ihr, Freund, und was wollt Ihr von mir,« sagte da Alexandrine

mit ihrer weichen und doch so volltönenden Stimme. Das gab dem Alten sich

selber wieder -- es war doch ein menschlicher Laut, und mit einer Art von

Kratzfuß, der aber auf dem Teppich hängen blieb, erwiederte er:

»Mit Verlaub, Frau Gräfin, von Ihnen Nichts; nur den Herrn von Benner

wollten wir sprechen.«

»Meinen Bruder?«

»=Yes=« erwiederte der Mann, »der alte Herr da draußen --

wahrscheinlich Ihr Mann -- sagte uns schon, daß Sie die Frau Schwester

wären, er meinte aber, er wäre nicht zu Hause -- der Herr von Benner

nämlich, und da -- da wollten wir nur fragen, wann er wieder kommt, Frau

Gräfin.« --

»Und kann ich es nicht an ihn ausrichten,« sagte Alexandrine, die sich

Gewalt anthun mußte ruhig zu bleiben -- »er ist verreist, und es kann

vier bis sechs Wochen dauern, ehe er wieder kommt --«

»Alle Teu-- bitte um Entschuldigung,« sagte der Mann erschrocken, »es

fuhr mir nur so heraus -- das ist aber eine schöne Bescheerung. Nun sind

wir den weiten schmählichen Weg hergekommen --«

»Und woher, wenn ich fragen darf,« hauchte die Gräfin, aber so leise,

daß er die Worte kaum verstand.

»Woher? -- ih, man blos vom anderen Ende der Welt,« sagte der Bauer --

»von Australien.«

»Von Australien! -- und das -- das ist Euere Tochter?«

»Na, Sie wissen's ja wohl schon, Frau Gräfin,« sagte der Alte jetzt

treuherzig -- »wenn Sie die Schwester vom Eduard sind, so müssen wir ja

verschwägert sein -- s'ist seine Frau, die Jette, die's vor Jammer und

Sehnsucht nicht mehr da draußen aushalten konnte.«

Alexandrinens Blick haftete fest auf den schüchternen aber jetzt

todtenblassen Zügen der jungen, bildhübschen Frau.

»Und Du bist den weiten, weiten Weg gekommen, um ihn aufzusuchen?« sagte

sie endlich gerührt -- »Du armes, armes Kind!«

»Na nu?« rief der Alte erschreckt -- »es ist -- es ist ihm doch nicht

etwa was passirt?«

»Nein, beruhigt Euch -- er ist wohl und gesund,« sagte Alexandrine.

»Na und sonst?« frug der alte Schuhmacher mißtrauisch. »Die Jette hat's

nicht mehr daheim gelitten -- vor Spott und Neid konnt' sie es nicht mehr

aushalten, und wenn ich hier,« fuhr er sich in dem Zimmer umschauend fort,

»die vornehme Wirthschaft sehe, so, so kommts mir beinah auch so vor, als

ob die Nachbarn da draußen doch am Ende --«

Alexandrine hörte gar nicht was er sprach. Ihre Blicke hingen an der

lieben, herzigen Gestalt der jungen Frau, und auf sie zugehend und ihr die

Hand entgegenstreckend, sagte sie mit tiefem Gefühl:

»Und so lieb hast Du den bösen Menschen, daß Du das weite Meer nach ihm

durchschifftest?«

»Den _bösen_ Menschen?« rief Henriette erschreckt, aber doch auch

wieder von dem freundlichen Ausdruck in den Zügen der so stattlichen Dame

angezogen. »Glaubt es nicht, Frau Gräfin, er ist wirklich gut, und wer

weiß denn, was ihn abgehalten hat, daß er nicht heim zu seinem Weib und

Kind kommen konnte.«

»Und wo ist Dein Kind? -- lebt es?«

»Lebt es? großer Gott!« rief die Frau erschreckt, »wird's nicht leben,

der liebe kleine Bursch, der so gewachsen ist, daß ihn sein Vater kaum

mehr kennen mag.«

»Und wo ist er jetzt? hast Du ihn daheim gelassen?«

»Meinen kleinen Bursch?« sagte die Frau, indem sie lächelnd den

Kopf schüttelte -- »glaubt Ihr Frau Gräfin, daß ich von Australien

fortgegangen wär' und _den_ zurück gelassen hätt'? Im Leben nicht.«

»Aber wo hast Du ihn jetzt?«

»Im Wirthshaus drunten im Dorf ist er,« sagte die Frau, die bei der

Erinnerung an ihr Kind die bisherige Scheu vergaß -- »die Wirthin scheint

eine gar liebe, gute Frau, und die versprach mir, auf den kleinen Kerl Acht

zu geben, bis wir wieder vom Schloß herunter kämen.«

»=Yes=, Frau Gräfin, so ist's,« bestätigte aber auch der Vater --

»wußten's ja nicht, wie uns Ihr Bruder empfangen würde, da er von der

Jette doch wohl Nichts mehr wissen will, denn wie ich sehe, ist er jetzt

wieder ein vornehmer Herr geworden. Ich wollt' auch nicht her, aber das

Kind ließ eben keine Ruh. Tag und Nacht weinte sie und jammerte, und --

da that ich ihr endlich den Willen, und jetzt wird sie wohl wieder mit

gebrochenem Herzen zurückgehen können -- nach Australien.«

»Und glaubst Du das auch, Henriette?« sagte die Gräfin, die bis dahin

kein Auge von der Frau verwandt, so daß diese, durch das scharfe Anschauen

beschämt und furchtsam den Blick vor ihr zu Boden schlug.

»Gott weiß es,« seufzte aber die junge Frau recht aus tiefster Brust,

»seine Briefe sind freilich kürzer geworden mit jedem Mal -- gut und

lieb wie immer, aber so kurz. Er hatte mir nicht viel mehr zu schreiben und

schickte mir nur Geld -- viel Geld -- viel mehr als ich brauchte und haben

wollte. Da litt mich's nicht länger -- da quält' ich den Vater bis auf's

Blut, bis er mit mir ging, und jetzt --«

»Und jetzt, Henriette?«

»Jetzt will ich den Eduard fragen,« sagte die Frau leise, »ob er noch

was von mir und dem Kinde wissen will, oder -- ob er sich unser schämt,

wie mir's der Apotheker in Tanunda prophezeiht hat, daß es so kommen

würde und müsse, und nachher --«

»Und nachher, Henriette?«

»Dann geh ich mit dem Vater und dem Kind wieder heim,« sagte die junge

Frau leise »und -- Gott wird weiter helfen.«

»Ist das Dein Ernst, Henriette?«

»Ja Frau Gräfin.«

»Und weshalb nennst Du mich Frau Gräfin?«

»Sind Sie denn das nicht?«

»Aber wenn ein Mädchen einen Mann geheirathet hat,« sagte Alexandrine,

ihr ruhig in's Auge sehend, »und der Mann hat eine Schwester, so nennt

sie die Schwester doch wohl gewöhnlich nicht bei ihrem Titel, sondern bei

ihrem Vornamen -- und ich heiße eigentlich Alexandrine.«

»Ja -- aber Frau Gräfin,« sagte Henriette bestürzt, denn sie verstand

nicht, was die Dame damit meinte, »das -- das ist wohl so bei _unsern_

Leuten Gebrauch, aber --«

»Und bin ich nicht Eduards Schwester, Henriette?«

»Ja -- ja,« sagte die junge Frau bewegt und ein paar große helle

Thränen glänzten in ihren Augen -- »Sie sind schon Eduards Schwester,

aber ich -- ich -- ich weiß ja nicht, ob ich Eduards Frau mehr bin.«

Da hielt sich die Gräfin nicht länger.

»Henriette,« rief sie, »mein liebes, liebes Kind,« und die bestürzte

Frau umfassend und an sich pressend, drückte sie ihr heiße Küsse auf

Stirn, Mund und Augen.

»Ja, was wär denn das?« sagte der alte Schuhmacher, auf's Aeußerste

erstaunt -- »_Sie_ küssen das Mädel, und der eigene Mann --«

»Ueberlaßt das mir, Alter,« lächelte die Gräfin unter Thränen,

indem sie ihm die Hand hinüberreichte -- »wollt Ihr Euer Kind glücklich

sehen?«

»Das ist eine kuriose Frage für einen Vater,« sagte der alte

Schuhmacher, »aber -- nehmen Sie mir's nicht übel, Frau Gräfin, bis

jetzt sah ich noch Nichts, was darauf hinzeigt. Ist der Herr Eduard

wirklich verreist?«

»Seit vorgestern; er hatte keine Ahnung, daß Sie kommen könnten.«

»Das glaub' ich wohl,« lächelte der alte Mann, »denn geschrieben haben

wir Nichts davon; aber wie er das viele Geld schickte, meinte die Jette,

das könne man nicht besser anwenden, als zu einer Reise hierher. Ob sie

recht gehabt hat? -- wer kann's wissen. Wenn er aber wirklich noch was von

ihr wollte, hätte er ihr da nicht selber geschrieben, sie solle herüber

kommen, er hielt's nicht länger ohne sie aus? Gott bewahre; kein Wort

davon. Ja, geschickt hat er reichlich, fehlen sollt' es ihr an Nichts --

aber daß ihr dadurch gerade Alles fehlte, daran scheint er nicht gedacht

zu haben. Jetzt macht er nun auch noch so lange Reisen, und wie soll's da

werden? Ich kann nicht so lange von daheim wegbleiben und mich noch Monate

lang hier hersetzen -- das kost' auch ein schmähliches Geld.«

Alexandrine hielt die junge schüchterne Frau noch immer in ihrem Arm, und

ihr in das gute treue Auge sehend, sagte sie herzlich:

»Und wollt Ihr uns Euer Kind hier zurück -- wollt Ihr es _mir_

überlassen, wenn Ihr wieder von uns geht?«

»_Ihnen_, Frau Gräfin?« sagte der alte Mann erstaunt, »und nicht Ihrem

Mann? -- Aber ich sehe freilich schon wie es ist,« setzte er, langsam

mit dem Kopf nickend hinzu -- »_so_ vornehm habe ich mir den Eduard nicht

gedacht, ich hätte ihm auch sonst im Leben das Mädel nicht gegeben, und

in _solche_ Zimmer paßt sie nicht hinein -- würde sich auch nie wohl und

glücklich darin fühlen. Jetzt bleibt nur noch die Frage, ob der Eduard

wieder _mit uns_ hinauswollte auf's Dorf, aber wenn er dazu Lust hätte,

wär' er schon lang gekommen. Es gefällt ihm hier besser, und wie's da

werden soll, das weiß ich selber nicht.«

»Und glaubst auch Du nicht, Henriette,« sagte die Gräfin jetzt zu der

jungen Frau, »daß Du Dich wohl und glücklich in solchen Räumen fühlen

könntest?«

»Fremd ist's schon,« sagte die Frau schüchtern -- »und Alles viel zu

schön und reich -- Unsereins ist nicht daran gewöhnt. Ich fürcht', ich

paß nicht hinein, und der Eduard wird keine Freud' an mir erleben. -- O

wär er doch nie so reich geworden und arm geblieben wie er war, wie gern,

wie gern hätt' ich hart und schwer arbeiten wollen, mein ganzes Leben

lang.«

»Aber der Eduard,« sagte da die Gräfin, während sie das junge Weib zu

sich auf das Sopha niederzog, und immer noch ihre Hand in der ihren hielt,

»hat doch auch Anfangs nicht in Euer Leben gepaßt. Er war nur gewohnt so

zu leben, wie wir es hier thun, und hat sich doch später in die schwere

Arbeit hineingefunden, nicht wahr, Henriette?«

»Ei gewiß,« rief die Frau lebendig -- »wacker hat er geschafft, wie der

beste Knecht, von Morgens bis Nachts --«

»Und weshalb?«

»Weshalb? ei,« meinte die Frau erröthend -- »der Vater konnte uns auch

grad nicht so viel mitgeben, und da wir doch was vor uns bringen wollten,

mußten wir schon zugreifen.«

»Also Dir zu Lieb, Herz, hat er ein ganz ungewohntes Leben angegriffen und

wacker durchgeführt, nicht wahr?«

»Gern hat er mich schon gehabt,« sagte die junge Frau verschämt, »und

ich ihn auch,« setzte sie herzlich hinzu, »denn er war brav und gut, und

rechtschaffen fleißig.«

»Und würdest Du nun nicht --« fuhr Alexandrine fort, »auch aus Liebe

zu ihm, dasselbe für _ihn_ thun wollen, was er für _Dich_ gethan?«

»Ich versteh' Euch nicht,« sagte Henriette, die Redende groß ansehend,

»aber so viel weiß ich, daß es Nichts auf der Welt giebt, was ich nicht

aus Liebe zu ihm thun würde -- selbst wieder heimkehren,« setzte sie

leise und kaum hörbar hinzu -- »wenn das das Einzige ist, was er von mir

verlangt.«

»Ich glaube Dir's,« sagte die Gräfin gerührt, »aber so Schweres soll

Dir hoffentlich nicht vorbehalten bleiben -- doch weshalb setzt Ihr Euch

nicht, Freund,« wandte sie sich an den Alten -- »wir haben noch viel

mitsammen zu reden und bleiben noch länger bei einander.« Damit drückte

sie auf die neben ihr stehende Klingel und gleich nachher betrat der

Haushofmeister wieder das Zimmer.

»Ist keiner von den Dienern da?«

»Zu Befehl, Frau Gräfin,« sagte der alte Cornelius, »aber da Sie

ungestört sein wollten, blieb ich selber im Vorzimmer.«

»Ich danke Euch -- schickt mir aber jetzt einmal Einen von ihnen hinunter

in das Wirthshaus -- die Babette mag mitgehen und das Kind heraufbringen,

das unten bei der Wirthin gelassen ist -- den Knaben, und sorgt zugleich

dafür daß das Gepäck dieser Leute hier ins Schloß heraufkommt -- die

Rechnung unten soll gleich abgemacht werden.«

»Unser Gepäck hier in's Schloß?« sagte der alte Schuhmacher erstaunt --

»ja was wär denn das?«

Die Gräfin winkte dem Haushofmeister zu und dieser verschwand geräuschlos

durch die Thür. Der alte Schuhmacher kam aber aus seinem Erstaunen gar

nicht heraus, denn bis jetzt hatte er mit der größten Verwunderung

den ehrfurchtsvoll an der Thür stehenden alten Herrn betrachtet, den er

Anfangs sogar für den Herrn vom Hause gehalten, weil er gar so ehrwürdig

und vornehm aussah, und doch konnte das nur ein Diener sein, und dann

überraschte ihn der eben gegebene Befehl -- bei dem sie nicht einmal

gefragt wurden -- auf das Vollständigste.

»Es kann Nichts helfen,« lächelte Gräfin Alexandrine aber, sobald der

Haushofmeister die Thür wieder in's Schloß gedrückt hatte, »Ihr müßt

es Euch schon gefallen lassen, eine kleine Weile bei mir auszuhalten, bis

wir Alles gehörig besprochen und verabredet haben, und Henriette geht dann

hoffentlich gar nicht wieder nach Australien zurück.«

»Und was soll ich _hier_?« sagte die junge Frau wehmüthig, »was _kann_

ich hier thun und schaffen?«

»Und was thu _ich_?« lächelte Alexandrine.

»Ja Sie,« sagte die junge Frau kopfschüttelnd -- »Sie sind vornehm

und haben viel gelernt, was aber weiß ich, ich armes dummes Ding. Eduard

fühlte das auch wohl, und hat sich früher schon oft Mühe mit mir gegeben

-- aber es ging nicht -- ich hatte andere Dinge im Kopf und er mußte es

zuletzt aufgeben.«

»Und wenn Eduard Dir zu Liebe nun in dem fremden Lande hart gearbeitet

hat,« sagte die Gräfin, ihr voll ins Auge sehend -- »wenn er ein _Bauer_

wurde Deinetwegen und Axt und Pflug führen lernte, würdest Du nicht _ihm_

zu Liebe auch das hier in _seiner_ Heimath lernen wollen, was ihn, in den

Verhältnissen in denen er sich jetzt befindet, allein glücklich mit Dir

machen kann.«

»Ach wie gern -- wie gern,« rief Henriette -- »aber wer wird sich jetzt

noch mit mir armen Wesen die Mühe nehmen, es mir zu zeigen, und hab' ich

überhaupt Verstand genug dafür?«

»Das laß _meine_ Sorge sein, Henriette,« sagte Alexandrine mit tiefem

Gefühl. »Als ich Dich noch nicht kannte, hat der Gedanke an Dich mir

vielen, vielen Kummer bereitet -- ich dachte Dich mir anders, als Du bist.

Jetzt, da ich Dich vor mir sehe, da ich Dich bei mir habe, zieht auf's Neue

die Hoffnung in meine Seele ein.«

»Aber ich verstehe Sie noch immer nicht.«

»Du wirst Alles verstehen lernen,« lächelte die Gräfin, »Alles, denn

an Deinen Augen, an Deinem ganzen Wesen sehe ich, daß Du gelehrig bist;

was Dir aber dabei schwer fallen sollte, das wird die Liebe trotzdem leicht

überwinden -- aber da kommt Dein Kind!« rief sie, vom Sopha aufspringend,

als sie draußen die Stimmen hörte, und gleich darauf auch das Zimmer

geöffnet wurde, in dem Babette mit dem Kind erschien; »oh, was für ein

lieber, kleiner, herziger Bursch ist das. Es ist gut, Babette -- ich werde

klingeln, wenn ich Sie wieder brauche, für jetzt wollen wir den kleinen

Herrn schon allein versorgen.«

Alexandrine war glücklich in dem Gedanken an das Glück, das sie andern

bereiten wollte, und hatte jetzt so viel zu sorgen und anzuordnen, daß ihr

der Tag wie im Flug dahin ging.

Vor allen Dingen wurde dem alten Schuhmacher Schweigen aufgelegt -- er war

überhaupt nicht gesprächiger Natur, aber er besaß doch, wenn auch keine

wirkliche Bildung, den, diesen Leuten sehr oft im hohen Grade eigenen

Mutterwitz und gesunden Menschenverstand. Alexandrine hatte ihn auch bald

durchschaut, und rasch entschlossen den Weg mit ihm einzuschlagen, der sie

am sichersten mit ihm zum Ziel führen konnte: die reine unverfälschte

Wahrheit. Sie schilderte ihm mit kurzen Worten die Verhältnisse wie

sie wirklich standen -- sie theilte ihm ihren Plan mit, der Tochter eine

Stellung in der Gesellschaft zu erringen, und dadurch dem Bruder sein

Glück zu wahren, und der alte Mann hatte Menschenkenntniß genug, um rasch

zu sehen, daß er hier sein Kind wenigstens in treuen und guten Händen

wußte.

Er selber wurde jetzt für kurze Zeit in einem kleinen Gartenpavillon --

allerdings etwas zum Erstaunen der Dienerschaft -- einquartiert, während

Henriette mit ihrem Kind ein paar Zimmer in der unmittelbaren Nachbarschaft

der Gräfin selber angewiesen bekam.

So vergingen vierzehn Tage, dann bestellte die Gräfin ihren Reisewagen und

fuhr mit ihren Gästen nach der Residenz, wo sie acht Tage blieb -- aber

sie kehrte allein wieder zurück und erwartete jetzt, ihrem gewöhnlichen

Leben folgend, ruhig die Rückkunft ihres Gatten und Bruders.

Neuntes Capitel.

Eine Wendung.

Die Jagd in Schlesien hatte sich so ergiebig gezeigt, und die

gesellschaftlichen Verhältnisse dort schienen so angenehm gewesen zu sein,

daß die beiden Herren, noch etwas später als erwartet, zurückkehrten,

und dann wieder beide -- Graf Galaz daheim und Eduard auf Bennersberg (wo

er sich häuslich niedergelassen) von ihren indeß aufgehäuften Arbeiten

lebhaft in Anspruch genommen wurden.

Alexandrine war indeß in Ungewißheit gewesen, ob sie ihren Gatten in ihr

Geheimniß einweihen solle oder nicht. Sie scheute sich zwar ihm irgend

etwas zu verschweigen und hatte es in Wirklichkeit noch nie gethan, aber

sie wußte auch daß gerade er mit dem, was sie gethan, nicht einverstanden

sein würde, weil er von vornherein die Möglichkeit eines günstigen

Erfolgs bestritt. »Es war,« wie er sich oft geäußert, wenn sie

ihm früher von einem solchen Plan sprach »nur ein Experiment, das zu

unangenehmen Conflicten führen mußte, und deshalb lieber unterblieb.«

Außerdem hatte er andere Pläne mit Eduard, denn allein in

aristokratischen Kreisen erzogen, wenn auch von weichem und selbst tiefem

Gemüth -- hielt er es für völlig undenkbar, daß sich eine gewöhnliche

Magd je aus der Sphäre erheben könne, in die sie das Schicksal geworfen.

Nicht die Mesalliance fürchtete er dabei, die Mischung altadligen und

bürgerlichen Blutes -- guter Gott, die neuere Zeit brachte nur zu viele

derartige Beispiele, wo sich selbst Prinzen nicht scheuten, einer braven

Bürgerstochter oder einer gefeierten Künstlerin ihre Hand zu reichen --

aber das Plebejische verletzte ihn, das Gemeine im Umgang, und das hielt er

sich fern, soviel das immer möglich war.

Um so schwieriger war es jetzt für sie, mit ihrem Plan hervorzutreten, da

sie selber noch nicht den geringsten Beweis für einen auch nur möglichen

Erfolg hatte. Noch blieb Alles Vermuthung -- Hoffnung eines günstigen

Gelingens, und Jahre lang hätte sie dann gegen seine Zweifel ankämpfen

müssen. -- Sie entschloß sich endlich, das allein Begonnene auch auf

eigene Hand durchzuführen und ihren Gatten erst in das Geheimniß zu

ziehen, wenn sie sich ihres Erfolges sicher fühlte -- ja vielleicht selbst

dann noch nicht einmal.

Uebrigens wäre dasselbe fast ohne sie verrathen worden, denn der Graf

erfuhr bald nach seiner Rückkunft durch seinen Kammerdiener von der

Bewirthung des Bauernpaares durch seine Gattin. Mit keiner Ahnung

übrigens, wer es gewesen sein könne, frug er sie selbst darum, und

Frauen -- wenn sie nicht sprechen _wollen_ -- sind selten um eine Ausrede

verlegen.

»Der Bruder meiner Amme, mit seiner Tochter,« sagte sie ruhig -- »er war

vor fünf Jahren nach Amerika ausgewandert, hatte es aber draußen nicht

aushalten können und kehrte jetzt in die Heimath zurück. Er war sehr

niedergeschlagen über seine getäuschten Hoffnungen und das arme Kind

dauerte mich besonders.«

»Und wo sind sie jetzt?«

»Wieder in ihrer Heimath.«

Es wurde nicht wieder davon gesprochen; den Grafen interessirten die Leute

auch wirklich zu wenig, um sich mit ihnen noch länger zu beschäftigen,

und da man nichts weiter von ihnen hörte, waren sie auch bald in Galaz

selber vergessen.

So verging ein Jahr und Alexandrine bekam indessen die Nachricht, daß

Henriettens Vater wieder in Süd-Australien angelangt sei, um dort sein

kleines Gut nicht ganz vernachlässigt zu sehen. Sie hatte aber mit ihm

schon die Abrede getroffen, daß er das, für Henriette hinausgesandte Geld

nur regelmäßig in Empfang nehmen und darüber quittiren solle. Auch in

anderer Weise war dafür gesorgt, Eduard fortwährend in dem Glauben zu

erhalten, daß Henriette selber noch in Australien sei, denn sie schickte

die Briefe für ihren Gatten zuerst an ihren Vater, wonach sie dann Bechers

Gewissenhaftigkeit empfohlen und pünktlich zurück nach Deutschland

befördert wurden.

Graf Galaz drang in der Zeit mehrmals in den Schwager, seine Scheidung in

Australien zu betreiben und sich mit dem alten Schuhmacher auseinander zu

setzen. Es war das um so mehr nöthig geworden, da er seine Besuche in dem

Hause des Comthurs häufiger wiederholte, und Galaz behauptete fest, Hedwig

sei ihm so zugethan, daß es nur seiner Werbung bedürfe, um ihr freudiges

Ja zu erlangen.

Eduard verbrachte eine trübe, sorgenvolle Zeit, aber er weigerte sich dem

Verlangen zu willfahren. Er malte sich den Schmerz Henriettens aus, wenn

ein solcher Brief dort eintreffen sollte, und überhaupt unentschlossen in

seinem ganzen Character, verzögerte er einen so entschiedenen Schritt von

Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Aber auch das gesellige Leben der Heimath

wob immer fester seinen Reiz um ihn. Schon konnte er es nicht mehr

entbehren, und den Gedanken nach Australien zurückzukehren, verwarf er

immer, so rasch er nur in ihm aufstieg.

Unter Palmen und Buchen. Dritter Band. · 第 6 / 16 段