zusammen, und der Schuster schüttelte den seinen still vor sich hin. Er
glaubte nie an große Zahlen, und das Ganze kam ihm zu plötzlich und
auch zu unwahrscheinlich vor, als daß er sich gleich hätte vollständig
hineindenken können. Das Einzige, was ihm klar war, daß der _Baron_ nach
Deutschland zurück und seine Frau hier allein lassen wollte, gefiel ihm
nicht. -- Wenn er nun dort blieb? -- Aber die Frau sah weiter -- viele
Tausend Thaler als Erbschaft, was hätte sich mit denen nicht hier in
Australien anfangen lassen, und was für eine vornehme Frau konnte dann
ihre Tochter werden. Benner hatte sie im Augenblick auf seiner Seite, und
der Alte gab auch endlich nach. Was konnte er auch dagegen machen, wenn
sein Schwiegersohn ihm sagte, daß er hinüber _müsse_, aber recht war's
ihm noch immer nicht, und er vergaß ganz Ahle und Draht, schob sich sein
schwarzes, fettiges Käppchen auf's eine Ohr und kratzte sich in tiefen
Gedanken den Kopf.
Das Resultat der Berathung gestaltete sich denn auch so, wie es Benner
vorhergesehen. Die Eltern erklärten sich einverstanden mit der Reise,
und ihr Schwiegersohn mußte ihnen nur versprechen, keine Zeit daheim zu
versäumen, sondern so rasch als irgend möglich wieder zurückzukehren,
schon der Leute wegen, die sicher genug ihre boshaften Bemerkungen darüber
nicht unterließen und die arme junge Frau zu sehr gekränkt hätten.
Noch etwas Anderes blieb für ihn in Tanunda zu ordnen, -- er brauchte
nämlich Reisegeld und wollte seinen Schwiegervater nicht darum bitten;
aber Becher war augenblicklich bereit, ihm dasselbe vorzuschießen. Er
betrachtete es gewissermaßen als Consulatssache, denn der Brief, der die
Erbschaft anzeigte, war durch ihn gekommen, und er versicherte Benner, er
würde es ihm übel genommen haben, wenn er sich in dieser Sache an irgend
Jemand Anderen gewandt hätte. In einer halben Stunde war Alles geordnet,
und zufällig lag auch gerade ein fast segelfertiges englisches Schiff
in Port Adelaide, das nur noch Wasser einnehmen mußte, und spätestens
übermorgen früh mit der einsetzenden Ebbe auslief. Wenn er mitgehen
wollte, mußte er morgen Nacht schon jedenfalls an Bord sein.
Benner ritt in einer eigenthümlich aufgeregten Stimmung nach Hause zurück
und sonderbarer Weise war es in diesem Augenblick weniger der Abschied von
Frau und Kind, an den er dachte, sondern mehr noch, weit mehr die Aussicht,
bald, in wenigen Monden schon, wieder die alte Stätte seiner Jugend zu
betreten, die er nie geglaubt hatte wiederzusehen, -- noch einmal den Kreis
der Freunde aufzusuchen und in ihrer Mitte zu verkehren. Auch die Sehnsucht
nach der Schwester beschäftigte ihn, und so ganz füllten diese Bilder
seine Gedanken, daß er plötzlich und unerwartet vor seinem eigenen Hause
hielt und gar nicht wußte, wie er diesmal so rasch dorthin gekommen.
Und morgen Abend schon wollte er fort? Die Frau wurde leichenblaß, als
er es ihr sagte, aber sie erwiderte kein Wort; nur fester drückte sie das
Kind an ihre Brust und ging dann schweigend an ihre Arbeit, um dem Gatten
Alles herzurichten, was er zu seiner langen Reise brauchte.
Was aus ihr selber in der Zeit wurde? -- sie dachte nicht einmal daran;
nur bei _ihm_ waren ihre Gedanken, nur bei ihrem Kinde und dem Schmerz der
Trennung, und doch that sie sich Gewalt an, daß sie es Eduard nicht merken
ließ -- hätt' es ihm selber ja doch den Abschied schwerer gemacht, und er
konnte es ja nicht mehr ändern -- er mußte fort.
Den Abend verbrachten sie zusammen in ihrem Gärtchen und ihr Gatte theilte
ihr jetzt mit, daß er sein kleines Grundstück für die Zeit seiner
Abwesenheit und um den halben Ertrag an einen jungen Bauerssohn, den er bei
Becher traf, verpachtet habe. Sie selber sollte indessen zu ihren Eltern
ziehen, bis er zurückkäme. Mit der ersten Post schon versprach er ihr
aber Geld zu senden, daß sie sich ein eigenes kleines Quartier miethen
und ihre Wirthschaft führen könne. Mit der zweiten Post folgte er dann
vielleicht schon selber nach.
Morgens kam der Vater noch heraus, um Manches zu bereden und der Tochter
Sachen auf seinem Wagen mit nach Tanunda zu nehmen -- gegen Abend sollte
ihn die kleine Familie dorthin begleiten und Abends um neun Uhr fuhr die
Post ab, mit der er nach Adelaide gehen konnte und dann zur rechten Zeit im
Hafen eintraf.
Das war ein schwerer, recht schwerer Tag für die arme Frau, und sie ging
wirklich wie in einem Traum herum. Sie that Alles was nöthig war, aber
willenlos, maschinenartig, und wäre am liebsten mit ihrem Kind in einen
Winkel gekrochen, um sich nur einmal -- nur ein einziges Mal recht herzlich
auszuweinen. Aber das ging nicht, sie mußte Stand halten; ihr Eduard wäre
ihr ja sonst vielleicht noch am letzten Tag böse geworden. Auch konnte
sie sich keine Minute mehr von den wenigen Stunden, die sie noch beisammen
bleiben sollten, von ihm trennen.
So fuhren sie zusammen nach Tanunda, und so langsam ihr sonst die Stunden
manchmal hingegangen, so rasch, so entsetzlich rasch flog der heutige Tag
an ihr vorüber. Es war Abend geworden, sie wußte selbst nicht wie, und
der Zeiger auf der alten, im Zimmer ihrer Mutter hängenden Schwarzwälder
Uhr lief ordentlich von Zahl zu Zahl.
Um neun Uhr ging die Post. Das Gepäck war schon Alles aufgegeben. Vor
acht Uhr schon hatte die Mutter noch einmal den Tisch gedeckt, zum letzten
Abendbrod, und Henriette saß neben dem Gatten, das Kind auf dem Schooß,
den Kopf an seine Schulter geschmiegt, und zuckte nur immer zusammen, wenn
die Uhr wieder zum Schlagen aushob. -- Und jetzt sollten sie essen? -- Oh,
wie hätte sie einen Bissen über die Lippen bringen können.
Die Mutter hatte Rouladen gebraten. Eduard aß sie gern -- Du lieber Gott,
er wollte sich nicht einmal mit zum Tisch setzen, so weh war ihm zu Muthe,
und als er endlich dem dringenden Nöthigen der Frau nachgab, quoll ihm der
Bissen im Munde.
Und es schlug halb -- es schlug drei Viertel auf Neun -- er rückte mit dem
Stuhl.
»Du gehst in zwei Minuten zu der Post hinüber,« flüsterte ihm die Frau
zu und schmiegte sich ängstlich an ihn an. »Sie fahren ja nicht ohne Dich
fort.«
»Mein liebes, liebes Weib!«
»Und willst Du recht viel an uns denken, Eduard, -- an mich und Dein
Kind?«
»Tag und Nacht -- Tag und Nacht, Lieb.«
»Und nicht gar so lange fortbleiben?«
»So rasch ich möglicherweise kann, kehr' ich zurück. -- Sorge Dich nur
nicht um mich -- wie bald ist ja der Weg zurückgelegt.«
»Wie bald? Oh, mein Himmel, und fünf Monat hin und fünf Monat zurück
nennst Du _bald_ -- _mir_ werden es eben so viele _Jahre_ werden.«
»Meine liebe, liebe Henriette!« -- und sie hielten sich fest und lange
umschlungen.
»Kinder, es wird Zeit -- es ist in zwei Minuten neun Uhr,« sagte da
der Alte. »Eduard, mit Gott! Machen Sie, daß Sie fortkommen, wir wollen
indessen schon auf die Kinder Achtung geben.«
Fester klammerte sich die Frau an ihn an. Der Augenblick war gekommen, vor
dem sie so lange gebebt, und erst jetzt erfaßte sie die Angst, das bittere
Weh des Scheidens.
»Leb' wohl, mein Herz -- sei stark; ich kehre ja bald zu Dir zurück.«
»Küsse noch einmal unser Kind,« flüsterte sie, -- »der kleine Bursch
ist eingeschlafen; er ahnt ja nicht, daß er den Vater verlieren soll.«
»Er verliert ihn nicht, Herz,« sagte Eduard, indem er sich über das
Kind bog und es küßte, während ein paar heiße Thränen auf seine Locken
fielen -- »und nun leb' wohl!« rief er, sich rasch und entschlossen
aufrichtend, -- »bleibt hier -- geht nicht mit zur Post -- macht mir
den Abschied nicht schwerer, als er schon ist -- Gott schütze Dich, mein
süßes, süßes Lieb -- Dich und das Kind -- leb' wohl -- leb' wohl!«
Noch einmal preßten seine Lippen in glühendem Kuß die ihrigen -- noch
einmal drückte er Vater und Mutter die Hand -- draußen in der anderen
Straße blies der Postillon, ein Engländer, aber mit den so oft gehörten
Melodien längst vertraut, das alte Volkslied: »Muß i denn, muß i denn,
zum Städtle 'naus,« -- Henriette warf ihre Arme um seinen Nacken und
hielt ihn fest und innig umschlungen. -- Die erbarmungslose Uhr schlug
_neun_, es war die Abschiedsstunde, und ihr Antlitz in den Händen bergend,
sank sie neben dem Sopha, auf dem ihr Kind schlief, in die Knie. -- Sie
hörte, wie die Thür geöffnet wurde und sich schloß -- sie hörte rasche
Schritte draußen -- dann war Alles still, und das Einzige, was ihr blieb,
das Gefühl ihres Jammers -- ihres Verlassenseins.
Fünftes Capitel.
Nach Deutschland zurück.
Im Hause der Gräfin Galaz herrschte heute ein geschäftiges Treiben
-- Zimmer wurden hergerichtet und mit Blumen geschmückt, Boten nach
verschiedenen Seiten ausgesandt, und die Gräfin selber befand sich in
lebhafter, aber jedenfalls freudiger Aufregung.
Die Gräfin Alexandrine, die Schwester des jungen Eduard von Benner
und etwa vier oder fünf Jahr älter als ihr Bruder, war eine jener
Erscheinungen, die man, obgleich man sie keine blendende Schönheit nennen
konnte, auf den ersten Blick liebgewinnen mußte, eine so ruhige Sanftmuth,
eine so Herzen erobernde Freundlichkeit war über ihre Züge ausgegossen,
und auf wem auch immer das blaue Auge ruhte, er fühlte dessen Zauber und
konnte ihm nicht widerstehen.
So hatte sie ihrem Gatten das Haus zu einem Paradiese umgeschaffen; so war
sie die Wohlthäterin und der Schutzgeist aller benachbarten Armen geworden
und selbst die Dienerschaft betete sie an und suchte ihr Alles an den Augen
abzulesen.
Die Gräfin Alexandrine hatte zwei Kinder -- eine Tochter von elf und einen
Knaben von fünf Jahren, und lebte mit diesem und ihrem Gatten still und
zurückgezogen auf Schloß Galaz. Sie liebte das wilde Treiben der Residenz
nicht, und der Graf selber jagte viel lieber in seinen Wäldern und fischte
in seinen Seeen, als daß er sich der steifen Etikette des Hofes fügte.
Manchmal freilich konnte er sich ihr nicht ganz entziehen, und auch gerade
jetzt war er schon wieder seit mehren Tagen dorthin befohlen worden, um
an einigen Hofjagden Theil zu nehmen, und gerade jetzt vermißte ihn die
Gräfin so schmerzlich, da sie ihren Bruder zurückerwartete, der schon vor
mehren Tagen in der Residenz eingetroffen sein mußte und sie trotzdem noch
nicht aufgesucht hatte. Heute Morgen aber war ein Brief von ihm angelangt,
heute kam er gewiß und eine eigene Unruhe hatte die sonst so stille und
ruhige Frau erfaßt, die sie in keinem Zimmer rasten ließ und immer wieder
hinaus auf den Söller trieb, um nach ihm auszuschauen.
Endlich -- endlich wirbelte weit auf der Straße draußen der Staub auf,
und die Töne eines munteren Hornes schallten herüber -- es war eine
Extrapost. Alexandrine winkte draußen auf dem Balcon mit ihrem Taschentuch
-- das Zeichen wurde erwidert, und wenige Minuten später rasselte der
Wagen in den Hof, und die lange getrennten Geschwister lagen sich in den
Armen.
»Mein lieber, lieber Eduard,« sagte die Schwester, als sie endlich oben
mit ihm auf ihrem Zimmer saß, seine Hand in der ihren hielt und ihm in
die Augen sah, -- »oh, Gott sei Dank, daß wir Dich wieder haben aus der
weiten fremden Welt -- daß Du _früher_ zurückgekommen wärst,« setzte
sie leise und wehmüthig hinzu.
»Und der Vater ist im Zorn gegen mich geschieden?« sagte Eduard scheu.
»Nein -- nein,« rief Alexandrine rasch, »gerade in der letzten Zeit
sprach er oft von Dir und bereute, daß er vielleicht zu hart gegen Dich
gewesen. -- Ich würde auch schon früher an Dich geschrieben haben, aber
wir hatten keine Ahnung, in welchem Welttheil selbst Du Dich befändest,
und erst _nach_ des Vaters Tod erzählte ein in der Residenz weilender
Fremder, daß er einen Eduard von Benner in Süd-Australien getroffen habe.
Nur auf das unbestimmte Gerücht hin schickte ich Dir den Brief. --
Böser, böser Bruder, daß Du nicht einmal _mir_, Deiner Alexandrine, ein
Lebenszeichen geben konntest, und daß _fremde_ Menschen es mir bringen
mußten.«
»Meine theure Schwester!«
»Wie wir uns hier nach Dir gesehnt, in jener Schreckenszeit -- aber jetzt
bist Du ja wieder da -- bist wieder bei uns und gehst nie und nimmer wieder
fort.«
»Meine gute Alexandrine.«
»Und wie braun und sonnverbrannt Du geworden bist -- fast wie ein Indianer
und was für harte Hände Du bekommen -- oh, Du hast gewiß schwere und
böse Arbeit thun müssen, Du störrischer, trotziger Mensch Du!«
»Schwere Arbeit in der That.«
»Und so allein hast Du indessen unter den fremden kalten Menschen
leben können, mit Niemandem der Dich liebte und für Dich sorgte -- das
besonders hat mir das Herz so schwer gemacht, und wie oft sind mir,
wenn ich an Dich dachte, die Thränen in die Augen gekommen! Oh, es muß
schrecklich da draußen sein -- ganz schrecklich -- mag die Natur auch in
allen ihren Reizen prangen.«
Eduard schwieg und sah scheu und seufzend vor sich nieder, denn er wagte
nicht der Schwester zu gestehen, daß er verheirathet sei -- mit _wem_
er sich verheirathet habe -- wenigstens jetzt noch nicht. Er mußte erst
selber ruhiger und gefaßter sein -- mußte _sie_ ruhiger finden, um dann
mit ihr seinen künftigen Lebensplan zu überlegen.
»Und doch wäre ich kaum so rasch nach Deutschland zurückgekommen,«
sagte er endlich, »wenn Du in Deinem Brief nicht gar so dringend
darauf bestanden und mir geschrieben hättest, daß meine Gegenwart hier
unumgänglich nöthig sei.«
»Verzeih' mir die kleine List,« lächelte da herzlich Alexandrine,
»meine Liebe zu Dir dictirte den Brief, und ich _mußte_ Dich wieder hier,
wieder bei uns haben. Die Geldangelegenheit, Du lieber Gott, das hätten
wir auch ohne Dich arrangiren können, und haben es in der That schon
gethan, denn mein Mann hat die ganze Sache, und wie Du Dich fest darauf
verlassen kannst, _Dein_ Interesse besonders dabei wahrend, geordnet.«
»So war es _nicht_ nöthig?«
»Und _reut_ es Dich, daß Du gekommen bist, Eduard?« sagte sie mit leisem
Vorwurf in dem Ton.
»Nein -- nein, Alexandrine!« rief er herzlich, sie an sich pressend --
»wie kannst Du das glauben! -- Wüßtest Du nur, wie oft ich selber mich
nach Euch gesehnt!«
»Oh, wie gern glaub' ich Dir das, Eduard,« erwiderte sie, seine
Hand drückend, -- »armer, armer Wanderer, der, so weit in die Welt
hinausgeschleudert, Alles zurücklassen mußte, was ihm lieb und theuer
war, und nichts dafür wiederfand, als fremde, gleichgültige Menschen. --
Aber jetzt, Gott sei Dank, ist das anders,« setzte sie rasch und lebhaft
hinzu, als sie sah, wie sich ein Ausdruck von Schmerz über seine Züge
stahl, dem sie freilich eine ganz andere Deutung gab, »jetzt bleibst
Du bei uns! Du bist älter und vernünftiger geworden, Du hast Welt und
Menschen kennen, Du hast an einer bestimmten Thätigkeit Freude gewinnen
lernen, und hier, in unserer Mitte, wird Dich ein ganz besonderer Eifer
treiben, das, was Du draußen erfahren, bei uns zu verwerthen. Unsere
Güter liegen nicht so weit von einander entfernt, Bennerberg, unsere
Geburtsstätte, wirst Du Dir gewiß zum Wohnsitz wählen, Dein Herz hing
ja immer an dem alten Ort; dann nimmst Du Dir ein Weib, und Du wirst sehen,
daß auch die Heimath ihre Vorzüge hat, ja, daß sie von keinem anderen
Land der Erde übertroffen werden kann.«
»Glaube auch ja nicht,« fuhr sie rasch und gesprächig fort, als sie sah,
wie sich ein wehmüthiger Zug um seine Lippen stahl, »daß es uns hier,
auf dem Lande, an einem geselligen Leben fehlt -- wir halten vorzügliche
Nachbarschaft. Da ist Graf Sponneck, -- Du mußt Dich ja auf den alten,
etwas stolzen Herrn noch besinnen, mit einer ganz liebenswürdigen Familie
und zwei reizenden Töchtern -- da ist Baron Bromfels, der auf Bromfels
lebt, da ist der alte Comthur Benthausen, der jetzt, zu seinen Enkeln
gezogen, ordentlich wieder aufzuleben scheint, da sind noch eine Menge
prächtige Familien, alle zu den _besten_ des Landes zählend, die Dich mit
offenen Armen empfangen werden.«
»Ich bin dieser Gesellschaft so entwöhnt,« sagte Eduard verlegen.
»Du wirst Dich rasch wieder hineingewöhnen,« lächelte seine Schwester,
»an Deinem Aeußeren sieht Dir auch wahrlich Niemand an, daß Du die
vielen Jahre in der Wildniß gelebt hast -- oh, Eduard, wie froh ich bin,
daß Du nur wieder da bist, und Du böser, häßlicher Bruder konntest drei
volle Tage in der Residenz bleiben, ohne zu mir zu eilen. Nicht eine Stunde
hätte ich es dort ausgehalten, wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre.«
»Liebes Kind,« sagte Eduard lächelnd, »ich glaube, Du würdest noch
längere Zeit gebraucht haben, wenn Du so ausgesehen hättest, wie ich.
Bedenke, daß ich aus Australien, daß ich aus dem _Busch_ kam und der
kurzen Zeit nothwendig bedurfte, um mich nur wieder anständig kleiden zu
können. Ich war vollkommen abgerissen und muß Dir noch besonders
danken, daß Du mir in Deinem letzten Brief den Namen Deines Banquiers
aufgegeben.«
»Armer Bruder -- so hast Du vielleicht gar Noth gelitten, während wir
hier im Ueberfluß geschwelgt.«
»Laß das, mein Herz,« sagte Eduard, »was ich gelitten, war eine nur zu
gerechte Strafe für begangenen Leichtsinn. Wollte Gott,« setzte er
mit einem Seufzer leise hinzu, »daß ich damit mein vergangenes Leben
abschließen könnte.«
»Das _ist_ geschehen,« rief die Schwester herzlich, indem sie ihn
umarmte, »kein Wort des Vorwurfs von _unserer_ Seite soll Dich je
verletzen, Eduard, -- kein Blick, kein Gedanke Dich kränken. Du bist
wieder der Unsere, und daß Du es bleiben wirst, dafür bürgt mir Deine
Liebe zu uns. Aber da kommen die Kinder, die sich lange schon auf Dich
gefreut -- jetzt scheuch' die Wolken von Deiner Stirn; das junge Völkchen
darf Dich nicht traurig sehen, und heute Abend kehrt auch mein Mann zurück
-- oh, daß Du endlich, endlich wieder bei uns bist.«
Von diesem Augenblick an wurde dem wieder Heimgekehrten nicht mehr viel
Zeit zum Ueberlegen gelassen, denn jede Stunde brachte Neues, brachte
eine frische Erinnerung aus der Jugend, und als Graf Galaz endlich
zurückkehrte, begrüßte er den wiedergewonnenen Schwager mit solcher
Herzlichkeit, daß sich dieser nicht anders als heimisch in seinem Hause
fühlen konnte.
Eduard ging in dieser ersten Zeit wie in einem Traum umher, nur immer mit
der Furcht, daß er erwachen könne. Und er hatte sein Weib und Kind
daheim vergessen? -- Nein! Aber dies ganze wunderbare Leben, das ja seine
Jugendzeit ausgefüllt, und von dem er schon für immer -- Gott weiß es,
wie schweren -- Abschied genommen, übte einen solchen Zauber auf ihn
aus, daß er sich dem Genuß desselben auch mit vollen, dürstenden Zügen
hingab, und gewaltsam Alles aus seiner Seele, aus seiner Erinnerung bannte,
was ihm diese Stunden hätte trüben oder stören können.
Dazu kam noch, daß er gleich in den ersten Tagen eine _Beschäftigung_
fand, wie sie seiner ganzen Erziehung angemessen war. Er mußte die jetzt
ihm gehörenden Güter und Grundstücke revidiren, und wieder im Sattel auf
einem Vollbluthengst, mit einem Reitknecht hinter sich und an Graf Galaz'
Seite, durchritt er die fruchtbaren Fluren und besuchte die alten lieben
Plätze seiner Jugend, die jetzt sein Eigenthum geworden, seine _Heimath_
aufs Neue bilden sollten.
Wieder und wieder tauchte dabei der Gedanke an sein Weib in ihm auf, aber
wie war es möglich, sie in diesen Rahmen zu fassen -- und wären außerdem
die Eltern in Australien geblieben, wenn ihre Tochter nach Deutschland
zurückging und ein _Schloß_ bezog?
»Was fehlt Dir, Eduard, Du bist so nachdenkend geworden,« sagte der neben
ihm reitende Graf, der ihn schon eine Weile schweigend beobachtet hatte.
»Oh, nichts -- nichts, Rudolph,« erwiderte sein Gefährte, indem er
aber doch leicht erröthete, »nur der Uebergang von so verschiedenen
Lebensbahnen war ein wenig zu rasch, zu jäh; kein Wunder, daß ich mich
noch nicht so in Alles finden kann, was mich hier umgiebt, daß es mir
ungewohnt, fremd vorkommt.«
»Gewiß, gewiß,« nickte ihm sein Schwager zu, -- »aber an das _Bessere_
gewöhnt man sich leicht wieder, und Du sollst einmal sehen, Eduard, wie
rasch Du Dich in das Alles hineinleben wirst. In drei, vier Monaten schon
wird Dir Deine überseeische Expedition wie ein Traum vorkommen, aus dem
Du glücklicher Weise zu einer behaglichen und erfreulichen Wirklichkeit
erwacht bist. Schüttle deshalb die trüben Gedanken ab, Kamerad,
sie taugen nichts für den sonnigen Tag und besonders nicht für die
freundlichen Augen, die uns dort entgegenwinken.«
»Dort? -- wo?« sagte Eduard überrascht.
»Der Park hier,« sagte der Graf, »gehört dem alten Comthur Benthausen,
der da bei seinen Enkelkindern lebt, und eine liebenswürdigere Familie
möchtest Du kaum auf der ganzen weiten Welt finden, als diese hier. Wir
dürfen nicht vorbeireiten, denn der alte Herr würde es mir nie vergeben,
wenn ich Dich nicht zu ihm gebracht hätte. Wir haben die letzten Monde
viel von Dir gesprochen.«
»Aber kommen wir ihnen jetzt gelegen?«
»Denen? Immer, und wenn es Morgens um acht Uhr wäre, denn dann träfen
wir die Damen schon auf ihrem Morgenspaziergang im Park -- halt, hier
rechts -- wir reiten hier gleich durch die kleine Pforte.«
Einer der Reitknechte war schon abgesprungen, um das schmale, eiserne Thor
zu öffnen, das fast versteckt unter dichten Festons von Epheu und wildem
Wein lag, und gleich darauf tauchten sie in den kühlen Schatten eines
herrlichen Parkes ein, der mit reizenden Gruppen mächtiger Buchen, Eichen,
Tannen, Kiefern und Birken, mit üppigen Grasflächen und von murmelnden
Bächen durchschnittenen Gebüschen wechselte.
Auch die schmalen Kieswege waren vortrefflich gehalten und bald, auf einem
von diesen hintrabend, erreichten sie das von Blüthenbüschen umgebene
Herrenhaus, reich im englischen Styl gebaut, das wie ein kleines
Feenschloß hier mitten in dem künstlichen Wald lag und durch seine
Staffage noch mehr Feenhaftes erhielt.
Die Familie war gerade bei ihrem Frühstück auf einer Terrasse vor dem
Hause; die Damen in leichter Morgentoilette, die Herren in weißen Röcken
und Strohhüten; die Terrasse selber wurde von dem Park durch ein offenes
gewölbtes, mit rankenden Rosen und Passionsblumen bewachsenes Spalier
abgeschlossen, das die kleine dahinter befindliche Gesellschaft wie in dem
lebendigen Rahmen eines Bildes zeigte -- dazu die aufwartenden Diener in
Livree und davor ein paar zahme Stück Wild, die wahrscheinlich gewohnt
waren, ihr Frühstück aus den Händen ihrer schönen Pflegerinnen zu
erhalten. Eduard zügelte unwillkürlich sein Pferd ein, um den zauberisch
lieblichen Anblick noch länger zu genießen, und Graf Galaz hielt an
seiner Seite und nickte ihm lächelnd zu.
»Nicht wahr, unser Deutschland ist doch schön?« sagte er freundlich;
»ein lieblicheres Bild, als das da vor uns, läßt sich nicht denken, und
wenn Du die Menschen erst kennen lernst, wirst Du Dich gar nicht mehr von
unserer Gegend trennen wollen.«
Ein Windspiel, das auf der Terrassentreppe lag und bis jetzt mit seinen
klugen Augen das dicht zu ihm hinangekommene Wild beobachtet hatte, spitzte
plötzlich die Ohren und schlug an. Es hatte die fremden Pferde bemerkt,
und der alte Herr am Tisch nahm rasch sein neben ihm liegendes Doppelglas
heraus und sah hindurch.
»Galaz!« rief er fröhlich aus, als er den Freund erkannte, -- »heran
Mann, Ihr kommt gerade zur rechten Zeit -- heran mit Euch, heran!«
Die beiden Reiter sprengten, der freundlichen Einladung folgend, etwas
weiter vor, saßen dann ab und gaben den aus den Sätteln springenden
Reitknechten die Zügel, während die ganze Gesellschaft, um sie zu
begrüßen, ihnen entgegenkam. Und wie herzlich wurden sie von den lieben
Menschen aufgenommen.
Also _das_ war der Australier, von dem man so viel in der letzten Zeit
gesprochen -- und wie braun er auch aussah -- dem hatte die Sonne den Teint
schön verbrannt. »Und wie viel und schön der erzählen könnte, wenn er
wollte,« flüsterten sich die jungen Damen zu und errötheten tief, als
sie daran dachten, daß er die Worte vielleicht gehört haben könnte.
Die Herren mußten mit Theil am Frühstück nehmen, und Eduard kam neben
die älteste Enkelin des alten Comthurs, die Baronesse Hedwig, zu sitzen,
ein liebes, herziges Kind von vielleicht neunzehn Jahren, heiter und
aufgeweckt dabei, nicht selten mit einem Anflug von neckischem Humor und
doch so hold und sittsam und von unbeschreiblichem Liebreiz.