sagte sie mit offener und natürlicher Herzlichkeit, »als uns Gräfin
Alexandrine mittheilte, daß sie an Sie geschrieben hätte und immer kein
Brief, keine Antwort kommen wollte.«
»Der Weg ist so entsetzlich weit, mein gnädiges Fräulein,« erwiderte
der junge Mann, ordentlich verlegen dem holden Wesen gegenüber, »und den
ersten Brief, den ich möglicher Weise senden _konnte_, brachte ich selber
mit nach Europa.«
»Das ist allerdings die sicherste Beförderung,« lächelte Hedwig, »wenn
auch nicht immer die bequemste. Wie man aber nur so weit von zu Hause
weggehen kann, begreif' ich nicht; mir thut das Herz schon weh, wenn ich
nur einmal auf drei Tage von daheim fort bin.«
»Aber jetzt bleibt der junge Herr bei _uns_? nicht wahr?« rief der alte
Comthur über den Tisch herüber. »Das weiß der liebe Gott, was jetzt in
die Leute gefahren ist,« setzte er dann, zu Galaz gewandt und ohne Eduards
Antwort abzuwarten, hinzu, »aber alle Welt läuft nach Amerika, und wen
hier irgend der Schuh wo drückt, der packt seinen Koffer einfach und setzt
sich in der liebenswürdigen Absicht auf ein Schiff, da drüben in Amerika
Bäume auszureißen und ein reicher Mann zu werden. Denken Sie sich, Galaz,
heute Morgen bekomme ich einen Brief von meinem Schwager, dem General. Sein
Junge ist auch fort, der Fritz, -- ein tüchtiger, wackerer Kerl sonst, mit
Kopf und Herz auf dem rechten Fleck, -- aber was thut er? -- vergaffte sich
da in ein armes Mädel, eine Schneiderin oder Wäscherin, Gott weiß was,
und wie der General natürlich seine Zustimmung nicht geben will, hat er
nichts Eiligeres zu thun, als mit ihr auf ein Schiff und nach Amerika zu
gehen.«
»Der Fritz?« rief Graf Galaz erstaunt, »es ist doch kaum möglich -- ein
Aristokrat von ächtem Fleisch und Blut zwischen die Yankees -- er _kann_
sich dort nicht wohl und heimisch fühlen.«
Der alte Herr zuckte die Achseln -- »er wird _müssen_,« sagte er, »denn
er würde es mit einer solchen Mesalliance hier ebenfalls nicht gekonnt
haben.«
»Aber lieber Freund,« sagte Galaz, »Mesalliancen sind jetzt ordentlich
Mode geworden, und altadliche Geschlechter _ohne_ Capital verbessern
leider nur zu häufig ihre Umstände durch eine reiche Banquiers- oder
Kaufmannstochter.«
»Leider, leider,« nickte der Comthur, »aber sie bekommen dann doch
meistens Frauen, die schon in der Welt gelebt haben, und mit denen sie sich
können sehen lassen. Eine elegante Erscheinung und die nöthige
Tournüre übertüncht Manches -- aber eine Näherin und ohne einen Heller
Vermögen --«
»Es ist die alte Geschichte,« sagte Galaz, »eine Hütte und ihr Herz --
das verwünschte Romanlesen steckt dem jungen Volk zu sehr in den Köpfen,
und sie bedenken nicht, daß die Romane immer gerade _da_ aufhören, wo
_ihr_ Leben anfangen soll --«
»Da haben Sie Recht, Herr Graf,« rief die muntere Hedwig, »das ist auch
das Einzige, was _ich_ so oft an den Romanen bedaure, daß der Autor Alles
für abgemacht hält, sobald sich die Liebesleute _bekommen_ haben, und da
fängt ja doch das Interesse erst an. In einen _Brautstand_ können wir
uns Alle hineindenken, in einen Ehestand nicht -- besonders wenn er nach
solchen entsetzlichen Schwierigkeiten und mit so verschiedenen Elementen
geschlossen wird, wie das in Romanen fast immer der Fall ist.«
»Sieh, sieh, meine kleine Hedwig,« lächelte Galaz, »ich hätte gar
nicht geglaubt, daß Sie so neugierig wären.«
»Wir sind Alle neugierig, nicht wahr, Großpapa?« rief Hedwig, »und so
möchte ich um's Leben gern wissen, was für Abenteuer und Fährnisse mein
schweigsamer Nachbar in dem schrecklichen Australien erlebt hat -- und was
es dort für Damen und Toiletten giebt, aber er erzählt mir gar nichts,«
setzte sie mit komischem Bedauern hinzu.
Eduard fühlte wie roth er wurde, -- »mein schweigsamer Nachbar,« -- Du
lieber Gott, wo hatte seine Erinnerung in dem Augenblicke geweilt, und
wie schmerzlich ihn selber das Gespräch berührt, wenn auch Keiner der
Anwesenden den wahren Grund vermuthen konnte.
»Aber die australischen Damen, mein Herz,« sagte der Großvater,
»machen, so viel ich weiß, gar keine Toilette, und Herr von Benner wird
sich auch wohl nicht um die bekümmert haben.«
»Sie machen mir meinen jungen Freund ganz verlegen,« lachte Graf Galaz,
»übrigens muß ich Ihnen bestätigen, mein gnädiges Fräulein, daß es
in der That außerordentlich schwer hält, ihn zum Erzählen zu bringen;
indirect hab' ich es wenigstens schon verschiedene Male umsonst versucht.«
»Man glaubt gewöhnlich,« sagte Eduard, der seine Befangenheit gewaltsam
abschüttelte, »daß Jemand, der ein fremdes Land besucht, auch immer viel
Abenteuerliches müsse zu berichten haben, und wie viel Tausende wandern
aus, ohne nach Jahre langem Aufenthalt, selbst in einer fremden Welt, mehr
oder Merkwürdigeres erlebt zu haben, als was sie auch erlebt hätten, wenn
sie daheim geblieben wären. Ich bin Einer von diesen Unglücklichen, die
dazu verurtheilt bleiben, ihren alltäglichen Lebensgang fortzusetzen,
wo sie sich auch befinden, und wenn ich ein Abenteuer erzählen wollte,
müßte ich eins erfinden.«
»Aber mein bester Herr von Benner,« sagte Hedwig, »glauben Sie nicht,
daß wir die Erzählung irgend eines haarsträubenden Abenteuers erwartet
haben; im Gegentheil, _die_ schenk' ich einem Jeden, denn es ist das eine
Aufreizung der Nerven, die viel mehr angreift, als erquickt, -- nein,
irgend ein friedliches ethnographisches Bild jenes wilden Landes, die
Beschreibung irgend einer dortigen Häuslichkeit, am liebsten Ihrer
eigenen, würde für mich von weit größerem Interesse sein.«
»Mein gnädiges Fräulein --«
»Aber Kinder,« kam der alte Comthur hier dem jungen Mann zu Hülfe, »wie
_könnt_ Ihr nur erwarten, daß Benner sich hier zu Euch zum ersten Mal
zum Frühstück niedersetzen und dann augenblicklich anfangen soll, zu
erzählen. Das geht ja doch auf keinen Fall und ist gegen Menschennatur.
Wollt Ihr von Jemandem etwas erzählt haben, so erzählt ihm selber erst
etwas, nachher thaut er auf und Ihr bringt ihn in Gang. So vom Platz weg
geht das nicht, wie bei einer Spieluhr, die man nur aufzuziehen braucht.
Benner bleibt jetzt jedenfalls in unserer Nachbarschaft und wird uns, wie
ich sicher hoffe, öfter besuchen. Dann benutzt Eure Zeit, und wenn Ihr es
geschickt anfangt, zweifle ich keinen Augenblick, Ihr werdet _Alles_ aus
ihm herausbekommen.«
»Wenn ich nicht fürchten muß den Damen lästig zu fallen, mach' ich
gewiß von dieser freundlichen Einladung Gebrauch,« sagte Eduard.
»Lästig fallen,« rief aber der Comthur -- »man sollte wahrhaftig
glauben, er hätte Deutschland keinen Augenblick verlassen, so geläufig
sind ihm noch die faden, nichts meinenden Höflichkeitsformeln -- lästig
fallen, junger Freund -- ein Australier und lästig fallen -- da sehen Sie
sich einmal die Gesichter der Damen an.«
Das Gespräch wurde jetzt allgemein, aber Eduard fand überall so viel
Herzlichkeit, so viel freundliches und unbefangenes Entgegenkommen, daß
er auch selber mehr aus sich herausging. Im Anfang war ihm das Gefühl
gekommen, als ob er nicht in diesen Kreis gehöre, als ob er ein
Eindringling sei in diese Cirkel, wenn ihn auch seine Geburt zu dem Verkehr
mit ihnen berechtigte -- aber das verschwand. Die dunkle Wolke, die auf
seinem Leben lag, lichtete sich mehr und mehr in dem auf ihn einwirkenden
Sonnenschein dieses geselligen Kreises; er plauderte und erzählte, und als
er endlich, um seinen Weg mit dem Schwager fortzusetzen, Abschied von dem
alten Herrn und den Damen nahm, gelobte er ihnen mit Hand und Mund, seinen
Besuch recht bald zu wiederholen.
Sechstes Capitel.
In der Heimath.
Eduard von Benner befand sich, so lange er in dem Kreis dieser
liebenswürdigen Familie weilte, in einer Art von künstlich
hervorgerufener Erregung, die ihn der Vergangenheit wie Zukunft entrückte
und seine Augen nur an der erfreulichen Gegenwart schwelgen ließ. Er hatte
mit Hedwig und den anderen jungen Mädchen gelacht und ihnen eine Menge
Dinge von den australischen Wunderlichkeiten erzählt, von den sonderbaren
Eingeborenen, von dem fremdartigen Baum- und Pflanzenwuchs, von den ganzen
Eigenthümlichkeiten des Landes, dem die kleine Gesellschaft mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit lauschte.
Jetzt war der Zauber von ihm genommen. Er ritt wieder mit seinem Schwager
den breiten, sonngebrannten Weg hinab, der nach dem nächsten Dorf
und Rittergut hinüberführte; aber all die alten peinigenden Gedanken
stürmten auf ihn ein und plagten sein Herz mit ihren Zweifeln und
Vorwürfen, denn das Geheimniß seiner Ehe lag wie ein Alp auf seiner
Seele.
Und weshalb hatte er überhaupt ein Geheimniß daraus gemacht? Weshalb
seiner Schwester nicht gleich bei seiner Ankunft die unumwundene, doch
nicht mehr zu umgehende Wahrheit gesagt? -- Wieder und wieder legte er sich
die Frage vor, und immer fehlte ihm die Antwort, weil er sich scheute, sie
sich selber zu gestehen -- er habe sich seines braven Weibes _geschämt_.
Und _mußte_ es Alexandrine denn nicht erfahren? Mußte er denn nicht
einmal das doch thun, gegen das er sich jetzt noch sträubte: ein volles
Geständniß seines bisherigen Lebens abzulegen, und verschlimmerte er
nicht seine Schuld noch durch Verzögerung? --
Wenn er es nun jetzt gleich that, seinem Schwager Alles mittheilte, was ihn
bedrückte, sein Herz frei und leicht machte? Aber er wagte es nicht. So
oft ihm das Wort auch schon auf den Lippen lag, er vermochte nicht, es
auszusprechen, denn er fürchtete die Vorwürfe des strengen Mannes. --
Aber seine Schwester wollte er zur Vertrauten machen, sobald er zurück
nach Galaz kam; sie sollte, sie mußte Alles wissen, und ihm dann rathen,
was er zu thun habe. _Sie_ war ja auch so gut und lieb und hing an ihm mit
ganzer Seele, ihr durfte er sagen was ihn bedrängte, und ihrem Ausspruch
wollte er sich dann fügen.
»Bist Du ein wunderlicher Mensch,« sagte da Galaz, der an seiner Seite
ritt, »eben noch da drin bei Deinen schönen Zuhörerinnen Feuer
und Flamme und gar nicht wegzubringen, daß wir jetzt in der heißen
Mittagssonne den Weg reiten müssen, den wir hätten in der Morgenkühle
zurücklegen können, und nun auf einmal bleich und in Dich gekehrt, Deinem
Pferd die Sporen einsetzend, daß ich kaum Schritt mit Dir halten kann, und
auf keine meiner Fragen und Zurufe achtend. Deine Erinnerungen haben
Dich wohl so lebhaft in Deine »»Malley- und Salzbusch-Scrubs««
zurückversetzt, daß Du ganz in Gedanken hinter einem eingebildeten Dingoe
oder Känguruh hersetzest?«
»Sei mir nicht böse, Rudolph,« sagte Eduard, rasch dabei sein Pferd
einzügelnd; »Du hast Recht, ich war wirklich mit meinen Gedanken fern,
aber nicht in Australien, wie Du zu glauben scheinst, sondern hier bei
Euch. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie wunderbar für mich der rasche
Uebergang von jenem trostlos wilden Leben zu diesem mit Genüssen
gesättigten ist, und es giebt noch Stunden, wo es mir vorkommt, als ob ich
von einem Zauber befangen sei, der nicht wahr und wirklich sein könne und
-- ich fürchte mich dann ordentlich vor dem Erwachen.«
»Ich glaube Dir's,« sagte Graf Galaz gutmüthig, »ich glaube Dir's --
Dein langes einsames Leben dort, dann die fünfmonatliche Seereise auf
einem Schiff, wo Du, wie Du uns erzählt, der _einzige_ Passagier gewesen,
das Alles mußte dazu dienen Dich von der Welt abzuschließen, Dich ihr
zu entfremden; aber davon werden wir Dich hier bald kuriren, das sei
versichert. Es wird nicht lange dauern, und Du fühlst Dich wieder so
heimisch bei uns, wie bis jetzt unter Deinen ewigen Gumbäumen -- Aber da
sind wir an Ort und Stelle,« -- unterbrach er sich selber -- »das hier
ist das Vorwerk, das ich Dir zeigen wollte, und nun laß uns Schritt
reiten, damit sich die Thiere wieder ein wenig abkühlen; wir sind fast ein
wenig zu rasch hierher gejagt.«
Von jetzt an nahm die Gegenwart und die aufgesuchte Oertlichkeit ihre
ganze Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, als daß Eduard noch länger
hätte seinen trüben Gedanken nachhängen können; und wahrlich, er suchte
ein solches Grübeln nicht, das ihm, je länger es dauerte, je peinlicher
wurde. Er _wollte_ vergessen -- wenigstens für jetzt. -- Was später
kommen mußte, kam ja doch.
Erst gegen Dunkelwerden kehrten sie nach Haus zurück, aber auch hier fand
sich keine Gelegenheit ungestört mit der Schwester sprechen zu können,
denn es war Besuch angekommen, der einige Tage blieb und ein ruhiges
Beisammensein unmöglich machte. Er konnte nicht einmal die Abreise
desselben erwarten, denn er mußte jetzt selber wieder auf einige Zeit in
die Residenz, um seine Geldangelegenheiten mit dem dortigen Banquier zu
ordnen und ihm seine Namensunterschrift zu geben.
Von der Residenz aus aber schrieb er einen langen Brief nach Hause an sein
Weib -- schrieb ihr, daß er noch aufgehalten werde und nicht so rasch
zurückkehren könne, als er geglaubt, und schickte ihr in Wechseln auf
Adelaide eine nicht unbedeutende Summe Geld, damit sie sich indessen dort
jede Bequemlichkeit verschaffen könne, die ihr bis dahin gefehlt. Auch
für Becher wies er das ihm zur Reise geborgte Geld an, und fühlte dadurch
sein Herz erleichtert -- war er doch vor der Hand, soweit er dies vermochte
-- seinen Verpflichtungen nachgekommen.
In der Residenz wurde er länger aufgehalten, als er gedacht -- so viele
alte Freunde fand er ja dort, und mit ein oder dem Anderen erst zufällig
zusammengetroffen, konnte und durfte er doch auch die Uebrigen nicht
vernachlässigen -- man hätte es ihm mit Recht übel genommen. Außerdem
mußte er sich auch vollkommen neu equipiren. Mit seiner Toilette war es
noch immer ziemlich schlecht bestellt, denn nach seiner Ankunft hatte er
sich doch nur eben das Nothwendigste angeschafft. Das Alles nahm Zeit weg,
und die Zeit flog hier in Europa so entsetzlich rasch; er wußte oft selber
nicht, wo so ein Tag geblieben.
Endlich kehrte er nach Galaz zurück, aber die Gastlichkeit der Insassen
schien kein ruhiges Leben, wenigstens in der Sommerzeit, zu gestatten. Er
fand den alten Comthur mit Hedwig und zweien ihrer jüngeren Schwestern zum
Besuch dort, und wurde mit Jubel von der kleinen Gesellschaft empfangen.
Und wie lieb und gut war Hedwig gegen ihn -- wie lernte er hier in
diesen wenigen Tagen ihr stilles Wirken kennen und schätzen. -- Und wie
talentvoll war sie dabei -- was für reizende Skizzen hatte sie in der
kurzen Zeit gemalt, und welche zum Herzen sprechenden Melodieen entlockte
sie den Tasten, wie seelenvoll klang ihre Stimme, wenn sie dazu sang.
Eduard saß dann stumm und regungslos in einer Ecke des Zimmers, und
lauschte wie fernem Orgelklang den lieben Tönen -- so weich -- so weh
war ihm dabei ums Herz, und ankämpfen mußte er gegen sich, um die
aufsteigenden Thränen zu bezwingen.
Was es war, das ihn so bewegte? er mochte sich selber keine Rechenschaft
darüber geben -- er wußte es nicht, aber während es sein Herz mit
süßer Wehmuth füllte, überkam ihn eine Angst dabei -- eine Angst vor
sich selber, die ihm die kalten Tropfen auf die Stirn preßte. Er mußte
endlich aufstehen und das Zimmer verlassen, weil er sich zu verrathen
fürchtete, und Alexandrine nur, die ihn schweigend beobachtet hatte,
folgte ihm mit ihrem Blick.
_Liebte_ er Hedwig? -- Sie wünschte und hoffte es, denn erst dann durfte
sie fest darauf rechnen, den ruhelosen Geist für immer in ihre Nähe zu
bannen. -- Aber weshalb dann diese Unruhe, dieser augenscheinliche Schmerz
in seinen Zügen. Sie wußte, daß er nicht verzagt war -- nie im Leben!
Nagte ein anderer Gram an seinem Herzen?
Hedwig hatte den Kopf gewandt, als er das Zimmer verließ und ihm
nachgesehen. Und mitten im Gesang ging er fort. Sie endete ihr Lied und
sagte lachend:
»Deinen Bruder, Alexandrine, habe ich hinausgesungen.«
»Aber ich glaube,« sagte die Gräfin, »es kann nur schmeichelhaft für
Dich sein, denn er schien mir tief ergriffen.«
»Du brave Schwester Du,« lachte das junge Mädchen, »wie wacker Du seine
Parthie nimmst -- aber ich werde nachher ein Kreuzverhör anstellen und
sehen, ob er die nämlichen Entlastungsgründe -- wie Großpapa sagt --
vorbringen wird, die seine Vertheidigerin aufgestellt hat.«
Alexandrine bat sie jetzt, ein munteres Lied zu singen, und das junge
Mädchen willfahrte gern, neigte ihr ganzes Wesen doch auch viel mehr dem
Heiteren, als Ernsten und Schwermüthigen zu. Sie sang einige reizende
österreichische Lieder, deren Dialekt sie vollständig mächtig war,
und lächelte dabei still vor sich hin, als sich die Thür wieder leise
öffnete und Eduard zu seinem verlassenen Sitz zurückglitt. Er hatte sich
unbemerkt geglaubt und dabei nicht beachtet, daß ein großer, unfern
von dem Instrument stehender Spiegel, jede seiner Bewegungen der nur zu
aufmerksamen Sängerin verrieth.
Als sie endlich schloß und von ihrem Sitz aufstand, kam auch Eduard mit
den übrigen herbei, um ihr seinen Dank auszusprechen.
»Nun, Herr von Benner,« sagte sie und bemühte sich vergebens dabei
ernsthaft zu bleiben, -- »was hat Ihnen nun besser gefallen, mein
schwermüthiges elegisches Lied vorher oder die heiteren Melodieen jetzt?«
»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte Eduard, dem nicht entgehen konnte,
daß Muthwillen hinter der Frage lauerte -- »glauben Sie mir auf mein
Wort, daß ich noch nicht lange genug wieder im Vaterlande bin, um mich
einem solchen Genuß unbefangen hinzugeben. Alte wehmüthige Erinnerungen
tauchen mit den lange -- o so ewig lange nicht gehörten lieben Klängen
zugleich in meinem Herzen auf -- Reminiscenzen aus einer vergangenen --
verlorenen Zeit und ich weiß dann selber nicht, ob ich aufjubeln -- ob ich
trauern soll.«
»Und siehst Du, Hedwig, daß ich Recht gehabt?« rief Alexandrine, indem
sie mit Herzlichkeit des Bruders Hand ergriff.
»Und haben Sie sich das erst draußen überlegt?« lächelte aber diese,
nicht gewillt ihn so leicht durchschlüpfen zu lassen.
»Zürnen Sie mir nicht, mein gnädiges Fräulein,« bat da der junge Mann,
»wollte ich Ihnen die Ursache meiner Bewegung sagen, Sie würden mich
vielleicht nicht einmal verstehen.«
»Sie können auch grob werden,« neckte das junge Mädchen.
»Danken Sie Gott, _daß_ Sie es nicht verstehen können,« lautete aber
die ernste Antwort. »Das Verständniß ist mit schwerem Leid erkauft und
theuer -- entsetzlich theuer, denn wir zahlen es gewöhnlich mit den besten
Jahren unseres Lebens.«
Hedwig erschrak ordentlich vor dem düstern Ausdruck in seinen Zügen und
lenkte freundlich ein.
»Aber Herr von Benner, ich habe Sie ja nicht böse machen wollen; zürnen
Sie nicht meinem tollen Muthwillen, der Sie vielleicht verletzte, wo -- er
nur ein wenig necken sollte --«
»Mein liebes gnädiges Fräulein,« erwiederte Benner, »glauben Sie um
Gottes Willen nicht, daß Jemand Ihnen zürnen könnte --«
»Also auch zu _schmeicheln_ verstehen Sie? -- Sie sind vielseitig.«
»Nein,« sagte Eduard treuherzig, »das habe ich glücklicherweise,
mit mancher anderen unnützen Eigenschaft, da draußen in der Welt
abgeschliffen -- ich kann nicht heucheln und wie ich mich gebe bin ich.«
»Wollte Gott, alle Menschen könnten das von sich sagen,« seufzte Hedwig
-- »es wäre besser auf der Welt.«
Alexandrine hatte ihren Bruder, während er sprach, still und schweigend
beobachtet, jetzt da die Unterhaltung eine zu ernste Wendung zu nehmen
schien, trat sie an's Instrument und fiel rasch in eine muntere Weise
ein, die bald alle trüben und schwermüthigen Gedanken zerstreuen mußte.
Hedwig jubelte auch gleich wieder auf, und in wenigen Minuten hatte sie den
bösen Geist beschworen, der die Fröhlichkeit des kleinen Kreises stören
wollte. -- Aber im eigenen Herzen war es der Schwester trotzdem nicht so
leicht zu Muthe, denn Eduards ganzes Benehmen verrieth, daß ihm irgend
etwas -- was es auch sei, die Seele drücke -- und weshalb gestand er
ihr das nicht? War es wirklich erwachende Liebe für das junge, reizende
Mädchen -- aber weshalb da dieser kummervolle, schmerzliche Zug um
den Mund? War das eine Quelle der Sorge und hätte es nicht eher das
Gegentheil, eine Quelle der Freude und des erwachenden Glückes sein
müssen?
Die jungen Damen blieben noch bis spät in die Nacht bei ihnen, und
Alexandrine beschloß ihren Bruder an diesem Abend scharf und heimlich zu
beobachten, ob sie etwas weiteres an ihm entdecken könne, wo nicht aber,
ihn morgen direct zu fragen, _was_ ihm fehle, denn fehlen mußte ihm etwas,
und ihm ihre Hülfe anzubieten. Sie war ja so glücklich ihn wieder zu
haben, und konnte ihn da nicht traurig sehen, wo gerade Alles zusammentraf,
um ihn mit dem früher verlorenen Leben wieder auszusöhnen.
Durch die heiteren Weisen angeregt, schien er auch wirklich seinen trüben
Gedanken entzogen zu sein, und als sich nach Tisch die kleine Gesellschaft
noch auf der Terrasse versammelte, wurde er sogar heiter und gesprächig.
Es war auch ein lauschiges Plätzchen zum Erzählen, diese Terrasse in der
Blüthenzeit des Jahres. Breit und geräumig, mit feinem Kies bestreut,
umzog sie eine niedere steinerne Balustrade, auf den Pfeilern mit
Vasen bestellt, in denen breitblättrige stachliche Aloepflanzen üppig
wucherten. In der Mitte derselben war ein Bassin von weißem Marmor
angebracht, aus dem ein kleiner Springbrunnen emporstieg, gerade hoch
genug, um durch sein leises melodisches Plätschern die Stille
zu unterbrechen, und doch das Gespräch nicht zu stören. Auf den
Marmortischen brannten Windlichter in hohen geschliffenen Gläsern und
warfen ihren matten Schein auf die umhergepflanzten Blüthenbüsche,
während von dem mit eisernen Stäben umzogenen Portal des Gartensalons
blühendes Jelängerjelieber niederhing, die Luft mit seinem Wohlgeruch
erfüllte und zahlreiche große, prächtig farbige Nachtfalter anzog, die
darum her und oft über die Lichter surrten.
Und weit da draußen lag der Park mit seinen duftenden Wiesen und
seinem breiten Wasserspiegel des Teichs, in den der Mond sein Licht
niederstrahlte, und auf dem noch silberblitzende Schwäne herüber und
hinüber zogen, während ein leiser Luftzug über die paradiesisch schöne
Gegend strich.
Unten im Park schlug eine Nachtigall und die kleine Gesellschaft war
aufgestanden und an die Terrasse getreten, um den lieben Tönen zu lauschen
-- jetzt schwieg sie, und lautlos schauten sie Alle in die stille herrliche
Nacht hinaus.
»Und ist es auch so schön bei Ihnen in Australien, Herr von Benner?«
sagte da Hedwig, die an seiner Seite stand -- mit leiser Stimme -- »haben
Sie auch dort solche Nächte, einen solchen Himmel, solche Scenerie?«
»Nein, mein Fräulein,« erwiederte Benner bewegt -- »für den Australier
vielleicht, aber nicht für uns, deren Seele noch am deutschen Boden
hängt. -- Es giebt doch nur _eine_ Heimath, und wo die ein solches
Paradies umschließt, wer kann es dem Menschenherzen da verdenken, wenn es
an ihr mit allen Fasern hängt.«
»So sehnen Sie sich nicht dorthin zurück?«
Eduard schwieg -- die Frage traf ihn tief ins Mark, denn Alles was den
Menschen an dies Leben bindet: Weib und Kind lag ihm dort, und hätte ihn
mit allen Banden der Seele zurückziehen müssen.
»Es ist eine merkwürdige Thatsache mit uns armen Sterblichen,« sagte er
endlich, »daß wir einen Platz, auf dem wir lange gelebt -- ob es uns dort
gut gegangen -- ob wir Leid oder Weh erfahren -- lieb gewinnen, und mit
Wehmuth von ihm scheiden. Ja den Gefangenen sogar soll ein solches Gefühl
ergreifen, wenn er aus seiner Zelle scheidet, aus der er sich lange,
lange Jahre mit blutendem Herzen herausgesehnt. Wird ihm aber die Freiheit
endlich, und _darf_ er den Schauplatz seines Jammers verlassen, so erfüllt
ihn ein Gefühl der Wehmuth, von den Mauern jetzt für immer Abschied zu
nehmen, die so oft seine Seufzer und Thränen gesehen.«
»So war Ihnen Australien ein Gefängniß?« sagte das junge Mädchen mit
tiefem Gefühl -- »o bitte, erzählen Sie uns einmal, wie Sie die letzte
Zeit dort gelebt, was Sie gethan und getrieben, wer mit Ihnen verkehrt und
was Sie ertragen. Für uns, die wir Sie jetzt kennen, ist das ja Alles,
selbst die größte Kleinigkeit von Interesse.«
»Auch uns hast Du eigentlich noch Nichts von Deinem dortigen Leben
erzählt,« bat jetzt auch Alexandrine -- »von den Menschen dort wohl, den
wilden und zahmen, von den Pflanzen und Thieren -- aber nie von Dir selber.
Du bist hier unter lauter Freunden, lege einmal eine offene Beichte ab.«