durch den Mais durch nach ihm zu. -- »Aber wo stecken Sie denn? Der Teufel
kann Sie in dem Gewirr von Stöcken finden.«
»Hier!« antwortete Benner wieder und gleich darauf tauchte das
schweißgeröthete Gesicht des kleinen Kaufmanns Becher aus dem
Blattdickicht auf und lächelte vergnügt, als er den jungen Mann bei
seiner Arbeit entdeckte.
»Hallo!« rief er, »haben _Sie_ aber hier eine Verwüstung im
zoologischen Garten angerichtet. Herr der Welt! Was wollen Sie mit all den
Kakadus machen?«
»Suppe,« sagte Benner, »und wenn Sie nichts Besseres vorhaben, bleiben
Sie bei uns zu Tisch.«
»Danke Ihnen, angenommen!« rief Becher, sich mit einer englischen Flagge
dabei die Stirn trocknend. Er hatte nämlich in Deutschland eine bedeutende
Quantität baumwollener Taschentücher als solche Flaggen drucken lassen,
aber in der deutschen Colonie doch nicht den Absatz dafür gefunden, den
er vielleicht erwartete, und nun selber, um damit aufzuräumen, ein Dutzend
davon in Gebrauch genommen. »Nach Tanunda käm' ich auch bei der Hitze gar
nicht wieder zurück, ohne unterwegs zu schmelzen. Ist das ein Land, dies
Australien -- Alles verkehrt -- rein Alles! Ich habe sogar die Compasse in
Verdacht, daß sie heimlicher Weise nach Süden statt nach Norden zeigen,
und selbst die Sonne hier im Westen auf und im Osten untergeht -- im Stande
wär' sie's. -- Ha, passen Sie auf, da drüben sitzt noch einer -- nehmen
Sie sich in Acht, die Racker beißen wie die Teufel -- _mich_ hat einmal
einer ausgezahlt.«
Benner lachte, zog den bezeichneten Kakadu, der unter einem der dort
überall als Unkraut wachsenden Pelargonienbüsche saß, bei einer
Flügelspitze vor und schlug ihn vollends todt. Dann raffte er seine,
nicht unansehnliche Beute zusammen und machte sich bereit, damit nach Hause
zurückzukehren.
»Aber was führt _Sie_ bei der Hitze und Gluth hier in unsere abgelegene
Gegend, mein guter Herr Becher?« fragte er, während er neben ihm her dem
Haus wieder zuschritt. »Wollen Sie einen neuen Einkauf von Hühnern und
Eiern machen, oder werfen Sie sich gar auf die Mehlspeculation, die uns die
Preise in die Höhe treibt?«
»Diesmal nicht,« sagte Becher, -- »aber bitte, lassen Sie mich doch eine
Partie von den Bestien tragen -- sie sind doch ordentlich todt?«
»Haben Sie keine Furcht, von denen beißt Keiner mehr. Hier, nehmen Sie
die da, wenn Sie sich denn absolut nützlich machen wollen.«
»Danke Ihnen -- nein, ich bin nur Ihretwegen heute herausgekommen; ich
habe einen Brief für Sie.«
»Einen _Brief_? Für _mich_?« rief Benner, erstaunt stehen bleibend,
»und woher?«
»Ja, ich weiß es nicht,« sagte der kleine Mann, »er steckt in meiner
Satteltasche im Haus -- er ist vom ***schen Consulat aus Sydney und nach
Adelaide geschickt, von wo er an mich weiter befördert wurde.«
»An Sie?« sagte der junge Mann kopfschüttelnd; »aber was haben Sie denn
mit dem ***schen Consulat zu thun?«
»Ja, sehen Sie,« lächelte Becher etwas verschämt, »Sie wissen doch,
daß ich aus Anhalt-Köthen bin, und da habe ich schon seit einiger Zeit
das Anhalt-Köthensche Consulat für Tanunda bekommen, um die Interessen
unserer Staatsangehörigen zu vertreten.«
»Alle Wetter!« rief Benner, »da wird Ihnen verwünscht wenig Zeit für
Ihre übrigen Geschäfte bleiben.«
»Ach nein,« meinte der kleine Mann, doch ein wenig verlegen,
»eigentlich ist dies die erste Besorgung die ich bekommen, denn unserer
Staatsangehörigen haben wir keinen einzigen in der ganzen Colonie. Aber
wissen Sie, es hat doch auch manche Annehmlichkeit Consul zu sein und --
meine Frau freut sich besonders darüber.«
Sie waren indessen an das Haus gekommen, wo Benner's junge Frau schon,
sie erwartend, mit dem Kind auf dem Arm, in der Thür stand und ihnen
freundlich zuwinkte. Und wie jubelte der Kleine, als ihm der Vater die
erlegten Vögel zeigte und ihm dann einen Flügel zum Spielen abschnitt.
Becher war indessen geschäftig zu seiner Satteltasche gelaufen, um den
Brief zu holen, der mit einem großen, aber schon breitgeschmolzenen
Consulatssiegel verschlossen war, daß man das Wappen nicht einmal mehr
erkennen konnte. Die junge Frau betrachtete dabei mit einem ihr selbst
unerklärlichen beängstigenden Gefühl das große, wie amtliche Schreiben,
das ihr Gatte noch immer kopfschüttelnd in der Hand hielt.
»Was um Gottes willen kann nur das ***sche Consulat an _mich_ zu schicken
haben,« sagte er dabei, als er die Adresse las. »Herrn Freiherrn Eduard
von Benner zu Adelaide in Süd-Australien -- Freiherrn -- ja wahrhaftig,
ein Freiherr bin ich im wahren Sinn des Worts, wenn auch wohl nicht in der
Art, wie die Adresse meint -- und von wem der Brief nur sein kann?«
»Aber warum brechen Sie ihn denn nicht auf?« sagte Becher, »da erfahren
Sie ja gleich die ganze Mordgeschichte.«
»Mordgeschichte?« rief die Frau erschreckt.
»Oh Jemine,« lachte Becher abwehrend, »so war es ja nicht gemeint,
-- ich weiß ja gar nicht was d'rin steht, nicht einmal wo er her ist.
Vielleicht ist es ja auch etwas recht Gutes, eine Erbschaftsangelegenheit
möglicher Weise, oder ein Lotteriegewinnst -- wer kann denn wissen, was in
einem solchen Consulatsbrief steht?«
Benner hatte das obere Couvert abgerissen und fand einen anderen, schwarz
gesiegelten Brief darin, der sein eigenes Wappen trug.
»Von meiner Schwester,« rief er erschreckt, wie nur sein Auge auf die
Adresse fiel.
Er war leichenblaß geworden, und Henrietten's angsterfüllte Blicke hingen
an seinen Zügen.
»Hm -- sollte mir leid thun, wenn eine unglückliche Nachricht darin
stände,« meinte Becher gutmüthig -- »aber wer zum Henker kann so was
vorher wissen. Vielleicht ist's aber auch nur ein weitläufiger Verwandter,
der Sie in seinem Testament bedacht hat, lieber Benner. -- Famose
Geschichte wenn so ein alter reicher Onkel stirbt, von dem man nur erst
durch das Testament erfährt, daß er überhaupt gelebt hat.«
Benner hörte gar nicht mehr was Jener sprach. Er hatte den Brief in
ungeduldiger Hast aufgerissen und verschlang die Zeilen der bekannten,
lieben Handschrift mit den Blicken.
Endlich ließ er den Brief sinken und starrte still und schweigend vor sich
nieder.
»Darf ich wissen, was Dir so weh thut, Eduard?« flüsterte Henriette und
legte ihren Arm um seine Schulter.
»Ja, mein Herz,« sagte er leise, und ein paar große helle Thränen
perlten ihm in den Bart. »Du darfst und mußt es wissen -- bleiben Sie,
lieber Becher -- es ist überhaupt kein Geheimniß -- der Brief enthält
die Nachricht von dem Tode meines Vaters.«
»Armer Eduard,« sagte die junge Frau und schmiegte sich fester an ihn --
»oh, wie leid mir das Deinetwegen thut!«
»Aber ich denke, Benner,« sagte der kleine Kaufmann, in reiner
Verzweiflung, nur irgend einen Trost zu finden, »Sie -- Sie haben mit
Ihrem Herrn Papa nicht immer ganz harmonirt?«
»Es war mein Vater,« flüsterte der junge Mann, »und ich selber trage
auch wohl viel -- _viel_ die Schuld jener unseligen Zwistigkeiten.«
Er war auf einen Stuhl niedergesunken und barg das Antlitz eine Weile in
der linken Hand. Endlich stand er auf; er sah sehr blaß aus, war
aber vollkommen ruhig, und Becher die Hand hinüberreichend, sagte er
freundlich:
»Ich danke Ihnen, lieber Becher, daß Sie sich so viel Mühe meinethalben
gegeben haben -- lassen Sie mich jetzt einen Augenblick allein hinausgehen
-- es sind viele Dinge, die mir den Kopf kreuzen.«
»Aber, bester Freund, ich komme lieber auf ein ander Mal wieder.«
»Nein -- nein -- laß ihn nicht fort, Jettchen -- nur sammeln möchte ich
mich -- der Schlag kam zu plötzlich -- zu unvorbereitet -- mein Vater war
noch so rüstig, noch in seinen besten Jahren.«
»So war er nicht lange leidend --«
»Er ist auf der Jagd erschossen worden.«
»Du großer allmächtiger Gott,« sagte sein Weib erschüttert, »das ist
ja furchtbar.«
»Ja, die verfluchte Jagd!« rief Becher leidenschaftlich, »was da
schon für Unglück geschehen ist! -- und das nennen die Leute nun ein
_Vergnügen_, mit geladenen Büchsen im Walde nach allen Richtungen hin
herumzuschießen, ob da Menschen stehen, oder nicht, wenn sie nur einen
Hasen treffen. Na, ich danke.«
»Willst Du _allein_ gehen, Eduard?«
»Laß mich einen Augenblick, mein Herz -- ich muß auch den Brief noch
einmal ordentlich überlesen. Es steht so viel, so Verworrenes darin, daß
mir der Kopf ordentlich schwindelt -- ich bleibe gewiß nicht lange aus.«
Er verließ das Zimmer, und Becher überlegte sich eben im Stillen, ob er
nicht besser gethan, wenn er seinen ersten Consulatspflichten weniger treu
nachgekommen wäre und den ominösen Brief mit der Post zugeschickt, oder
durch einen expressen Boten besorgt hätte! Er hatte auf einen vergnügten
Tag gerechnet und kam in ein Trauerhaus; es ließ sich aber jetzt nicht
mehr ändern. Seine Gutmüthigkeit trieb ihn auch dazu an, die arme, sehr
niedergeschlagene Frau zu trösten, und in seinem Eifer, sie zu zerstreuen,
erzählte er ihr jetzt eine Unmasse von anderen, dem ähnlichen, ihm
bekannten Unglücksfällen. Da hatte ein guter Freund von ihm einmal einen
Schrotschuß in den Unterleib bekommen und nur noch lange genug gelebt, um
seiner herbeigeeilten Frau Lebewohl zu sagen. Auf einem Nachbardorfe war
dem Pfarrer das eigene Gewehr los und der Schuß durch die Hand gegangen,
und ehe sie abgenommen werden konnte, bekam der Mann die Maulsperre und
starb. -- Und der Herr von Pescow gar, der Gutsbesitzer, wo er zu Hause
war, der kommt Abends von der Jagd zu seiner Braut -- am nächsten Tage
sollte die Hochzeit sein, und er wollte nur noch einen Rehbock dazu
schießen, und wie er die Flinte in die Ecke stellt, geht sie los und
trifft ihn gerade durch den Kopf, daß er todt in die Stube fällt. --
Und dann Schulmeister Lettweilen, ein seelensguter Mensch, wenn auch ein
Bischen leichtsinnig --
Henriette ließ ihn nicht weiter erzählen; sie bat ihn, um Gotteswillen
mit den Schreckensgeschichten aufzuhören -- ihr würde ganz übel und weh
dabei zu Muthe, und Becher, dem in diesem Augenblick gar nichts Anderes
einfiel, war damit völlig auf's Trockene gesetzt. Aber die Frau hatte auch
jetzt viel in der Küche zu thun, um das Essen herzurichten -- die Kakadus
könnten freilich für heute nicht mehr verwandt werden, denn sie bedurften
ihre gehörige Zeit, um gahr zu werden. Becher setzte sich indessen in
der Stube auf einen bequemen Rohrstuhl, wo er von der Hitze und dem langen
ungewohnten Ritt heut' Morgen in der Sonne bald ermüdet einschlief.
Henriette fand ihn da, störte ihn aber nicht, sondern deckte nur so
geräuschlos als möglich den Tisch, damit Eduard, wenn er wieder nach
Hause kam, das Essen fertig und Alles bereit fände. Erst als sie ihn
kommen sah, weckte sie Herrn Becher und konnte, trotz ihrer trüben
Stimmung, kaum ein Lächeln unterdrücken, als sie das verdutzte Gesicht
des kleinen, aus dem Schlaf auffahrenden Mannes sah, der mit weit
geöffneten Augen ganz bestürzt um sich starrte und um's Leben nicht zu
wissen schien, wo er sich eigentlich befand und was mit ihm vorgegangen.
Erst nach und nach kam er wieder zu vollem Bewußtsein und versicherte
jetzt die junge Frau ganz ernsthaft, er sei so müde gewesen, daß er
»beinah' eingeschlafen wäre«.
Benner war still, aber freundlich. Er ging, als er in's Zimmer trat, auf
Henrietten zu, nahm sie in den Arm und küßte sie herzlich auf Stirn und
Augen; aber er sprach nicht weiter über den Brief oder den Todesfall; ja,
als Henriette ihn direct deshalb fragte, sagte er: »Laß das heute, mein
Kind; der Schmerz ist für mich noch zu neu, um ihn ruhig zu besprechen.
Morgen reden wir darüber; ja, Du sollst selber den Brief lesen und mir
Deine Meinung sagen.« Er wurde dann gesprächiger, ja selbst heiter
und unterhielt sich lange mit Becher über die jetzigen australischen
Zustände, über das Deportationswesen im Norden, über Mehl- und
Wollpreise, selbst über die kleinlichen Religionsstreitigkeiten in Tanunda
zwischen den Alt-Lutheranern und sogenannten »Weltkindern«, d. h.
solchen, die der freien, oder auch wohl gar keiner Gemeinde angehörten.
Es war spät, als Becher endlich den Heimritt aber jetzt in der Kühle
des Abends, antrat, und es schien fast, als ob Benner allen weiteren
Erörterungen zu Hause noch selber so lange als möglich aus dem Weg gehen
wollte, denn er sattelte sein eigenes Pferd und begleitete den kleinen Mann
fast bis Tanunda hinein. Erst als sie die Lichter des Städtchens schon von
weitem sehen konnten, wandte er sein Thier und kehrte langsam nach Hause
zurück.
Viertes Capitel.
Ein schwerer Entschluß.
Am nächsten Morgen wachte Henriette wie gewöhnlich um fünf Uhr auf; aber
ihr Gatte hatte sein Lager schon verlassen und als sie angekleidet in
die Stube trat, saß er dort -- den Brief vor sich, den Kopf in die Hand
gestützt, sinnend am Fenster und sah gedankenvoll in den sonnigen Morgen
hinaus.
Sie ging leise zu ihm, legte ihren Arm um seine Schulter und sagte
herzlich:
»Guten Morgen, Eduard! Grübelst Du noch immer über den bösen Brief?
Ach, mir thut's ja auch weh, Schatz, daß Du Deinen Vater verloren hast,
wenn ich ihn auch nimmer gekannt habe, und wenn er so weit fort wohnte.«
Benner zog sie nieder zu sich und küßte sie, dann sagte er leise:
»Setz' Dich da her zu mir und lies einmal den Brief.«
»Erst muß ich den Kaffee kochen,« wehrte aber die Frau ab, »denn wenn
der kleine Schlingel nachher munter wird, läßt er mir keine Ruh', --
komm', lies ihn mir derweil vor.«
Benner seufzte tief auf.
»Willst Du nicht?« fragte sie treuherzig.
»Geh', Kind -- thu' Deine Arbeit erst,« sagte der Mann, »wir müssen
dann Ruhe haben, um Manches zu bereden.«
Die junge Frau schüttelte mit dem Kopf -- sie hatte nie geglaubt, daß ihr
Mann so traurig über den Tod eines Vaters sein würde, dem er immer nur
Lieblosigkeit und Härte vorgeworfen -- aber doch freute sie's. »Er hat
ein gutes, braves Herz,« sagte sie bei sich, »und nun der Alte gestorben
ist, trauert er um ihn, als ob er den liebsten und besten Verwandten
verloren hätte.«
Aber nicht gewohnt, lange über irgend Etwas nachzugrübeln, ging sie
rüstig an ihre Arbeit, und während sie den Kaffee kochte, besorgte sie
auch das indeß aufgewachte Kind und trat dann mit diesem auf dem Arm, in
der rechten das Brett mit dem Frühstück haltend, in's Zimmer zurück.
Er nahm ihr das Kind ab und auf den Schooß, herzte und küßte es und
setzte es dann auf den Boden nieder, um erst zu frühstücken. Während
dessen wurde auch kein Wort gesprochen, denn die Frau wollte ihn
absichtlich in seinen Gedanken nicht stören. Das war ein Schmerz, der
eben austoben mußte, und wogegen keine Trostworte halfen. Hatte er seine
bestimmte Zeit, so gab er sich von selber, und Sonnenschein kehrte wieder
in das Herz des Menschen zurück, so oft auch noch dann und wann flüchtige
Wolken vorbeigingen, und ihren Schatten darüber werfen mochten.
»Und nun, Eduard,« sagte sie, als das Frühstück beendet war und Eduard
seine Tasse zurückschob, -- »laß mich den Brief haben, den ich lesen
sollte, denn ich muß nachher gleich wieder an die Arbeit. Heute giebt's
viel zu thun -- nach dem letzten Regen wächst uns das Unkraut fast über
dem Kopf zusammen, und man findet sich nachher gar nicht mehr durch.«
Eduard reichte ihr das Schreiben, ohne ein Wort dabei zu sagen, stand
dann auf und ging, während sie las, mit verschränkten Armen und raschen
Schritten in dem kleinen Gemach auf und ab.
Henriette studirte ein wenig an dem Brief, denn es dauerte einige Zeit, bis
sie sich in die fremde Handschrift hineingefunden hatte, aber es ging doch
zuletzt, und nur leise nickte sie manchmal mit dem Kopf oder schüttelte
auch wohl, wenn ihr der Inhalt sonderbar erschien.
Eduard unterbrach sie mit keiner Sylbe, aber dann und wann flog sein Blick
wie scheu nach ihr herüber, als ob er fürchte, daß sie über irgend
etwas erschrecken würde. Der Brief schien jedoch kein solches Gefühl in
ihr hervorgerufen zu haben; sie blieb ruhig und unbefangen, und als sie
geendet, faltete sie ihn wieder zusammen und sagte herzlich:
»Deine Schwester muß ein recht braves Frauenzimmer sein, Eduard, sie
schreibt gar so lieb und gut und meint's auch sicher so. Ich wollt',
ich könnt' sie einmal sehen und ihr die Hand drücken. -- Das muß ein
schwerer Schlag für sie gewesen sein. Ist sie denn verheirathet?«
»Ja.«
»So -- und wen hat sie? -- Was ist ihr Mann?«
»Ein Graf von Galaz.«
»Ein Graf? Sieh mal an, da ist sie gewiß eine recht vornehme Frau --
wer weiß, ob sie da Etwas von _mir_ armem Ding wissen möchte, und es ist
vielleicht recht gut, daß wir so weit auseinander wohnen.«
»Und hast Du nicht weiter gelesen, Jettchen?«
»Ei gewiß, Alles bis zum Ende, wo sie schreibt: Deine Dir ewig treue
Schwester Alexandrine.«
»Hast Du da nicht gelesen, daß sie mich bittet, der Erbschaft wegen nach
Deutschland zu kommen?« sagte Eduard und sah erstaunt zu ihr auf.
»Ei sicher -- zweimal schreibt sie's ja sogar, aber was versteht so eine
Frau davon; die hat wohl nimmer einen Begriff von der Reise, daß sie da
meint, Einer könnte, der paar Thaler wegen, von daheim weg und über's
weite Meer hin und zurück. Da kostete ja allein die Reise mehr, wie die
ganze Sache vielleicht werth wäre. Laß sie's schicken; der Vater hat
ja auch im vorigen Monat eine Erbschaft von 500 baaren Thalern geschickt
gekriegt -- wenn der deshalb hinüber gegangen wäre, nicht einen Pfennig
davon hätt' er wieder mit zurückgebracht.«
»Aber mein liebes Herz,« sagte Benner, »es handelt sich hierbei nicht
um ein paar _hundert_ Thaler, sondern um viele Tausende -- um ein großes
Vermögen, das mein Vater, der bei seinem jähen und unerwarteten Tod
ohne Testament gestorben ist, nur seinen beiden Haupterben, mir und meiner
Schwester, hinterlassen hat. Mehre Rittergüter sind dabei, viel baares
Geld und Silber, liegende Gründe dazu, ein paar Häuser in der Residenz,
und Gott weiß, was sonst noch für Dinge, die meine persönliche Gegenwart
nicht allein meinet-, sondern auch meiner Schwester wegen dringend nöthig
machen.«
»Aber Du denkst doch nicht etwa daran, nach Deutschland zurückzugehen?«
sagte Henriette, als ihr plötzlich der erste Gedanke an eine solche
Möglichkeit kam, und fast unbewußt und erschreckt setzte sie das
Kaffeegeschirr wieder auf den Tisch zurück, das sie eben aufgenommen
hatte, um es hinauszutragen.
»Es wird nicht anders zu ordnen sein, mein liebes Kind,« sagte Benner,
während er an's Fenster trat und hinaussah. Er mochte in dem Moment seines
Weibes Auge nicht begegnen.
»Nicht anders zu ordnen sein, Eduard?« rief aber Henriette, und sie
fühlte ordentlich, wie ihr jeder Tropfen Blut zum Herzen zurückströmte,
-- »und das sagst Du so ruhig und gleichmüthig, als ob es nur eine
Trennung von wenigen Tagen wäre?«
»Aber wie kann ich es ändern, Jettchen?« sagte Benner, indem er sich
nach ihr umdrehte und selber über das Aussehen der Frau erschrak --
Ȋngstige Dich doch nicht deshalb; all unsere Noth und Sorge und Arbeit
hat ja auch jetzt dafür ein Ende, denn wir sind selber damit reich
geworden -- die Zeit geht ja auch vorüber.«
»Wir waren so glücklich bei der Arbeit, Eduard!«
»Ja, mein liebes Herz, aber wir werden jetzt _noch_ glücklicher werden.«
Die Frau hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und faltete die Hände im
Schooße -- sie konnte nicht länger stehen, so zitterten ihr die Knie und
selbst das Kind achtete sie nicht, das zu ihr hingekrochen war und an ihrem
Kleid zupfte.
»_Noch_ glücklicher, Eduard?« sagte sie leise. »Oh, Gott weiß wie ich
zu ihm gebetet habe, daß er uns so erhalten möge -- noch glücklicher! --
wir wollen nicht freveln, daß uns der Himmel nicht dafür straft und uns
_nimmt_, was wir haben.«
»Aber was für trüben Gedanken giebst Du Dich hin, mein Herz,« sagte
Benner, -- »anstatt daß Du Dich des neuen Glückes freuen solltest,
klagst Du, als ob uns ein Unglück betroffen hätte. Ist das recht, oder
selbst nur vernünftig?«
»Und droht uns nicht ein Unglück, Eduard?« sagte die Frau weich. »Oh
Herr Schrader hat es mir wohl oft gesagt: ein Jahr wird er bei Dir bleiben,
vielleicht zwei, dann geht er fort, und Du sitzest mit Deinem Kinde allein
in Australien.«
»Schrader ist ein Esel,« sagte Benner ärgerlich, »der alberne Tropf
sucht ordentlich was darin, den Leuten Unglück zu prophezeihen, und wenn
Einer bei ihm ein Loth Brustthee holt, so zuckt er schon die Achseln und
räth ihm, sich sehr in Acht zu nehmen, weil er sichtbare Anlagen zur
Schwindsucht hätte.«
Die Frau erwiderte nichts weiter, sie saß still und in einander gebrochen
auf ihrem Stuhl und starrte vor sich nieder, und erst als der Kleine zu
schreien anfing, weil sich die Mutter gar nicht um ihn kümmern wollte, hob
sie ihn zu sich empor und drückte ihn leidenschaftlich an die Brust.
»Sei vernünftig, Jettchen,« sagte da endlich Benner bittend, »überleg'
Dir Alles genau -- ja, besprich es mit Deinem Vater, und er wird mir
selber zugestehen müssen, daß ich nicht anders kann. Ich _muß_ nach
Deutschland, denn was hier auf dem Spiele steht, ist zu bedeutend, um es
aus Furcht vor einer kurzen Trennung zu gefährden. -- Denke Dir auch,«
fuhr er nach einer Pause fort, in der ihm Henriette noch immer nichts
erwiderte, »wie allein und verlassen meine Schwester jetzt solchen
verwickelten Geschäften gegenübersteht. Schon ihretwegen müßte ich
hinüber.«
»Ich verstehe das Alles nicht,« sagte die arme Frau kopfschüttelnd, --
»ich glaubte, Deine Schwester wäre an einen Grafen verheirathet, und dann
steht sie doch nicht allein und verlassen.«
»Aber jener Graf hat doch nichts mit _unserer_ Familienangelegenheit zu
thun --«
»Und gehört er nicht mit zu Eurer Familie? -- sei mir nicht böse,
Eduard,« brach sie aber rasch ab, als sie die tiefe Falte bemerkte, die
sich über seine Stirn zog, -- »mir ist das Herz so voll und schwer, und
der Kopf thut mir so weh, ich weiß kaum noch, was ich rede -- Also
Du willst wirklich nach Deutschland zurückgehen und Weib und Kind in
Australien lassen?«
»Und glaubst Du, daß _ich_ mit leichtem Herzen gehe?« fragte Benner
zurück. »Wenn es nicht wäre, daß ich für _Euch_ gerade eine
sorgenfreie Zukunft bereiten könnte, ich bliebe wahrlich da. Mir wird der
Abschied weh genug thun, sei versichert, Kind, und die ganze Nacht hat mich
der Gedanke schon gequält.«
Die Frau schwieg und sah still und sinnend vor sich nieder, endlich
flüsterte sie leise: »Wie Gott will!« nahm ihr Kind auf und ging hinaus.
Das war ein trüber und schmerzlicher Tag in der kleinen, sonst so
glücklichen Familie, und wenn die Frau auch nicht klagte, oder selbst nur
mit einem Wort weiter die beabsichtigte Trennung erwähnte, gab es ihr
doch immer einen Stich durch's Herz, sobald der Kleine in wilder Kindeslust
aufjubelte und die Mutter umklammerte.
Den Nachmittag ritt Benner in die Stadt. -- Er wollte selber mit
Henriettens Eltern sprechen, ihnen den Brief zeigen und ihren Rath hören
-- obgleich er über seinen Entschluß mit sich im Reinen war -- aber es
würde die Frau beruhigen, wenn die Eltern selber sagten, daß er nach
Hause müsse, um Alles in Ordnung zu bringen -- in zwölf bis vierzehn
Monaten konnte er ja auch recht gut wieder zurück sein.
Zwölf bis vierzehn Monate, Du großer Gott, wie leicht spricht der Mund
eine solche Zeit aus, wie rasch verfügt das Menschenherz über einen
solchen Zukunftsraum, während ihm doch das Schicksal seiner nächsten
Lebensstunde verborgen ist. Aber wir hoffen und harren, bauen Pläne und
fassen Entschlüsse, und wenn die vorgesteckte Zeit naht -- was ist aus
unseren Plänen und Entschlüssen geworden -- wo sind wir selber?
Es war eine eigene Berathschlagung in der kleinen Stadt zwischen dem Baron
Benner, dem Erben einer halben Million, und den beiden alten Leuten, dem
Schuster und seiner Frau. Der Alte saß bei seiner Arbeit, auf dem
niederen Schemel, den alten Buschschuh irgend eines derben Bauern unter dem
Knieriem, und Ahle und Draht herüber- und hinüberziehend, die Frau selber
wirthschaftete dabei in der Stube herum, eine unausweichliche Tasse Kaffee
für den lieben Gast und Schwiegersohn herzurichten -- aber beide hielten
mitten in ihrer Arbeit inne, als Benner ihnen mit kurzen Worten den
Inhalt des gestern empfangenen Schreibens mittheilte und ihnen zugleich
verkündete, daß er jetzt ein bedeutendes Erbe in Deutschland zu erwarten
habe.