Der junge Mann prüfte indeß den Inhalt einer Jagdtasche. Als er den

nöthigen Schießbedarf darin vorgefunden, warf er sie über die Schulter,

ergriff ein Gewehr, das an der Wand hing, und trat dann ruhig und

freundlich zu seiner Schwester.

-- Röschen, sagte er sanft, Du weinst und zweifelst vielleicht an meinem

Verstande, weil ich von Dingen rede, die Dir sonderbar erscheinen;

aber sei außer Sorge, der Gang, den ich jetzt zu machen gedenke, rettet

unserm jungen Grafen das Leben, mir die schwer gekränkte Ehre und Marien

die Freiheit. Begreifst Du nun meine plötzliche Umwandelung, liebe

Schwester?

-- Aber so erkläre mir doch --!

-- Soll ich meinen Zweck nicht verfehlen, so laß mich ziehen -- bald

kehre ich zurück und Du wirst alles erfahren.

-- Willst Du allein fort? fragte Röschen besorgt.

-- Komm zurück in das Zimmer und Du wirst sehen, wer mich begleitet.

In demselben Augenblicke, als die Geschwister aus der Kammer eintraten,

öffnete sich die Thür, die auf die Hausflur führte, und Philipp und

ein anderer junger Mann in Uniform und bewaffnet erschienen auf der

Schwelle.

-- Willkommen, Christian! rief Konrad, beiden die Hand reichend. Siehst

Du, wandte er sich zu Röschen, da stehen meine Begleiter -- hast Du nun

noch Angst? Jetzt bleibe wach, bis wir zurückkehren und sorge für ein

gutes Frühstück, denn vor Mitternacht wird unser Geschäft nicht beendet

sein. Doch laß kein Wort von unserm Ausmarsche laut werden, sonst ist

alles verloren.

-- Und Marie wird frei? fragte Röschen noch einmal.

-- Frei, antwortete Konrad, um meine Frau zu werden. Adieu, Röschen!

Vorsichtig verließen die drei Soldaten das Haus und das Dorf. Röschen

ging zur Küche, schürte Feuer an und begann das ihr aufgetragene Mahl zu

bereiten.

8.

Der Jäger Graff hatte wahr gesprochen: Graf Rudolph bestieg in der That

im Edelhofe des Barons gegen Mitternacht seinen Wagen, um nach seinem

Schlosse zurückzukehren. Nur führte er nicht die Summe Gold mit

sich, nach der Graff sich sehnte, die Kunde davon war nichts als ein

Domestiken-Geschwätz, das dem wilden Waidmann durch einen Jäger des

Barons in der Waldschenke zu Ohren gebracht worden. Der junge Graf,

obgleich beglückt durch die Liebe eines schönen, reichen Mädchens,

befand sich nicht in der heitersten Laune, Konrad's Unglück, zu dem er

willenlos den Grund gelegt, ging ihm tief zu Herzen und erfüllte ihn um

so mehr mit Mißmuth und innigem Bedauern, als er nicht im Stande war,

durch irgend ein Mittel das Geschehene auszugleichen. Er hatte seiner

Braut die Unglücksgeschichte mitgetheilt und diese hatte ihm unter

Thränen den Vorschlag gemacht, dem armen Konrad ein kleines Gut als

Eigenthum zu überweisen, das sie in der Gegend von B. besaß und durch

einen Verwalter bewirthschaften ließ. Rudolph war freudig auf diesen

Vorschlag eingegangen, daß er aber dem braven Manne mit der Verleihung

der Glücksgüter nicht auch das Glück und die Ruhe des Herzens

zurückgeben konnte, deren Verlust er noch vor Kurzem so schmerzlich

empfunden, trübte die Freude, die ihm die Umgestaltung seines Geschickes

bereitete.

Die Wächter der nahen Dörfer riefen die Mitternachtsstunde und ihre

Hörner erklangen hell durch die stille Nacht, als der Graf die weißen

Mündungen der Steinbrüche erblickte, an denen eine kurze Strecke seines

Weges vorbeiführte. Das Passiren dieses Weges war völlig gefahrlos, da

die Abgründe sich in einer Entfernung von mehr als hundert Schritten

öffneten und selbst in der größten Dunkelheit sich durch einen weißen

Schimmer des Gesteins zu erkennen gaben. Hinter den Steinbrüchen zu

beiden Seiten liefen ziemlich hohe Bergrücken hin, welche ein langes,

schmales Thal bildeten, das eine Biegung machte, um sich ostwärts

fortzusetzen, der Weg aber zum Schlosse schied sich in dieser Biegung

und führte südwärts durch einen tiefen Hohlweg wieder in das freie Feld.

Peter, der Kutscher, des Weges kundig, hieb lustig in die Pferde, daß

der leichte offene Wagen wie ein Pfeil durch das Thal schwirrte. Als

er an die Stelle kam, wo er in den Hohlweg einbiegen mußte, fuhr er

vorsichtig etwas langsamer; doch kaum hatte er das tiefe Gleis erreicht,

als aus einem an dem Abhange stehenden Haselbusche ein Schuß fiel und

dem armen Burschen die Hand verwundete, mit der er die Peitsche schwang.

In demselben Augenblicke stürzte ein Mann den Pferden in die Zügel.

Der Graf, seit seinem letzten Anfalle vorsichtig geworden, holte rasch

ein Pistol aus der Wagentasche hervor, legte an, ein zweiter Schuß

knallte durch das Thal und der Mann, der die sich bäumenden Pferde

hielt, stürzte mit einem lauten Schrei zusammen. Die Hufe der scheu

gewordenen Pferde zermalmten den tödtlich verwundeten Räuber. Peter

behielt indeß so viel Geistesgegenwart, daß er mit der gesunden Hand die

Zügel kräftig erfaßte und das Durchgehen der Rosse verhinderte.

Noch stand der Graf aufrecht im Wagen und hielt das abgeschossene Pistol

in der Hand, als er von hinten mit einem Hirschfänger angegriffen wurde

-- ein zweiter Räuber hatte den Wagen erstiegen. Ohne ein Wort zu reden,

vertheidigte sich der Angegriffene mit dem umgekehrten Pistol und es

entspann sich ein Kampf in dem Wagen, der sich sicher zu Gunsten des

stärkeren Banditen entschieden, wenn nicht ein paar kräftige Fäuste den

Nichtswürdigen bei den Haaren ergriffen und ihn rücklings von dem Sitze

herab in den Hohlweg geschleudert hätten. Unten standen noch zwei

Männer und nahmen den wuthknirschenden Räuber mit ihren Gewehrkolben in

Empfang.

Der Graf, in der Meinung, er habe den Angreifenden durch einen Schlag

seiner Waffe kampfunfähig gemacht, suchte nach einem zweiten Pistol, das

er aber nicht gleich erfassen konnte, da es aus der zerrissenen Tasche

auf den Boden des Wagens gefallen war.

-- Zurück, rief er emsig suchend, oder meine Kugel zerschmettert Euch

Banditen den Schädel!

-- Herr Graf, rief Konrad's Stimme, die Banditen können nicht mehr

zurück, der eine ist todt, der andere geknebelt!

-- Himmel -- Kinder, wer seid Ihr?

Die drei Männer in ihrer Uniform mit den blinkenden Knöpfen traten

heran, und der Mond, der in diesem Augenblicke hinter einer Wolke

hervortrat, beschien ihre muthigen Gesichter.

-- Soldaten Ihres Bataillons, antworteten sie und streckten dem Grafen

die Arme entgegen, um ihm aussteigen zu helfen.

-- Konrad, Philipp, Christian! rief fast weinend der Gerettete und

schloß einen nach dem andern in seine Arme.

-- Nun, rief Peter, wollt Ihr mir denn nicht auch helfen? Ich bin am

Arme verwundet --!

Rasch sprang Christian zu den Pferden und Konrad und Philipp nahmen den

Kutscher in Empfang.

-- Wo bist Du verwundet? fragte theilnehmend der Graf.

-- Am rechten Arme; es scheint jedoch nur ein Streifschuß zu sein, denn

ich fühle keine Schmerzen.

Graf Rudolph zog sein Taschentuch hervor und verband den Arm des

Kutschers, der glücklicher Weise nur leicht gestreift war.

-- Wo sind die Räuber? fragte er dann.

-- Hier ist der gefährlichste! rief Konrad und schleppte mit Philipps

Hülfe den geknebelten Graff herbei, der wie ein zusammengerollter Igel

am Boden lag. Es ist derselbe, der in den Ruinen der Abtei schon einmal

die räuberische Hand nach Ihnen ausstreckte, derselbe, der meinen

Hut mit dem rothen Bande stahl und ihn an dem Orte seines Verbrechens

zurückließ, um den Verdacht auf mich zu wälzen -- derselbe, der

zwanzigtausend Thaler in Ihrem Wagen vermuthet und Sie morden und

berauben wollte, um als ein reicher Mann sich aus dem Staube zu machen

-- ist es nicht so, Herr Graff? Jetzt theilen Sie doch mit Ihrem

Kameraden -- dort liegt er!

-- Ich wollte, ich hätte mit ihm getheilt! murmelte der Geknebelte.

-- Wer ist der Andere? fragte der Graf und trat zu dem Todten.

-- Sehen Sie ihn an, sagte Philipp, er ist noch zu erkennen.

-- Himmel, mein eigener Revierförster! O über den treuen Diener! Konrad,

Du hast mir Dein Leben, Dein Glück geopfert -- über der Leiche dieses

Bösewichts gebe ich Dir Deine Marie zurück -- Gott sei gelobet, der

alles so gefügt!

-- Herr Graf, rief Konrad jauchzend, Marie liebt mich noch, ich kann

wieder glücklich werden!

-- Wie Du es verdienst, mein braver, guter Konrad! -- Kinder, wandte

sich der Graf jetzt zu den Soldaten und freudige Rührung machte seine

Stimme schwanken -- Kinder, ich lade Euch zu meiner Hochzeit ein, die

nächsten Sonntag auf dem Edelhofe des Barons gefeiert wird -- werdet

Ihr mich zu der Kirche begleiten und den Ehrenplatz an der Festtafel

einnehmen?

-- Herr Graf! riefen Philipp und Christian überrascht.

-- Ihr müßt erscheinen, wenn Ihr mir meine Freude nicht stören wollt!

-- Wir sind Bauern, sagte Philipp, wir passen nicht in vornehme

Gesellschaft.

-- Philipp, wo wäre ich und meine Hochzeit, wenn Ihr nicht gewesen

wäret?

-- Herr Graf, fiel Konrad ein, wenn Sie meine Kameraden einladen, was

bleibt mir dann?

-- Freund, rief der Graf, ist Deine Hochzeit nicht die meine? Oder soll

Marie Deine Frau nicht werden?

-- Ja, sie wird meine Frau! aber nicht durch eine Civilehe!

-- Nun, Konrad, wir haben Unglückstage zusammen verlebt, wir wollen

auch den höchsten Festtag unseres Lebens zusammen begehen, und unsere

Kameraden sind unsere gemeinschaftlichen Gäste!

Jetzt warfen die jungen Leute den todten Revierförster in den Wagen, und

banden dann den grimmigen Graff mit den Händen an die Hinterachse, daß

er nur die Füße zum Gehen bewegen konnte. Peter bestieg seinen Sitz

wieder und fuhr langsam dem Dorfe zu. Der Graf und die Soldaten folgten

zu Fuß.

Ein weißer Wolkenstreif im Osten kündete den jungen Tag an, als der Zug

vor dem Hause des Ortsrichters anhielt.

* * * * *

Wir übergehen den Schmerz des Richters Valentin -- nicht über den

Tod seines Neffen, sondern über das Geld, das er für ihn in der Stadt

bezahlt, und über den Verlust der fetten Wiese; wir übergehen aber auch

die Seligkeit Mariens, als der Graf mit dem Ortsrichter in ihr Zimmer

trat und Letzterer ihr den Ehecontract mit der Anzeige zurückgab,

sie sei frei und könne dem Manne ihrer Liebe die Hand reichen -- wir

berichten nur noch, daß Konrad und Marie denselben Tag in Gegenwart des

jungen Grafen und des Richters Valentin einen neuen Contract für Zeit

und Ewigkeit schlossen und daß am nächsten Sonntage in der mit Blumen

und Kränzen geschmückten Dorfkirche unter dem Gesange der andächtigen

Gemeinde zwei Brautpaare die Weihe des Priesters erhielten -- es waren

der Graf Rudolph und Emma, geführt von den adelichen Verwandten, und

Konrad und Marie, begleitet von Röschen, Philipp und Christian.

Graff ward dem Arme der Gerechtigkeit übergeben und Eberhard in einem

Winkel des Kirchhofs dem Schooße der Erde.

Acht Tage später hielt ein Reisewagen vor Mariens Meierei -- er war

bestimmt, das junge Ehepaar nach dem Gute zu führen, das die Gräfin dem

Retter ihres Gatten als Eigenthum überwiesen hatte.

Zu spät!

Novelle

von

August Schrader.

1.

Zwischen den hohen mit ehrwürdigen Eichen geschmückten Bergrücken des

Teutoburger Waldes hat der Schöpfer ein kleines Thal ausgebreitet, in

welchem die Natur mit ihren Reizen förmlich zu kokettiren scheint. Wohin

das Auge blickt, gewahrt man nur sanft ablaufende Wiesen, von einem

rauschenden Bächlein durchschnitten, dessen Ufer mit Haselgesträuch und

schlanken Rüstern so dicht bewachsen sind, daß das Moosbette desselben

von einem herrlichen Laubdache überschattet wird. Kein Felsen, keine

Mauer, kein alter Thurm unterbricht die Lieblichkeit und Anmuth dieser

Landschaft -- nirgends zeigt sich etwas wildes oder verfallenes, überall

Reiz und üppiges Gedeihen, junges Leben und zauberische Fülle. Die

Frömmigkeit eines Einsiedlers oder der Schmerz eines unglücklichen,

verlassenen Liebenden würde hier kein Asyl finden, denn wie kann man im

Angesichte einer lachenden Natur, die durch duftende Blumen und würzige

Früchte zu den Freuden des Lebens einladet, beten oder weinen? Dieses

Thal ist vom Himmel mit einem solchen Segen überschüttet, daß man

vergebens nach einem unfruchtbaren Landstriche späht, selbst die Wege

sind mit fettem Grase und duftenden Blumen bewachsen. Wohin soll man

sich wenden, um einsam zu weinen, wenn alles grünt und lacht, wenn

aus den Zweigen auf den Schwingen einer balsamischen Luft der Gesang

munterer Vögel herniedersäuselt und zur Freude auffordert? Man würde das

trübe Auge vergebens durch die Landschaft schweifen lassen, einem

Bilde des Todes zu begegnen; überall sprießt das Leben, selbst auf dem

Friedhofe, der von einer blühenden Weißdornhecke umgeben ist und mehr

Apfelbäume als Grabsteine zählt. Doch nein! der Schmerz ist ein Kind

aller Länder, er trifft seine Beute im stolzen Pallaste, wie in der

Hütte auf blühender Flur.

Es war im Jahre 1839 gegen das Ende des Monats Mai, als ein junger

Mann, mit Reisetasche und Wanderstab ausgerüstet, dieses herrliche

Thal betrat. Die Fruchtbäume und Hagedornhecken standen in voller

Blüthenpracht, die grünen Wege deckte ein frisch gefallener

Blüthenschnee und verhüllte den blauen Veilchenflor, der lieblich

duftete unter seiner süßen Bürde. Langsam schritt er dahin, das Bild

der Jugend und Poesie wollüstig einsaugend, als plötzlich auch die Liebe

auftrat, dem Ganzen die Weihe der Vollendung aufzudrücken. Aus einer

Baumgruppe, die vor dem jungen Wanderer lag, klang ihm nämlich eine

Mädchenstimme entgegen, welche an Anmuth und Frische mit der ihn

umgebenden Natur wetteiferte; lieblich wie die Töne einer Nachtigall,

und ohne sich der Wirkung bewußt zu sein, mischte sich der Gesang in das

große Concert des Universum, und wahrlich, es war nicht der schlechteste

Ton in der himmlischen Harmonie! Entzückt stand der Jüngling einige

Minuten still und lauschte mit angehaltenem Athem.

Plötzlich trat aus einem Seitenwege ein schönes Mädchen von siebzehn

bis achtzehn Jahren hervor. In der linken Hand trug sie ein kleines

Fischnetz und in der rechten ein hölzernes Gefäß, worin die gefangenen

Forellen so laut plätscherten, daß mitunter das Wasser über den Rand

spritzte. Bei dem Anblicke des jungen Reisenden schwieg die Jungfrau und

eine hohe Röthe überzog ihr liebliches Gesicht. Dieser setzte sich auf

einem am Wege stehenden Baumstamme nieder und ließ die holde Fischerin

in kurzer Entfernung an sich vorübergehen. Hatte ihn die Stimme

entzückt, so that es die Gestalt noch mehr. In der ganzen Erscheinung

war der Frühling mit seinen Veilchen und Rosen ausgedrückt, die Frische

des jungen Morgens strahlte auf ihren Wangen und Unschuld und kindliche

Fröhlichkeit auf der weißen Stirn. Eine Schnur milchweißer Zähne,

eingerahmt von ein paar Purpurlippen, wurden sichtbar, als sie kaum

vernehmbar und fast ängstlich grüßte; lange blonde Haare, zu natürlichen

Locken geformt, entquollen rebellisch dem kleinen Sammtmützchen, das bei

dem Ziehen des Netzes verschoben, schalkhaft auf einer Seite hing. Ein

niedliches schwarzes Mieder umschloß den schlanken, zarten Leib, der

eher einer Juno, als einer Bewohnerin dieses Thales anzugehören schien.

Weder ein Ohrgehänge noch ein Halsband war zu bemerken, nicht einmal

eine Rose oder ein Strauß Veilchen schmückten den züchtig verhüllten

Busen und dennoch erschien das Mädchen dem entzückten Beschauer so

schön, daß er eine Fee zu sehen und sich in dem Lande der Wunder zu

befinden wähnte.

Als die Erscheinung hinter der nächsten Baumgruppe verschwunden war,

erklang der Gesang wieder, der jetzt durch nichts mehr gehemmt, laut

durch das üppige Thal ertönte. Wie von einer Zaubermacht geleitet, erhob

sich der junge Mann und schlug willenlos den Weg ein, den ihm der Gesang

des lieblichen Mädchens bezeichnete. Aus den Baumstämmen hervortretend,

sah er die ländliche Hebe vor einer kleinen Wassermühle stillstehen, die

wie das Nest eines Vogels unter den starken Zweigen einer gigantischen

Eiche in kurzer Entfernung vor ihm lag. Mit der Behendigkeit der Jugend

hing die Fischerin das Netz an einem Holzhaken neben der niedrigen von

Mehlstaub weiß gefärbten Hausthür zum Trocknen auf und die gefangenen

Fische nahm sie aus dem kleinen Behälter, um ihnen einen größeren,

ebenfalls mit Wasser gefüllten anzuweisen, der im Hofe stand. Dann

ergriff sie einen Rechen, trat zu dem plätschernden Mühlrade, und zog

das Kraut an das Ufer, das sich während ihrer Abwesenheit vor einem im

Wasser angebrachten Holzgitter aufgehäuft hatte.

Als sie diese Arbeit vollendet, war auch der junge Mann vor der Mühle

angelangt. Er wollte reden, aber ein unerklärliches Etwas band ihm die

Zunge, daß er keines Wortes mächtig war. Die hübsche Müllerin -- denn

die Mühle war das Eigenthum ihrer Mutter -- schien von dem Benehmen des

Fremden überrascht zu sein, verwundert sah sie ihn einen Augenblick an,

dann entfernte sie sich mit einer Miene, als ob sie sagen wollte: ist

der Mensch nicht bei Sinnen? An der Thür eines kleinen Gartens, der mit

Sallat und einigen Frühlingsblumen bepflanzt war, blieb sie stehen und

ordnete die auf dem Zaune zum Trocknen ausgebreitete Wäsche. Diesmal

faßte sich der Fremde ein Herz und trat ihr mit den Worten näher:

-- Wenn ich nicht irre, bin ich von dem Wege nach D. abgekommen?

-- Ja, sprach das Mädchen mit einer lieblichen Stimme, denn der Fußweg

endet hier bei der Mühle meiner Mutter.

Eine neue Pause trat ein. Die Müllerin fuhr erröthend in ihrer

Beschäftigung fort.

-- So muß ich wohl denselben Weg wieder zurückgehen, den ich gekommen

bin? fragte endlich der junge Mann weiter.

-- Wenn Sie wieder auf die Straße nach D. wollen, giebt es kein anderes

Mittel, antwortete lächelnd das Mädchen.

-- Sie tragen die Schuld, mein liebes Kind, daß ich jetzt einen Umweg zu

machen habe. Ihr schöner Gesang verlockte mich und ich folgte.

Eine brennende Röthe überzog Gesicht und Hals der Müllerin; um diese zu

verbergen, hob sie ein weißes Tuch, das sie eben in der Hand hielt, hoch

vor sich empor, als ob sie den Zustand desselben prüfen wollte. Auch der

junge Mann erröthete als er sie so sah, denn er glaubte sie verletzt zu

haben.

-- Ich bin jedoch nicht böse darüber, fuhr er in der Angst seines

Herzens fort. Wollen Sie mir indeß eine kleine Entschädigung dafür

gewähren, so verehren sie mir einen Strauß von den Veilchen, die zu

Ihren Füßen blühen.

Rasch hing sie das Tuch auf den Zaun zurück und kniete in das Gras

nieder, um die verlangten Veilchen zu pflücken. Wie es aber schien, that

sie es mehr, durch diese Beschäftigung ihre Verlegenheit zu verbergen,

als dem Wunsche des Fremden zu entsprechen. Dieser war seiner Sinne

kaum noch mächtig, und hätte ihn der niedere Gartenzaun nicht von der

lieblichen Jungfrau getrennt, er wäre neben ihr niedergekniet, um einen

Strauß von diesen sinnigen Blümchen für die reizende Fee des Thales

zu pflücken. Die Schmeicheleien, die ein junger Mann von Bildung einem

jungen liebenswürdigen Mädchen unter solchen Umständen zu machen pflegt,

erstarben ihm im Munde, stumm folgte er mit den Blicken den Fingern

des Mädchens, welche die Veilchen dicht bei der Wurzel aus dem grünen

Rasenteppich holten und zu einem Strauße bildeten.

-- Marie! Marie! rief plötzlich eine Stimme aus dem Innern der Mühle.

-- Meine Mutter ruft! sprach das Mädchen, indem es sich rasch

emporrichtete und mit zitternder Hand dem Fremden die Veilchen

überreichte. Ohne ein Wort weiter zu sagen, flog sie wie ein Vogel durch

den Hof und verschwand in der kleinen Thür. Mit einem Blicke, in dem

deutlich zu lesen stand, was in seinem Herzen vorging, sah der Reisende

dem Flüchtling nach und lauschte einige Minuten auf das eintönige

Geklapper der Wassermühle, das mit dem Klopfen seines Herzens Takt

hielt.

Als er über den Hof schritt, um den Fußweg wieder zu gewinnen, sah er

das Gesicht eines jungen, rothbackigen Bauernburschen unter einer weißen

Mütze aus dem Fenster des Häuschens blicken. Wäre er nicht zu sehr mit

seinen Gedanken beschäftigt gewesen, so hätte er in diesem Gesichte

Unwillen, vielleicht auch Eifersucht lesen können; so aber drückte

er den Veilchenstrauß an seine Lippen und setzte, das Bild des jungen

Mädchens in seinem Herzen tragend, seufzend seinen Weg fort. Das

lachende Thal schien ihm jetzt ein anderes zu sein, die Blumen und

Blüthen waren farblos: Mariens Rosen auf den Wangen überstrahlten den

Glanz der ganzen Schöpfung.

2.

Ein heißer Julitag lag brennend auf der Erde, wie ein dunkelblaues Tuch,

von keinem Wölkchen getrübt, spannte sich der Horizont über das

Thal, dessen frisches Rasengrün verschwunden und in eine falbe Farbe

umgewandelt war. Kein Lüftchen milderte die drückende Hitze, die Sonne

neigte sich ihrem Untergange zu, aber keine Veränderung der Atmosphäre

gab Hoffnung auf Labung. Wir erblicken unsern Wanderer auf demselben

Baumstamme wieder, auf dem er einst saß, als der Frühling mit seinem

Hauche das Thal durchwehete, als Blumen und Blüthen einen erquickenden

Duft verbreiteten, und ein holdes Mädchen den Fußsteig einschlug, der

sich hier von dem Hauptwege scheidet. Die Sonne hatte sein Gesicht

gebräunt, große Schweißtropfen perlten auf seiner hohen, jugendlichen

Stirn und ein längst verdorrter Veilchenstrauß, mit einem weißen

Bändchen befestigt, schmückte die weiße geöffnete Weste, die aus einem

grauen, leinenen Staubhemde hervorsah.

Wohl eine Viertelstunde hatte der junge Mann hier geruht, als er noch

einmal sorgfältig mit einem Tuche sein Gesicht von Schweiß und Staub

säuberte, dann erhob er sich rasch, als ob plötzlich ein Entschluß in

ihm zur Reife gediehen sei, warf die Reisetasche über seine Schultern,

und schlug den Fußweg zur Mühle ein.

Wie hatte sich alles rings um ihn verändert! Der kleine Teich, in

welchem das Wasser des Baches gesammelt wurde, war fast ausgetrocknet,

das Mühlrad stand still und das Geklapper der Mühle schwieg; nur das

Klopfen seines Herzens, das mit jedem Schritte heftiger wurde, fühlte

und hörte er.

Als er aus der kleinen Baumgruppe trat, sah er die Bewohner der Mühle

auf einer Wiese, welche an den Teich grenzte, mit Heumachen beschäftigt.

Auch Marie, einen großen Strohhut auf dem erhitzten Köpfchen, war unter

ihnen. Unser Freund, fast erschreckt über diesen Anblick, trat in die

Dämmerung des Gebüsches zurück und verbarg sich hinter einem Strauche,

der unfern der arbeitenden Leute am Ufer des Teiches stand. Ungesehen

konnte er nun die Gruppe beobachten und jedes ihrer Worte vernehmen.

Neben Marien bemerkte er, nicht ohne ein bitteres Gefühl, jenen jungen

Bauern wieder, dessen Gesicht er schon einmal gesehen hatte. Der Bauer

arbeitete rüstig mit seinem Rechen fort und eine fast ausgelassene

Fröhlichkeit sprach sich in seinen Zügen und seinen Geberden aus. Marie

hingegen war nachdenkend, ruhig, fast träge führte sie ihre Arbeit aus

und schien nur theilnahmlos, wohl gar mit Widerwillen auf die Scherze

zu hören, die der fröhliche Bauer mit ihr trieb, so oft er mit seinem

Rechen in ihre Nähe kam.

-- Flink, flink! rief die alte Müllerin; der Abend bricht schon an.

Marie aber, ihren Hut tiefer in das Gesicht rückend, arbeitete nicht

langsamer und nicht schneller, wie träumend bewegte sie den Rechen in

dem knisternden Grase. In dem Gebüsche am Ufer des Teiches saß der

junge Mann auf seiner Reisetasche und vergaß bei diesem Anblicke die

Beschwerlichkeiten einer Fußreise im heißen Sommer; unverwandt waren

seine Blicke auf Marien gerichtet, und nur wenn der junge Bauer sich

einen Scherz mit ihr erlaubte, blickte er, vor sich selbst erröthend,

einen Augenblick zur Seite.

Endlich hatten die Arbeiter die letzten Streifen zu Haufen geformt und

der Glanz der Abendsonne, die wie eine große dunkelrothe Kugel durch die

Waldung des am Horizonte hinlaufenden Bergrückens leuchtete, beschien

nur noch matt die hochrothen Gesichter derselben.

-- Tante, begann jetzt der junge Bauer, indem er nach der einen Seite

der Wiese sah -- als Lohn für unsere Arbeit wollen wir das Vesperbrod

auf der Insel genießen. Nicht wahr, Marie?

-- Ja, ja! antwortete Marie leise und verlegen.

-- Das ist wohl recht schön, sprach mürrisch die alte Müllerin; wir

haben diesen Abend aber noch viel zu schaffen. Die Kühe kommen heim,

wir müssen noch melken und buttern. Nach der Insel geht man nur an

Sonntagen.

-- Aber Tante --!

Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen. · 第 8 / 9 段