In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und der Ortsrichter

Valentin, von seinem Neffen Eberhard gefolgt, trat ein. Eine tiefe

Stille des Staunens und Schreckens herrschte einen Augenblick in dem

Gemache. Marie lag immer noch leblos in Konrad's Armen.

-- Was seh' ich? rief endlich Valentin -- dieser Mensch ist immer noch

hier? Und Sie, Herr Graf, fügte er mit einer Verbeugung hinzu, sollten

Sie noch nicht wissen -- --

-- Unverschämter, rief Eberhard, Du wagst es noch, dieses Haus zu

betreten? Entferne Dich, ehe die Gerechtigkeit die Hand nach Dir

ausstreckt!

Jetzt war Konrad seiner Sinne kaum noch mächtig.

-- Ha, Elender, rief er mit zornblitzenden Augen, also Du hast den Fuß

während meiner kurzen Abwesenheit in dieses Haus gesetzt? Jetzt erkläre

ich mir alles --!

-- Hinweg, befahl Eberhard, Marie ist meine Frau!

-- Deine Frau?

-- Der Ehecontract ist unterzeichnet und gerichtlich vollzogen --

hinweg, ich bin hier Herr im Hause.

Leise ließ Konrad, als ob ihn die Kraft verließe, die ohnmächtige Marie

neben dem Stuhle nieder, er selbst mußte sich an dem Tische halten, um

nicht zu Boden zu sinken.

-- Herr Graf, wisperte der Ortsrichter und zog ein Papier aus der Tasche

-- hier ist der gerichtlich bestätigte Ehecontract -- Sie wissen, die

Civilehe -- --

Der Graf schob das Papier abwehrend mit der Hand zurück, dann trat er

zu Marien, die in diesem Augenblicke sich wieder zu regen begann. Es war

ihr deutlich anzusehen, daß die feste Kraft des Geistes die Schwäche des

Körpers zu besiegen strebte.

-- Marie, sagte er ernst, wie mir scheint, bist Du das Opfer eines

nichtswürdigen Verrathes geworden -- bei dem Gotte, der die Schurken

bestraft, fordere ich Dich auf, mir Licht zu geben in dieser

fürchterlichen Verwirrung.

Mariens Blicke suchten den armen Konrad, der wie die Bildsäule des

Schmerzes und der Verzweiflung an dem Tische stand. Als sie ihn

gefunden, erhob sich das junge Mädchen mit der größten Anstrengung und

trat mit schwankenden Schritten zu ihm.

-- Konrad, flüsterte sie, was ich that, geschah aus Liebe zu Dir --

Du weißt ja, wie ich Dich liebe! Und nimmer, nimmer werde ich Dich

vergessen -- doch meide diesen Ort -- Du hast mich glücklich in der

Liebe zu Dir gesehen -- mein Elend und meine Verzweiflung sollst Du

nicht sehen -- denn ich bin die Frau des Försters Eberhard.

-- Konrad, rief entschlossen der Graf -- die Braut hast Du verloren,

doch einen Freund gewonnen, der mit allem, was ihm zu Gebote steht, für

Dein Glück sorgen wird. Und liebst Du diesen Freund, so folge ihm jetzt,

an seinem Arme sollst Du den Ort Deines Unglücks verlassen und sein

Schloß betreten, das Du so lange als Deine Heimath betrachten kannst,

bis es mir gelungen ist, einen nichtswürdigen Verrath zu entlarven!

Folge mir!

Bei den letzten Worten trat er zu Konrad und drückte den Willen- und

Gedankenlosen mit großer Bewegung an seine Brust. Dann ergriff er seinen

Arm und wollte ihn aus dem Zimmer führen.

-- Konrad! Konrad! schrie verzweiflungsvoll Marie, indem sie ihre Hände

nach ihm ausstreckte.

Der junge Mann warf noch einen Blick zurück, dann ließ er sich

schweigend von dem Grafen fortziehen.

Nach zwei Minuten hörten die in dem Zimmer bestürzt Zurückgebliebenen

das Gerassel des Wagens, der die beiden Freunde nach dem Schlosse

brachte.

-- Herr Valentin, sagte Marie mit fester Stimme und alle ihre Kraft

zusammennehmend -- nach dem Gesetze bin ich die Frau Ihres Neffen.

-- Kein Mensch kann etwas dagegen haben, antwortete der Richter -- Sie

haben meinem Eberhard das Wort gegeben und das Gesetz hat es bestätigt.

-- Das Gesetz, fuhr Marie fort; nicht aber die Kirche!

-- Das thut nichts; ist dem Gesetze Genüge geschehen, so ist es nach

unsern aufgeklärten Begriffen genug.

-- Aber nicht nach den meinigen. Hören Sie deshalb meinen Willen!

-- Was wollen Sie denn, liebe Mündel? fragte mit Ironie der Richter.

-- Ich will, sagte Marie mit Würde, daß man mich so lange als

unverheirathet betrachtet, bis der Priester dem contractlich

abgeschlossenen Ehebunde die kirchliche Weihe ertheilt. So lange bleibe

ich allein im vollen Besitze aller meiner Rechte und meines Vermögens.

-- Und wann wird der Priester sein Geschäft vollziehen? fragte Eberhard.

-- Dann, wenn ich mich dazu vorbereitet haben werde -- vielleicht

nächsten Sonntag.

-- Marie, sagte der Jäger mit Galanterie, zwar ist dieser Aufschub ein

Unglück für mein Herz, ich füge mich aber und harre!

-- Sie begreifen wohl, daß mir bis dahin die Einsamkeit wünschenswerth

ist -- --

-- Das heißt mit andern Worten -- fiel rasch und ärgerlich der Richter

ein -- wir sollen uns entfernen?

-- Vetter! sagte mahnend der Neffe, dem bei der Unterredung nicht ganz

wohl zu Muthe war.

-- Gut, schöne Mündel, eigensinnige Marie, wir gehen. Heute ist es

Montag -- es bleiben uns also noch fünf Tage Zeit, um Vorbereitungen zu

einer glänzenden Hochzeit zu treffen.

-- Treffen Sie keine Vorbereitungen, Herr Valentin!

-- Und warum nicht?

-- Weil eine stille Feier den Umständen angemessen ist.

-- Aber das Haus meines Neffen, das so reizend am Saume des Waldes

liegt, werden Sie doch beziehen.

-- Ich werde thun, was als Gattin meine Pflicht ist!

Marie grüßte und ging in ihr Schlafzimmer, dessen Thür sich in dem

Stübchen öffnete.

Vetter und Neffe verließen das Haus und theilten sich unterwegs ihre

Besorgnisse wegen Mariens Absichten mit.

-- Der Contract ist nach allen Formen richtig abgeschlossen -- meinte

der Richter -- will Deine Frau die eingegangenen Verpflichtungen nicht

erfüllen, wird sie das Gesetz schon dazu anhalten.

Der Abend fand Eberhard und Graff in dem Wirthshause wieder beisammen,

wo sie auf das völlige Gelingen ihres Planes eine Flasche um die andere

leerten und die Civilehe hoch leben ließen.

7.

Während Marie einsam in ihrem Stübchen weinte und sich von aller

Welt absonderte, bewohnte Konrad ein Zimmer auf dem Schlosse seines

Gutsherrn. Röschen, der die Besorgung der kleinen Wirthschaft ihres

Bruders allein oblag, besuchte ihn jeden Tag und berichtete, was man im

Dorfe über den Vorfall sprach.

-- O mein Gott, rief er aus, hätte mich Marie auf die schändlichste

Art von der Welt betrogen, ich würde mich zu trösten wissen und sie mit

Verachtung bestrafen, wie sie es in diesem Falle verdiente -- so aber

ist sie selbst ein Opfer ihrer Liebe zu mir geworden und ich habe ein

treues Mädchen verloren!

Der Graf, dem das Geschick des armen Konrad tief zu Herzen ging,

hatte vergebens sich bemüht, ihn zu einem Antrage auf gerichtliche

Untersuchung und Aufhebung des erzwungenen Ehecontracts zu bewegen; er

hatte sich aber stets entschieden dagegen ausgesprochen, da er Marien

nicht in eine Untersuchung verwickeln wollte. Im Grunde des Herzens

hoffte er indeß, Marie selbst würde Schritte thun, ihre Freiheit wieder

zu erlangen, und in dieser Voraussetzung, die mit jedem Tage mehr zur

Gewißheit wurde, lebte er wie ein Einsiedler unthätig im Schlosse;

als er aber von Röschen hörte, daß am Sonntage die kirchliche Trauung

stattfinden sollte, schwand sein letzter Hoffnungsstrahl, er kündigte

dem Grafen an, daß er nach Amerika auswandern würde. Obgleich der

Umstand, daß Konrads Hut in den Ruinen gefunden sei, den Grafen ein

vorbereitetes Bubenstück ahnen ließ, so stand er dennoch von einer

gerichtlichen Untersuchung ab und fügte sich Konrads dringendem Wunsche,

zumal da jede Vermuthung des Thäters ihm fehlte. Heimlich aber hatte

er dennoch bei dem Landrathe Anzeige von dem Angriffe auf seine Person

gemacht und auf genaue Vigilirung in der Gegend angetragen.

Denselben Sonntag, den Valentin zur Trauung seines Neffen mit Marien

erwartete, hatte auch der Baron zur Verbindung seiner Mündel Emma mit

dem jungen Grafen festgesetzt und es wurden die Vorbereitungen dazu auf

das Eifrigste betrieben. Dies gab dem gräflichen Bräutigam Veranlassung,

öfter den Edelhof des Barons zu besuchen und seinen Freund Konrad sich

selbst zu überlassen, der am folgenden Tage die Gegend und das Land

meiden wollte. Er fürchtete des Grafen Zureden, deshalb faßte er den

festen Entschluß, heimlich seine Reise anzutreten.

Der Donnerstag hatte sein Ziel erreicht und die Nacht lag auf der Erde,

als Konrad das Schloß verließ und langsam dem Dorfe zuging. Er wollte

von seiner Schwester Abschied nehmen. Unbekümmert um den Weg, den er

eingeschlagen, stand er plötzlich still und faßte seine Umgebung in's

Auge -- er befand sich an Mariens Gartenthür, neben welcher die Laube

lag, wo er im Frühling Abschied von ihr genommen, als er in den Krieg

zog. Unwillkührlich trat er an den Zaun und sah sinnend durch die

Blätter, die ein leichter Abendwind von Zeit zu Zeit leise rauschen

ließ.

Plötzlich glaubte er Schritte zu vernehmen -- er verdoppelte seine

Aufmerksamkeit -- er hatte sich nicht getäuscht -- die Schritte kamen

näher und knisterten zuletzt leise im Sande der Laube.

-- O mein Gott, dachte Konrad, wenn es Marie wäre!

Er hatte Mühe, bei diesem Gedanken den Ausbruch seiner Bewegung zu

verhindern. Mit angehaltenem Athem blieb er stehen und sah starr nach

der dunkeln Laube, von der ihn nur die Blätter des Zaunes trennten.

Noch war er unschlüssig, ob er bleiben oder gehen sollte, als ein lautes

Weinen an sein Ohr schlug. Ein Laut genügte, um ihn Mariens Stimme

erkennen zu lassen. Auch dem jungen Manne traten die Thränen in die

Augen und die kaum erlangte Fassung verscheuchte der heftigste Schmerz

um das geliebte Mädchen.

-- Die Kraft verläßt mich -- hörte er Marien mit sich selbst reden --

ich kann des Försters Frau nicht werden -- und Konrad flieht mich --

er unternimmt nichts für sein Mädchen, giebt es dem Schmerze und der

Verzweiflung preis -- o mein Gott, mein Gott!

-- Marie! Marie! rief Konrad unwillkührlich und sank zitternd auf die

Knie in das bethaute Gras nieder.

-- Himmel! rief die Stimme in der Laube -- wer ruft mich?

-- Marie, nur ein Wort, ehe ich von Dir scheide!

-- Konrad, Du kommst zu mir, zu dem Mädchen, das Du hassen solltest,

denn es hielt Dich fähig, ein Verbrechen zu begehen --?

Als ob ihn eine unsichtbare Gewalt dazu antriebe, raffte sich der junge

Mann empor, riß die Gartenthür auf und stürzte in die Laube, in der

Marie weinend am Boden lag.

-- Konrad, rief sie ihm entgegen, ich bin ein elendes, unglückliches

Geschöpf! Kannst Du mir verzeihen? Wirst Du mich nicht hassen?

-- Nein, Marie, ich beklage Dich und liebe Dich immer noch mit der

ganzen Kraft meines Herzens.

Sanft zog er das bebende Mädchen empor und drückte einen innigen, langen

Kuß auf ihre glühende Stirn.

-- Marie, Dein Schicksal betrübt mich mehr, als das meinige, denn Du

mußt den Jugendfreund vergessen, und die Liebe, welche das Glück Deines

Lebens machen sollte, wird Dir zur bittersten Qual.

-- Konrad! Konrad!

-- Sieh, fuhr Konrad fort, indem er seinen Arm um ihren Hals schlang --

ich bin glücklicher, als Du, denn mein Herz ist frei, es kann Dir treu

bleiben und Dich lieben -- mich fesselt kein anderes Band, ich kann

meinen letzten Seufzer zu Dir senden, ich kann sterben mit Deinem Namen

auf den Lippen -- darum weine nicht über mich -- ich bin ja weniger zu

beklagen, als Du!

Mit bebenden Armen klammerte sich Marie an Konrad und hielt ihn

krampfhaft einige Minuten umschlungen.

-- Jetzt fasse Dich, sagte Konrad, ich scheide, um Dir die Erfüllung

Deiner Pflicht nicht zu erschweren.

-- O mein Gott, laß mich sterben, denn das Leben macht mich elend!

-- Komm, Marie, in Dein Haus, ehe uns ein Späherauge belauscht -- ich

begleite Dich bis zur Schwelle, dann lebe wohl!

Langsam gingen beide durch den vom Sternenlichte erhellten Garten. Als

sie an der Thür des Hauses waren, drückte Konrad schweigend den letzten

Kuß auf Mariens Lippen, entwand sich ihren Armen und eilte in die Nacht

hinaus. Ohne eine bestimmte Absicht zu haben, folgte er dem Fußwege, den

er betreten, sein Kopf glühte in Fieberhitze, und je mehr er sich von

Mariens Wohnung entfernte, je mehr steigerte sich sein Schmerz zum

Lebensüberdruß.

Wohl eine Viertelstunde war er durch Gebüsche und Felder geirrt, als ihm

plötzlich eine weite Fläche entgegenblinkte. Es war der Teich, dessen

Wasser Philipp's Mühle trieb. Mit einem unheimlichen Lächeln blieb er

stehen und sah auf den ruhigen Spiegel des schilfbedeckten Weihers. Der

Abend war still, nichts regte sich in der schweigenden Natur, das ferne

monotone Geklapper der Mühle, deren erleuchtetes Fenster wie ein Stern

flimmerte, war das einzige Geräusch, das an das Ohr des unglücklichen

Konrad schlug.

-- Nein, flüsterte er endlich vor sich hin -- ich will die Last des

Lebens wenigstens hier nicht von mir werfen, daß Marie sich meinen Tod

nicht zum Vorwurf machen kann, sie ist ja schon unglücklich genug. Fort,

rief er aus, indem er abwehrend die Hände gegen den Weiher streckte --

fort, daß mich der Dämon nicht erfaßt -- überall wüthet der Krieg,

er nehme mich als sein Opfer, dann sterbe ich einen Tod, den die

öffentliche Meinung nicht zum Verbrechen stempelt!

Rasch wandte er dem Ufer den Rücken und eilte einem Gehölze zu, dessen

Umrisse sich von dem gelben Stoppelfelde in phantastischen Gestalten

absonderten. Das Feld war durchschritten und Konrad stand an einer

lebendigen Hecke, die ein freundliches Jägerhaus umschloß. Aus einem

Fenster des Erdgeschosses, das bis zur Hälfte von den Blättern und

Ranken des Zaunes bedeckt ward, schimmerte ihm ein Licht entgegen.

-- Himmel, flüsterte Konrad überrascht -- ist das nicht das Haus des

Försters Eberhard, des Mannes der unglücklichen Marie? Führt mich der

Zufall hierher, oder hat mich die Hand des Schicksals geleitet? Ha,

Bube, rief er aus und drohete mit der geballten Faust dem Fenster zu --

Du bist der Teufel, der zwei Menschen unglücklich macht, Du trägst die

Schuld, daß Marie weint und ich von Verzweiflung getrieben die Welt

durchirren muß! Herr Gott im Himmel, hast Du mich hierhergeführt, daß

ich Mariens Bande brechen soll, o so gieb mir ein Zeichen und mache mich

zum Werkzeuge Deiner Vorsehung!

Ein lautes Klopfen an des Hauses Thür, die sich auf der

entgegengesetzten Seite befand, gab dem jungen Manne Antwort auf diese

Frage, die ihm die Verzweiflung erpreßt. Lauschend blieb er stehen.

-- Wer klopft? fragte Eberhard's Stimme in dem Hause.

-- Ich -- Graff! war die Antwort an der Thür.

-- Wer es auch sei, ich öffne um diese Stunde nicht!

-- Eberhard, öffne die Thür!

-- Komm morgen wieder!

-- Oeffne, ich muß Dich sprechen in Deinem Interesse!

Das Gespräch schwieg. Statt seiner hörte Konrad das Oeffnen der Thüren

und Schritte im Innern des Hauses. Von einer Ahnung getrieben, als ob er

ein wichtiges für sein Leben entscheidendes Geheimniß entdecken würde,

bog er leise die Zweige und Blätter zurück und steckte den Kopf durch

eine Oeffnung des Zaunes, daß er durch das Fenster das beleuchtete

Zimmer völlig übersehen konnte. Kaum hatte er diese Stellung

eingenommen, als er Eberhard und Graff durch die Thür eintreten sah.

Eberhard trug einen schlichten Hausrock, Graff war mit Gewehr und

Hirschfänger bewaffnet.

Konrad hörte deutlich folgendes Gespräch, das sich zwischen den beiden

Jägern entspann.

-- Nun, sagte Graff eintretend, Du bist wohl in Deinem Glücke so

übermüthig geworden, daß Du den Freund und Genossen im Hofe warten läßt,

als ob er Dein Treibjunge wäre? Ich dächte, wenn ich komme, müßten alle

Thüren offen stehen!

-- Was willst Du? Was führt Dich zu mir? fragte verdrießlich der

Revierförster.

-- Unsere Sicherheit, und mehr noch ein gutes Geschäft.

-- Ein gutes Geschäft -- was soll das heißen?

-- Du weißt doch, daß der junge Graf Rudolph die Gräfin Emma von Linden

heirathet und daß die Braut dem Bräutigam ein beträchtliches Vermögen

zubringt?

-- Nun? fragte Eberhard.

-- Nun, Herr Compagnon, habe ich diesen Nachmittag in Erfahrung

gebracht, daß der Graf diese Nacht das Schloß des Barons von H. verläßt

und zwanzigtausend Thaler in Golde mit sich führt -- dieses Sümmchen

soll der Braut den Weg in das Haus des Gemahls bahnen -- er will vor der

Hochzeit noch einige Wechsel damit einfangen, damit man ihn nicht fängt.

-- Was kümmert das mich? sagte Eberhard gleichgültig.

-- Gegen Mitternacht wird er in seinem Jagdwagen allein nach Hause

zurückkehren -- sein Weg führt ihn an den Steinbrüchen vorbei --

-- Himmel, rief der Förster, solltest Du vielleicht noch einmal auf den

Gedanken kommen -- --

-- Ah, verstehst Du mich endlich? rief Graff mit heiserm Lachen --

Nicht wahr, es wäre doch jammerschade, wenn die schöne Summe mit in den

Steinbrüchen begraben würde. Das Geschäft ist von doppeltem Nutzen:

wir entledigen uns eines gefährlichen Menschen, der unsere Püffe in den

Ruinen der Abtei nicht vergessen kann, und werden auf einmal reich -- Du

freilich sitzest schon in der Wolle, denn Du heirathest ein niedliches

Mädchen und eine eben so niedliche Meierei -- aber ich mit meiner Fratze

kann an Heirathen nicht denken, ich muß auf ein anderes Mittel sinnen,

mir ein Vermögen zu erwerben -- und siehe da, meinem Scharfsinn ist

es gelungen -- Du bist mein Freund, Eberhard, Du sollst von diesem

Geschäfte den dritten Theil erhalten, mehr gebrauchst Du nicht, um für

einen wohlhabenden Mann zu gelten -- ich lade Dich hiermit feierlichst

dazu ein.

Dem Lauscher am Fenster erstarrte das Blut in den Adern, ihm war, als

ob ein Traum seine Sinne umnebelte. Mit aller Kraft, die ihm zu Gebote

stand, behauptete er seine Stellung, um den Ausgang des Gesprächs zu

erfahren, denn so viel war ihm trotz seines Zustandes klar, daß eine

bloße Anzeige ohne Beweise nicht nur ohne Nutzen, sondern selbst von

Nachtheil für ihn sein könnte. Der Gedanke, Marie ist durch die Civilehe

an einen Raubmörder gekettet, gab ihm Kraft zur Ausdauer.

-- Ich folge Dir nicht, hörte er Eberhard sprechen. Du hast mich einmal

zu einem Verbrechen verleitet, aber nie wird es wieder geschehen!

-- Beim Himmel, rief Graff, die Civilehe scheint Dein Gewissen sehr zart

gemacht zu haben!

-- Nicht die Ehe, sondern das geraubte Geld -- dort liegt es im Schranke

-- ich mag es nicht berühren! Könnte ich mit der Zurückgabe desselben

meine Ruhe wieder erkaufen, ich würde mich ohne Bedauern davon trennen.

O, daß ich Deinen Worten Gehör gegeben habe! Fliehe, Du bist der Teufel,

der mein Leben vergiftet!

-- Sieh, mein Bürschchen, wie klug Du redest! Das Geld verachtest Du

jetzt, weil Du ein reiches Mädchen geheirathet hast -- wie aber, mein

wackerer Freund, wenn ich nicht auf den Gedanken gekommen wäre, durch

die Zurücklassung des Hutes in den Ruinen den Bräutigam Marien's

zu verdächtigen, daß sie ihm den Abschied geben und aus Angst Dich

heirathen mußte -- wie aber, frage ich, stände es jetzt mit Dir? Glaubst

Du denn, daß Marie den Konrad hätte fahren lassen, nur um Dir den Vorzug

zu geben? Hätte mein Scharfsinn das Netz nicht gewebt, Du hättest sicher

den Vogel nicht gefangen, der Dich stolz und Dein Gewissen zart macht

-- Du säßest jetzt im Schuldgefängnisse und sähest durch die Eisenstäbe

Deines Fensters, wie andere Leute sich des Lebens freuen.

-- Laß' mich Graff, ich will künftig als rechtlicher Mann leben!

-- Ha, ha, ha! lachte der Jäger -- glaubst Du denn, daß man nach

Belieben aufhören kann, wenn man einmal angefangen hat -- das wäre sehr

bequem -- Nein, mein Junge, ich brauche Dich, und Du mußt mitgehen,

oder -- --

-- Oder? wiederholte Eberhard.

-- Oder ich beweise Dir, sagte der Jäger in einem drohenden Tone -- daß

Du mir Gehorsam schuldig bist!

-- Mensch, rief der Förster, laß mich in Ruhe!

-- Wenn Du Deine Pflicht gegen mich erfüllt hast!

-- So nimm das Geld aus dem Schranke und geh'!

-- Wie, den Freund willst Du mit Geld abkaufen?

-- Du bist nicht mein Freund, ich schäme mich Deiner!

-- Nicht Dein Freund? Oho, wer bin ich denn? fragte Graff mit

wutherstickter Stimme.

-- Mein Teufel bist Du!

-- Aber doch Dein guter Teufel?

-- Geh' aus meinem Hause! rief Eberhard, den die Ironie des Jägers fast

zur Verzweiflung brachte.

-- Höre noch ein Wort, Freund Eberhard, ehe Du mich aus Deinem Hause

jagst: Bist Du mit dem Schlage elf Uhr nicht in dem Wirthshause des

alten Kaspar, um mich zu begleiten, so gehe ich morgen früh zu Marien

und entdecke ihr das süße, unschuldige Geheimniß ihres Mannes -- hast Du

gehört?

-- Allmächtiger Gott, das wolltest Du thun? Graff, nimm jenes Geld aus

dem Schranke, es fehlt kein Thaler daran -- nimm es, aber laß' mich in

Ruhe! Geh, geh, Du fürchterlicher Mensch!

-- Ohne Dich keinen Schritt!

-- Bedenke, daß wir ein neues Verbrechen auf unsere Seele laden!

-- Eins oder zwei -- das ist ganz gleich! Feigling, lachte der Jäger, Du

fürchtest Dich, ein kluger Mann zu sein?

-- Du lachst noch? fragte Eberhard mit Schaudern.

-- Ja, ich lache Freund, um Dir meine Achtung zu beweisen! Noch einmal

wähle: willst Du zu dem =Rendez-vous= kommen, oder soll ich gehen -- Du

weißt wohin?

-- Mensch, ist das Dein Ernst?

-- Bei meiner Jägerehre, die ich nie verletzte!

-- Noch einmal, Graff --!

-- Nicht ein Wort -- ja, oder nein?

Eine Pause trat ein. Die beiden Jäger in dem Zimmer standen sich

einander gegenüber, Konrad am Fenster wagte nicht zu athmen, obgleich

ihm ein unnennbares Gefühl die Brust zersprengen wollte.

-- Gut, ich komme! sagte endlich Eberhard. Aber nur unter einer

Bedingung.

-- Nenne sie!

-- Daß kein Blut vergossen wird.

-- Narr, ein halbes Geschäft ist keins. Wenn uns der Graf nun erkennt?

Sieh', ich bin auf Deinen Vortheil bedacht: ich mache mich aus dem

Staube, so bald ich das Geld habe, das kannst Du nicht, Du mußt bei

Deiner Frau bleiben -- mir ist es ganz gleich, ob der Graf mit heiler

Haut davon kommt oder nicht -- Dir, dem Zurückbleibenden, muß alles

daran liegen, die Zeugen bei Seite zu schaffen -- also sei gescheit und

folge mir!

-- O furchtbar, furchtbar! Ich soll einen Mord auf mein Gewissen laden!

-- Nein, das sollst Du nicht, das Außerwesentliche ist meine Sache -- Du

nimmst nur das Geld! Also Schlag elf Uhr an dem Wirthshause -- auf der

Bank, wo wir den verhängnißvollen Hut mit dem rothen Bande eroberten.

Auf Wiedersehen, Kamerad!

Jetzt zog sich Konrad behutsam aus der Hecke zurück, sandte einen Blick

des Dankes zum Himmel empor und lief mit einer solchen Schnelle den Weg

über das Stoppelfeld zurück, daß er nach kaum zehn Minuten keuchend an

Philipp's Mühle stand. Er traf den jungen Müller auf der Bank unter

der Linde, wo er einem kleinen Kreise Zuhörer die Scene schilderte, wie

Konrad das Leben des Gutsherrn gerettet hatte.

-- Willkommen, Konrad! riefen alle, als sie ihn erkannten, und umringten

ihn freudig, denn sie wußten um sein hartes, unverdientes Schicksal und

beklagten ihn von Herzen.

-- Philipp, flüsterte der Angekommene, ich muß Dich allein sprechen!

-- Mein Gott, Konrad, Du bist außer Athem -- was ist geschehen?

-- Noch nichts; doch komm auf einen Augenblick in Dein Haus.

Die beiden jungen Leute verschwanden in der Mühle. Die Zurückgebliebenen

unter der Linde äußerten laut ihre Befürchtungen, sie schlossen

aus Konrads hastiger Ankunft, Mariens Verlust habe ihm den Verstand

zerstört.

Die Uhr im Dorfe schlug zehn und der kleine Kreis der Nachbarn wollte

sich eben trennen, als Konrad und Philipp eilig aus der Mühle traten.

Letzterer trug die Uniform seines Regiments, einen alten Säbel an der

Seite und ein Jagdgewehr auf der Schulter.

-- Wohin? riefen die Leute erstaunt.

-- Zum Appell! war die Antwort der eilenden Männer, die im nächsten

Augenblicke schon in dem Dunkel verschwunden waren. Auf einem Platze

im Dorfe trennten sie sich wieder, Konrad, um seine Uniform und Waffen

anzulegen, Philipp, um den dritten Kameraden zu holen.

Röschen empfing den Bruder mit einem lauten Freudengeschrei. Dieser

grüßte kaum und stürzte in seine Kammer. Die Schwester folgte ihm.

-- Konrad, rief Röschen, deren Freude sich in Schreck verwandelt hatte

-- Du willst doch nicht wieder in den Krieg ziehen, daß Du die Uniform

hervorsuchst?

-- In den Krieg, war die rasche, freudige Antwort -- in den Krieg, um

mir meine Marie wieder zu erobern!

Röschen brach in ein lautes Schluchzen aus, denn sie glaubte, der Bruder

sei wahnsinnig geworden.

-- Bruder, ich lasse Dich nicht von der Stelle!

-- Warum nicht? fragte Konrad lächelnd, indem er den Soldatenrock anzog.

-- Wie Du glühst -- Du bist krank!

-- Du irrst, Schwester, ich war in meinem Leben nicht so gesund, als

eben jetzt.

-- Aber wo willst Du hin?

-- In den Krieg!

-- Konrad, Konrad, was soll ich glauben? Diese Antwort, -- Deine

funkelnden Blicke --!

Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen. · 第 7 / 9 段