zu thun!
-- Die Bohnen werde ich pflücken, und das Buttern werde ich auch
besorgen -- entgegnete rasch der Vetter -- aber seien Sie gut, liebe
Tante, und geben Sie uns nur eine Viertelstunde, daß wir als gute
Christen unser Vesperbrod ruhig verzehren können. Sehen Sie, dort liegt
der Kahn, ich habe ihn heute Mittag schon vorbereitet. Der Teich enthält
noch Wasser genug, um Marien und mich zu tragen.
Die Tante, oder vielmehr die Mutter, antwortete mit einem trübseligen
Lächeln, mit einem Lächeln, das dem Lauscher in seinem Verstecke das
Herz durchschnitt. Der Vetter verstand dieses Lächeln, fröhlich ergriff
er die Hand seiner Base und zog sie dem Ufer zu. Marie fügte sich; als
ob sie dem Vetter entgehen wollte, sprang sie leicht wie ein Reh in den
kleinen Kahn; in der Hand hielt sie ein Stück Brod mit Käse. Der Bauer
folgte ihr, stieß bei dem Hineinspringen das winzige Fahrzeug durch
einen kräftigen Fußtritt vom Ufer ab, daß es rauschend nach der Mitte
des Teiches fuhr, und nahm singend neben der jungen Müllerin Platz,
welche ruhig ihr Vesperbrod verzehrte. Nach einigen Minuten hatten sie
ihr Ziel erreicht, nämlich eine kleine Insel, auf deren Moosboden eine
Gruppe wilder Rosen und Akazien sich erhob. Da, wo der Kahn an das
Ufer stieß, hing eine Thränenweide ihre trauernden Zweige auf den
Wasserspiegel herab.
Marie stieg zuerst an das Ufer und setzte sich an dem Stamme der
Thränenweide in das Moos. Den Rest ihres Brodes, von dem sie nur wenig
gegessen, zerbrach sie in kleine Stücke und warf eins nach dem andern
in den Teich. Nicht lange, so hatte sich eine Heerde Fische versammelt,
welche sich munter nach den Bissen herumtummelten, daß der ruhige
Wasserspiegel in weiten Kreisen erglänzte.
-- Nun, Marie, sprach der Vetter, als er neben ihr saß und mit Appetit
zu essen begann, Du giebst den Fischen Dein Brod; hast Du keinen Hunger?
-- Nein, antwortete das Mädchen, die Hitze ist so groß, daß ich nicht
essen kann. Und dabei sah sie träumend dem Spiele der Fische zu.
-- Ich werde Dir Appetit machen! rief der junge Bauer und wollte einen
Kuß auf den blühenden Mund der Jungfrau drücken.
-- Vetter, zürnte das Mädchen mit drohender Geberde, noch bin ich nicht
Deine Frau!
-- Aber in acht Wochen spätestens wirst Du es sein, und darum denke
ich -- --
-- Höre, Vetter, wir sind jetzt allein, begann ernst das Mädchen, darum
wollen wir einmal ernstlich darüber reden.
-- Rede, liebe Marie, ich bin ganz Ohr.
Der Lauscher am jenseitigen Ufer wagte nicht zu athmen; mit vorgebogenem
Haupte saß er da und lauschte der Worte, die deutlich durch den stillen
Abend an sein Ohr schlugen.
-- Du weißt, daß Du diesen Herbst Soldat werden mußt, sprach Marie in
einem bedächtigen Tone; dringe also nicht darauf, daß unsere Hochzeit
angesetzt werde. Wir wollen sie verschieben, bis Deine Dienstzeit
vorüber ist.
-- Wer sagt Dir denn, antwortete lachend der Vetter, daß man mich nimmt?
Ich habe hundert Thaler zu meiner Loskaufung bestimmt, und mit einer
solchen Summe kann sie mir nicht fehl schlagen. Außerdem nimmt man
einen verheiratheten Mann auch nicht gleich zum Soldaten. Bin ich
verheirathet, habe ich einen Grund mehr, auf meine Freilassung zu
dringen.
-- Aber bedenke, fuhr Marie in einem betrübten Tone fort, wenn man Dich
dennoch nimmt!
-- Man wird mich nicht nehmen, mein liebes Bräutchen, sondern ich nehme
Dich. Deine Mutter will es, und wir müssen gehorchen. Laß Dir kein
graues Haar wachsen, Dein Mann wird kein Soldat!
Marie stand auf und bestieg schweigend den Kahn wieder. Der Vetter
folgte und ruderte singend dem Ufer zu. Als beide über die Wiese der
Mühle zuschritten, an deren Thür die Mutter ihrer wartete, trat der
Fremde, seine Reisetasche über den Schultern, aus dem Wäldchen hervor
und schritt hastig den Fußsteig entlang. Indem er an dem Baumstamme
vorüberging, rollte eine Thräne über seine gebräunte Wange. Noch ehe die
Nacht zur Erde niedersank, hatte er das nächste Städtchen erreicht; eine
Extrapost nahm ihn auf, um ihn nach B. zu führen, wo der Vater seiner
Rückkehr harrte.
3.
Julius F. war einer der wenigen jungen Männer, welche bei ziemlich
bedeutendem Vermögen und in unabhängigen Verhältnissen aus reiner Liebe
zu den Wissenschaften selbst auf der Universität H. zwei Jahre lang
ernsten Studien obgelegen hatte. Sein fester Charakter, gepaart mit
einem echt poetischen Gemüthe, trug das Wesentliche dazu bei, daß er
nach vollbrachter Studienzeit mit einem nicht gewöhnlichen Schatze von
Kenntnissen in seine Vaterstadt zurückkehrte, wo er einige Wintermonate
hindurch dem Dienste der Musen lebte. Als der Mai mit seinen schönen
Tagen in das Land kam, litt es ihn nicht länger in seinem Studirzimmer,
er folgte dem Drange seines Herzens, und unternahm eine größere Fußreise
durch die schönsten Gauen seines deutschen Vaterlandes. Auf dieser Reise
war es, als wir den für die Schönheiten der Natur begeisterten jungen
Mann in dem Eingangs beschriebenen Thale antreffen, als er die schöne
Müllerin singen hörte, sie bewunderte, ihr folgte und entzückt von ihrem
Anblicke um einen Strauß Veilchen bat, den sie ihm, wie wir bereits
wissen, auch willig mittheilte. Mit dem Bilde des jungen Mädchens im
Herzen, das seine Phantasie, jemehr sie sich mit ihm beschäftigte,
nach und nach zur Göttin gestaltete, die von dem Heiligenscheine der
entzückenden Natur des Thales umgeben, ihn im Wachen und im Traume
beschäftigte, durchwanderte er Westphalen und kam an die romantischen
Ufer des Rheins. Erstaunt betrachtete er die großartige Landschaft von
felsiger Höhe herab, die Brust hob sich begeistert bei dem Rauschen der
mächtigen Wogen und der Geist schweifte in das Mittelalter zurück, in
dem die jetzt nur bemoos'ten Ruinen noch prächtige Schlösser waren, weit
und breit den Rheingau beherrschend. Doch überall belebte die schöne
Müllerin die Landschaft, er sah sie als Lorelei auf dem grauen Felsen
sitzen und ihr Syrenenlied singen; er sah sie als schmuckes Burgfräulein
aus dem hohen Thore der Ruine treten, oder auf dem hohen Söller
lustwandeln -- wohin er blickte, stand die liebliche Dirne, und eine
Sehnsucht wurde in ihm wach, die nur der kennt, der in den Fesseln der
ersten Liebe schmachtete.
So wanderte er die Ufer des Rheinstromes hinauf bis zum Bodensee, er
durchmaß die Thäler und bestieg die Berge der Schweiz, er sah auf
dem Rigi das großartigste Naturschauspiel der Welt, den Aufgang
und Untergang der Sonne: überall ward sein Geist zum Staunen, zur
Bewunderung hingerissen, doch das Herz blieb theilnahmlos, es trauerte.
Nur wenn Abends der Kuhreigen durch das Alpthal erklang, wenn das
feierliche Geläut der Vesperglocken durch die stille Luft zitterte und
der Senne am Arme einer schmucken Sennerin in seine Hütte heimkehrte,
dann malte sich seine Phantasie ein Bild, an dem das Herz theilnahm,
denn es konnte sich in Wehmuth und Sehnsucht ergießen.
Fast unwillkührlich kehrte er denselben Weg zurück, den er gekommen war,
und ehe er es sich versah, saß er wieder auf dem Baumstamme, der an dem
Fußsteige zur Mühle stand. Was dann geschah, wissen wir: er belauschte
die Scene auf der kleinen Insel, erfuhr das Heirathsprojekt der alten
Müllerin, und verließ mit noch schwererem Herzen das Thal seiner Träume,
als er es betreten hatte.
Mit geschlossenen Augen in die Ecke seines Postwagens gelehnt,
wiederholte er in Gedanken noch einmal alles, was er bei der Mühle
gesehen und gehört. Es stand noch so deutlich vor seinem Gedächtnisse,
daß er an der Wahrheit desselben zu zweifeln durchaus keinen Grund
hatte. Der bausbackige Vetter trat jetzt wie ein zerstörender Dämon in
alle seine Bilder und je fürchterlicher ihm dieser Mensch wurde, desto
reizender erschien ihm Marie, desto größer ward seine Sehnsucht nach
ihr. Der Gedanke, sie wird in kurzer Zeit das Weib eines andern,
das Weib eines so materiellen Menschen, als dieses Vetters, fiel mit
Centnerlast auf seine Brust, und wie alles, was schon halb oder ganz
verloren ist, den Reiz, zu besitzen, stets verdoppelt, so gesellte sich
zu der Sehnsucht auch noch Eifersucht, den qualvollen Zustand seines
Herzens zu erhöhen.
-- Nein, nein, rief er halblaut aus und warf sich in die andere Ecke des
Wagens, Marie liebt ihn nicht! Wie kann ein Engel sich zu einem Dämon
gesellen, wie kann ein Lamm mit einem Wolfe in einer Hütte wohnen? Und
Marie ist schön wie ein Engel, unschuldig wie ein Lamm! Diese zarte
Blume darf nicht von rohen Händen gepflückt werden, der Schöpfer hat sie
erschaffen für den, der sie versteht, der ihre Schönheit begreift und
den Schatz zu würdigen weiß!
Sinnend blickte er in die prachtvolle Sommernacht hinaus, die ruhig über
der schlummernden Landschaft lag. Würzige Düfte, durch die Kühle des
Nebels der üppigen Saatflur entlockt, schwängerten die stille Luft,
einige zackige und durchsichtige Wolken bedeckten das melancholische
Licht des Mondes, der wie ein stiller Wächter am Firmamente schwebte und
die fernen Gebirgsketten in phantastischen Gestalten erscheinen ließ.
Es war eine Nacht, wie sie sein muß, um die süße Qual der Liebe auf den
höchsten Gipfel zu steigern. Eine feierliche Ruhe lag über der ganzen
Natur ausgegossen, die nur von dem eintönigen Rollen der Räder und von
Zeit zu Zeit durch die rauhe Stimme des Postillons unterbrochen wurde.
-- Aber würdest _Du_ auch glücklich mit ihr werden, fragte er sich
plötzlich, würde Marie, das einfache Müllermädchen, das Wesen sein, das
Dich beglücken kann? O gewiß, fuhr er nach einer Pause fort, sie wird
mich beglücken, denn sie ist unschuldig und schön, schön wie die Engel
des Paradieses!
Aus dem ganzen Benehmen Marien's gegen den Bräutigam, den die Mutter
für sie bestimmt, glaubte Julius annehmen zu können, daß sie gegen ihre
Neigung in die Verbindung einwilligen würde. Suchte sie nicht den
Vetter zu bewegen, noch so lange zu warten, bis seine Befreiung von dem
Soldatenstande entschieden sei? Ein Mädchen, das wahrhaft liebt, sucht
die Heirath mit dem Manne ihres Herzens nicht zu verschieben, es sucht
sie zu beschleunigen. Und vor allen Dingen, warum war sie so traurig und
nachdenkend? Warum verweigerte sie dem Bräutigam einen Kuß? Sollte sie
eine andere Neigung, die sie geheim zu halten Gründe hatte, veranlaßt
haben? -- Julius fühlte eine brennende Hitze sich über sein ganzes
Gesicht verbreiten, als der Gedanke, aber nur ganz leise, in ihm
auftauchte: wenn _Du_ die Veranlassung dazu wärst? Wenn auch bei Marien
die wenig Minuten der Unterhaltung, wie bei Dir, hingereicht hätten,
eine ernste Leidenschaft zu entzünden? Bildet sich nicht in einem
Augenblicke der Funke, der ein großes Feuer anfacht?
Diese Reflexion erzeugte in dem jungen Manne den festen Vorsatz, noch
vor Ablauf der acht Wochen, welche nach des Vetters Aussage bis zur
Hochzeit verstreichen könnten, in das Thal zurückzukehren und Marien's
Herz zu ergründen, denn er hielt es für Pflicht, das arme Mädchen dem
Verderben zu entreißen, das ihm ein vielleicht eigennütziger Plan der
Mutter bereitete.
Beruhigt setzte er seine Reise fort und langte am dritten Tage in seiner
Heimath an. Doch ein neuer Schlag des Schicksals erwartete ihn an der
Schwelle des väterlichen Hauses. Der Vater lag an einem schleichenden
Fieber schwer krank darnieder und die Aerzte fürchteten, daß er seiner
vor einigen Jahren vorangegangenen Gattin folgen würde. Trostlos warf
sich Julius an dem Krankenbette des geliebten Vaters nieder und vergaß
über den heftigen Schmerz die Neigung seines Herzens. Tag und Nacht
widmete er dem theuern Kranken die zärtlichste Sorgfalt und Pflege, die
Aerzte erschöpften ihre Kunst; doch umsonst: als die ersten Herbstnebel
die Fluren deckten, stand Julius weinend an der Bahre seines Vaters.
Julius hatte sein fünfundzwanzigstes Jahr zurückgelegt, er war
volljährig und konnte als einziger Sohn über das nicht unbedeutende
Vermögen des Verstorbenen verfügen. Als die Wunden des Schmerzes
einigermaßen verharrscht waren, ordnete er die Angelegenheiten seines
Hauses; da er dies um so lieber that, als die Beschäftigung ihm
Zerstreuung gewährte, hatte er in kurzer Zeit alles beendet, was ihm zu
thun oblag, und sein Studirzimmer empfing ihn wieder. Doch bald tauchte
auch die Erinnerung an Marien wieder auf und die sonst allmächtigen
Musen vermochten sie nicht zu verbannen, selbst des Vaters Angedenken
trat zurück vor dem lichtumflossenen Bilde der Fee des Thales.
-- Was hindert mich, sprach er zu sich selbst, der Neigung meines
Herzens zu folgen? Warum trage ich die Schmerzen, deren Heilung in
meiner Macht steht? Fort in das Thal, vielleicht ist das Geschick mir
hold!
4.
Der Herbst mit seinen Stürmen hatte den Sommer vertrieben und auch
er schickte sich bereits an, dem Winter das Feld zu räumen, als ein
eleganter Reisewagen mit zwei Postpferden bespannt durch das Thal bei D.
fuhr. Wo der Fußweg zur Mühle sich von der Hauptstraße scheidet, hielt
er still und ein junger Mann, in einen blauen Mantel gehüllt, stieg aus.
Nachdem er dem Postillon einige Befehle ertheilt, verfolgte er langsam
den schmalen Pfad. Als er einige Minuten fortgeschritten war, konnte er
durch die blätterlosen Zweige der vor ihm liegenden Baumgruppe das Dach
und den Schornstein der Mühle gewahren, aus dem ein weißer Rauch in den
schweren, trüben Himmel emporwirbelte. Als ob ihm eine große Angst die
Brust beengte, blieb er stehen und betrachtete die Mühle, deren Rad,
obgleich der Bach mit Wasser überfüllt war, still stand. Julius --
denn dieser war der Mann im Mantel -- konnte sich den Grund davon nicht
erklären, wie von einer bösen Ahnung durchbebt, blickte er seufzend
empor. Einzelne große Schneeflocken fielen ihm in das brennende Gesicht
und ein kalter Wind, der in kurzen Zwischenräumen traurig durch die
kahlen Baumwipfel seufzte, spielte mit seinem flatternden Haare. Eine
bittere Melancholie bemächtigte sich seiner, zusammenschauernd warf er
den Mantel fester um sich, dem Schnee und dem Todeshauche der Natur zu
wehren. Dann setzte er seinen Weg fort.
Die Wiese neben der Mühle war mit Wasser überschwemmt, sie bildete eine
Fläche mit dem Teiche, in welchem die kleine Insel lag. Julius mußte
einige Augenblicke forschen, ehe er sie erblicken konnte, denn nur die
Spitzen der Gesträuche und die kahlen, dünnen Zweige der Thränenweide
ragten aus der trüben Wasserfläche empor. Der kleine Kahn, der Marien
gewiegt, lag zerschellt an einem Stamme der Baumgruppe, welche den
jungen Mann verborgen gehalten, als er das Gespräch auf der Insel
belauschte. Die Oberfläche des Wassers war mit schwarzen abgebrochenen
Zweigen und schmutzig grünem Schilf bedeckt.
-- Wie, rief Julius, überwältigt von diesem traurigen Anblicke, ist denn
der Winter auch hier so schrecklich? Hält der rauhe Gast denn überall
schonungslos seinen Einzug? Nirgend, setzte er seufzend hinzu, ist ein
Andenken an die Rosen des Frühlings geblieben! Er hat alles zerstört!
Als er emporblickte, sah er eine weiße Wolke, die sich über der Mühle
gelagert hatte -- es war der Rauch aus dem Schornsteine, den die
schweren Winterwolken niederdrückten.
Während dieser Zeit war er langsam in den kleinen Hof getreten. Das
Fischnetz hing wieder an derselben Stelle neben der Thür, wohin es
Marie gehangen, als er sie das erstemal sah. Betreten blieb er plötzlich
stehen, als sich seine Blicke auf die halbgeöffnete Hausthür richteten:
der Platz vor derselben war mit weißem Sande und Blättern von Immergrün
bestreut; an dem Balken über derselben hing ein großer Kranz von gelben
Strohblumen und Buchsbaum. Julius zitterte, er vermochte nicht weiter zu
gehen.
-- Was bedeutet das, stammelte er vor sich hin, hat der Tod oder die
Freude hier Einzug gehalten?
Ein Blick nach dem kleinen Gärtchen gab ihm Antwort auf diese Frage.
Marie, festlich geschmückt, mit dem Brautkranze im Haare, stand an der
dürren Hecke und betrachtete sinnend die Stelle, wo sie im Frühlinge für
Julius die Veilchen gepflückt hatte. Sie schien die Ankunft des Fremden
nicht zu bemerken; mit der einen Hand auf den Zaun gestützt und mit
der andern an einem blätterlosen Epheu spielend, stand sie da und
betrachtete das erstorbene Gras, aus welchem im Frühlinge die Veilchen
dufteten.
Julius war seiner Sinne nicht mächtig, als er ihr in's Angesicht
blickte, die Rosen auf ihren Wangen waren verschwunden, statt ihrer
deckte eine Blässe das liebliche Gesicht, die von einem herben
Seelenschmerze Kunde gab. War sie unter den Rosen des Frühlings schön
gewesen, so war sie in ihrem Schmerze noch tausendmal schöner. Und
diese Schönheit wurde durch den grünen Myrthenkranz noch erhöht, denn er
umstrahlte sie mit der Glorie der Braut, mit der Glorie, die keine
Krone der Erde zu überstrahlen vermag. Ein blaues Mieder umschloß den
schlanken, zarten Leib und eine kleine goldene Kette mit einem Kreuz,
die vielleicht die Mutter schon am Traualtare getragen, lag auf dem
Schnee ihres Halses. Ein Myrthenstrauß, worin eine weiße Monatsrose,
schmückte das Mieder am Busen.
Plötzlich wandte sich die bleiche Braut, um in das Haus zurückzukehren.
Ein unterdrückter Schrei entschlüpfte ihrem Munde, als sie den Fremden
im Mantel erblickte. Bebend schritt dieser ihr entgegen, so daß er auf
derselben Stelle stand, wo er sie zum erstenmale gesprochen.
-- Marie, stammelte Julius und Thränen traten ihm in die Augen -- Marie,
ich komme zu spät!
An dem Tone der Stimme hatte ihn Marie erst erkannt, sie mußte sich an
der kleinen Gartenthür halten, um nicht zu Boden zu sinken.
-- Mein Herr, sprach sie leise und eine leichte Röthe erschien auf den
bleichen Wangen, heute früh wurde ich getraut --!
-- Marie, Marie! rief eine Stimme aus dem Innern der Mühle.
-- Mein Mann ruft, sprach die junge Frau, leben Sie wohl!
Zitternd nahm sie den Strauß von ihrem Busen und reichte ihn Julius;
dann verschwand sie in der Thür des Hauses.
-- Zu spät! rief Julius, indem er den Strauß an seine Lippen drückte
und mit einem Strome von Thränen benetzte, der über die Wangen rann. Zu
spät, die rauhe Hand des Winters hat auch mein Glück zerstört!
Hastig verließ er den kleinen Hof der Mühle, schlug den Fußpfad ein
und gelangte nach einigen Minuten bei dem Baumstamme an, wo sein Wagen
hielt.
-- Den Weg zurück! rief der junge Mann und warf sich weinend in die
Polster des Reisewagens.
Wie der Dichter ein poetisches Gebild, betrachtete Julius die
Erscheinung Mariens, er liebte sie mit der ganzen Glut seines Herzens
und betete zu ihr, wie zu seiner Madonna. Zwar geschieden durch eherne
Verhältnisse, die das Schicksal feindlich herbeigeführt, konnte er sich
ihr nicht mehr nahen; aber jener Geist, der die Welten durchkreis't, der
Geist der wahren, ewigen Liebe verband ihn mit ihr.
Mariens Strauß bewahrte er in einem kostbaren Rahmen auf. Darunter
standen die Worte eines alten persischen Dichters:
»Glücklich, dreimal glücklich die Menschen, welche nach einem süßen
Liebestraume am eisigen Busen des Todes erwachen!«
Druck der C. H. _Voigt_'schen Offizin in Rochlitz.
In gleichem Verlage und _von dem Verfasser dieses Werks_ sind ferner
erschienen:
Aug. Schrader.
Die Braut von Louisiana.
Roman.
3 Bände. 3 Thlr.
Die Ideale der Liebe.
Erste Abtheilung:
Das graue Schloß.
2 Bände. 2 Thlr.
(Die 2. Abtheilung: _Die Doppelehe_ 2 Bde. wird nächstens erscheinen.)
Das Staatsgefängniß.
Roman aus der neuesten Geschichte.
4 Bände. 4 Thlr.
(Hierzu bildet die Gräfin #Thekla Andrasy# einen Epilog.)
Der
Graf von Lalli-Collendal.
Roman.
2 Bände. 2 1/3 Thlr.
Druck der C. H. _Voigt'schen_ Offizin in Rochlitz.
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:
Seite 7:
"während hatte," geändert in "hatte, während"
(ihrer Gesinnungsgenossen entzogen hatte, während ihre Güter)
Seite 14:
"." eingefügt
(daß sie einer gründlichen Durchsicht bedürfen.)
Seite 36:
"Niclas" vereinheitlicht zu "Niklas"
(Niklas, der Apothekergehülfe)
Seite 37:
"abgetrageuen" geändert in "abgetragenen"
(angethan mit abgetragenen bürgerlichen Kleidern)
Seite 37:
"Niclas" vereinheitlicht zu "Niklas"
(Netti kannte die zarten Gefühle des langen Niklas)
Seite 37:
"Niclas" vereinheitlicht zu "Niklas"
(-- Was meinen Sie, lieber Herr Niklas?)
Seite 38:
"sie" geändert in "Sie"
(wenn Sie anders gekommen sind, mit mir zu reden)
Seite 38:
"--" eingefügt
(-- Glauben Sie denn, daß ein Apotheker)
Seite 40:
"Nicklas" vereinheitlicht zu "Niklas"
(-- Herr Korporal, fuhr Niklas fort)
Seite 42:
"sie" geändert in "Sie"
(daß Sie für den Ruhm geschaffen sind)
Seite 46:
"Görgei" geändert in "Görgey"
(Und des wackern Generals Görgey!)
Seite 56:
"angeküpft" geändert in "angeknüpft"
(hatte mit der schönen Köchin eine Unterredung angeknüpft)
Seite 60:
"sie" geändert in "Sie"
(daß er Sie retten wird!)
Seite 67:
"Staße" geändert in "Straße"
(eilig von der Straße hereintrat)
Seite 72:
"Vattrlande" geändert in "Vaterlande"
(in der Armee des treuen, braven Görgey seinem Vaterlande geleistet)
Seite 76:
"nieder" geändert in "wieder"
(Vorsichtig schloß er die Thür wieder.)
Seite 79:
"fürchliche" geändert in "fürchterliche"
(wir haben eine fürchterliche Entdeckung gemacht)
Seite 79:
"," eingefügt
(welche Frechheit, rief erstaunt der Apotheker)
Seite 89:
"--" eingefügt
(-- Ich bitte Dich, schweig! antwortete Konrad)
Seite 89:
"daß" geändert in "das"
(sich auf sein Schloß zurückgezogen, das dort so freundlich)
Seite 97:
"." eingefügt
(Du, lüderlicher Neffe.)
Seite 102:
"," eingefügt
(nicht einmal einen Vetter, fügte Eberhard lächelnd hinzu)
Seite 106:
"," eingefügt
(Ob Jungfer Marie das wohl rathen kann, antwortete lachend)
Seite 118:
"," eingefügt
(-- Deine Ungeschicklichkeit, mein bester Freund!)
Seite 119:
"." eingefügt
(wenn ich nicht in kurzer Zeit ein reicher Mann wäre.)
Seite 121:
Absatz eingefügt
(-- So laß sie laufen, was kümmert es Dich!)
Seite 123:
"in" geändert in "im"
(im Osten aber stieg der Mond herauf)
Seite 133:
"sie" geändert in "Sie"
(von der Sie stets mit so großer Liebe sprachen)
Seite 140:
"Marfch" geändert in "Marsch"
(die Dorfmusiker begannen einen neuen Marsch)
Seite 153:
"neue" geändert in "neuer"
(unser neuer Ortsrichter wundert sich)
Seite 170:
"Ehekontrakt" vereinheitlicht zu "Ehecontract"
(als in Mariens Wohnung der Ehecontract unterzeichnet ward)
Seite 180:
"--" eingefügt
(-- Konrad, sagte sie endlich und deutete nach der Thür)
Seite 187:
"zn" geändert in "zu"
(um Vorbereitungen zu einer glänzenden Hochzeit zu treffen)
Seite 192:
"unwillkürlich" vereinheitlicht zu "unwillkührlich"
(-- Marie! Marie! rief Konrad unwillkührlich)
Seite 197:
"b!ieb" geändert in "blieb"
(Lauschend blieb er stehen.)
Seite 208:
"Le-" geändert in "Leben"
(ich war in meinem Leben nicht so gesund)
Seite 209:
"uud" geändert in "und"
(und sorge für ein gutes Frühstück)
Seite 226:
"die die" geändert in "die"
(ließ die holde Fischerin in kurzer Entfernung)
Seite 233:
"Vietelstunde" geändert in "Viertelstunde"
(Wohl eine Viertelstunde hatte der junge Mann hier geruht)
Seite 240:
"sein s" geändert in "seines"
(er folgte dem Drange seines Herzens)
Seite 249:
"seinem" geändert in "seinen"
(Dann setzte er seinen Weg fort.)]