Länger vermochte sich Röschen nicht zu halten; sie entwand sich der

zurückhaltenden Hand der Freundin und stand mit zwei Sprüngen vor dem

überraschten Konrad.

-- Du willst wissen, was Marie über Deine Abwesenheit denkt? rief sie

laut.

-- Röschen!

-- Sie denkt, wie ich: daß es von einem Bräutigam, der nächstens

Hochzeit zu machen gedenkt, durchaus nicht liebenswürdig ist, sich eine

ganze Nacht zu entfernen, und niemand weiß, wohin!

In diesem Augenblicke trat auch die bleiche Braut heran und richtete

schweigend ihre vorwurfsvollen Blicke auf den jungen Mann.

-- Marie, rief er aus, ich ward wider meinen Willen die ganze Nacht

abgehalten -- kannst Du mir verzeihen?

-- Ich soll Dir verzeihen, Konrad? antwortete sie schmerzlich. Frage

Dein Gewissen!

-- Röschen, Marie, fragte der junge Mann mit verstörten Blicken -- hat

man ihn diesen Morgen im Dorfe gesehen?

-- Wen?

-- Unsern jungen Grafen Rudolph!

-- Nein. Doch was willst Du von dem Grafen? fragte Röschen erstaunt.

-- Ich muß ihn sehen, ihn sprechen, damit ich endlich aus dieser

fürchterlichen Ungewißheit komme!

Marie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, denn sie glaubte, er wolle

dem Grafen sein Verbrechen gestehen, daß ihm mit Centnerlast auf dem

Herzen zu liegen schien. Auch Röschens Verdacht ward erweckt, je länger

sie den Bruder ansah, es mußte doch wohl etwas mehr sein, das ihn

quälte, als ein kleiner Liebeszwist.

-- Konrad, rief sie ängstlich, was ist denn geschehen -- Du bist ja ganz

bestürzt?

-- Man hat mir ein Geheimniß anvertraut, das mir Sorgen macht --!

-- Ein Geheimniß? darf Deine Braut und Deine Schwester dieses Geheimniß

nicht wissen?

-- Fragt mich nicht, ich bitte Euch -- denn ich kann es keinem in der

Welt mittheilen!

-- O ich unglückliches Mädchen! schluchzte Marie und sank laut weinend

auf die Bank in der Laube.

-- Marie, Marie! rief Konrad, eilte bestürzt zu dem weinenden Mädchen

und wollte es durch freundliches Zureden beruhigen; dieses aber hielt

ihn mit der Hand zurück und fuhr fort laut zu weinen.

-- O mein Gott, sagte Röschen mitleidig, die Angst wird sie noch krank

machen!

-- Angst? O sage schnell, was macht ihr Angst?

-- Nun der Raubanfall in den Ruinen der Abtei.

-- Nicht möglich! rief Konrad und starrte die Schwester an. Röschen,

weiß man schon darum?

Der junge Mann hatte diese Worte mit einer Angst gesprochen, daß Marien

das Herz erbebte, denn sie waren das letzte vollgültige Zeugniß seiner

Schuld.

-- Konrad, Konrad, fragte sie mit bebender Stimme, weißt Du um den

Vorgang in den Ruinen?

Doch ohne sich um diese an ihn gerichteten Worte zu kümmern, ergriff

er beide Hände seiner Schwester und rief in einem dringenden, bittenden

Tone:

Röschen, wenn Dir mein Glück, meine Ruhe lieb ist, o so sage mir alles,

was Du weißt -- sprich, sprich!

-- Nun ja; aber laß meine Hände los, Du drückst sie ja so fest zusammen,

daß sie schmerzen.

-- Was weißt Du denn von den Ruinen?

-- Was ich mit meinen eigenen Augen gesehen, daß ein fürchterlicher

Kampf dort stattgefunden, wobei ein Mann am Boden lag -- dann lief ich

in das Dorf und rief um Hülfe -- man eilte in die Abtei, aber man hat

nichts gefunden.

-- Und das alles hast Du selbst gesehen?

-- Mein Gott, ja! Der Mann am Boden war in Uniform, denn seine

Epaulettes blitzten im Mondenscheine.

-- Schweig, Mädchen, rief Konrad erschreckt -- um Gotteswillen, kein

Wort mehr!

-- Warum denn?

-- Weil das Leben eines Menschen davon abhängt!

Marie war wieder auf die Bank gesunken und verfolgte mit starren Blicken

jede Bewegung Konrad's, ihr Ohr verschlang jedes seiner Worte.

-- O mein Gott, murmelte der junge Mann vor sich hin -- wer mag der

Ueberwundene sein? Ist er todt, oder noch am Leben? Und wo ist er? --

Wenn ich mich an seinen Gegner wende?

-- Mensch, rief Röschen erschreckt über das Wesen des Bruders -- was

sinnst Du? Hast Du denn Deinen Verstand verloren?

-- Laß mich, ich muß Gewißheit haben, es koste was es wolle!

-- Wohin willst Du?

-- Ich kehre bald zurück -- jetzt laßt mich -- mir brennt der Boden

unter meinen Füßen!

Wie ein Sinnverwirrter, der von seiner Umgebung nichts mehr weiß,

stürzte der arme Konrad aus der Laube der Gartenthür zu, durch welche

er eingetreten war. Doch ehe er sie erreicht hatte, trat keuchend der

Ortsrichter Valentin ein.

-- Halt! rief er dem Flüchtigen zu und versperrte ihm den Weg einen

Augenblick.

-- Ich kann nicht! rief Konrad.

-- Sie müssen warten, entgegnete der erhitzte Ortsrichter, ich habe mit

Ihnen zu reden!

-- Was wollen Sie? reden Sie schnell!

-- Nur ein Wort! Kennen Sie diesen Hut? fragte Valentin, indem er den

Hut mit dem rothen Bande unter seinem Rocke hervorholte und ihn Konrad

zeigte.

-- Gewiß, er ist ja der meinige! war die rasche, unbefangene Antwort.

-- Wie, was? stotterte der Richter, Ihr, Dein Hut?

-- Nun ja! Das rothe Band, das ihn schmückt, hat mir Marie geschenkt --

warum fragen Sie? Was soll der Hut?

-- Und Du bekennst, daß er Dir gehört?

-- O mein Gott, ich vergaß meinen Weg! rief Konrad und wollte fort.

-- Halt! rief der Richter, indem er den Arm des Eilenden ergriff.

-- Hinweg! Hinweg! wiederholte der junge Mann und stürzte durch die

Gartenthür in das Feld.

Das laute Weinen und Schluchzen der beiden Mädchen erfüllte jetzt die

Laube und brachte den verblüfften Valentin wieder zur Besinnung.

-- Haltet ihn! Haltet ihn! schrie er mit seiner sonoren Stimme, daß der

Garten wiederhallte. Haltet ihn, er ist verdächtig!

-- Wo ist mein Bruder? fragte Röschen.

-- Fort, über alle Berge! Ihr müßt zeugen, Kinder, was er selbst

gestanden hat. Ha, meine Ahnung! Also ihm gehört der verhängnißvolle

Hut. Jetzt will ich dem Herrn Landrath beweisen, daß ich ein geborener

Ortsrichter bin. Die Landgensd'armen sollen satteln und den Flüchtling

einholen!

-- Gerechter Gott! rief Röschen und stürzte dem Bruder nach, ohne sich

weiter um die Zurückbleibenden zu kümmern.

-- Auf Wiedersehen, Jungfer Marie! sagte höhnisch der Richter. Sie haben

einen braven Bräutigam!

Marie konnte nicht mehr weinen; aber die Blässe des Todes bedeckte ihr

liebliches Gesicht und aus dem Auge strahlte ein unheimlicher Glanz.

-- Herr Valentin, sagte sie mit fester Stimme, ich muß mit Ihnen reden

-- bleiben Sie!

-- Wenn ich den Missethäter gefänglich eingebracht! antwortete der

Richter und wollte den Garten verlassen.

-- Nein, jetzt auf der Stelle!

-- Ah, sie ist klug, Jungfer, sie will mich hier noch halten, daß ihr

wackerer Konrad erst entwischen kann -- o nein, so leicht läßt sich

Valentin nicht fangen.

-- Sie müssen bleiben! sagte fest Marie und zog den Widerstrebenden mit

Gewalt zur Laube.

-- Mädchen, soll ich auch gegen Dich das Gesetz in Anwendung bringen?

Du vergreifst Dich an Deiner Obrigkeit? Wie mir scheint, weißt Du um das

Bubenstück Deines Liebhabers?

Diese Worte des hartherzigen Alten, in dessen Brust sich eine teuflische

Schadenfreude regte, öffneten die erstarrten Thränenschleusen des armen

Mädchens wieder, laut weinend sank es auf die Knie und streckte beide

Hände bittend empor.

-- Gnade! Gnade! rief sie aus -- rauben Sie mir die letzte Hoffnung

nicht, welche dieser fürchterliche Augenblick in mir angefacht -- ich

weiß nichts von dem Vorfalle in den Ruinen!

-- Nun, mein Kind, was gedenkst Du denn zu thun?

-- Ich will ihn vom Tode retten!

-- Doch nicht mit meiner Hülfe? Ich bin der Ortsrichter!

-- Hören Sie mich erst an!

-- Nein, nein, mein Amt verbietet es mir! Ein Verbrecher ist der

Gegenstand meines glühendsten Hasses!

-- So haben Sie Mitleid mit Ihrer armen Mündel, der Sie Vater zu sein

gelobt haben!

-- Ich lege die Stelle eines Vormunds nieder. Mit einem Mädchen, das

einen Verbrecher liebt, mag ich nichts zu schaffen haben!

-- O mein Gott, sprechen Sie doch in einem so fürchterlichem Augenblicke

nicht von Liebe!

-- Meinen Neffen, der ein braver Bursche ist, und Dich von Herzen liebt,

hast Du verschmäht -- ja, ja, fügte der Richter grinsend hinzu, das

glaube ich wohl, der ehrliche Konrad verdient in jeder Beziehung den

Vorzug. Mädchen, die Schmach, die Du mir und ihm angethan, wird nie aus

meinem Gedächtnisse verschwinden!

Als ob ihr plötzlich ein rettender Gedanke gekommen, erhob sich Marie

und sah unter Thränen lächelnd den Ortsrichter einen Augenblick an, der

mit höhnenden Mienen das rothe Band an Konrad's Hute betrachtete. Das

größte Opfer, das je die Liebe gebracht, wollte Marie bringen.

-- Herr Valentin, sagte sie in einem schmerzlich freudigen Tone -- Sie

sagen, Ihr Neffe Eberhard liebt mich --

-- So sagte er mir gestern -- --

-- Hören Sie mich an, bis jetzt sind Sie der Einzige, der außer mir und

Röschen das fürchterliche Geheimniß dieser Nacht kennt -- beobachten Sie

ein ewiges Stillschweigen darüber und stellen jede Verfolgung gegen den

unglücklichen Konrad ein, so daß er mit seinem schuldbeladenen Gewissen

aus dem Lande fliehen kann und sein Andenken der Schande nicht anheim

fällt -- so werde ich öffentlich bekennen, daß ich Ihren Neffen liebe

und werde ihm meine Hand reichen. -- Nehmen Sie mein Leben -- ist Konrad

gerettet, will ich gern sterben!

Valentin's Gerechtigkeitsliebe erhielt durch diesen Vorschlag der

verzweifelnden Marie einen gewaltigen Stoß; nicht aus Mitleid mit

dem blassen, schönen Mädchen, nicht um die Neigung seines Neffen zu

befriedigen, sondern weil sein Geiz auf ein einträgliches Geschäft

hoffte, ergriff er ihre Hand und führte sie zu der Bank.

-- Marie, sagte er in einem ruhigen Tone, es freut mich Ihretwegen,

daß Sie endlich zur Erkenntniß gelangen und sich von diesem schlechten

Menschen lossagen, der schon als Knabe kein gutes Gemüth verrieth. Damit

Sie Ihre Ehre retten können und weil ich Ihr Vormund bin, will ich die

Obrigkeit hintenansetzen und auf Ihren Vorschlag eingehen.

-- Sie wollen es? rief Marie.

-- Hier ist meine Hand. Da am Orte des Verbrechens sich nichts ergeben,

glaube ich für die Bewahrung des Geheimnisses einstehen zu können.

-- Der Himmel lohne es Ihnen! sagte weinend das arme Mädchen.

-- Doch noch eine Bedingung habe ich zu stellen, fuhr der Richter nach

einer Pause fort, in der er den wohlgepflegten, ausgedehnten Garten und

das freundliche Wohnhaus betrachtet hatte.

-- Was wollen Sie noch? flüsterte Marie.

-- Nach dem neuen Gesetze ist die Civilehe in unserm Lande eingeführt

und seit acht Tagen rechtsgültig -- ich verlange, daß Sie heute noch den

Ehecontract mit meinem Neffen unterzeichnen, wie ich ihn Ihnen vorlege.

-- Mein Leben ist in Ihrer Hand, war die resignirte Antwort, ich füge

mich allem, wenn Konrad vor Entehrung gesichert bleibt.

-- Daß er es bleibt, liegt eben so gut in meinem als in Ihrem Interesse

-- jetzt folgen Sie mir in das Haus und fassen Sie sich, liebe Mündel,

vergessen Sie die verflossene Nacht und den unwürdigen Konrad, der

wahrscheinlich in Amerika sein Glück weiter versuchen wird -- wenigstens

werde ich ihm den Rath ertheilen, wenn er es wagen sollte, sich wieder

sehen zu lassen.

Am Arme des entzückten Ortsrichters betrat Marie, bis zum Tode

erschöpft, ihr kleines Stübchen, wo sie in dumpfer Verzweiflung den

Vormittag verbrachte.

Valentin, der kaum die Zeit erwarten konnte, seine Habsucht zu

befriedigen, nahm sogleich mit seinem Neffen Eberhard Rücksprache, der

ihm entgegenkam, als er sein Haus betreten wollte. Der junge Wüstling

setzte den Vetter von seiner Wechselschuld in Kenntniß, und dieser

versprach, sobald der Ehecontract unterzeichnet sei, die Summe nach der

Stadt zu senden.

Um drei Uhr Nachmittags ward der Contract unterzeichnet, Marie ließ sich

leiten wie ein willenloses Kind.

6.

Um dieselbe Zeit, als in Mariens Wohnung der Ehecontract unterzeichnet

ward, erreichte Konrad, der um das Leben seines Gutsherrn in der größten

Sorge war, den prächtigen Edelhof des Barons von H. Von diesem, als dem

Gegner des Grafen, hoffte er Gewißheit über das Schicksal desselben zu

erhalten, da man ihm auf dem Schlosse berichtet hatte, der junge Herr

sei seit gestern Abend nicht sichtbar gewesen.

Durch einen Diener ließ er sich dem Baron melden.

-- Sie können eintreten, war die Antwort.

Mit klopfendem Herzen öffnete Konrad die hohe Flügelthür eines

Pavillons, der von hohen Kastanien beschattet ward, und trat in einen

geräumigen, kühlen Saal. Doch kaum hatte er einen Blick in denselben

geworfen, als er einen lauten Freudenschrei ausstieß: der junge Graf

Rudolph saß mit dem alten Baron in einem Sopha, seine Ankunft schien ein

vertrauliches Gespräch der beiden Männer unterbrochen zu haben.

-- Konrad! Konrad! rief der Graf und stellte den Angekommenen dem Baron

als seinen Lebensretter vor.

-- Herr Baron, sagte Konrad, ich habe nicht mehr nöthig, Sie mit einer

Unterredung zu belästigen -- sie betraf den Herrn Grafen, meinen Major,

über dessen Schicksal ich in Ungewißheit schwebte.

-- Bleibt, Kinder, und besprecht, was nöthig ist -- mich rufen Geschäfte

zu meinem Haushofmeister, der schon den ganzen Tag vergebens nach mir

verlangt hat -- bleibt und erleichtert Eure Herzen.

Mit diesen Worten verließ der Greis den Saal, nachdem er dem jungen

Grafen freundlich die Hand gereicht.

-- Ach, Herr Graf, rief Konrad, ich vermag meine Freude nicht in Worten

auszudrücken -- darf ich denn meinen Augen trauen? Sie -- an der Seite

Ihres Gegners? Und keiner von Ihnen verwundet --!

-- Wer weiß, ob ich noch am Leben wäre, antwortete lächelnd der Graf,

wenn der Baron um einige Minuten später auf dem Kampfplatze erschienen

wäre!

-- Der Baron? rief Konrad erstaunt.

-- Kein anderer! Die beiden Banditen, welche ich unglücklicherweise

nicht erkennen konnte, sind lebensgefährliche Bösewichter. Nachdem

sie mich bestohlen hatten, wollten Sie mich auch noch ermorden. Ich

vertheidigte mich aus allen Kräften, die Räuber aber warfen mich zu

Boden und hätten sicher ihre Absicht erreicht, wenn der Baron, den

blanken Degen in der Hand, nicht als Retter dazwischen getreten wäre.

-- Es lebe der brave Baron! rief Konrad, den die letzten Worte wie

begeistert hatten.

-- Und nun denke Dir mein Erstaunen, fuhr der Graf fort, als er mir

lächelnd die Hand reicht und in einem freundlichen Tone zu mir spricht:

»Junger Brausekopf! Warum haben Sie mir Ihre Liebe verborgen gehalten?

Emma, die Sie aus voller Seele liebt, hatte mehr Zutrauen zu mir;

anstatt uns hier zu schlagen, begleiten Sie mich auf mein Schloß und

beruhigen Sie die Braut, die wegen Ihrer in Sorgen ist.«

-- Gott sei Dank! Es lebe der brave Baron!

-- Ich wollte dem Verkünder dieses unerwarteten Glückes zu Füßen fallen,

er aber breitete seine Arme aus und schloß mich an seine Brust. Jetzt,

lieber Konrad, bin ich der glücklichste aller Menschen!

-- Das glaube ich wohl, antwortete lächelnd der junge Mann. Aber ich

-- während Sie in dem Schlosse Ihrer Schönen waren, brachte ich unter

Regen, Donner und Blitz auf dem Kreuzwege zu, wie wir verabredet hatten.

Ich wartete die ganze Nacht und sandte alle Gebete, die mich einst meine

alte Mutter gelehrt, zu dem zürnenden Himmel empor. Als der Morgen kam,

durchirrte ich wie ein Verzweifelnder die Ruinen und den Wald -- ich

fragte auf Ihrem Gute nach; doch nirgends fand ich eine Spur.

-- Armer, guter Konrad!

-- Endlich entschloß ich mich, Ihren Gegner um den Ausgang des Duells

zu befragen, und, Gott sei Dank, er hat sich besser gestaltet, als wir

beide hoffen konnten. Nun will ich aber eilen, um meine arme Marie zu

beruhigen, die gestern Abend schon mit mir böse that, weil ich ihr

wegen meiner Unterredung mit dem geheimnißvollen Fremden im Walde keine

genügende Antwort geben konnte. Nicht wahr, Herr Graf, fügte Konrad

lächelnd hinzu, jetzt kann ich meiner Braut unter dem Siegel der

Verschwiegenheit das Geheimniß anvertrauen, um mich von allem etwaigen

Verdachte zu reinigen?

-- O nein, lieber Konrad, rief fröhlich der Graf, nicht Dir, sondern

mir ziemt es, Deine Schöne zu beruhigen und sie der verursachten Sorgen

wegen um Verzeihung zu bitten.

-- Herr Graf, wo denken Sie hin!

-- Ich denke, daß Marie, meine hübsche Milchschwester, einen Besuch

von mir wohl erwarten kann, und daß ich ihr offen den Bräutigam

zurückbringe, den ich ihr so geheimnißvoll auf einige Zeit entführen

mußte.

-- Dann habe ich nichts dagegen, Herr Graf, denn Sie bereiten meiner

Marie eine Freude, die ihren Zorn wegen meines seltsamen Betragens

schon besänftigen wird. Wann kann ich Sie in der Wohnung meiner Braut

erwarten?

-- Erwarten? Wir betreten sie zusammen. Ich erwarte jeden Augenblick

meinen Wagen, nach dem ich einen Boten gesendet habe -- Du fährst an

meiner Seite vor die Thür Deiner Braut.

-- Nein, Herr Graf --!

-- Ich leide keinen Widerspruch, mein Vorsatz bleibt unabänderlich!

Konrad wollte noch weiter Einwendungen machen, der Graf aber schloß ihn

in die Arme und erstickte ihm im wahren Sinne jedes Wort im Munde.

Die Mittagstafel des Barons war längst vorüber, deshalb mußte Konrad

auf den Wunsch seines Gutsherrn in einem Seitenzimmer allein zu Tische

gehen. Der junge Mann hatte seit dem vergangenen Abend nichts genossen,

es läßt sich wohl denken, daß ihm die Einladung nicht unwillkommen war.

Gestärkt an Herz und Körper trat er in den Hof, als der erwartete Wagen

endlich ankam. Der Graf befand sich noch im Schlosse, um Abschied von

seiner Braut und dem Baron zu nehmen.

-- Konrad, rief der Kutscher, der ein Jugendfreund des jungen Mannes

war und den Feldzug als Reitknecht des Grafen mitgemacht hatte -- es ist

gut, daß ich Dich hier treffe.

-- Warum?

-- Deine Schwester war auf unserm Schlosse, gerade als ich abfahren

wollte. Sie suchte Dich, weil Du gesagt hättest, Du wolltest zu dem

Herrn Grafen. Ich sagte ihr, daß ich im Begriff stehe, ihn abzuholen,

er sei auf dem Edelgute des Barons -- da antwortete sie: so wird mein

Bruder auch dort sein -- dann gab sie mir diesen Brief für Dich und

meinte, er würde Dich zur Rückkehr antreiben, wenn Du noch keine Lust

dazu haben solltest -- hier ist er!

Konrad erkannte auf den ersten Blick Marien's Handschrift. Eine dunkele

Ahnung durchbebte seine Brust, daß er nur mit zitternder Hand den Brief

erbrechen konnte. Noch einmal schöpfte er Athem, dann las er: »Es gab

nur ein Mittel, Dich zu retten, und Gott hat mir Kraft verliehen, es

anzuwenden; es ist das größte, das letzte Opfer meiner Liebe zu Dir!

Dafür verlange auch ich ein Opfer -- fliehe, wenn Du meine Zeilen

gelesen, diese Gegend und kehre nie -- nie zurück!«

Der arme junge Mann wollte seinen Sinnen nicht trauen, der Inhalt

des Briefes war ihm eben so räthselhaft als fürchterlich. Mit

geisterbleichem Gesicht las er ihn noch einmal, aber es blieb derselbe

Inhalt, dieselben Züge von Mariens Hand geschrieben. Als ob ihn ein

Blitz gelähmt, stand er da und starrte auf das verhängnißvolle Papier.

In dieser Verfassung traf ihn der Graf, der fröhlich die Schloßtreppe

herabkam und dem Wagen zueilte. -- Nun Konrad, rief er, nachdem er

eingestiegen -- setze Dich mir zur Seite!

Der Angeredete vermochte nicht zu antworten. Mechanisch folgte er der

Einladung.

-- Was hast Du da für ein Papier in der Hand? fragte der Graf,

verwundert über den Zustand des jungen Mannes, indem der Wagen durch das

Gitterthor des Schlosses in das Freie rollte.

Konrad überreichte den Brief ohne ein Wort zu sprechen.

-- Seltsam! sagte der Graf, nachdem er gelesen, und sah theilnehmend

seinem Lebensretter in das trübe, starre Auge. -- Bist Du auch fest

überzeugt, daß Mariens Hand diese Zeilen geschrieben?

-- Ja! war die leise, bebende Antwort.

-- Sie hat sich einen Scherz erlaubt, um Dich für Dein Ausbleiben ein

wenig zu strafen.

-- Das Geheimnißvolle und der Ernst des Briefes, den meine Schwester dem

Kutscher übergeben, lassen mich kaum auf einen Scherz schließen -- auch

erinnere ich mich jetzt des sonderbaren Wesens meiner Braut, als ich

diesen Morgen zu ihr in die Laube trat und bei der Nachricht von dem

Raubanfalle auf Ihre Person mich schnell wieder entfernte.

-- So weiß man darum?

-- Röschen, die von ihrer Tante zurückkehrte, will den Kampf gesehen

haben.

-- Hier liegt ein Mißverständniß zum Grunde, das wir bald aufklären

wollen. Peter, rief der Graf dem Kutscher zu, fahre Galopp, in einer

halben Stunde müssen wir im Dorfe sein. Du hältst vor Marien's Meierei

an, nicht im Schlosse!

Peter befolgte augenblicklich den Befehl, er hieb mit seiner Peitsche

auf die feurigen Rosse, daß sie einen Lauf begannen, als ob sie bei

einem Wettrennen den Preis erringen wollten. Die beiden jungen Leute

sprachen kein Wort mehr, ein jeder überließ sich seinen Gedanken.

Kaum war eine halbe Stunde verflossen, die dem armen Konrad wie eine

Ewigkeit vorkam, als der Wagen die ersten Häuser des Dorfes erreichte,

das von dem Edelhofe des Barons eine Meile entfernt lag. Noch einige

Minuten, und die dampfenden Rosse standen vor Mariens Hause still. Der

Graf richtete noch einige ermuthigende Worte an Konrad, dann traten sie

in das reinliche Stübchen.

-- Himmel! rief Marie, die weinend und bleich in ihrem Stuhle saß und

die Ankunft des Wagens nicht gehört zu haben schien -- Unglücklicher,

was willst Du hier? Hast Du meinen Brief nicht erhalten?

-- Herr Graf, stammelte Konrad, Sie sehen, daß es traurige Wahrheit

ist --!

-- Marie, sagte ernsthaft der Graf, was soll das bedeuten?

-- Meide diese Gegend! rief das Mädchen mit fliegender Brust -- fort,

fort, ehe das Verderben hereinbricht!

-- Mädchen, redest Du im Wahnsinn? Gieb uns Aufklärung über Dein

seltsames Benehmen.

Jetzt erst erkannte Marie den Grafen. Sie sah ihn einen Augenblick mit

starren, ausdruckslosen Mienen an, dann sank sie laut weinend in den

Stuhl und verhüllte das Gesicht mit ihrer Schürze.

Als ob Konrad wirklich ein Verbrechen begangen, stand er in der Mitte

des Zimmers und hielt seine bebende Hand vor die Augen, aus denen ein

Thränenstrom über die braunen Wangen herabrieselte. Der Graf war zu

Marien getreten und suchte sie zum Reden zu bewegen.

-- Konrad, sagte sie endlich und deutete nach der Thür -- fliehe,

fliehe, ehe der Richter zurückkehrt!

-- Mein Gott, fragte der Graf, weshalb hat Konrad den Richter zu

fürchten?

-- Weshalb? soll ich das Furchtbare wiederholen?

Plötzlich erhob der junge Mann sein Haupt, der Stolz gab ihm Fassung und

verscheuchte auf einen Augenblick den Schmerz der Liebe.

-- Marie, sagte er fest, Du willst, daß ich Dein Haus verlasse, damit

mich der Richter hier nicht finde -- meine Ehre als Soldat erfordert es,

daß ich nicht einen Schritt weiche, bevor ich Aufklärung erlangt habe,

daß ich mich rechtfertigen kann. Was hast Du gegen mich?

-- Konrad, Du willst mich noch täuschen?! rief Marie erschüttert, welche

des jungen Mannes Stolz für Verstocktheit hielt.

-- Marie, ich verlange bei Deiner und meiner Ehre, daß Du in Gegenwart

des Herrn Grafen, meines Majors und Gutsherrn, offen und frei erklärst,

was Du mir zur Last legst!

-- Wo warst Du diese Nacht? fragte sie mit abgewandten Blicken und indem

sie mit ängstlich klopfendem Herzen auf die Antwort lauschte.

-- Ich war bei dem Freunde des Herrn Grafen, dem Oberförster von G.

-- Und zwar in einer Angelegenheit für mich, fuhr der Graf fort, die ich

nur meinem Freunde und Lebensretter anvertrauen konnte.

Marie erhob ihr Haupt und sah die beiden Männer an, als ob die Worte des

Grafen sie ihres Verstandes beraubt hätten -- das trübe Auge schien

aus seinen Höhlen hervortreten zu wollen und die Brust der Lebenskraft

beraubt zu sein.

-- Schwester, sagte freundlich der Graf, verbanne Schmerz und

Eifersucht, denn Konrad liebt Dich mit der ganzen Kraft seines guten

Herzens. Wenn er fehlte, so trage ich die Schuld, denn ich war jener

Mann, der ihn gestern Abend suchte, um einen Dienst von ihm zu fordern,

der ihn die ganze Nacht aus dem Dorfe entfernte. Ich nahm ihm das

Versprechen ab, ein tiefes Schweigen, auch gegen Dich, zu beobachten,

und Konrad, mein treuer Soldat, hat Wort gehalten -- ich verbürge mit

meinem gräflichen Ehrenworte, daß Dein Bräutigam bis zum Morgen in

meinem Dienste gewesen ist!

Mit einem durchdringenden Schrei der Verzweiflung sank die arme Marie

ohnmächtig zu Boden. Konrad stürzte herbei und umschloß die bleiche

Braut mit beiden Armen, als ob er ihr neue Lebenskraft einhauchen

wollte.

-- Mein Gott, rief der Graf, was ist hier geschehen? Hat die Eifersucht

dem armen Mädchen den Verstand geraubt?

Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen. · 第 6 / 9 段