ihre Befürchtungen durch freundliches Zureden zu verscheuchen suchte.
Nachdem er sie der Obhut des alten Kaspar übergeben, der sie mit
herzlicher Freude aufnahm, kehrte er auf den Platz zurück.
Der Graf hatte sich auf der Bank unter dem Fenster niedergelassen und
hielt sinnend seinen Kopf in beiden Händen.
Graff hatte während des Gesprächs der beiden Männer Konrads Hut mit dem
Bande von der leicht zu erreichenden Bank genommen und den Schläfer am
Tische geweckt.
-- Eberhard, rief er leise, wache auf!
-- Was giebt es, rief dieser schlaftrunken.
-- Sieh diesen Hut!
-- Was soll der Hut?
-- Das Band, das ihn schmückt, ist von Marien, welche die einträgliche
Meierei besitzt!
-- Wem gehört er?
-- Konrad, Deinem Nebenbuhler. Doch sei still, man nähert sich der Bank
vor dem Hause.
In diesem Augenblicke, und während Eberhard den Hut zornig mit Füßen
trat, näherte sich der Graf und ließ sich auf der Bank nieder. Einen
Augenblick später erschien auch Konrad. Beide ahnten die Nähe der
lauschenden Jäger nicht.
-- Herr Graf, begann Konrad, warum geben Sie sich die Mühe zu mir zu
kommen, anstatt mich auf das Schloß rufen zu lassen?
-- Konrad, sagte bewegt der Graf, indem er dessen Hände ergriff, Du bist
glücklich, sehr glücklich, denn Du kannst das Mädchen Deiner Liebe zu
Deiner Gattin machen.
-- Ja, Herr Graf, flüsterte freudig der junge Mann, ehe der Herbst das
Laub auf diesen Bäumen gelb färbt, soll Marie meine Frau sein -- noch
im Laufe dieser Woche hätte ich um Ihre Erlaubniß nachgesucht, und nicht
wahr, Sie hätten sie mir nicht verweigert.
-- Habe ich Dir nicht gesagt, Freund Konrad, als wir vor zwei Monaten
am Wachtfeuer lagen und von unserer Heimath plauderten, daß wir an einem
Tage vor den Altar treten würden?
-- O, ich weiß es noch, am andern Tage standen wir auf Vorposten -- --
-- Wo ich von den hinterlistigen Dänen niedergehauen worden wäre, fiel
rasch der Graf ein, wenn Du nicht mit muthiger Todesverachtung mich
gerettet hättest.
-- Das wollte ich nicht sagen, Herr Graf, -- was ich gethan, hätte jeder
andere für seinen Major auch gethan.
-- Konrad, rief der Graf im Tone der Verzweiflung, Konrad, ich wolle,
die dänischen Bayonette hätten mich durchbohrt, daß ich nie diese Berge
wiedergesehen!
-- Mein Gott, was ist geschehen? Sie wollten mir ja erzählen -- --
-- Höre mich an, sagte seufzend der Graf, und urtheile selbst, ob mein
Wunsch ein gerechter ist: man hat mich meiner Emma beraubt!
-- Wie, rief Konrad, der jungen Gräfin, von der Sie stets mit so großer
Liebe sprachen, so oft wir uns sahen?
-- Und die ich bei meiner Rückkehr zum Altare zu führen gedachte.
Während meiner Abwesenheit hat man über ihre Hand verfügt, die Familie
hat bestimmt, daß sie den alten Baron von H. heirathen soll.
-- Unglaublich! rief Konrad.
-- Und dennoch wahr! seufzte der Graf.
-- Der Baron ist ja mindestens noch einmal so alt, als Sie, Herr Graf.
Die junge Gräfin Emma kann den Greis nicht lieben!
-- Sie liebt nur mich, ich weiß es; ihre Familie aber will es, und das
arme Mädchen muß gehorchen. Wie man mir gesagt, soll in einigen Tagen
die Verlobung stattfinden.
-- In einigen Tagen schon?
-- Wahrscheinlich, um die Sache vor meiner Heimkehr abzumachen, die man
so bald nicht vermuthet hat. Das Ganze ist das Werk des Barons, darum
habe ich ihm geschrieben und ihn auf Degen gefordert.
-- Herr Graf, was haben Sie gethan! rief Konrad zurückfahrend.
-- Was meine Ehre erfordert! Diesen Abend neun Uhr findet das Duell in
den Ruinen der nahen Abtei statt.
Graff, der am Fenster aufmerksam gelauscht, flüsterte seinem Genossen
zu:
-- Der Ort ist gut gewählt, denn er eignet sich vortrefflich, jemandem
ungestört den Hals zu brechen!
-- Aber haben Sie auch alles reiflich bedacht? wandte Konrad ein, dem
das Geschick des Grafen tief zu Herzen ging -- erwägen Sie, daß schon
Ihr Brief genügt, Sie anzuklagen und zu verurtheilen!
-- Ich trotze allem, antwortete finster der junge Graf, da ich an der
Zukunft verzweifele.
-- Und wenn sich der Baron nun nicht stellt und Sie anklagt, einen
Anschlag auf sein Leben ausgeübt zu haben?
-- Er wird sich stellen, denn er besitzt Muth.
-- Und wahrscheinlich auch Kaltblütigkeit, während Sie in der größten
Aufregung sind. O mein Gott, wenn er Sie tödtete! rief Konrad.
-- Nein nein, fürchte nichts, ich kann mich auf meinen Arm verlassen!
-- Und wenn Sie den Baron tödten oder verwunden?
-- In diesem Falle, den ich fast voraussetze, zähle ich auf Dich.
Höre mich an, fuhr rascher der Graf fort: Du kennst die Wohnung meines
Freundes, des Oberförsters von G.?
-- Ich kenne sie -- eine halbe Stunde jenseits des Dorfes, am Walde --
-- Dorthin gehst Du, nachdem Du Deine Marie zu Hause geleitet. Du
erzählst dem Oberförster mein Duell und bittest ihn um seine Pferde
und seinen Wagen. Dann fährst Du nach dem Kreuzwege unterhalb dieses
Gehölzes und erwartest mich.
-- Wie, Herr Graf, ich soll nicht an Ihrer Seite stehen, wenn Sie sich
schlagen?
-- Nein, mein Brief kündet an, daß ich allein komme, und außerdem habe
ich keinen, dem ich meine Flucht anvertrauen könnte. Bin ich einmal
jenseits der Grenze, schiffe ich mich nach Amerika ein.
-- Aber haben Sie denn auch Geld zur Reise?
-- Ich habe alles vorbereitet, in meinem Gürtel befindet sich eine
bedeutende Summe in Golde.
-- Und Ihr herrliches Gut, Herr Graf, mit den einträglichen
Waldungen --?
-- Gehört schon lange nicht mehr mir, es ist verpfändet. Doch nun beeile
Dich, sagte der Graf und stand auf, denn es ist acht Uhr und ich darf
nicht auf mich warten lassen. Sei pünktlich und verschwiegen!
-- O mein Gott, rief Konrad, vermag denn nichts Ihren Entschluß zu
ändern --?
-- Nichts in der Welt! antwortete fest der Graf. -- Du zögerst und
überlegst -- sollte ich mich in Dir getäuscht haben? Willst Du mir den
letzten Dienst nicht erweisen?
-- Sie wollen es, Herr Graf -- so sei es denn! Ich werde mich mit dem
Gespanne an dem Kreuzwege einfinden. Gebe nur der Himmel, daß ich nicht
lange auf Sie zu warten brauche!
-- Konrad, kann ich auf Deine Verschwiegenheit zählen?
-- Wie auf mein Bayonett in der Dänenschlacht!
-- Selbst Marie wird nichts erfahren, da sie mir herzlich zugethan ist?
-- Mein Wort darauf!
-- Auf Wiedersehen!
Der Graf schlug seinen Mantel um die Schultern, um ein Paar Degen zu
verbergen, dann verschwand er im Walde. Konrad eilte so bestürzt in das
Wirthshaus, daß er nicht an den Hut dachte, den er auf der Bank unter
dem Fenster hatte liegen lassen.
Nach einigen Minuten trat der junge Mann wieder aus dem Hause; er führte
Marien am Arme, die ihn mit Fragen über den fremden Mann bestürmte. Aber
Konrad hielt sein Wort, er gab ausweichende Antworten und verschwieg,
obwohl mit schwerem Herzen, seiner Braut den Namen des Grafen und dessen
Absicht. Bald hatten sie das Dorf erreicht. An der Meierei schieden sie.
Marie, obgleich sie den braven Character ihres Geliebten kannte, mit
sorglichem Herzen, und Konrad, den das Schicksal seines Gutsherrn
kümmerte, mit klopfender Brust, denn er glaubte, zu seiner Rettung nicht
früh genug auf dem Kreuzwege einzutreffen.
Als die beiden jungen Leute den Waldplatz verlassen, traten Graff und
Eberhard aus dem Wirthshause. Sie wünschten dem alten Kaspar laut eine
gute Nacht und verschwanden im Walde. Der Greis schloß die Thür seines
Häuschens.
4.
Neun Uhr war vorüber, als die Nachtstille, welche über dem Dorfe
ausgebreitet lag, durch Musik und Vivatgeschrei unterbrochen wurde. Die
jungen Burschen und Mädchen zogen von der Schenke aus nach der Wohnung
Valentins, um dem neuen Ortsrichter ihre Huldigungen darzubringen.
In bunter Gruppe machten sie unter den Fenstern Halt, während die
Musikbande mit Hörnern, Trompeten und Klarinetten einen schmetternden
Marsch ausführte. Was sich dem Zuge nicht angeschlossen hatte, erschien
jetzt auf dem Platze, um theils die Musik, theils die Rede des Richters
zu hören, der sich in der Kirche schon als ein guter Redner bewährt
hatte.
Auch Marie, die ihren Konrad noch einmal zu sehen hoffte, trat in
demselben Augenblicke zu einer Gruppe junger Mädchen, als Valentin mit
stolzer Miene aus dem Hause kam, einen großen Stein bestieg, der an
der weißen Mauer lag, und laut und vernehmlich zu reden begann, daß der
ganze Platz wiederhallte.
Die unruhige Braut hörte wenig von den begeisterten Worten des zum
Ortsrichter verwandelten Schulmeisters, ihre Gedanken beschäftigten sich
nur mit Konrad und dem geheimnißvollen Fremden im Walde. Ueberall, wo
nur Männer standen, spähte sie mit den Blicken; sie traf wohl in dem
hellen Mondenscheine manches Gesicht, das ihr freundlich zulächelte,
doch nicht das Gesicht dessen, den sie liebte.
Die Rede war zu Ende und die Dorfmusiker begannen einen neuen Marsch.
Marie, deren Angst mit jeder Minute sich vergrößerte, obgleich sie sich
keinen Grund dafür angeben konnte, entfernte sich unbemerkt von den
jungen Mädchen und wollte eben in die Thür ihres Hauses treten, als
die Musik plötzlich schwieg und die Menge sich neugierig nach dem Orte
drängte, wo der Richter seine Rede gehalten hatte. Bestürzt blieb sie
stehen und lauschte, ihr war, als ob sie eine Unglücksbotschaft von
Konrad hören müßte. Diese Ahnung schien in Erfüllung gehen zu sollen,
denn sie erkannte aus dem Gemurmel deutlich Röschens Stimme, die sie
noch bei der Tante in dem benachbarten Dorfe wähnte. Mit ungeheurer
Anstrengung faßte sie allen ihren Muth zusammen und drängte sich durch
den dichten Haufen, bis sie an die Hausthür des Richters gelangte.
Hier stand Röschen bleich und athemlos vor Valentin und versuchte zu
reden, Angst und Erschöpfung aber erstickten das Wort im Munde.
-- Was giebt's? Was ist geschehen? hörte man Männer und Frauen rufen,
indem sich alle immer näher herandrängten.
-- Röschen, Röschen, stammelte Marie, indem sie die bis zum Tode
erschöpfte Freundin unterstützte -- um Gotteswillen, was treibt Dich
hieher? Ist ein Unglück geschehen?
-- Ruhe! gebot der Richter. Was führt Dich zu mir, mein Kind?
Nach einigen Minuten hatte sich Konrad's Schwester soweit erholt, daß
sie zu Worte kommen konnte.
-- Länger als ich dachte, sprach sie in abgebrochenen Sätzen, hielt
mich ein Geschäft bei meiner Tante auf -- es war Nacht, als ich bei den
Ruinen der Abtei vorüberging -- da höre ich plötzlich Schritte -- die
Angst befällt mich -- aber ich setze meinen Weg fort -- ich trete um die
Biegung der verfallenen Mauer -- da sehe ich im Mondenscheine, wie
sich ein Mann gegen zwei Räuber vertheidigt -- vor Angst und Schrecken
verberge ich mich hinter einem Felsen, der am Wege steht -- ich lausche
zitternd -- das Geräusch der Kämpfenden entfernt sich -- aber der Wind,
der sich aufmacht, treibt mir den Hut eines der Mörder zu -- ich raffe
ihn auf -- und stürze dem Dorfe zu -- hier ist der Hut!
Mit zitternder Hand reichte sie Marien, die ihr zunächst stand, den Hut,
den sie bisher unter der Schürze verborgen gehalten hatte. Doch kaum hat
diese einen Blick darauf geworfen, als sie vor Schrecken zur Bildsäule
erstarrt -- sie erkennt an der Schleife das rothe Band, das sie diesen
Abend als einen Beweis ihrer Liebe um Konrads Hut gewunden -- es war der
seinige.
Starr sah sie auf das verhängnißvolle Zeichen, bis der Richter sich
seiner bemächtigte. Konrad's ausweichende, unbestimmte Antworten, sein
verschlossenes Wesen, das er nach der Unterredung mit dem Fremden
im Walde beobachtete, -- alles stand plötzlich vor ihrer Seele, sie
zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß der Mann, den sie liebte,
Theil an dem begangenen Verbrechen genommen habe -- und Röschen, seine
eigene Schwester mußte ihn verrathen.
-- Also in den Ruinen der Abtei hast Du gesehen, daß ein Mensch von
Raubmördern angefallen wurde? fragte der Richter.
-- Ja, antwortete Röschen, die sich wieder erholt hatte, ich habe es
deutlich gesehen, und jener Hut muß einem der Mörder gehören.
-- Freunde, rief Valentin, der den Hut betrachtet, es unterliegt keinem
Zweifel, daß in der Nähe unsers Dorfes ein Raubmord stattgefunden, denn
dieser Hut ist feucht von Blut. Geht in Eure Häuser und holt was Ihr
an Waffen besitzt -- dann seid in fünf Minuten wieder hier, wir wollen
ausziehen und den ganzen Wald durchsuchen -- ich als Richter stelle mich
an Eure Spitze!
Die Bauern zerstoben nach allen Seiten, um der Aufforderung Valentins
nachzukommen; die Frauen und Mädchen gingen erschreckt ihren Häusern zu.
Auf allen Plätzen und Gassen des Dorfes hörte man ein dumpfes Murmeln
und selbst Vermuthungen über die Thäter wurden ausgesprochen, die
freilich nur auf berüchtigte Personen fielen.
Marie war die einzige, die Konrad in Verdacht hatte, denn sie nur allein
hatte seinen Hut wiedererkannt. Aber mit männlichem Muthe verschloß sie
diesen Verdacht in ihrer Brust, obgleich der Schmerz um die Verirrung
des geliebten Mannes sie zu zersprengen drohete.
-- Marie, fragte Röschen, indem sie den Arm der Freundin ergriff -- wo
ist mein Bruder Konrad?
-- Ich weiß es nicht! stammelte die Arme.
-- War er nicht mit hier?
-- Ich habe ihn in der Menge nicht gesehen.
-- Du zitterst, Marie; bist noch mehr erschreckt, als ich --? Fürchtest
Du vielleicht --?
-- O nein, antwortete rasch Marie, ich fürchte nichts -- Deine Erzählung
hat mich so mit Angst und Schrecken erfüllt, daß ich kaum zu reden
vermag -- das ist alles.
-- Gieb Dich nur zufrieden, sagte unbefangen das muntere Röschen, man
wird den Missethätern schon auf die Spur kommen, daß sie weiter keinen
Schaden anrichten können. Ich freue mich, daß ich das ganze Dorf
versammelt fand, und daß der Richter gleich aufbrechen kann. Sieh, dort
kommt schon ein Trupp junger Leute, und dort wieder einer -- o, daß sie
die Bösewichter doch fingen!
Unter diesem Gespräche hatten sie Mariens Thür erreicht.
-- Gute Nacht, Röschen, sagte die unglückliche Braut.
-- Gute Nacht, Marie! Und was sage ich meinem Bruder?
-- Ich wünschte, daß er ruhiger schlafen möge, als ich! Gute Nacht.
Marie trat in ihr Haus und schloß die Thür. In ihrem Stübchen, wo sie
allein war, brachen die lange zurückgehaltenen Thränen hervor, sie sank
auf einen Stuhl und begann bitterlich zu weinen.
Die ersten Donnerschläge des heranziehenden Gewitters ließen sich
vernehmen und starke Blitze erhellten auf Augenblicke das ganze Zimmer.
Auf dem Platze vor des Richters Hause war es wieder lebendig geworden,
denn mehr als fünfzig Männer, mit Gewehren, Aexten und Stangen
bewaffnet, hatten sich zur Durchsuchung des Waldes eingefunden.
In dem Augenblicke, als der mit einem langen Säbel bewaffnete
Ortsrichter aus seinem Hause trat, vermehrte sich der kriegerische Trupp
noch um zwei Köpfe -- Graff, der Eberhard am Arme führte, fragte nach
dem Zwecke der Versammlung, obgleich er ihn im Dorfe schon vernommen
hatte. Valentin, der sich über die Ankunft der beiden waffenkundigen
Männer freute, da er nichts weniger als muthig war, berichtete kurz den
Vorfall.
-- Wir begleiten Euch, Freunde, rief Graff. Die Gegend muß gelichtet
werden von diesem Gesindel! Fort zu der Abtei!
Als Valentin von dem Hute sprach, den einer der Räuber verloren
haben sollte, mußte sich Eberhard auf seinen Freund Graff stützen, er
vermochte sich kaum noch aufrecht zu erhalten.
-- Memme, flüsterte der Jäger ihm zu, willst Du uns verrathen? Nimm Dich
zusammen, der Hut mit dem rothen Bande wälzt allen Verdacht auf Konrad,
und Du kannst die Meierei noch erhalten, denn einen überführten Räuber
wird die züchtige Marie nicht heirathen!
-- Du hast Recht! antwortete Eberhard, dessen Hoffnung auf Mariens
Besitz die Wendung der Dinge neu belebt hatte. Ich folge Ihnen, Vetter,
rief er den abziehenden Bauern nach, ich will nur mein Gewehr holen, das
in Ihrem Hause steht!
Nach einigen Minuten schritten die beiden Jäger an Mariens Fenster
vorüber.
Bei dem Leuchten eines Blitzes sahen sie das bleiche Gesicht des armen
Mädchens, das weinend über den leer gewordenen Dorfplatz blickte.
-- Hast Du sie gesehen? flüsterte Graff.
-- Wie es scheint, wartet sie auf Konrad, antwortete der Förster.
-- Ich zweifle, daß er kommen wird.
-- Und wenn er kommt? fragte zitternd Eberhard.
-- Wird sie ihn diesen Abend zum letzten Male empfangen haben.
Als der Zug den Wald erreichte, brach das schwere Gewitter mit einer
Gewalt los, daß die Bäume in lichten Flammen zu stehen schienen und die
Berge von den kurz aufeinander folgenden Donnerschlägen wiederhallten.
Marie saß die ganze Nacht am Fenster und weinte.
5.
Ein heiterer Morgen stieg aus dem Nebelschooße der Nacht, Flur und Wald,
erquickt durch den Gewitterregen, sandten einen balsamischen Duft in
das Lichtmeer, das in glänzenden Strahlen über der Landschaft wogte. Die
bekümmerte Marie, bleich und mit rothgeweinten Augen, verließ ihr Haus
und ging durch den duftenden Garten einer dichten Laube zu, die am
äußersten Ende desselben lag. Langsam ließ sie sich auf der Holzbank
nieder und stützte ihr brennendes Köpfchen in die hohle Hand, während
die Augen sich starr auf den freundlichen Kirchthurm richteten, der
jenseits des Gartenzaunes hinter einer Gruppe Linden emporragte.
Marie hing mit warmer, treuer Liebe an dem Manne, von dessen Verbrechen
sie die deutlichsten, unläugbarsten Beweise gehabt. Was kann ihn
dazu bewogen haben? hatte sie sich tausendmal während der schlaflos
verbrachten Nacht gefragt. Sie gab sich seine Armuth als einen Grund
an, seinen Ehrgeiz, ein kleines Vermögen ihr zuzubringen -- aber stets
verwarf sie ihn wieder, wenn sie daran dachte, daß sie selbst eine gut
gehaltene Meierei besäße, von deren Ertrage ihr künftiger Gatte leben
könne. Nein, rief sie aus, die Liebe zu mir hat ihn nicht zum Verbrecher
gemacht, er muß eine andere Veranlassung gehabt haben. Hätte er mich
wahrhaft geliebt, so mußte er seine Ehre rein und makellos erhalten, da
sie jetzt schon die meinige ist. Konrad, Du hast Deine Marie verrathen!
Seufzend senkte sie das bleiche Gesicht auf die wogende Brust herab
und das trübe Auge richtete sich auf den mit gelben Kiessand bestreuten
Boden, wo Konrad ihr gestern Nachmittag mit einem Stocke den Plan der
Schlacht gezeichnet hatte, in der er dem jungen Grafen Rudolph das Leben
gerettet.
Unwillkührlich einen Schrei ausstoßend, legte sie beide Hände vor die
Augen, als der Gedanke in ihr aufstieg: wäre er doch eines ehrenvollen
Todes gestorben! -- das arme Mädchen liebte Konrad noch, selbst als
einen Verbrecher.
Ein Geräusch von Schritten weckte die Sinnende. Sie schlug die Augen
auf und sah Röschen, die heiter und froh durch die Wege des Gartens der
Laube zueilte.
-- Sie kennt das Verbrechen des Bruders nicht, flüsterte sie vor sich
hin -- wenn es von mir allein abhängt, soll sie es nie erfahren -- ja,
ja, weder sie noch sonst ein Mensch in der Welt!
-- Guten Morgen, Marie! rief Konrad's Schwester schon aus, noch ehe
sie die schattige Laube erreicht hatte. Man sagte mir, Du wärst in
den Garten gegangen, um nachzusehen, ob der Sturm dieser Nacht keinen
Schaden angerichtet und nun finde ich Dich träumend in der Laube --
was hast Du denn? Ist ein kleiner Streit zwischen Dir und Konrad
vorgefallen? Schon gestern Abend kamst Du mir niedergeschlagen vor --
heute sehe ich, daß Du wirklich traurig bist, und meinen Bruder vermisse
ich auch -- --
-- Röschen, fragte Marie mit ängstlicher Neugierde -- glaubtest Du
Deinen Bruder hier zu finden?
-- Ei freilich! Wo denn sonst?
-- Hast Du ihn diesen Morgen noch nicht gesehen?
-- Nein, er ist diese Nacht nicht zu Hause gewesen!
Erbleichend wandte sich Marie ab, Röschen brachte ihr einen neuen Beweis
von Konrad's Verbrechen.
-- Laß Dich das nicht erschrecken, fuhr Röschen unbefangen und
theilnehmend fort -- er hat gestern Abend uns sagen lassen, daß wir
nicht auf ihn warten sollten, da ihn ein wichtiges Geschäft von Hause
fern halte. Diesen Morgen nun, dachte ich, würde sein erster Weg zu
Dir sein, und das ist auch ganz in der Ordnung, denn die Braut geht der
Schwester vor.
Mit den letzten Worten hatte sich Röschen an Marien's Seite gesetzt und
begann ihr in das trübe Auge zu sehen.
-- Ich weiß nicht, wo Dein Bruder ist, antwortete Marie, ihre Bewegung
verbergend -- vielleicht drängt es ihn nicht so sehr mich zu sehen, als
Du glaubst. Er ist im Kriege gewesen, unter rohen Soldaten -- er hat
schlechte Beispiele vor Augen gehabt -- dies alles kann das Herz eines
braven Menschen schon verderben.
-- Wie, rief Röschen entrüstet, Du hältst meinen Bruder für ungetreu?
Nein, Marie, so tief ist mein Bruder nicht gesunken, selbst wenn er
im Kriege unter lauter schlechten Menschen gewesen wäre! Doch sei nur
ruhig, er wird und muß kommen, ich kenne ihn besser und setze durchaus
kein Mißtrauen in ihn. Auch unser neuer Ortsrichter wundert sich, daß er
diese Nacht nicht mit ausgezogen ist, die Räuber zu verfolgen.
-- Nun, was hat man entdeckt? fragte eifrig Marie.
-- Nichts! An dem Orte, den ich bezeichnet, hat man eine Menge Laub
und abgebrochener Zweige gefunden -- das ist alles. Daß übrigens eine
Rauferei dort stattgefunden, ist klar -- aber von Blutspuren war nichts
zu sehen, es ist wahrscheinlich nur eine einfache Plünderung gewesen.
-- Röschen, ist das nicht genug? Einen Straßenraub bestraft das Gesetz
mit dem Tode -- und wenn auch nicht, so ist die Schande mindestens
dasselbe.
-- Ei, das will ich meinen, Marie! Der Ortsrichter will auch durchaus
einen hängen lassen. Diesen Morgen ganz früh war er schon bei mir und
plagte mich mit verschiednen Fragen. Unter andern: ob ich nicht in der
Angst einen Busch für Räuber angesehen hätte? O nein, Herr Valentin,
meine Augen sind nur zu gut, ich habe ganz deutlich gesehen, was ich
berichtet. Aber denke Dir, noch deutlicher habe ich die ganze Geschichte
im Traume gesehen. Mir hat die ganze Nacht hindurch nur von Räubern
geträumt -- Marie, Marie, rief sie plötzlich, indem sie mit dem Finger
nach einem Hügel deutete, der sich dicht am Gartenzaune erhob -- sieh'
dorthin -- habe ich nicht Recht gehabt?
Beide Mädchen blickten schweigend nach dem bezeichneten Orte: Röschen
mit Verwunderung, Marie mit Entsetzen, denn sie sahen Konrad mit
verschränkten Armen und gesenktem Haupte den Fußpfad herabkommen, der
von dem Hügel zu einer kleinen Thür in dem Gartenzaune führte, die in
der Regel geöffnet war, da sie den Knechten und Mägden einen nähern Weg
in das Feld bot.
Nach einer Minute war der junge Mann so nahe gekommen, daß Marie
deutlich seine Kopfbedeckung wahrnehmen konnte -- er trug statt des
Hutes eine Tuchmütze mit einem Lederschirme.
-- Es ist Konrad, sagte sie zitternd.
-- Was ihm nur begegnet sein mag? fragte Röschen. Er ist sonst stets so
fröhlich, und diesen Morgen -- --
-- Röschen, willst Du mir gefällig sein?
-- Gern!
-- Ich vermuthe, Dein Bruder kommt zu dieser Laube -- wir wollen uns ein
wenig zurückziehen, um ihn in seinem Nachsinnen nicht zu stören.
-- Ich wette, antwortete lächelnd Röschen, Ihr habt einen kleinen Streit
gehabt -- --
-- Komm, liebe Freundin, komm!
Röschen ward in ihrer ersten Meinung bestärkt, deshalb ließ sie sich
unter leisem Gelächter von Marien aus der Laube hinter einen nahen
Fliederbusch ziehen, der sie dem Ankommenden völlig verbarg.
Kaum hatten die beiden Mädchen ihr Versteck erreicht, als Konrad die
Gartenthür öffnete, langsam durch den Weg ging und sich in der halb
dunkeln Laube niederließ.
-- Weiter kann ich nicht, murmelte er leise vor sich hin. O mein Gott,
welch' eine schreckliche Nacht! und immer noch keine Nachricht -- ich
habe mit meinem Wagen vergebens auf dem Kreuzwege gewartet. Diesen
Morgen schon durchsuchte ich die Ruinen und den Wald -- nirgends eine
Spur von meinem armen Grafen. Was wohl aus ihm geworden ist? Ob sie sich
geschlagen haben? -- Fürchterliche Ungewißheit -- und niemandem darf ich
mich mittheilen!
-- Verstehst Du, was er mit sich selbst redet? fragte bebend die arme
Marie ihre Freundin.
-- Nein.
-- Er seufzt.
-- Vielleicht quält ihn sein Gewissen, sagte Konrad's Schwester mit
einem leichten Lächeln.
-- Sein Gewissen? fuhr Marie erschreckt empor.
-- Still, er redet wieder!
-- Und Marie -- fuhr Konrad in seinem Selbstgespräche so laut fort, daß
es die Mädchen deutlich verstehen konnten -- was wird die arme Marie
über meine Abwesenheit denken? Schon gestern Abend ward sie traurig, als
ich ihr keine genügende Antwort auf ihre Fragen geben konnte --!