-- Mein Gott, rief sie mit zitternder Stimme aus, was verschafft mir die

Ehre dieses seltenen Besuches -- und diesen Abend, noch so spät?

-- Ob Jungfer Marie das wohl rathen kann, antwortete lachend der

Ortsrichter, indem er wie ein alter Bekannter des Hauses seinen Hut

auf den Stock hing und beides an ein Uhrgehäuse lehnte, in welchem ein

schwerfälliger Pendel seine langsamen Schwingungen machte.

-- Nehmen Sie Platz, flüsterte das junge Mädchen und schob zwei Stühle

heran.

Die Männer folgten der Einladung. Marie setzte sich wieder in ihren

Stuhl; doch schon in der nächsten Secunde erhob sie sich rasch wieder.

-- Es ist schon dunkel, rief sie aus, ich werde Licht holen!

Der Jäger ergriff ihre Hand und zog sie leise auf den Stuhl zurück.

-- Bleiben Sie, schöne Marie, sagte er so sanft, als es seine tiefe

Stimme erlaubte, es ist noch Zeit genug, Licht zu holen -- berauben Sie

uns jetzt Ihrer Gegenwart nicht.

-- Womit kann ich den Herren dienen? fragte sie in einem Tone, der

deutlich den peinlichen Zustand verrieth, in den sie die Berührung des

Jägers gesetzt hatte.

-- Marie, sagte der Richter, Sie wissen, daß große Umwege meine Sache

nicht sind, ich steuere stets direct auf mein Ziel los. Und dies

muß nach meiner Ansicht auch ein Mann, der die höchst wichtige und

einflußreiche Würde eines Ortsrichters bekleidet. Ich habe keine

leiblichen Kinder, meine ganze Familie besteht aus meiner kleinen Mündel

und meinem Neffen, dem gräflichen Revierförster Eberhard. Um nun nach

Pflicht und Gewissen für die Zukunft meiner Pflegebefohlenen zu sorgen,

habe ich mich mit Gott zu dem gegenwärtigen Besuche entschlossen.

-- Und der Zweck dieses Besuches? fragte Marie kaum hörbar, da ihr die

Angst die Brust zusammenschnürte.

-- Marie, sagte der Richter mit feierlicher Stimme, ich bin gekommen, um

für meinen Neffen Eberhard um Ihre Hand zu werben.

-- Und ich, fügte der Jäger hinzu, um meine Bitte, die sich auf Achtung

und Liebe gründet, mit der Werbung meines Vetters zu vereinigen.

Marie antwortete nicht, eine ängstliche Pause trat ein, und beide Theile

segneten im Stillen den Umstand, daß das Zimmer dunkel war.

-- Nun, liebe Mündel, begann betonend der Ortsrichter wieder, was haben

Sie auf unsern Antrag zu antworten? Nicht wahr, das hätten Sie wohl

nicht erwartet?

-- Nein! antwortete Marie, und ihre Angst schien plötzlich verschwunden

zu sein, denn sie sprach dieses Wort mit einer Unbefangenheit, die

Valentin und Eberhard für eine freudige Zustimmung hielten.

-- Das habe ich mir gedacht! rief lachend der Richter, indem er seine

großen Hände rieb, daß es laut rauschte. Nicht wahr, mein Eberhard ist

ein schmucker Bursche?

-- Marie! rief Eberhard und wollte ihre Hand ergreifen.

-- Herr Vormund, sagte das junge Mädchen, indem es aufstand, Ihr Antrag

schmeichelt meinem Herzen und meiner Eitelkeit, denn Sie denken mir

eine Ehre zu, an die ich nimmer geglaubt hätte -- trotzdem aber kann ich

Ihren Antrag nicht annehmen!

-- Warum? fragten beide Männer zugleich.

-- Weil mein Herz meine Hand schon versprochen hat! antwortete Marie in

einem festen Tone.

-- So, rief der Richter erstaunt -- und ohne mein Wissen? Wer ist denn

dieser heimliche Liebhaber?

-- Der Mann, den ich liebe, und dem ich meine Hand versprochen, ist

Konrad, mein junger Nachbar.

Vetter und Neffe konnten ihrem neuen Erstaunen keine Worte verleihen, da

ihnen eine Magd, die in diesem Augenblicke Licht in das Zimmer brachte,

Schweigen auferlegte. Marie, deren liebliches Gesicht wie eine Rose im

Frühlinge glühete, trat der Magd entgegen, nahm ihr das Licht ab und

verabschiedete sie wieder durch ein Zeichen mit der Hand. Dasselbe

Licht, das jetzt dem Jäger das reizende Mädchen zeigte, hatte Konrad

durch das Fenster schimmern sehen, der leise seinen Gruß flüsternd

vorüberging.

Als ob der Gruß des Geliebten, den Marie noch in weiter Ferne wähnte,

eine wunderbare Kraft geäußert, stand sie mit freundlichen, aber

entschlossenen Mienen vor den beiden Männern, die Blicke der

Verlegenheit und des Aergers wechselten. Der Jäger nahm zuerst das Wort

wieder.

-- Demnach hätte ich einen Korb erhalten? fragte er mit einem stechendem

Blicke.

-- Es thut mir leid, antwortete das junge Mädchen mit einer kurzen

Verbeugung -- Sie sehen aber, ich kann nicht anders.

-- Konrad? rief der Richter, indem er aufstand -- ist er nicht mit

unserm jungen Grafen in den Krieg gezogen?

-- Derselbe, Herr Ortsrichter, und ich muß bekennen, daß ich ihm deshalb

noch einmal so gut bin, denn es zeigt, daß er Muth und Vaterlandsliebe

im Herzen trägt.

-- Konrad, sagte der Jäger verächtlich, ein sonderbarer Geschmack!

-- Mag sein, Herr Eberhard, aber ich liebe ihn!

-- Außerdem hat der Mensch nicht hundert Thaler im Vermögen! fügte der

Richter hinzu.

-- Mag sein, Herr Valentin; aber ich liebe ihn und besitze eine Meierei,

die uns beide ernährt.

-- Hören Sie, Marie, ich bin Ihr Vormund und freue mich über Ihren

braven Charakter -- aber während Sie so fest an Ihrem Versprechen

hangen, ist es ein leicht möglicher Fall, daß der arme Junge --

vielleicht ohne es zu wollen -- --

-- Mein Gott, rief Marie erschreckt -- was wollen Sie sagen? Wissen Sie

vielleicht -- --?

-- Als Ortsrichter weiß ich Alles, mein Kind, und weiß auch, daß in

dem Kriege gegen die furchtbaren Dänen viel Menschen gefallen sind, die

eigentlich hätten zu Hause bleiben können.

Marie schwankte und sank in den Stuhl zurück.

-- Konrad, Konrad ist todt! rief sie schluchzend und bedeckte ihr

Gesicht mit der weißen Schürze, die ihren schlanken Leib umschloß.

-- Das habe ich nicht gesagt! rief der Richter erschreckt.

-- Er ist nicht todt? fuhr Marie empor. Ist er verwundet?

-- Auch das habe ich nicht gesagt!

-- Nun, sagte sie mit fester Stimme und sah mit ihren thränenden Augen

den verwirrten Valentin an, während Eberhard seinen Nebenbuhler um diese

Thränen beneidete -- nun, Herr Richter, was wollen Sie denn sagen?

-- Ich will sagen, mein liebes Kind, daß alles geschehen kann, was man

fürchtet, und daß es in Ihrem Alter sehr unklug gehandelt ist, wenn

man daran denkt, sein Leben an das eines Soldaten im Kriege ketten zu

wollen. Sehen Sie, unser junger Graf Rudolph ist diesen Morgen schon

zurückgekehrt, folglich muß der Krieg aus sein, und wer zurückkehren

kann, wird gewiß nicht säumen, zumal wenn er ein Bräutchen in der

Heimath hat. Entweder hat ein solcher Soldat sein Liebchen vergessen

und ein anderes gefunden, oder er hat sonst einen Grund, der ihn

hindert -- --

Des Richters Rede ward durch das hastige Oeffnen der Thür unterbrochen.

Aller Blicke wandten sich dahin.

Ein junges Mädchen stürzte in fröhlicher Hast herein, denn seine Blicke

leuchteten vor Freude und Lust, wie die eines Boten, der gute Nachricht

verkünden will.

-- Röschen, Röschen! rief Marie und stürzte der Freundin entgegen, die

in diesem Augenblicke erstaunt den Besuch betrachtete. Röschen, wo ist

Konrad?

-- Mein Bruder? fragte die Eingetretene verwundert. Weißt Du es schon?

-- Also hast Du Nachricht -- o erzähle, wo ist er, wie geht es ihm?

-- Du weißt noch nichts, meine Marie, sagte Röschen lächelnd, folge mir

in meine Wohnung und Du sollst alles erfahren!

-- Nein, nein, berichte hier gleich, die Unruhe tödtet mich! Röschen,

wenn Du mich liebst, fügte sie mit einem Seitenblicke auf die Männer

hinzu, so theilst Du mir gleich Deine Nachrichten mit.

Röschen hatte den Blick verstanden, denn sie sagte betonend:

-- Nun denn, mein Bruder Konrad ist so eben angekommen!

-- Gott sei Dank! rief Marie und bedeckte den Mund, der diese Botschaft

gesprochen, mit glühenden Freudenküssen. Herr Ortsrichter, wandte sie

sich zu Valentin, was sagten Sie doch vorhin?

-- Ich sagte, stammelte der Alte, ich sagte, daß sich alles ereignen

könne -- und hatte ich nicht Recht? Er ist angekommen, den wir noch

im Kriege wähnten! Nun, Jungfer Mündel, wir wollen Ihre Freude des

Wiedersehens nicht stören, gute Nacht! Doch vergessen Sie nicht, daß ich

Ihr Vormund bin! Gute Nacht!

Valentin ergriff Stock und Hut und verließ das Zimmer. Der Jäger

grüßte kalt die beiden Mädchen und folgte seinem Vetter, der mit großen

Schritten seinem Hause zueilte.

-- Was bedeutet das? fragte Röschen verwundert -- der Jäger Eberhard in

Deiner Wohnung --?

-- Morgen, beste Freundin, sollst Du alles erfahren -- jetzt komm zu

Konrad, daß ich ihn in der Heimath als sein treues Mädchen begrüßen

kann. Komm, Röschen, komm!

Wie Rehe, die den Jäger ahnen, hüpften die beiden Mädchen über den

mondbeleuchteten Dorfplatz dem gegenüberliegenden Hause zu, dessen weiße

Mauer das milde Licht des Himmels wiederstrahlte.

In der dunkeln Thür öffneten sich zwei Arme und empfingen die bebende

Marie, die Röschen mit Absicht vorangehen ließ.

-- Konrad!

-- Marie!

3.

Es war Sonntagabend. Ruhig und schwül lag er auf dem Dorfe, und der

Horizont im Westen, wo gestern das heiterste Abendroth prangte, kündigte

heute ein heranziehendes Gewitter an. Vor den Häusern saßen in ihrem

Sonntagstaate Männer, Weiber und Kinder und unter den breiten Linden vor

den Thüren hatten sich Gruppen junger Burschen und Mädchen versammelt,

um zu plaudern und zu scherzen.

Wie die Menschen, schien auch die Natur den Tag des Herrn zu feiern,

denn es lag eine ernste Stille über der ganzen Gegend ausgebreitet, die

durch das Drückende der Luft noch vermehrt wurde.

Von dem Kirchthurme herab verkündete die Glocke die siebente Stunde, als

zwei Jäger aus dem Dorfe traten und einen Fußpfad einschlugen, der über

eine Wiese dem nahen Walde zuführte. Den einen von ihnen kennt der Leser

bereits, es war Eberhard, des Ortsrichters Neffe. Der andere war ein

kurzer, stämmiger Mann von ungefähr zwei und dreißig Jahren, mit breiten

Schultern, kurzem Halse und einem dicken, runden Kopfe, den ein

krauses, schwarzes Haar bedeckte. Sein Gesicht war voll und breit, mit

Blatternarben besäet und von schmutzig rother Farbe. Seine Augen hatten

mit denen eines Schweines große Aehnlichkeit, sie waren geschlitzt,

grünlich grau und von starken buschigen Brauen bedeckt. Die Kleidung

dieses Mannes war dieselbe Jägeruniform, die Eberhard trug.

Schweigend gingen sie über den Wiesenplan, der mit halb trockenen

Heuhaufen bedeckt war und einen angenehmen Kräutergeruch verbreitete.

Als sie die erste Eiche des beginnenden Waldes erreicht hatten, blieb

Eberhard plötzlich stehen und sah nach dem Dorfe zurück, das nach und

nach durch Bäume und Hecken den Blicken entschwunden war. Sein Gefährte

sah ihn mit einem grinsenden Lächeln an.

-- Du wunderst Dich wohl über die Hochzeit, Eberhard, sagte er mit

heiserer Stimme -- von der heute den ganzen Tag in unserm lieben

Dörflein die Rede war? Ich muß Dir bekennen, daß ich mich auch ein wenig

darüber gewundert habe.

-- Graff, antwortete der junge Jäger, wenn Du mich nicht ärgern willst,

so sprich nicht davon -- ich denke an ganz andere Dinge!

-- Ah, ich verstehe, rief Graff, Du denkst an das Spiel!

-- An das Spiel! Womit soll ich spielen?

-- Nun, Du hattest doch vorgestern noch Geld?

-- Vorgestern und heute! sagte Eberhard mit gerunzelter Stirn --

dazwischen liegt ein ganzer Tag!

-- Was ist geschehen? fragte Graff, indem er den Arm seines Freundes

ergriff, und ihn veranlaßte, langsam den Weg fortzusetzen.

-- Alles Geld, was Du vorgestern bei mir sahest, habe ich verspielt. Ich

setzte hoch, weil ich viel gewinnen wollte.

-- Verspielt? lachte der dicke Jäger.

-- Ich habe diesen Monat ein besonderes Unglück!

-- Sage nicht Unglück, Eberhard, der Ausdruck ist falsch.

-- Was trägt denn die Schuld an meinem Verluste?

-- Deine Ungeschicklichkeit, mein bester Freund! Wie kann ein gescheuter

Mensch sich mit Spielern von Profession einlassen -- o wie dumm!

-- Wie, rief Eberhard, so bin ich wohl gar der Geprellte gewesen?

-- Das ist leicht möglich! gab Graff kalt zur Antwort.

-- Und Du hast mich nicht gewarnt?

-- Was Du da verlangst, Freund Eberhard! Jene sind so gut meine Freunde,

als Du!

-- Also solche Freunde hast Du! rief der junge Jäger im Tone des

Vorwurfs.

-- Auch solche, antwortete trocken der Freund, denn es ist mein

Grundsatz, mit Leuten von allen Gesinnungen Bekanntschaft zu pflegen.

Und außerdem hast Du ja häufiger Gelegenheit, Deine Revanche zu nehmen,

als jene armen Teufel.

Die beiden Freunde hatten während dieses Gesprächs ein dichtes

Haselgesträuch erreicht, das wie ein Bosquet rechts und links zur Seite

stand. Einzelne Eichen ragten daraus empor und verhüllten die Aussicht

auf das Firmament, so daß auf dem Waldwege schon starke Dämmerung

herrschte. Nirgends regte sich ein Blatt in den Zweigen, nur dann und

wann flatterte ein Vogel aus dem Dickicht auf, den die Schritte der

Männer in seinem Verstecke erschreckt hatten.

-- Du sprichst von Revanche, Graff -- begann nach einer Pause der

Revierförster wieder -- was nützt mir die Gelegenheit dazu, wenn mich

auf Tritt und Schritt das Unglück verfolgt?

-- Es giebt verschiedene Branchen, sein Glück zu machen, muß es denn

immer nur das Spiel sein? Eberhard, ich dürfte nicht in Deiner Haut

stecken, oder es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht in kurzer

Zeit ein reicher Mann wäre. Sieh' Dich nach einem reichen Mädchen um,

Freund, es giebt ja so viel Bauerdirnen, die nur deshalb noch ledig

sind, weil sie keinen Bauerjungen heirathen, sondern etwas höher

hinauswollen.

-- Die Absicht hatte ich gestern, antwortete Eberhard, und glaubte

schon, daß mir ein hübsches Mädchen mit einer einträglichen Meierei

nicht entgehen könne --

-- Mit einer Meierei --? Nun --?

-- Der Teufel trieb wieder sein Spiel, denn die Rückkehr jenes Konrad,

der so dumm war, mit unserm Grafen in den Krieg gegen die Dänen zu

ziehen, vereitelte alle meine Aussichten.

-- Und dies macht Dich so untröstlich? rief Graff, indem er in ein so

lautes Gelächter ausbrach, daß das Echo des Waldes es zurückgab.

-- Wenn man keine andere Aussicht hat, allerdings! gab Eberhard düster

zur Antwort.

-- Bist Du ein engherziger Mensch! Giebt es nicht noch tausend andere

Quellen auf der Welt, aus welcher der Kluge leicht und ohne Mühe seinen

Vortheil schöpfen kann?

-- Nenne mir eine solche Quelle, rief Eberhard, nenne sie mir und

beweise, daß Du ein kluger Mensch bist!

Graff blieb stehen und sah seinen düstern Freund einen Augenblick an,

dann sagte er halb laut, als ob er fürchtete gehört zu werden:

-- Geh hinaus auf die Landstraße -- prüfe die glücklichen Leute --

beschäftige Dich mit den Reichen -- es giebt ja so viel Gewerbe -- die

Erde ist groß -- das Feld ist weit -- eine einzige goldne Erndte, und Du

bist ein gemachter Mann!

-- Ja, antwortete Eberhard in einem dumpfen Tone, ich bin ein gemachter

Mann, weil ich auf dem Punkte stehe, mich entweder in den Teich zu

stürzen, oder eine Kugel durch den Kopf zu jagen!

-- Mein Gott, sagte Graff lächelnd, wie kann man auf solche

abgeschmackte Gedanken gerathen! Bist Du denn so entsetzlich in das

Mädchen verliebt, das Dir jener Konrad vor der Nase wegschnappt?

-- Nein!

-- Nun, was ist es denn, was Dich so mächtig erschüttert?

-- Ich schulde in der Stadt eine bedeutende Summe, deren Zahlungsfrist

bereits abgelaufen ist.

-- So laß sie laufen, was kümmert es Dich!

-- Sehr viel, Graff, denn es ist eine Wechselschuld.

-- O Du dummer Teufel! Wie kann ein vernünftiger Mensch einen Wechsel

unterschreiben?

-- Man gab mir Zeit, fuhr Eberhard fort, weil ich die sicherste Hoffnung

auf die Heirath hegte; diesen Morgen aber schrieb mir ein Freund,

daß ich jeden Tag gewärtigen könne, bei Wasser und Brod in das

Schuldgefängniß gesperrt zu werden, denn mein Gläubiger habe bereits bei

den Gerichten darum nachgesucht.

-- Komm, rief Graff und zog den Förster mit sich fort, die Sache wird

so schlimm nicht werden, als Du denkst! Schlagen wir diesen Weg nach dem

Wirthshause ein, wir wollen einen Schoppen zusammen trinken, vielleicht

giebt uns der Wein einen gesunden Rathschlag, der uns wieder flott

macht! Komm, Freund Eberhard, und verliere den Kopf nicht!

-- Du hast Recht, rief Eberhard mit glühenden Augen, denn in diesem

erbärmlichen Leben sind ja doch nur die Augenblicke glücklich, wo der

Verstand zum Teufel geht. Komm, ich folge Dir!

-- Recht so, Freund, wir wollen die Grillen verplaudern und vertrinken!

Singend, daß der Wald wiederhallte, zogen sie Arm in Arm den Fußweg

fort, der nach zehn Minuten auf einen Platz mündete, auf welchem ein

einsames Häuschen stand. Es ward von einem alten Jäger bewohnt, der

Getränke und Speisen im Sommer feil bot, weil es an der Straße lag,

welche von den Reisenden am häufigsten gewählt wurde, um den Brocken zu

besuchen.

Jauchzend, als ob ihnen das größte Glück begegnet, traten die beiden

Männer ein und forderten lärmend von dem besten Weine. In einem Zimmer,

dessen niederes Fenster nach dem Waldplatze hinausging, setzten sie sich

an einen Tisch und begannen wacker zu zechen, wobei Graff Anecdoten und

Schnurren erzählte, über welche Eberhard, dem nach und nach der Wein zu

Kopfe stieg, aus vollem Herzen lachte und Heirath und Schulden vergaß.

Der Abend war während dieser Zeit völlig hereingebrochen, im Westen

zogen sich die Gewitterwolken immer drohender zusammen, im Osten aber

stieg der Mond herauf und beleuchtete mit seinem melancholischen Lichte

den schweigenden, duftenden Wald.

In der Unterhaltung der beiden Jäger war eine Stockung eingetreten, denn

Eberhard's schwerer Kopf hatte sich auf den Tisch gesenkt und schien

dem Weine und der drückenden Schwüle völlig zu unterliegen. Graff

betrachtete durch das geöffnete Fenster die prachtvolle Abendlandschaft.

Das Zimmer war dunkel und in den übrigen Räumen des einsamen Hauses

regte sich kein Laut, da diesen Abend die beiden Jäger die einzigen

Gäste waren.

Plötzlich hörte Graff ein Gespräch in dem Walde. Er lauschte. Es schien

unter Leuten stattzufinden, die den Weg von dem kaum eine halbe Stunde

entfernten Dorfe herkamen. Die Worte tönten laut durch den stillen

Abend, aber Graff konnte sie dennoch nicht verstehen, da das gleich

darauf folgende Echo sich mit ihnen mischte. Soviel vermochte er aber

zu unterscheiden, daß eine der Stimmen einer Frau oder einem Mädchen

angehörte.

Nach einigen Minuten sah der Jäger zwei Personen aus dem Gebüsche auf

den hell erleuchteten Waldplatz treten; sie gingen langsam Arm in Arm

und führten ein fröhliches Gespräch, dessen Worte Graff schon seit

einiger Zeit gehört hatte. Leise zog er sich in das dunkele Zimmer

zurück und begann zu lauschen.

-- Weiter gehe ich nicht, Konrad, sagte die Mädchenstimme -- hier ist

das Wirthshaus des alten Vaters Kaspar, wir sind eine halbe Stunde von

unserm Dorfe entfernt, und das Gewitter zieht immer drohender herauf.

-- Wie Du willst, meine Marie, antwortete die Stimme eines Mannes. Wir

wollen uns auf die Bank unter dem Fenster setzen und so lange warten,

bis meine Schwester Röschen kommt. Ich hoffe, sie wird sich beeilen,

wenn sie den schwarzen Himmel sieht.

-- Ich an Röschens Stelle hätte den Weg zu der Tante auch an einem

andern Tage abgemacht, sagte Marie wieder -- es wäre besser gewesen,

wenn wir heute zusammengeblieben wären und Deine Ankunft durch eine

Parthie nach dem Ilsensteine gefeiert hätten.

-- Du hast Recht, liebe Marie; aber die Tante ist eine alte Frau, die

meinetwegen in Sorgen ist und es gewiß nicht gut aufgenommen hätte, wenn

wir mit der Nachricht von meiner Rückkehr noch einige Tage gezögert.

Außerdem hat sie noch ein wichtiges Geschäft mit ihr abzumachen.

-- Ein Geschäft?

-- Das Dich und mich betrifft.

-- Ich verstehe, flüsterte das Mädchen -- ihre Einwilligung?

-- Ja, Marie; und morgen gehe ich selbst hinüber, um sie persönlich

darum zu bitten.

-- Ach, Konrad, wenn aber der Krieg mit den Dänen wieder ausbricht?

-- Mag er ausbrechen, sagte heftig der junge Mann, ich rühre keine Hand,

ich bleibe bei meiner Marie und besorge die Wirthschaft.

-- Wenn man Dich aber mit Gewalt zwingt?

-- Man wird mich nicht zwingen, mein Mädchen, denn, noch ehe das Laub

von den Bäumen fällt, bin ich Dein Mann, und wenn ich nachweise, daß

die Verwaltung der Meierei auf mir allein lastet, kann mich kein Teufel

zwingen, diesen erbärmlichen Krieg mitzumachen.

-- Du sahest auch viel besser aus, als Du den Soldatenrock abgelegt

und Deine gewöhnlichen Kleider wieder angezogen hattest, und vorzüglich

stand Dir die alte Feldmütze schlecht. Da lobe ich mir den schwarzen

Hut, rief lächelnd das junge Mädchen -- Du siehst noch einmal so hübsch

darin aus.

-- Und wie werde ich erst aussehen, antwortete Konrad, wenn das rothe

Bräutigamsband daran flattert!

-- Das wollen wir gleich einmal probiren! rief Marie, indem sie dem

jungen Manne den Hut vom Kopfe nahm.

-- Nun, was willst Du mit dem Hute?

-- Gieb Acht, Konrad!

Mit einer leichten Handbewegung hatte Marie ein rothes Band von ihrem

schwarzen Mieder abgelös't, das auf der Brust eine große Schleife

bildete, und schlang es um den Hut, den sie auf ihren Knien hielt.

-- So, sagte sie fröhlich und setzte dem Geliebten den Hut wieder auf

das Haupt -- so sieht ungefähr der Hut eines Bräutigams aus -- schade,

daß das Band keine längern Schleifen hat!

-- Marie, rief der entzückte Konrad, dieses Band gebe ich Dir nicht

zurück!

-- Nun, so behalte es, bester Freund, seine rothe Farbe mag Dir ein

Sinnbild meiner Liebe sein!

-- Und dieser Kuß mag Dir sagen, daß meine Liebe noch größer ist, als

die Deinige!

-- Das ist nicht wahr!

-- O ja!

-- O nein!

Konrad schloß das Mädchen in seine Arme und machte durch einen feurigen

Kuß dem kleinen Streite ein Ende. In inniger Umarmung blieb das

glückliche Paar wohl zehn Minuten lang, ohne den Lauscher am Fenster

zu gewahren. Der Mond war indeß hinter den Zweigen einer Eiche

hervorgetreten und beleuchtete sanft die Gesichter der beiden Liebenden,

die sich schweigend ansahen und nur durch Küsse die Gefühle ihrer Herzen

äußerten.

Plötzlich erklangen Schritte in dem Walde.

-- Hörst Du? rief Marie; jetzt kommt Röschen. Ich werde ein wenig mit

ihr zanken, daß sie so lange auf sich warten läßt.

Und wie eine Gemse flog sie über den Rasenplatz dem Waldwege zu, von

woher die Schritte sich vernehmen ließen. Doch kaum hatte sie das

dunkele Gebüsch betreten, als die schwarze Gestalt eines Mannes vor ihr

stand. Mit einem lauten Schrei fuhr Marie erschreckt zurück und flog auf

Konrad zu, der ihr nachgeeilt war.

-- Was giebt es? rief der junge Mann mit kräftiger Stimme.

-- Sieh' jene Gestalt -- sie kommt näher! Laß uns fliehen, vielleicht

ist es ein Räuber!

-- Fliehen, ich? rief Konrad und vertrat dem Manne, der jetzt den

Rasenplatz erreicht hatte, den Weg.

-- Konrad, sagte der Fremde, bist Du es?

-- Konrad ist mein Name; wer aber ist der, der danach fragt?

-- Kennst Du mich nicht? flüsterte der Fremde.

-- Mein Gott, ist es möglich -- Sie, Herr Graf -- allein hier im Walde?

-- Still, mein Freund, ich habe mit Dir zu reden.

-- Mit mir? fragte Konrad verwundert.

-- Ich bin nur deshalb gekommen. Ich wollte Dich in Deiner Wohnung

aufsuchen. -- Wer ist jenes Mädchen, das bei meinem Anblicke floh?

-- Es ist ja Marie, meine Braut, Herr Graf. Ach, wie wird sie sich

freuen, wenn sie Sie wiedersieht -- ich will sie holen!

-- Konrad, wenn Du mich liebst, so sorge, daß mich niemand erkennt, auch

Marie nicht.

-- Um des Himmelswillen, Herr Graf, was ist Ihnen? Sie sind so bewegt --

ihr Gesicht ist bleich -- was ist vorgegangen?

-- Du sollst alles erfahren, doch zuvor sende Marien in das Dorf zurück,

ich bedarf Deiner.

-- Marie soll allein zurückkehren?

-- Sende einen Mann aus dem Wirthshause als ihren Begleiter mit.

-- Was soll sie davon denken? wandte Konrad ein.

-- Mir fällt ein, daß Du sie begleiten kannst. Laß sie einen Augenblick

in das Haus treten, dann kehre zurück, ich erwarte Dich hier, um Dir ein

Geheimniß anzuvertrauen.

Ohne ein Wort zu entgegnen eilte Konrad zu seiner Braut, die zitternd an

der Thür des Wirthshauses stand.

-- Marie, sagte er leise, gehe auf einige Augenblicke zu dem alten

Kaspar hinein, dann hole ich Dich ab, und wir kehren zusammen nach Hause

zurück.

-- Wer ist der Fremde? fragte ängstlich das bebende Mädchen.

-- Ich kann ihn Dir jetzt nicht nennen; doch fürchte nichts, die

Unterredung, die er von mir wünscht, kann nur zu unserm Vortheile sein

-- komm in das Haus!

Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen. · 第 4 / 9 段