Das Wasser rauschte und der Kahn verschwand in dem Nebel, der wie ein

graues, undurchsichtiges Tuch auf dem Wasser ruhete.

Als ob er die Flucht des unglücklichen Paares segnen wollte, streckte

Ferenz seine Arme ihm nach. Leichten Herzens kehrte er in die Wohnung

des Apothekers zurück.

Die Patrouille hatte das Haus des Kommandanten der Schutzwehr

übergangen, da man bei ihm einen Schlupfwinkel für Flüchtlinge unmöglich

hielt. Der Advokat saß in dem freundlichen Zimmer und erzählte der

staunenden Netti die Flucht der Gräfin Thekla Andrasy.

Es war zehn Uhr, als Herr Czabo an die Thür seines Hauses klopfte.

Niklas öffnete ihm.

-- Warum öffnet Kathi nicht? fragte der erhitzte Kommandant, dem das

hübsche Gesicht und der schöne Arm der Köchin nicht mehr aus dem Sinne

wollte.

-- Sie ist nicht da, antwortete Niklas.

Nachdem der Apotheker in die finstere Küche gesehen, trat er in das

Wohnzimmer.

-- Wo ist Kathi? fragte er unmuthig, warum öffnet sie mir die Thür

nicht?

-- Vater, sagte Netti, wir haben eine fürchterliche Entdeckung gemacht.

Die Gräfin Andrasy hatte sich in unserm Hause versteckt.

-- Himmel, welche Frechheit, rief erstaunt der Apotheker.

-- Doch, beruhigen Sie sich, lieber Vater, fügte der Advokat hinzu, sie

ist schon seit einer Stunde nicht mehr unter Ihrem Dache. Niemand wird

glauben, daß eine Gräfin als Köchin in Ihren Diensten gestanden hat.

-- Wie, Kathi wäre --?

-- Die Gräfin Andrasy! sagten lächelnd Ferenz und Netti.

Herr Czabo sank vernichtet auf einen Stuhl.

-- Himmel, rief er plötzlich aus, wenn das bekannt wird, bin ich

verloren, entehrt, man wird mich meines Postens als Kommandant

entsetzen! O, diese Schlange! Nicht genug, daß sie im Lande Zwist und

Hader veranlaßt, sie geht auch noch in die Häuser friedlicher Bürger, um

Unglück anzurichten!

-- Vater, sagte Ferenz tröstend, wenn Sie selbst über diesen sonderbaren

Vorfall schweigen können, wird Niemand etwas davon erfahren, denn außer

mir und Netti weiß keine Seele darum.

-- Wohin hat sie sich gewendet?

-- Wenn ihr kein Unglück begegnet, schwebt sie jetzt auf den Wellen der

Donau, um das türkische Ufer zu erreichen.

-- Kinder, rief Herr Czabo nach einer Pause, versprecht Ihr mir, zu

schweigen, wie das Grab?

-- Wir versprechen es! sagten feierlich die jungen Leute.

-- Gut, dann mag die Gräfin mit den zwölf Gulden, die ich ihr im voraus

bezahlt, in der Türkei ihr Glück versuchen -- meine Reputation ist mir

mehr werth, als diese elende Summe.

-- Vater, sagte Netti, ich habe Ihre Börse in der Küche am Boden

gefunden -- wenn Sie sie vermissen -- hier ist sie.

Herr Czabo steckte die Börse zu sich. Seine Hand zitterte, als er

sie ergriff, denn er erinnerte sich des Augenblicks, wo er sie in die

niedliche Hand legte, die ein Heirathsproject in dem Kopfe des Wittwers

erzeugt hatte.

Eine Stunde später hatte sich alles in die Schlafzimmer zurückgezogen.

Netti träumte von ihrer nahen Hochzeit -- Ferenz sandte noch ein Gebet

für die Rettung der Flüchtlinge zum Himmel empor, dann entschlief er

-- und der Apotheker lag wachend in seinem Bette, er hatte mit einer

schwermüthigen Freude den Schluß aus der ganzen Sache gezogen, daß es

für die Ruhe seines Wittwerherzens gut sei, daß es so und nicht anders

gekommen wäre. Ein Mann, dachte er, der jeden Tag Bürgermeister von

Semlin zu werden hofft, kann doch seine Köchin nicht heirathen, und ich

hätte sie geheirathet, wenn sie Kathi Lajos geblieben wäre. Der Wille

des Himmels sei gepriesen!

Mit einem tiefen Seufzer hüllte sich der Kommandant in seine Decke und

entschlief.

Als nach Mitternacht der Mond hinter einer schwarzen Wolke hervortrat

und die romantischen Gestade der Donau beleuchtete, knieten drei

Gestalten an dem Ufer des rauschenden Flusses und verrichteten ein

kurzes Gebet.

Es waren Janos, Thekla und der treue Fischer -- sie hatten glücklich

nach einer dreistündigen gefahrvollen Fahrt das rettende Ufer erreicht.

Das rothe Band

oder

die Civilehe.

Novelle

von

August Schrader.

1.

Ein heißer Augusttag neigte sich seinem Ende zu. Die höchsten Spitzen

des Harzgebirges umfing schon die Glorie des ersten Abendrothes, während

auf den kleinern Bergen und in den Thälern Bäume und Gesträuche lange

Schatten warfen. In geheimnißvollem Schweigen lag die Natur, Waldblumen

und Kräuter dufteten Weihrauch empor, der Gesang der Vögel verstummte

nach und nach und alles bereitete sich vor, den Abend, den stillen

Vorboten der Nacht, festlich zu empfangen.

Da schritten auf einem Fußpfade, der sich zwischen den riesigen

Stämmen eines dunkeln Eichenwaldes wie ein Bach zwischen Felsen dahin

schlängelte, drei junge Männer, deren Aeußeres auf den ersten Blick

verabschiedete Krieger bekundete. Sie trugen graue Beinkleider, kurze

blaue Röcke mit gelben Knöpfen und rothen Kragen, runde Mützen mit

Streifen von derselben Farbe und Reisebündel in Form eines Kranzes, der

auf der rechten Schulter lag und auf die linke Hüfte herabhing.

Ohne sich um den Reiz des duftenden Waldes zu kümmern, dessen Moosboden

sich rechts und links wie ein grüner Teppich ausbreitete, schritt einer

dicht hinter dem andern auf dem schmalen Wege und das Echo des Haines

gab das Geräusch der kräftigen Fußtritte zurück.

Plötzlich lichtete sich der Wald, die Baumstämme verschwanden zu beiden

Seiten und die Wanderer standen auf der Platte eines Bergrückens,

an dessen Fuße sich ein kleines, romantisches Thal ausbreitete.

Der Abendnebel hatte einen feinen, durchsichtigen Schleier über

die Niederung gezogen, so daß die Häuser eines Dorfes, die wie

Schwalbennester an den Bergen hingen, wie Schemen durch den Reflex der

Lichtstrahlen gebildet, erschienen. Der Kopf des weißen Kirchthurms,

weit über die Nebelfläche emporragend, glühete im Abendstrahle wie ein

Meteor, und die langen, schmalen Fenster des Kirchleins flimmerten

wie glänzende Stahlplatten. Ein dunkles Gebirge bildete den nächsten

Hintergrund der zauberhaften Landschaft und die flammende Kuppel des

gigantischen Brockens, die weiteste Fernsicht, umsäumte das ganze Bild

mit einem milden Heiligenscheine.

Als ob ein Gedanke die Männer beseelte, blieben sie zugleich stehen und

sahen in das heimathliche Thal hinab. Ihre braunen Gesichter röthete

eine stille Freude, denn keiner wollte dem andern seine Bewegung

verrathen, und in den Augen des einen, dessen Gesichtsbildung sich vor

den übrigen durch Regelmäßigkeit auszeichnete, erglänzten selbst ein

paar Thränen, die sich bei dem längern Anschauen des Dörfchens in die

langen, braunen Wimpern hingen, bis sie die Hand verwischte.

-- Da liegt die Heimath! rief ein munterer Bursche, indem er sich auf

seinen kräftigen Haselstock stützte und die lachenden Blicke über das

Thal schweifen ließ.

-- Gott sei Dank, rief der Zweite, hier hat kein Krieg gewüthet,

sie zeigt uns noch die alte wohlbekannte Phisiognomie -- es lebe die

Heimath!

-- Sie lebe! riefen seine beiden Gefährten mit bewegter Stimme.

-- Nicht wahr, Konrad, sagte der Erste wieder, unsere Harzberge bieten

doch einen andern Anblick dar, als die ewige Fläche Holsteins, die

wir so halb und halb dem deutschen Lande erhalten haben. Wenn wir hier

einmal die tückischen Dänen auf das Rohr nehmen könnten, wo sie ihre

Schiffe nicht im Rücken haben, ich glaube die Lust zu der deutschen Erde

sollte ihnen auf ewig vergehen.

-- Laß den Krieg, sagte Konrad und fuhr mit der Hand über die Augen,

als ob er klarer sehen wollte -- wenigstens den Krieg, aus dem wir

zurückkehren. Da liegt die Heimath, das Bild des Friedens -- trübe den

freundlichen Anblick durch solche Erinnerungen nicht, sie sind mir in

der Seele verhaßt!

-- Kamerad! rief lachend der dritte -- und doch hast Du wie ein Löwe mit

dem Kolben auf die strupphaarigen Rothröcke eingehauen, als ob Du sie

alle mit einem Schlage von der deutschen Erde vertreiben wolltest

-- macht Dir die Medaille, die Du in Deiner Rocktasche trägst, kein

Vergnügen?

-- Ich bitte Dich, schweig! antwortete Konrad in einem unmuthigen Tone

-- hätte ich sie nicht für die Lebensrettung meines Majors, des Grafen

Rudolph erhalten, der zu gleicher Zeit unser Gutsherr ist, ich glaube,

ich hätte sie nicht genommen. Der Graf denkt wie ich, darum hat er mit

dem Abschlusse des Waffenstillstandes den Kriegsdienst verlassen und

sich auf sein Schloß zurückgezogen, das dort so freundlich über den Wald

emporragt.

-- Glaubst Du denn wirklich, daß ihn der Haß gegen den Krieg zum

Ausscheiden aus dem Heere angetrieben hat? fragte der Erste wieder.

Konrad, Du stehst in einem fast vertraulichen, freundschaftlichen

Verhältnisse zu dem Grafen, und solltest den wahren Grund nicht kennen?

Ich will ihn Dir nennen!

-- Nun? fragten zwei Stimmen zugleich.

-- Nicht der Haß, sondern die Liebe hat ihn auf seine Güter

zurückgeführt.

-- Ja, die Liebe zu seiner Cousine Emma von Linden, die seit einigen

Jahren, da sie Waise ist, auf dem Edelhofe des alten Baron von H. lebt

-- fügte der Dritte hinzu -- das konnte ich mir wohl denken, man sprach

schon davon, ehe wir zu unserm Regimente gingen.

-- Fräulein Emma soll ein bedeutendes Vermögen besitzen -- das wird

unserm Grafen zu statten kommen, denn seine Güter befinden sich nicht im

besten Zustande.

-- Nun, sagte Konrad, indem er sich zum Weitergehen anschickte, ich

wüßte keinen Edelmann in der ganzen Gegend, der die Hand der schönen

Emma und ihr großes Vermögen mehr verdiente, als unser Graf, ich wünsche

ihm Glück zu dieser Heirath.

-- O auch wir, riefen die Andern, er ist ein braver junger Herr!

-- Doch nun kommt, Freunde, daß wir noch mit der Dämmerung das Dorf

erreichen, die Kuppel des Brockens wird schon dunkelroth und aus den

Thälern weicht das letzte Licht -- kommt!

Bei diesen Worten warf Konrad sein Bündel auf der Schulter zurecht und

begann rüstig auszuschreiten. Auch seine Gefährten setzten ihre müden

Beine wieder in Bewegung.

-- Sieh, flüsterte einer dem andern zu, wie Konrad läuft! Man sollte

glauben, er habe heute erst eine Stunde Wegs zurückgelegt, statt acht

Meilen.

-- Blicke dorthin und du kennst den Magnet der ihn zieht -- jetzt wird

er sichtbar.

-- Wo?

-- Dort, wo der Rauch aus dem weißen Schornsteine wirbelt!

-- Ist das nicht die Meierei der hübschen Marie?

-- Ganz recht, des hübschesten Mädchens im ganzen Dorfe. Konrad ist in

sie verliebt bis über die Ohren, darum läuft er so.

-- Es ist wahr, ich hörte davon reden. Nun, wenn er die bekommt, kann er

von Glück sagen.

-- Ich möchte nur wissen, warum er die Sache so geheim hält, auf dem

ganzen Marsche hat er nicht ein Wort darüber gesprochen. --

-- Kameraden, rief Konrad, der einen Vorsprung von hundert Schritten

gewonnen hatte und an einer Biegung des Weges stand -- wo bleibt Ihr

denn? Soll ich allein die ersten Häuser unseres Dörfchens begrüßen?

Vorwärts. In zehn Minuten sind wir an der Mühle -- ich höre schon das

Rauschen des Wassers und das Geklapper der Räder.

Die Angerufenen brachen ihr Gespräch ab und verdoppelten die Schritte.

Dann setzten sie mit Konrad gemeinschaftlich den Weg fort, der durch

eine Gruppe weißstämmiger Birken führte. Nach einigen Minuten traten sie

unter dem Blätterdache hervor auf eine duftende Wiese. Am Himmel zogen

die flimmernden Sterne auf und über die Erde hatte sich ein weißer

Schleier ausgebreitet, den der Abendnebel gewebt. Die Füße der

heimkehrenden Krieger, durch den Anblick des dicht vor ihnen liegenden

Dörfchens gestärkt, näßte kühlend der Nachtthau, der an den Grashalmen

hing.

Kein Wort störte die Stille des prachtvollen Abends, schweigend blickten

die jungen Leute nach dem Dorfe, in dessen Häusern ein Fenster nach dem

andern sich erleuchtete. Die Wiese war überschritten und die Wanderer

standen unter einer großen Linde, deren Riesenzweige ein Schilfdach

bedeckten, unter dem das monotone Geklapper einer Mühle sich vernehmen

ließ.

-- Gute Nacht, Freunde, sagte einer der Burschen, ich bin am Ziele --

hier wohnt mein altes Mütterchen, das ihren Sohn noch an den Küsten

des Meeres wähnt, oder vielleicht auch unter der Erde -- ich werde mich

sacht hineinschleichen und ihr eine Ueberraschung bereiten, an die sie

gewiß nicht gedacht hat. Gute Nacht!

-- Gute Nacht, Philipp, flüsterten die Andern und reichten dem

scheidenden Kameraden die Hand. Dieser öffnete leise die mit Mehlstaub

bedeckte Thür und verschwand.

Als Konrad mit seinem Begleiter an dem Giebel der Mühle vorbeiging,

hörten sie durch das kleine geöffnete Fenster in demselben das laute

Schluchzen einer Frau -- Philipp hielt sein altes Mütterchen in seinen

Armen.

An der Kirche trennte sich auch Konrad von seinem Begleiter, und der

junge Mann ging allein dem entgegengesetzten Ende des Dorfes zu, wo die

freundlichen Häuser wie Vogelnester an den Bergen lagen.

Plötzlich blieb er vor einem weißen Häuschen stehen, dessen Fenster sich

in dem Augenblicke erhellten als er ankam.

-- Hier wohnt Marie! flüsterte er vor sich hin. Ob ich ihr eine ähnliche

Ueberraschung bereite, wie Philipp seinem Mütterchen? Nein, fügte er

nach einer Pause der Ueberlegung hinzu, sie bewohnt ganz allein ihren

kleinen Meierhof, da ihr Vater vor fünf Jahren gestorben ist, ich will

den neidischen Leuten keine Nahrung für ihre Lästerzungen geben, meine

Schwester Röschen soll sie in unser Haus rufen, als ob sie ihr etwas

mitzutheilen hätte, wenn sie mich dann sieht, wird ihre Ueberraschung

nicht minder groß sein. Guten Abend Marie! flüsterte er dem Fenster

zu und setzte seinen Weg fort. Nach zehn Minuten empfing ihn das

Jubelgeschrei der fröhlichen Schwester, die mit den Knechten und Mägden

das Abendessen verzehrte, als er in das reinliche Zimmer trat.

2.

Um dieselbe Zeit, als die drei jungen Leute auf dem Bergrücken standen

und den ersten Blick auf ihre Heimath warfen, trat ein junger Mann

in die Wohnung des Dorfrichters Valentin, die unmittelbar an Mariens

Meierei grenzt. Er trug einen grünen Rock, einen Hirschfänger an der

Seite und einen grauen Hut mit breiter Krämpe. Er mochte nur erst fünf

bis sechsundzwanzig Jahre alt sein, aber schon war sein Gesicht, das ein

voller dunkler Bart umgab, von einigen Furchen durchzogen, die ihn um

zehn Jahre älter erscheinen ließen. Seine Gestalt war schlank, es fehlte

ihr aber das Gepräge der Jugend, der Ausdruck der Kraft und des Feuers.

-- Guten Abend, Vetter, sagte der Jäger, indem er mißmuthig seinen Hut

auf den runden Tisch warf, der in der Mitte des Zimmers stand.

Der Vetter, der an einem kleinen Schreibepulte saß und Papiere in

ein aufgezogenes Schubfach zurücklegte, schien an dem Besuche kein

sonderliches Vergnügen zu finden, denn er sah sich mit ärgerlicher

Miene um, ohne auf den Gruß zu danken und vollendete schweigend das

angefangene Geschäft. Der Jäger warf sich indeß, als ob er an einen

solchen Empfang schon gewöhnt sei oder ihn unter Umständen vorausgesetzt

hatte, in einen großen Lederstuhl und schlug behaglich die langen Beine

übereinander. Ein großer Jagdhund trat langsam hinter dem Ofen hervor,

leckte einen Augenblick die Hand des Angekommenen und zog sich dann

ruhig wieder auf seinen Platz zurück. Nach einiger Zeit schloß der

Dorfrichter das Pult und steckte den Schlüssel in die Tasche. Der

Augenblick schien gekommen, wo er einem längst gehegten Aerger freien

Lauf geben konnte, denn er schob seine pelzverbrämte Sammtmütze auf ein

Ohr, stemmte dann beide Fäuste in die Seiten, trat vor den schweigenden

Neffen und rief mit wuthblitzenden Augen:

-- Weißt Du auch, Neffe, daß Du ein Taugenichts bist, dem ich eigentlich

meine Thür verschließen müßte?

-- Lieber Vetter, sagte ruhig der Jäger, ohne sich zu rühren, das ist

ein Fehler der Erziehung, die Sie mir gegeben.

-- Wie, _ich_ trage die Schuld? rief entrüstet der Alte. Ich habe Dir

nichts gegeben, was Dich auf den betretenen Weg führen könnte; ich habe

vielmehr geglaubt, daß mein ökonomisches System Dir heilsam sein würde

-- jetzt sehe ich aber, daß mir dieses System theuer zu stehen kommt.

-- Hat Sie vielleicht meine Anstellung als Revierförster, die mir der

Graf Rudolph gab, ehe er in den Krieg zog, ruinirt? Ich glaube nicht.

-- Du glaubst es nicht, aber ich glaube es! Wer hat die Kuh erschossen,

die sich einmal an unsern Gartenzaun verirrt hatte? Wer hat dem Müller

die Fenster eingeworfen, als er Dir wehrte, einen Hasen bis in seinen

Garten zu verfolgen? Wer hat am letzten Sonntag in der Schenke den

Musikanten die Instrumente zertrümmert, als sie nach Mitternacht nicht

mehr spielen wollten, weil sie sonst in Strafe genommen werden?

Du, lüderlicher Neffe. Und wer muß das Alles bezahlen? Ich, Dein

unglücklicher Vetter! Aber jetzt werde ich einmal selbst Gerechtigkeit

üben, denn Du weißt doch, daß ich nicht mehr Schulmeister, sondern

Dorfrichter bin? Ich werde Dich hängen lassen!

Des Jägers Züge verzogen sich zu einem mitleidigen Lächeln, ruhig gab er

zur Antwort:

-- Lieber Vetter, wenn Sie Sich nicht selbst in der ganzen Gegend

blamiren wollen, so beobachten Sie ein tiefes Schweigen über die

Jugendthorheiten Ihres Neffen, und zahlen ganz ruhig, was zu zahlen ist.

Damit Sie aber sehen, daß ich es gut mit Ihnen meine -- --

-- Herr Gott im hohen Himmel, rief zornbebend Valentin und strich sich

seine langen Haare hinter die Ohren -- dieser Mensch meint es noch

gut mit mir! Nein, da möchte man doch den Verstand verlieren! Ich habe

mindestens einen Schadenersatz von zweihundert Thalern zu zahlen, woran

er Schuld ist, und nun will er es noch gut mit mir meinen.

-- Lassen Sie mich nur ausreden, lieber Vetter, und Sie werden mir Recht

geben. Also zweihundert Thaler haben Sie für mich zu zahlen?

-- Ich muß sie zahlen, wenn ich mich bei dem Antritte meines neuen Amtes

nicht gleich blamiren will -- Mensch, woher soll ich das Geld nehmen.

-- Nun sehen Sie einmal ihren Geiz, lächelte ruhig der Jäger. Diese

Summe bringt einen Mann wie Sie nicht in Verlegenheit!

-- Mensch, mache mich nicht rasend! rief der Dorfrichter und sprang

mit beiden Füßen zugleich empor, daß er mit dem Kopfe fast an die Decke

stieß. Ich bin arm, arm wie eine Kirchenmaus!

-- Aber das Geld muß dennoch bezahlt werden, denn der Ortsrichter muß

seinen Bauern mit einem guten Beispiele vorangehen.

-- Leider, leider, stammelte Valentin, muß es bezahlt werden!

-- Sehen Sie, lieber Vetter, ich will Ihnen helfen, Ihre Reputation

retten, sagte schmeichelnd der Jäger.

-- Du mir helfen? fragte der Alte mit einem verachtenden Seitenblicke.

-- Ja ich! antwortete bestimmt der junge Mann, indem er aufstand und dem

Zürnenden näher trat.

-- Da wäre ich doch neugierig.

-- Wollen Sie, daß morgen die zweihundert Thaler bezahlt sind?

-- Aus meiner Tasche?

-- Nein!

Das Gesicht des Ortsrichters nahm einen andern Ausdruck an.

-- Und woher denn, wenn ich fragen darf?

-- Das ist eben das Geheimniß, lieber Vetter, daß Ihnen beweisen soll,

wie gut ich es mit Ihnen meine.

-- Nun so rede, vielleicht ist Dein Vorschlag nicht zu verwerfen, sagte

Valentin, indem er seine Hände auf den Rücken legte.

Der Jäger legte seine rechte Hand auf die breite Schulter des Vetters,

sah ihm einen Augenblick in das graue Auge und flüsterte geheimnißvoll:

-- Lieber Vetter, ich bin verliebt!

-- Na, das fehlte auch noch! rief ärgerlich der Richter, der sich in

seiner Hoffnung getäuscht sah. Deine Liebe, fügte er höhnend hinzu,

trägt keinen Heller ein.

-- Aber meine Heirath!

-- Mit wem?

-- Mit unserer Nachbarin, der hübschen Marie, deren Vormund Sie sind.

Das Gesicht des Ortsrichters nahm denselben Ausdruck wieder an, als

einige Augenblicke zuvor. Des Jägers Bekenntniß schien eine neue

Hoffnung in ihm erweckt zu haben.

-- Eberhard, sagte er erstaunt, das Mädchen ist schön und gut --

-- Eben deshalb will ich sie heirathen, und Sie werden meine Absicht

unterstützen, weil Marie reich ist.

-- O ja, meinte Valentin in einem völlig veränderten Tone, sie besitzt

ein recht artiges Vermögen. Der junge Graf Rudolph hat ihr vor

einigen Jahren die einträgliche Meierei geschenkt, die sie jetzt

bewirthschaftet, und außerdem noch dreitausend Thaler versprochen, wenn

sie sich einmal verheirathet. Der Graf hält Wort, denn Marie ist seine

Milchschwester, die er herzlich liebt, weil er keine rechten Geschwister

besitzt. Der Plan ist nicht übel!

-- Und außerdem ist sie eine Waise, die allein in der Welt steht -- sie

hat weder Eltern noch Geschwister, mit denen sie zu theilen hat -- nicht

einmal einen Vetter, fügte Eberhard lächelnd hinzu.

-- Einen Vetter! rief rasch der Richter. Ich will nicht mit Dir theilen,

ich will nur das Darlehen zurück haben, wozu mich mein lüderlicher Neffe

gezwungen hat!

-- Sie sehen also, mein bester Vetter, daß ich mehr in Ihrem Interesse

handle, als in dem meinigen, wenn ich das Mädchen heirathe, darum

unterstützen Sie mich.

Vetter Valentin legte einen Augenblick die Hand an sein Kinn und blickte

sinnend zur Erde, wobei sich seine Augen so eng zusammenzogen, daß sie

nur noch zwei schwarzen Strichen glichen.

-- Höre, Eberhard, Dein Heirathsproject ist nicht übel, es hat meinen

Beifall. Ich bin Dein Vetter und Mariens Vormund -- das trägt schon

etwas zum Gelingen desselben bei -- ich hoffe, Du wirst dies nicht

vergessen.

-- Nie, rief der Jäger und sein bleiches Gesicht belebte eine

widerwärtige Freundlichkeit -- nie! Gebrauchen Sie also Ihr Ansehen als

Ortsrichter und Vormund!

-- Du hast Recht, man muß das Mädchen verblüffen, antwortete Valentin

und ging in großen Schritten, die Hand in die Oeffnung der schwarzen

Weste gesteckt, durch das Zimmer.

-- Sagen Sie ihr, fuhr Eberhard fort, indem er neben seinem Vetter auf

und abging, daß ich einst Ihr Nachfolger im Amte werden würde.

-- Mensch, rief der Alte, soll ich lügen?

-- Es kommt ja nur auf Sie an, Vetter, ob diese Lockspeise eine Lüge

sei, oder nicht. Warum soll ich nicht eben so gut Ortsrichter werden

können, als Sie, vorzüglich, wenn Sie mir Ihren Platz einräumen? Nun

vorwärts, Marie wohnt nicht weit!

-- Was soll das heißen?

-- Daß wir auf der Stelle zu ihr gehen und um ihre Hand werben.

-- Wie, diesen Abend noch?

-- In diesem Augenblicke!

-- Die Werbung geht Dich an, Du bist der Bräutigam -- bedarfst Du der

Hülfe, so bin ich immer noch da!

-- O nein, rief lebhaft der Jäger, die Angelegenheit ist eine

Familiensache, und Sie sind der Vetter! Ich gehe nicht ohne Sie!

-- Nun gut, sagte Valentin nach einigem Zaudern, so gehen wir zusammen

-- heute ist Sonnabend, morgen ein Sonntag -- ich erzähle die Neuigkeit

in der Kirche einigen Nachbarn -- morgen Abend weiß sie das ganze Dorf.

-- Auch wenn Marie meine Hand ausschlägt? fragte Eberhard.

-- Sie wird sich wohl hüten, wenn ich dabei bin, mein lieber Neffe, denn

ich bin ihr Vormund und Ortsrichter!

Mit den letzten Worten hatte Valentin seinen Rock von einem Nagel der

Wand genommen, ihn angezogen und seine Mütze mit einem runden, schwarzen

Hute vertauscht. Dann ergriff er einen gelben Rohrstock und schritt

gravitätisch zur Thür hinaus. Der Jäger folgte und lächelte dabei, als

ob er sagen wollte: ich wußte es wohl, daß der geizige Filz auf meinen

Vorschlag eingeht.

-- Des Burschen Heirathsproject kommt mir gelegen, flüsterte der

Richter vor sich hin, indem er über den Hof schritt -- es ist sogar ein

Lieblingsgedanke von mir, denn ist Eberhard Mariens Mann und im Besitze

ihres Vermögens, so wird man mir die Bewirthschaftung der Wiese nicht

streitig machen, die ich seit fünf Jahren benutze, ich verlange sie von

meinem Neffen als Kuppelpelz -- das Grundstück ist seine achthundert

Thaler werth!

Nach einigen Minuten standen die beiden Männer an der Pforte, die in

Mariens Hof führte. Valentin schritt voran. Die Hausflur war schon

dunkel, da der letzte Schein des Tages nur durch ein einziges Fenster

hereindringen konnte. Auf ein Klopfen an die Stubenthüre rief Mariens

sanfte Stimme »herein!«

-- Sie ist zu Hause, flüsterte der Vetter dem Neffen zu, indem sie beide

in das freundliche Zimmer traten, das nur noch schwach von Dämmerung

erfüllt war.

Ueberrascht von dem Abendgruße der Männer fuhr Marie aus einem kleinen

Lehnstuhle empor, in welchem sie träumend gesessen hatte. Der Besuch des

Vetters schien keinen befremdenden Eindruck auf sie auszuüben, wohl aber

der des Neffen, der ihr als ein leichtsinniger Mensch bekannt war.

Thekla, oder die Flucht nach der Türkei. Epilog zum Staatsgefängniß. Nebst zwei andern Novellen. · 第 3 / 9 段