Das Haidedorf.
Des ersten Abends war es öde und verlassen, und den beiden Eltern that das
Herz weh, als sie in der Dämmerung des Sommers zu Bette gingen, und auf
seine leere Schlafstelle sahen. Um denselben Menschen, der vielleicht eben
jetzt noch auf dürrer Heerstraße wanderte, und von Keinem beachtet, ja von
den Meisten v e r a c h t e t wurde, brachen fast zwei naturrohe Herzen im
entlegenen Haidehause, daß sie ihn von nun an, vielleicht auf immer
entbehren sollten; aber sie drückten den Schmerz in sich, und jedes trug
ihn einsam, weil es zu schamhaft und unbeholfen war, sich zu äußern.
Aber es kam ein zweiter Tag, und ein dritter, und ein vierter, ein jeder
spannte denselben glänzenden Himmelsbogen über die Haide, und funkelte
nieder auf die Fenster und das altergraue Dach des Hauses eben so
freundlich und lieblich, wie als er noch dagewesen war.
Und dann kamen wieder Tage und wieder.
Die Arbeit und Freude des Landmanns, durch Jahrtausende einförmig, und
durch Jahrtausende noch unerschöpft, zog auch hier geräuschlos und magisch
ein Stück ihrer uralten Kette durch die Hütte, und an jedem ihrer Glieder
hing ein Tröpflein Vergessenheit.
Die Großmutter trug nach wie vor ihren Holzschemel auf die Wiese, und
betete daran, und sie und klein Marthe fragten täglich, wann denn Felix
komme. Der Vater mähete Roggen und Gerste--die Mutter machte Käse und band
Garben--und der fremde Ziegenbube trieb täglich auf die Haide. Von Felix
wußte man nichts.
Die Sonne ging auf, und ging unter, die Haide wurde weiß, und wurde grün,
der Hollunderbaum und der Apfelbaum blüheten vielmal--klein Marthe war
groß geworden, und ging mit, um zu heuen [66] und zu ernten, aber sie
fragte nicht mehr,--und die Großmutter, ewig und unbegreiflich hinaus
lebend, wie ein vom Tode vergessener Mensch, fragte auch nicht mehr, weil
er ihr entfallen war, oder sich zu ihren heimlichen Fantasiegestalten
gesellt hatte.
Die Felder des Haidebauers besserten sich nachgerade, als ob der Himmel
seine Einsamkeit segnen und ihm vergelten wollte, und es wurde ihm so gut,
[67] daß er schon manchen Getreidesack, aufladen, und mit schönen Ochsen
fortführen konnte, wofür er dann einige Thaler Geldes, und Neuigkeiten von
der Welt draußen heimbrachte. Einmal kam auch ein Schreinergeselle mit
seinem Wanderpacke [68] zu Vater Niklas, dem Haidebauer, und brachte einen
Gruß und einen Brief von Felix, und sagte, daß derselbe in der großen,
weit entfernten Hauptstadt ein schmucker, fleißiger Student sei, daß ihn
Alles liebe, und daß er gar eines Tages Kaplan in der großen Domkirche
werden könnte. Der Schreinergeselle wurde über Nacht im Haidehause gut
gehalten, und ließ eitel Freude [69] zurück, als er des andern Tages in
entgegengesetzter Richtung von dannen zog. [70] So kam es, daß jedes Jahr
ein- oder zweimal ein Wandersmann den Umweg über die Haide machte, dem
schönen, freundlichen, handsamen Jünglinge zu Liebe, der gern einen Gruß
an sein liebes Mütterchen schicken wollte. Ja sogar einesmals kam Einer
geschritten, und conterfeite das Häuschen sammt dem Brunnen und Flieder-
und Apfelbaume.
Auch andere Veränderungen begannen auf der Haide. Es kamen einmal viele
Herren und vermaßen ein Stück Haideland, das seit Menschengedenken keines
Herrn Eigenthum gewesen war, und es kam ein alter Bauersmann, und zimmerte
mit vielen Söhnen und Leuten ein Haus darauf, und fing an, den vermessenen
Fleck urbar zu machen. Er hatte fremdes Korn gebracht, das auf dem
Haideboden gut anschlug, [71] und im nächsten Jahre wogte ein grüner
Aehrenwald zunächst an Vater Niklas Besitzungen, wo noch im vorigen
Frühlinge nur Schlehen und Liebfrauenschuh geblüht hatten. Der alte Bauer
war ein freundlicher Mann, ein Mann vieler Kenntnisse, und teilte gerne
seinen Rath und sein Wissen und seine Hülfe an die frühern Haidebewohner,
und hielt gute Nachbarschaft mit Vater Niklas. Sie fuhren nun Beide gar in
die Stadt, verkauften dort ihr Getreide weit besser, und am Getreidemarkt
im goldenen Rosse waren die Haidebauern wohl gekannt und wohlgelitten.
Nach und nach kamen neue Ansiedler; auch eine Straße wurde von der
Grundherrschaft [72] über die Haide gebahnt, so daß nun manchmal des Weges
ein vornehmer Wagen kam, deßgleichen man noch nie auf der Haide gesehen.
Auch des alten Bauers Söhne bauten sich an, [73] und einer, sagte man sich
in's Ohr, werde wohl schön Marthens Bräutigam werden. Und so, ehe sieben
Jahre in's Land gegangen, standen schon fünf Häuser mit Ställen und
Scheunen, mit Giebeln und Dächern um das kleine, alte, graue Haidehaus,
und Felder und Wiesen und Wege und Zäune gingen fast bis auf eine
Viertelstunde Weges gegen den Roßberg, der aber noch immer so einsam war,
wie sonst;--und am Pankratiustage hatte Vater Niklas die Freude, zum
Richter des Haidedorfes gewählt zu werden,--er der Erste seit der
Erschaffung der Welt, der solch Amt und Würde auf diesem Flecke
bekleidete.
Wieder waren Jahre um Jahre vergangen, die Obstbaumsetzlinge, zarte
Stangen, wie sie der alte Nachbarsbauer gebracht und an Niklas mitgeteilt
hatte, standen nun schon als wirthliche Bäume da, und brachten reiche
Frucht, und manchen Sonntagstrunk an Obstwein.--Marthe war an Nachbars
Benedikt verheirathet, und sie trieben eigene Wirthschaft. [74]--Die Haide
war weiß und wieder grün geworden; aber des Vaters Haare b l i e b e n
weiß, und die Mutter fing bereits an, der Großmutter ähnlich zu werden,
welche Großmutter allein unverwüstlich und unveränderlich blieb, immer und
ewig am Hause sitzend, ein träumerisches Ueberbleibsel, gleichsam, als
warte sie auf Felixens Rückkehr. Aber Felix schien, wie einst Jacobus,
verschollen zu sein aus der Haide. Seit drei Jahren kam keine Kunde und
kein Wandersmann.--In der Hauptstadt, wohin gar Benedikt gegangen, um ihn
zu suchen, war er nicht zu finden, und im Amte sagten ihm die
Kanzleiherren [75] aus einem großen Buche, er sei außer Landes gegangen,
vielleicht gar über das Meer. Der Vater hörte schon auf, von ihm zu reden;
Marthe hatte ein Kindlein und dachte nicht an ihn, die Haidedörfler
kannten ihn nicht, und liebten ihn auch nicht, als einen, der da einmal
davongegangen; die Großmutter fragte nur bisweilen nach Jacobus:--aber das
Mutterherz trug ihn unverwischt und schmerzhaft in sich, seit dem Tage,
als er von dannen gezogen und an ihrem Busen geweint hatte--und das
Mutterherz trug ihn Abends in das Haus, und Morgens auf die Felder--und
das Mutterherz war es auch allein, das ihn erkannte, als einmal am
Pfingstsamstage durch die Abendröthe ein wildfremder sonnverbrannter Mann
gewandert kam, den Stab in der Hand, das Ränzlein auf dem Rücken, und
stehen blieb vor dem Haidehause.
"Felix"--"Mutter!"
Ein Schrei und ein Sturz an das Herz.
Das Mutterherz ist der schönste und unverlierbarste Platz des Sohnes,
selbst wenn er schon graue Haare trägt--und jeder hat im ganzen Weltall
nur ein e i n z i g e s solches Herz.
Das alte Weib brach an ihm fast nieder vor Schluchzen, und er, vielleicht
seit Jahren keiner Thräne mehr gewohnt, ließ den Bach seiner Augen
strömen, und hob sie zu sich auf, und drückte sie, und streichelte ihre
grauen Haare, nicht sehend, daß Vater und Schwester, und das halbe Dorf um
sie Beide standen.
"Felix, mein Felix, wo kommst Du denn her?" fragte sie endlich.
"Von Jerusalem, Mutter, und von der Haide des Jordans.--Gott grüß' Euch,
Vater, und Gott grüße Euch, Großmutter! Jetzt bleib' ich lange bei Euch,
und geliebt [76] es Gott, auf immer."
Er schloß den zitternden Vater an's Herz, und dann die alte Großmutter,
die fast schamhaft und demüthig bei Seite stand--und dann noch einmal den
Vater, den schönen, alten, braunen Mann mit den schneeweißen Haaren, den
er mit noch dichten dunkeln Locken verlassen hatte, und der doppelt
liebenswerth da stand durch die unbehülfliche Verlegenheit, in die er dem
stattlichen Sohne gegenüber gerieth;--das Mutterherz aber, sich immer
ihres unverjährbaren Ranges bewußt, zeigte nichts dem Aehnliches; sie [77]
sah nicht seine Gestalt und seine Kleider, sondern ihr Auge hing die ganze
Zeit über an seinem Angesichte, und es glänzte und funkelte, und schäumte
fast über vor Freude und vor Stolz, daß Felix so schön geworden, und so
herrlich.
Endlich, als sich sein Herz etwas gesättigt, fiel ihm klein Marthe bei
[78]; er fragte nach ihr, und sein Auge suchte am Boden umher--allein die
Mutter führte ihm ein blühendes Weib vor, mit hellen blauen Augen, ein
Kind auf dem Arme, wie eine Madonna, deren er in Welschland [79] auf
Bildern gesehen--er erkannte im K i n d e klein Marthe, die Mutter des
Kindes getraute er sich aber nicht zu küssen, und auch sie stand blöde vor
ihm, und sah ihn bloß liebreich an--endlich grüßten und küßten sie sich
herzinnig als Geschwister und der ehrliche Benedikt reichte ihm die Hand
und sagte, wie er ihn vor zwei Jahren so emsig in der ungeheuersten
Entfernung gesucht habe.
"Da war ich im Lande Egypten," sagte Felix, "und Ihr hättet mich auch dort
kaum erfragt; denn ich war in der Wüste."
Auch die Bauern und ihre Weiber und Kinder, die sich vor Niklas Hause
eingefunden hatten, und ehrbar neugierig umherstanden, grüßte er alle
freundlich, lüftete den Reisehut, und reichte ihnen, obwohl unbekannt, die
Hand.
Endlich ging man in das Haus und nach Haidesitte gingen viele Nachbarn
mit, und waren dabei, wie er Geschenke und Berichte auspackte. Auf der
Gasse wurde es stille, die Menschen suchten nach dortigem Gebrauche zeitig
ihre Schlafstellen, und die rothen Pfingstwolken leuchteten noch lange
über dem Dorfe.