Der Haidebewohner.
Und als des andern Tages die ersten Sonnenstrahlen glänzten, und die
Haidedorfbewohner bereits im Festputze gerüstet waren, um zur fernen
Kirche zu gehen: so war einer der Bewohner mehr, und einer der Kirchgänger
mehr. Die Nacht hatte es Manchem verwischt, [80] daß er gekommen, aber der
Morgen brachte ihnen wieder neu den neuen Besitz, damit sie sich daran
ergötzten: Die Einen mit ihrer Neugierde, die Andern mit ihrer Liebe--Alle
aber hatten eine unsichere Scheu, selbst die Eltern, was es denn wäre, das
ihnen an ihm zurückgebracht worden sei, und ob er nicht ein fremdes Ding
in der übrigen Gleichheit und Einerleiheit [81] des Dorfes wäre.
Er aber stand schon angekleidet, Und zwar in dem leinenen Haidekleide und
dem breiten Hute im Freien, und schaute mit den großen, glänzenden,
sanften Augen um sich, als die Mutter zu ihm trat und ihn fragte, ob er
auch in die Kirche gehen werde, oder ob er müde sei, und Gott zu Hause
verehren wolle.
"Ich bin nicht müde," antwortete er freundlich, "und ich werde mit Euch
gehen;" denn er sah, daß die Mutter zum Kirchengehen angezogen war, und
daß auch der Vater in seinem Sonntagsrocke aus dem Hause komme.
Festliche Gruppen zeigten sich hie und da auf dem Anger des Dorfes; Manche
traten näher und grüßten, Andere hielten sich verschämt zurück, besonders
die Mädchen, und wieder andere, welche zu Hause blieben, und in der
Festtagseinsamkeit das Dorf hüten mußten, standen unter den Hausthüren
oder sonst wo, und schauten zu.
Und als noch Pfingstthau auf den Haidegräsern funkelte und glänzte, und
als die Morgenkühle wehte, setzte sich schon Alles in Bewegung, um zu
rechter Zeit anzulangen--und so führte denn Felix das alte Weib an seiner
Hand, und leitete sie so zärtlich um den sanften Haidebühel [82] hinan,
wie sie einstens ihn, da er noch ein schwacher Knabe war und Sonntags
Vormittags die Ziegen und Schafe zu Hause lassen durfte, damit er
hinausgehe und das Wort Gottes höre. Der Vater ging innerlich erfreut
daneben, die Andern theils voran, theils hinten. Endlich war die letzte
Gruppe hinter dem Bühel verschwunden, die Nachschauenden traten in ihre
Häuser zurück, und kurz darauf war jene funkelnde Einsamkeit über den
Dächern, die so gern an heitern Sonntagvormittagen in den verlassenen
Dörfern ist;--die Stunden rückten trockener und heißer vor, eine dünne
blaue Rauchsäule stieg hie und da auf, und mitten in dem Garten des
Haidehauses kniete die hagere Großmutter und betete.--Und wie endlich nach
stundenlanger Stille durch die dünne, weiche ruhende Luft, wie es sich
zuweilen an ganz besonders schweigenden Tagen zutrug, der ferne feine Ton
eines Glöckleins kam, da kniete manche Gestalt auf den Rasen nieder, und
klopfte an die Brust;--dann war es wieder stille und blieb stille----die
Sonnenstrahlen sanken auf die Häuser nieder, mehr und mehr senkrecht, dann
wieder schräge, daß die Schatten auf der andern Seite waren--endlich kam
der Mittag, und mit ihm alle Kirchgänger--sie legten die schönsten Kleider
und Tücher von dem erhitzten Körper, thaten leichtere an, und jedes Haus
verzehrte sein vorgerichtetes Pfingstmahl.
Und was war es denn, was ihnen an Felix zurückgebracht worden war, und
warum ist er denn so lange nicht gekommen, und wo ist er denn gewesen?
Sie wußten es nicht.
In der Kirche war er mit gewesen;--fast so kindlich andächtig, wie einst,
hatte er auf die Worte des Priesters gehorcht, sanftmüthig war er neben
der Mutter nach Hause gekehrt, und wenn dann bei Tische der Vater das Wort
nahm, so brach Felix das seine aufmerksam ab, und hörte zu--und gegen
Abend saß er mit der Großmutter im Schatten des Hollunderbusches, und
redete mit ihr, die ihm ganz sonderbare und unverständliche Geschichten
vorlallte [83]---und wenn dann so den Tag über die Neugier der Mutter in
sein Auge blickte, halb selig, halb schmerzenreich, wenn sie nach den
einstigen weichen Zügen forschte--ihren ehemaligen heitern, treuherzigen,
schönen Haideknaben suchte sie----und siehe, sie fand ihn auch: in leisen
Spuren war das Bild des gutherzigen Knaben geprägt in dem Antlitze des
Mannes, aber unendlich schöner--so schön, daß sie oft einen Augenblick
dachte, sie könne nicht seine Mutter sein;--wenn er den ruhigen Spiegel
seiner Augen gegen sie richtete, so verständig und so gütig--oder wenn sie
die Wangen ansah, fast so jung, wie einst, nur noch viel dunkler gebräunt,
daß dagegen die Zähne wie Perlen leuchteten, dieselben Zähne, die schon an
dem Haidebuben so unschuldig und gesund geglänzt--und um sie herum noch
dieselben lieblichen Lippen, die aber jetzt reif und männlich waren, und
so schön, als sollte sogleich ein süßes Wort daraus hervorgehen, sei's der
Liebe, sei's der Belehrung----
"Er ist gut geblieben," jauchzte in ihr dann das Mutterherz; "er ist gut
geblieben, wenn er auch viel vornehmer ist, als wir."
Und in der That, es war ein solcher Glanz keuscher Reinheit um den Mann,
daß er selbst von dem rohen Herzen des Haideweibes erkannt und geehrt
wurde.
Was lebte denn in ihm, das ihn unangerührt durch die Welt getragen, daß er
seinen Körper als einen Tempel wiederbrachte, wie er ihn einst aus der
Einsamkeit fortgenommen?----
Sie wußten es nicht; nur immer heiterer und fast einfältiger legte sich
sein Herz dar, [84]so wie die Stunden des ruhigen Festtages nach und nach
verflossen.
Spät Abends erzählte er ihnen, da alle um den weißen buchenen Tisch saßen,
und auch Marthe mit ihrem Kinde da war, und Benedikt und andere Nachbarn--
er erzählte ihnen von dem gelobten Lande, wie er dort gewesen, wie er
Jerusalem und Bethlehem gesehen habe, wie er auf dem Tabor gesessen, sich
in dem Jordan gewaschen;----den Sinai habe er gesehen, den furchtbar
zerklüfteten Berg, und in der Wüste sei er gewandelt.--Er sagte ihnen, wie
seine gezimmerten Truhen mit dem Postboten kommen würden; dann werde er
ihnen Erde zeigen, die er aus den heiligen Ländern mitgebracht--auch
getrocknete Blumen habe er, und Kräuter, aus jenem Lande und Fußtritte des
Herrn, und was nur immer dort das Erdreich erzeuge und bringe--und viel
heiliger, viel heißer und viel einsamer seien je [85] Haiden und Wüsten,
als die hiesige, die eher ein Garten zu nennen----und wie er so redete,
sahen alle auf ihn, und horchten--und sie vergaßen, daß es Schlafenszeit
vorüber, daß die Abendröthe längst verglommen, daß die Sterne
emporgezogen, und in dichter Schaar über den Dächern glänzten.
Von Städten, den Menschen und ihrem Treiben hatte er nichts gesagt, und
sie hatten nicht gefragt. Die Worte seines Mundes thaten so wohl, daß
ihnen gerade das, was er sagte, das Rechte däuchte, und sie nicht nach
Anderem fragten.
Marthe trug endlich das schlafende Kind fort, Benedikt ging auch, die
Nachbarn entfernten sich--und noch seliger und noch freudenreicher, als
gestern gingen die Eltern zu Bette, und selbst der Vater dachte, Felix sei
ja fast wie ein Prediger und Priester des Herrn.
Auch auf die Haide war er gleich nach den Feiertagen gegangen, auf seiner
Rednerbühne war er gesessen; die Käfer, die Fliegen, die Falter, die
Stimme der Haidelerche und die Augen der Feldmäuschen waren die nämlichen.
Er schweifte herum, die Sonnenstrahlen spannen,--dort dämmerte das Moor,
und ein Zittern und Zirpen und Singen----und wie der Vater ihn so wandeln
sah, mußte er sich über die dünnen grauen Haare fahren, und mit der
schwielenvollen Hand über die Runzeln des Angesichts streichen, damit er
nicht glaube, sein K n a b e gehe noch dort, und es fehlen nur die Ziegen
und Schafe, daß es sei wie einst, und daß die lange, lange Zeit nur ein
Traum gewesen sei. Auch die Nachbarn, wie er so Tag nach Tag unter ihnen
wandelte, wie ihn schon alle Kinder kannten, wie er jedem derselben, auch
mit dem häßlichen, so freundlich redete, und wie er so im Linnenkleide
durch die neuen Felder ging--glaubten ganz deutlich, er sei einer von
ihnen, und doch war es auch wieder ganz deutlich, wie er ein weit anderer
sei, als sie.
Eine That müssen wir erzählen, ehe wir weiter gehen, und von seinem Leben
noch entwickeln, was vorliegt--eine That, die eigentlich geheim bleiben
sollte, aber ausgebreitet wurde, und ihm mit eins alle Herzen der
Haidebewohner gewann.
Als endlich die gezimmerten Truhen mit dem Postboten in die Stadt, und von
da durch Getreidewagen auf die Haide gekommen waren, als er daraus die
Geschenke hervorgesucht und ausgetheilt, als er tausenderlei Merkwürdiges
gezeigt, Blumen, Federn, Steine, Waffen--und alles genug bewundert worden
war,--trat er desselben Tages Abends zu dem Vater in die hintere Kammer,
als er gesehen hatte, daß derselbe hineingegangen, und, wie er gern that,
sich in den hineinfallenden Fliederschatten gesetzt hatte--er trat
beklommen hinein und sagte fast mit bebender Stimme: "Vater, Ihr habt mich
auferzogen, und mir Liebes gethan, seit ich lebe--ich aber habe es
schlecht vergolten; denn ich bin fortgegangen, daß Ihr keinen Gehülfen
Eurer Arbeit hattet, und Eurer Sorge für Mutter und Großmutter--und als
ich gekommen, warfet Ihr mir nichts vor, sondern waret nur freundlich und
lieb; ich kann es nicht vergelten, als daß ich Euch nicht mehr verlassen
und Euch noch mehr verehren und lieben will, als sonst. So viel Jahre
mußtet Ihr sein, ohne in mein Auge schauen zu können, wie es Eurem Herzen
wohlgethan hätte;--aber ich bleibe jetzt immer, immer bei Euch.--Allein
weil mich Euch Gott auch zur Hülfe geboren werden ließ, so lernte ich
draußen allerlei Wissenschaft, wodurch ich mir mein Brot verdiente, und da
ich wenig brauchte, so blieb Manches für Euch übrig. Ich bringe es nun,
daß Ihr es auf Euer Haus wendet, [86] und im Alter zu Gute bekommet, [87]
und ich bitte Euch, Vater, nehmt es mit Freundlichkeit an."
Der Alte aber, hochroth, zitternd vor Scham und vor Freude, war
aufgesprungen und wies mit beiden Händen die dargebotenen Papiere von
sich, indem er sagte: "Was kommt Dir bei, [88] Felix? Ich bin so
erschrocken,--da sei Gott vor, [89] daß ich die Arbeit und Mühe meines
Kindes nehme--ach, mein Gott, ich habe Dir ja nichts geben können, nicht
einmal eine andere Erziehung, als die Dir der Herr auf der Haide gab,
nicht einmal das fromme Herz, das Dir von selber gekommen.--Du bist mir
nichts schuldig--die Kinder sind eine Gottesgabe, daß wir sie erziehen,
wie es ihnen frommt, nicht wie es uns nützt;--verzeihe mir nur, ich habe
Dich nicht erziehen können, und doch scheint es mir, bist Du so gut
geworden, so gut, daß ich vor Freuden weinen möchte."----
Und kaum hatte er das Wort heraus, so brach er in lautes Weinen aus, und
tastete ungeschickt nach Felix Hand--Dieser reichte sie; er konnte sich
nicht helfen, er mußte sein Antlitz gegen die Schulter des Vaters drücken,
und das grobe Tuch des Rockes mit seinen heißesten Thränen netzen. Der
Vater war gleich wieder still, und sich gleichsam schämend und beruhigend
sagte er die Worte: "Du bist verständiger als wir, Felix. Wenn Du bei uns
bleibst, arbeite, was Du willst; ich verlange nicht, daß Du mir hilfst--da
ist ja Benedikt und seine Knechte, wenn es noth thäte; auch habe ich schon
ein Erspartes, daß ich mir im Alter einen Knecht nehmen kann.--Du aber
wirst etwas arbeiten, wie es Gott gefällig und wie es recht ist."
Felix aber dachte in seinem Herzen, er werde doch in Zukunft, wenn es
nötig sei, lieber in der That selbst, und durch Leistung des eben
Mangelnden beistehen, damit ihm das Herz nicht so weh thäte, wenn er dem
Vater gar nichts Gutes bringen könnte. Ach, das Beste hat er ja schon
gebracht, und wußte es nicht, das gute, das überquellende Herz, das jedem,
selbst dem gehärtetsten Vater ein freudigeres Kleinod ist, als alle Güter
der Erde, weil es nicht Lohn nach außen ist, sondern Lohn in der tiefsten,
innersten Seele.
Der Vater that nun gleichgültig [90] und machte sich mit diesem und jenem
im Zimmer zu thun [91]; kaum aber war Felix hinaus, so lief er eiligst zur
Mutter und erzählte ihr, was der Sohn hatte thun wollen--sie aber faltete
die Hände, lief vor die Heiligenbilder der Stube und that ein Gebet, das
halb ein Frevel stürmenden Stolzes, halb ein Dank der tiefsten Demuth war.
Dann aber ging sie hin und breitete es aus.
Das war nun klar, daß er gut war, daß er sanft, treu und weich war, und
das sahen sie auch, daß er schön und herrlich war;--des Weiteren forschten
sie nicht, was es sei, und was es sein werde.
Er aber ging her, und ließ sich weit draußen von dem Dorfe entlegen, auf
der Haide ein Stück Landes zumessen, und begann mit vielen Arbeitern ein
steinernes Haus zu errichten.--Daß es größer werde, als er a l l e i n
brauche, fiel Allen auf; aber als es im Herbste fertig war, als es
eingerichtet und geschmückt war, bezog er es gleichwohl allein, und so
verging der Winter. Es kam der blüthenreiche Frühling--und Felix saß in
seinem Hause auf der Haide, und herrschte, wie einst, über alle ihre
Geschöpfe, und über all die hohen stillen Gestalten, die sie jetzt
bevölkerten.
Was war es denn aber, was den Eltern und Nachbarn an ihm zurückgebracht
worden ist?
Sie wußten es nicht.
Ich aber weiß es. Ein Geschenk ist ihm geworden, das den Menschen hoch
stellt, und ihn doch verkannt macht unter seinen Brüdern--das einzige
Geschenk auf dieser Erde, das kein Mensch von sich weisen kann. Auf der
Haide hatte es begonnen, auf die Haide mußte er es zurücktragen. Bei wem
eine Göttin eingekehrt ist, lächelnden Antlitzes, schöner als alles
Irdische, der kann nichts anders thun, als ihr in Demuth dienen.
Damals war er fortgegangen, er wußte nicht, was er werden würde--eine
Fülle von Wissen hatte er in sich gesogen: es war der n ä c h s t e Durst
gewesen, aber er war nicht gestillt; er ging unter Menschen, er suchte sie
völkerweise--er hatte Freunde--er strebte fort, er hoffte, wünschte und
arbeitete für ein unbekanntes Ziel--selbst nach Gütern der Welt und nach
Besitz trachtete er: aber durch alles Erlangte,--durch Wissen, Arbeiten,
Menschen, Eigenthum war es immer, als schimmere weit zurückliegend etwas,
wie eine glänzende Ruhe, wie eine sanfte Einsamkeit----hatte sein Herz die
Haide, die unschuldsvolle, liebe Kindheitshaide mitgenommen? oder war es
selber eine solche liebe, stille, glänzende Haide?----Er suchte die Wüsten
und die Einöden des Orients, nicht brütend, nicht trauernd, sondern
einsam, ruhig, heiter, dichtend.--Und so trug ihn dieses sanfte, stille
Meer zurück in die Einsamkeit, und auf die Haide seiner Kindheit----und
wenn er nun so saß auf der Rednerbühne, wie einst, wenn die Sonnenfläche
der Haide vor ihm zitterte und sich füllte mit einem Gewimmel von
Gestalten, wie einst, und manche daraus ihn anschauten mit den stillen
Augen der Geschichte, andere mit den seligen der Liebe, andere den weiten
Mantel großer Thaten über die Haide schleifend--und wenn sie erzählten von
der Seele und ihrem Glücke, von dem Sterben und was nachher sei, und von
Anderem, was die Worte nicht sagen können--und wenn es ihm tief im
Innersten so fromm wurde, daß er oft meinte, als sehe er weit in der Oede
draußen Gott selbst stehen, eine ruhige silberne Gestalt: dann wurde es
ihm unendlich groß im Herzen, er wurde selig, daß er denken könne, was er
dachte--und es war ihm, [92] daß es nun so gut sei, wie es sei.
Die blödsinnige Großmutter war die erste gewesen, die ihn erkannt hatte.
"Es sind der Gaben eine Unendlichkeit über diese Erde ausgestreut worden,"
hatte sie eines Tages gerufen, "die Halmen der Getreide, das Sonnenlicht
und die Winde der Gebirge--da sind Menschen, die den Segen der Gewächse
erziehen, und ihn ausführen in die Theile der Erde; es sind, die da
Straßen ziehen, Häuser bauen, dann sind andere, die das Gold ausbreiten,
das in den Herzen der Menschen wächst, das Wort, und die Gedanken die Gott
aufgehen läßt in den Seelen. Er ist geworden, wie einer der alten Seher
und Propheten, und ist er ein solcher, so hab' ich es vorausgewußt, und
ich habe ihn dazu gemacht, weil ich die Körner des Buches der Bücher in
ihn geworfen; denn er war immer weich wie Wachs, und hochgesinnt, wie
einer der Helden."
Die Großmutter war es aber auch, mit der er sich allein mehr beschäftigte,
als alle Andern mit ihr; er war der Einzige, der sie zu flüssigen Reden
bringen konnte, und der Einzige, der ihre Reden verstand; er las ihr oft
aus einem Buche vor, und die hundertjährige Schülerin horchte emsig auf,
und in ihrem Angesichte waren Sonnenlichter, als verstände sie das
Gelesene.
So war der Frühling vergangen, so waren wieder Pfingsten gekommen:--aber
wie waren es dießmal a n d e r e Pfingsten, als vor einem Jahre. Eine
doppelte furchtbare Schwüle lag auf beiden, auf dem Dorfe und auf Felix;
und bei beiden lösete sich die Schwüle am Pfingsttage--aber wie
verschieden bei beiden!
Ich will noch, ehe wir von seinem einfachen Leben scheiden, dieses letzte
Ergebniß, daß ich weiß, erzählen.
Wenn er so manchmal von der Haide kam und durch das Dorf ging, Geschenke
für die Kinder seiner Schwester tragend, Steinchen, Muscheln,
Schneckenhäuser und dergleichen, die Locken um die hohe Stirne geworfen,
wie ein Kriegsgott, und doch die schwarzen Augen so sehnsuchtsvoll und
schmachtend: dann war er so schön, und es trug ihn wohl manche Dirne der
Haide als heimlichen Abgott im Herzen verborgen, aber er selber hatte
einen Abgott im Herzen;--einen einzigen Punkt süßen heimlichen Glückes
hatte er aus der Welt getragen, als er ihre Aemter und Reichthümer ließ--
einen einzig süßen Punkt durch alle Wüsten--und heute, morgen, dieser Tage
sollte es sich zeigen, ob er sein Haus für sich allein gebaut, oder
nicht.--Alle Kraft seiner Seele hatte er zu der Bitte aufgeboten, und mit
Angst harrte er der Antwort, die ewig, ewig zögerte.
Wohl kam Pfingsten näher und näher, aber zu der Schwüle, die unbekannt und
unsichtbar über des Jünglings Herzen hing, gesellte sich noch eine andere
über dem ganzen Dorfe drohend, ein Gespenst, das mit unhörbaren Schritten
nahte;--nämlich jener glänzende Himmel, zu dem Felix sein inbrünstiges
Auge erhoben, als er jene schwere Bitte abgesandt hatte, jener glänzende
Himmel, zu dem er vielleicht damals ganz allein emporgeblickt, war seit
der Zeit w o c h e n l a n g ein glänzender geblieben, und wohl hundert
Augen schauten nun zu ihm ängstlich auf. Felix, in seiner Erwartung
befangen, hatte es nicht bemerkt; aber eines Nachmittags, da er gerade von
der Haide dem Dorfe zuging, fiel ihm auf, [93] wie denn heuer gar so
schönes Wetter sei; denn eben stand über der verwelkenden Haide eine jener
prächtigen Erscheinungen, wie er wohl öfters, auch in morgenländischen
Wüsten, aber nie so schön gesehen, nämlich das Wasserziehen der Sonne
[94]:--aus der ungeheuren Himmelsglocke, die über der Haide lag, wimmelnd
von glänzenden Wolken, schossen an verschiedenen Stellen majestätische
Ströme des Lichtes, und, auseinanderfahrende Straßen am Himmelszelte
bildend, schnitten sie von der gedehnten Haide blendend goldne Bilder
heraus, während das ferne Moor in einem schwachen milchigten Höhenrauche
verschwamm.
So war es dieser Tage oft gewesen, und der heutige schloß sich wie seine
Vorgänger; nämlich zu Abends war der Himmel gefegt, und zeigte eine blanke
hochgelb schimmernde Kuppel.
Felix ging zu der Schwester, und als er spät Abends in sein Haus
zurückkehrte, bemerkte er auch, wie man im Dorfe geklagt, daß die Halme
des Kornes so dünne standen, so zart, die wolligen Aehren pfeilrecht empor
streckend, wie ohnmächtige Lanzen.
Am andern Tage war es schön, und immer schönere Tage kamen und schönere.
Alles und jedes Gefühl verstummte endlich vor der furchtbaren Angst, die
täglich in den Herzen der Menschen stieg. Nun waren auch gar keine Wolken
mehr am Himmel, sondern ewig blau und ewig mild lächelte er nieder auf die
verzweifelnden Menschen. Auch eine andere Erscheinung sah man jetzt oft
auf der Haide, die sich wohl früher auch mochte ereignet haben, jedoch von
Niemand beachtet; aber jetzt, wo viele tausend und tausend Blicke täglich
nach dem Himmel gingen, wurden sie als unglückweissagender Spuk
betrachtet: nämlich ein Waldes- und Höhenzug, jenseits der Haide gelegen,
und von ihr aus durchaus nicht sichtbar, stand nun öfters sehr deutlich am
Himmel, das ihn nicht nur Alles sah, sondern daß man sich die einzelnen
Rücken und Gipfel zu nennen und zu zeigen vermochte--und wenn es im Dorfe
hieß, es sei wieder zu sehen, so ging Alles hinaus, und sah es an, und es
blieb manchmal stundenlang stehen, bis es schwankte, sich in Längen- und
Breitenstreifen zog, sich zerstückte, und mit eins verschwand.
Die Haidelerche war verstummt; aber dafür tönte den ganzen Tag, und auch
in den warmen thaulosen Nächten das ewige einsame Zirpen und Wetzen der
Heuschrecken über die Haide, und der Angstschrei des Kibitz. Das Flinke
Wässerlein ging nur mehr wie ein dünner Seidenfaden über die graue Fläche,
und das Korn und die Gerste im Dorfe standen fahlgrün und wesenlos in die
Luft, [95] und erzählten bei dem Hauche derselben mit leichtfertigem
Rauschen ihre innere Leere. Die Baumfrüchte lagen klein und mißreif auf
der Erde, die Blätter waren staubig und von Blümlein war nichts mehr auf
dem Rasen, der sich selber wie rauschend Papier zwischen den Feldern
hinzog.
Es war die äußerste Zeit. Man flehte mit Inbrunst zu dem verschlossenen
Gewölbe des Himmels. Wohl stand wieder mancher Wolkenberg tagelang am
südlichen Himmel, und nie noch wurde ein so stoffloses Ding wie eine
Wolke, von so vielen Augen angeschaut, so sehnsüchtig angeschaut, als
hier--aber wenn es Abend wurde, erglühte der Wolkenberg purpurig [96]
schön, zerging, lösete sich in lauter wunderschöne zerstreute Rosen am
Firmamente auf, und verschwand--und die Millionen freundlicher Sterne
besetzten den Himmel.
So war der Freitag vor Pfingsten gekommen; die weiche blaue Luft war ein
blanker Felsen geworden. Vater Niklas war Nachmittags über die Haide
gekommen, das Bächlein war nun auch versiecht, [97] das Gras bis auf eine
Decke von schalgrauem [98] Filze verschwunden, nicht Futter gebend für ein
einzig Kaninchen; nur der unverwüstliche und unverderbliche Haidesohn, der
mißhandelte und verachtete Strauch, der Wachholder, stand mit eiserner
Ausdauer da, der einzige lebhafte Feldbusch, das grüne Banner der
Hoffnung; denn er bot freiwillig gerade heuer eine solche Fülle der
größten blauen Beeren, so überschwenglich, wie sich keines Haidebewohners
Gedächtniß, entsinnen konnte.--Eine plötzliche Hoffnung ging in Niklas
Haupte auf, und er dachte als Richter mit den Aeltesten des Dorfes darüber
zu rathen, wenn es nicht morgen oder übermorgen sich änderte. Er ging weit
und breit und betrachtete die Ernte, die keiner gesäet, und auf die keiner
gedacht, und er fand sie immer ergiebiger und reicher, sich, weiß Gott, in
welche Ferne erstreckend--aber da fielen ihm die armen tausend Thiere ein,
[99] die dadurch werden in Nothstand versetzt sein, wenn man die Beeren
sammle: allein er dachte, Gott der Herr wird ihnen schon eingeben, wohin
der Krammetsvogel fliegen, das Reh laufen müsse, um andere Nahrung zu
finden.
Da er heimwärts in die Felder kam, nahm er eine Scholle und zerdrückte
sie; aber sie ging unter seinen Händen wie Kreide auseinander--und das
Getreide, vor der Zeit Greis, fing schon an, sich zu einer tauben Ernte
[100] zu bleichen. Wohl standen Wolken am Himmel, die in langen
milchweißen Streifen tausendfarbig und verwaschen die Bläue
durchstreiften, sonst immer Vorboten des Regens; aber er traute ihnen
nicht, weil sie schon drei Tage da waren, und immer wieder verschwanden,
als würden sie eingesogen von der unersättlichen Bläue. Auch manch anderer
Hausvater ging händeringend zwischen den Feldern und als es Abend
geworden, und selbst zerstückte Gewitter um den Rand des Horizontes
standen, und sich gegenseitig Blitze zusandten,--sah ein von der Stadt
heimfahrender Bauer selbst die halbgestorbene [101] Großmutter mitten im
Felde knien, und mit emporgehobenen Händen beten, als sei sie durch die
allgemeine Noth zu Bewußtsein und Kraft gelangt, und als sei sie die
Person im Dorfe, deren Wort vor allen Geltung haben müsse im Jenseits.
Die Wolken wurden dichter, aber blitzten nur und regneten nicht.
Wie Vater Niklas zwischen die Zäune bog, begegnete er seinem Sohne und
siehe, dieser ging mit traurigem Angesichte einher, mit weit traurigerem,
als jeder Andere im Dorfe.
"Guten Abend, Felix," sagte der Vater zu ihm, "giebst Du denn die Hoffnung
ganz auf?"
"Welche Hoffnung, Vater?"
"Giebt es denn eine andere, als die Ernte?"
"Ja, Vater, es giebt eine andere;--die der Ernte wird in Erfüllung gehen,
die andere nicht. Ich will es Euch sagen, ich selber habe etwas für Euch
und das Dorf gethan. Ich habe zu der Obrigkeiten der fernen Hauptstadt
geschrieben, und ihnen der Stand der Dinge gemeldet; ich habe Freunde dort
und manche haben mich lieb gehabt,--sie werden Euch helfen, daß ihr keinen
Hauch von Noth empfindet sollet, und auch ich werde so viel helfen, als in
meiner Kraft ist. Aber tröstet Euch und tröstet das Dorf: alle Hilfe von
Menschen werdet Ihr nicht brauchen; ich habe den Himmel und seine Zeichen
auf meinen Wanderungen kennen gelernt, und er zeigt, daß es morgen regnen
werde.--Gott macht ja immer Alles, Alles gut, und es wird auch dort gut
sein, wo er Schmerz und Entsagung sendet."
"Möge Dein Wort in Erfüllung gehen, Sohn, daß wir zusammen glückliche
Festtage feiern."
"Amen," sagte der Sohn, "ich begleite Euch zur Mutter; wir wollen
glückliche Festtage feiern."
Pfingstsamstags-Morgen war angebrochen und der ganze Himmel hing voll
Wolken; aber noch war kein Tropfen gefallen. So ist der Mensch. Gestern
gab jeder die Hoffnung der Ernte auf, und heute glaubte jeder, mit einigen
Tropfen wäre ihr geholfen. Die Weiber und Mägde standen auf dem Dorfplatze
und hatten Fässer und Geschirr hergebracht, um, wenn es regne, und der
Dorfbach sich fülle, doch auch heuer wie sonst, ihre Festtagsreinigungen
vornehmen zu können und feierliche Pfingsten zu halten. Aber es wurde
Nachmittag, und noch kein Tropfen war gefallen, die Wolken wurden zwar
nicht dünner--aber es kam auch Abend, und kein Tropfen war gefallen.
Spät Nachts war der Bote zurückgekommen, den Felix in die Stadt zur Post
gesendet, und brachte einen Brief für ihn. Er lohnte [102] den Boten,
trat, als er allein war, vor die Lampe seines Tisches, und entsiegelte die
wohlbekannte Handschrift: "Es macht mir vielen Kummer, in der That,
s c h w e r e n Kummer, daß ich Ihre Bitte abschlagen muß. Ihre
selbstgewählte Stellung in der Welt macht es unmöglich zu willfahren;
meine Tochter sieht ein, daß so nichts sein kann, und hat nachgegeben. Sie
wird den Sommer und Winter in Italien zubringen, um sich zu erholen, und
sendet Ihnen durch mich die besten Grüße. Sonst ihr treuer, ewiger
Freund."
Der Mann, als er gelesen, trat mit schneebleichem Angesichte und mit
zuckenden Lippen von dem Tische weg--an den Wimpern zitterten Thränen vor.
Er ging ein paarmal auf und ab, legte endlich das erhaltene Schreiben
langsam auf den Tisch, schritt mit dem Lichte gegen einen Schrein, nahm
ein Päckchen Briefe heraus, legte sie schön zusammen, umwickelte sie mit
einem feinen Umschlage, und siegelte sie zu--dann legte er sie wieder in
den Schrein.
"Es ist geschehen," sagte er athmend, und trat an's Fenster, sein Auge an
den dicken finstern Nachthimmel legend. Unten stand ein verwelkter
Garten--die Haide schlummerte--und auch das entfernte Dorf lag in
hoffnungsvollen Träumen.
Es war eine lange, lange Stille.
"Meine selbstgewählte Stellung," sagte er endlich sich emporrichtend--und
im tiefen, tiefen Schmerze war es wie eine zuckende Seligkeit, die ihn
lohnte. Dann löschte er das Licht aus und ging zu Bette.
Des andern Morgens, als sich die Augen aller Menschen öffneten, war der
ganze Haidehimmel grau, und ein dichter sanfter Landregen träufelte
nieder.
Alles, alles war nun gelöset; die freudigen Festgruppen der Kirchgänger
rüsteten sich, und ließen gern das köstliche Naß durch ihre Kleider
sinken, um nur zum Tempel Gottes zu gehen und zu danken--auch Felix ließ
es durch seine Kleider sinken, ging mit und dankte mit, und Keiner wußte,
was seine sanften, ruhigen Augen bargen.
So weit geht unsere Wissenschaft von Felix, dem Haidebewohner.--Von seinem
Wirken und dessen Früchten liegt nichts vor: aber sei es so oder so--trete
nur getrost dereinst vor deinen Richter, du reiner Mensch, und sage:
"Herr, ich konnte nicht anders, als dein Pfund pflegen, das du mir
anvertraut hast," und wäre dann selbst dein Pfund zu leicht gewesen, der
Richter wird gnädiger richten als die Menschen.