Endlich lispelte Antiope: 'Für wen wirbst du, Astorre?'

'Für diesen hier, meinen Bruder Germano', preßte er hervor. Da barg

sie das Antlitz mit den Händen.

Jetzt riß Germano die Geduld. 'Ich werde deutsch mit ihr reden',

brach er los und: 'Kurz und gut, Antiope Canossa', ließ er das Mädchen

rauh an, 'wirst du mein Weib oder nicht?' Antiope wiegte das kleine

Haupt sanft und sachte, aber trotz der wachsenden Nacht mit deutlicher

Verneinung.

'Ich habe meinen Korb', sprach Germano trocken. 'Komm, Schwager!' und

er verließ den Saal mit ebenso festen Schritten, wie er ihn betreten

hatte. Der Mönch aber folgte ihm nicht.

Astorre verharrte in seiner flehenden Stellung. Dann ergriff er,

selbst zitternd, Antiopes zitternde Hände und löste sie von dem

Antlitz. Welcher Mund den andern suchte, weiß ich nicht, denn die

Kammer war völlig finster geworden.

Auch wurde es darin so stille, daß, wäre ihr Ohr nicht voll

stürmischen Jubels und seliger Chöre gewesen, die Liebenden leicht in

einem anstoßenden Gelasse gemurmelte Gebete hätten vernehmen können.

Das verhielt sich so: Neben Antiopes Kammer, einige Stufen tiefer, lag

die Hauskapelle, und morgen jährte sich zum dritten Male der Tod des

Grafen Canossa. Nach überschrittener Mitternacht sollte in Gegenwart

der Witwe und der Waise die Seelenmesse gelesen werden. Schon hatte

sich der Priester eingestellt, den Ministranten erwartend.

Ebensowenig wie das unterirdische Gemurmel vernahm das Paar die

schlurfenden Pantoffeln der Madonna Olympia, welche die Tochter suchte

und nun bei dem spärlichen Schein der Hausleuchte, die sie in der Hand

trug, die Liebenden still und aufmerksam betrachtete. Daß die

frechste Lüge einer ausschweifenden Einbildungskraft vor ihren Augen

in diesen zärtlich verschlungenen Gestalten zu Tat und Wahrheit wurde,

darüber wunderte sich Madonna Olympia nicht; aber, es sei der Törin

zum Lobe gesagt, ebensowenig kostete sie einen Genuß der Rache. Sie

weidete sich nicht an dem der gewalttätigen Diana bevorstehenden

bittern Leiden, sondern es überwog die einfache mütterliche Freude,

ihr Kind zu seinem Preise gewertet, begehrt und geliebt zu sehen.

Da jetzt, von einem scharfen Strahl aus ihrer Leuchte getroffen, die

beiden verwundert aufblickten, fragte sie mit einer weichen und

natürlichen Stimme: 'Astorre Vicedomini, liebst du die Antiope

Canossa?'

'Über alles, Madonna!' antwortete der Mönch.

'Und verteidigst sie?'

'Gegen eine Welt!' rief Astorre verwegen.

'So ist es recht', begütigte sie, 'aber nicht wahr, du meinst es

redlich? Du verstoßest sie nicht wie Dianen? Du närrst mich nicht?

Du machst eine arme Törin, wie sie mich nennen, nicht unglücklich? Du

läßt mein Kindchen nicht wieder zu Schanden kommen? Du suchst keine

Ausflüchte noch Aufschübe? Du gibst den Augen die Gewißheit und

führst die Antiope gleich, als ein frommer Christ und wackerer

Edelmann, zum Altar? Auch hast du nicht weit nach dem Pfaffen zu

gehen. Hörst du es murmeln? Da unten kniet einer.'

Und sie öffnete eine niedrige Tür, hinter welcher ein paar steile

Stufen in das häusliche Heiligtum hinabführten. Astorre warf einen

Blick: Unter dem plumpen Gewölbe vor einem kleinen Altar bei dem

ungewissen Licht einer Kerze betete ein Barfüßer, welcher ihm an Alter

und Gestalt nicht unähnlich war und auch die Kutte und den Strick des

heiligen Franziskus trug.

Ich glaube, daß dieser Barfüßer hier und gerade zu dieser Stunde durch

göttliche Schickung knien und beten mußte, um Astorre zum letzten Male

zu erschrecken und zu warnen. Doch in seinen lodernden Adern wurde

die Arznei zum Gift. Da er die Verkörperung seines Klosterlebens

erblickte, kam ein trotziger Geist des Frevels und der Sicherheit über

ihn. Mit gleichen Füßen habe ich über mein erstes Gelübde weggesetzt,

lachte er, und siehe, die Schranke fiel unter meinem Sprung--warum

nicht über das zweite? Meine Heiligen haben mich unterliegen lassen!

Vielleicht retten und beschützen sie den Sünder! Der Verwildernde

bemächtigte sich Antiopes und trug sie, mehr als daß er sie führte,

die Stufen hinunter; Madonna Olympia aber, die sich nach einem kurzen

lichten Moment wieder verwirrte, schlug hinter dem Mönch und ihrem

Kind die schwere Türe zu wie hinter einem gelungenen Fang, einer

gehuschten Beute und lauschte durch das Schlüsselloch.

Was sie sah, bleibt ungewiß. Nach der Meinung des Volkes hätte

Astorre den Barfüßer mit gezogenem Schwert bedroht und vergewaltigt.

Das ist unmöglich, denn der Mann Astorre hat niemals den Leib mit

einem Schwert gegürtet. Der Wahrheit näher mag es kommen, daß der

Barfüßer--traurig zu sagen--ein schlechter Mönch war und vielleicht

derselbe Beutel unter seine Kutte wanderte, den Astorre zu sich

gesteckt hatte, da er für Diana den Ehereif kaufen ging.

Daß aber anfänglich der Priester sich sperrte, daß die zwei Mönche

miteinander rangen, daß das schwere Gewölbe eine häßliche Szene

verbarg--solches lese ich in dem verzerrten und entsetzten Gesicht der

Lauscherin. Donna Olympia verstand, daß da unten ein Frevel begangen

werde, daß sie als die Anstifterin und Mitschuldige desselben der

Strenge des Gesetzes und der Rache der Verratenen sich preisgebe, und

da sich die Hinrichtung des Grafen, ihres Gemahls, jährte, glaubte sie

auch ihr törichtes Haupt dem Beil unrettbar verfallen. Sie wähnte den

nahenden Schritt Ezzelins zu vernehmen. Da floh sie und schrie:

'Hilfe! Mörder!'

Die Gequälte stürzte auf den Flur und an das in den engen innern Hof

blickende Fenster. 'Mein Maultier! Meine Sänfte!' rief sie hinunter,

und lachend über den doppelten Befehl--das Maultier war für das Land,

die Sänfte für die Stadt--erhob sich das Gesinde der Törin langsam und

bequem aus einem Winkel, wo es bei einer Kürbislaterne trank und

würfelte. Ein alter Stallmeister, welcher allein der unglücklichen

Herrin Treue hielt, sattelte bekümmert zwei Maultiere und führte sie

durch den Torweg auf den an der Gasse liegenden Vorplatz des Palastes.

Er hatte Donna Olympia schon auf mancher Irrfahrt begleitet. Die

andern folgten witzereißend mit der Sänfte.

Auf der großen Treppe stieß die flüchtige Törin, welche der auch bei

den Unseligen übermächtige Trieb der Selbsterhaltung ihr geliebtes

Kind vergessen ließ, gegen den besorgten Ascanio, der, ohne Nachricht

gelassen und von Unruhe getrieben, auf Kundschaft ausgegangen war.

'Was ist geschehen, Signora?' fragte er eilig.

'Ein Unglück!' krächzte sie wie ein aufwiegender Rabe, rannte die

Treppe hinab, saß auf ihrem Tier, stachelte es mit rasender Ferse und

verschwand im Dunkel.

Ascanio suchte durch die finstern Gemächer bis in die von der

stehengebliebenen Ampel der Madonna Olympia erhellte Kammer Antiopes.

Wie er sich darin umblickte, wurde die Tür der Hauskapelle geöffnet,

und zwei schöne Gespenster entstiegen der Tiefe. Der Mutige begann zu

zittern. 'Astorre, du bist mit ihr vermählt!' Der schallvolle Name

dröhnte im Echo des Gewölbes wie die Tuba jenes Tages. 'Und trägst

Dianens Ring am Finger!'

Astorre riß ihn ab und schleuderte ihn von sich.

Ascanio stürzte an das offene Fenster, durch welches der Ring

gesprungen war. 'Er ist in eine Spalte zwischen zwei Quadern

geglitscht', sprach es aus der Gasse herauf. Ascanio erblickte

Turbane und Eisenkappen. Es waren die Leute des Vogtes, welche ihre

nächtliche Runde begannen.

'Auf ein Wort, Abu Mohammed!' rief er, rasch besonnen, einen

weißbärtigen Greis, der höflich erwiderte: 'Dein Wunsch ist mir Befehl!'

und mit zwei anderen Sarazenen und einem Deutschen im Tore des

Palastes verschwand.

Abu-Mohammed-al-Tabîb überwachte nicht nur die Sicherheit der Straße,

sondern betrat auch das Innerste der Häuser, um Reichsverräter--oder

was der Vogt so benannte--zu verhaften. Kaiser Friedrich hatte ihn

seinem Schwiegersohn, dem Tyrannen, gegeben, damit er diesem eine

sarazenische Leibwache werbe, und an deren Spitze war er in Padua

verblieben. Abu Mohammed war eine feine Erscheinung und hatte

gewinnende Formen. Er nahm Anteil an dem Schmerz der Familie, deren

Glied er in den Kerker oder zum Block führte, und tröstete die

betrübte in seinem gebrochenen Italienisch mit Sprüchen arabischer

Dichter. Ich vermute, daß er seinen Beinamen 'al Tabîb', das ist der

Arzt, wenn er auch einige chirurgische Kenntnisse und Griffe besitzen

mochte, zuerst und voraus gewissen ärztlichen Manieren verdankte:

ermutigenden Handgebärden, beruhigenden Worten, wie zum Beispiel: 'Es

tut nicht weh' oder: 'Es geht vorüber', womit die Jünger Galens eine

schmerzliche Operation einzuleiten pflegen. Kurz, Abu Mohammed

behandelte das Tragische gelinde und war zur Zeit meiner Fabel trotz

seines strengen und bittern Amtes in Padua keine verhaßte

Persönlichkeit. Später, da der Tyrann eine Lust daran fand,

menschliche Leiber zu martern, woran du nicht glauben kannst,

Cangrande!, verließ ihn Abu Mohammed und kehrte zu seinem gütigen

Kaiser zurück.

Auf der Schwelle des Gemaches winkte Abu Mohammed seinen drei

Begleitern, stehenzubleiben. Der Deutsche, der die Fackel trug, ein

trotzig blickender Geselle, verharrte nicht lange. Er hatte heute zur

Vesperstunde Germano nach dem Palaste Vicedomini begleitet und dieser

ihm zugelacht: 'Laß mich jetzt! Ich verlobe hier mein Schwesterchen

Diana dem Mönche!' Der Germane kannte die Schwester seines Hauptmanns

und hatte eine Art stiller Neigung zu ihr, ihres hohen Wuchses und

ihrer redlichen Augen halber. Da er nun den Mönch, welchem er heute

mittag zur Seite geritten, Hand in Hand mit einem kleinen und

zierlichen Weibe sah, das ihm, neben dem großen Bilde Dianens, als

eine Puppe erschien, witterte er Treubruch, schmiß erzürnt die

lodernde Fackel auf den Steinboden, wo sie der eine der Sarazenen

behutsam aufhob, und eilte davon, Germano den Verrat des Mönches zu

melden.

Ascanio, der den Deutschen erriet, bat Abu Mohammed, ihn zurückzurufen.

Dieser aber weigerte sich. 'Er würde nicht gehorchen', sagte er

sanft, 'und mir zwei oder drei meiner Leute niederhauen. Mit welchem

andern Dienst, Herr, bin ich dir gefällig? Verhafte ich diese

blühenden Jugenden?'

'Astorre, sie wollen uns trennen!' schrie Antiope und suchte Schutz in

den Armen des Mönches. Die am Altare Frevelnde hatte mit einer

schuldlosen Seele auch die natürliche Beherztheit eingebüßt. Der

Mönch, welchen seine Schuld vielmehr ermutigte und begeisterte, tat

einen Schritt gegen den Sarazenen und riß ihm unversehens das Schwert

aus der Scheide. 'Vorsichtig, Knabe, du könntest dich schneiden',

warnte dieser gutmütig.

'Laß dir sagen, Abu Mohammed', erklärte Ascanio, 'dieser Rasende ist

der Gespiele meiner Jugend und war lange Zeit der Mönch Astorre, den

du sicherlich auf den Straßen Paduas gesehen hast. Der eigene Vater

hat ihn um sein Klostergelübde geprellt und mit einem ungeliebten Weib

vermählt. Vor wenigen Stunden wechselte er mit ihr die Ringe, und

jetzt, wie du ihn hier siehst, ist er der Gatte dieser andern.'

'Verhängnis!' urteilte der Sarazene mild.

'Und die Verratene', fuhr Ascanio fort, 'ist Diana Pizzaguerra, die

Schwester Germanos! Du kennst ihn. Er glaubt und traut lange, sieht

und greift er aber, daß er ein Getäuschter und Betrogener ist, so

spritzt ihm das Blut in die Augen, und er tötet.'

'Nicht anders', bestätigte Abu Mohammed. 'Er ist von der Mutter her

ein Deutscher, und diese sind Kinder der Treue!'

'Rate mir, Sarazene. Ich weiß nur eine Auskunft: vielleicht eine

Rettung. Wir bringen die Sache vor den Vogt. Ezzelin mag richten.

Inzwischen bewachen deine Leute den Mönch in seinem eigenen festen

Haus. Ich eile zum Ohm. Diese aber bringst du, Abu Mohammed, zu der

Markgräfin Cunizza, der Schwester des Vogts, der frommen und

leutseligen Domina, die hier seit einigen Wochen hofhält. Nimm die

hübsche Sünderin! Ich anvertraue sie deinem weißen Barte.'--'Du

darfst es', versicherte Mohammed.

Antiope umklammerte den Mönch und schrie noch kläglicher als das

erstemal: 'Sie wollen mich von dir trennen! Laß mich nicht, Astorre!

keine Stunde! keinen Augenblick! Oder ich sterbe!' Der Mönch hob das

Schwert.

Ascanio, der jede Gewalttat verabscheute, blickte den Sarazenen

fragend an. Dieser betrachtete die sich umschlungen Haltenden mit

väterlichen Augen. 'Laß die Schatten sich umarmen!' sagte er dann

weichgestimmt, sei es, daß er ein Philosoph war und das Leben für

Schein hielt, sei es, daß er sagen wollte: vielleicht verurteilt sie

morgen Ezzelin zum Tode, gönne den verliebten Faltern die Stunde!

Ascanio zweifelte nicht an der Wirklichkeit der Dinge; desto

zugänglicher war er dem zweiten Sinne des Spruches. Nicht allein als

der Leichtfertige, der er war, sondern auch als ein Gütiger und

Menschlicher zauderte er, die Liebenden auseinanderzureißen.

'Astorre', fragte er, kennst du mich?'

'Du warst mein Freund', antwortete dieser.

'Und bin es noch. Du hast keinen treuern.'

'O trenne mich nicht von ihr!' flehte jetzt der Mönch in einem so

ergreifenden Ton, daß Ascanio nicht widerstand. 'So bleibet zusammen',

sagte er, 'bis ihr vor das Gericht tretet.' Er flüsterte mit Abu

Mohammed.

Dieser näherte sich dem Mönch, entwand ihm sachte das Schwert, Finger

um Finger von dem Griff lösend, und ließ es in die Scheide an seiner

Hüfte zurückfallen. Dann trat er ans Fenster, winkte seiner Schar,

und die Sarazenen bemächtigten sich der auf dem Vorplatz

stehengebliebenen Sänfte Madonna Olympias.

Durch eine enge, finstere Gasse bewegte sich die schleunige Flucht:

Antiope voran, von vier Sarazenen getragen, ihr zur Seite der Mönch

und Ascanio, dann die Turbane. Abu Mohammed schloß den Zug.

Dieser eilte an einem kleinen Platz und einer erhellten Kirche vorüber.

In die dunkle Fortsetzung der Gasse einmündend, stieß er in hartem

Anprall mit einem ihm entgegenkommenden andern, von zahlreichem Volk

begleiteten Zuge zusammen. Heftiges Gezänk erhob sich. 'Raum der

Sposina!' rief die Menge. Chorknaben brachten aus der Kirche lange

Kerzen herbei, deren wehende Flämmchen sie mit vorgehaltener Hand

schätzten. Der gelbe Schimmer zeigte eine geneigte Sänfte und eine

umgestürzte Bahre. La Sposina war ein gestorbenes Bräutchen aus dem

Volke, das zu Grabe getragen wurde. Die Tote regte sich nicht und

ließ sich gelassen wieder auf ihre Bahre legen. Das versammelte Volk

aber erblickte den Mönch, der die aus der Sänfte gesprungene Antiope

schirmend umfing, und es wußte doch, daß der Mönch heute mit Diana

Pizzaguerra sich vermählt hatte. Abu Mohammed schaffte Ordnung. Ohne

weitern Unfall erreichte man den Palast.

Astorre und Antiope wurden von der Dienerschaft mit erstaunten und

bestürzten Blicken empfangen. Sie verschwanden im Tore, ohne von Abu

Mohammed und Ascanio Abschied genommen zu haben. Dieser wickelte sich

in sein Kleid und begleitete noch einige Schritte weit den Sarazenen,

welcher die Stadtburg, die er bewachen sollte, umging, ihre Tore

zählend und mit dem Blick die Höhe ihrer Mauern messend.

'Ein gefüllter Tag', sagte Ascanio.

'Eine selige Nacht', erwiderte der Sarazene, den sternbesäten Himmel

betrachtend. Die ewigen Lichter, ob sie nun unsere Schicksale

beherrschen oder nicht, wanderten nach ihren stillen Gesetzen, bis ein

junger Tag, der jüngste und letzte Astorres und Antiopes, die

göttliche Fackel schwang.

In einer Morgenstunde desselben lauschte der Tyrann mit seinem Neffen

durch ein kleines Rundbogenfenster seines Stadtturmes auf den

anliegenden Platz hinunter, den eine aufgeregte Menge füllte, murmelnd

und tosend wie die wechselnde Meereswoge.

Die gestrige Begegnung der Sänfte mit der Bahre und der daraus

entstandene Tumult hatten blitzschnell durch die ganze Stadt verlautet.

Alle Köpfe beschäftigten sich wachend und träumend mit nichts anderm

mehr als mit dem Mönch und seiner Hochzeit: nicht nur dem Himmel habe

der Ruchlose sein Gelübde gebrochen, sondern jetzt auch der Erde,

seine Braut habe er verraten, seinen Reif verschleudert, in rasend

raschem Wechsel mit einmal aufgeloderten Sinnen ein neues Weib gefreit,

ein fünfzehnjähriges Mädchen, die Blüte des Lebens, und aus der

zerrissenen Kutte sei ein gieriger Raubvogel aufgeflattert. Aber der

gerechte Tyrann, der kein Ansehen der Person kenne, lasse das Haus,

das den Verbrecher und die Verbrecherin verberge, von seinen Sarazenen

bewachen; er werde heute, bald, jetzt die Missetat der zwei

Vornehmen--denn die junge Sünderin Antiope sei eine Canossa--vor

seinen Stuhl ziehen, der keuschen Diana ihr Recht schaffen und dem

durch das schlechte Beispiel seines Adels beleidigten tugendhaften

Volk die blutenden Köpfe der zwei Schuldigen durch das Fenster

zuwerfen.

Der Tyrann ließ sich, während er einen beobachtenden Blick auf die

gärende Masse warf, von Ascanio das Gestrige berichten. Die

Verliebung rührte ihn nicht, nur der zugerollte Ring beschäftigte ihn

einen Augenblick als eine neue Form des Schicksals. 'Ich tadle',

sagte er, 'daß du sie gestern nicht auseinandergerissen hast! Ich

lobe, daß du sie bewachst! Die Vermählung mit Diana besteht zu Recht.

Das mit dem Schwert erzwungene oder mit dem Beutel gekaufte Sakrament

ist so nichtig wie möglich. Der Pfaffe, der sich erschrecken oder

bestechen ließ, verdient den Galgen und, wird er eingefangen, so

baumelt er. Noch einmal: warum tratest du nicht zwischen den

Unmündigen und das Kind? warum zerrtest du nicht einen Taumelnden aus

den Armen einer Berauschten? Du gabest sie ihm! Jetzt sind sie

Gatten.'

Ascanio, welcher sich wieder hell und leichtfertig geschlafen hatte,

verbarg ein Lächeln. 'Epikuräer!' strafte ihn Ezzelin. Er aber

schmeichelte: 'Es ist geschehen, gestrenger Ohm. Wenn du den Fall in

deinen Machtkreis ziehst, ist alles gerettet! Beide Parteien habe ich

vor deinen Richterstuhl beschieden auf diese neunte Stunde.' Ein

gegenüberstehender Campanile schlug sie. 'Wolle nur, Ezzelin, und

deine feste und kluge Hand löst den Knoten spielend. Liebe

verschwendet, und Geist kennt Ehre nicht. Der verliebte Mönch wird

dem niederträchtigen Geizhals, als welchen wir alle diesen würdigen

Pizzaguerra kennen, hinwerfen, was er verlangt. Germano freilich wird

das Schwert ziehen, doch du heißt es ihn in die Scheide zurückstoßen.

Er ist dein Mann. Er knirscht, aber er gehorcht.'

'Ich frage mich', sagte Ezzelin, 'ob ich recht tue, den Mönch dem

Schwert meines Germano zu entziehen. Darf Astorre leben? Kann er es,

jetzt, da er nach verschleuderter Sandale auch den angezogenen

ritterlichen Schuh zur Schlarpe tritt und der Cantus firmus des

Mönches in einem geltenden Gassenhauer vertönt? Ich--was an mir

liegt--friste dem Wankelmütigen und Wertlosen das Dasein. Allein ich

vermag nichts gegen sein Schicksal. Ist Astorre dem Schwerte Germanos

bestimmt, so kann ich diesen es senken heißen, jener rennt doch hinein.

Ich kenne das. Ich habe das erfahren.' Und er verfiel in ein Brüten.

Scheu wandte Ascanio den Blick seitwärts. Er wußte eine grausame

Geschichte.

Einst hatte der Tyrann ein Kastell erobert und die Empörer, die es

gehalten hatten, zum Schwerte verurteilt. Der erste beste

Kriegsknecht schwang es. Da kniete, um den Todesstreich zu empfangen,

ein schöner Knabe, dessen Züge den Tyrannen fesselten. Ezzelin

glaubte die seinigen zu erkennen und fragte den Jüngling nach seinem

Ursprung. Es war der Sohn eines Weibes, das Ezzelin in seiner Jugend

sündig geliebt hatte. Er begnadigte den Verdammten. Dieser, von der

eigenen Neugierde und den neidischen Sticheleien derer, welche ihre

Söhne oder Verwandten durch jenes Bluturteil eingebüßt hatten, gereizt

und verfolgt, ruhte nicht, bis er das Rätsel seiner Bevorzugung löste.

Er soll den Dolch gegen die eigene Mutter gezückt und ihr das böse

Geheimnis entrissen haben. Die enthüllte unehrliche Geburt vergiftete

seine junge Seele. Er verschwor sich von neuem gegen den Tyrannen,

überfiel ihn auf der Straße und wurde von demselben Kriegsknecht, der

zufällig der erste war, Ezzelin zu Hilfe zu eilen, und mit demselben

Schwert niedergestoßen.

Ezzelin verbarg das Haupt eine Weile mit der Rechten und betrachtete

den Untergang seines Sohnes. Dann erhob er es langsam und fragte: Was

aber wird aus Diana?'

Ascanio zuckte die Achseln. 'Diana hat einen Unstern. Zwei Männer

hat sie verloren, den einen an die Brenta, den andern an ein

lieblicheres Weib. Und dazu der karge Vater! Sie geht ins Kloster.

Was bliebe ihr sonst?'

Jetzt erhob sich drunten auf dem Platze ein Murren, ein Schelten, ein

Verwünschen, ein Drohen. 'Mordet den Mönch!' reizten einzelne Stimmen,

doch da sie sich in einen allgemeinen Schrei vereinigen wollten, ging

der Volkszorn auf eine seltsame Weise in ein erstauntes und

bewunderndes 'Ach!' über. 'Ach, wie schön ist sie!' Der Tyrann und

Ascanio konnten durch ihr Fenster den Auftritt bequem beobachten:

Sarazenen auf schlanken Berbern, den Mönch Astorre und sein junges

Weib, die von Maultieren getragen wurden, umringend. Die neue

Vicedomini ritt verhüllt. Aber wie die tausend Fäuste des Volkes sich

gegen den Mönch, ihren Gemahl, ballten, hatte sie sich

leidenschaftlich vor ihn geworfen. Die liebende Gebärde zerriß den

Schleier. Es war nicht der Reiz ihres Antlitzes allein, noch die

Jugend ihres Wuchses, sondern das volle Spiel der Seele, das

gestaltete Gefühl, der Atem des Lebens, was die Menge entwaffnete und

hinriß, wie gestern den Mönch, der jetzt als ein blühender Triumphator

ohne die leiseste Furcht, denn er glaubte sich gefestet und gefeit,

mit seiner warmen Beute einherzog.

Ezzelin betrachtete diesen Sieg der Schönheit fast verächtlich. Er

wandte sein Auge teilnehmend gegen den zweiten Auftritt, welcher aus

einer andern Gasse auf den Turmplatz mündete. Drei Vornehme, wie

Astorre und Antiope zahlreich begleitet, suchten Bahn durch die Menge.

In der Mitte ein schneeweißes Haupt: die würdige Erscheinung des

alten Pizzaguerra. Ihm zur Linken Germano. Dieser hatte gestern

schrecklich gezürnt, als ihm sein Deutscher die Kunde des Verrates

brachte, und stürzte spornstreichs zur Rache, wurde aber von dem

Sarazenen ereilt, welcher ihn, den Vater und die Schwester auf die

nächste Frühstunde in den Turm und vor das Gericht des Vogtes lud. Er

hatte darauf der Schwester den Frevel des Mönches, welchen er ihr

lieber bis nach genommener Rache verheimlicht, offenbaren müssen und

sich über ihre Fassung gewundert. Diana ritt zur Rechten des Vaters,

keine andere als sonst, nur daß sie den breiten Nacken um einen

schweren Gedanken tiefer als gestern trug.

Die Menge, welche die Gekränkte und ihr Recht Fordernde eine Minute

früher mit zürnendem Jubel begrüßt hätte, begnügte sich jetzt, das

Auge noch geblendet von dem Glanze Antiopes und den Verrat des Mönches

begreifend und mitbegehend, der Gedrückten ein mitleidiges: 'Arme!

Ärmste! Immer Geopferte!' zuzumurmeln.

Jetzt erschienen die fünf vor dem Tyrannen, der in einem nackten Saal

auf einem nur um zwei Stufen über dem Boden erhöhten Stuhle saß. Vor

ihm standen Kläger und Verklagte sich gegenüber: hier die beiden

Pizzaguerra und, ein wenig beiseite, die große Gestalt Dianas, dort,

Hand in Hand verschlungen, der Mönch und Antiope, alle in Ehrfurcht,

während Ascanio an dem hohen Sessel des Tyrannen lehnte, als wolle er

seine Unparteilichkeit und die Mitte wahren zwischen zwei

Jugendgespielen.

'Herrschaften', begann Ezzelin, ich werde euern Fall nicht als eine

Staatssache, wo Treubruch Verrat und Verrat Majestätsverbrechen ist,

behandeln, sondern als eine läßliche Familienangelegenheit. In der

Tat, die Pizzaguerra, die Vicedomini, die Canossa sind ebenso edeln

Blutes wie ich, nur daß die Erhabenheit des Kaisers mich zu ihrem Vogt

in diesen ihren Ländern gemacht hat.' Ezzelin neigte das Haupt bei der

Nennung der höchsten Macht; er konnte es nicht entblößen, da er

dasselbe, wenn er es nicht mit dem Streithelm bedeckte, überall,

selbst in Wind und Wetter, nach antiker Weise bar trug. 'So bilden

die zwölf Geschlechter eine große Familie, zu der auch ich durch eine

meiner Ahnfrauen gehöre. Aber wie sind wir zusammengeschmolzen durch

unselige Verblendung und strafbare Auflehnung einiger unter uns gegen

das höchste weltliche Amt! Wenn ihr mir glaubet, so sparen wir nach

Kräften, was noch vorhanden ist. In diesem Sinne halte ich die Rache

der Pizzaguerra gegen Astorre Vicedomini auf, obwohl ich sie ihrer

Natur nach eine gerechte nenne. Seid ihr', er wendete sich gegen die

drei Pizzaguerra, 'mit meiner Milde nicht einverstanden, so höret und

bedenket eines: Ich, Ezzelino da Romano, bin der erste und darum der

Hauptschuldige. Hätte ich mein Roß nicht an einem gewissen Tage und

zu einer gewissen Stunde längs der Brenta jagen lassen, Diana wäre

standesgemäß vermählt, und dieser hier murmelte sein Brevier. Hätte

ich meine Deutschen nicht zur Musterung befohlen an einem gewissen

Tage und zu einer gewissen Stunde, so hätte mein Germano den Mönch

nicht unzeitig auf einen Gaul gesetzt und dieser der Frau, welche er

jetzt an der Hand hält, den ihr von seinem bösen Dämon--'

'Von meinem guten!' frohlockte der Mönch.

'--von seinem Dämon zugerollten Brautring wieder vom Finger gezogen.

Darum, Herrschaften, begünstigt mich, indem ihr mir die verwickelte

Sache entwirren und schlichten helfet; denn bestandet ihr auf der

Strenge, so müßte ich auch mich und mich zuerst verurteilen!'

Diese ungewöhnliche Rede brachte den alten Pizzaguerra keineswegs aus

der Fassung, und als ihn der Tyrann ansprach: 'Edler Herr, Euer ist

die Klage', sagte er kurz und karg 'Herrlichkeit, Astorre Vicedomini

verlobte sich öffentlich und ganz nach den Gebräuchen mit meinem Kinde

Diana. Dann aber, ohne daß Diana sich gegen ihn vergangen hätte,

brach er sein Verlöbnis. Unbegründet, ungesetzlich,

kirchenschänderisch. Diese Tat wiegt schwer, und verlangt, wo nicht

Blut, welches Deine Herrlichkeit nicht vergossen sehen will, eine

schwere Sühne', und er machte die Gebärde eines Krämers, der

Gewichtstein um Gewichtstein in eine Waagschale legt.

'Ohne daß Diana sich vergangen hätte?' wiederholte der Tyrann. 'Mich

dünkt, sie verging sich. Hatte sie nicht eine Wahnsinnige vor sich?

Und Diana schilt und schlägt. Denn Diana ist jähzornig und

unvernünftig, wenn sie sich in ihrem Recht gekränkt glaubt.'

Die Hochzeit des Mönchs · 第 5 / 7 题