'Mögen sie beide einen bösen Tod finden, der stirnrunzelnde Guido und
der bärtige Heide! Sie verleiten den Ohm, seinen Launen und Lüsten zu
gehorchen, indem er das Notwendige zu tun glaubt. Hast du ihm schon
zugeschaut, Germano, wie er bei seinem kargen Mahle in dem
durchsichtigen Kristall des Bechers sein Wasser mit den drei oder vier
blutroten Tropfen Sizilianers färbt, welche er sich gönnt? wie sein
aufmerksamer Blick das Blut verfolgt, das sich langsam wölkt und durch
den lautern Quell verbreitet? oder wie er den Toten die Lider
zuzudrücken liebt, so daß es zur Höflichkeit geworden ist, den Vogt
wie zu einem Fest an die Sterbelager zu bitten und ihm diese traurige
Handlung zu überlassen? Ezzelin, mein Fürst, werde mir nicht grausam!'
rief der Jüngling aus, von seinem Gefühl überwältigt.
'Ich denke nicht, Neffe', sprach es hinter ihm. Es war Ezzelin,
welcher ungesehen herangetreten war und, obwohl kein Lauscher, den
letzten schmerzlichen Ausruf Ascanios vernommen hatte.
Die drei Jünglinge erhoben sich rasch und begrüßten den Herrscher, der
sich auf die Bank niederließ. Sein Gesicht war ruhig wie die Maske
des Brunnens.
'Ihr meine Boten', stellte er Ascanio und Germano zur Rede, 'was kam
euch an, diesen hier'--er nickte leicht gegen den Mönch--'vor mir
aufzusuchen?'
'Er ist unser Jugendgespiele und hat Seltsames erfahren',
entschuldigte der Neffe, und Ezzelin ließ es gelten. Er empfing die
Briefschaften, die ihm Ascanio, das Knie biegend, überreichte. Alles
schob er in den Busen außer der Bulle. 'Siehe da', sagte er, 'das
Neueste! Lies vor, Ascanio! Du hast jüngere Augen als ich.'
Ascanio rezitierte den apostolischen Brief, während Ezzelin die Rechte
in den Bart vergrub und mit dämonischem Vergnügen zuhörte.
Zuerst gab der dreigekrönte Schriftsteller dem geistreichen Kaiser den
Namen eines apokalyptischen Ungeheuers. 'Ich kenne das, es ist
absurd', sagte der Tyrann. 'Auch mich hat der Pontifex in seinen
Briefen ausschweifend betitelt, bis ich ihn ermahnte, mich, welcher
Ezzelin der Römer heißt, fortan in klassischer Sprache zu schelten.
Wie nennt er mich dieses Mal? Ich bin neugierig. Suche nur die
Stelle, Ascanio--es wird sich eine finden--, wo er meinem Schwieger
seinen bösen Umgang vorhält. Gib her!' Er ergriff das Schreiben und
fand bald den Ort: hier beschuldigte der Papst den Kaiser, den Gatten
seiner Tochter zu lieben, 'Ezzelino da Romano, den größten Verbrecher
der bewohnten Erde.'
'Korrekt!' lobte Ezzelin und gab Ascanio das Schreiben zurück. 'Lies
mir die Gottlosigkeiten des Kaisers, Neffe', lächelte er.
Ascanio las, Friedrich habe geäußert, es gebe neben vielem Wahn nur
zwei wahre Götter: Natur und Vernunft. Der Tyrann zuckte die Achseln.
Ascanio las ferner, Friedrich habe geredet: drei Gaukler, Moses,
Mohammed und--er stockte--hätten die Welt betrogen. 'Oberflächlich',
tadelte Ezzelin, 'sie hatten ihre Sterne; aber, gesagt oder nicht, der
Spruch gräbt sich ein und wiegt für den unter der Tiara ein Heer und
eine Flotte. Weiter.'
Nun kam eine wunderliche Mär an die Reihe: Friedrich hätte, durch ein
wogendes Kornfeld reitend, mit seinem Gefolge gescherzt und in
lästerlicher Anspielung auf die heilige Speise den Dreireim zum besten
gegeben:
So viele Ähren, so viele Götter sind, Sie schießen empor in der Sonne
geschwind Und wiegen die goldenen Häupter im Wind--
Ezzelin besann sich. 'Seltsam!' flüsterte er. Mein Gedächtnis hat
dieses Verschen aufbewahrt. Es ist durchaus authentisch. Der Kaiser
hat es mir mit fröhlich lachendem Mund zugerufen, da wir zusammen im
Angesicht der Tempeltrümmer von Enna jene strotzenden Ährenfelder
durchritten, mit welchen Göttin Ceres die sizilische Scholle gesegnet
hat. Darauf besinne ich mich mit derselben Klarheit, welche an jenem
Sommertag über der Insel glänzte. Ich bin es nicht, der diesen
heitern Scherz dem Pontifex mitgeteilt hat. Dazu bin ich zu ernsthaft.
Wer tat es? Ich mache euch zu Richtern, Jünglinge. Wir ritten zu
dreien, und der dritte--auch dessen bin ich gewiß, wie dieser
leuchtenden Sonne'--sie warf gerade einen Strahl durch das Laub--'war
Petrus de Vinea, der Unzertrennliche des Kaisers. Hätte der fromme
Kanzler für seine Seele gebangt und sein Gewissen durch einen Brief
nach Rom erleichtert? Reitet ein Sarazene heute? Ja? Rasch, Ascanio.
Ich diktiere dir eine Zeile.'
Dieser zog Täfelchen und Stift hervor, ließ sich auf das rechte Knie
nieder und schrieb, das gebogene linke als Pult gebrauchend:
'Erhabener Herr und geliebter Schwieger! Ein schnelles Wort. Das
Verschen in der Bulle--Ihr seid zu geistreich, um Euch zu
wiederholen--haben nur vier Ohren gehört, die meinigen und die Eures
Petrus, in den Kornfeldern von Enna, vor einem Jahr, da Ihr mich an
Euern Hof beriefet und ich mit Euch die Insel durchritt. Kein Hahn
kräht danach, wenn nicht der im Evangelium, welcher den Verrat des
Petrus bekräftigte. Wenn Ihr mich und Euch liebet, Herr, so versuchet
Euern Kanzler mit einer scharfen Frage.'
'Blutiges Wortspiel! Das schreibe ich nicht! Die Hand zittert mir!'
rief der erblassende Ascanio. 'Ich bringe den Kanzler nicht auf die
Folter!' und er warf den Stift weg.
'Dienstsache', bemerkte Germano trocken, hob den Stift auf und
beendigte das Schreiben, welches er unter seine Eisenhaube schob. Es
läuft noch heute', sagte er. 'Mir für meine einfache Person hat der
Capuaner nie gefallen: er hat einen verhüllten Blick.'
Der Mönch Astorre schauderte zusammen trotz der Mittagssonne. Zum
ersten Male griff der aus dem Klosterfrieden Geschiedene, gleichsam
mit Händen, wie die schlüpfrigen Windungen einer Natter den Argwohn
oder den Verrat der Welt. Aus seinem Brüten weckte ihn ein strenges
Wort Ezzelins, welches dieser an ihn richtete, von seiner Steinbank
sich erhebend. 'Sprich, Mönch, warum vergräbst du dich in dein Haus?
Du hast es noch nie verlassen, seit du weltliches Gewand trägst. Du
scheust die öffentliche Meinung? Tritt ihr entgegen! Sie weicht
zurück. Machst du aber eine Bewegung der Flucht, so heftet sie sich
an deine Sohle wie eine heulende Meute. Hast du deine Braut Diana
besucht? Die Trauerwoche ist vorüber. Ich rate dir: heute noch lade
deine Sippen, und heute noch vermähle dich mit Diana!'
'Und dann rasch mit euch auf dein entlegenstes Schloß!' beendigte
Ascanio.
'Das rate ich nicht', verbot der Tyrann. 'Keine Furcht. Keine Flucht.
Heute vermählst du dich, und morgen hältst du Hochzeit mit Masken.
Valete!' Er schied, Germano winkend ihm zu folgen."
"Darf ich unterbrechen?" fragte Cangrande, der höflich genug gewesen
war, eine natürliche Pause der Erzählung abzuwarten.
"Du bist der Herr", versetzte der Florentiner mürrisch. "Traust du
dem unsterblichen Kaiser jenes Wort von den drei großen Gauklern zu?"
"Non liquet."
"Ich meine: in deinem innersten Gefühl?"
Dante verneinte mit einer deutlichen Bewegung des Hauptes. "Und doch
hast du ihn als einen Gottlosen in den sechsten Kreis deiner Hölle
verdammt. Wie durftest du das? Rechtfertige dich!"
"Herrlichkeit", antwortete der Florentiner, "die Komödie spricht zu
meinem Zeitalter. Dieses aber liest die fürchterlichste der
Lästerungen mit Recht oder Unrecht auf jener erhabenen Stirn. Ich
vermag nichts gegen die fromme Meinung. Anders vielleicht urteilen
die Künftigen."
"Mein Dante", fragte Cangrande zum andern Mal, "glaubst du Petrus de
Vinea unschuldig des Verrates an Kaiser und Reich?"
"Non liquet."
"Ich meine: in deinem innersten Gefühl?" Dante verneinte mit derselben
Gebärde.
"Und du läßt den Verräter in deiner Komödie seine Unschuld beteuern?"
"Herr", rechtfertigte sich der Florentiner, "werde ich, wo klare
Beweise fehlen, einen Sohn der Halbinsel mehr des Verrates bezichtigen,
da schon so viele Arglistige und Zweideutige unter uns sind?"
"Dante, mein Dante", sagte der Fürst, "du glaubst nicht an die Schuld
und du verdammst! Du glaubst an die Schuld und du sprichst frei!"
Dann führte er die Erzählung in spielendem Scherz weiter:
"Auch der Mönch und Ascanio verließen jetzt den Garten und betraten
die Halle." Doch Dante nahm ihm das Wort:
"Keineswegs, sondern sie stiegen in eine Turmstube, dieselbe, die
Astorre als Knabe mit ungeschorenen Locken bewohnt; denn dieser mied
die großen und prunkenden Gemächer, welche er sich erst gewöhnen mußte
als sein Eigentum zu betrachten, wie er auch den ihm hinterlassenen
goldenen Hort noch mit keinem Finger berührt hatte. Den beiden folgte,
auf einen gebietenden Wink Ascanios, der Majordom Burcardo in
gemessener Entfernung mit steifen Schritten und verdrießlichen Mienen."
Der gleichnamige Haushofmeister Cangrandes war nach verrichtetem
Geschäft neugierig lauschend in den Saal zurückgetreten, denn er hatte
gemerkt, daß es sich um wohlbekannte Personen handle; da er nun sich
selbst nennen hörte und unversehens und lebensgroß im Spiegel der
Novelle erblickte, fand er diesen Mißbrauch seiner Ehrenperson
verwegen und durchaus unziemlich im Munde des beherbergten Gelehrten
und geduldeten Flüchtlings, welchem er in gerechter Erwägung der
Verhältnisse und Unterschiede auf dem oberen Stockwerk des fürstlichen
Hauses eine denkbar einfache Kammer eingeräumt hatte. Was die andern
lächelnd gelitten, empfand er als ein Ärgernis. Er runzelte die
Brauen und rollte die Augen. Der Florentiner weidete sich mit
ernsthaftem Gesicht an der Entrüstung des Pedanten und ließ sich in
seiner Fabel nicht stören.
"'Würdiger Herr', befragte Ascanio den Majordom--habe ich gesagt, daß
dieser von Geburt ein Alsatier war?--'wie heiratet man in Padua?
Astorre und ich sind unerfahrene Kinder in dieser Wissenschaft.'
Der Haushofmeister warf sich in Positur, starr seinen Herrn anschauend,
ohne Ascanio, der ihm nach seinen Begriffen nichts zu befehlen hatte,
eines Blickes zu würdigen.
'Distinguendum est', sagte er feierlich. 'Es ist auseinanderzuhalten:
Werbung, Vermählung und Hochzeit.'
'Wo steht das geschrieben?' scherzte Ascanio.
'Ecce!' antwortete der Majordom, indem er ein großes Buch entfaltete,
das ihn niemals verließ. 'Hier!' und er wies mit dem gestreckten
Finger der linken Hand auf den Titel, welcher lautete: 'Die Zeremonien
von Padova nach genauer Erforschung zu Nutz und Frommen aller Ehrbaren
und Anständigen, zusammengestellt von Messer Godoscalco Burcardo.' Er
blätterte und las: 'Erster Abschnitt: Die Werbung. Paragraph eins.
Der ernsthafte Werber bringt einen Freund gleichen Standes als
gültigen Zeugen mit--'
'Bei den überflüssigen Verdiensten meines Schutzheiligen', unterbrach
ihn Ascanio ungeduldig, 'laß uns zufrieden mit ante und post, mit
Werbung und Hochzeit, serviere uns das Mittelstück: wie vermählt man
sich in Padua?'
'In Batova', krähte der gereizte Alsatier, dessen barbarische
Aussprache in der Gemütsbewegung noch mehr als gewöhnlich hervortrat,
'werden zu den adeligen Sbosalizien geladen die zwölf großen
Geschlechter'--er zählte sie aus dem Gedächtnis her--'zehn Tage voraus,
nicht früher, nicht später, von dem Majordom des Bräutigams, gefolgt
von sechs Dienern. In dieser erleuchten Versammlung werden die Ringe
gewechselt. Man schlürft Cybrier und verzehrt als Hochzeitsgebäck die
Amarellen--'
'Gott gebe, daß wir uns nicht die Zähne ausreißen!' lachte Ascanio,
und dem Majordom das Buch entreißend, durchlief er die Namen, von
welchen sechs Familienhäupter--sechs von zwölfen--und einige Jünglinge
mit breiten Strichen ausgelöscht waren. Sie mochten sich in
irgendeine Verschwörung gegen den Tyrannen verwickelt und darin den
Untergang gefunden haben. 'Merk auf, Alter!' befahl Ascanio, für den
Mönch handelnd, welcher in einen Sessel gesunken war und in Gedanken
verloren die freundliche Bevormundung sich gefallen ließ. 'Du hältst
deinen Umgang mit den sechs Tagedieben zur Stunde, jetzt gleich, ohne
Verzug, verstehst du? und ladest auf heute zur Vesperzeit.' 'Zehn Tage
voraus', wiederholte Herr Burcardo majestätisch, als verkünde er ein
Reichsgesetz.
'Heute und auf heute, Starrkopf!'
'Unmöglich', sprach der Majordom ruhig. Ändert Ihr den Lauf der
Gestirne und Jahreszeiten?'
'Du rebellierst? Juckt dich der Hals, Alter?' warnte Ascanio mit
einem sonderbaren Lächeln.
Das genügte. Herr Burcardo erriet. Ezzelin hatte befohlen, und der
hartnäckigste der Pedanten fügte sich ohne Murren, so eisern war die
Rute des Tyrannen.
'Dann ladest du die beiden Herrinnen Canossa nicht, die Olympia und
die Antiope.'
'Warum diese nicht?' fragte der Mönch plötzlich, wie von einem
Zauberstab berührt. Die Luft färbte sich vor seinem Blick, und ein
Bild entstand, dessen erster Umriß schon seine ganze Seele fesselte.
'Weil die Gräfin Olympia eine Törin ist, Astorre. Kennst du die
Geschichte des armen Weibes nicht? Doch du stakest ja damals noch in
den Windeln, will sagen in der Kutte. Es war vor drei Jahren, da die
Blätter gilbten.'
'Im Sommer, Ascanio. Eben jährt es sich', widersprach der Mönch.
'Du hast recht--kennst du denn die Geschichte? Doch wie solltest du?
Zu jener Zeit munkelte der Graf Canossa mit dem Legaten, wurde
belauscht, ergriffen und verurteilt. Die Gräfin tat einen Fußfall vor
dem Ohm, der sich in sein Schweigen hüllte. Sie wurde dann auf die
sträflichste Weise von einem habgierigen Kämmerer getäuscht, welcher
ihr Gewinnes wegen vorspiegelte, der Graf werde vor dem Block
begnadigt werden. Das ging nicht in Erfüllung, und da man der Gräfin
einen Enthaupteten brachte, warf sich ihm die aus der Hoffnung
kopfüber in die Verzweiflung Geschleuderte durch das Fenster entgegen,
wunderbarerweise ohne sich zu verletzen, außer daß sie sich den Fuß
verstauchte. Aber von jenem Tag an war ihr Geist zerrüttet. Wenn
natürliche Stimmungen sich unmerklich ineinander verlieren wie das
erlöschende Licht in die wachsende Dämmerung, wechseln die ihrigen in
rasendem Umschwung von Hell und Dunkel zwölfmal in zwölf Stunden. Von
beständiger Unruhe gestachelt, eilt das elende Weib aus ihrem
verödeten Stadtpalast auf ihr Landgut und aus diesem in die Stadt
zurück, in ewigem Irrgang. Heute will sie ihr Kind einem Pächterssohn
vermählen, weil nur Niedrigkeit Schutz und Frieden gewähre, morgen
wäre ihr der edelste Freier, der übrigens aus Scheu vor einer solchen
Mutter sich nicht einstellt, kaum vornehm genug--'
Hätte Ascanio, während seine Rede floß, den flüchtigsten Blick auf den
Mönch geworfen, er hätte staunend innegehalten, denn das Antlitz des
Mönches verklärte sich vor Mitleid und Erbarmen.
'Wenn der Tyrann', fuhr der Achtlose fort, an der Behausung Olympias
vorüber auf die Jagd reitet, stürzt sie ans Fenster und erwartet, er
werde an ihrer Schwelle vom Pferd steigen und die in Ungnade Geratene,
aber nun genug Geprüfte, günstig und gnädig an seinen Hof zurückführen,
wozu er wahrlich keine Lust hat. Eines andern Tages, oder noch an
demselben, wähnt sie sich von Ezzelin, welcher sich nicht um sie
bekümmert, verfolgt und geächtet. Sie glaubt sich verarmt und ihre
Güter, die er unberührt ließ, eingezogen. So brennt und friert sie im
Wechselfieber der schroffsten Gegensätze, ist nicht nur selbst
verrückt, sondern verrückt auch, was sie in die wirbelnden Kreise
ihres Kopfes zieht, und stiftet--denn sie ist nur eine halbe Törin und
redet mitunter treffend und witzig--überall Unheil, wo ihr geglaubt
wird. Es kann nicht die Rede davon sein, sie unter die Leute und an
ein Fest zu bringen. Ein Wunder ist, daß ihr Kind, die Antiope,
welches sie vergöttert und dessen Verheiratung sich im Mittelpunkt
ihrer Phantasie dreht, auf diesem schwanken Boden den Verstand behält.
Aber das Mädchen, das in seiner Frühblüte steht und leidlich hübsch
ist, hat eine gute Natur..' So ging es noch eine Weile fort.
Astorre aber versank in seinem Traume. So sage ich, weil das
Vergangene Traum ist. Denn der Mönch sah, was er vor drei Jahren
erlebt hatte: einen Block, den Henker daneben und sich selbst an der
Stelle eines erkrankten Mitmönches als geistlichen Tröster, der einen
armen Sünder erwartet. Dieser--der Graf Canossa--erschien gefesselt,
wollte aber durchaus nicht herhalten, sei es, weil er wähnte, seine
Begnadigung werde, jetzt da er vor dem Blocke stehe, nicht säumen, sei
es einfach, weil er die Sonne liebte und die Gruft verabscheute. Er
ließ den Mönch hart an und verschmähte seine Gebete. Ein
entsetzliches Ringen stand bevor, wenn er fortfuhr, sich zu sträuben
und zu stemmen; denn er hielt sein Kind an der Hand, welches ihm--von
den Wachen unbemerkt--zugesprungen war und ihn umklammerte, die
ausdrucksvollsten Augen und die flehendsten Blicke auf den Mönch
heftend. Der Vater drückte das Mädchen fest an seine Brust und schien
sich mit diesem jungen Leben gegen die Vernichtung decken zu wollen,
wurde aber von dem Henker nieder und mit dem Haupt auf den Block
gedrückt. Da legte das Kind Kopf und Nacken neben den väterlichen.
Wollte es das Mitleid des Henkers erwecken? Wollte es den Vater
ermutigen, das Unabwendbare zu leiden? Wollte es dem Unversöhnten den
Namen eines Heiligen ins Ohr murmeln? Tat es das Unerhörte ohne
Besinnen und Überlegung, aus überströmender kindlicher Liebe? Wollte
es einfach mit ihm sterben?
Jetzt leuchteten die Farben so kräftig, daß der Mönch die zwei
nebeneinander liegenden Hälse, den ziegelroten Nacken des Grafen und
den schneeweißen des Kindes mit dem gekräuselten, goldbraunen Flaum
wenige Schritte vor sich in voller Lebenswahrheit erblickte. Das
Hälschen war von der schönsten Bildung und ungewöhnlicher Schlankheit.
Astorre bebte, das fallende Beil möchte sich irren, und fühlte sich
in tiefster Seele erschüttert, nicht anders als das erste Mal, nur daß
ihm die Sinne nicht schwanden, wie sie ihm damals geschwunden waren,
als die schreckliche Szene in Wahrheit und Wirklichkeit sich ereignete,
und er erst wieder zu sich kam, als alles vorüber war.
'Hat mir mein Gebieter einen Auftrag zu geben?' störte den Verzückten
die schnurrende Stimme des Majordoms, der es schwer ertrug, von
Ascanio gemeistert zu werden.
'Burcardo', antwortete Astorre mit weicher Stimme, 'vergiß nicht, die
zwei Frauen Canossa, Mutter und Tochter, zu laden. Es sei nicht
gesagt, daß der Mönch die von der Welt Gemiedenen und Verlassenen von
sich fernhält. Ich ehre das Recht einer Unglücklichen'--hier stimmte
der Majordom mit eifrigem Nicken bei--, 'von mir geladen und empfangen
zu werden. Würde sie übergangen, es dürfte sie schwer kränken, wie
sie beschaffen ist.'
'Beileibe!' warnte Ascanio. Tu dir doch das nicht zuleide! Dein
Verlöbnis ist schon abenteuerlich genug! Und das Abenteuerliche
begeistert die Törichten. Sie wird nach ihrer Art etwas Unglaubliches
beginnen und irgendein tolles Wort in die Feier schleudern, welche
sonst schon alle Paduanerinnen aufregt.'
Herr Burcardo aber, der die Berechtigung einer Canossa, ob sie bei
Verstande sei oder nicht, sich zu den Zwölfen zu versammeln, mit den
Zähnen festhielt und seinen Gehorsam dem Vicedomini und keinem andern
verpflichtet glaubte, verbeugte sich tief vor dem Mönch. 'Deiner
Herrlichkeit allein wird gehorcht', sprach er und entfernte sich.
'O Mönch, Mönch', rief Ascanio, 'der die Barmherzigkeit in eine Welt
trägt, wo kaum die Güte ungestraft bleibt!'
"Doch wie wir Menschen sind," flocht Dante ein, "oft zeigt uns ein
prophetisches Licht den Rand eines Abgrunds, aber dann kommt der Witz
und klügelt und lächelt und redet uns die Gefahr aus."
Dergestalt fragte und beruhigte sich der Leichtsinnige: Welche
Beziehung auf der Welt hat die Närrin zu dem Mönch, in dessen Leben
sie nicht die geringste Rolle spielt? Und am Ende--wenn sie zu lachen
gibt, so würzt sie uns die Amarellen! Er ahnte nicht von ferne, was
sich in der Seele Astorres begab, aber auch wenn er geraten und
geforscht, dieser hätte sein keusches Geheimnis dem Weltkind nicht
preisgegeben.
So ließ Ascanio es gut sein, und sich des andern Befehles des Tyrannen
erinnernd, den Mönch unter die Leute zu bringen, fragte er lustig:
'Ist für den Ehereif gesorgt, Astorre? Denn es steht in den
Zeremonien geschrieben, Abschnitt zwei, Paragraph soundso: Die Reife
werden gewechselt.' Dieser erwiderte, es werde sich dergleichen in dem
Hausschatz finden.
'Nicht so, Astorre', meinte Ascanio. 'Wenn du mir folgst, kaufst du
deiner Diana einen neuen. Wer weiß, was für Geschichten an den
gebrauchten Ringen kleben. Wirf das Alte hinter dich. Auch schickt
es sich ganz allerliebst: du kaufst ihr einen Ring bei dem Florentiner
auf der Brücke. Kennst du den Mann? Doch wie solltest du! Höre: Als
ich heute in der Frühstunde, mit Germano in die Stadt zurückkehrend,
unsere einzige Brücke über den Kanal beschritt--wir mußten absitzen
und die Pferde führen, so dicht war dort das Gedränge--, hatte, meiner
Treu, auf dem verwitterten Kopf des Brückenpfeilers ein Goldschmied
seinen Laden aufgetan, und ganz Padua kramte und feilschte vor
demselben. Warum auf der engen Brücke, Astorre, da wir so viele
Plätze haben? Weil in Florenz die Schmuckläden auf der Arnobrücke
stehen. Denn--bewundere die Logik der Mode! wo kauft man feinen
Schmuck, als bei einem Florentiner, und wo legt ein Florentiner aus,
wenn nicht auf einer Brücke? Er tut es einmal nicht anders. Sonst
wäre seine Ware ein plumpes Zeug und er selbst kein echter Florentiner.
Doch dieser ist es, ich meine. Hat er doch mit riesigen Buchstaben
über seine Bude geschrieben: Niccola Lippo dei Lippi, der Goldschmied,
durch einen feilen und ungerechten Urteilsspruch, wie sie am Arno
gebräuchlich sind, aus der Heimat vertrieben. Auf, Astorre! gehen wir
nach der Brücke!'
Dieser weigerte sich nicht, da er selbst das Bedürfnis fühlen mochte,
den Bann des Hausbezirkes zu brechen, welchen er, seit er seine Kutte
niedergestreift, nicht mehr verlassen hatte.
'Hast du Geld zu dir gesteckt, Freund Mönch?' scherzte Ascanio. 'Dein
Gelübde der Armut ist hinfällig, und der Florentiner wird dich
überfordern.' Er pochte an das Schiebfensterchen des im untern Flur,
welchen die Jünglinge eben durchschritten, gelegenen Hauskontors. Es
zeigte sich ein verschmitztes Gesicht, Jede Falte ein Betrug, und der
Verwalter der Vicedomini--ein Genuese, wenn ich recht berichtet
bin--reichte seinem Herrn mit kriechender Verbeugung einen mit
Goldbyzantinern gefüllten Beutel. Dann wurde der Mönch von einem
Diener in den bequemen paduanischen Sommermantel mit Kapuze gehüllt.
Auf der Straße zog sich Astorre dieselbe tief ins Gesicht, weniger
gegen die brennenden Strahlen der Sonne als aus langer Gewöhnung, und
wandte sich freundlich gegen seinen Begleiter. 'Nicht wahr, Ascanio',
sagte er, diesen Gang tue ich allein? Einen einfachen Goldring zu
kaufen übersteigt meinen Mönchsverstand nicht. Das traust du mir noch
zu? Auf Wiedersehen bei meiner Vermählung, wann es Vesper läutet!'
Ascanio ging und rief noch über die Schulter zurück: 'Einen, nicht
zwei! Den deinigen gibt dir Diana! Merke dir das, Astorre!' Es war
eine jener farbigen Seifenblasen, deren der Lustige mehr als eine
täglich von den Lippen in die Luft jagte.
Fraget ihr mich, Herrschaften, warum der Mönch den Freund beurlaubte,
so sage ich: er wollte den himmlischen Ton, welchen die junge
Märtyrerin der Kindesliebe in seinem Gemüt geweckt hatte, rein
ausklingen lassen.
Astorre hatte die Brücke erreicht, welche trotz des Sonnenbrandes
randvoll war und von den nahen zwei Ufern ein doppeltes
Menschengedränge vor den Laden des Florentiners führte. Der Mönch
blieb unter seinem Mantel unerkannt, ob auch hin und wieder ein Auge
fragend auf dem unbedecktem Teil seines Gesichtes ruhte. Adel und
Bürgerschaft suchte sich den Vortritt abzugewinnen. Vornehme Weiber
stiegen aus ihren Sänften und ließen sich drängen und drücken, um ein
Paar Armringe oder ein Stirnband von neuester Mache zu erhandeln. Der
Florentiner hatte auf allen Plätzen mit der Schelle verkündigen lassen,
er schließe heute nach dem Ave Maria. Er dachte nicht daran. Doch
was kostet einen Florentiner die Lüge!
Endlich stand der Mönch, von Menschen eingeengt, vor der Bude. Der
bestürmte Händler, der sich verzehnfachte, streifte ihn mit einem
erfahrenen Seitenblick und erriet sofort den Neuling. Womit diene ich
dem gebildeten Geschmack der Herrlichkeit?' fragte er. Gib mir einen
einfachen Goldreif', antwortete der Mönch. Der Kaufmann ergriff einen
Becher, auf welchem, nach florentinischer Kunst und Art, in erhabener
Arbeit irgend etwas Üppiges zu sehen war. Er schüttelte den Kelch, in
dessen Bauch hundert Reifen wimmelten, und bot ihn Astorre.
Dieser geriet in eine peinliche Verlegenheit. Er kannte den Umfang
des Fingers nicht, welchen er mit einem Reif bekleiden sollte, und
deren mehrere heraushebend, zauderte er sichtlich zwischen einem
weitern und einem engern. Der Florentiner konnte den Spott nicht
lassen, wie denn ein versteckter Hohn aus aller Rede am Arno
hervorkichert. 'Kennt der Herr die Gestalt des Fingers nicht, welchen
er doch wohl zuweilen gedrückt hat?' fragte er mit einem unschuldigen
Gesicht, aber als ein kluger Mann verbesserte er sich alsobald, und in
der heimischen Meinung, der Verdacht der Unwissenheit sei beleidigend,
derjenige der Sünde aber schmeichle, gab er Astorre zwei Ringe, einen
größern und einen kleinern, die er aus Daumen und Zeigefinger seiner
beiden Hände geschickt zwischen die Daumen und Zeigefinger des Mönches
hinübergleiten ließ. 'Für die zwei Liebchen der Herrlichkeit',
wisperte er sich verneigend.
Ehe noch der Mönch über diese lose Rede ungehalten werden konnte,
erhielt er einen harten Stoß. Es war das Schulterblatt eines
Roßpanzers, das ihn so unsanft streifte, daß er den kleinern Ring
fallen ließ. In demselben Augenblick schmetterte ihm der betäubende
Ton von acht Tuben ins Ohr. Die Feldmusik der germanischen Leibwache
des Vogtes ritt in zwei Reihen, beide vier Rosse hoch, über die Brücke,
den ganzen Menscheninhalt derselben auseinanderwerfend und gegen die
steinernen Geländer pressend.
Sobald die Bläser vorüber waren, stürzte der Mönch, den festgehaltenen
größern Ring rasch in seinem Gewand bergend, dem kleinern nach,
welcher unter den Hufen der Gäule weggerollt war.
Das alte Bauwerk der Brücke war in der Mitte ausgefahren und vertieft,
so daß der Reif die Höhlung hinab und dann durch seine eigene Bewegung
getrieben die andere Seite hinanrollte. Hier hatte eine junge Zofe,
namens Isotta oder, wie man in Padua den Namen kürzt, Sotte, das
rollende und blitzende Ding gehascht, auf die Gefahr hin, von den
Pferden zerstampft zu werden. 'Ein Glücksring!' jubelte das unkluge
Geschöpf und steckte einer jugendlichen Herrin, welcher sie das
Begleite gab, mit kindischem Frohlocken den Fund an den schlanken
Finger, den vierten der linken Hand, welcher ihr durch seine zierliche
Bildung des engen Schmuckes besonders würdig und fähig schien. In
Padua aber, wie auch hier in Verona, wenn mir recht ist, pflegt man
den Trauring an der linken Hand zu tragen.
Das Edelfräulein zeigte sich unwillig über die Posse der Magd, war
aber doch auch ein bißchen belustigt davon. Sie bemühte sich eifrig,
den fremden Ring, der ihr wie angegossen saß, dem Finger wieder
abzuziehen. Da stand unversehens der Mönch vor ihr und hob die Arme
in freudiger Verwunderung. Seine Gebärde aber war, daß er die
geöffnete rechte Hand vor sich hinstreckte, die linke in der Höhe des
Herzens hielt; denn er hatte, trotz der entfalteten Blüte, an der
auffallenden Schlankheit des Halses und wohl mehr noch an der Bewegung
seiner Seele das Kind wiedererkannt, dessen zartes Haupt er auf dem
Block gesehen hatte.
Während das Mädchen bestürzte, fragende Augen auf den Mönch richtete
und immerfort an dem widerspenstigen Ring drehte, zauderte Astorre,
denselben zurückzuverlangen. Doch es mußte geschehen. Er öffnete den
Mund. 'Junge Herrin', begann er--und fühlte sich von zwei starken,
gepanzerten Armen umfaßt, die sich seiner bemächtigten und ihn
emporzogen. Im Augenblick sah er sich, mit Hilfe eines andern
Gepanzerten, ein Bein rechts, ein Bein links, auf ein stampfendes Roß
gesetzt. 'Laß schauen', schallte ein gutmütiges Gelächter, 'ob du das
Reiten nicht verlernt hast!' Es war Germano, welcher an der Spitze der
von ihm befehligten deutschen Kohorte ritt, die der Vogt auf eine
Ebene unweit Padua zur Musterung befohlen hatte. Da er unvermutet den
Freund und Schwager im Freien erblickte, hatte er sich den
unschuldigen Spaß gemacht, denselben neben sich auf ein Pferd zu heben,
von welchem ein junger Schwabe auf seinen Wink abgesprungen war. Das
feurige Tier, welches den veränderten Reiter spürte, tat ein paar
wilde Sprünge, es entstand ein Rossegedräng auf der nicht geräumigen
Brücke, und Astorre, dem die Kapuze zurückgefallen war und der sich
mit Mühe im Bügel hielt, wurde von dem entsetzt ausweichenden Volk
erkannt. 'Der Mönch! der Mönch!' rief und deutete es von allen Seiten,
aber schon hatte der kriegerische Tumult die Brücke hinter sich und
verschwand um eine Straßenecke. Der unbezahlt gebliebene Florentiner
rannte nach, aber kaum zwanzig Schritte, denn ihm wurde bange um seine
unter der schwachen Hut eines Jüngelchens gelassene Ware, und dann
belehrte ihn der Zuruf der Menge, daß er es mit einer bekannten und
leicht aufzufindenden Persönlichkeit zu tun habe. Er ließ sich den
Palast Astorres bezeichnen und meldete sich dort heute, morgen,
übermorgen. Die zwei ersten Male richtete er nichts aus, weil in der
Behausung des Mönches alles drunter und drüber ging, das dritte Mal
fand er die Siegel des Tyrannen an das verschlossene Tor geheftet.
Mit diesem wollte der Feigling nichts zu schaffen haben und so ging er
der Bezahlung verlustig.
Die Frauen aber--zu Antiope und der leichtfertigen Zofe hatte sich
noch eine dritte, durch den Brückentumult von ihnen abgedrängte
wiedergefunden--schritten in der entgegengesetzten Richtung. Diese
war ein seltsam blickendes, vorzeitig, wie es schien, gealtertes Weib
mit tiefen Furchen, grauen Haarbüscheln, aufgeregten Mienen, und
schleppte ihr vernachlässigtes, aber vornehmes Gewand mitten durch den
Straßenstaub.
Sotte erzählte eben der Alten, offenbar der Mutter des Fräuleins, mit
dummem Jubel den Vorgang auf der Brücke: Astorre--auch ihr hatte der
Zuruf des Volkes ihn genannt--Astorre der Mönch, der stadtkundig
freien müsse, habe Antiope verstohlenerweise einen Goldring zugerollt,
und als sie--Sotte--, den Wink der Vorsehung und die Schlauheit des
Mönches verstehend, ihn dem lieben Mädchen angesteckt, sei der Mönch
selbst vor dasselbe hingetreten, und da Antiope ihm den Ring in
Züchten habe zurückgeben wollen, habe er--sie ahmte den Mönch
nach--die Linke zärtlich auf das Herz gelegt, so! die Rechte aber
zurückweisend ausgestreckt mit einer Gebärde, die in ganz Italien
nichts anderes sage und bedeute als: Behalte, Schatz!
Endlich kam die erstaunte Antiope zu Wort und beschwor die Mutter, auf
das alberne Geschwätz Isottens nichts zu geben, aber umsonst. Madonna
Olympia erhob die Arme gen Himmel und dankte auf offener Straße dem
heiligen Antonius mit Inbrunst, daß er ihre tägliche Bitte über alles
Hoffen und Erwarten erhört und ihrem Kleinod einen ebenbürtigen und
tugendhaften Mann, einen seiner eigenen Söhne beschert habe. Dabei
gebärdete sie sich so abenteuerlich, daß die Vorbeigehenden lachend
auf die Stirne wiesen. Die verwirrte Antiope gab sich alle
erdenkliche Mühe, der Mutter das blendende Märchen auszureden; aber
diese hörte nicht und baute leidenschaftlich an ihrem Luftschloß
weiter.
So langten die Frauen in dem Palast Canossa an und begegneten im
Torbogen einem steif geputzten Majordom, dem sechs verschwenderisch
gekleidete Diener folgten. Herr Burcardo ließ, ehrerbietig
zurücktretend, Madonna Olympia die Treppe voraufgehen, dann, in einer
öden Halle angelangt, machte er drei abgezirkelte Verbeugungen, eine
immer näher und tiefer als die andere, und redete langsam und
feierlich: 'Herrlichkeiten, mich sendet Astorre Vicedomini,
hochdieselben untertänigst zu seinen Sbosalizien zu laden, heute'--er
verschluckte schmerzhaft 'in zehn Tagen'--'wann es Vesper läutet.'"
Dante hielt inne. Seine Fabel lag in ausgeschütteter Fülle vor ihm;
aber sein strenger Geist wählte und vereinfachte. Da rief ihn
Cangrande.
"Mein Dante", hub er an, "ich wundere mich, mit wie harten und ätzend
scharfen Zügen du deinen Florentiner umrissen hast! Dein Niccolò
Lippo dei Lippi ist verbannt durch ein feiles und ungerechtes Urteil.
Er selbst aber ist ein Überteurer, ein Schmeichler, ein Lügner, ein
Spötter, ein Schlüpfriger und eine Memme, alles nach Art der
Florentiner'. Und das ist nur ein winziges Flämmchen aus dem
Feuerregen von Verwünschungen, womit du dein Florenz überschüttest,
nur eine tröpfelnde Neige jener bittern von Essig und Galle triefenden
Terzinen, die du in deiner Komödie der Vaterstadt zu kosten gibst.
Lasse dir sagen, es ist unedel, seine Wiege zu schmähen, seine Mutter
zu beschämen! Es kleidet nicht gut! Glaube mir, es macht einen
schlechten Eindruck!
Mein Dante, ich will dir erzählen von einem Puppenspiel, dem ich
jüngst, verkappt unter dem Volk mich umtreibend, in unserer Arena
zuschaute. Du rümpfst die Nase, daß ich den niedrigen Geschmack habe,
in mäßigen Augenblicken an Puppen und Narren mich zu vergnügen.
Dennoch begleite mich vor die kleine Bühne! Was schaust du da? Mann
und Weib zanken sich. Sie wird geprügelt und weint. Ein Nachbar
streckt den Kopf durch die Türspalte, predigt, straft, mischt sich ein.
Doch siehe! das tapfere Weib erhebt sich gegen den Eindringling und
nimmt Partei für den Mann. 'Wenn es mir beliebt, geprügelt zu werden!'
heult sie.
Ähnlicherweise, mein Dante, spricht ein Hochherziger, welchen seine
Vaterstadt mißhandelt: Ich will geschlagen sein!"
Viele junge und scharfe Augen hafteten auf dem Florentiner. Dieser
verhüllte sich schweigend das Haupt. Was in ihm vorging, weiß niemand.
Als er es wieder erhob, war seine Stirn vergrämter, sein Mund
bitterer und seine Nase länger.
Dante lauschte. Der Wind pfiff um die Ecken der Burg und stieß einen
schlecht verwahrten Laden auf. Monte Baldo hatte seine ersten Schauer
gesendet. Man sah die Flocken stäuben und wirbeln, von der Flamme des
Herdes beleuchtet. Der Dichter betrachtete den Schneesturm, und seine
Tage, welche er sich entschlüpfen fühlte, erschienen ihm unter der
Gestalt dieser bleichen Jagd und Flucht durch eine unstete Röte. Er
bebte vor Frost.
Und seine feinfühligen Zuhörer empfanden mit ihm, daß ihn kein eigenes
Heim, sondern nur wandelbare Gunst wechselnder Gönner bedache und vor
dem Winter beschirmen welcher Landstraße und Feldweg mit Schnee
bedeckte. Alle wurden es inne, und Cangrande, der von großer
Gesinnung war, zuerst: Hier sitzt ein Heimatloser!
Der Fürst erhob sich, den Narren wie eine Feder von seinem Mantel
schüttelnd, trat auf den Verbannten zu, nahm ihn an der Hand und
führte ihn an seinen eigenen Platz, nahe dem Feuer. "Er gebührt dir",
sagte er, und Dante widersprach nicht. Cangrande aber bediente sich
des frei gewordenen Schemels. Er konnte dort bequem die beiden Frauen
betrachten, zwischen welchen jetzt der Wanderer durch die Hölle saß,
den das Feuer glühend beschien und der seine Erzählung folgendermaßen
fortsetzte.
"Während die mindern Glocken in Padua die Vesper läuteten, versammelte
sich unter dem Zederngebälk des Prunksaales der Vicedomini, was von
den zwölf Geschlechtern übriggeblieben war, den Eintritt des Hausherrn
erwartend. Diana hielt sich zu Vater und Bruder. Ein leises
Geschwätz lief um. Die Männer besprachen ernst und gründlich die
politische Seite der Vermählung zweier großer städtischer Geschlechter.
Die Jünglinge scherzten halblaut über den heiratenden Mönch. Die
Frauen schauderten, trotz dem Breve des Papstes, vor dem Sakrilegium,
welches nur die von knospenden Töchtern umringten in milderem Licht
sahen, mit dem Zwang der Umstände entschuldigten oder aus der
Herzensgüte des Mönches erklärten. Die Mädchen waren lauter Erwartung.
Die Anwesenheit der Olympia Canossa erregte Verwunderung und Unbehagen,
denn sie war in auffallendem, fast königlichem Staat, als ob ihr bei
der bevorstehenden Feier eine Hauptrolle zustünde, und redete mit
unheimlicher Zungenfertigkeit in Antiope hinein, welche bangen Herzens
die aufgebrachte Mutter flüsternd und flehend zu beschwichtigen suchte.
Donna Olympia hatte sich schon auf den Treppen gewaltig geärgert, wo
sie--Herr Burcardo beschäftigte sich eben mit dem Empfang zweier
anderer Herrschaften--von Gocciola, der eine neue, scharlachrote Kappe
mit silbernen Schellen in der Hand hielt, ehrfürchtig willkommen
geheißen wurde. Jetzt mit den andern im Kreis stehend, belästigte
oder ängstigte sie durch ihr maßloses Gebärdenspiel ihre
Standesgenossen. Mit Augenwinken und Kinnheben wurde auf die Ärmste
gedeutet. Keiner hätte sie an des Mönches Statt geladen, und jeder
machte sich darauf gefaßt, sie werde diesem einen ihrer Streiche
spielen.
Burcardo meldete den Hausherrn. Astorre hatte sich von den Germanen
bald losgemacht, war auf die Brücke zurückgeeilt, ohne dort den Ring
noch die Frauen mehr zu finden, und sich darüber Vorwürfe machend,
obschon im Grunde nur der Zufall anzuklagen war, hatte er in der ihm
bis zur Vesper bleibenden Stunde den Entschluß gefaßt, in Zukunft
immerdar nach den Regeln der Klugheit zu handeln. Mit diesem Vorsatz
trat er in den Saal und in die Mitte der Versammelten. Der Druck der
auf ihn gerichteten Aufmerksamkeit und die sozusagen in der Luft
fühlbaren Formen und Forderungen der Gesellschaft ließen ihn empfinden,
daß er nicht die Wirklichkeit der Dinge sagen dürfe, energisch und
mitunter häßlich wie sie ist, sondern ihr eine gemilderte und
gefällige Gestalt geben müsse. So hielt er sich unwillkürlich in der
Mitte zwischen Wahrheit und schönem Schein und redete untadelig.
'Herrschaften und Standesbrüder', begann er, 'der Tod hat eine reiche
Ernte unter uns Vicedomini gehalten. Wie ich in Schwarz gekleidet vor
euch stehe, trage ich Trauer um den Vater, drei Brüder und drei Neffen.
Daß ich, von der Kirche freigelassen, den Wunsch eines sterbenden
Vaters, in Sohn und Enkel fortzuleben, nach ernster Erwägung'--hier
verhallte sich der Klang seiner Stimme--'und gewissenhafter Prüfung
vor Gott nicht glaubte ungewährt lassen zu dürfen, dieses werdet ihr
verschieden beurteilen, billigend oder tadelnd, nach der Gerechtigkeit
oder Milde, die euch innewohnt. Darin aber werdet ihr einiggehen, daß
es mir bei meiner Vergangenheit nicht angestanden hätte zu zaudern und
zu wählen, und daß hier nur das Nächstliegende und Ungesuchte Gott
gefällig sein konnte. Wer aber stand mir näher als die schon mit mir
durch die trostlose Trauer um meinen letzten Bruder vereinigte
jungfräuliche Witwe desselben? Und so ergriff ich über einem teuern
Sterbebett diese Hand, wie ich sie jetzt ergreife'--er trat zu Diana
und führte sie in die Mitte--'und ihr den Trauring um den Finger lege.'
So tat er. Der Ring paßte. Diana tat dasselbe, indem sie dem Mönch
einen goldenen Reif anlegte. 'Es ist der meiner Mutter', sagte sie,
'die ein wahrhaftes und tugendsames Weib war. Ich gebe dir einen Ring,
der Treue gehalten hat.' Ein feierlich gemurmelter Glückwunsch aller
Anwesenden beschloß die ernste Handlung, und der alte Pizzaguerra, ein
würdiger Greis--denn der Geiz ist ein gesundes Laster und läßt zu
Jahren kommen--, weinte die übliche Träne.
Donna Olympia sah ihr Traumschloß auflodern und brennen mit sinkenden
Säulen und krachenden Balken. Sie tat einen Schritt vorwärts, als
wolle sie ihre Augen überführen, daß sie sich betrügen, dann einen
zweiten in wachsender Wildheit, und jetzt stand sie dicht vor Astorre
und Diana, die grauen Haare gesträubt, und ihre rasenden Worte rannten
und stürzten wie ein Volk in Aufruhr.
'Elender!' schrie sie. 'Gegen den Ring an dem Finger dieser da zeugt
ein anderer und zuerst gegebener.' Sie riß Antiope, welche ihr in
wachsender Angst und mit den flehendsten Gebärden gefolgt war, hinter
sich hervor und hob die Hand des Mädchens. 'Den Ring hier hast du
meinem Kinde vor nicht einer Stunde auf der Brücke bei dem Florentiner
an den Finger gesteckt!' So hatte ihr ein falscher Spiegel den Vorgang
verschoben. 'Ruchloser Mensch! Ehebrecherischer Mönch! Öffnet
sich die Erde nicht, dich zu verschlingen? Hängt den Bruder Pförtner,
der im Rausch schnarchte und dich deiner Zelle entspringen ließ!
Deinen Lüsten wolltest du frönen, aber du durftest dir eine andere
Beute wählen als eine ungerecht verfolgte, ratlose Wittib und eine
unbeschützte Waise!'
Die Marmordiele öffnete sich nicht, und in den Blicken der Umstehenden
las die Unglückliche, die einem gerechten Mutterzorn arme und schwache
Worte zu geben glaubte, den hellen Hohn oder ein Mitleid anderer Art,
als sie es zu finden hoffte. Sie vernahm hinter sich das verständlich
geflüsterte Wort: 'Närrin!', und ihr Zorn schlug in ein wahnsinniges
Gelächter um. 'Ei, seht mir einmal den Toren', hohnlachte sie, 'der
so dumm zwischen diesen beiden wählen konnte! Ich mache euch zu
Richtern, Herrschaften, und jeden, der Augen hat. Hier das herzige
Köpfchen, die schwellende Jugend'--das übrige vergaß ich, aber ich
weiß eines: Alle Jünglinge im Saale Vicedominis, und mehr als einer
unter ihnen mochte locker leben, alle Jünglinge, die enthaltsamen und
die es nicht waren, wendeten Ohr und Auge ab von den empörenden Worten
und Gebärden einer Mutter, welche Zucht und Scham unter die Füße trat
vor dem Kind, das sie geboren, und dieses preisgab wie eine Kupplerin.
Alle im Saal bemitleideten Antiope. Nur Diana, so wenig sie an der
Treue des Mönches zweifelte, empfand ich weiß nicht welchen dumpfen
Groll über die ihrem Bräutigam frech gezeigte Schönheit.
Antiope mochte es verschuldet haben dadurch, daß sie den unseligen
Reif am Finger behielt. Vielleicht tat sie es, um die sich selbst
betörende Mutter nicht zu reizen, in dem Gedanken, diese werde, durch
die Wirklichkeit enttäuscht, aus dem Hochmut, nach ihrer Art, in
Kleinmut verfallen und alles mit einem Augenrollen und ein paar
gemurmelten Worten vorübergehen. Oder dann hatte die junge Antiope
selbst eine Fingerspitze in den sprudelnden Märchenbrunnen getaucht.
War die Begegnung auf der Brücke nicht wunderbar, und wäre ihre
Erkiesung durch den Mönch wunderbarer gewesen als das Schicksal, das
ihn dem Kloster entriß?
Jetzt erlitt sie grausame Strafe. Soweit es eine zügellose Rede
vermag, beraubte sie die eigene Mutter der schützenden Hüllen.
Eine dunkle Röte und eine noch dunklere fuhr ihr über Stirn und Nacken.
Darauf begann sie in der allgemeinen Stille laut und bitterlich zu
weinen.
Selbst die graue Mänade lauschte betroffen. Dann zuckte ihr ein
entsetzlicher Schmerz über das Gesicht und verdoppelte ihre Wut. 'Und
die andere!' kreischte sie, auf Diana zeigend, 'dieses kaum aus dem
Rohen gehauene breite Stück Marmor! Diese verpfuschte Riesin, die
Gott Vater stümperte, als er noch Gesell war und kneten lernte! Pfui
über den plumpen Leib ohne Leben und Seele! Wer hätte ihr auch eine
gespendet? Die Bastardin, ihre Mutter? die stupide Orsola? Oder der
dürre Knicker dort? Nur widerstrebend hat er ihr ein karges Almosen
von Seele verabfolgt!'
Der alte Pizzaguerra blieb gelassen. Mit dem klaren Verstand der
Geizigen vergaß er nicht, wen er vor sich hatte. Seine Tochter Diana
aber vergaß es. Durch die rohe Verhöhnung ihres Leibes und ihrer
Seele aufgebracht, tief empört, zog sie die Brauen zusammen und ballte
die Hände. Jetzt geriet sie außer sich, da die Närrin ihre Eltern ins
Spiel zog, ihr die Mutter im Grabe beschimpfte, den Vater an den
Pranger stellte. Ein bleicher Jähzorn packte und übermannte sie.
'Hündin!' schrie sie und schlug--in Antiopes Angesicht; denn das
verzweifelnde und beherzte Mädchen hatte sich vor die Mutter geworfen.
Antiope stieß einen Laut aus, der den Saal und alle Herzen
erschütterte.
Nun drehte sich das Rad in dem Kopf der Törin vollständig um. Die
höchste Wut ging unter in unsäglichem Jammer. 'Sie haben mir mein
Kind geschlagen!' stöhnte sie, sank auf die Knie und schluchzte: 'Gibt
es keinen Gott mehr im Himmel?'
Jetzt war das Maß voll. Es wäre schon früher überlaufen, doch das
Verhängnis schritt rascher, als mein Mund es erzählte, so rasch, daß
weder der Mönch noch der nahestehende Germano den gehobenen Arm Dianas
ergreifen und aufhalten konnte. Ascanio umschlang die Törin, ein
anderer Jüngling faßte sie bei den Füßen, die sich kaum Sträubende
wurde fortgetragen, in ihre Sänfte gehoben und nach Hause gebracht.
Noch stunden sich Diana und Antiope gegenüber, eine bleicher als die
andere, Diana reuig und zerknirscht nach schnell verrauchtem Jähzorn,
Antiope nach Worten ringend; sie konnte nur nicht stammeln, sie
bewegte lautlos die Lippen.
Wenn jetzt der Mönch Antiopes Hand ergriff, um der von seinem
verlobten Weibe Mißhandelten das Geleit zu geben, so erfüllte er damit
nur die ritterliche und die gastwirtliche Pflicht. Alle fanden es
selbstverständlich. Besonders Diana mußte wünschen, das Opfer ihrer
Gewalttat aus den Augen zu verlieren. Auch sie entfernte sich dann
mit Vater und Bruder. Die versammelten Gäste aber hielten es für das
Zarteste, gleichfalls bis auf die letzte Ferse zu verschwinden.
Es klingelte unter dem mit Amarellen und Zyperwein bestellten
Kredenztisch. Eine Narrenkappe kam zum Vorschein und Gocciola kroch
auf allen vieren aus seinem leckern Versteck hervor. Alles war
köstlich verlaufen nach seiner Ansicht; denn er hatte jetzt die volle
Freiheit, Amarellen zu naschen und ein Gläschen um das andere zu
leeren. So vergnügte er sich eine Weile, bis er nahende Schritte
vernahm. Er wollte entwischen, aber einen verdrießlichen Blick, nach
dem Störer werfend, erachtete er jede Flucht für unnötig. Es war der
Mönch, der zurückkehrte, und der Mönch war ebenso frohlockend und
ebenso berauscht wie er; denn der Mönch--"
"--Liebte Antiope?" unterbrach den Erzähler die Freundin des Fürsten
mit einem krankhaften Gelächter.
"Du sagst es, Herrin, er liebte Antiope", wiederholte Dante in
tragischem Ton.
"Natürlich!"--"Wie anders?"--"Es mußte so kommen!--So geht es
gewöhnlich!" scholl es dem Erzähler aus dem ganzen Hörerkreis entgegen.
"Sachte, Jünglinge", murrte Dante. "Nein, so geht es nicht gewöhnlich.
Meinet ihr denn, eine Liebe mit voller Hingabe des Lebens und der
Seele sei etwas Alltägliches, und glaubet wohl gar, so geliebt zu
haben oder zu lieben? Enttäuschet euch! Jeder spricht von Geistern,
doch wenige haben sie gesehen. Ich will euch einen unverwerflichen
Zeugen bringen. Es schleppt sich hier im Hause ein modisches
Märenbuch herum. Darin mit vorsichtigen Fingern blätternd, habe ich
unter vielem Wust ein wahres Wort gefunden. 'Liebe', heißt es an
einer Stelle, 'ist selten und nimmt meistens ein schlimmes Ende.'"
Dieses hatte Dante ernst gesprochen. Dann spottete er: "Da ihr alle
in der Liebe so ausgelernt und bewandert seid und es mir überdies
nicht ansteht, einen von der Leidenschaft überwältigten Jüngling aus
meinem zahnlosen Mund reden zu lassen, überspringe ich das
verräterische Selbstgespräch des zurückkehrenden Astorre und sage kurz:
Da ihn der verständige Ascanio belauschte, erschrak er und predigte
ihm Vernunft."
"Wirst du deine rührende Fabel so kläglich verstümmeln, mein Dante?"
wendete sich die entzündliche Freundin des Fürsten mit bittenden
Händen gegen den Florentiner. "Laß den Mönch reden, daß wir
teilnehmend erfahren, wie er sich abwendete von einer Rohen zu einer
Zarten, einer Kalten zu einer Fühlenden, von einem steinernen zu einem
schlagenden Herzen--"
"Ja, Florentiner", unterbrach die Fürstin in, tiefer Bewegung und mit
dunkel glühender Wange, "laß deinen Mönch reden, daß wir staunend
vernehmen, wie es kommen konnte, daß Astorre, so unerfahren und
täuschbar er war, ein edles Weib verriet für eine Verschmitzte--hast
du nicht gemerkt, Dante, daß Antiope eine Verschmitzte ist? Du kennst
die Weiber wenig! In Wahrheit, ich sage dir"--sie hob den kräftigen
Arm und ballte die Faust--, "auch ich hätte geschlagen, nicht die arme
Törin, sondern wissentlich die Arglistige, die sich um jeden Preis dem
Mönch vor das Angesicht bringen wollte!" Und sie führte den Schlag in
die Luft. Die andere erbebte leise.
Cangrande, welcher die zwei Frauen, denen er jetzt gegenübersaß, nicht
aufhörte zu betrachten, bewunderte seine Fürstin und freute sich ihrer
großen Leidenschaft. In diesem Augenblick fand er sie unvergleichlich
schöner als die kleinere und zarte Nebenbuhlerin, welche er ihr
gegeben hatte, denn das Höchste und Tiefste der Empfindung erreicht
seinen Ausdruck nur in einem starken Körper und in einer starken Seele.
Dante für sein Teil lächelte zum ersten und einzigen Mal an diesem
Abend, da er die beiden Frauen so heftig auf der Schaukel seines
Märchens sich wiegen sah. Er brachte es sogar zu einer Neckerei.
"Herrinnen", sagte er, "was verlangt ihr von mir? Selbstgespräch ist
unvernünftig. Hat je ein weiser Mann mit sich selbst gesprochen?"
Nun erhob sich aus dem Halbdunkel ein mutwilliger Lockenkopf, und ein
Edelknabe, der hinter irgendeinem Sessel oder einer Schleppe in
traulichem Versteck mochte gekauert haben, rief herzhaft: "Großer
Meister, wie wenig du dich kennst oder zu kennen vorgibst! Wisse,
Dante, niemand plaudert geläufiger mit sich selbst als du, in dem Grad,
daß du nicht nur uns dumme Buben übersiehst, sondern selbst das
Schöne dicht an dir vorübergehen läßt, ohne es zu begrüßen."
"Wirklich?" sagte Dante. "Wo war das? Wo und wann?"
"Nun gestern auf der Etschbrücke", lächelte der Knabe. "Du lehntest
am Geländer. Da ging die reizende Lukrezia Nani vorüber, deine Toga
streifend. Wir Knaben folgten, sie bewundernd, und ihr entgegen
schritten zwei feurige Kriegsleute, nach einem Blick aus ihren sanften
Augen haschend. Sie aber suchte die deinigen--denn nicht jeder hat
mit heiler Haut in der Hölle gelustwandelt! Du, Meister,
betrachtetest eine rollende Welle, welche in der Mitte der Etsch
daherfuhr, und murmeltest etwas."
"Ich ließ das Meer grüßen. Die Woge war schöner als das Mädchen.
Doch zurück zu den zwei Toren! Horch, sie sprechen miteinander! Und
bei allen Musen, fortan unterbreche mich keiner mehr, sonst findet uns
Mitternacht noch am Märchenherde.
Als der Mönch, nachdem er Antiope heimgeführt, seinen Saal wieder
betrat--doch ich vergaß zu sagen, daß er Ascanio nicht begegnete,
obwohl dieser mit der Sänfte und Madonna Olympia darin denselben Weg
gemacht hatte. Denn der Neffe, nachdem er die gänzlich Vernichtete
ihrer Dienerschaft übergeben, war schleunig zu seinem Ohm, dem
Tyrannen, geeilt, ihm den tollen Vorgang als frisches Gebäck
aufzutischen. Er hinterbrachte Ezzelin lieber eine Stadtgeschichte
als eine Verschwörung.
Ich weiß nicht, ob der Mönch so wohlgestaltet war, wie der Spötter
Ascanio ihn genannt hatte. Aber ich sehe ihn, der wie der blühendste
Jüngling schreitet. Mit beflügelten Füßen durchschwebt er den Saal,
als trüge ihn Zephir oder führte ihn Iris. Seine Augen sind voller
Sonne, und er murmelt Laute aus der Sprache der Seligen. Gocciola,
der viel Zyperwein geschluckt hatte, fühlte sich gleichfalls beherzt
und verjüngt. Auch unter seinen Sohlen löste sich der Marmorboden in
weißes Gewölk auf. Er verspürte einen unbesiegbaren Durst, das
Gemurmel auf den frischen Lippen Astorres, wie man sich über eine
Quelle beugt, zu belauschen, und begann neben demselben die Länge des
Saales zu durchmessen, bald mit gespreizten, bald mit hüpfenden
Schritten, das Narrenzepter unter dem Arm.
'Das zärtliche Haupt, das sich für den Vater bot, hat sich auch für
die Mutter geboten und gegeben!' lispelte Astorre. 'Das schamhafte!
wie es brannte! Das mißhandelte! wie es litt! Das geschlagene! wie
es aufschrie! Hat es mich je verlassen, seit es auf dem Block lag?
Es wohnte in meinem Geist. Es begleitete mich allgegenwärtig,
schwebte in meinem Gebet, strahlte in meiner Zelle, bettete sich auf
mein Kissen! Lag das herzige Haupt mit dem weißen, schmalen Hälschen
nicht neben dem des heiligen Paulus--'
'Des heiligen Paulus?' kicherte das Tröpfchen.
'Des heiligen Paulus auf unserm Altarbild--'
'Mit dem schwarzen Kraushaar und dem roten Hals auf dem breiten Block
und dem Beil des Henkers darüber?' Gocciola verrichtete bei den
Franziskanern zeitweilig seine Andacht.
Der Mönch nickte. 'Sah ich lange hin, so zuckte das Beil, und ich
bebte zusammen. Habe ich es nicht dem Prior gebeichtet?'
'Und was sagte der Prior?' examinierte Gocciola.
'Mein Sohn', sagte er, 'was du sahest, war ein vorausgeeiltes Kind des
himmlischen Triumphzuges. Fürchte nichts! Dem ambrosischen Hälschen
geschieht kein Leid!'
'Aber', reizte der böse Narr, 'das Kind ist gewachsen, so hoch!' Er
hob die Hand. Dann senkte er sie und hielt sie über dem Boden. 'Und
die Kutte Euer Herrlichkeit', grinste er, 'liegt so tief!'
Das Gemeine konnte den Mönch nicht berühren. Ein schöpferisches Feuer
war aus der Hand Antiopes in die seinige gefahren und begann zuerst
zart und sanft, dann immer heißer und schärfer in seinen Adern zu
brennen. 'Gepriesen sei Gott Vater', frohlockte er plötzlich, 'der
Mann und Weib geschaffen hat!'
'Die Eva?' fragte der Narr.
'Die Antiope!' antwortete der Mönch.
'Und die andere? Die Große? Was fängst du mit der an? Schickst du
sie betteln?' Gocciola wischte sich die Augen.
'Welche andere?' fragte der Mönch. 'Gibt es ein Weib, das nicht
Antiope wäre!'
Dies war selbst dem Narren zu stark. Er glotzte Astorre erschreckt an,
wurde aber von einer Faust am Kragen gepackt, gegen die Pforte
geschleppt und auf den Flur gesetzt. Dieselbe Hand legte sich dann
auf Astorres Schulter.
'Erwache, Traumwandler!' rief der zurückgekehrte Ascanio, welcher die
letzte schwärmerische Rede des Mönches belauscht hatte. Er zog den
Verzückten auf eine Fensterbank nieder, heftete fest Augen auf Augen,
und: 'Astorre, du bist von Sinnen!' sprach er ihn an. Dieser wich
zuerst den prüfenden Blicken wie geblendet aus, dann begegnete er
ihnen mit den seinigen, die noch voller Jubel waren, um sie scheu
niederzuschlagen.
'Wunderst du dich?' sagte er dann.
'So wenig wie über das Lodern einer Flamme', versetzte Ascanio. 'Aber
da du kein blindes Element, sondern eine Vernunft und ein Wille bist,
so tritt die Flamme aus, sonst frißt sie dich und ganz Padua. Muß dir
das Weltkind göttliches und menschliches Gesetz predigen? Du bist
vermählt! So redet dieser Ring an deinem Finger. Wenn du, wie erst
dein Gelübde, jetzt dein Verlöbnis brichst, brichst du Sitte, Pflicht,
Ehre und den Stadtfrieden. Wenn du dir den Pfeil des blinden Gottes
nicht rasch und heldenmütig aus dem Herzen ziehst, ermordet er dich,
Antiope und noch ein paar andere, wen es gerade treffen wird. Astorre!
Astorre!'
Ascanios mutwillige Lippen erstaunten über die großen und ernsten
Worte, welche er in seiner Herzensangst ihnen zu reden gab. 'Dein
Name, Astorre', sagte er dann halb scherzend, 'schmettert wie eine
Tuba und ruft dich zum Kampfe gegen dich selbst!'
Astorre ermannte sich. 'Man hat mir ein Philtrum gegeben!' rief er
aus. 'Ich rase, ich bin ein Wahnsinniger! Ascanio, ich gebe dir
Macht über mich, feßle mich!'
'An Dianen will ich dich fesseln!' sagte Ascanio. 'Folge mir, daß wir
sie suchen!'
'War es nicht Diana, die Antiope schlug?' fragte der Mönch. 'Das hast
du geträumt! Du hast alles geträumt! Du warst deiner Sinne nicht
mächtig! Komm! Ich beschwöre dich! Ich befehle es dir! Ich
ergreife und führe dich!'
Wenn Ascanio die Wirklichkeit verjagen wollte, so führte sie der auf
dem Flur klirrende Schritt Germanos zurück. Mit einem entschlossenen
Gesicht trat der Bruder Dianens vor den Mönch und faßte seine Hand.
'Ein gestörtes Fest, Schwager!' sagte er. 'Die Schwester schickt
mich--ich lüge, sie schickt mich nicht. Denn sie hat sich in ihre
Kammer eingeschlossen, und drinnen flennt sie und verflucht ihren
Jähzorn--heute ersaufen wir in Weibertränen! Sie liebt dich, nur
bringt sie es nicht über die Lippen--es ist in der Familie: ich kann
es auch nicht. An dir hat sie keinen Augenblick gezweifelt. Es ist
einfach.- Du hast irgendwo einen Ring verschleudert--wenn es der
deinige war, den die kleine Canossa--wie heißt sie doch? richtig: die
Antiope!--am Finger trug. Die närrische Mutter fand ihn und hat
daraus ihr Märchen gesponnen. Antiope ist natürlich an alledem
unschuldig wie ein neugeborenes Kind--wer es anders meint, hat es mit
mir zu tun!'
'Nicht ich!' rief Astorre. 'Antiope ist rein wie der Himmel! Der
Ring wurde von einem Zufall gerollt!' und er erzählte mit fliegenden
Worten.
'Aber auch der Schwester, die zufuhr, darfst du es nicht anrechnen,
Astorre', behauptete Germano. 'Ihr schoß das Blut zu Kopf, sie sah
nicht, wen sie vor sich hatte. Sie glaubte die Närrin zu treffen, die
ihr die Eltern verhunzte, und schlug die liebe Unschuld. Diese aber
muß vor Gott und Menschen wieder zu Ehren und Würden gezogen werden.
Laß das meine Sache sein, Schwager! Ich bin der Bruder. Es ist
einfach.'
'Du redest in einem fort und bleibst doch dunkel, Germano! Was hast
du vor? Wie vergütest du es der Ärmsten?' fragte Ascanio.
'Es ist einfach', wiederholte Germano. 'Ich biete Antiope Canossa
meine Hand und mache sie zu meinem Weibe.'
Ascanio griff sich an die Stirn. Der Streich betäubte ihn. Als er
dann aber, schnell besonnen, näher zusah, fand er das heroische Mittel
gar nicht so übel; doch warf er einen ängstlichen Blick auf den Mönch.
Dieser, seiner selbst wieder mächtig, hielt sich mäuschenstille und
horchte aufmerksam. Das Ehrgefühl des Kriegers scholl wie ein heller
Ruf durch die Wildnis seiner Seele.
'So treffe ich zwei Fliegen mit einem Schlag, Schwager', erläuterte
Germano. 'Das Mädchen wird in ihren Züchten und Ehren hergestellt.
Den möchte ich sehen, der hinter meinem Weibe zischelte! Dann stifte
ich Frieden zwischen euch Eheleuten. Diana braucht sich nicht länger
vor dir noch vor sich selbst zu schämen und ist von ihrem Jähzorn
gründlich geheilt. Ich sage dir: sie ist davon genesen, zeitlebens!'
Astorre drückte ihm die Hand. 'Du bist brav!' sagte er. Der Wille,
seine himmlische oder irdische Lust tapfer zu überwinden, erstarkte in
dem Mönch. Doch dieser Wille war nicht frei und diese Tugend nicht
selbstlos; denn sie klammerte sich an einen gefährlichen Sophismus:
Nicht anders, als ich selbst eine Ungeliebte umarmen werde, tröstete
sich Astorre, wird auch Antiope von einem Mann sich umfangen lassen,
welcher sie kurzerdinge freit, um fremdes Unrecht gutzumachen. Wir
verzichten alle! Entsagung und Kasteiung in der Welt wie im Kloster!
'Was geschehen muß, verschiebe ich nicht', drängte Germano. 'Sonst
würde sie sich schlummerlos wälzen.' Ich weiß nicht, meinte er Diana
oder Antiope. 'Schwager, du begleitest mich als Zeuge: ich tue es in
den Formen.'
'Nein, nein!' schrie Ascanio erschreckt. 'Nicht Astorre! Nimm mich!'
Germano schüttelte den Kopf. 'Ascanio, mein Freund', sagte er, 'dazu
eignest du dich nicht. Du bist kein ernsthafter Zeuge in Ehesachen!
Auch wird mein Bruder Astorre es sich nicht nehmen lassen, für mich zu
werben. Es ist ja zum großen Teil seine eigene Angelegenheit. Nicht
wahr, Astorre?' Dieser nickte. 'So bereite dich, Schwager. Mache
dich hübsch! Hänge dir eine Kette um!'
'Und', scherzte Ascanio gezwungen, 'wann du über den Hof gehst, tauche
den Kopf in den Brunnen! Du selbst aber, Germano, trägst Panzer? So
kriegerisch? Schickt sich das zur Freite?'
'Ich bin lange nicht aus der Rüstung gekommen, und sie kleidet mich.
Was betrachtest du mich von Kopf zu Füßen, Ascanio?'
'Ich frage mich, woher dieser Gepanzerte seine Sicherheit nimmt, nicht
mitsamt der Sturmleiter in den Graben geworfen zu werden?'
'Das kann nicht in Frage stehen', meinte Germano seelenruhig. 'Wird
sich eine Beschämte und Geschlagene einem Ritter verweigern? Da wäre
sie eine noch größere Närrin als ihre Mutter. Das ist doch sonnenklar,
Ascanio. Komm, Astorre.'
Während der Zurückbleibende mit verschlungenen Armen diese neue
Wendung der Dinge bedachte, zweifelnd, ob dieselbe auf einen
Spielplatz blühender Kinder oder auf ein Camposanto führe, schritten
seine Jugendfreunde den nicht langen Weg zum Palast Canossa.
Der wolkenlose Tag verglomm in einem reinglühenden Abendgold, und
horch! es läutete Ave. Der Mönch sprach innerlich die
Gewohnheitsgebete, und sein etwas erhöht liegendes Kloster verlängerte
zufällig das vertraute Geläute um ein paar friedlich wehmütige Schläge,
welchen die andern Stadtglocken den Luftraum nicht länger streitig
machten. Auch der Mönch wurde des allgemeinen Friedens teilhaft.
Da traf sein Blick das Gesicht des Freundes und ruhte auf den
wetterharten Zügen. Sie waren hell und freudig, von erfüllter Pflicht
ohne Zweifel, aber doch auch von dem unbewußten oder unbewachten Glück,
unter dem von Ehre geschwellten Segel einer ritterlichen Handlung den
Port einer seligen Insel zu erreichen. 'Die süße Unschuld!' seufzte
der Krieger.
Rasend schnell begriff der Mönch, daß der Bruder Dianens sich selbst
täuschte, wenn er sich für uneigennützig hielt, daß Germano Antiope zu
lieben begann und sein Nebenbuhler war. Seine Brust empfand einen
scharfen Biß, dann einen zweiten noch schärfern, daß er hätte
aufschreien mögen. Und jetzt wühlte und wimmelte schon ein ganzes
Nest grimmiger Schlangen in seinem Busen. Herrschaften, Gott möge uns
alle, Männer und Weiber, vor der Eifersucht behüten! Sie ist die
qualvollste der Peinen, und wer sie leidet, ist unseliger als meine
Verdammten!
Mit verzogenem Gesicht und gepreßtem Herzen folgte der Mönch dem
selbstbewußten Freier die Treppen des erreichten Palastes hinauf.
Dieser stand leer und verwahrlost. Madonna Olympia mochte sich
eingeschlossen haben. Kein Gesinde, und alle Türen offen. Sie
durchschritten ungemeldet eine Reihe schon dämmernder Gemächer: vor
der Schwelle der letzten Kammer hielten sie stille, denn die junge
Antiope saß am Fenster.
Sein in den Umriß eines Kleeblattes endigender Bogen war voller
Abendglorie, welche die liebreizende Gestalt im Halbkreis von Brust zu
Nacken umfing. Ihre gezauste Haarkrone ähnelte den Spitzen eines
Dornenkranzes, und die schmachtenden Lippen schlürften den Himmel.
Das geschlagene Mädchen lag müde unter dem Druck der erduldeten
Schande, mit zugefallenen Augendeckeln und erschlafften Armen; aber in
der Stille ihres Herzens frohlockte sie und pries ihre Schmach, denn
diese hatte sie mit Astorre auf ewig vereinigt.
Und entzündet sich nicht heute noch und bis ans Ende der Tage aus
tiefstem Erbarmen höchste Liebe? Wer widersteht dem Anblick des
Schönen, wenn es ungerecht leidet? Ich lästere nicht und kenne die
Unterschiede, aber auch das Göttliche wurde geschlagen, und wir küssen
seine Striemen und Wunden.
Antiope grübelte nicht, ob Astorre sie liebe. Sie wußte es. Da war
kein Zweifel. Sie war davon überzeugter als von den Atemzügen ihrer
Brust und den Schlägen ihres Herzens. Keine Silbe hatte sie mit
Astorre gewechselt vom ersten Schritt des Weges an, den sie zusammen
gingen. Die Hände hielten sich nicht fester beim letzten: sie
verwuchsen, ohne sich zu drücken. Sie durchdrangen sich wie zwei
leichte, geistige Flammen und waren doch beim Scheiden wie die Wurzel
aus der Erde kaum auseinander zu lösen.
Antiope vergriff sich an fremdem Eigentum und beging Raub an Dianen
fast in Unschuld, denn sie hatte weder Gewissen mehr noch auch nur
Selbstbewußtsein. Padua, das mit seinen Türmen vor ihr lag, die
Mutter, des Mönches Verlöbnis, Diana, die ganze Erde, alles war
vernichtet: nichts als der Abgrund des Himmels, und dieser gefüllt mit
Licht und Liebe.
Astorre hatte von der ersten zur letzten Stufe der Treppe mit sich
gerungen und meinte den Sieg erkämpft zu haben. Ich werde das Opfer
vollbringen, prahlte er gegen sich selbst, und Germano bei seiner
Werbung zur Seite stehen. Auf dem obersten Tritt rief er noch alle
seine Heiligen an, voraus Sankt Franziskus, den Meister der
Selbstüberwindung. Er griff in die Brust und glaubte, durch den
himmlischen Beistand stark wie Herkules, die Schlangen erwürgt zu
haben. Aber der Heilige mit den vier Wundmalen hatte sich abgewendet
von dem untreuen Jünger, der seinen Strick und seine Kutte verschmähte.
Der danebenstehende Germano entwarf indessen seine Rede, konnte aber
nicht über die zwei Argumente hinauskommen, welche ihm gleich
anfänglich eingeleuchtet hatten. Übrigens war er guten
Mutes--hatte er doch schon öfter im Reiterkampf seine Germanen
angeredet--und fürchtete sich nicht vor einem Mädchen. Nur das Warten
ertrug er ebensowenig wie vor der Schlacht. Er klirrte leis mit dem
Schwert an den Panzer.
Antiope schrak zusammen, blickte hin, erhob sich rasch und stand, den
Rücken gegen das Fenster gewendet, mit dunklem Antlitz den sich im
Dämmerlicht vor ihr verbeugenden Männern gegenüber.
'Sei getrost, Antiope Canossa!' redete Germano.
'Ich bringe dir diesen mit, Astorre Vicedomini, welchen sie den Mönch
nennen, den Gatten meiner Schwester Diana, als gültigen Zeugen: siehe,
ich bin gekommen, dich--ohne Vater wie du bist und bei einer solchen
Mutter--von dir selbst zum Weib zu begehren. Meine Schwester hat sich
gegen dich vergessen'--er sträubte sich, ein stärkeres Wort zu
brauchen und damit Dianen, die er verehrte, preiszugeben--'und ich,
der Bruder, bin da, gutzumachen, was die Schwester schlecht gemacht
hat. Diana mit Astorre, du mit mir, so euch entgegenkommend, werdet
ihr Weiber euch die Hände geben.'
Das empfindliche Gemüt des lauschenden Mönches verwundete diese rohe
Gleichstellung des Mißhandelns und des Leidens, der Schlagenden und
der Geschlagenen--oder krümmte sich eine Natter?--'Germano, so wirbt
man nicht!' raunte er dem Gepanzerten zu.
Dieser vernahm es, und da die dunkle Antiope mäuschenstille blieb,
verstimmte er sich. Er fühlte, daß er weicher reden sollte, und
redete barscher. 'Ohne Vater und mit einer solchen Mutter',
wiederholte er, bedürfet Ihr einer männlichen Hut! Das konntet Ihr
heute lernen, junge Herrin. Ihr werdet nicht zum andern Male vor ganz
Padua beschämt und geschlagen werden wollen! Gebet Euch mir, wie Ihr
seid, und ich schirme Euch vom Wirbel zur Zehe!' Germano dachte an
seinen Panzer.
Astorre fand diese Werbung von empörender Härte: Germano, so schien
ihm, behandelte Antiope wie seine Kriegsgefangene--oder zischte die
Schlange?--'So wirbt man nicht, Germano!' keuchte er. Dieser wendete
sich halb. 'Wenn du es besser verstehst', sagte er mißmutig, 'wirb du
für mich, Schwager.' Er trat raumgebend beiseite.
Da näherte sich Astorre, das Knie gebogen, hob die Hände mit sich
einander berührenden Fingerspitzen, und seine bangen Blicke befragten
das zarte Haupt auf dem blassen Goldgrunde. 'Findet Liebe Worte?'
stammelte er. Dämmerung und Schweigen.