Da nickte Diana und sprach: 'Du sagst die Wahrheit, Ezzelin.'

'Das ist es auch', fuhr der Tyrann fort, 'warum Astorre sein Herz von

ihr abgekehrt hat: er erblickte eine Barbarin.'

'Nein, Herr', widersprach der Mönch, die Verratene von neuem

beleidigend, 'ich habe Diana nicht angeschaut, sondern das süße

Antlitz, das den Schlag empfing, und mein Eingeweide erbarmte sich.'

Der Tyrann zuckte die Achseln. 'Du siehst, Pizzaguerra', lächelte er,

'der Mönch gleicht einem sittsamen Mädchen, das zum erstenmal einen

starken Wein geschlurft hat und sich danach gebärdet. Wir aber sind

alte, nüchterne Leute. Sehen wir zu, wie die Sache sich austragen

läßt.'

Pizzaguerra erwiderte: 'Viel, Ezzelin, täte ich dir zu Gefallen wegen

deiner Verdienste um Padua. Doch läßt sich beleidigte Hausehre sühnen

anders als mit gezogenem Schwerte?' So redete der Vater Dianens und

machte mit dem Arm eine edle Bewegung, welche aber in eine Gebärde

ausartete, die einer geöffneten, wo nicht hingehaltenen Hand zum

Verwechseln ähnlich sah. 'Biete, Astorre!' sagte der Vogt mit dem

Doppelsinne: Biete die Hand! oder: Biete Geld und Gut!

'Herr', wendete sich jetzt der Mönch offen und edel gegen den Tyrannen,

'wenn du einen Haltlosen, ja einen Sinnberaubten in mir erblickst,

ich zürne dir es nicht, denn ein starker Gott, den ich leugnete, weil

ich sein Dasein nicht ahnen konnte, hat sich an mir gerächt und mich

überwältigt. Noch jetzt treibt er mich wie ein Sturm und jagt mir den

Mantel über den Kopf. Muß ich mein Glück--bettelhaftes Wort!

armselige Sprache!--muß ich das Höchste des Lebens mit dem Leben

bezahlen: ich begreife es und finde den Preis niedrig gestellt! Darf

ich aber leben und mit dieser leben, so markte ich nicht!' Er lächelte

selig. 'Nimm meine Habe, Pizzaguerra!'

'Herrschaften', verfügte der Tyrann, ich bevormunde diesen

verschwenderischen Jüngling. Unterhandeln wir zusammen, Pizzaguerra.

Du hörtest es: ich habe weite Vollmacht. Was denkst du von den

Bergwerken der Vicedomini?'

Der ehrbare Greis schwieg, aber seine nahe zusammenliegenden Augen

glitzerten wie zwei Diamanten.

'Nimm meine Perlfischereien dazu!' rief Astorre, doch Ascanio, der die

Stufen heruntergeglitten kam, verschloß ihm den Mund.

'Edler Pizzaguerra', versuchte jetzt Ezzelin den Alten, 'nimm die

Bergwerke! Ich weiß, die Ehre deines Hauses geht dir über alles und

steht um keinen Preis feil, aber ich weiß ebenfalls, du bist ein guter

Paduaner und tust dem Stadtfrieden etwas zuliebe.'

Der Alte schwieg hartnäckig.

'Nimm die Minen', wiederholte Ezzelin, der das Wortspiel liebte, 'und

gib die Minne!'

'Die Bergwerke und die Fischereien?' fragte der Alte, als wäre er

schwerhörig.

'Die Bergwerke, sagte ich, und damit gut. Sie tragen viele tausend

Pfund. Würdest du mehr fordern, Pizzaguerra, so hätte ich mich in

deiner Gesinnung betrogen und du setztest dich dem häßlichen Verdacht

aus, um Ehre zu feilschen.'

Da der Geizhals den Tyrannen fürchtete und nicht mehr erlangen konnte,

verschluckte er seinen Verdruß und bot dem Mönch die trockene Hand.

'Ein schriftliches Wort, Lebens und Sterbens halber', sagte er dann,

zog Stift und Rechenbüchlein aus der Gürteltasche, entwarf mit

zitternden Fingern die Urkunde 'coram domino Azzolino' und ließ den

Mönch unterzeichnen. Hierauf verbeugte er sich vor dem Vogt und bat,

ihn zu entschuldigen, wenn er, obwohl einer aus den Zwölfen,

Altersschwäche halber der Hochzeit des Mönches nicht beiwohne.

Germano hatte, seine Wut verbeißend, neben dem Vater gestanden. Jetzt

löste er den einen seiner Eisenhandschuhe. Er schleuderte ihn dem

Mönch ins Gesicht, hätte ihm nicht eine Machtgebärde des Tyrannen Halt

geboten.

'Sohn, willst du den öffentlichen Frieden brechen?' mahnte jetzt auch

der alte Pizzaguerra. Mein gegebenes Wort enthält und verbürgt auch

das deinige. Gehorche! Bei meinem Fluch! Bei deiner Enterbung!'

drohte er.

Germano lachte. 'Kümmert Euch um Eure schmutzigen Händel, Vater!'

warf er verächtlich hin. 'Doch auch du, Ezzelin, Herr von Padua,

darfst es mir nicht verwehren! Es ist Mannesrecht und Privatsache.

Verweigere ich dem Kaiser und dir, seinem Vogt, den Gehorsam, so

enthaupte mich; aber du hinderst mich nicht, gerecht wie du bist,

diesen Mönch zu erwürgen, der meine Schwester geäfft und mich

beheuchelt hat. Wäre Untreue straflos, wer möchte leben? Es ist des

Platzes auf der Erde zu wenig für den Mönch und mich. Das wird er

selbst begreifen, wann er wieder zu Sinnen kommt.'

'Germano', gebot Ezzelin, 'ich bin dein Kriegsherr. Morgen vielleicht

ruft die Tuba. Du bist nicht dein eigen, du gehörst dem Reich!'

Germano erwiderte nichts. Er befestigte den Handschuh. 'Vorzeiten',

sagte er dann, 'unter den blinden Heiden gab es eine Gottheit, welche

gebrochene Treue rächte. Das wird sich mit dem Glockengeläute nicht

geändert haben. Ihr befehle ich meine Sache!' Rasch erhob er die Hand.

'So steht es gut', lächelte Ezzelin. 'Heute abend wird im Palaste

Vicedomini Hochzeit mit Masken gefeiert, ganz wie gebräuchlich. Ich

gebe das Fest und lade euch ein, Germano und Diana. Ungepanzert,

Germano! Mit kurzem Schwert!'

'Grausamer!' stöhnte der Krieger. 'Kommt, Vater! Wie möget Ihr

länger das Schauspiel unserer Schande geben?' Er riß den Alten mit

sich fort.

'Und du, Diana?' fragte Ezzelin, da er vor seinem Stuhl nur noch diese

und die Neuvermählten sah. 'Begleitest du nicht Vater und Bruder?'

'Wenn du es gestattest, Herr', sagte sie, 'habe ich ein Wort mit der

Vicedomini zu reden.' An dem Mönche vorüber blickte sie fest auf

Antiope.

Diese, deren Hand Astorre nicht losgab, hatte an dem Gericht des

Tyrannen einen leidenden, aber tief erregten Anteil genommen. Bald

errötete das liebende Weib. Bald entfärbte sich eine Schuldige, die

unter dem Lächeln und der Gnade Ezzelins sein wahres und ein sie

verdammendes Urteil entdeckte. Bald jubelte ein der Strafe

entwischtes Kind. Bald regte sich das erste Selbstgefühl der jungen

Herrin, der neuen Vicedomini. Jetzt, von Diana ins Gesicht angeredet,

warf sie ihr scheue und feindselige Blicke entgegen.

Diese ließ sich nicht beirren. 'Schau her, Antiope!' sagte sie.

'Hier mein Finger'--sie streckte ihn--'trägt den Ring deines Gatten.

Den darfst du nicht vergessen. Ich bin nicht abergläubischer als

andere, aber an deiner Stelle wäre mir schlimm zumute! Schwer hast du

dich an mir versündigt, doch ich will gut und milde sein. Heute abend

feierst du Hochzeit mit Masken nach den Gebräuchen. Ich werde dir

erscheinen. Komme reuig und demütig und ziehe mir den Ring vom Finger!'

Antiope stieß einen Schrei der Angst aus und klammerte sich an ihren

Gatten. Dann, in seinen Armen geborgen, redete sie stürmisch: 'Ich

soll mich erniedrigen? Was befiehlst du, Astorre? Meine Ehre ist

deine Ehre! Ich bin nichts mehr als dein Eigentum, dein Herzklopfen,

dein Atemzug und deine Seele. Wenn du willst und du gebietest, dann!'

Astorre sprach, sein Weib zärtlich beruhigend, gegen Diana: 'Sie wird

es tun. Möge dich ihre Demut versöhnen! und die meinige! Sei mein

Gast heute nacht und bleibe meinem Hause günstig!' Er wendete sich zu

Ezzelin, dankte ihm ehrerbietig für Gericht und Gnade, verneigte sich

und entführte sein Weib. Auf der Schwelle aber wandte er sich noch

fragend gegen Diana: 'Und in welcher Tracht wirst du bei uns

erscheinen, daß wir dich kennen und dir Ehre bezeigen?'

Diese lächelte verächtlich. Wieder, wendete sie sich gegen Antiope.

'Kommen werde ich als die, welche ich mich nenne und welche ich bin:

die Unberührte, die Jungfräuliche!' sagte sie stolz. Dann wiederholte

sie: 'Antiope, denke daran: reuig und demütig!'

'Du meinst es ehrlich, Diana? Du führst nichts im Schilde?' zweifelte

der Tyrann, da ihm jetzt die Pizzaguerra allein gegenüberstand.

'Nichts', erwiderte sie, jede Beteurung verschmähend.

'Und was wird aus dir, Diana?' fragte er.

'Ezzelin', antwortete sie bitter, 'vor diesem deinem Richtstuhl hat

mein Vater die Ehre und Rache seines Kindes um ein paar Erzklumpen

verschachert. Ich bin nicht wert, daß mich die Sonne bescheine. Für

solche ist die Zelle!' Und sie verließ den Saal.

'Allervortrefflichster Ohm!' jubelte Ascanio. 'Du vermählst das

seligste Paar in Padua und machst aus einer gefährlichen Geschichte

ein reizendes Märchen, womit ich einst, als ein ehrwürdiger Greis,

meine Enkel und Enkelinnen am Herdfeuer ergötzen werde!'

'Idyllischer Neffe', spottete der Tyrann. Er trat ans Fenster und

blickte auf den Platz hinunter, wo die Menge noch in fieberhafter

Neugierde standhielt. Ezzelin hatte Befehl gegeben, die vor ihn

Beschiedenen durch eine Hinterpforte zu entlassen. 'Paduaner!' redete

er jetzt mit gewaltiger Stimme, und Tausende schwiegen wie eine Einöde.

'Ich habe den Handel untersucht. Er war verwickelt und die Schuld

geteilt. Ich vergab, denn ich bin zur Milde geneigt jedesmal, wo die

Majestät des Reiches nicht berührt wird. Heute abend halten Hochzeit

mit Masken Astorre Vicedomini und Antiope Canossa. Ich, Ezzelin, gebe

das Fest und lade euch alle. Lasset es euch schmecken, ich bin der

Wirt! Euch gehören Schenke und Gasse! Den Palast Vicedomini aber

betrete noch gefährde mir keiner, sonst, bei meiner Hand!--und jetzt

kehre ruhig jeder in das Seinige, wenn ihr mich lieb habet!'

'Wie sie dich lieben!' scherzte Ascanio.--Ein unbestimmtes Gemurmel

drang empor. Es verriegelte und verrann."

Dante schöpfte Atem. Dann endigte er in raschen Sätzen.

"Nachdem der Tyrann sein Gericht gehalten hatte, verritt er um Mittag

nach einem seiner Kastelle, wo er baute. Er begehrte rechtzeitig nach

Padua zurückzukehren, um die vor Diana sich demütigende Antiope zu

betrachten.

Aber gegen Voraussicht und Willen wurde er auf der mehrere Miglien von

der Stadt entfernten Burg festgehalten. Dorthin kam ihm ein

staubbedeckter Sarazene nachgesprengt und überreichte ihm ein

eigenhändiges Schreiben des Kaisers, das umgehende Antwort verlangte.

Die Sache war von Bedeutung. Ezzelin hatte vor kurzem eine

kaiserliche Burg im Ferraresischen, in deren Befehlshaber, einem

Sizilianer, sein Scharfblick den Verräter argwöhnte, nächtlicherweile

überfallen, eingenommen und den zweideutigen kaiserlichen Burgvogt in

Fesseln gelegt. Nun verlangte der Staufe Rechenschaft über diesen

klugen, aber verwegenen Eingriff in seinen Machtkreis. Die arbeitende

Stirn in die Linke gelegt, ließ Ezzelin die Rechte über das Pergament

gleiten, und sein Stift zog ihn vom ersten zum zweiten und vom zweiten

zu einem dritten. Gründlich unterhielt er sich mit dem erleuchten

Schwiegervater über die Möglichkeiten und Ziele eines bevorstehenden

oder wenigstens geplanten Feldzuges. So verschwand ihm Stunde und

Zeitmaß. Erst als er sich wieder zu Pferde warf, erkannte er aus dem

ihm vertrauten Wandel der Gestirne--sie blitzten in voller Klarheit--,

daß er Padua kaum vor Mitternacht erreichen werde. Sein Gefolge weit

hinter sich lassend, schnell wie ein Gespenst, flog er über die

nächtige Ebene. Doch er wählte seinen Weg und umritt vorsichtig einen

wenig tiefen Graben, über welchen der kühne Reiter an einem andern

Tage spielend gesetzt hätte: er verhinderte das Schicksal, seine Fahrt

zu bedrohen und seinen Hengst zu stürzen. Wieder verschlang er auf

gestrecktem Renner den Raum, aber Paduas Lichter wollten noch nicht

schimmern.

Dort, vor der breiten Stadtfeste der Vicedomini, während sie sich in

rasch wachsender Dämmerung schwärzte, hatte sich das trunkene Volk

versammelt. Zügellose wechselten mit possierlichen Szenen auf dem

nicht großen Platze. In der gedrängten Menge gor eine wilde, zornige

Lust, ein bacchantischer Taumel, welchem die ausgelassene Jugend der

Hochschule ein Element des Spottes und Witzes beimischte.

Jetzt ließ sich eine schleppende Kantilene vernehmen, in der Art einer

Litanei, wie unsere Landleute zu singen pflegen. Es war ein Zug

Bauern, alt und jung, aus einem der zahlreichen Dörfer im Besitz der

Vicedomini. Dieses arme Volk, welches in seiner Abgelegenheit nichts

von der Verweltlichung des Mönches, sondern nur in unbestimmten

Umrissen die Vermählung des Erben erfahren, hatte sich vor

Tagesanbruch mit den üblichen Hochzeitsgeschenken aufgemacht und

erreichte nun sein Ziel nach einer langen Wallfahrt im Staub der

Landstraße. Es hielt und duckte sich zusammen, langsam über den

wogenden Platz vorrückend, hier ein lockiger Knabe, fast noch ein Kind,

mit einer goldenen Honigwabe, dort eine scheue, stolze Dirne, ein

blökendes, bebändertes Lämmchen in den sorglichen Armen. Alle

verlangten sie sehnlich nach dem Angesicht ihres neuen Herrn.

Nun verschwanden sie nach und nach in der Wölbung des Tores, wo rechts

und links die angezündeten Fackeln in den Eisenringen loderten, mit

der letzten Tageshelle streitend. Im Torweg befahl Ascanio als Ordner

des Festes, er, der sonst so freundliche, mit einer schreienden und

gereizten Stimme.

Von Stunde zu Stunde wuchs der Frevelmut des Volkes, und als endlich

die vornehmen Masken anlangten, wurden sie gestoßen, dem Gesinde die

Fackeln entrissen und auf den Steinplatten ausgetreten, die Edelweiber

von ihren männlichen Begleitern abgedrängt und lüstern gehänselt,

ungerächt von dem Schwertstich, der an gewöhnlichen Abenden die

Frechheit sofort gestraft hätte.

Dergestalt kämpfte unweit des Palasttores ein hohes Weib in der Tracht

einer Diana mit einem immer enger sich schließenden Ringe von

Klerikern und Schülern niedersten Ranges. Ein hagerer Mensch ließ

seine mythologischen Kenntnisse glänzen. 'Nicht Diana bist du!'

näselte er verbuhlt, 'du bist eine andere! ich erkenne dich. Hier

sitzt dein Täubchen!' und er zeigte auf den silbernen Halbmond über

der Stirne der Göttin. Diese aber schmeichelte nicht wie Aphrodite,

sondern zürnte wie Artemis. 'Weg, Schweine!' schalt sie. 'Ich bin

eine reinliche Göttin und verabscheue die Kleriker!'--'Gurr, gurr!'

girrte die Hopfenstange und tastete mit den Knochenhänden, stieß aber

auf der Stelle einen durchdringenden Schrei aus. Wimmernd hob der

Elende die Hand und zeigte seinen Schaden. Sie war durch und durch

gestochen und überquoll von Blut: das ergrimmte Mädchen hatte hinter

sich in den Köcher gelangt--den entwendeten Jagdköcher ihres

Bruders--und mit einem der scharfgeschliffenen Pfeile die ekle Hand

gezüchtigt. Schon wurde der rasche Auftritt von einem andern ebenso

grausamen, wenn auch unblutigen verdrängt. Eine alle erdenklichen

Widersprüche und schneidenden Mißtöne durcheinanderwerfende Musik, die

einem rasenden Zank der Verdammten in der Hölle glich, brach sich Bahn

durch die betäubte und ergötzte Menge. Das niederste und schlimmste

Volk--Beutelschneider, Kuppler, Dirnen, Betteljungen--blies, kratzte,

paukte, pfiff, quiekte, meckerte und grunzte vor und hinter einem

abenteuerlichen Paar. Ein großes, verwildertes Weib von zerstörter

Schönheit ging Arm in Arm mit einem trunkenen Mönch in zerfetzter

Kutte. Dieses war der Klosterbruder Serapion, der, von dem Beispiel

Astorres aufgestachelt, nächtlicherweile aus der Zelle entsprungen war

und sich seit einer Woche im Schlamm der Gasse wälzte. Vor einem aus

der finstern Palastmauer vorspringenden erhellten Erker machte die

Horde halt, und mit einer geltenden Stimme und der Gebärde eines

öffentlichen Ausrufers schrie das Weib: 'Kund und zu wissen,

Herrschaften: über ein kurzes schlummert der Mönch Astorre neben

seiner Gattin Antiope!' Ein unbändiges Gelächter begleitete diese

Verkündigung.

Jetzt nickte aus dem schmalen Bogenfenster des Erkers die läutende

Schellenkappe Gocciolas, und ein melancholisches Gesicht zeigte sich

der Gasse.

'Gutes Weib, sei stille!' klagte der Narr weinerlich auf den Platz

hinunter. 'Du verletzest meine Erziehung und beleidigst mein

Schamgefühl!'

'Guter Narr', antwortete die Schamlose, 'stoße dich nicht daran! Was

die Vornehmen begehen, dem geben wir den Namen. Wir setzen die Titel

auf die Büchsen der Apotheke!'

'Bei meinen Todsünden', jubelte Serapion, 'das tun wir! Bis

Mitternacht soll die Hochzeit meines Brüderchens auf allen Plätzen

Paduas ausgeschellt und hell verkündigt werden. Vorwärts, marsch!

Hopsassa!' und er hob das nackte Bein mit der Sandale aus den

hängenden Lumpen der besudelten Kutte.

Dieser von der Menge wütend beklatschte Schwank verscholl an den

steilen Mauern der mächtigen Burg, deren Fenster und Gemächer zum

großen Teil gegen die innern Hofräume gingen.

In einem stillen, geschützten Gemach wurde Antiope von ihren Zofen,

Sotte und einer andern, gekleidet und geschmückt, während Astorre den

nicht enden wollenden Schwarm der Gäste oben an den Treppen empfing.

Sie schaute in ihre eigenen bangen Augen, die ihr aus einem

Silberspiegel begegneten, welchen die Unterzofe mit einem neidischen

Gesicht in nackten, frechen Armen hielt.

'Sotte', flüsterte das junge Weib zu der Dienerin, die ihr die Haare

flocht, 'du ähnelst mir und hast meinen Wuchs.--wechsle mit mir die

Kleider, wenn du mich lieb hast! Gehe hin und ziehe ihr den Ring vom

Finger! Reuig und demütig! Verbeuge dich mit gekreuzten Armen vor

der Pizzaguerra, wie die letzte Sklavin! Falle auf die Knie! Wälze

dich am Boden! Wirf dich ganz weg! Nur nimm ihr den Ring! Ich lohne

fürstlich!' und da sie Sotte zaudern sah: 'Nimm und behalte alles, was

ich Köstliches trage!' flehte die Herrin, und dieser Versuchung

widerstand die eitle Sotte nicht.

Astorre, welcher der Pflicht des Wirtes einen Augenblick entwendete,

um sein Liebstes zu besuchen, fand im Gemach zwei sich umkleidende

Frauen. Er erriet. 'Nein, Antiope!' verbot er. 'So darfst du nicht

durchschlüpfen. Es muß Wort gehalten werden! Ich verlange es von

deiner Liebe. Ich befehle es dir!' Indem er diesen strengen Spruch

mit einem Kuß auf den geliebten Nacken zu einem Kosewort machte, wurde

er weggerissen von dem herbeieilenden Ascanio, welcher ihm vorstellte,

seine Bauern wünschten ihm ihre Gaben ohne Verzug zu überreichen, um

in der Kühle der Nacht den Heimweg anzutreten. Da sich Antiope

wendete, um den Gatten wiederzuküssen, küßte sie die Luft.

Jetzt ließ sie sich rasch fertig kleiden. Selbst die leichtfertige

Sotte erschrak vor der Blässe des Angesichts im Spiegel. Nichts lebte

darin als die Angst der Augen und der Schimmer der zusarnmengepreßten

Zähnchen. Ein roter Streif, der Schlag Dianens, wurde auf der weißen

Stirn sichtbar.

Nach beendigtem Putz erhob sich das Weib Astorres mit klopfenden

Pulsen und hämmernden Schläfen, verließ die sichere Kammer und

durcheilte die Säle, Dianen suchend. Sie wurde gejagt von dem Mute

der Furcht. Sie wollte jubelnd mit dem zurückeroberten Ring ihrem

Gatten entgegeneilen, dem sie den Anblick ihrer Buße erspart hätte.

Bald unterschied sie aus den Masken die hochgewachsene Göttin der Jagd,

erkannte in ihr die Feindin und folgte, bebend und zornige Worte

murmelnd, der gemessen Schreitenden, welche den Hauptsaal verließ und

sich gnädig in eines der schwachbeleuchteten und nur halb so hohen

Nebengemächer verlor. Die Göttin schien nicht öffentliche Demütigung,

sondern Demut des Herzens zu verlangen.

Jetzt neigte sich im Halbdunkel Antiope vor Diana. 'Gib mir den Ring!'

preßte sie hervor und tastete an dem kräftigen Finger.

'Demütig und reuig?' fragte Diana.

'Wie anders, Herrin?' fieberte die Unselige. 'Aber du treibst dein

Spiel mit mir, Grausame! Du biegst deinen Finger, jetzt krümmst du

ihn!'

Ob Antiope es sich einbildete? Ob Diana wirklich dieses Spiel trieb?

Wie wenig ist ein gekrümmter Finger! Cangrande, du hast mich der

Ungerechtigkeit bezichtigt. Ich entscheide nicht.

Genug, die Vicedomini hob den geschmeidigen Leib und rief, die

flammenden Augen auf die strengen der Pizzaguerra gerichtet: 'Neckst

du eine Frau, Mädchen?' Dann bog sie sich wieder und suchte mit beiden

Händen dem Finger den Ring zu entreißen--da durchfuhr sie ein Blitz.

Ihr die linke Hand überlassend, hatte die strafende Diana mit der

Rechten einen Pfeil aus dem Köcher gezogen und Antiope getötet. Diese

sank zuerst auf die linke, dann auf die rechte Hand, drehte sich und

lag, den Pfeil im Genick, auf die Seite gewendet.

Der Mönch, der nach Verabschiedung seiner ländlichen Gäste

zurückgeeilt kam und sehnlich sein Weib suchte, fand eine Entseelte.

Mit einem erstickten Schrei warf er sich neben sie nieder und zog ihr

den Pfeil aus dem Halse. Ein Blutstrahl folgte. Astorre verlor die

Besinnung.

Als er aus seiner Ohnmacht erwachte, stand Germano vor ihm mit

gekreuzten Armen. 'Bist du der Mörder?' fragte der Mönch.

'Ich morde keine Weiber', antwortete der andere traurig. 'Es ist

meine Schwester, die ihr Recht gesucht hat.'

Astorre tastete nach dem Pfeil und fand ihn. Aufgesprungen in einem

Satz und das lange Geschoß mit der blutigen Spitze wie eine Klinge

handhabend, fiel er in blinder Wut den Jugendgespielen an. Der

Krieger schauderte leicht vor dem schwarzgekleideten, fahlen Gespenst

mit den gesträubten Haaren und dem Pfeil in der Faust.

Er wich um einen Schritt. Das kurze Schwert ziehend, welches der

Ungepanzerte heute trug, und den Pfeil damit festhaltend, sagte er

mitleidig: 'Geh in dein Kloster zurück, Astorre, das du nie hättest

verlassen sollen!'

Da gewahrte er plötzlich den Tyrannen, der, gefolgt von dem ganzen

Feste, welches dem längst Erwarteten bis ans Tor entgegengestürzt war,

ihm gerade gegenüber durch die Tür trat.

Ezzelin streckte die Rechte, Friede gebietend, und Germano senkte

ehrfürchtig seine Waffe vor dem Kriegsherrn. Diesen Augenblick

ergriff der rasende Mönch und stieß dem Ezzelin Entgegenschauenden den

Pfeil in die Brust. Aber auch sich traf er tödlich, von dem

blitzschnell wieder gehobenen Schwert des Kriegers erreicht.

Germano war stumm zusammengesunken. Der Mönch, von Ascanio gestützt,

tat noch einige wankende Schritte nach seinem Weib und bettete sich,

von dem Freund niedergelassen, zu ihr, Mund an Mund.

Die Hochzeitsgäste umstanden die Vermählten. Ezzelin betrachtete den

Tod. Hernach ließ er sich auf ein Knie nieder und drückte erst

Antiope, darauf Astorre die Augen zu. In die Stille klang es mißtönig

herein durch ein offenes Fenster. Man verstand aus dem Dunkel: 'Jetzt

schlummert der Mönch Astorre neben seiner Gattin Antiope.' Und ein

fernes Gelächter."

Dante erhob sich. "Ich habe meinen Platz am Feuer bezahlt", sagte er,

"und suche nun das Glück des Schlummers. Der Herr des Friedens behüte

uns alle!" Er wendete sich und schritt durch die Pforte, welche ihm

der Edelknabe geöffnet hatte. Aller Augen folgten ihm, der die Stufen

einer fackelhellen Treppe langsam emporstieg.

Ende dieses PRojekt Gutenberg Etxtes Die Hochzeit des Mönchs, von

Conrad Ferdinand Meyer.

Die Hochzeit des Mönchs · 第 6 / 7 题