Conrad Ferdinand Meyer

Es war in Verona. Vor einem breiten Feuer das einen weiträumigen Herd

füllte, lagerte in den bequemsten Stellungen, welche der Anstand

erlaubt, ein junges Hofgesinde männlichen und weiblichen Geschlechts

um einen ebenso jugendlichen Herrscher und zwei blühende Frauen. Dem

Herd zur Linken saß diese fürstliche Gruppe, welcher die übrigen in

einem Viertelkreis sich anschlossen, die ganze andere Seite des Herdes

nach höfischer Sitte frei lassend. Der Gebieter war derjenige

Scaliger, welchen sie Cangrande nannten. Von den Frauen, in deren

Mitte er saß, mochte die nächst dem Herd etwas zurück und ins

Halbdunkel gelehnte sein Eheweib, die andere, vollbeleuchtete, seine

Verwandte oder Freundin sein, und es wurden mit bedeutsamen Blicken

und halblautem Gelächter Geschichten erzählt.

Jetzt trat in diesen sinnlichen und mutwilligen Kreis ein

gravitätischer Mann, dessen große Züge und lange Gewänder aus einer

andern Welt zu sein schienen. "Herr, ich komme, mich an deinem Herde

zu wärmen", sprach der Fremdartige halb feierlich, halb geringschätzig

und verschmähte hinzuzufügen, daß die lässige Dienerschaft trotz des

frostigen Novemberabends vergessen oder versäumt hatte, Feuer in der

hoch gelegenen Kammer des Gastes zu machen.

"Setze dich neben mich, mein Dante", erwiderte Cangrande, "aber wenn

du dich gesellig wärmen willst, so blicke mir nicht nach deiner

Gewohnheit stumm in die Flamme! Hier wird erzählt, und die Hand,

welche heute Terzinen geschmiedet hat auf meine astrologische Kammer

steigend, hörte ich in der deinigen mit dumpfem Gesang Verse

skandieren--, diese wuchtige Hand darf es heute nicht verweigern, das

Spielzeug eines kurzweiligen Geschichtchens, ohne es zu zerbrechen,

zwischen ihre Finger zu nehmen. Beurlaube die Göttinnen"--er meinte

wohl die Musen--"und vergnüge dich mit diesen schönen Sterblichen."

Der Scaliger zeigte seinem Gast mit einer leichten Handbewegung die

zwei Frauen, von welchen die größere, die scheinbar gefühllos im

Schatten saß, nicht daran dachte zu rücken, während die kleinere und

aufgeweckte dem Florentiner bereitwillig neben sich Raum machte. Aber

dieser gab der Einladung seines Wirtes keine Folge, sondern wählte

stolz den letzten Sitz am Ende des Kreises. Ihm mißfiel entweder die

Zweiweiberei des Fürsten--wenn auch vielleicht nur das Spiel eines

Abends--oder dann ekelte ihn der Hofnarr, welcher, die Beine vor sich

hingestreckt, neben dem Sessel Cangrandes auf dem herabgeglittenen

Mantel desselben am Boden saß.

Dieser, ein alter, zahnloser Mensch mit Glotzaugen und einem schlaffen,

verschwätzten und vernaschten Maul--neben Dante der einzig Bejahrte

der Gesellschaft--, hieß Gocciola, das heißt das Tröpfchen, weil er

die letzten klebrigen Tropfen aus den geleerten Gläsern

zusammenzunaschen pflegte, und haßte den Fremdling mit kindischer

Bosheit; denn er sah in Dante seinen Nebenbuhler um die nicht eben

wählerische Gunst des Herrn. Er schnitt ein Gesicht und erfrechte

sich, seine hübsche Nachbarin zur Linken auf das an der hellen Decke

des hohen Gemaches sich abschattende Profil des Dichters höhnisch

grinsend aufmerksam zu machen. Das Schattenbild Dantes glich einem

Riesenweibe mit langgebogener Nase und hangender Lippe, einer Parze

oder dergleichen. Das lebhafte Mädchen verwand ein kindliches Lachen.

Ihr Nachbar, ein klug blickender Jüngling, der Ascanio hieß, half ihr

dasselbe ersticken, indem er sich an Dante wendete mit einer maßvollen

Ehrerbietung, in welcher dieser angeredet zu werden liebte.

"Verschmähe es nicht, du Homer und Virgil Italiens", bat er, "dich in

unser harmloses Spiel zu mischen. Laß dich zu uns herab und erzähle,

Meister, statt zu singen."

"Was ist euer Thema?" warf Dante hin, weniger ungesellig, als er

begonnen hatte, aber immer noch mürrisch genug. "Plötzlicher

Berufswechsel", antwortete der Jüngling bündig, "mit gutem oder

schlechtem oder lächerlichem Ausgang."

Dante besann sich. Seine schwermütigen Augen betrachteten die

Gesellschaft, deren Zusammensetzung ihm nicht durchaus zu mißfallen

schien; denn er entdeckte in derselben neben mancher flachen einige

bedeutende Stirnen. "Hat einer unter euch den entkutteten Mönch

behandelt?" äußerte der schon milder Gestimmte.

"Gewiß, Dante!" antwortete, sein Italienisch mit einem leichten

deutschen Akzent aussprechend, ein Kriegsmann von treuherzigem

Aussehen, Germano mit Namen, der einen Ringelpanzer und einen lang

herabhängenden Schnurrbart trug. "Ich selbst erzählte den jungen

Manuccio, welcher über die Mauern seines Klosters sprang, um Krieger

zu werden."

"Er tat recht", erklärte Dante, "er hatte sich selbst getäuscht über

seine Anlage."

"Ich, Meister", plauderte jetzt eine kecke, etwas üppige Paduanerin,

namens Isotta, "habe die Helene Manente erzählt, welche eben die erste

Locke unter der geweihten Schere verscherzt hatte, aber schnell die

übrigen mit den beiden Händen deckte und ihr Nonnengelübde

verschluckte, denn sie hatte ihren in barbareske Sklaverei geratenen

und höchst wunderbar daraus erretteten Freund unter dem Volk im Schiff

der Kirche erblickt, wie er die gelösten Ketten"--sie wollte sagen: an

der Mauer aufhing, aber ihr Geschwätz wurde von dem Munde Dantes

zerschnitten.

"Sie tat gut", sagte er, "denn sie handelte aus der Wahrheit ihrer

verliebten Natur. Von alledem ist hier die Rede nicht, sondern von

einem ganz andern Fall: Wenn nämlich ein Mönch nicht aus eigenem Trieb,

nicht aus erwachter Weltlust oder Weltkraft, nicht weil er sein Wesen

verkannt hätte, sondern einem andern zuliebe, unter dem Druck eines

fremden Willens, wenn auch vielleicht aus heiligen Gründen der Pietät,

untreu an sich wird, sich selbst mehr noch als der Kirche gegebene

Gelübde bricht und eine Kutte abwirft, die ihm auf dem Leib saß und

ihn nicht drückte. Wurde das schon erzählt? Nein? Gut, so werde ich

es tun. Aber sage mir, wie endet solches Ding, mein Gönner und

Beschützer?" Er hatte sich ganz gegen Cangrande gewendet.

"Notwendig schlimm", antwortete dieser ohne Besinnen. "Wer mit freiem

Anlauf springt, springt gut; wer gestoßen wird, springt schlecht."

"Du redest die Wahrheit, Herr", bestätigte Dante, "und nicht anders,

wenn ich ihn verstehe, meint es auch der Apostel, wo er schreibt: daß

Sünde sei, was nicht aus dem Glauben gehe, das heißt, aus der

Überzeugung und Wahrheit unserer Natur."

"Muß es denn überhaupt Mönche geben?" kicherte eine gedämpfte Stimme

aus dem Halbdunkel, als wollte sie sagen: jede Befreiung aus einem an

sich unnatürlichen Stand ist eine Wohltat.

Die dreiste und ketzerische Äußerung erregte hier kein Ärgernis, denn

an diesem Hof wurde das kühnste Reden über kirchliche Dinge geduldet,

ja belächelt, während ein freies oder nur unvorsichtiges Wort über den

Herrscher, seine Person oder seine Politik, verderben konnte.

Dantes Auge suchte den Sprecher und entdeckte denselben in einem

vornehmen, jungen Kleriker, dessen Finger mit dem kostbaren Kreuze

tändelten, welches er über dem geistlichen Gewand trug.

"Nicht meinetwegen", gab der Florentiner bedächtig zur Antwort.

"Mögen die Mönche aussterben, sobald ein Geschlecht ersteht, welches

die beiden höchsten Kräfte der Menschenseele, die sich auszuschließen

scheinen, die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit vereinigen lernt.

Bis zu jener späten Weltstunde verwalte der Staat die eine, die Kirche

die andere. Da aber die Übung der Barmherzigkeit eine durchaus

selbstlose Seele fordert, so sind die drei mönchischen Gelübde

gerechtfertigt; denn es ist weniger schwer, wie die Erfahrung lehrt,

der Lust ganz als halb zu entsagen."

"Gibt es aber nicht mehr schlechte Mönche als gute?" fragte der

geistliche Zweifler weiter.

"Nein", behauptete Dante, "wenn man die menschliche Schwachheit

berücksichtigt. Es müßte denn mehr ungerechte Richter als gerechte,

mehr feige Krieger als beherzte, mehr schlechte Menschen als gute

geben."

"Und ist das nicht der Fall?" flüsterte der im Halbdunkel.

"Nein", entschied Dante, und eine himmlische Verklärung erleuchtete

seine strengen Züge. "Fragt und untersucht unsere Philosophie nicht:

wie ist das Böse in die Welt gekommen? Wären die Bösen in der

Mehrzahl, so fragten wir: wie kam das Gute in die Welt?"

Diese stolzen und dunkeln Sätze imponierten der Gesellschaft, erregten

aber auch die Besorgnis, der Florentiner möchte sich in seine

Scholastik vertiefen statt in seine Geschichte.

Cangrande sah, wie seine junge Freundin ein hübsches Gähnen verwand.

Unter solchen Umständen ergriff er das Wort und fragte: "Erzählst du

uns eine wahre Geschichte, mein Dante, nach Dokumenten? oder eine Sage

des Volksmunds? oder eine Erfindung deiner bekränzten Stirne?"

Dieser antwortete langsam betonend: "Ich entwickle meine Geschichte

aus einer Grabschrift."

"Aus einer Grabschrift?"

"Aus einer Grabschrift, die ich vor Jahren bei den Franziskanern in

Padua gelesen habe. Der Stein, welcher sie trägt, lag in einem Winkel

des Klostergartens, allerdings unter wildem Rosengesträuch versteckt,

aber doch den Novizen zugänglich, wenn sie auf allen vieren krochen

und sich eine von Dornen zerkritzte Wange nicht reuen ließen. Ich

befahl dem Prior--will sagen, ich ersuchte ihn, den fraglichen Stein

in die Bibliothek zu versetzen und unter die Hut eines Greises zu

stellen."

"Was sagte denn der Stein?" ließ sich jetzt die Gemahlin des Fürsten

nachlässig vernehmen.

"Die Inschrift", erwiderte Dante, "war lateinisch und lautete: Hic

jacet monachus Astorre cum uxore Antiope. Sepeliebat Azzolinus."

"Was heißt denn das?" fragte die andere neugierig.

Cangrande übersetzte fließend: "Hier schlummert der Mönch Astorre

neben seiner Gattin Antiope. Beide begrub Ezzelin."

"Der abscheuliche Tyrann!" rief die Empfindsame. "Gewiß hat er die

beiden lebendig begraben lassen, weil sie sich liebten, und das Opfer

noch in der Gruft gehöhnt, indem er es die Gattin des Mönches nannte.

Der Grausame!"

"Kaum", meinte Dante. "Das hat sich in meinem Geiste anders gestaltet

und ist auch nach der Geschichte unwahrscheinlich. Denn Ezzelin

bedrohte wohl eher den kirchlichen Gehorsam als den Bruch geistlicher

Gelübde. Ich nehme das 'sepeliebat' in freundlicherem Sinne: er gab

den beiden ein Begräbnis."

"Recht", rief Cangrande freudig, "du denkst wie ich, Florentiner!

Ezzelino war eine Herrschernatur und, wie sie einmal sind, etwas rauh

und gewaltsam. Neun Zehntel seiner Frevel haben ihm die Pfaffen und

das fabelsüchtige Volk angedichtet." "Möchte dem so sein!" seufzte

Dante. "Wo er übrigens in meiner Fabel auftritt, ist er noch nicht

das Ungeheuer, welches uns, wahr oder falsch, die Chronik schildert,

sondern seine Grausamkeit beginnt sich nur erst zu zeichnen, mit einem

Zug um den Mund sozusagen--"

"Eine gebietende Gestalt", vollendete Cangrande feurig das Bildnis,

"mit gesträubtem, schwarzem Stirnhaar, wie du ihn in deinem zwölften

Gesang als einen Bewohner der Hölle malst. Woher hast du dieses

schwarzhaarige Haupt?"

"Es ist das deinige", versetzte Dante kühn, und Cangrande fühlte sich

geschmeichelt.

"Auch die übrigen Gestalten der Erzählung", fuhr er mit lächelnder

Drohung fort, "werde ich, ihr gestattet es?"--und er wendete sich

gegen die Umsitzenden--"aus eurer Mitte nehmen und ihnen eure Namen

geben: euer Inneres lasse ich unangetastet, denn ich kann nicht darin

lesen."

"Meine Miene gebe ich dir preis", sagte großartig die Fürstin, deren

Gleichgültigkeit zu weichen begann.

Ein Gemurmel der höchsten Aufregung lief durch die Zuhörer, und:

"Deine Geschichte, Dante!" raunte es von allen Seiten, "deine

Geschichte!"

"Hier ist sie", sagte dieser und erzählte.

"Wo sich der Gang der Brenta in einem schlanken Bogen der Stadt Padua

nähert, ohne diese jedoch zu berühren, glitt an einem himmlischen

Sommertag unter gedämpftem Flötenschall eine bekränzte, von festlich

Gekleideten überfüllte Barke auf dem schnellen, aber ruhigen Wasser.

Es war die Brautfahrt des Umberto Vicedomini und der Diana Pizzaguerra.

Der Paduaner hatte sich seine Verlobte aus einem am obern Lauf des

Flusses gelegenen Kloster geholt, wohin, kraft einer alten städtischen

Sitte, Mädchen von Stand vor ihrer Hochzeit zum Behufe frommer Übungen

sich zurückzuziehen pflegen. Sie saß in der Mitte der Barke auf einem

purpurnen Polster zwischen ihrem Bräutigam und den drei blühenden

Knaben seines ersten Bettes. Umberto Vicedomini hatte vor fünf Jahren,

da die Pest in Padua wütete, das Weib seiner Jugend begraben und,

obwohl in der Kraft der Männlichkeit stehend, nur schwer und

widerwillig, auf das tägliche Drängen eines alten und siechen Vaters,

zu diesem zweiten Ehebund sich entschlossen.

Mit eingezogenen Rudern fuhr die Barke, dem Willen des Stromes sich

überlassend. Die Bootsknechte begleiteten die sanfte Musik mit einem

halblauten Gesang. Da verstummten beide. Aller Augen hatten sich

nach dem rechten Ufer gerichtet, an welchem ein großer Reiter seinen

Hengst bändigte und mit einer weiten Gebärde nach der Barke herüber

grüßte. Scheues Gemurmel durchlief die Reihen der Sitzenden. Die

Ruderer rissen sich die roten Mützen vom Kopf, und das ganze Fest

erhob sich in Furcht und Ehrerbietung, auch der Bräutigam, Diana und

die Knaben. Untertänige Gebärden, grüßende Arme, halbgebogene Knie

wendeten sich gegen den Strand mit einem solchen Ungestüm und Übermaß

der Bewegung, daß die Barke aus dem Gleichgewicht kam, sich nach

rechts neigte und plötzlich überwog. Ein Schrei des Entsetzens, ein

drehender Wirbel, eine leere Strommitte, die sich mit Auftauchenden,

wieder Versinkenden und den schwimmenden Kränzen der verunglückten

Barke bevölkerte. Hilfe war nicht ferne, denn wenig weiter unten lag

ein kleiner Port, wo Fischer und Fährleute hausten und heute auch die

Rosse und Sänften warteten, welche die Gesellschaft, die jetzt im

Strom unterging, vollends nach Padua hätten bringen sollen.

Die zwei ersten der rettenden Kähne strebten sich von den

entgegengesetzten Ufern zu. In dem einen stand neben einem alten

Fergen mit struppigem Bart Ezzelin, der Tyrann von Padua, der

unschuldige Urheber des Verderbens, in dem andern, vom linken Ufer

kommenden ein junger Mönch und sein Fährmann, welcher den staubigen

Waller über den Strom stieß gerade in dem Augenblick, da sich darauf

das Unheil zutrug. Die beiden Boote erreichten sich. Zwischen ihnen

schwamm im Flusse etwas wie eine Fülle blonden Haares, in das der

Mönch entschlossen hineingriff, knielings, mit weit ausgestrecktem

Arme, während sein Schiffer aus allen Kräften sich auf die andere

Seite des Nachens zurückstemmte. An einer dicken Strähne hob der

Mönch ein Haupt, das die Augen geschlossen hielt, und dann, mit Hilfe

des dicht herangekommenen Ezzelin, die Last eines von triefendem

Gewand beschwerten Weibes aus der Strömung. Der Tyrann war von seinem

Nachen in den andern gesprungen und betrachtete jetzt das entseelte

Haupt, das einen Ausdruck von Trotz und Unglück trug, mit einer Art

von Wohlgefallen, sei es an den großen Zügen desselben, sei es an der

Ruhe des Todes.

'Kennst du sie, Astorre?' fragte er den Mönch. Dieser schüttelte

verneinend den Kopf, und der andere fuhr fort: 'Siehe, es ist das Weib

deines Bruders.'

Der Mönch warf auf das bleiche Antlitz einen mitleidigen, scheuen

Blick, welches unter demselben langsam die schlummernden Augen öffnete.

'Bringe sie ans Ufer!' befahl Ezzelin, allein der Mönch überließ sie

seinem Fährmann. 'Ich will meinen Bruder suchen', rief er, 'bis ich

ihn finde.'--'Ich helfe dir, Mönch', sagte der Tyrann, 'doch ich

zweifle, daß wir ihn retten: ich sah ihn, wie er seine Knaben

umschlang und, von den dreien umklammert, schwer in die Tiefe ging.'

Inzwischen hatte sich die Brenta mit Fahrzeugen bedeckt. Es wurde

gefischt mit Stangen, Haken, Angeln, Netzen, und in der rasch

wechselnden Szene vervielfältigte sich über den Suchenden und den

gehobenen Bürden die Gestalt des Herrschers.

'Komm, Mönch!' sagte er endlich. 'Hier gibt es für dich nichts mehr

zu tun. Umberto und seine Knaben liegen nunmehr zu lang in der Tiefe,

um ins Leben zurückzukehren. Der Strom hat sie verschleppt. Er wird

sie ans Ufer legen, wann er ihrer müde ist. Aber siehst du dort die

Zelte?' Man hatte deren eine Zahl am Strand der Brenta zum Empfang der

mit der Hochzeitsbarke Erwarteten aufgeschlagen und jetzt die Toten

oder Scheintoten hineingelegt, welche von ihren schon aus dem nahen

Padua herbeigeeilten Verwandten und Dienern umjammert wurden. 'Dort,

Mönch, verrichte, was deines Amtes ist: Werke der Barmherzigkeit!

Tröste die Lebenden! Bestatte die Toten!'

Der Mönch hatte das Ufer betreten und den Reichsvogt aus den Augen

verloren. Da kam ihm aus dem Gedränge Diana entgegen, die Braut und

Witwe seines Bruders, trostlos, aber ihrer Sinne wieder mächtig. Noch

trieften die schweren Haare, aber auf ein gewechseltes Gewand: ein

mitleidiges Weib aus dem Volke hatte ihr im Gezelt das eigene gegeben

und sich des kostbaren Hochzeitskleides bemächtigt. 'Frommer Bruder',

wendete sie sich an Astorre, 'ich bin verlassen: die mir bestimmte

Sänfte ist in der Verwirrung mit einer andern, Lebenden oder Toten, in

die Stadt zurückgekehrt. Begleite mich nach dem Hause meines

Schwiegers, der dein Vater ist!'

Die junge Witwe täuschte sich. Nicht in der Bestürzung und Verwirrung,

sondern aus Feigheit und Aberglauben hatte das Gesinde des alten

Vicedomini sie im Stiche gelassen. Es fürchtete sich, dem jähzornigen

Alten eine Wittib und, mit ihr die Kunde von dem Untergang seines

Hauses zu bringen.

Da der Mönch viele seinesgleichen unter den Zelten und im Freien mit

barmherzigen Werken beschäftigt sah, willfahrte er dem Gesuch. 'Gehen

wir', sagte er und schlug mit dem jungen Weibe die Straße nach der

Stadt ein, deren Türme und Kuppeln auf dem blauen Himmel wuchsen. Der

Weg war bedeckt mit Hunderten, die an den Strand eilten oder vom

Strande zurückkehrten. Die beiden schritten, oft voneinander getrennt,

aber sich immer wieder findend, in der Mitte der Straße, ohne

miteinander zu reden, und wandelten jetzt schon durch die Vorstadt, wo

die Gewerbe hausen. Hier standen überall--das Unglück auf der Brenta

hatte die ganze Bevölkerung auf die Beine gebracht--laut plaudernde

oder flüsternde Gruppen, welche das zufällige Paar, das den Bruder und

den Bräutigam verloren hatte, mit teilnehmender Neugierde betrachteten.

Der Mönch und Diana waren Gestalten, die jedes Kind in Padua kannte.

Astorre, wenn er nicht für einen Heiligen galt, hatte doch den Ruf des

musterhaften Mönches. Er konnte der Stadtmönch von Padua heißen, den

das Volk verehrte und auf den es stolz war. Und mit Grund: denn er

hatte auf die Vorrechte seines hohen Adels und den unermeßlichen

Besitz seines Hauses tapfer, ja freudig verzichtet und gab sein Leben

in Zeiten der Seuche oder bei andern öffentlichen Fährlichkeiten, ohne

zu markten, für den Geringsten und die Ärmste preis. Dabei war er mit

seinem kastanienbraunen Kraushaar, seinen warmen Augen und seiner

edeln Gebärde ein anmutender Mann, wie das Volk seine Heiligen liebt.

Diana war in ihrer Weise nicht weniger namhaft, schon durch die

Vollkraft des Wuchses, welche das Volk mehr als die zarten Reize

bewundert. Ihre Mutter war eine Deutsche gewesen, ja eine Staufin,

wie einige behaupteten, freilich nur dem Blute, nicht dem Gesetze nach.

Deutschland und Welschland hatten zusammen als gute Schwestern diese

große Gestalt gebaut.

Wie herb und streng Diana mit ihresgleichen umging, mit den Geringen

war sie leutselig, ließ sich ihre Händel erzählen, gab kurzen und

deutlichen Bescheid und küßte die zerlumptesten Kinder. Sie schenkte

und spendete ohne Besinnen, wohl weil ihr Vater, der alte Pizzaguerra,

nach Vicedomini der reichste Paduaner, zugleich der schmutzigste

Geizhals war, und Diana sich des väterlichen Lasters schämte.

So verheiratete das ihr geneigte Volk in seinen Schenken und

Plauderstuben Diana monatlich mit irgendeinem vornehmen Paduaner, doch

die Wirklichkeit trug diesen frommen Wünschen keine Rechnung. Drei

Hindernisse erschwerten eine Brautschaft: die hohen und oft finsteren

Brauen Dianas, die geschlossene Hand ihres Vaters und die blinde

Anhänglichkeit ihres Bruders Germano an den Tyrannen, bei dessen

möglichem Falle der treue Diener mit zugrunde gehen mußte, seine Sippe

nach sich ziehend.

Endlich verlobte sich mit ihr, ohne Liebe, wie es stadtkundig war,

Umberto Vicedomini, der jetzt in der Brenta lag.

Übrigens waren die beiden so versunken in ihren gerechten Schmerz, daß

sie das eifrige Geschwätz, welches sich an ihre Fersen heftete,

entweder nicht vernahmen oder sich wenig um dasselbe bekümmerten.

Nicht das gab Anstoß, daß der Mönch und das Weib nebeneinander

schritten. Es erschien in der Ordnung, da der Mönch an ihr zu trösten

hatte und sie wohl beide denselben Weg gingen: zu dem alten Vicedomini,

als die nächsten und natürlichen Boten des Geschehenen.

Die Weiber bejammerten Diana, daß sie einen Mann habe heiraten müssen,

der sie nur als Ersatz für eine teure Gestorbene genommen, und

beklagten sie in demselben Atemzug, daß sie diesen Mann vor der Ehe

eingebüßt habe.

Die Männer dagegen erörterten mit wichtigen Gebärden und den

schlausten Mienen eine brennende Frage, welche sich über den in der

Brenta versunkenen vier Stammhaltern des ersten paduanischen

Geschlechts eröffnet hatte. Die Glücksgüter der Vicedomini waren

sprichwörtlich. Das Familienhaupt, ein ebenso energischer wie

listiger Mensch, der es fertiggebracht hatte, mit beiden, dem fünffach

gebannten Tyrannen von Padua und der diesen verdammenden Kirche auf

gutem Fuß zu bleiben, hatte sich lebelang nicht im geringsten mit

etwas Öffentlichem beschäftigt, sondern ein zähes Dasein und prächtige

Willenskräfte auf ein einziges Ziel gewendet: den Reichtum und das

Gedeihen seines Stammes. Jetzt war dieser vernichtet. Sein Ältester

und die Enkel lagen in der Brenta. Sein Zweiter und Dritter waren in

eben diesem Unglücksjahr, der eine vor zwei, der andere vor drei

Monden von der Erde verschwunden. Den ältern hatte der Tyrann

verbraucht und auf einem seiner wilden Schlachtfelder zurückgelassen.

Der andere, aus welchem der vorurteilslose Vater einen großartigen

Kaufmann in venezianischem Stil gemacht, hatte sich an einer

morgenländischen Küste auf dem Kreuz verblutet, an welches ihn

Seeräuber geschlagen, verspäteten Lösegeldes halber. Als Vierter

blieb Astorre, der Mönch. Daß er diesen mit dem Aufwand seines

letzten Pulses den Klostergelübden zu entreißen versuchen werde, daran

zweifelten die schnellrechnenden Paduaner keinen Augenblick. Ob es

ihm gelinge und der Mönch sich dazu hergebe, darüber stritt jetzt die

aufgeregte Gasse.

Und sie stritt sich am Ende so laut und heftig, daß selbst der

trauernde Mönch nicht mehr im Zweifel darüberbleiben konnte, wer mit

dem 'egli' und der 'ella' gemeint sei, welche aus den versammelten

Gruppen ertönten. Dergestalt schlug er, mehr noch seiner Gefährtin

als seinethalben, eine mit Gras bewachsene Gasse ein, die seinen

Sandalen wohlbekannt war, denn sie führte längs der verwitterten

Ringmauer seines Klosters hin. Hier war es bis zum Schauder kühl,

aber die ganz Padua erfüllende Schreckenskunde hatte selbst diese

Schatten erreicht. Aus den offenen Fenstern des Refektoriums, das in

die dicke Mauer gebaut war, scholl an der verspäteten

Mittagstafel--die Katastrophe auf der Brenta hatte in der Stadt alle

Zeiten und Stunden gestört--das Tischgespräch der Brüder so zänkisch

und schreiend, so voller '-inibus' und '-atibus'--es wurde lateinisch

geführt--, oder dann stritt man sich mit Zitaten aus den Dekretalen,

daß der Mönch unschwer erriet, auch hier werde dasselbe oder ein

ähnliches Dilemma wie auf der Straße verhandelt. Und wenn er sich

vielleicht nicht Rechenschaft gab, wovon, so wußte er doch, von wem

die Rede ging. Aber was er nicht entdeckte, waren--"

Mitten im Sprechen suchte Dante unter den Zuhörern den vornehmen

Kleriker, der sich hinter seinem Nachbarn verbarg.

"--waren zwei brennende, hohle Augen, welche durch eine Luke in der

Mauer auf ihn und das Weib an seiner Seite starrten. Diese Augen

gehörten einer unseligen Kreatur, einem verlorenen Mönch, namens

Serapion, welcher sich, Seele und Leib, im Kloster verzehrte. Mit

seiner voreiligen Einbildungskraft hatte dieser auf der Stelle

begriffen, daß sein Mitbruder Astorre zum längsten nach der Regel des

heiligen Franziskus gedarbt und gefastet habe und beneidete ihn rasend

um den ihm von der Laune des Todes zugeworfenen Besitz weltlicher

Güter und Freuden. Er lauerte auf den Heimkehrenden, um die Mienen

desselben zu erforschen und darin zu lesen, was Astorre über sich

beschlossen hätte. Seine Blicke verschlangen das Weib und hafteten an

ihren Stapfen."

Astorre lenkte die Schritte und die seiner Schwägerin auf einen

kleinen, von vier Stadtburgen gebildeten Platz und trat mit ihr in das

tiefe Tor der vornehmsten. Auf einer Steinbank im Hof erblickte er

zwei Ruhende, einen vom Wirbel zur Zehe gepanzerten, blutjungen

Germanen und einen greisen Sarazenen. Der hingestreckte Deutsche

hatte seinen schlummernden rotblonden Krauskopf in den Schoß des

sitzenden Ungläubigen gelegt, der, ebenfalls schlummernd, mit seinem

schneeweißen Barte väterlich auf ihn niedernickte. Die zwei gehörten

zur Leibwache Ezzelins, welche sich in Nachahmung derjenigen seines

Schwiegers, des Kaisers Friedrich, aus Deutschen und Sarazenen zu

gleichen Teilen zusammensetzte. Der Tyrann war im Palaste. Er mochte

es für seine Pflicht gehalten haben, den alten Vicedomini zu besuchen.

In der Tat vernahmen Astorre und Diana schon auf der Wendeltreppe das

Gespräch, welches Ezzelin in kurzen, ruhigen Worten, der Alte dagegen,

der gänzlich außer sich zu sein schien, mit schreiender und

scheltender Stimme führte. Mönch und Weib blieben am Eingang des

Saales unter dem bleichen Gesinde stehen. Die Diener zitterten an

allen Gliedern. Der Greis hatte sie mit den heftigsten Verwünschungen

überhäuft und dann mit geballten Fäusten weggejagt, weil sie ihm

verspätete Botschaft vom Strand gebracht und dieselbe hervorzustottern

sich kaum getraut. Überdies hatte dieses Gesinde der gefürchtete

Schritt des Tyrannen versteinert. Es war bei Todesstrafe verboten,

ihn anzumelden. Unaufgehalten wie ein Geist betrat er Häuser und

Gemächer.

'Und das berichtest du so gelassen, Grausamer', tobte der Alte in

seiner Verzweiflung, 'als erzähltest du den Verlust eines Rosses oder

einer Ernte? Du hast mir die viere getötet, niemand anders als du!

Was brauchtest du gerade zu jener Stunde am Strande zu reiten? Was

brauchtest du auf die Brenta hinauszugrüßen? Das hast du mir zuleide

getan! Hörst du wohl?'

'Schicksal', antwortete Ezzelin.

'Schicksal?' schrie der Vicedomini. 'Schicksal und Sternguckerei und

Beschwörungen und Verschwörungen und Enthauptungen, von der Zinne auf

das Pflaster sich werfende Weiber und hundert pfeildurchbohrte

Jünglinge vom Roß sinkend in deinen versuchten, waghalsigen Schlachten,

das ist deine Zeit und Regierung, Ezzelin, du Verfluchter und

Verdammter! Uns alle ziehst du in deine blutigen Gleise, alles Leben

und Sterben wird neben dir gewaltsam und unnatürlich, und niemand

endet mehr als reuiger Christ in seinem Bett!'

'Du tust mir unrecht', versetzte der andere. Ich zwar habe mit der

Kirche nichts zu schaffen. Sie läßt mich gleichgültig. Aber dich und

deinesgleichen habe ich nie gehindert, mit ihr zu verkehren. Das

weißt du, sonst würdest du dich nicht erkühnen, mit dem Heiligen Stuhl

Briefe zu wechseln. Was drehst du da in deinen Händen und verbirgst

mir das päpstliche Siegel? Einen Ablaß? Ein Breve? Gib her!

Wahrhaftig, ein Breve! Darf ich es lesen? Du erlaubst? Dein Gönner,

der Heilige Vater, schreibt dir, daß, würde dein Stamm erlöschen bis

auf deinen Vierten und Letzten, den Mönch, dieser ipso facto seiner

Gelübde ledig sei, wenn er aus freiem Willen und eigenem Entschluß in

die Welt zurückkehre. Schlauer Fuchs, wie viele Unzen Goldes hat dich

dieses Pergament gekostet?'

'Verhöhnst du mich?' heulte der Alte. Was anderes blieb mir übrig

nach dem Tod meines Zweiten und Dritten? Für wen hätte ich gesammelt

und gespeichert? Für die Würmer? Für dich? Willst du mich berauben?

... Nein? So hilf mir, Gevatter'--der noch ungebannte Ezzelin hatte

den dritten Knaben Vicedominis aus der Taufe gehoben, denselben, der

sich für ihn auf dem Schlachtfeld geopfert--, 'hilf mir den Mönch

überwinden, daß er wieder weltlich werde und ein Weib nehme, befiehl

es ihm, du Allgewaltiger, gib ihn mir statt des Sohnes, den du mir

geschlachtet hast, halte mir den Daumen, wenn du mich liebst!'

'Das geht mich nichts an', erwiderte der Tyrann ohne die geringste

Erregung. Das mache er mit sich selbst aus. Freiwillig, sagt das

Breve. Warum sollte er, wenn er ein guter Mönch ist, wie ich glaube,

seinen Stand wechseln? Damit das Blut der Vicedomini nicht versiege?

Ist das eine Lebensbedingung der Welt? Sind die Vicedomini eine

Notwendigkeit?'

Jetzt kreischte der andere in rasender Wut: 'Du Böser, du Mörder

meiner Kinder! Ich durchblicke dich! Du willst mich beerben und mit

meinem Geld deine wahnsinnigen Feldzüge führen!' Da gewahrte er seine

Schwiegertochter, welche vor dem zögernden Mönch durch das Gesinde und

über die Schwelle getreten war. Trotz seiner Leibesschwachheit

stürzte er ihr mit wankenden Schritten entgegen, ergriff und riß ihre

Hände, als wollte er sie zur Verantwortung ziehen für das über sie

beide gekommene Unheil. 'Wo hast du meinen Sohn, Diana?' keuchte er.

'Er liegt in der Brenta', antwortete sie traurig, und ihre blauen

Augen dunkelten.

'Wo meine drei Enkel?'

'In der Brenta', wiederholte sie.

'Und dich bringst du mir als Geschenk? Dich behalte ich?' lachte der

Alte mißtönig.

'Wollte der Allmächtige', sagte sie langsam, 'mich zögen die Wellen,

und die andern stünden hier statt meiner!'

Sie schwieg. Dann geriet sie in einen jähen Zorn. 'Beleidigt dich

mein Anblick und bin ich dir überlästig, so halte dich an diesen: er

hat mich, da ich schon gestorben war, an den Haaren gerissen und ins

Leben zurückgezogen!'

Jetzt erst erblickte der Alte den Mönch, seinen Sohn, und sein Geist

sammelte sich mit einer Kraft und Schnelligkeit, welche der schwere

Jammer eher gestählt als gelähmt zu haben schien.

'Wirklich? Dieser hat dich aus der Brenta geholt? Hm! Merkwürdig!

Die Wege Gottes sind doch wunderbar!'

Er ergriff den Mönch an Arm und Schulter, als wollte er sich desselben

Leib und Seele bemächtigen, und schleppte ihn und sich gegen seinen

Krankenstuhl, auf welchen er hinfiel, ohne den gepreßten Arm des nicht

Widerstrebenden freizugeben. Diana folgte und kniete sich auf der

andern Seite des Sessels nieder mit hängenden Armen und gefalteten

Händen, das Haupt auf die Lehne legend, so daß nur der Knoten ihres

blonden Haares wie ein lebloser Gegenstand sichtbar blieb. Der Gruppe

gegenüber saß Ezzelin, die Rechte auf das gerollte Breve wie auf einen

Feldherrnstab gestützt.

'Söhnchen, Söhnchen', wimmerte der Alte mit einer aus Wahrheit und

List gemischten Zärtlichkeit, 'mein letzter und einziger Trost! Du

Stab und Stecken meines Alters wirst mir nicht zwischen diesen

zitternden Händen zerbrechen!... Du begreifst', fuhr er in einem

schon trockneren, sachlichen Ton fort, 'daß, wie die Dinge einmal

liegen, deines Bleibens im Kloster nicht länger sein kann. Ist es

doch kanonisch, nicht wahr, Söhnchen, daß ein Mönch, dessen Vater

verarmt oder versiecht, von seinem Prior beurlaubt wird, um das Erbgut

zu bebauen und den Urheber seiner Tage zu ernähren. Ich aber brauche

dich noch viel notwendiger. Deine Brüder und Neffen sind weg, und

jetzt bist du es, der die Lebensfackel unseres Hauses trägt! Du bist

ein Flämmchen, das ich angezündet habe, und mir kann nicht dienen, daß

es in einer Zelle verglimme und verrauche! Wisse eines'--er hatte in

den warmen, braunen Augen ein aufrichtiges Mitgefühl gelesen, und die

ehrerbietige Haltung des Mönches schien einen blinden Gehorsam zu

versprechen--, 'ich bin kränker, als du denkst. Nicht wahr,

Isaschar?' Er wendete sich rückwärts gegen eine schmale Gestalt,

welche, mit Fläschchen und Löffel in den Händen, durch eine Nebentür

leise hinter den Stuhl des Alten getreten war und jetzt mit dem

blassen Haupt bestätigend nickte. Ich fahre dahin, aber ich sage dir,

Astorre: Läßt du mich meines Wunsches ungewährt, so weigert sich dein

Väterchen, in den Kahn des Totenführers zu steigen, und bleibt

zusammengekauert am Dämmerstrand sitzen!'

Der Mönch streichelte die fiebernde Hand des Alten zärtlich,

antwortete aber mit Sicherheit zwei Worte: 'Meine Gelübde!'

Ezzelin entfaltete das Breve.

'Deine Gelübde?' schmeichelte der alte Vicedomini. Lose Stricke!

Durchfeilte Fesseln! Mache eine Bewegung, und sie fallen. Die

heilige Kirche, welcher du Ehrfurcht und Gehorsam schuldig bist,

erklärt sie für ungültig und nichtig. Da steht es geschrieben.' Sein

dürrer Finger zeigte auf das Pergament mit dem päpstlichen Siegel.

Der Mönch näherte sich ehrerbietig dem Herrscher, empfing die Schrift

und las, von vier Augen beobachtet. Schwindelnd tat er einen Schritt

rückwärts, als stünde er auf einer Turmhöhe und sähe das Geländer

plötzlich weichen.

Ezzelin griff dem Wankenden mit der kurzen Frage unter die Arme: 'Wem

hast du dein Gelübde gegeben, Mönch? Dir? oder der Kirche?'

'Natürlich beiden!' schrie der Alte erbost. 'Das sind verfluchte

Spitzfindigkeiten! Nimm dich vor dem dort in acht, Söhnchen! Er will

uns Vicedomini an den Bettelstab bringen!' Ohne Zorn legte Ezzelin die

Rechte auf den Bart und schwur: 'Stirbt Vicedomini, so beerbt ihn der

Mönch hier, sein Sohn, und stiftet--sollte das Geschlecht mit ihm

erlöschen und wenn er mich und seine Vaterstadt lieb hat--ein Hospital

von einer gewissen Ausdehnung und Großartigkeit, um welches uns die

hundert Städte'--er meinte die Städte Italiens--'beneiden sollen. Nun,

Gevatter, da ich mich von dem Vorwurf der Raubgier gereinigt habe,

darf ich an den Mönch ein paar weitere Fragen richten? Du gestattest?'

Jetzt packte den Alten ein solcher Ingrimm, daß er in Krämpfe fiel.

Noch aber ließ er den Arm des Mönches, welchen er wieder ergriffen

hatte, nicht fahren.

Isaschar näherte den vollen, mit einer stark duftenden Essenz

gefüllten Löffel vorsichtig den fahlen Lippen. Der Gefolterte wendete

mit einer Anstrengung den Kopf ab. 'Laß mich in Ruhe!' stöhnte er,

'du bist auch der Arzt des Vogts!' und schloß die Augen.

Der Jude wandte die seinigen, welche glänzend schwarz und sehr klug

waren, gegen den Tyrannen, als flehe er um Verzeihung für diesen

Argwohn. 'Wird er zur Besinnung zurückkehren?' fragte Ezzelin.

'Ich glaube', antwortete der Jude. 'Noch lebt er und wird wieder

erwachen, aber nicht für lange, fürchte ich. Diese Sonne sieht er

nicht untergehen.'

Der Tyrann ergriff den Augenblick, mit Astorre zu sprechen, der um den

ohnmächtigen Vater beschäftigt war.

'Stehe mir Rede, Mönch!' sagte Ezzelin und wühlte--seine

Lieblingsgebärde--mit den gespreizten Fingern der Rechten in dem

Gewelle seines Bartes. 'Wieviel haben dich die drei Gelübde gekostet,

die du vor zehn und einigen Jahren, ich gebe dir dreißig'--der Mönch

nickte--, beschworen hast?'

Astorre schlug die lautern Augen auf und erwiderte ohne Bedenken:

'Armut und Gehorsam, nichts sonst. Ich habe keinen Sinn für Besitz

und gehorche leicht.' Er hielt inne und errötete.

Der Tyrann fand ein Wohlgefallen an dieser männlichen Keuschheit.

'Hat dir dieser hier deinen Stand aufgenötigt oder dich dazu

beschwatzt?' lenkte er ab.

'Nein', erklärte der Mönch. Seit lange her, wie der Stammbaum erzählt,

wird in unserm Hause von dreien oder vieren der letzte geistlich, sei

es, damit wir Vicedomini einen Fürbitter besitzen, oder um das Erbe

und die Macht des Hauses zu wahren--gleichviel, der Brauch ist alt und

ehrwürdig. Ich kannte mein Los, welches mir nicht zuwider war, von

jung an. Mir wurde kein Zwang auferlegt.'

'Und das dritte?' holte Ezzelin nach--er meinte das dritte Gelübde.

Astorre verstand ihn.

Mit einem neuen, aber dieses Mal schwachen Erröten erwiderte er: 'Es

ist mir nicht leicht geworden, doch ich vermochte es wie andere Mönche,

wenn sie gut beraten sind, und das war ich. Von dem heiligen

Antonius', fügte er ehrfürchtig hinzu.

"Dieser verdienstliche Heilige, wie ihr wißt, Herrschaften, hat einige

Jahre bei den Franziskanern in Padua gelebt", erläuterte Dante.

"Wie sollten wir nicht?" scherzte einer unter den Zuhörern. "Haben

wir doch die Reliquie verehrt, die in dem dortigen Klosterteich

herumschwimmt: ich meine den Hecht, welcher weiland der Predigt des

Heiligen beiwohnte, sich bekehrte, der Fleischspeise entsagte, im

Guten standhielt und jetzt noch in hohem Alter als strenger Vegetarier.

.. " Er verschluckte das Ende des Schwankes, denn Dante hatte gegen

ihn die Stirn gerunzelt.

'Und was riet er dir?' fragte Ezzelin. 'Meinen Stand einfach zu

fassen, schlecht und recht', berichtete der Mönch, als einen

pünktlichen Dienst, etwa wie einen Kriegsdienst, welcher ja auch

gehorsame Muskeln verlangt, und Entbehrungen, die ein wackerer Krieger

nicht einmal als solche fühlen darf: die Erde im Schweiß meines

Angesichts zu graben, mäßig zu essen, mäßig zu fasten, weder Mädchen

noch jungen Frauen Beichte zu sitzen, im Angesicht Gottes zu wandeln

und seine Mutter nicht brünstiger anzubeten, als das Breviarium

vorschreibt.'

Der Tyrann lächelte. Dann streckte er die Rechte gegen den Mönch aus,

ermahnend oder segnend, und sprach: 'Glücklicher! Du hast einen Stern!

Dein Heute entsteht leicht aus deinem Gestern und wird unversehens

zu deinem Morgen! Du bist etwas und nichts Geringes; denn du übst das

Amt der Barmherzigkeit, das ich gelten lasse, wiewohl ich ein anderes

bekleide. Würdest du in die Welt treten, die ihre eigenen Gesetze

befolgt, welche zu lernen es für dich zu spät ist, so würde dein

klarer Stern zum lächerlichen Irrwisch und zerplatzte zischend nach

ein paar albernen Sprüngen unter dem Hohn der Himmlischen!

Noch eines, und dies rede ich als der, welcher ich bin: der Herr von

Padua. Dein Wandel war meinem Volk eine Erbauung, ein Beispiel der

Entsagung. Der Ärmste getröstete sich deiner, den er seine karge Kost

und sein hartes Tagewerk teilen sah. Wirfst du die Kutte weg, freiest

du, ein Vornehmer, eine Vornehme, schöpfst du mit vollen Händen aus

dem Reichtum deines Hauses, so begehst du Raub an dem Volk, welches

dich als einen seinesgleichen in Besitz genommen hat, du machst mir

Unzufriedene und Ungenügsame, und entstände daraus Zorn, Ungehorsam,

Empörung, mich sollte es nicht wundern. Die Dinge verketten sich!

Ich und Padua können dich nicht entbehren! Mit deiner schönen und

ritterlichen Gestalt stichst du der Menge in die Augen und hast auch

mehr oder wenigstens einen edlern Mut als deine bäurischen Brüder.

Wenn das Volk nach seiner rasenden Art diesen hier'--er deutete auf

Isaschar--'ermorden will, weil er ihm Hilfe bringt, was dem Juden in

der letzten Pestzeit--wenig fehlte--geschehen wäre, wer verteidigt ihn,

wie du tatest, gegen die wahnsinnige Menge, bis ich da bin und Halt

gebiete?

Isaschar, hilf mir den Mönch überzeugen!' wendete sich Ezzelin gegen

den Arzt mit einem grausamen Lächeln. Schon deinetwegen darf er sich

nicht entkutten!'

'Herr', lispelte dieser, unter deinem Zepter wird sich die

unvernünftige Szene, welche du so gerecht wie blutig gestraft hast,

kaum wiederholen, und meinethalb, dessen Glaube die Dauer des Stammes

als Gottes höchsten Segen preist, darf der Erlauchte'--so und schon

nicht mehr den Ehrwürdigen nannte er den Mönch--nicht unvermählt

bleiben.'

Ezzelin lächelte über die Feinheit des Juden. 'Und wohin gehen deine

Gedanken, Mönch?' fragte er.

'Sie stehen und beharren! Doch ich wollte--Gott verzeihe mir die

Sünde--, der Vater erwachte nicht mehr, daß ich nicht hart gegen ihn

sein muß! Hätte er nur schon die Zehrung empfangen!' Er küßte heftig

die Wange des Ohnmächtigen, welcher darüber zur Besinnung kam.

Der wieder Belebte tat einen schweren Seufzer, hob die müden

Augenlider und richtete aus dem grauen Gebüsch seiner hängenden Brauen

einen Blick des Flehens auf den Mönch. 'Wie steht's?' fragte er. Was

hast du über mich verhängt, Geliebtester? Himmel oder Hölle?'

'Vater', bat Astorre mit bewegter Stimme, deine Zeit ist um! Dein

Stündlein ist gekommen! Entschlage dich der weltlichen Dinge und

Sorgen! Denke an die Seele! Siehe, deine Priester'--er meinte die

der Pfarrkirche--'sind nebenan versammelt und harren mit den

hochheiligen Sterbesakramenten.'

Es war so. Die Tür des Nebengemaches hatte sich sachte geöffnet, aus

demselben schimmerte schwaches, in der Tageshelle kaum sichtbares

Kerzenlicht, ein Chor präludierte gedämpft, und das leise Schüttern

eines Glöckchens wurde hörbar.

Jetzt klammerte sich der Alte, der seine Knie schon in die kalte Flut

der Lethe versinken fühlte, an den Mönch, wie weiland Sankt Petrus auf

dem See Genezareth an den Heiland. 'Du tust es mir!' lallte er.

'Könnte ich! Dürfte ich!' seufzte der Mönch. 'Bei allen Heiligen,

Vater, denke an die Ewigkeit! Laß das Irdische! Deine Stunde ist da!'

Diese verhallte Weigerung entzündete das letzte Leben des Vicedomini

zur lodernden Flamme. 'Ungehorsamer! Undankbarer!' zürnte er.

Astorre winkte den Priestern.

'Bei allen Teufeln', raste der Alte, 'laßt mich zufrieden mit eurem

Geknete und Gesalbe! Ich habe nichts zu verspielen, ich bin schon ein

Verdammter und bliebe es mitten im himmlischen Reigen, wenn mein Sohn

mich mutwillig verstößt und meinen Lebenskeim verdirbt!'

Der entsetzte Mönch, durch dieses grause Lästern im Tiefsten

erschüttert, sah seinen Vater unwiderruflich der ewigen Unseligkeit

anheimfallen. So meinte er und war fest davon überzeugt, wie ich es

an seiner Stelle auch gewesen wäre. Er warf sich vor dem Sterbenden

in dunkler Verzweiflung auf die Knie und flehte unter stürzenden

Tränen: 'Herr, ich beschwöre Euch, habt Erbarmen mit Euch und mit mir!'

'Laß den Schlaukopf seiner Wege gehen!', raunte der Tyrann. Der Mönch

vernahm es nicht.

Wieder gab er den erstaunten Priestern ein Zeichen, und die

Sterbelitanei wollte beginnen.

Da kauerte sich der Alte zusammen wie ein trotziges Kind und

schüttelte das graue Haupt.

'Laß den Arglistigen seine Straße ziehen!' mahnte Ezzelin lauter.

--'Vater, Vater!' schluchzte der Mönch, und seine Seele zerfloß in

Mitleid.

'Erlauchter Herr und christlicher Bruder', fragte jetzt ein Priester

mit unsicherer Stimme, seid Ihr in der Verfassung, Euern Schöpfer und

Heiland zu empfangen?'

Der Alte schwieg.

'Steht Ihr fest im Glauben an die Heilige Dreifaltigkeit? Antwortet

mir, Herr!' fragte der Geistliche zum andern Male und wurde bleich wie

ein Tuch, denn: 'Geleugnet und gelästert sei sie!' rief der Sterbende

mit starker Stimme, gelästert und--'

'Nicht weiter!' schrie der Mönch und war aufgesprungen. 'Ich bin Euch

zu Willen, Herr! Machet mit mir, was Ihr wollt! Nur daß Ihr Euch

nicht in die Flammen stürzet!'

Der Alte seufzte wie nach einer schweren Anstrengung. Dann blickte er

erleichtert, ich hätte fast gesagt vergnügt, um sich. Er ergriff mit

tastender Hand den blonden Schopf Dianas, zog das sich von den Knien

erhebende Weib in die Höhe, nahm ihre Hand, die sich nicht weigerte,

öffnete die gekrampfte des Mönches und legte beide zusammen.

'Gültig! vor dem hochheiligen Sakrament!' frohlockte er und segnete

das Paar. Der Mönch widersprach nicht, und Diana schloß die Augen.

'Jetzt rasch, ehrwürdige Väter?' drängte der Alte, 'es eilt, wie ich

meine, und ich bin in christlicher Verfassung.'

Der Mönch und seine Braut wollten hinter die priesterliche Schar

zurücktreten. 'Bleibt', murmelte der Sterbende, 'bleibt, daß euch

meine getrösteten Augen zusammen sehen, bis sie brechen!' Astorre und

Diana, kaum einige Schritte zurückweichend, mußten mit vereinigten

Händen vor dem erlöschenden Blick des hartnäckigen Greises verharren.

Dieser murmelte eine kurze Beichte, empfing die letzte Zehrung und

verschied, während sie ihm die Sohlen salbten und der Priester den

schon tauben Ohren jenes großartige: 'Brich auf, christliche Seele!'

zurief. Das gestorbene Antlitz trug den deutlichen Ausdruck

triumphierender List.

Der Tyrann hatte, während ringsum alles auf den Knien lag, die heilige

Handlung sitzend und mit ruhiger Aufmerksamkeit betrachtet, etwa wie

man eine fremde Sitte beschaut oder wie ein Gelehrter das auf einem

Sarkophag abgebildete Opfer eines alten Volkes besichtigt. Er näherte

sich dem Toten und drückte ihm die Augen zu.

Dann wendete er sich gegen Diana. 'Edle Frau', sagte er, 'ich denke,

wir gehen nach Hause. Eure Eltern, wenn auch von Eurer Rettung

unterrichtet, werden nach Euch verlangen. Auch tragt Ihr ein Gewand

der Niedrigkeit, das Euch nicht kleidet.'

'Fürst, ich danke und folge Euch', erwiderte Diana, ließ aber ihre

Hand in der des Mönches ruhen, dessen Blick sie bis jetzt gemieden

hatte. Nun schaute sie dem Gatten voll ins Gesicht und sprach mit

einer tiefen, aber wohlklingenden Stimme, während ihre Wangen sich mit

dunkler Glut bedeckten: 'Mein Herr und Gebieter, wir durften die Seele

des Vaters nicht umkommen lassen. So wurde ich Euer. Haltet mir

bessere Treue als dem Kloster. Euer Bruder hat mich nicht geliebt.

Vergebet mir, wenn ich so rede: ich sage die einfache Wahrheit. Ihr

werdet an mir ein gutes und gehorsames Weib besitzen. Doch habe ich

zwei Eigenschaften, welche Ihr schonen müßt. Ich bin jähzornig, wenn

man mir Recht oder Ehre antastet, und darin peinlich, daß man mir

nichts versprechen darf, ohne es zu halten. Schon als Kind habe ich

das schwer oder nicht gelitten. Ich bin von wenig Wünschen und

verlange nichts über das Alltägliche hinaus; nur wo mir einmal etwas

gezeigt und zugesagt wurde, da bedarf ich der Erfüllung, sonst

verliere ich den Glauben und kränke mich schwerer als andere Frauen

über das Unrecht. Doch wie darf ich so zu Euch reden, mein Herr und

Gebieter, den ich kaum kenne? Laßt mich verstummen. Lebt wohl, mein

Gemahl, und gebt mir neun Tage, Euern Bruder zu betrauern.' Jetzt

löste sie langsam die Hand aus der seinigen und verschwand mit dem

Tyrannen.

Inzwischen hatte die geistliche Schar den Leichnam weggehoben, um ihn

in der Hauskapelle aufzubahren und einzusegnen.

Astorre stand allein in seinem verscherzten Mönchsgewande, welches

eine von Reue erfüllte Brust bedeckte. Ein Heer von Dienern, das den

seltsamen Vorgang belauscht und genügend begriffen hatte, näherte sich

in unterwürfigen Stellungen und mit furchtsamen Gebärden seinem neuen

Herrn, verblüfft und eingeschüchtert weniger noch durch den Wechsel

der Herrschaft als durch das vermeintliche Sakrilegium der gebrochenen

Gelübde--das leise gelesene Breve war nicht zu ihren Ohren

gelangt--und durch die Verweltlichung des ehrwürdigen Mönches. Diesem

gelang es nicht, seinen Vater zu betrauern. Ihn beschlich, jetzt da

er seines Willens wieder mächtig war, der Argwohn, was sage ich, ihn

überkam die empörende Gewißheit, daß ein Sterbender seinen guten

Glauben betrogen und seine Barmherzigkeit mißbraucht habe. Er

entdeckte in der Verzweiflung des Alten den Schlupfwinkel der List und

in der wilden Lästerung das berechnete Spiel an der Schwelle des Todes.

Unwillig, fast feindselig wandte sich sein Gedanke gegen das ihm

zugefallene Weib. Ihn versuchte der verzwickte mönchische Einfall,

dasselbe nicht aus eigenem Herzen, sondern nur als Stellvertreter

seines entseelten Bruders zu lieben; aber sein gesunder Sinn und sein

redliches Gemüt verwarfen die schmähliche Auskunft. Da er sie nun als

die Seinige betrachtete, erwehrte er sich einer gewissen Verwunderung

nicht, daß ihm sein Weib mit so bündiger Rede und harter

Wahrheitsliebe entgegengetreten und so sachlich mit ihm sich

auseinandergesetzt habe, ohne Schleier und Wolke, eine viel derbere

und wirklichere Gestalt als die zarten Erscheinungen der Legende. Er

hatte sich die Frauen weicher gedacht.

Jetzt gewahrte der Mönch plötzlich sein Ordenskleid und den

Widerspruch seiner Gefühle und Betrachtungen mit demselben. Er

schämte sich vor seiner Kutte, und sie wurde ihm lästig. 'Gebt mir

weltliches Gewand!' befahl er. Geschäftige Diener umringten ihn, aus

welchen er bald in der Tracht seines ertrunkenen Bruders, mit dem er

ungefähr von gleichem Wuchs war, hervortrat.

In demselben Augenblick warf sich ihm der Narr seines Vaters, mit

Namen Gocciola, zu Füßen und huldigte ihm, nicht um wie die andern

Verlängerung seines Dienstes sich zu erbitten, sondern seinen Abschied

und die Erlaubnis, den Stand zu wechseln, denn er sei der Welt

überdrüssig, seine Haare ergrauten und es stünde ihm schlecht an, mit

der läutenden Schellenkappe ins Jenseits zu gehen. Mit diesen

weinerlichen Worten bemächtigte er sich der abgeworfenen Kutte, welche

das Gesinde zu berühren sich gescheut hatte. Aber sein buntscheckiges

Gehirn schlug einen Purzelbaum, und er fügte lüstern bei: 'Einmal

möchte ich noch Amarellen essen, ehe ich der Welt und ihren

Täuschungen Valet sage! Hochzeit läßt hier nicht auf sich warten, wie

ich glaube.' Er beleckte sich die Maulwinkel mit seiner fahlen Zunge.

Dann bog er ein Knie vor dem Mönch, schüttelte seine Schellen und

entsprang, die Kutte hinter sich herschleifend.

"Amarelle oder Amare", erläuterte Dante, "heißt das paduanische

Hochzeitsgebäck wegen seines bitteren Mandelgeschmackes und zugleich

mit anmutiger Anspielung auf das Verbum der ersten Konjugation." Hier

machte der Erzähler eine Pause und verschattete Stirn und Augen mit

der Hand, den weitern Gang seiner Fabel übersinnend.

Inzwischen trat der Majordom des Fürsten, ein Alsatier namens Burcardo,

mit abgemessenen Schritten, umständlichen Bücklingen und weitläufigen

Entschuldigungen, daß er die Unterhaltung stören müsse, vor Cangrande,

welchen er in irgendeiner häuslichen Angelegenheit um Befehl bat.

Deutsche waren dazumal an den ghibellinischen Höfen Italiens keine

eben seltene Erscheinung, ja sie wurden gesucht und den Einheimischen

vorgezogen wegen ihrer Redlichkeit und ihres angebotenen

Verständnisses für Zeremonien und Gebräuche.

Als Dante das Haupt wieder hob, gewahrte er den Elsässer und hörte

sein Welsch, das weich und hart beharrlich verwechselte, den Hof

ergötzend, das feine Ohr des Dichters aber empfindlich beleidigend.

Sein Blick verweilte dann mit sichtlichem Wohlgefallen auf den zwei

Jünglingen, Ascanio und dem bepanzerten Krieger. Zuletzt ließ er ihn

sinnend ruhen auf den beiden Frauen, der Herrin Diana, die sich belebt

und deren marmorne Wange sich leicht gerötet hatte, und auf Antiope,

der Freundin Cangrandes, einem hübschen und natürlichen Wesen. Dann

fuhr er fort:

"Hinter der Stadtburg der Vicedomini dehnte sich vormals--jetzt, da

das erlauchte Geschlecht längst erloschen ist, hat sich jener Platz

völlig verändert--ein geräumiger Bezirk bis an den Fuß der festen und

breiten Stadtmauer aus, so geräumig, daß er Weideplätze für Herden,

Gehege für Hirsche und Rehe, mit Fischen gefüllte Teiche, tiefe

Waldschatten und sonnige Weinlauben enthielt. An einem leuchtenden

Morgen, sieben Tage nach der Totenfeier, saß im schwarzen Schatten

einer Zeder, den Rücken an den Stamm gelehnt und die Schnäbel seiner

Schuhe in das brennende Sonnenlicht streckend, der Mönch Astorre; denn

diesen Namen behielt er unter den Paduanern, obwohl er weltlich

geworden war, während seines kurzen Wandels auf der Erde. Er saß oder

lag einem Brunnen gegenüber, der aus dem Mund einer gleichgültigen

Maske eine kühle Flut sprudelte, unfern einer Steinbank, welcher er

das weiche Polster des schwellenden Rasens vorgezogen hatte.

Während er sann oder träumte, ich weiß nicht was, sprangen auf dem

beinahe schon mittäglich übersonnten Platz vor dem Palast zwei junge

Leute von staubbedeckten Gäulen, der eine gepanzert, der andere mit

Wahl gekleidet, obschon im Reisegewand. Ascanio und Germano, so

hießen die Reiter, waren die Günstlinge des Vogtes und zugleich die

Jugendgespielen des Mönches, mit welchen er brüderlich gelernt und

sich ergötzt hatte bis zu seinem fünfzehnten Jahr, dem Beginn seines

Noviziates. Ezzelin hatte sie an seinen Schwieger, Kaiser Friedrich,

gesendet."

Dante hielt inne und verneigte sich vor dem großen Schatten.

"Mit beantworteten Aufträgen kehrten die zwei zu dem Tyrannen zurück,

welchem sie noch überdies die Neuigkeit des Tages mitbrachten: eine in

der kaiserlichen Kanzlei verfertigte Abschrift des an den christlichen

Klerus gerichteten Hirtenbriefes, worin der Heilige Vater den

geistvollen Kaiser vor dem Angesicht der Welt der äußersten

Gottlosigkeit anklagt.

Obwohl mit wichtigen, vielleicht Eile heischenden Aufträgen und dem

unheilschweren Dokument betraut, brachten die beiden es nicht über

sich, an dem Heim ihres Jugendgespielen vorbei nach dem Stadtturm des

Tyrannen zu sprengen. Sie hatten in der letzten Herberge vor Padua,

wo sie, ohne den Bügel zu verlassen, ihre Pferde fressen und saufen

ließen, von dem geschwätzigen Schenkwirt das große Stadtunglück und

das größere Stadtärgernis, den Untergang der Hochzeitsbarke und die

weggeschleuderte Kutte des Mönches, erfahren, so ziemlich mit allen

Umständen, ohne die vereinigten Hände Dianas und Astorres jedoch,

welche noch nicht offenbar geworden waren. Unzerstörliche Bande, die

uns an die Gespielen unserer Kindheit fesseln! Von dem seltsamen

Schicksal Astorres betroffen, konnten die beiden keine Ruhe finden,

bis sie ihn mit Augen gesehen, den Wiedergewonnenen. Während langer

Jahre waren sie nur dem Mönch begegnet, zufällig auf der Straße, ihn

mit einem zwar freundlichen, aber durch aufrichtige Ehrfurcht

vertieften und etwas fremden Kopfnicken begrüßend.

Gocciola, den sie im Hofe des Palastes fanden, wie er mit einer Semmel

beschäftigt auf einem Mäuerlein saß und die Beine baumeln ließ, führte

sie in den Garten. Ihnen voranwandelnd, unterhielt der Narr die

Jünglinge nicht von dem tragischen Schicksal des Hauses, sondern nur

von seinen eigenen Angelegenheiten, welche ihm als das weit Wichtigere

erschienen. Er erzählte, daß er brünstig nach einem seligen Ende

strebe, und verschluckte darüber den Rest der Semmel, ohne ihn mit

seinen wackligen Zähnen gekaut zu haben, so daß er fast daran

erstickte. Über die Gesichter, die er schnitt, und über seine

Sehnsucht nach der Zelle brach Ascanio in ein so lustiges Gelächter

aus, daß er damit den Himmel entwölkte, wenn dieser heute nicht schon

aus eigener Freude in leuchtenden Farben geschwelgt hätte.

Ascanio versagte sich nicht, das Tröpfchen zu foppen, schon um den

lästigen Begleiter loszuwerden. 'Ärmster', begann er, 'du wirst

die Zelle nicht erreichen, denn, unter uns, im tiefsten Vertrauen,

mein Ohm, der Tyrann, hat ein begehrliches Auge auf dich geworfen.

Laß dir sagen: Er besitzt vier Narren, den Stoiker, den Epikuräer, den

Platoniker, den Skeptiker, wie er sie benennt. Diese vier stellen

sich, wann der Ernste spaßen will, auf seinen Wink in die vier Ecken

eines Saales, an dessen Wölbung der gestirnte Himmel und die

Planetenbilder prangen. Der Ohm, im Hauskleid, tritt in die Mitte des

Raumes, klatscht in die Hände, und die Philosophen wechseln hopsend

die Winkel. Vorgestern ist der Stoiker heulend und winselnd

draufgegangen, weil der Unersättliche viele Pfunde Nudeln auf einmal

verschlang. Der Ohm hat mir flüchtig angedeutet, er gedenke ihn zu

ersetzen und werde sich von dem Mönch, deinem neuen Herrn, als

Erbsteuer dich, o Gocciola, erbitten. So steht es. Ezzelin fahndet

nach dir. Wer weiß, ob er nicht hinter dir geht.' Dies war eine

Anspielung auf die Allgegenwart des Tyrannen, welche die Paduaner in

Furcht und beständigem Zittern hielt. Gocciola stieß einen Schrei aus,

als falle die Hand des Gewaltigen auf seine Schulter, blickte sich um,

und obwohl niemand hinter ihm ging als sein kurzer Schatten,

flüchtete er sich zähneklappernd in irgendein Versteck."

"Ich streiche die Narren Ezzelins", unterbrach Dante mit einer

griffelhaltenden Gebärde, als schriebe er seine Fabel, statt sie zu

sprechen, wie er tat. "Der Zug ist unwahr, oder dann log Ascanio. Es

ist durchaus undenkbar, daß ein so ernster und ursprünglich edler

Geist wie Ezzelin Narren gefüttert und sich an ihrem Blödsinn ergötzt

habe." Diesen geraden Stich führte der Florentiner gegen seinen

Gastfreund, auf dessen Mantel Gocciola saß, den Dichter angrinsend.

Cangrande tat nicht dergleichen. Er versprach sich im stillen, bei

erster Gelegenheit mit Wucher heimzuzahlen.

Befriedigt, fast heiter setzte Dante seine Erzählung fort.

"Endlich entdeckten die beiden den entmönchten Mönch, welcher, wie

gesagt, den Rücken an den Stamm einer Pinie lehnte--"

"An den Stamm einer Zeder, Dante", verbesserte die aufmerksam

gewordene Fürstin.

"--einer Zeder lehnte und sich die Fußspitzen sonnte. Er bemerkte die

sich ihm von beiden Seiten Nähernden nicht, so tief war er in sein

leeres oder volles Träumen versunken. Jetzt bückte sich der

mutwillige Ascanio nach einem Grashalm, brach denselben und kitzelte

damit die Nase des Mönches, daß dieser dreimal kräftig nieste.

Astorre ergriff freundlich die Hände seiner Jugendgespielen und zog

sie rechts und links neben sich auf den Rasen nieder. 'Nun, was sagt

ihr dazu?' fragte er in einem Ton, der eher schüchtern als

herausfordernd klang.

'Zuerst mein aufrichtiges Lob deines Priors und deines Klosters!'

scherzte Ascanio. 'Sie haben dich frisch bewahrt. Du schaust

jugendlicher als wir beide. Freilich, die knappe weltliche Tracht und

das glatte Kinn mögen dich auch verjüngen. Weißt du, daß du ein

schöner Mann bist? Du liegst unter deiner Riesenzeder gleich dem

ersten Menschen, den Gott, wie die Gelehrten behaupten, als einen

Dreißigjährigen erschuf, und ich', fuhr er mit einer unschuldigen

Miene fort, da er den Mönch über seinen Mutwillen erröten sah, 'bin

wahrlich der letzte, dich zu tadeln, daß du dich aus der Kutte

befreitest, denn sein Geschlecht zu erhalten, ist der Wunsch alles

Lebenden.'

'Es war nicht mein Wunsch noch freier Entschluß', bekannte der Mönch

wahrhaft. Widerstrebend tat ich den Willen eines sterbenden Vaters.'

'Wirklich?' lächelte Ascanio. Erzähle das niemandem, Astorre, als uns,

die dich lieben. Andern würde dich diese Unselbständigkeit

lächerlich oder gar verächtlich machen. Und, weil wir vom

Lächerlichen reden, gib acht, ich bitte dich, Astorre, daß du den

Menschen aus dem Mönch entwickelst, ohne den guten Geschmack zu

beleidigen! Der heikle Übergang will sorgfältig geschont und

abgestuft sein. Nimm Rat an! Du reisest ein Jährchen, zum Beispiel

an den Hof des Kaisers, von wo nach Padua und zurück die Boten nicht

zu laufen aufhören. Du läßt dich von Ezzelin nach Palermo senden!

Dort lernst du neben dem vollkommensten Ritter und dem

vorurteilslosesten Menschen--ich meine unsern zweiten Friedrich--auch

die Weiber kennen und gewöhnst dir die Mönchsart ab, sie zu vergöttern

oder geringzuschätzen. Das Gemüt des Herrschers färbt Hof und Stadt.

Wie das Leben hier in Padua geworden ist unter meinem Ohm, dem

Tyrannen, wild und übertrieben und gewalttätig, gibt es dir ein

falsches Weltbild. Palermo, wo sich unter dem menschlichsten aller

Herrscher Spiel und Ernst, Tugend und Lust, Treue und Unbestand, guter

Glaube und kluges Mißtrauen in den richtigen Verhältnissen mischen,

bietet das wahrere. Dort vertändelst du den Reigen eines Jahres mit

unsern Freundinnen und Feindinnen in erlaubter oder läßlicher

Weise'--der Mönch runzelte die Stirn--, 'machst etwa einen Feldzug mit,

ohne jedoch unbesonnen dich auszusetzen--denke an deine Bestimmung--,

nur daß du dich wieder erinnerst, wie Pferd und Klinge geführt

werden--als Knabe verstandest du das--, behältst deine muntern braunen

Augen, die--bei der Fackel der Aurora!--leuchten und sprühen, seit du

das Kloster verlassen hast, überall offen und kehrst uns als ein Mann

zurück, der sich und andere besitzt.'

'Er muß dort beim Kaiser eine Schwäbin heiraten', riet der Gepanzerte

gutmütig. 'Sie sind frömmer und verläßlicher als unsere Weiber.'

'Schweigst du wohl?' drohte ihm Ascanio mit dem Finger. 'Mache mir

keine Langeweile mit semmelblonden Zöpfen!' Der Mönch aber drückte die

Rechte Germanos, welche er noch nicht hatte fahren lassen.

'Aufrichtig, Germano', forschte er, was sagst du dazu?' 'Wozu?' fragte

dieser barsch.

'Nun, zu meinem neuen Stand?'

'Astorre, mein Freund', antwortete der Schnurrbärtige etwas verlegen,

'ist es getan, fragt man nicht mehr herum nach Beirat und Urteil. Man

behauptet sich, wo man steht. Willst du aber meine Meinung durchaus

wissen, nun, schau, Astorre, verletzte Treue, gebrochenes Wort,

Fahnenflucht und so weiter, dem gibt man in Germanien grobe Namen.

Natürlich bei dir ist's etwas ganz anderes, das läßt sich gar nicht

vergleichen--und dann der sterbende Vater--Astorre, mein lieber Freund,

du hast ganz hübsch gehandelt, nur wäre das Gegenteil noch hübscher

gewesen. Das ist meine Meinung', schloß er treuherzig.

'So hättest du mir, wärest du dagewesen, die Hand deiner Schwester

verweigert, Germano?'

Dieser fiel aus den Wolken. 'Die Hand meiner Schwester? der Diana?

Derselben, die deinen Bruder betrauert?' 'Derselben. Sie ist meine

Verlobte.'

'O herrlich!' rief jetzt der weltkluge Ascanio, und 'Erfreulich!' fiel

Germano bei. 'Laß dich umarmen, Schwager!' Der Gepanzerte hatte trotz

seiner Geradheit gute Lebensart. Aber er unterdrückte einen Seufzer.

So herzlich er die herbe Schwester achtete, dem Mönch, wie dieser

neben ihm saß, hätte er, nach seinem natürlichen Gefühl, ein anderes

Weib gegeben.

So drehte er den Schnurrbart und Ascanio das Steuerruder des

Gespräches. 'Eigentlich, Astorre',--plauderte der Heitere, 'müssen

wir damit anfangen, uns wieder kennenzulernen; nicht weniger als deine

fünfzehn beschaulichen Klosterjahre liegen zwischen unserer Kindheit

und heute. Nicht daß wir inzwischen unser Wesen geändert hätten, wer

ändert es? Doch wir haben uns ausgewachsen. Dieser zum Beispiel'--er

deutete gegen Germano--freut sich jetzt eines schönen Waffenruhmes;

aber ich habe ihn zu verklagen, daß er ein halber Deutscher geworden

ist. Er'--Ascanio krümmte den Arm, als leere er den Becher--'und

hernach wird er tiefsinnig oder händelsüchtig. Auch verachtet er

unser süßes Italienisch: Ich werde deutsch mit euch reden! prahlt er

und brummt die Bärenlaute einer unmenschlichen Sprache. Dann

erbleicht sein Gesinde, seine Gläubiger fliehen und unsere

Paduanerinnen kehren ihm die stattlichen Rücken zu. Dergestalt ist er

vielleicht so jungfräulich geblieben wie du, Astorre', und er legte

dem Mönch traulich die Hand auf die Schulter.

Germano lachte herzlich und erwiderte, auf Ascanio zeigend: 'Und

dieser hier hat seine Bestimmung gefunden, indem er der perfekte

Höfling wurde.'

'Da irrst du dich, Germano', widersprach der Günstling Ezzelins.

Meine Bestimmung war, das Leben leicht und heiter zu genießen.' Und

zum Beweise dessen rief er freundlich gebietend das Kind des Gärtners

herbei, das er in einiger Entfernung sich vorüberstehlen und nach

seiner neuen Herrschaft, dem Mönche, schielen sah. Das hübsche Ding

trug einen mit Trauben und Feigen überhäuften Korb auf dem lachenden

Haupte und schaute eher schelmisch als schüchtern. Ascanio war

aufgesprungen. Er legte die Linke um die schlanke Seite des Mädchens

und holte sich mit der Rechten aus dem Korb eine Traube. Zugleich

suchte sein Mund die schwellenden Lippen. 'Mich dürstet', sagte er.

Das Mädchen tat schämig, hielt aber stille, weil es seine Früchte

nicht verschütten wollte. Unmutig wendete sich der Mönch von den zwei

Leichtsinnigen ab, und das erschreckende Dirnchen entrann, da es die

harte mönchische Gebärde erblickte, den Pfad ihrer Flucht mit

rollenden Früchten bestreuend. Ascanio, der seine Traube in der Hand

hielt, hob hinter den flüchtigen Stapfen noch zwei andere auf, deren

eine er Germano bot, welcher aber die ungekelterte verächtlich ins

Gras warf. Die andere reichte der Mutwillige dem Mönch, der sie eine

Weile ebenfalls unberührt ließ, dann aber gedankenlos eine saftige

Beere und bald noch eine zweite und die dritte kostete.

'Ein Höfling?' fuhr Ascanio fort, der sich, belustigt durch die

Zimperlichkeit des dreißigjährigen Mönches, wieder neben ihn auf den

Rasen geworfen hatte. 'Glaube das nicht, Astorre! Glaube das

Gegenteil! Ich bin der einzige, welcher meinem Ohm leise, aber

verständlich zuredet, daß er nicht unbarmherzig werde, daß er ein

Mensch bleibe.'

'Er ist nur gerecht und sich selbst getreu!' meinte Germano. 'Über

seine Gerechtigkeit!' jammerte Ascanio, 'und über seine Logik! Padua

ist Reichslehen. Ezzelin ist Vogt. Wer ihm mißfällt, lehnt sich

gegen das Reich auf. Hochverräter werden-'. Er brachte es nicht über

die Lippen. 'Abscheulich!' murmelte er. 'Und überhaupt: warum dürfen

wir Welsche kein eigenes Leben unter unserer warmen Sonne führen?

Warum dieses Nebelphantom des Reiches, das uns den Atem beengt? Ich

rede nicht für mich. Ich bin an den Ohm gefesselt. Stirbt der Kaiser,

den Gott erhalte, so wirft sich ganz Italien mit Flüchen und

Verwünschungen über den Tyrannen Ezzelin und den Neffen erwürgen sie

so nebenbei.' Ascanio betrachtete über der üppigen Erde den

strahlenden Himmel und stieß einen Seufzer aus.

'Uns beide', ergänzte Germano kaltblütig. 'Das aber hat Weile. Der

Gebieter besitzt eine feste Prophezeiung. Der Gelehrte Guido Bonatti

und Paul von Bagdad, welcher mit seinem langen Bart den Staub der

Gasse zusammenfegt, haben ihm, so sehr sich die aufeinander

Eifersüchtigen gewöhnlich widersprechen, ein neues seltsames Sternbild

einmütig folgendergestalt enträtselt: In einer Kürze oder Länge wird

ein Sohn der Halbinsel die ungeteilte Krone derselben erringen mit

Hilfe eines germanischen Kaisers, der für sein Teil jenseits der

Gebirge alles Deutsche in einen harten Reichsapfel zusammenballt. Ist

Friedrich dieser Kaiser? Ist dieser König Ezzelin? Das weiß Gott,

der Zeit und Stunde kennt, aber der Gebieter hat darauf seinen Ruhm

und unsere Köpfe verwettet.'

'Geflechte von Vernunft und Wahn!' ärgerte sich Ascanio, während der

Mönch erstaunte über die Macht der Sterne, den weiten Ehrgeiz der

Herrscher und den alles mitreißenden Strom der Welt. Auch erschreckte

ihn das Gespenst der beginnenden Grausamkeit Ezzelins, in welchem der

Unschuldige die verkörperte Gerechtigkeit gesehen hatte.

Die Hochzeit des Mönchs · 第 3 / 7 题