4. Kunst und Theater.

1. Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft.

(13. October.)

Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter

trübem Himmel, auf eine unbegränzte Wasserwüste, hinauszuschauen. Dazu

gehört gleichwohl, daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß

man hinüber mögte, daß man es nicht kann, daß man Alles zum Leben

vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Fluth, im

Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel,

vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch,

um mich so auszudrücken, den Einem die Natur thut. Dies aber ist vor dem

Bilde unmöglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte,

fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nehmlich einen Anspruch, den

mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild that;

und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber,

wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts

kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt:

der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame

Mittelpunct im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei

geheimnißvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Joungs

Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und

Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es,

wenn man es betrachtet, als ob Einem die Augenlieder weggeschnitten

wären. Gleichwohl hat der Mahler Zweifels ohne eine ganz neue Bahn im

Felde seiner Kunst gebrochen; und ich bin überzeugt, daß sich, mit

seinem Geiste, eine Quadratmeile märkischen Sandes darstellen ließe, mit

einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe einsam plustert, und

daß dies Bild eine wahrhafte Ossianische oder Kosegartensche Wirkung

thun müßte. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer eignen Kreide und

mit ihrem eigenen Wasser mahlte; so, glaube ich, man könnte die Füchse

und Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man, ohne allen

Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmahlerei beibringen kann.

-- Doch meine eigenen Empfindungen, über dies wunderbare Gemählde, sind

zu verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage,

vorgenommen, mich durch die Aeußerungen derer, die paarweise, von Morgen

bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren.

^cb.^

2. Brief eines Mahlers an seinen Sohn.

(22. October.)

Mein lieber Sohn,

Du schreibst mir, daß du eine Madonna mahlst, und daß dein Gefühl dir,

für die Vollendung dieses Werks, so unrein und körperlich dünkt, daß du

jedesmal, bevor du zum Pinsel greifst, das Abendmal nehmen mögtest, um

es zu heiligen. Laß dir von deinem alten Vater sagen, daß dies eine

falsche, dir von der Schule, aus der du herstammst, anklebende

Begeisterung ist, und daß es, nach Anleitung unserer würdigen alten

Meister, mit einer gemeinen, aber übrigens rechtschaffenen Lust an dem

Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand zu bringen, völlig abgemacht

ist. Die Welt ist eine wunderliche Einrichtung; und die göttlichsten

Wirkungen, mein lieber Sohn, gehen aus den niedrigsten und

unscheinbarsten Ursachen hervor. Der Mensch, um dir ein Beispiel zu

geben, das in die Augen springt, gewiß, er ist ein erhabenes Geschöpf;

und gleichwohl, in dem Augenblick, da man ihn macht, ist es nicht

nöthig, daß man dieß, mit vieler Heiligkeit, bedenke. Ja, derjenige, der

das Abendmahl darauf nähme, und mit dem bloßen Vorsatz ans Werk gienge,

seinen Begriff davon in der Sinnenwelt zu construiren, würde ohnfehlbar

ein ärmliches und gebrechliches Wesen hervorbringen; dagegen derjenige,

der, in einer heitern Sommernacht, ein Mädchen, ohne weiteren Gedanken,

küßt, zweifelsohne einen Jungen zur Welt bringt, der nachher, auf

rüstige Weise, zwischen Erde und Himmel herumklettert, und den

Philosophen zu schaffen giebt. Und hiermit Gott befohlen.

^y.^

3. Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler.

(6. November.)

Uns Dichtern ist es unbegreiflich, wie ihr euch entschließen könnt, ihr

lieben Mahler, deren Kunst etwas so Unendliches ist, Jahre lang

zuzubringen mit dem Geschäft, die Werke eurer großen Meister zu copiren.

Die Lehrer, bei denen ihr in die Schule geht, sagt ihr, leiden nicht,

daß ihr eure Einbildungen, ehe die Zeit gekommen ist, auf die Leinewand

bringt; wären wir aber, wir Dichter, in eurem Fall gewesen, so meine

ich, wir würden unsern Rücken lieber unendlichen Schlägen ausgesetzt

haben, als diesem grausamen Verbot ein Genüge zu thun. Die

Einbildungskraft würde sich, auf ganz unüberwindliche Weise, in unseren

Brüsten geregt haben, und wir, unseren unmenschlichen Lehrern zum Trotz,

gleich, sobald wir nur gewußt hätten, daß man mit dem Büschel, und nicht

mit dem Stock am Pinsel mahlen müsse, heimlich zur Nachtzeit die Thüren

verschlossen haben, um uns in der Erfindung, diesem Spiel der Seeligen,

zu versuchen. Da, wo sich die Phantasie in euren jungen Gemüthern

vorfindet, scheint uns, müsse sie, unerbittlich und unrettbar, durch die

endlose Unterthänigkeit, zu welcher ihr euch beim Copiren in Gallerieen

und Sälen verdammt, zu Grund und Boden gehen. Wir wissen, in unsrer

Ansicht schlecht und recht von der Sache nicht, was es mehr bedarf, als

das Bild, das euch rührt, und dessen Vortrefflichkeit ihr euch

anzueignen wünscht, mit Innigkeit und Liebe, durch Stunden, Tage,

Wochen, Monden, oder meinethalben Jahre, anzuschauen. Wenigstens dünkt

uns, läßt sich ein doppelter Gebrauch von einem Bilde machen; einmal

der, den ihr davon macht, nämlich die Züge desselben nachzuschreiben, um

euch die Fertigkeit der mahlerischen Schrift einzulernen; und dann in

seinem Geist, gleich vom Anfang herein, nachzuerfinden. Und auch diese

Fertigkeit müßte, sobald als nur irgend möglich, gegen die Kunst selbst,

deren wesentlichstes Stück die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen

ist, an den Nagel gehängt werden. Denn die Aufgabe, Himmel und Erde! ist

ja nicht, ein Anderer, sondern ihr selbst zu sein, und euch selbst, euer

Eigenstes und Innerstes, durch Umriß und Farben, zur Anschauung zu

bringen! Wie mögt ihr euch nur in dem Maaße verachten, daß ihr willigen

könnt, ganz und gar auf Erden nicht vorhanden gewesen zu sein; da eben

das Dasein so herrlicher Geister, als die sind, welche ihr bewundert,

weit entfernt, euch zu vernichten, vielmehr allererst die rechte Lust in

euch erwecken und mit der Kraft, heiter und tapfer, ausrüsten soll, auf

eure eigne Weise gleichfalls zu sein? Aber ihr Leute, ihr bildet euch

ein, ihr müßtet durch euren Meister, den Raphael oder Corregge, oder wen

ihr euch sonst zum Vorbild gesetzt habt, hindurch; da ihr euch doch ganz

und gar umkehren, mit dem Rücken gegen ihn stellen, und, in

diametral-entgegengesetzter Richtung, den Gipfel der Kunst, den ihr im

Auge habt, auffinden und ersteigen könntet. -- So! sagt ihr und seht

mich an: was der Herr uns da Neues sagt! und lächelt und zuckt die

Achseln. Demnach, ihr Herren, Gott befohlen! Denn da Copernicus schon

vor dreihundert Jahren gesagt hat, daß die Erde rund sei, so sehe ich

nicht ein, was es helfen könnte, wenn ich es hier wiederholte. Lebet

wohl!

^y.^

4. Theater. Den 2. October: Ton des Tages, Lustspiel von Voß.

(4. October.)

Kant sagt irgendwo, in seiner Kritik der Urtheilskraft, daß der

menschliche Verstand und die Hand des Menschen, zwei, auf nothwendige

Weise, zu einander gehörige und auf einander berechnete, Dinge sind. Der

Verstand, meint er, bedürfe, falls er in Wirksamkeit treten solle, ein

Werkzeug von so mannichfaltiger und vielseitiger Vollkommenheit, als die

Hand; und hinwiederum zeige die Struktur der Hand an, daß die

Intelligenz, die dieselbe regiere, der menschliche Verstand sein müsse.

Die Wahrheit dieses, dem Anschein nach paradoxen Satzes, leuchtet uns

nie mehr ein, als wenn wir Herrn Iffland auf der Bühne sehen. Er drückt

in der That, auf die erstaunenswürdigste Art, fast alle Zustände und

innerliche Bewegungen des Gemüths damit aus. Nicht, als ob, bei seinen

theatralischen Darstellungen, nicht seine Figur überhaupt, nach den

Forderungen seiner Kunst, zweckmäßig mitwirkte: in diesem Fall würde

das, was wir hier vorgebracht haben, ein Tadel sein. Es wird ihm, in der

Pantomimik überhaupt, besonders in den bürgerlichen Stücken, nicht

leicht ein Schauspieler heutiger Zeit gleichkommen. Aber von allen

seinen Gliedern, behaupten wir, wirkt, in der Regel, keins, zum Ausdruck

eines Affekts, so geschäftig mit, als die Hand; sie zieht die

Aufmerksamkeit fast von seinem so ausdrucksvollen Gesicht ab: und so

vortrefflich dies Spiel an und für sich auch sein mag, so glauben wir

doch, daß ein Gebrauch, mäßiger und minder verschwenderisch, als der,

den er davon macht, seinem Spiel (_wenn_ dasselbe noch etwas zu wünschen

übrig läßt) vortheilhaft sein würde.

^xy.^

5. Theater. Unmaßgebliche Bemerkung.

(17. October.)

Wenn man fragt, warum die Werke Göthe's so selten auf der Bühne gegeben

werden, so ist die Antwort gemeinhin, daß diese Stücke, so vortrefflich

sie auch sein mögen, der Casse nur, nach einer häufig wiederholten

Erfahrung, von unbedeutendem Vortheil sind. Nun geht zwar, ich gestehe

es, eine Theater-Direction, die, bei der Auswahl ihrer Stücke, auf

nichts, als das Mittel sieht, wie sie besteht, auf gar einfachem und

natürlichem Wege, zu dem Ziel, der Nation ein gutes Theater zu Stande zu

bringen. Denn so wie, nach Adam Smith, der Bäcker, ohne weitere

chemische Einsicht in die Ursachen, schließen kann, daß seine Semmel gut

sei, wenn sie fleißig gekauft wird: so kann die Direktion, ohne sich im

Mindesten mit der Kritik zu befassen, auf ganz unfehlbare Weise,

schließen, daß sie gute Stücke auf die Bühne bringt, wenn Logen und

Bänke immer, bei ihren Darstellungen, von Menschen wacker erfüllt sind.

Aber dieser Grundsatz ist nur wahr, wo das Gewerbe frei, und eine

uneingeschränkte Concurrenz der Bühnen eröffnet ist. In einer Stadt, in

welcher mehrere Theater neben einander bestehn, wird allerdings, sobald

auf irgend einem derselben, durch das einseitige Bestreben, Geld in die

Casse zu locken, das Schauspiel entarten sollte, die Betriebsamkeit

eines andern Theaterunternehmers, unterstützt von dem Kunstsinn des

besseren Theils der Nation, auf den Einfall gerathen, die Gattung, in

ihrer ursprünglichen Reinheit, wieder festzuhalten. Wo aber das Theater

ein ausschließendes Privilegium hat, da könnte uns, durch die Anwendung

eines solchen Grundsatzes, das Schauspiel ganz und gar abhanden kommen.

Eine Direction, die einer solchen Anstalt vorsteht, hat eine

Verpflichtung sich mit der Kritik zu befassen, und bedarf wegen ihres

natürlichen Hanges, der Menge zu schmeicheln, schlechthin einer höhern

Aufsicht des Staats. Und in der That, wenn auf einem Theater, wie das

Berliner, mit Vernachlässigung aller andern Rücksichten, das höchste

Gesetz, die Füllung der Casse wäre: so wäre die Scene unmittelbar, den

spanischen Reutern, Taschenspielern und Faxenmachern einzuräumen; ein

Specktakel bei welchem die Casse, ohne Zweifel, bei weitem erwünschtere

Rechnung finden wird, als bei den götheschen Stükken. Parodieen hat man

schon, vor einiger Zeit, auf der Bühne gesehen; und wenn ein

hinreichender Aufwand von Witz, an welchem es diesen Producten zum Glück

gänzlich gebrach, an ihre Erfindung gesetzt worden wäre, so würde es,

bei der Frivolität der Gemüther, ein Leichtes gewesen sein, das Drama

vermittelst ihrer, ganz und gar zu verdrängen. Ja, gesetzt, die

Direction käme auf den Einfall, die götheschen Stücke so zu geben, daß

die Männer die Weiber- und die Weiber die Männerrollen spielten: falls

irgend auf Costüme und zweckmäßige Carrikatur einige Sorgfalt verwendet

ist, so wette ich, man schlägt sich an der Casse um die Billets, das

Stück muß drei Wochen hinter einander wiederholt werden, und die

Direction ist mit einemmal wieder solvent. -- Welches Erinnerungen sind,

werth, wie uns dünkt, daß man sie beherzige.

H. v. K.

6. Schreiben aus Berlin.

(30. October.)

Den 28. October.

Die Oper Cendrillon, welche sich Mad. Bethmann zum Benefiz gewählt hat,

und Herr Herclots bereits, zu diesem Zweck, übersetzt, soll, wie man

sagt, der zum Grunde liegenden französischen Musik wegen, welche ein

dreisilbiges Wort erfordert, _Ascherlich_, _Ascherling_ oder

_Ascherlein_ u. s. w. nicht _Aschenbrödel_ genannt werden. Brödel, von

Brod oder, altdeutsch Brühe (^brode^ im Französischen) heißt eine mit

Fett und Schmutz bedeckte Frau; eine Bedeutung, in der sich das Wort,

durch eben das, in Rede stehende, Mährchen, in welchem es, mit dem

Muthwillen freundlicher Ironie, einem zarten und lieben Kinde von

überaus schimmernder Reinheit an Leib und Seele, gegeben wird, allgemein

beim Volk erhalten hat. Warum, ehe man diesem Mährchen dergestalt, durch

Unterschiebung eines, an sich gut gewählten, aber gleichwohl

willkührlichen und bedeutungslosen Namens, an das Leben greift, zieht

man nicht lieber, der Musik zu Gefallen, das »del« in »d'l« zusammen,

oder elidirt das d ganz und gar? Ein österreichischer Dichter würde ohne

Zweifel keinen Anstand nehmen, zu sagen: _Aschenbröd'l_ oder

_Aschenbröl_.

Ascherlich oder Aschenbröd'l selbst wird Mademois. Maas; Mad. Bethmann,

wie es heißt, die Rolle einer der eifersüchtigen Schwestern übernehmen.

Mlle. Maas ist ohne Zweifel durch mehr, als die bloße Jugend, zu dieser

Rolle berufen; von Mad. Bethmann aber sollte es uns leid thun, wenn sie

glauben sollte, daß sie, ihres Alters wegen, davon ausgeschlossen wäre.

Diese Resignation käme (wir meinen, wenn nicht den größesten, doch den

verständigsten Theil des Publicums, auf unserer Seite zu haben) noch um

viele Jahre zu früh. Es ist, mit dem Spiel dieser Künstlerin, wie mit

dem Gesang manchen alten Musikmeisters am Fortepiano. Er hat eine, von

manchen Seiten mangelhafte, Stimme und kann sich, was den Vortrag

betrift, mit keinem jungen, rüstigen Sänger messen. Gleichwohl, durch

den Verstand und die ungemein zarte Empfindung, mit welcher er zu Werke

geht, führt er, alle Verletzungen vermeidend, die Einbildung, in

einzelnen Momenten, auf so richtige Wege, daß jeder sich mit

Leichtigkeit das Fehlende ergänzt, und ein in der That höheres Vergnügen

genießt, als ihm eine bessere Stimme, aber von einem geringern Genius

regiert, gewährt haben würde. -- Mad. Bethmanns größester Ruhm, meinen

wir, nimmt allererst, wenn sie sich anders auf ihre Kräfte versteht, in

einigen Jahren (in dem Alter, wo Andere ihn verlieren) seinen Anfang.

^y.^

7. Die sieben kleinen Kinder.

(8. November.)

Was mag aus einer Bande kleiner Sänger geworden sein, die im vorigen

Jahre sich sehr häufig in vielen Straßen Berlins mit wenigen Liedern

hören ließen, die aber so wunderbar auf einzelne Töne eingesungen waren,

daß sie am ersten einen Begriff von der Russischen Hörnermusik geben

konnten? Sie wurden, nach dem einen ihrer bekanntesten Lieder, meist die

sieben kleinen Kinder genannt. Das Lied erzählte von Kindern, denen zu

spät Brod gereicht worden, nachdem sie lange geschrieen und endlich aus

Hunger gestorben waren. -- Ist es diesen armen Schelmen, die wir immer

mit besonderem Vergnügen gehört, etwa auch so ergangen?

Diese Kinder waren jedermann so bekannt, alle Kinder sangen ihnen nach,

daß wir es kaum begreifen können, daß sie nicht in irgend ein lustiges

Stück z. B. Rochus Pumpernickel, auf der Straße eingeführt worden, wo

sie gewiß die allgemeinste Wirkung hervorgebracht hätten. Leider aber

begnügen sich unsre Theater-Dichter die Späße fremder Städte, besonders

Wiens, zu wiederholen; was aber bey uns lustig und erfreulich, dafür

haben sie keine Fassung. So finden sich manche auf unserer Bühne, die

den Wiener oder Schwäbischen Dialekt recht gut nachsprechen, aber

keiner, der z. B. gut pommersch-plattdeutsch redete, was in der Rolle

des Rochus Pumpernickel sicher recht eigenthümliche Wirkung bei uns

thäte.

^ava.^

8. Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind

umbringt.

(13. November.)

»In einer Stadt Franecker genannt, gelegen in Westfriesland, da ist es

geschehen, daß junge Kinder, fünf- sechsjährige, Mägdlein und Knaben mit

einander spielten. Und sie ordneten ein Büblein an, das solle der

Metzger sein, ein anderes Büblein, das solle Koch sein, und ein drittes

Büblein, das solle eine Sau sein. Ein Mägdlein, ordneten sie, solle

Köchin sein, wieder ein anderes, das solle Unterköchin sein; und die

Unterköchin solle in einem Geschirrlein das Blut von der Sau empfahen,

daß man Würste könne machen. Der Metzger gerieth nun verabredetermaßen

an das Büblein, das die Sau sollte sein, riß es nieder und schnitt ihm

mit einem Messerlein die Gurgel auf; und die Unterköchinn empfing das

Blut in ihrem Geschirrlein. Ein Rathsherr, der von ungefähr vorübergeht,

sieht dies Elend; er nimmt von Stund' an den Metzger mit sich, und führt

ihn in des Obersten Haus, welcher sogleich den ganzen Rath versammeln

ließ. Sie saßen all' über diesen Handel, und wußten nicht, wie sie ihm

thun sollten, denn sie sahen wohl, daß es kindlicher Weise geschehen

war. Einer unter ihnen, ein alter weiser Mann, gab den Rath, der oberste

Richter solle einen schönen rothen Apfel in die eine Hand nehmen, in die

andere einen rheinischen Gulden, solle das Kind zu sich rufen, und beide

Hände gleich gegen dasselbe ausstrecken; nehme es den Apfel, so solle es

ledig erkannt werden, nehme es aber den Gulden, so solle man es auch

tödten. Dem wird gefolgt; das Kind aber ergreift den Apfel lachend, wird

also aller Strafe ledig erkannt.«

Diese rührende Geschichte aus einem alten Buche gewinnt ein neues

Interesse durch das letzte kleine Trauerspiel Werners, der vier und

zwanzigste Februar genannt, welches in Weimar und Lauchstädt schon oft,

und mit einem so lebhaften Antheil gesehen worden ist, als vielleicht

kein Werk eines modernen Dichters. Das unselige Mordmesser, welches in

jener Tragödie der unruhige Dolch des Schicksals ist, (vielleicht

derselbe, den Mackbeth vor sich her zur Schlafkammer des Königs gehen

sieht) ist dasselbe Messer, womit der eine Knabe den anderen getödtet,

und er empfängt in jener That seine erste blutige Weihe. Wir wissen

nicht, ob Werner die obige Geschichte ganz gekannt oder erzählt hat,

denn jenes treflichste und darstellbarste Werk Werners, zu dem nur drei

Personen, Vater und Mutter und Sohn, nur eine doppelte durchgeschlagene

Schweizer Bauerstube, ein Schrank, ein Messer und etwas Schnee, den der

Winter gewiß bald bringen wird, die nöthigen Requisite sind, ist auf

unserer Bühne noch nicht aufgeführt worden. Gleichwohl besitzen wir

mehr, als die Weimaraner, um es zu geben, einen Iffland, eine Bethmann

und Schauspieler, um den Sohn darzustellen, im Ueberfluß. Möge diese

kleine Mittheilung den Sinn und den guten Willen dazu anregen.

Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken · 第 17 / 39 题