1. Allerneuester Erziehungsplan.
(29-31. October; 9. 10. November.)
Zu welchen abentheuerlichen Unternehmungen, sei es nun das Bedürfniß,
sich auf eine oder die andere Weise zu ernähren, oder auch die bloße
Sucht, neu zu sein, die Menschen verführen, und wie lustig dem zufolge
oft die Insinuationen sind, die an die Redaction dieser Blätter
einlaufen: davon möge folgender Aufsatz, der uns kürzlich zugekommen
ist, eine Probe sein.
Allerneuester Erziehungsplan.
Hochgeehrtes Publicum,
Die Experimental-Physik, in dem Capitel von den Eigenschaften
elektrischer Körper, lehrt, daß wenn man in die Nähe dieser Körper,
oder, um kunstgerecht zu reden, in ihre Atmosphäre, einen unelektrischen
(neutralen) Körper bringt, dieser plötzlich gleichfalls elektrisch wird,
und zwar die entgegengesetzte Elektricität annimmt. Es ist als ob die
Natur einen Abscheu hätte, gegen Alles, was, durch eine Verbindung von
Umständen, einen überwiegenden und unförmlichen Werth angenommen hat;
und zwischen je zwei Körpern, die sich berühren, scheint ein Bestreben
angeordnet zu sein, das ursprüngliche Gleichgewicht, das zwischen ihnen
aufgehoben ist, wieder herzustellen. Wenn der elektrische Körper positiv
ist: so flieht aus dem unelektrischen Alles, was an natürlicher
Elektricität darin vorhanden ist, in den äußersten und entferntesten
Raum desselben, und bildet, in den, jenem zunächst liegenden
Theilen eine Art von Vacuum, das sich geneigt zeigt, den
Elektricitäts-Ueberschuß, woran jener, auf gewisse Weise, krank ist, in
sich aufzunehmen; und ist der elektrische Körper negativ, so häuft sich,
in dem unelektrischen, und zwar in den Theilen, die dem elektrischen
zunächst liegen, die natürliche Elektricität schlagfertig an, nur auf
den Augenblick harrend, den Elektricitäts-Mangel umgekehrt, woran jener
krank ist, damit zu ersetzen. Bringt man den unelektrischen Körper in
den Schlagraum des elektrischen, so fällt, es sei nun von diesem zu
jenem, oder von jenem zu diesem, der Funken: das Gleichgewicht ist
hergestellt, und beide Körper sind einander an Elektricität völlig
gleich.
Dieses höchst merkwürdige Gesetz findet sich, auf eine, unseres Wissens,
noch wenig beachtete Weise, auch in der moralischen Welt; dergestalt,
daß ein Mensch, dessen Zustand indifferent ist, nicht nur augenblicklich
aufhört, es zu sein, sobald er mit einem Anderen, dessen Eigenschaften,
gleichviel auf welche Weise, bestimmt sind, in Berührung tritt: sein
Wesen wird sogar, um mich so auszudrücken, gänzlich in den
entgegengesetzten Pol hinübergespielt; er nimmt die Bedingung + an, wenn
jener von der Bedingung -, und die Bedingung -, wenn jener von der
Bedingung + ist.
Einige Beispiele, hochverehrtes Publicum, werden dies deutlicher machen.
Das gemeine Gesetz des Widerspruchs ist jedermann, aus eigner Erfahrung,
bekannt; das Gesetz, das uns geneigt macht, uns, mit unserer Meinung,
immer auf die entgegengesetzte Seite hinüber zu werfen. Jemand sagt mir,
ein Mensch, der am Fenster vorübergeht, sei so dick, wie eine Tonne. Die
Wahrheit zu sagen, er ist von gewöhnlicher Corpulenz. Ich aber, da ich
ans Fenster komme, ich berichtige diesen Irrthum nicht bloß: ich rufe
Gott zum Zeugen an, der Kerl sei so dünn, als ein Stecken.
Oder eine Frau hat sich, mit ihrem Liebhaber, ein Rendezvous menagirt.
Der Mann, in der Regel, geht des Abends, um Triktrak zu spielen, in die
Tabagie; gleichwohl, um sicher zu gehen, schlingt sie den Arm um ihn,
und spricht: mein lieber Mann! Ich habe die Hammelkeule, von heute
Mittag, aufwärmen lassen. Niemand besucht mich, wir sind ganz allein;
laß uns den heutigen Abend einmal in recht heiterer und vertraulicher
Abgeschlossenheit zubringen. Der Mann, der gestern schweres Geld in der
Tabagie verlor, dachte in der That heut, aus Rücksicht auf seine Casse,
zu Hause zu bleiben; doch plötzlich wird ihm die entsetzliche Langeweile
klar, die ihm, seiner Frau gegenüber, im Hause verwartet. Er spricht:
liebe Frau! Ich habe einem Freunde versprochen, ihm im Triktrak, worin
ich gestern gewann, Revange zu geben. Laß mich, auf eine Stunde, wenn es
sein kann, in die Tabagie gehn; morgen von Herzen gern stehe ich zu
deinen Diensten.
Aber das Gesetz, von dem wir sprechen, gilt nicht bloß von Meinungen und
Begehrungen, sondern auf weit allgemeinere Weise, auch von Gefühlen,
Affecten, Eigenschaften und Charakteren.
Ein Portugiesischer Schiffskapitain, der, auf dem Mittelländischen Meer,
von drei Venetianischen Fahrzeugen angegriffen ward, befahl,
entschlossen wie er war, in Gegenwart aller seiner Officiere und
Soldaten, einem Feuerwerker, daß sobald irgend auf dem Verdeck ein Wort
von Uebergabe laut werden würde, er, ohne weiteren Befehl, nach der
Pulverkammer gehen, und das Schiff in die Luft sprengen mögte. Da man
sich vergebens, bis gegen Abend, gegen die Uebermacht herumgeschlagen
hatte, und allen Forderungen, die die Ehre an die Equipage machen
konnte, ein Genüge geschehen war: traten die Officiere in vollzähliger
Versammlung den Capitain an, und forderten ihn auf, das Schiff zu
übergeben. Der Capitain, ohne zu antworten, kehrte sich um, und fragte,
wo der Feuerwerker sei; seine Absicht, wie er nachher versichert hat,
war, ihm aufzugeben, auf der Stelle den Befehl, den er ihm ertheilt, zu
vollstrecken. Als er aber den Mann schon, die brennende Lunte in der
Hand, unter den Fässern, in Mitten der Pulverkammer fand: ergriff er ihn
plötzlich, von Schrecken bleich, bei der Brust, riß ihn, in
Vergessenheit aller anderen Gefahr, aus der Kammer heraus, trat die
Lunte, unter Flüchen und Schimpfwörtern, mit Füßen aus und warf sie in's
Meer. Den Officieren aber sagte er, daß sie die weiße Fahne aufstecken
mögten, indem er sich übergeben wolle.
Ich selbst, um ein Beispiel aus meiner Erfahrung zu geben, lebte, vor
einigen Jahren, aus gemeinschaftlicher Kasse, in einer kleinen Stadt am
Rhein, mit einer Schwester. Das Mädchen war in der That bloß, was man,
im gemeinen Leben, eine gute Wirthinn nennt; freigebig sogar in manchen
Stücken; ich hatte es selbst erfahren. Doch weil ich locker und lose
war, und das Geld auf keine Weise achtete: so fieng sie an zu knickern
und zu knausern; ja, ich bin überzeugt, daß sie geizig geworden wäre,
und mir Rüben in den Caffe und Lichter in die Suppe gethan hätte. Aber
das Schicksal wollte zu ihrem Glücke, daß wir uns trennten.
Wer dies Gesetz recht begreift, dem wird die Erscheinung gar nicht mehr
fremd sein, die den Philosophen so viel zu schaffen giebt: die
Erscheinung, daß große Männer, in der Regel, immer von unbedeutenden und
obscuren Eltern abstammen, und eben so wieder Kinder groß ziehen, die in
jeder Rücksicht untergeordnet und geringartig sind. Und in der That, man
kann das Experiment, wie die moralische Atmosphäre, in dieser Hinsicht,
wirkt, alle Tage anstellen. Man bringe nur einmal Alles, was, in einer
Stadt, an Philosophen, Schöngeistern, Dichtern und Künstlern, vorhanden
ist, in einen Saal zusammen: so werden einige, aus ihrer Mitte, auf der
Stelle dumm werden; wobei wir uns, mit völliger Sicherheit, auf die
Erfahrung eines jeden berufen, der solchem Thee oder Punsch einmal
beigewohnt hat.
Wie vielen Einschränkungen ist der Satz unterworfen: daß schlechte
Gesellschaften gute Sitten verderben; da doch schon Männer wie Basedow
und Campe, die doch sonst, in ihrem Erziehungs-Handwerk, wenig
gegensätzisch verfuhren, angerathen haben, jungen Leuten zuweilen den
Anblick böser Beispiele zu verschaffen, um sie von dem Laster
abzuschrecken. Und wahrlich, wenn man die gute Gesellschaft, mit der
schlechten, in Hinsicht auf das Vermögen, die Sitte zu entwickeln,
vergleicht, so weiß man nicht, für welche man sich entscheiden soll, da,
in der guten, die Sitte nur nachgeahmt werden kann, in der schlechten
hingegen, durch eine eigenthümliche Kraft des Herzens erfunden werden
muß. Ein Taugenichts mag, in tausend Fällen, ein junges Gemüth, durch
sein Beispiel, verführen, sich auf Seiten des Lasters hinüber zu
stellen; tausend andere Fälle aber giebt es, wo es, in natürlicher
Reaction, das Polar-Verhältniß gegen dasselbe annimmt; und dem Laster,
zum Kampf gerüstet, gegenüber tritt. Ja, wenn man, auf irgend einem
Platze der Welt, etwa einer wüsten Insel, Alles was die Erde an
Bösewichtern hat, zusammenbrächte: so würde sich nur ein Thor darüber
wundern können, wenn er, in kurzer Zeit, alle, auch die erhabensten und
göttlichsten, Tugenden unter ihnen anträfe.
Wer dies für paradox halten könnte, der besuche nur einmal ein Zuchthaus
oder eine Festung. In den von Frevlern aller Art, oft bis zum Sticken
angefüllten Kasematten, werden, weil keine Strafe mehr, oder doch nur
sehr unvollkommen, bis hierher dringt, Ruchlosigkeiten, die kein Name
nennt, verübt. Demnach würde, in solcher Anarchie, Mord und Todtschlag
und zuletzt der Untergang Aller die unvermeidliche Folge sein, wenn
nicht auf der Stelle, aus ihrer Mitte, welche aufträten, die auf Recht
und Sitte halten. Ja, oft setzt sie der Commendant selbst ein; und
Menschen, die vorher aufsätzig waren gegen alle göttliche und
menschliche Ordnung, werden hier, in erstaunenswürdiger Wendung der
Dinge, wieder die öffentlichen geheiligten Handhaber derselben, wahre
Staatsdiener der guten Sache, bekleidet mit der Macht, ihr Gesetz
aufrecht zu erhalten.
Daher kann die Welt mit Recht auf die Entwikkelung der
Verbrecher-Kolonie in Botany-Bay aufmerksam sein. Was aus solchem, dem
Boden eines Staats abgeschlämmten Gesindel werden kann, liegt bereits in
den nordamerikanischen Freistaaten vor Augen; und um uns auf den Gipfel
unserer metaphysischen Ansicht zu schwingen, erinnern wir den Leser bloß
an den Ursprung, die Geschichte, an die Entwikkelung und Größe Roms.