M. F.

4. Der Griffel Gottes.

(5. October.)

In Polen war eine Gräfinn von P...., eine bejahrte Dame, die ein sehr

bösartiges Leben führte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren

Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie

starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution ertheilt hatte,

ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen

kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ, auf welchem

dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung geschehen war. Tags

darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, über dem Leichenstein ein,

und ließ nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen

gelesen, also lauteten: _sie ist gerichtet_! -- Der Vorfall (die

Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein

existirt noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die ihn sammt der

besagten Inschrift gesehen.

5. Muthwille des Himmels.

Eine Anekdote.

(10. October.)

Der in Frankfurt an der Oder, wo er ein Infanterie-Regiment besaß,

verstorbene General Dieringshofen, ein Mann von strengem und

rechtschaffenem Charakter, aber dabei von manchen Eigenthümlichkeiten

und Wunderlichkeiten, äußerte, als er, in spätem Alter, an einer

langwierigen Krankheit, auf den Tod darniederlag, seinen Widerwillen,

unter die Hände der Leichenwäscherinnen zu fallen. Er befahl bestimmt,

daß niemand, ohne Ausnahme, seinen Leib berühren solle; daß er ganz und

gar in dem Zustand, in welchem er sterben würde, mit Nachtmütze, Hosen

und Schlafrock, wie er sie trage, in den Sarg gelegt und begraben sein

wolle; und bat den damaligen Feldprediger seines Regiments, Herrn P...,

welcher der Freund seines Hauses war, die Sorge für die Vollstreckung

dieses seines letzten Willens zu übernehmen. Der Feldprediger P...

versprach es ihm: er verpflichtete sich, um jedem Zufall vorzubeugen,

bis zu seiner Bestattung, von dem Augenblick an, da er verschieden sein

würde, nicht von seiner Seite zu weichen. Darauf nach Verlauf mehrerer

Wochen, kömmt, bei der ersten Frühe des Tages, der Kammerdiener in das

Haus des Feldpredigers, der noch schläft, und meldet ihm, daß der

General um die Stunde der Mitternacht schon, sanft und ruhig, wie es

vorauszusehen war, gestorben sei. Der Feldprediger P... zieht sich,

seinem Versprechen getreu, sogleich an, und begiebt sich in die Wohnung

des Generals. Was aber findet er? -- Die Leiche des Generals schon

eingeseift auf einem Schemel sitzen: der Kammerdiener, der von dem

Befehl nichts gewußt, hatte einen Barbier herbeigerufen, um ihm

vorläufig zum Behuf einer schicklichen Ausstellung, den Bart abzunehmen.

Was sollte der Feldprediger unter so wunderlichen Umständen machen? Er

schalt den Kammerdiener aus, daß er ihn nicht früher herbeigerufen

hatte; schickte den Barbier, der den Herrn bei der Nase gefaßt hielt,

hinweg, und ließ ihn, weil doch nichts anders übrig blieb, eingeseift

und mit halbem Bart, wie er ihn vorfand, in den Sarg legen und begraben.

^r.^

6. Anekdote aus dem letzten Kriege.

(20. October.)

Den ungeheuersten Witz, der vielleicht, so lange die Erde steht, über

Menschenlippen gekommen ist, hat, im Lauf des letztverflossenen Krieges,

ein Tambour gemacht; ein Tambour meines Wissens von dem damaligen

Regiment von Puttkammer; ein Mensch, zu dem, wie man gleich hören wird,

weder die griechische noch römische Geschichte ein Gegenstück liefert.

Dieser hatte, nach Zersprengung der preußischen Armee bei Jena, ein

Gewehr aufgetrieben, mit welchem er, auf seine eigne Hand, den Krieg

fortsetzte; dergestalt, daß da er, auf der Landstraße, Alles, was ihm an

Franzosen in den Schuß kam, niederstreckte und ausplünderte, er von

einem Haufen französischer Gensdarmen, die ihn aufspürten, ergriffen,

nach der Stadt geschleppt, und, wie es ihm zukam, verurtheilt ward,

erschossen zu werden. Als er den Platz, wo die Execution vor sich gehen

sollte, betreten hatte, und wohl sah, daß Alles, was er zu seiner

Rechtfertigung vorbrachte, vergebens war, bat er sich von dem Obristen,

der das Detaschement commandirte, eine Gnade aus; und da der Obrist,

inzwischen die Officiere, die ihn umringten, in gespannter Erwartung

zusammentraten, ihn fragte: was er wolle? zog er sich die Hosen ab, und

sprach: sie mögten ihn in den ... schießen, damit das F.. kein L...

bekäme. -- Wobei man noch die Shakespearsche Eigenschaft bemerken muß,

daß der Tambour mit seinem Witz, aus seiner Sphäre als Trommelschläger

nicht herausging.

^x.^

7. Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken.

Eine Anekdote.

(19. October.)

Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lignowski, ein heilloser und

unverbesserlicher Säufer, versprach nach unendlichen Schlägen, die er

deshalb bekam, daß er seine Aufführung bessern und sich des Brannteweins

enthalten wolle. Er hielt auch, in der That, Wort, während drei Tage:

ward aber am Vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden, und,

von einem Unterofficier, in Arrest gebracht. Im Verhör befragte man ihn,

warum er, seines Vorsatzes uneingedenk sich von Neuem dem Laster des

Trunks ergeben habe? »Herr Hauptmann!« antwortete er; »es ist nicht

meine Schuld. Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns, mit einer Kiste

Färbholz, über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken:

_Pom_meranzen! _Pom_meranzen! _Pom_meranzen!« Läut', Teufel, läut,

sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der

Königsstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh ich einen

Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathhaus still: da bimmelt es

vom Thurm herab: »Kümmel! Kümmel! Kümmel! -- Kümmel! Kümmel! Kümmel!«

Ich sage zum Thurm: bimmle du, daß die Wolken reißen -- und gedenke,

mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und

trinke nichts. Drauf führt mich der Teufel, auf dem Rückweg, über den

Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr denn dreißig

Gäste beisammen waren, stehe, geht es, vom Spittelthurm herab:

»Anisette! Anisette! Anisette!« Was kostet das Glas, frag' ich? Der

Wirth spricht: Sechs Pfennige. Geb' er her, sag' ich -- und was weiter

aus mir geworden ist, das weiß ich nicht.

^xyz.^

8. Tages-Ereigniß.

(7. November.)

Das Verbrechen des Ulahnen Hahn, der heute hingerichtet ward, bestand

darin, daß er dem Wachtmeister _Pape_, der ihn, eines kleinen

Dienstversehens wegen, auf höheren Befehl, arretiren wollte, und

deshalb, von der Straße her, zurief, ihm in die Wache zu folgen, indem

er das Fenster, an dem er stand, zuwarf, antwortete: von einem solchen

Laffen ließe er sich nicht in Arrest bringen. Hieraus verfügte der

Wachtmeister Pape, um ihn mit Gewalt fortzuschaffen, sich in das Zimmer

desselben: stürzte aber, von einer Pistolenkugel des Rasenden getroffen,

sogleich todt zu Boden nieder. Ja, als auf den Schuß, mehrere Soldaten

seines Regiments herbeieilten, schien er sie, mit den Waffen in der

Hand, in Respect halten zu wollen, und jagte noch eine Kugel durch das

Hirn des in seinem Blute schwimmenden Wachtmeisters; ward aber

gleichwohl, durch einige beherzte Cameraden, entwaffnet und ins

Gefängniß gebracht. Se. Maj. der König haben, wegen der Unzweideutigkeit

des Rechtsfalls befohlen, ungesäumt mit der Vollstreckung des, von den

Militair-Gerichten gefällten, Rechtsspruchs, der ihm das Rad zuerkannte,

vorzugehen.

9. Der verlegene Magistrat.

Eine Anekdote.

(4. October.)

Ein H...r Stadtsoldat hatte vor nicht gar langer Zeit, ohne Erlaubniß

seines Offiziers, die Stadtwache verlassen. Nach einem uralten Gesetz

steht auf ein Verbrechen dieser Art, das sonst der Streifereien des

Adels wegen, von großer Wichtigkeit war, eigentlich der Tod. Gleichwohl,

ohne das Gesetz mit bestimmten Worten aufzuheben, ist davon seit vielen

hundert Jahren kein Gebrauch mehr gemacht worden: dergestalt, daß statt

auf die Todesstrafe zu erkennen, derjenige, der sich dessen schuldig

macht, nach einem feststehenden Gebrauch, zu einer bloßen Geldstrafe,

die er an die Stadtcasse zu erlegen hat, verurtheilt wird. Der besagte

Kerl aber, der keine Lust haben mochte, das Geld zu entrichten,

erklärte, zur großen Bestürzung des Magistrats: daß er, weil es ihm

einmal zukomme, dem Gesetz gemäß, sterben wolle. Der Magistrat, der ein

Mißverständniß vermuthete, schickte einen Deputirten an den Kerl ab, und

ließ ihm bedeuten, um wieviel vorteilhafter es für ihn wäre, einige

Gulden Geld zu erlegen, als arquebusirt zu werden. Doch der Kerl blieb

dabei, daß er seines Lebens müde sei, und daß er sterben wolle:

dergestalt, daß dem Magistrat, der kein Blut vergießen wollte, nichts

übrig blieb, als dem Schelm die Geldstrafe zu erlassen, und noch froh

war, als er erklärte, daß er, bei so bewandten Umständen am Leben

bleiben wolle.

^rz.^

10. Charité-Vorfall.

(13. October.)

Der von einem Kutscher kürzlich übergefahrne Mann, Namens Beyer, hat

bereits dreimal in seinem Leben ein ähnliches Schicksal gehabt;

dergestalt, daß bei der Untersuchung, die der Geheimerath Hr. K. in der

Charité mit ihm vornahm, die lächerlichsten Mißverständnisse vorfielen.

Der Geheimerath, der zuvörderst seine beiden Beine, welche krumm und

schief und mit Blut bedeckt waren, bemerkte, fragte ihn: ob er an diesen

Gliedern verletzt wäre? worauf der Mann jedoch erwiederte: nein! die

Beine wären ihm schon vor fünf Jahren, durch einen andern Doktor,

abgefahren worden. Hierauf bemerkte ein Arzt, der dem Geheimenrath zur

Seite stand, daß sein linkes Auge geplatzt war; als man ihn jedoch

fragte: ob ihn das Rad hier getroffen hätte? antwortete er: nein! das

Auge hätte ihm ein Doktor bereits vor 14 Jahren ausgefahren. Endlich,

zum Erstaunen aller Anwesenden, fand sich, daß ihm die linke

Rippenhälfte, in jämmerlicher Verstümmelung, ganz auf den Rücken gedreht

war; als aber der Geheimerath ihn fragte: ob ihn des Doktors Wagen hier

beschädigt hätte, antwortete er: nein! die Rippen wären ihm schon vor 7

Jahren durch einen Doktorwagen zusammengefahren worden. -- Bis sich

endlich zeigte, daß ihm durch die letztere Ueberfahrt der linke

Ohrknorpel ins Gehörorgan hineingefahren war. -- Der Berichterstatter

hat den Mann selbst über diesen Vorfall vernommen, und selbst die

Todtkranken, die in dem Saale auf den Betten herumlagen, mußten, über

die spaßhafte und indolente Weise, wie er dies vorbrachte, lachen. --

Uebrigens bessert er sich; und falls er sich vor den Doktoren, wenn er

auf der Straße geht, in Acht nimmt, kann er noch lange leben.

11. Anekdote.

(24. October.)

Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begräbniß Anstalt machen. Der

arme Mann war aber gewohnt, Alles durch seine Frau besorgen zu lassen;

dergestalt daß da ein alter Bedienter kam, und ihm für Trauerflor, den

er einkaufen wollte, Geld abforderte, er unter stillen Thränen, den Kopf

auf einen Tisch gestützt, antwortete: »sagt's meiner Frau«. --

12. Räthsel.

(1. November.)

Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von denen kein Mensch

wußte, daß sie mit einander in Verhältniß standen, befanden sich einst

bei dem Commendanten der Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen

Gesellschaft. Die Dame, jung und schön, trug, wie es zu derselben Zeit

Mode war, ein kleines schwarzes Schönpflästerchen im Gesicht, und zwar

dicht über der Lippe, auf der rechten Seite des Mundes. Irgend ein

Zufall veranlaßte, daß die Gesellschaft sich auf einen Augenblick aus

dem Zimmer entfernte, dergestalt, daß nur der Doktor und die besagte

Dame darin zurückblieben. Als die Gesellschaft zurückkehrte, fand sich,

zum allgemeinen Befremden derselben, daß der Doctor das

Schönpflästerchen im Gesichte trug, und zwar gleichfalls über der Lippe,

aber auf der linken Seite des Mundes. --

13. Anekdote.

(22. November.)

Zwei berühmte Englische Baxer, der Eine aus Portsmouth gebürtig, der

Andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren von einander gehört hatten,

ohne sich zu sehen, beschlossen, da sie in London zusammentrafen, zur

Entscheidung der Frage, wem von ihnen der Siegerruhm gebühre, einen

öffentlichen Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im

Angesicht des Volks, mit geballten Fäusten, im Garten einer Kneipe,

gegeneinander, und als der Plymouther den Portsmouther, in wenig

Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, daß er Blut spie, rief

dieser, indem er sich den Mund abwischte: brav! -- Als aber bald darauf,

da sie sich wieder gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit

der Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, daß

dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der Letztere: das ist

auch nicht übel --! Worauf das Volk, das im Kreise herumstand, laut

aufjauchzte, und, während der Plymouther, der an den Gedärmen verletzt

worden war, todt weggetragen ward, dem Portsmouther den Siegesruhm

zuerkannte. -- Der Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz

gestorben sein.

14. Anekdote.

(27. November.)

Der Czar Iwan Basilowitz, mit dem Beinamen der Tyrann, ließ einem

fremden Gesandten, der, nach der damaligen Europäischen Etikette, mit

bedecktem Haupte vor ihm erschien, den Hut auf den Kopf nageln. Diese

Grausamkeit vermogte nicht den Botschafter der Königin Elisabeth von

England, Sir Jeremias Bowes abzuschrecken. Er hatte die Kühnheit den Hut

auf dem Kopfe, vor dem Czaar zu erscheinen. Dieser fragte ihn, ob er

nicht von der Strafe gehört hätte, die einem andern Gesandten

widerfahren wäre, welcher sich eine solche Freiheit herausgenommen? »Ja,

Herr, erwiderte Bowes, aber ich bin der Botschafter der Königin von

England, die nie, vor irgend einem Fürsten in der Welt, anders, wie mit

bedecktem Haupte erschienen ist. Ich bin ihr Repräsentant, und wenn mir

die geringste Beleidigung widerfährt, so wird sie mich zu rächen

wissen.« »Das ist ein braver Mann, sagte der Czaar, indem er sich zu

seinen Hofleuten wandte, der für die Ehre seiner Monarchin zu handeln

und zu reden versteht: wer von Euch hätte das nämliche für mich gethan?«

Hierauf wurde der Bothschafter der Favorit des Czars. Diese Gunst zog

ihm den Neid des Adels zu. Einer der Großen, der zuweilen den vertrauten

Ton mit dem Monarchen annehmen durfte, beredete ihn, die

Geschicklichkeit des Bothschafters auf die Probe zu stellen. Man sagte

nämlich, daß er ein sehr geschickter Reuter wäre. Nun wurde ihm, um den

Beweis davon zu führen, ein ungebändigtes sehr wildes Pferd vor dem Czar

zu reiten gegeben, und man hoffte, daß Bowes zum wenigsten mit einer

derben Lähmung das Kunststück bezahlen würde. Indessen widerfuhr der

neidischen Eifersucht der Verdruß, sich betrogen zu sehn. Der brave

Engländer bändigte nicht nur das Pferd, sondern er jagte es dermaßen

zusammen, daß es kraftlos wieder heimgeführt wurde, und wenige Tage

nachher crepirte. Dieses Abentheuer vermehrte den Credit des

Bothschafters bei dem Czar, der ihm jederzeit nachher die

ausgezeichnetsten Beweise seiner Huld widerfahren ließ.

(Barrow's Sammlung von Reisebeschreibungen nach der französischen

Uebersetzung von Targe. 1766.)

Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken · 第 16 / 39 题