3. Das Grab der Väter.
(5. Dezember.)
Einem jungen Bauersmann in Norwegen soll einmal folgende Geschichte
begegnet sein. Er liebte ein schönes Mädchen, die einzige Tochter eines
reichen Nachbarn, und ward von ihr geliebt, aber die Armuth des Werbers
machte alle Hoffnung auf nähere Verbindung zu nichte. Denn der
Brautvater wollte seine Tochter nur einem solchen geben, der
schuldenfreien Hof und Heerde aufzuweisen habe, und weil der arme junge
Mensch weit davon entfernt war, half es ihm zu nichts, daß er von einem
der uralten Heldenväter des Landes abstammte, ob zwar Niemand einen
Zweifel an dieser rühmlichen uralten Geschlechtstafel hegte. Seiner
Ahnen Erster und Größter sollte auch in einem Hügel begraben sein, den
alle Landleute unfern der Küste zu zeigen wußten. Auf diesen Hügel
pflegte sich denn der betrübte Jüngling oftmals in seinem Leide zu
sezzen, und dem begrabnen Altvordern vorzuklagen, wie schlecht es ihm
gehe, ohne daß der Bewohner des Hügels auf diesen kleinen Jammer
Rücksicht zu nehmen schien. Meist hatten auch die zwei Liebenden ihre
verstohlenen Zusammenkünfte dort, und so geschah es, daß einstmals der
Vater des Mädchens den einzig gangbaren steilen Pfad zum Hügel von
ohngefähr herauf gegangen kam, indeß die beiden oben saßen. Eine
tödtliche Angst befiel die Jungfrau, ihr Liebhaber faßte sie in seine
starken Arme, und versuchte, von der andern Seite das Gestein
herabzuklimmen. Da standen sie aber plötzlich, auf glattem Rasen am
schroffen Hange, fest, sie hörten schon die Tritte des Vaters über sich,
der sie auf diese Weise unfehlbar erblicken mußte, schon fühlten sich
beide von Angst und Schwindel versucht, die jähe Tiefe und den
Standkreis hinab zu stürzen, -- da gewahrten sie nahe bei sich einer
kleinen Oeffnung, und schlüpften hinein, und schlüpften immer tiefer in
die Dunkelheit, immer noch voll Angst vor dem Bemerktwerden, bis endlich
das Mädchen erschrocken aufschrie: »mein Gott wir sind ja in einem
Grabe!« -- Da sahe auch der junge Normann erst um sich, und bemerkte,
daß sie in einer länglichen Kammer von gemauerten Steinen standen, wo
sich inmitten etwas erhub, wie ein großer Sarg. Jemehr aber die
Finsterniß vor den sich gewöhnenden Augen abnahm, je deutlicher konnte
man auch sehn, daß die Masse in der Mitte kein Sarg war, sondern ein
uralter Nachen, wie man sie mit Seehelden an den nordischen Küsten vor
Zeiten einzugraben pflegte. Auf dem Nachen saß, dicht am Steuer, in
aufrechter Stellung, eine hohe Gestalt, die sie erst für ein
geschnitztes Bild ansahen. Als aber der junge Mensch, dreist geworden,
hinaufstieg, nahm er wahr, daß es eine Rüstung von riesenmäßiger Größe
sei. Der Helm war geschlossen, in den rechten Panzerhandschuh war ein
gewaltiges bloßes Schwert mit dem goldenen Griffe hineingeklemmt. Die
Braut rief wohl ihrem Liebhaber ängstlich zu, herab zu kommen, aber in
einer seltsam wachsenden Zuversicht riß er das Schwert aus der beerzten
Hand. Da rasselten die mürben Knochen, auf denen die Waffen sich noch
erhielten, zusammen, der Harnisch schlug auf den Boden des Nachens lang
hin, der entsetzte Jüngling den Bord hinunter zu den Füßen seiner Braut.
Beide flüchteten, uneingedenk jeder andern Gefahr, aus der Höle, den
Hügel mit Anstrengung aller Kräfte wieder hinauf, und oben wurden sie
erst gewahr, daß ein ungeheurer Regenguß wüthete, welcher den Vater von
da vertrieben hatte, und zugleich mit solcher Gewalt, Steine und Sand
nach der schaurigen Oeffnung hinabzuwälzen begann, daß solche vor ihren
Augen verschüttet ward, und man auch nachher nie wieder hat da
hineinfinden können. Der junge Mensch aber hatte das Schwerdt seines
Ahnen mit heraus gebracht. Er ließ mit der Zeit den goldenen Griff
einschmelzen, und ward so reich davon, daß ihm der Brautvater seine
Geliebte ohne Bedenken antrauen ließ. Mit der ungeheuren Klinge aber
wußten sie nichts bessers anzufangen, als daß sie Wirthschafts- und
andere Geräthschaften, so viel sich thun ließ, daraus schmieden ließen.