3. Erzählungen und Anekdoten.

1. Warnung gegen weibliche Jägerei.

(5. 6. November.)

Die Gräfin L... war kurzsichtig, aber sie liebte noch immer die Jagd,

ungeachtet sie niemals gut geschossen hatte. Ihre Jäger kannten ihre Art

und nahmen sich vor ihr in Acht; sie schoß dreist auf jeden Fleck, wo

sich etwas regte, es war ihr einerlei, was es sein mogte. Abbé D......,

einer der gelehrtesten Literatoren, mußte sie mit ihrem vierzehnjährigen

Sohne, dem Grafen Johann, auf einer dieser Treibjagden begleiten, die

Jäger suchten ihnen einen sichern Platz zum Anstand, hinter zwei starken

Bäumen, aus; der Abbé nahm aus Langeweile ein Buch aus seiner Tasche,

das er vom Jagdschloß mitgenommen; es war von Idstädt's Jagdrecht. Der

junge Graf lauerte aufmerksam auf einen Rehbock, der herangetrieben

wurde. In dem Augenblicke, als er losdrücken wollte, fiel ein Schuß der

Gräfin, den sie ungeschickt und übereilt auf denselben Rehbock thun

wollte, so geschickt durch den schmalen Luftraum, zwischen den beiden

Bäumen, die den Abbé und den Grafen sicherten, daß sich beide zu

gleicher Zeit verwundet fühlten und aufschrieen. Die Gräfin wurde bei

diesem Geschrei ohnmächtig, die Jäger und die übrige Gesellschaft, in

der sich auch ein Wundarzt befand, eilten von allen Seiten herbei und

theilten ihre Sorge zwischen der Gräfin und dem jungen Erbgrafen. Die

Güte und Geduld des Abbé's ist jedem, der ihn gesehen, aus seinem

Gesichte bekannt, seine Bescheidenheit jedem, der mit ihm gesprochen;

hier erschien aber alles Dreies auf einer merkwürdigen Probe. Kein

Mensch fragte ihn, was ihm fehle, vielmehr drängte man ihn beiseite, und

als er einem sagte: Er glaube zu sterben, der eine Rehposten wäre ihm in

der Gegend der Leber durch die Rippen eingeschlagen; so antwortete ihm

jener verstört: der junge Graf sei durch beide Schulterblätter verletzt.

Der Wundarzt sah nur auf den jungen Grafen, und der arme Abbé mußte sich

selbst helfen, so gut er konnte, und suchte sich die Wunde mit seinem

Schnupftuche, das er mit dem Rock festknöpfte, so gut als möglich zu

verschließen. Mit Mühe wurde eine Kutsche durch den steinigen hügligten

Wald, bis nahe an den Unglücksort, gebracht. Die Gräfin hatte sich

erholt, und empfahl mit vielen Thränen, dem Wundarzte ihren Sohn; der

Abbé wollte ihr mit Klagen, über seinen Schmerz, keinen Kummer machen,

und stieg sachte mit der letzten Anstrengung dem jungen Grafen in den

Wagen nach. Der Wundarzt hielt den Grafen im Vorsitz, rückwärts saß der

Abbé. Der Wagen fuhr sehr langsam, aber der Weg war uneben und stieß

unvermeidlich; der Graf litt dabei und seufzte leise, aber der Abbé

konnte, bei dem entsetzlichen Druck der Kugel, sich heftiger Seufzer und

einzelner Ausrufungen nicht enthalten. Der Wundarzt hatte schon ein paar

Mal gesagt: Es hätte nichts auf sich mit der Wunde des Grafen, er könnte

sich beruhigen; endlich sprach er ganz ernstlich: Ich ehre ihr Mitleid

Herr Abbé, aber ich traue ihrem Verstande zu, daß sie sich der Ausbrüche

desselben erwehren können, wenn es dem Gegenstande desselben gefährlich

werden könnte; ihre Beileidsbezeugungen machen aber den Kranken selbst

besorgter, als das Uebel verdient.

In dem Augenblicke krachte der Wagen über eine Wurzel, daß der arme Abbé

kein Wort sagen konnte, sondern um sich verständlich zu machen, den Rock

aufknöpfte; das Tuch fiel herunter und das Blut floß in großer Menge

herab. -- Mein Gott, rief der Wundarzt, sind sie auch verwundet,

wahrhaftig! ja, da muß man sich hier nichts draus machen, ich habe heute

auch ein Paar Schroten von der Frau Gräfin in das dicke Fleisch

bekommen, es macht ihr so viel Vergnügen und ich singe lustig dabei:

Es ist ein Schuß gefallen,

Mein, sagt, wer schoß da draus?

Es war ein junger Jäger,

Der schoß im Hinterhaus.

Die Spatzen in dem Garten,

Die machen viel Verdruß,

Zwei Spatzen und ein Schneider,

Die fielen von dem Schuß,

Die Spatzen von den Schroten,

Der Schneider von dem Schreck;

Die Spatzen in die Schoten,

Der Abbé in den Dreck.

Der gute Abbé, der eine gewisse Kränkung empfunden hatte, wie er erst so

verbindlich in dem Hause aufgenommen und im Unglück so ganz vergessen

sei, mußte jetzt selbst lächlen, als er bei dieser Anzeige bemerkte, wie

er sich beim Falle auf dem feuchten Boden beschmutzt hatte, dabei

übernahm ihn eine Ohnmacht, von der er erst im Schlosse erwachte. Ich

sah ihn mehrere Jahre nach diesem Vorfalle, den er glücklich überstanden

hatte; ich fühlte die Kugel, sie hatte sich wohl zwei Hände breit hinter

den Rippen niedergesenkt, und war jetzt unter denselben fühlbar.

Zuweilen litt er noch an Schmerzen und versicherte, daß alle Gefahren,

die von den Dichtern einem gewissen Bogengeschoß aus weiblichen Augen

nachgesagt würden, nicht mit den Gefahren weiblicher Jägerei zu

vergleichen wären, denn die Geschicklichkeit Dianens mögte wohl so

selten geworden sein, wie ihre anderen Eigenschaften.

^vaa.^

2. Die Heilung.

(29. November.)

In den Zeiten des höchsten Glanzes der altfranzösischen Hofhaltung unter

Ludwig XIV lebte ein Edelmann, der Marquis de Saint Meran, der die

Anmuth, Geistesgewandheit und sittliche Verderbniß der damaligen

vornehmen Welt im höchsten Grade in sich vereinigte. Unter andern

unzählbaren Liebesabentheuern hatte er auch eines, mit der Frau eines

Procuratoren, die es ihm gelang, dem Manne sowohl, als dessen Familie

und ihrer eigenen gänzlich abzuwenden, so daß sie deren Schmach ward,

deren Juweel sie gewesen war, und in blinder Leidenschaft das Hotel

ihres Verführers bezog. Er hatte zwar nie so viel bei einer

Liebesgeschichte empfunden, als bei dieser, ja, es regten sich bisweilen

Gefühle in ihm, die man einen Abglanz von Religion und Herzlichkeit

hätte nennen mögen, aber endlich trieb ihn dennoch, wenn nicht die Lust

am Wechsel, doch die Mode des Wechsels von seinem schönen Opfer wieder

fort, und er suchte nun dieses durch die ausgesuchtesten und

verfeinertsten Grundsätze seiner Weltweisheit zu beruhigen. Aber das war

nichts für ein solches Herz. Es schwoll in Leiden, die ihm keine

Geisteswendung zu mildern vermochte, so gewaltsam auf, daß es den

einstmals lichtklaren und lichtschnellen Verstand verwirrte, und der

Marquis, nicht bösartig genug, die arme Verrückte ihrem Jammer und dem

Hohn der Menschen zu überlassen, sie auf ein entferntes Gut in der

Provence schickte, mit dem Befehl, ihrer gut und anständig zu pflegen.

Dort aber stieg, was früher stille Melancholie gewesen war, zu den

gewaltsamsten phrenetischen Ausbrüchen, mit deren Berichten man jedoch

die frohen Stunden des Marquis zu unterbrechen sorgsam vermied. Diesem

fällt es endlich einmal ein, die provenzalische Besizzung zu besuchen.

Er kommt unvermuthet an, eine flüchtige Frage nach dem Befinden der

Kranken wird eben so flüchtig beantwortet, und nun geht es zu einer

Jagdparthie in die nahen Berge hinaus. Man hatte sich aber wohl gehütet,

dem Marquis zu sagen, daß eben heute die Unglückliche in unbezwinglicher

Wuth aus ihrer Verwahrung gebrochen sei, und man sich noch immer

vergeblich abmühe, sie wieder einzufangen. Wie mußte nun dem

Leichtsinnigen zu Muthe werden, als er auf schroffem Fußgestade an einer

der einsamsten Stellen des Gebirges, weit getrennt von alle seinem

Gefolge, im eiligen Umwenden um eine Ecke des Felsens, der furchtbaren

Flüchtigen grad in die Arme rennt, die ihn faßt mit alle der

unwiderstehlichen Kraft des Wahnsinns, mit ihrem, aus den Kreisen

gewichenen blitzenden Augenstern, gerad' in sein Antlitz hineinstarrt,

während ihr reiches, nun so gräßliches, schwarzes Haar, wie ein Mantel

von Rabenfittigen, über ihr hinweht, und die dennoch nicht so entstellt

ist, daß er nicht auf den ersten Blick die einst so geliebte Gestalt,

die von ihm selber zur Furie umgezauberte Gestalt, hätte erkennen

sollen. -- Da wirrte auch um ihn der Wahnsinn seine grause Schlingen,

oder vielmehr der Blödsinn, denn der plötzliche Geistesschlag zerrüttete

ihn dergestalt, daß er besinnungslos in den Abgrund hinunter taumeln

wollte. Aber die arme Manon lud ihn, plötzlich still geworden, auf ihren

Rücken, und trug ihn sorgsam nach der Gegend des Schlosses zurück. Man

kann sich das Entsetzen der Bedienten denken, als sie ihrem Herren auf

diese Weise und in der Gewalt der furchtbaren Kranken begegneten. Aber

bald erstaunten sie noch mehr, die Rollen hier vollkommen gewechselt zu

finden. Manon war die verständige, sittige Retterin und Pflegerin des

blödsinnigen Marquis geworden, und ließ fürderhin nicht Tag nicht Nacht

auch nur auf eine Stunde von ihm. Bald gaben die herbeigerufnen Aerzte

jede Hoffnung zu seiner Heilung auf, nicht aber Manon. Diese pflegte mit

unerhörter Geduld und mit einer Fähigkeit, welche man für Inspiration zu

halten versucht war, den armen verwilderten Funken in ihres Geliebten

Haupt, und lange Jahre nachher, schon als sich beider Locken bleichten,

genoß sie des unaussprechlichen Glückes, den ihr über Alles theuren

Geist wieder zu seiner ehemaligen Blüthe und Kraft herauferzogen zu

haben. Da gab der Marquis seiner Helferin am Altare die Hand, und in

dieser Entfernung der Hauptstadt wußten alle Theilhaber des Festes von

keinen andern Gefühlen, als denen der tiefsten Ehrfurcht und der

andächtigsten Freude.

Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken · 第 14 / 39 题