3. Was gilt es in diesem Kriege?

Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die geführt worden

sind auf dem Gebiete der unermeßlichen Welt? Gilt es den Ruhm eines

jungen und unternehmenden Fürsten, der in dem Duft einer lieblichen

Sommernacht von Lorbeern geträumt hat? Oder die Genugthuung für die

Empfindlichkeit einer Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher des Reichs

anerkannt, an fremden Höfen in Zweifel gezogen worden sind? Gilt es

einen Feldzug, der, jenem spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein

Schachspiel geführt wird, bei welchem kein Herz wärmer schlägt, keine

Leidenschafft das Gefühl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der

Beleidigung getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld zu rücken von beiden

Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit flatternden Fahnen, und

zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder in die Winterquartiere

einzurücken? Gilt es eine Provinz abzutreten, einen Anspruch

auszufechten, oder eine Schuld-Forderung geltend zu machen, oder gilt es

sonst irgend etwas, das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut

besessen, morgen aufgegeben, und übermorgen wieder erworben werden kann?

Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendästig,[70] einer Eiche

gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und

Sittlichkeit überschattend, an den silbernen Saum der Wolken rührt,

deren Dasein durch das Drittheil eines Erdalters geheiligt worden ist;

eine Gemeinschafft, die, unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und

der Eroberung, des Daseins und der Duldung so würdig ist, wie irgend

eine; die ihren Ruhm nicht einmal denken kann, sie müßte denn den Ruhm

zugleich und das Heil aller Uebrigen denken, die den Erdkreis bewohnen;

deren ausgelassenster und ungeheuerster Gedanke noch, von Dichtern und

Weisen auf Flügeln der Einbildung erschwungen, Unterwerfung unter eine

Weltregierung ist, die in freier Wahl von der Gesammtheit aller

Brüder-Nationen gesetzt wäre. Eine Gemeinschafft gilt es, deren

Wahrhaftigkeit und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich

unerschütterlich geübt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort

geworden ist; die über jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer jenes ächten

Ringes gleich, diejenige ist, die die Anderen am Meisten lieben; deren

Unschuld, selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt,

oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt; dergestalt,

daß derjenige, der zu ihr gehört, nur seinen Namen zu nennen braucht, um

auch in den entferntesten Theilen der Welt noch Glauben zu finden. Eine

Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen auch nur eine Regung von

Uebermuth zu tragen, vielmehr, einem schönen Gemüth gleich, bis auf den

heutigen Tag an ihre eigne Herrlichkeit nicht geglaubt hat; die

herumgeflattert ist unermüdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie

Vortreffliches fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von

Ursprung herein Schönes in ihr[71] selber wäre; in deren Schooß

gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Götter das Urbild der

Menschheit reiner als in irgend einer andern aufbewahrt hatten. Eine

Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht nichts in dem Wechsel der

Dienstleistungen[72] schuldig geblieben ist, die den Völkern, ihren

Brüdern und Nachbarn, für jede Kunst des Friedens, welche sie von ihnen

erhielt, eine andere zurückgab; eine Gemeinschafft, die an dem Obelisken

der Zeiten stets unter den Wackersten und Rüstigsten thätig gewesen ist;

ja, die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den

Schlußblock darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft gilt es,

die den Leibnitz und Guttenberg gebohren hat, in welcher ein Guericke

den Luftkreis wog, Tschirnhausen den Glanz der Sonne lenkte, und Keppler

der Gestirne Bahn verzeichnete; eine Gemeinschafft, die große Namen, wie

der Lenz Blumen, aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen, Luther

und Melanchthon, Joseph und Friedrich auferzog; in welcher Dürer und

Cranach, die Verherrlicher der Tempel, gelebt, und Klopstock den Triumph

des Erlösers gesungen hat. Eine Gemeinschafft mithin gilt es, die dem

ganzen Menschengeschlecht angehört;[73] die die Wilden der Südsee noch,

wenn sie sie kennten, zu beschützen herbeiströmen würden; eine

Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust überleben, und die nur

mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll!

4. Einleitung [zu den Berliner Abendblättern].

Gebet des Zoroaster.

(Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den

Ruinen von Palmyra gefunden.)

(1. October 1810.)

Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies,

herrliches und üppiges Leben bestimmt. Kräfte unendlicher Art, göttliche

und thierische, spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum König der

Erde zu machen. Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt

er, auf verwundernswürdige und unbegreifliche Weise, in Ketten und

Banden; das Höchste, von Irrthum geblendet, läßt er zur Seite liegen,

und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, unter Jämmerlichkeiten und

Nichtigkeiten umher. Ja, er gefällt sich in seinem Zustand; und wenn die

Vorwelt nicht wäre und die göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben,

so würden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der

Mensch um sich schauen kann. Nun lässest du es, von Zeit zu Zeit,

niederfallen, wie Schuppen, von dem Auge Eines deiner Knechte, den du

dir erwählt, daß er die Thorheiten und Irrthümer seiner Gattung

überschaue; ihn rüstest du mit dem Köcher der Rede, daß er, furchtlos

und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen, bald

schärfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, in welcher sie

befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr, hast du, in deiner Weisheit,

mich wenig Würdigen, zu diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu

meinem Beruf an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem

Gefühl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder liegt, und mit

der Einsicht in alle Erbärmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten

und Gleisnereien, von denen es die Folge ist. Stähle mich mit Kraft, den

Bogen des Urtheils rüstig zu spannen, und, in der Wahl der Geschosse,

mit Besonnenheit und Klugheit, auf daß ich jedem, wie es ihm zukommt,

begegne: den Verderblichen und Unheilbaren, dir zum Ruhm, niederwerfe,

den Lasterhaften schrecke, den Irrenden warne, den Thoren, mit dem

bloßen Geräusch der Spitze über sein Haupt hin, necke. Und einen Kranz

auch lehre mich winden, womit ich, auf meine Weise, den, der dir

wohlgefällig ist, kröne! Ueber Alles aber, o Herr, möge Liebe wachen zu

dir, ohne welche nichts, auch das Geringfügigste nicht, gelingt: auf daß

dein Reich verherrlicht und erweitert werde, durch alle Räume und alle

Zeiten, Amen!

^x.^

5. Von der Ueberlegung.

(Eine Paradoxe.)

(7. December.)

Man rühmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel; besonders der

kaltblütigen und langwierigen vor der That. Wenn ich ein Spanier, ein

Italiener oder ein Franzose wäre: so mögte es damit sein Bewenden haben.

Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders

wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten.

»Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher

_nach_, als _vor_ der That. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der

Entscheidung selbst, ins Spiel tritt: so scheint sie nur die zum Handeln

nöthige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu

hemmen und zu unterdrücken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung

abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen läßt, zu welchem sie dem

Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen, was in dem

Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewußt zu werden, und das

Gefühl für andere künftige Fälle zu reguliren. Das Leben selbst ist ein

Kampf mit dem Schicksal; und es verhält sich auch mit dem Handeln wie

mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner

umfaßt hält, schlechthin nach keiner andern Rücksicht, als nach bloßen

augenblicklichen Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen

wollte, welche Muskeln er anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung

sezzen soll, um zu überwinden, würde unfehlbar den Kürzern ziehen, und

unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag

es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu überlegen, durch welchen Druck

er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein Bein er ihm hätte stellen

sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein

solcher Ringer, umfaßt hält, und tausendgliedrig, nach allen Windungen

des Kampfes, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und

Reactionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem

Gespräch, durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.«

^x.^

6. Betrachtungen über den Weltlauf.

(9. October.)

Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die Bildung einer

Nation fortschreitet, in einer gar wunderlichen Ordnung vorstellen. Sie

bilden sich ein, daß ein Volk zuerst in thierischer _Rohheit_ und

_Wildheit_ daniederläge; daß man nach Verlauf einiger Zeit, das

Bedürfniß einer Sittenverbesserung empfinden, und somit die

_Wissenschaft von der Tugend_ aufstellen müsse; daß man, um den Lehren

derselben Eingang zu verschaffen, daran denken würde, sie in schönen

Beispielen zu versinnlichen, und daß somit die _Aesthetik_ erfunden

werden würde: daß man nunmehr, nach den Vorschriften derselben, schöne

Versinnlichungen verfertigen, und somit die _Kunst_ selbst ihren

Ursprung nehmen würde: und daß vermittelst der Kunst endlich das Volk

auf die höchste Stufe menschlicher _Cultur_ hinaufgeführt werden würde.

Diesen Leuten dient zur Nachricht, daß Alles, wenigstens bei den

Griechen und Römern, in ganz umgekehrter Ordnung erfolgt ist. Diese

Völker machten mit der _heroischen_ Epoche, welche ohne Zweifel die

höchste ist, die erschwungen werden kann, den Anfang; als sie in keiner

menschlichen und bürgerlichen Tugend mehr Helden hatten, _dichteten_ sie

welche; als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafür die

_Regeln_; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten sie die

_Weltweisheit_ selbst; und als sie damit fertig waren, wurden sie

_schlecht_.

^z.^

Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken · 第 13 / 39 题