Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die geführt worden
sind auf dem Gebiete der unermeßlichen Welt? Gilt es den Ruhm eines
jungen und unternehmenden Fürsten, der in dem Duft einer lieblichen
Sommernacht von Lorbeern geträumt hat? Oder die Genugthuung für die
Empfindlichkeit einer Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher des Reichs
anerkannt, an fremden Höfen in Zweifel gezogen worden sind? Gilt es
einen Feldzug, der, jenem spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein
Schachspiel geführt wird, bei welchem kein Herz wärmer schlägt, keine
Leidenschafft das Gefühl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der
Beleidigung getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld zu rücken von beiden
Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit flatternden Fahnen, und
zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder in die Winterquartiere
einzurücken? Gilt es eine Provinz abzutreten, einen Anspruch
auszufechten, oder eine Schuld-Forderung geltend zu machen, oder gilt es
sonst irgend etwas, das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut
besessen, morgen aufgegeben, und übermorgen wieder erworben werden kann?
Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendästig,[70] einer Eiche
gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und
Sittlichkeit überschattend, an den silbernen Saum der Wolken rührt,
deren Dasein durch das Drittheil eines Erdalters geheiligt worden ist;
eine Gemeinschafft, die, unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und
der Eroberung, des Daseins und der Duldung so würdig ist, wie irgend
eine; die ihren Ruhm nicht einmal denken kann, sie müßte denn den Ruhm
zugleich und das Heil aller Uebrigen denken, die den Erdkreis bewohnen;
deren ausgelassenster und ungeheuerster Gedanke noch, von Dichtern und
Weisen auf Flügeln der Einbildung erschwungen, Unterwerfung unter eine
Weltregierung ist, die in freier Wahl von der Gesammtheit aller
Brüder-Nationen gesetzt wäre. Eine Gemeinschafft gilt es, deren
Wahrhaftigkeit und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich
unerschütterlich geübt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort
geworden ist; die über jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer jenes ächten
Ringes gleich, diejenige ist, die die Anderen am Meisten lieben; deren
Unschuld, selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt,
oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt; dergestalt,
daß derjenige, der zu ihr gehört, nur seinen Namen zu nennen braucht, um
auch in den entferntesten Theilen der Welt noch Glauben zu finden. Eine
Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen auch nur eine Regung von
Uebermuth zu tragen, vielmehr, einem schönen Gemüth gleich, bis auf den
heutigen Tag an ihre eigne Herrlichkeit nicht geglaubt hat; die
herumgeflattert ist unermüdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie
Vortreffliches fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von
Ursprung herein Schönes in ihr[71] selber wäre; in deren Schooß
gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Götter das Urbild der
Menschheit reiner als in irgend einer andern aufbewahrt hatten. Eine
Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht nichts in dem Wechsel der
Dienstleistungen[72] schuldig geblieben ist, die den Völkern, ihren
Brüdern und Nachbarn, für jede Kunst des Friedens, welche sie von ihnen
erhielt, eine andere zurückgab; eine Gemeinschafft, die an dem Obelisken
der Zeiten stets unter den Wackersten und Rüstigsten thätig gewesen ist;
ja, die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den
Schlußblock darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft gilt es,
die den Leibnitz und Guttenberg gebohren hat, in welcher ein Guericke
den Luftkreis wog, Tschirnhausen den Glanz der Sonne lenkte, und Keppler
der Gestirne Bahn verzeichnete; eine Gemeinschafft, die große Namen, wie
der Lenz Blumen, aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen, Luther
und Melanchthon, Joseph und Friedrich auferzog; in welcher Dürer und
Cranach, die Verherrlicher der Tempel, gelebt, und Klopstock den Triumph
des Erlösers gesungen hat. Eine Gemeinschafft mithin gilt es, die dem
ganzen Menschengeschlecht angehört;[73] die die Wilden der Südsee noch,
wenn sie sie kennten, zu beschützen herbeiströmen würden; eine
Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust überleben, und die nur
mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll!
4. Einleitung [zu den Berliner Abendblättern].
Gebet des Zoroaster.
(Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den
Ruinen von Palmyra gefunden.)
(1. October 1810.)
Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies,
herrliches und üppiges Leben bestimmt. Kräfte unendlicher Art, göttliche
und thierische, spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum König der
Erde zu machen. Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt
er, auf verwundernswürdige und unbegreifliche Weise, in Ketten und
Banden; das Höchste, von Irrthum geblendet, läßt er zur Seite liegen,
und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, unter Jämmerlichkeiten und
Nichtigkeiten umher. Ja, er gefällt sich in seinem Zustand; und wenn die
Vorwelt nicht wäre und die göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben,
so würden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der
Mensch um sich schauen kann. Nun lässest du es, von Zeit zu Zeit,
niederfallen, wie Schuppen, von dem Auge Eines deiner Knechte, den du
dir erwählt, daß er die Thorheiten und Irrthümer seiner Gattung
überschaue; ihn rüstest du mit dem Köcher der Rede, daß er, furchtlos
und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen, bald
schärfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, in welcher sie
befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr, hast du, in deiner Weisheit,
mich wenig Würdigen, zu diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu
meinem Beruf an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem
Gefühl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder liegt, und mit
der Einsicht in alle Erbärmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten
und Gleisnereien, von denen es die Folge ist. Stähle mich mit Kraft, den
Bogen des Urtheils rüstig zu spannen, und, in der Wahl der Geschosse,
mit Besonnenheit und Klugheit, auf daß ich jedem, wie es ihm zukommt,
begegne: den Verderblichen und Unheilbaren, dir zum Ruhm, niederwerfe,
den Lasterhaften schrecke, den Irrenden warne, den Thoren, mit dem
bloßen Geräusch der Spitze über sein Haupt hin, necke. Und einen Kranz
auch lehre mich winden, womit ich, auf meine Weise, den, der dir
wohlgefällig ist, kröne! Ueber Alles aber, o Herr, möge Liebe wachen zu
dir, ohne welche nichts, auch das Geringfügigste nicht, gelingt: auf daß
dein Reich verherrlicht und erweitert werde, durch alle Räume und alle
Zeiten, Amen!
^x.^
5. Von der Ueberlegung.
(Eine Paradoxe.)
(7. December.)
Man rühmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel; besonders der
kaltblütigen und langwierigen vor der That. Wenn ich ein Spanier, ein
Italiener oder ein Franzose wäre: so mögte es damit sein Bewenden haben.
Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders
wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten.
»Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher
_nach_, als _vor_ der That. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der
Entscheidung selbst, ins Spiel tritt: so scheint sie nur die zum Handeln
nöthige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu
hemmen und zu unterdrücken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung
abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen läßt, zu welchem sie dem
Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen, was in dem
Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewußt zu werden, und das
Gefühl für andere künftige Fälle zu reguliren. Das Leben selbst ist ein
Kampf mit dem Schicksal; und es verhält sich auch mit dem Handeln wie
mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner
umfaßt hält, schlechthin nach keiner andern Rücksicht, als nach bloßen
augenblicklichen Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen
wollte, welche Muskeln er anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung
sezzen soll, um zu überwinden, würde unfehlbar den Kürzern ziehen, und
unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag
es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu überlegen, durch welchen Druck
er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein Bein er ihm hätte stellen
sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein
solcher Ringer, umfaßt hält, und tausendgliedrig, nach allen Windungen
des Kampfes, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und
Reactionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem
Gespräch, durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.«
^x.^
6. Betrachtungen über den Weltlauf.
(9. October.)
Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die Bildung einer
Nation fortschreitet, in einer gar wunderlichen Ordnung vorstellen. Sie
bilden sich ein, daß ein Volk zuerst in thierischer _Rohheit_ und
_Wildheit_ daniederläge; daß man nach Verlauf einiger Zeit, das
Bedürfniß einer Sittenverbesserung empfinden, und somit die
_Wissenschaft von der Tugend_ aufstellen müsse; daß man, um den Lehren
derselben Eingang zu verschaffen, daran denken würde, sie in schönen
Beispielen zu versinnlichen, und daß somit die _Aesthetik_ erfunden
werden würde: daß man nunmehr, nach den Vorschriften derselben, schöne
Versinnlichungen verfertigen, und somit die _Kunst_ selbst ihren
Ursprung nehmen würde: und daß vermittelst der Kunst endlich das Volk
auf die höchste Stufe menschlicher _Cultur_ hinaufgeführt werden würde.
Diesen Leuten dient zur Nachricht, daß Alles, wenigstens bei den
Griechen und Römern, in ganz umgekehrter Ordnung erfolgt ist. Diese
Völker machten mit der _heroischen_ Epoche, welche ohne Zweifel die
höchste ist, die erschwungen werden kann, den Anfang; als sie in keiner
menschlichen und bürgerlichen Tugend mehr Helden hatten, _dichteten_ sie
welche; als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafür die
_Regeln_; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten sie die
_Weltweisheit_ selbst; und als sie damit fertig waren, wurden sie
_schlecht_.
^z.^