JEREMEJEWNA (zu Prawdin). Hier hast du das ganze Gesindel.
WRALMANN (zu Prawdin). Ew. Gnaden geruhten mich herzubefehlen.
KUTEJKIN (zu Prawdin). Gerufen ward ich, gekommen bin ich.
ZYFIRKIN (zu Prawdin). Was befehlen Ew. Gnaden?
STARODUM (sieht Wralmann scharf an). Ei, bist du’s, Wralmann?
WRALMANN (erkennt Starodum). Ei – ei – ei – ei! Sie sind’s, gnädiger
Herr? (küßt ihm den Rocksaum.) Wie geht es Ihnen, mein Wohlthäter?
PRAWDIN. Wie? Sie kennen ihn?
STARODUM. Wie sollt’ ich ihn nicht kennen? Hat er doch drei Jahre bei
mir als Kutscher gedient. (Alle machen Zeichen des Erstaunens.)
PRAWDIN. Ein schöner Lehrer!
STARODUM. Und du bist hier Lehrer, Wralmann? Ich dachte immer, du seist
ein guter Mensch und würdest andern nicht ins Handwerk pfuschen.
WRALMANN. Was thun, gnädiger Herr! Ich bin nicht der erste, bin auch
nicht der letzte. Drei Monate trieb ich mich in Moskau umher, ohne eine
Kutscherstelle finden zu können. Da mußt’ ich entweder Hungers sterben
oder Lehrer werden.
PRAWDIN (zu den Lehrern). Auf Befehl der Regierung habe ich dieses Haus
unter Tutel gestellt, und ihr seid entlassen.
ZYFIRKIN. Ausgezeichnet!
KUTEJKIN. Sie sagen uns ab? Aber sollten wir uns nicht vorher berechnen?
PRAWDIN. Wieviel hast du zu bekommen?
KUTEJKIN. Meine Rechnung ist nicht so gering. Für ein halbes Jahr
Unterricht; für die Stiefel, die ich im Laufe von drei Jahren vertragen
habe; für das unnütze Kommen hierher und zwecklose Warten –
FRAU PROSTAKOWA. Unersättliche Seele, du! Wofür?
PRAWDIN. Mengen Sie sich nicht in andrer Angelegenheit, Madame, bitt’
ich!
FRAU PROSTAKOWA. Wo bleibt die Gerechtigkeit: was hat mein Mitrofan von
ihm gelernt?
KUTEJKIN. Das ist seine, nicht meine Sache.
PRAWDIN. Gut, schon gut! (Zu Zyfirkin.) Wieviel hast du zu bekommen?
ZYFIRKIN. Ich? Nichts.
FRAU PROSTAKOWA. Für ein Jahr hat er zehn Rubel erhalten, für das andre
jedoch noch keinen Groschen bekommen.
ZYFIRKIN. Für jene zehn Rubel hab’ ich im Verlaufe der zwei Jahre
Stiefel vertragen. Wir sind also quitt.
PRAWDIN. Aber für den Unterricht?
ZYFIRKIN. Nichts.
STARODUM. Wie denn – nichts?
ZYFIRKIN. Nichts nehm’ ich, denn nichts hat der Junge von mir gelernt.
STARODUM. Dessenungeachtet mußt du bezahlt werden.
ZYFIRKIN. Auf keinen Fall! Dem Landesherrn hab’ ich über zwanzig Jahre
gedient. Für Dienstleistungen hab’ ich Lohn angenommen, für keine – nie.
STARODUM. Das ist ein guter Mensch! (Starodum und Milon nehmen Geld aus
der Börse.)
PRAWDIN. Schämst du dich nicht, Kutejkin?
KUTEJKIN (gesenkten Kopfes). Schande über mich Gottlosen.
STARODUM (zu Zyfirkin). Hier hast du, mein Freund, für dein gutes Herz.
ZYFIRKIN. Dank, Euer Gnaden. Geschenke nehm’ ich an, aber unverdiente
Zahlung werd’ ich nie beanspruchen.
MILON (gibt ihm Geld). Hier hast du noch, mein Freund.
ZYFIRKIN. Und nochmals Dank. (Prawdin gibt ihm gleichfalls Geld.) Wofür
denn, Euer Gnaden?
PRAWDIN. Dafür, daß du nicht bist wie Kutejkin.
ZYFIRKIN. Ei, Euer Gnaden, ich bin Soldat!
PRAWDIN (zu Zyfirkin). So geh denn mit Gott. (Zyfirkin ab; zu Kutejkin.)
Du aber, Kutejkin, komme morgen und schließe deine Rechnung mit der
Herrin selbst ab.
KUTEJKIN (forteilend). Mit ihr selbst? Da zieh’ ich meine Forderungen
zurück!
WRALMANN (zu Starodum). Euer Gnaden, vergessen Sie Ihren alten Diener
nicht! Nehmen Sie mich wieder in Dienst!
STARODUM. Aber du hast dich ja ganz von den Pferden entwöhnt.
WRALMANN. Nicht doch! Während meines Zusammenlebens mit dieser
Herrschaft schien es mir immer, als sei ich unter Pferden.
Siebenter Auftritt.
DIE VORIGEN. Ein KAMMERDIENER.
KAMMERDIENER (zu Starodum). Ihr Wagen steht bereit.
WRALMANN. Darf ich Sie fahren?