STARODUM. Um sieben etwa. (Prawdin ab.)

MILON. Und ich gebe Ihnen das Geleite und führe sofort mein Kommando

weiter. Ich gehe, die Anstalten hierzu zu treffen. (Nimmt mit den Augen

im Abgehen von Sophie Abschied.)

Neunter Auftritt.

FRAU PROSTAKOWA, PROSTAKOW, MITROFAN, SKOTININ, STARODUM, SOPHIE

und JEREMEJEWNA.

FRAU PROSTAKOWA (zu Starodum). Nun, Väterchen, du kennst jetzt zur

Genüge meinen Mitrofan.

SKOTININ. Nun, Herzensfreund, du kennst mich jetzt.

STARODUM. O gewiß, ich kenn’ euch aufs beste!

SKOTININ. Wird Sophie die meine?

STARODUM. Nein.

FRAU PROSTAKOWA. Wird Mitrofan Sophiens Bräutigam?

STARODUM. Nein.

FRAU PROSTAKOWA. Was hindert – } (Zusammen.)

}

SKOTININ. Woran liegt’s – }

STARODUM (beide zusammenführend). Ich will’s euch sagen – doch das

Geheimnis bleibt unter uns: sie ist bereits verlobt. (Macht im Abgehen

Sophie ein Zeichen, daß sie ihm folge.)

FRAU PROSTAKOWA. Der Räuber!

SKOTININ. Er ist ja verrückt!

FRAU PROSTAKOWA (ungeduldig). Um wieviel Uhr fahren sie?

SKOTININ. Du hast’s ja gehört: um sieben morgens.

FRAU PROSTAKOWA. Um sieben morgens!

SKOTININ. Ich stehe mit den Hähnen auf. Er mag klug sein, wie er will,

aber mit Skotinin ist’s schlecht Kirschen essen! (Ab.)

FRAU PROSTAKOWA (zornig in Gedanken hin- und herlaufend). Um sieben Uhr!

... Wir stehen früher auf ... Was ich will, führ’ ich aus! ... Alle zu

mir! (Alle eilen herbei. Zum Manne:) Daß der Wagen um sechs Uhr vor der

Hinterthür hält! Hörst du?

PRAWDIN. Ich höre.

FRAU PROSTAKOWA (zu Jeremejewna). Du schließest die ganze Nacht kein

Auge vor Sophiens Thür! Sobald sie erwacht, eilst du zu mir!

JEREMEJEWNA. Gewiß, werde nicht ermangeln.

FRAU PROSTAKOWA (zum Sohn). Du, mein Junge, sei um sechs Uhr fix und

fertig. Und stelle drei Diener in der Nähe von Sophiens Schlafzimmer auf

und zweie auf dem Flur zur Hilfe.

MITROFAN. Wird geschehn.

FRAU PROSTAKOWA. So geht denn mit Gott. (Alle ab.) Ich weiß schon, was

ich thue! Wo Zorn ist, da ist auch Gnade – der Alte wird zürnen, aber

doch verzeihen müssen! Der Sieg aber ist unser!

Fünfter Aufzug.

Erster Auftritt.

STARODUM und PRAWDIN.

PRAWDIN. Es ist dasselbe Paket, von dessen Eintreffen mich gestern in

Ihrer Gegenwart die Frau vom Hause in Kenntnis setzte.

STARODUM. Und somit bietet sich jetzt die Möglichkeit, den

unmenschlichen Handlungen dieser wütigen Gutsbesitzerin ein Ende zu

machen?

PRAWDIN. Ich habe die Order, Haus und Hof unter Tutel zu stellen bei dem

ersten Akt der Willkür, von dem ihre Untergebenen leiden könnten.

STARODUM. Gelobt sei Gott, daß die Menschheit noch Schutz finden kann.

Glaube mir, mein Freund: da, wo der Souverän denkt, wo er weiß, worin

sein wahrer Ruhm besteht – dort kann die Menschheit nimmer ihrer Rechte

verlustig gehen; dort werden sehr bald alle fühlen, daß jedermann sein

Glück und seinen Vorteil nur darin suchen muß, was gesetzlich ist, und

daß er wider das Gesetz verstößt, wenn er seinesgleichen tyrannisiert.

PRAWDIN. Ich bin hierin Ihrer Ansicht; doch wie schwer ist es,

eingewurzelte Vorurteile auszurotten, in denen niedrige Seelen ihre

Vorteile finden!

STARODUM. Höre, mein Freund. Ein großer Souverän ist ein weiser

Souverän. Seine Pflicht ist es, den Menschen zu zeigen, wie sie wahrhaft

glücklich werden. Die Krone seiner Weisheit ist – über _Menschen_ zu

herrschen, denn Klötze zu regieren – dazu bedarf es keiner Weisheit.

Gewöhnlich wird im Dorf der beschränkteste Bauer zum Viehhirten gewählt,

denn um das Vieh zu weiden, braucht der Hirt wenig Verstand. Ein seines

Thrones würdiger Souverän bestrebt sich, die Seelen seiner Unterthanen

mit Hochgefühl zu erfüllen. Das sehen wir mit unsern eigenen Augen.

PRAWDIN. Das Glück, welches ein Souverän im Beherrschen freier Seelen

genießt, ist so groß, daß ich’s nicht verstehe, welche Antriebe ihn

ablenken –

STARODUM. Wie erhaben muß die Seele eines Souveräns sein, um nie vom

Wege der Wahrheit abzulenken! Wie viele Netze sind ausgestellt, um die

Seele eines Menschen zu fangen, in dessen Händen das Schicksal von

seinesgleichen liegt! Sodann sucht ihn die Menge selbstsüchtiger

Schmeichler allaugenblicks zu überzeugen, daß die Menschen seinetwegen

erschaffen sind, und nicht – er ihretwegen.

PRAWDIN. Man kann sich keinen Schmeichler vorstellen, ohne tiefe

Verachtung im Herzen zu empfinden.

STARODUM. Der Schmeichler ist ein Geschöpf, das weder von andern noch

von sich selbst eine gute Meinung hat. Sein ganzes Streben geht dahin,

erst eines Menschen Verstand zu blenden und sodann alles aus ihm zu

machen, was ihm beliebt. Er ist ein Nachtdieb, der erst das Licht

auslöscht und erst dann zu stehlen beginnt.

PRAWDIN. Natürlich liegt die Quelle des menschlichen Unglücks in der

Sittenlosigkeit der Menschen; doch die Mittel, die Herzen zu bessern –

STARODUM. Liegen in den Händen des Souveräns. Sobald alle sehen, daß man

ohne Tugend sich nicht aufschwingen kann; daß man durch keine niedrigen

Dienstleistungen den Lohn des wahren Verdienstes zu kaufen vermag; daß

nicht die Menschen von den Ämtern, sondern die Ämter von den Menschen

Nutzen ziehen sollen – dann wird jeder seinen Vorteil in der Tugend

finden, und die Herzen werden gebessert sein.

Der Landjunker: Lustspiel in fünf Aufzügen · 第 33 / 47 题