MITROFAN. Thür? Welche Thür?
PRAWDIN. Welche Thür? ... Nun, diese da.
MITROFAN. Diese? Ein Bindewort.
PRAWDIN. Warum denn?
MITROFAN. Weil sie zwei Zimmer verbindet. Wir haben aber eine Thür, die
seit Wochen nicht in ihre Angeln gehängt wird, was jedoch hauptsächlich
des starken Zugwinds wegen sehr nötig wäre; jene ist darum ein
Hauptwort.
PRAWDIN. Also ist auch das Wort Narr ein Bindewort, weil man einen
dummen Menschen damit in Verbindung bringt?
MITROFAN. Natürlich.
FRAU PROSTAKOWA. Nun, was sagst du dazu, Väterchen.
PROSTAKOW. Ja, was sagst du dazu?
PRAWDIN. Ausgezeichnet! In der Grammatik ist er recht bewandert.
MILON. Ich denke, auch nicht weniger in der Geschichte.
FRAU PROSTAKOWA. O, er ist schon als Kind immer ein großer Liebhaber von
Geschichten gewesen!
SKOTININ. Mitrofan ist ganz in mich geraten. Auch ich höre für mein
Leben gern den Dorfschulzen erzählen. Ein Meister darin, der Hundesohn!
Wo er’s nur immer hernimmt?!
FRAU PROSTAKOWA. O, mit Adam Adamytsch wird er sich nicht messen können!
PRAWDIN (zu Mitrofan). Wie weit sind Sie in der Geschichte gekommen?
MITROFAN. Wie weit? Das hängt von der Geschichte ab. Manchmal hinter
dreimal neun Ländern im dreimal zehnten Königreiche.[2]
[2] Stehende Redensart in russischen Märchen zur Bezeichnung einer
sehr großen Entfernung. _Anm. d. Übers._
PRAWDIN. So! Also das ist die Geschichte, welche Sie bei Wralmann
treiben?
STARODUM. Wralmann? Der Name klingt mir bekannt.
MITROFAN. Nein, unser Adam Adamytsch erzählt keine Geschichten; er liebt
ebenso wie ich nur zuzuhören.
FRAU PROSTAKOWA. Beide lassen sie sich die Geschichten von der alten
Viehmagd Chawronja erzählen.
PRAWDIN. Habt ihr nicht gar von ihr auch Geographie gelernt?
FRAU PROSTAKOWA (zum Sohn). Hörst du, mein Schatz? Was ist denn das nun
wieder für eine Wissenschaft?
MITROFAN (leise zur Mutter). Was weiß ich!
FRAU PROSTAKOWA (leise zu Mitrofan). Sei nicht eigensinnig! Jetzt
gilt’s, dich zu zeigen.
MITROFAN (leise zur Mutter). Aber ich versteh’ gar nicht, wonach man
fragt!
FRAU PROSTAKOWA (zu Prawdin). Wie hast du die Wissenschaft genannt?
PRAWDIN. Geographie.
FRAU PROSTAKOWA. Hörst du? Eorgavieh.
MITROFAN. Was ist denn das wieder? Mein Gott, wie sie mich foltern!
FRAU PROSTAKOWA (zu Prawdin). Habe doch die Güte, ihm zu sagen, was das
für eine Wissenschaft ist! Dann wird er dir schon Antwort geben.
PRAWDIN. Die Erdbeschreibung.
FRAU PROSTAKOWA (zu Starodum). Wozu wäre denn die nötig?
STARODUM. Nötig wäre sie, sei’s auch nur, um auf der Reise zu wissen, wo
und wohin man reist.
FRAU PROSTAKOWA. Ach, du lieber Himmel! Wozu sind denn die Fuhrleute da?
Das müssen _sie_ wissen ... Nein, diese Wissenschaft paßt gar nicht für
den Adel. Der Edelmann braucht nur zu sagen: fahre mich da- und dahin –
und er wird hingefahren ... Ach, alles, was mein Mitrofan nicht kennt,
ist ein Unsinn!
STARODUM. Gewiß ist es für einen ungebildeten Menschen sehr trostreich,
alles das, was er nicht kennt, für Unsinn zu halten.
FRAU PROSTAKOWA. Gott sei Dank auch ohne die Wissenschaften haben die
Menschen gelebt! Mein seliger Vater war fünfzehn Jahre Wojewode und
starb auch als Wojewode, ohne das Lesen und Schreiben gekannt zu haben.
Doch dafür verstand er ein erkleckliches Sümmchen zu verdienen und es
aufzuheben. Immer saß er auf einem eisernen Kasten, wenn er Bittsteller
empfing, und nach Fortgang eines jeden öffnete er den Kasten und legte
etwas hinein. Das war ein ökonomischer Mann! Die bitterste Not litt er,
nur um den Inhalt des Kastens nicht zu vermindern. Ja, ohne Ruhm zu
sagen: Vater selig starb auf dem Kasten sozusagen Hungers. Das war ein
Mann!
STARODUM. Höchst lobenswert! Man muß Skotinin heißen, um eines so
seligen Todes zu sterben!
SKOTININ. Zum Beweise, daß das Lernen ein Unsinn ist, nehmen wir meinen
Onkel Wawila Falilejitsch. Nie hatte er von jemandem ein gebildetes Wort
vernommen, noch hatte jemand ein solches von ihm gehört – und was war
das für ein Kopf!
PRAWDIN. Nun?
SKOTININ. Folgendes passierte ihm in seinem Leben. Auf einem feurigen
Roß – er hatte etwas über den Durst getrunken – flog er gegen einen
steinernen Thorweg. Der Mann war hoch, das Thor niedrig; er vergaß, sich
zu bücken und knallte mit der Stirn an den Steinbogen, so daß er
zurücksank und das brave Roß den rücklings Liegenden bis zum Hausflur
heimgaloppierte. Da möcht’ ich nun wissen, ob es auf der Welt eine
Gelehrtenstirn gibt, die von einer solchen Kopfnuß nicht in Stücke
zersplittert wäre! Der Onkel jedoch, Gott hab’ ihn selig, kam bald zu
sich und fragte nur, ob das Thor ganz geblieben sei.
MILON. Sie, Herr Skotinin geben selbst zu, daß Sie nicht gelehrt seien –
doch in einem _solchen_ Falle würde Ihre Stirn nicht härter als die
eines Gelehrten sein.
STARODUM (zu Milon). Geh nur keine Wette drauf ein! Mir scheint, die
Skotinin sind alle ein hartstirniges Geschlecht.
FRAU PROSTAKOWA. Ach Gott, was hat man auch vom Lernen! Wir sehen’s hier
selbst mit eigenen Augen! Wer nur einigermaßen gebildet ist, der wird
sofort von den eigenen Kameraden in irgend ein Amt eingesetzt.
STARODUM. Und ein solcher wird sich nicht weigern, seinen Mitbürgern
nützlich zu sein.
FRAU PROSTAKOWA. Weiß Gott, was die Menschen jetzt für Ansichten haben!
Zu unsrer Zeit sorgte jedermann nur für seine eigene Ruhe. (Zu Prawdin.)
Du selbst, wie mußt du dich abplagen! Als ich herkam, sah ich, daß dir
ein Paket gebracht wurde.
PRAWDIN. Ein Paket an mich? Und das muß ich erst jetzt erfahren!
(Aufstehend.) Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Sie verlasse.
Vielleicht erteilt mir der Gouverneur einige Orders.
STARODUM (aufstehend, nach ihm auch die anderen). Geh, mein Freund; wir
werden noch voneinander Abschied nehmen.
PRAWDIN. Ich werde Sie noch sehen. Sie fahren morgen in der Frühe?