KAMMERDIENER. Aus Moskau, durch einen expressen Boten. (Ab.)

STARODUM (entsiegelt das Schreiben und liest die Unterschrift). Ah, vom

Grafen Tschestan. (Beginnt zu lesen, macht aber Miene, nicht gut sehen

zu können.) Sophie, bitte, meine Brille – im Buch auf dem Tisch.

SOPHIE (im Abgehen). Sofort, Onkelchen.

Vierter Auftritt.

STARODUM (allein). Er schreibt mir natürlich von seinem Vorschlag, den

er mir in Moskau gemacht. Ich kenne Milon nicht; doch wenn sein Onkel,

mein geschätzter Freund, und alle seine Bekannten ihn für einen würdigen

und ehrenhaften Mann halten ... wenn ihr Herz frei ist ...

Fünfter Auftritt.

STARODUM und SOPHIE.

SOPHIE (die Brille gebend.) Hier ist sie, Onkelchen.

STARODUM (liest). „Ich habe soeben erfahren ... führt sein Kommando nach

Moskau ... er muß mit Ihnen zusammentreffen. Es würde mich herzlich

freuen, wenn er Sie sehen sollte ... Bitte, bringen Sie seine

Gesinnungsart in Erfahrung“ ... (Beiseite.) Natürlich, sonst geb’ ich

sie ihm nicht ... „Sie werden finden ... Ihr aufrichtiger Freund ...“

Gut. Dieser Brief betrifft dich. Ich habe dir schon gesagt, daß mir ein

junger Mann sehr warm empfohlen worden ist ... Meine Worte machen dich

stutzen, mein Freund, das hab’ ich schon damals gesehn und seh’ es auch

jetzt. Doch dein Vertrauen zu mir –

SOPHIE. Kann ich denn etwas auf dem Herzen haben, das ich vor Ihnen als

Geheimnis bergen sollte? Nein, lieber Onkel, ich will Ihnen treuherzig

gestehn –

Sechster Auftritt.

DIE VORIGEN. PRAWDIN und MILON.

PRAWDIN. Erlauben Sie, Ihnen meinen aufrichtigen Freund Milon

vorzustellen.

STARODUM (beiseite). Milon!

MILON. Ich würde es für ein hohes Glück ansehn, wenn Sie mir Ihr

Wohlwollen schenkten.

STARODUM. Ist Graf Tschestan Ihnen verwandt?

MILON. Er ist mein Onkel.

STARODUM. Mit Freuden mache ich Bekanntschaft mit einem Manne von Ihren

Eigenschaften. Ihr Onkel hat mir von Ihnen gesprochen; er läßt Ihnen

volle Gerechtigkeit widerfahren. Er rühmt Ihre Vorzüge –

MILON. Das thut er nur aus Güte. In meinem Alter und bei meiner Stellung

wär’ es eine unverzeihliche Hoffart, wollte ich das Lob, das mir

ehrenwerte Männer spenden, für verdient hinnehmen.

PRAWDIN. Ich bin im voraus versichert, daß mein Freund Ihr Wohlwollen

erwirbt, sobald Sie ihn näher kennen lernen. Er verkehrte oft im Hause

Ihrer seligen Schwester. (Starodum sieht sich nach Sophie um.)

SOPHIE (leise und sehr befangen zu Starodum). Und die Mutter liebte ihn

wie einen Sohn.

STARODUM (zu Sophie). Das ist mir sehr angenehm. (Zu Milon.) Ich habe

gehört, daß Sie in der Armee dienten, Ihre Tapferkeit –

MILON. Ich that nur meine Pflicht. Weder Alter noch Rang ließen mich

bisher meine Tapferkeit beweisen, falls ich sie wirklich besitze.

STARODUM. Wie?! Sie waren ja in der Schlacht und haben mehrfach Ihr

Leben aufs Spiel gesetzt –

MILON. Ich hab’s aufs Spiel gesetzt ebenso wie alle andern. Ein

derartiger Mut ist eine Eigenschaft des Herzens, die dem Soldaten der

Oberst zu haben befiehlt, und dem Offizier – die Ehre. Ich muß

aufrichtig gestehn, daß ich noch keine Gelegenheit gehabt habe, eine

echte Tapferkeit an den Tag zu legen, was ich jedoch von Herzen wünsche.

STARODUM. Ich wäre sehr neugierig zu erfahren, was Sie unter echter

Tapferkeit verstehen.

MILON. Meiner Ansicht nach hat die Tapferkeit ihren Sitz in der Seele

und nicht im Herzen. Ist die Seele tapfer, so ist auch das Herz

unbedingt mutig. In unserm Kriegshandwerk muß der Soldat mutig, der

Befehlshaber tapfer sein. Mit kaltem Blute erkennt er alle Grade der

Gefahr, ergreift die nötigen Maßregeln, schätzt den Ruhm höher als sein

Leben; und was die Hauptsache ist: zum Nutzen und Ruhm seines

Vaterlandes ist er tapfer genug, des eigenen Ruhmes zu vergessen. Seine

Tapferkeit besteht somit nicht darin, daß er sein Leben gering achtet,

denn er setzt es nicht blindlings aufs Spiel, sondern darin, daß er es

zu opfern versteht.

STARODUM. Ganz richtig. Echte Tapferkeit sehen Sie im

Kriegsbefehlshaber; kann sie aber auch den andern Ständen eigen sein?

MILON. Sie ist eine Tugend, und folglich kann sich jeder Stand durch sie

auszeichnen. Mir scheint, der Mut des Herzens erweist sich während der

Schlacht, die Tapferkeit der Seele jedoch in allen Prüfungen, in jeder

Lage des Lebens. Und welch ein gewaltiger Unterschied besteht doch

zwischen dem Mut des Soldaten, der gleichzeitig mit andern beim

Sturmlauf sein Leben wagt, und der Tapferkeit eines Staatsmannes, der

seinem Landesherrn die Wahrheit sagt und dadurch dessen Zorn auf sich zu

laden riskiert! Ein Richter, der, die Drohungen und Rache des Mächtigen

nicht fürchtend, dem Hilflosen hat Gerechtigkeit widerfahren lassen –

ist in meinen Augen ein Held. Wie kleinlich ist doch die Seele eines

Mannes, der um ein Nichts seinen Nebenmenschen zum Duell herausfordert,

im Vergleich mit dem Manne, der die Ehre eines Abwesenden vor dessen

Verleumdern in Schutz nimmt! Ich verstehe die Tapferkeit –

STARODUM. Wie sie ein Mann verstehen muß, dessen Seele sie besitzt.

Umarme mich, mein Freund! Vergib mir meine Freimütigkeit: ich bin ein

Freund ehrenhafter Menschen. Dieses Gefühl wurzelt in der Erziehung, die

ich genossen. In dir sehe ich die Tugend im Schmucke eines hellen

Verstandes.

MILON. Eine edle Seele ... Nein, nicht länger hält mein Herz sein Gefühl

zurück! Nein! ... Deine Tugend entlockt meiner Seele ihr Geheimnis! Ist

mein Herz tugendhaft, verdient es glücklich zu werden – so liegt es in

deiner Macht, es glücklich zu machen. Und glücklich werde ich sein, wenn

du mir deine liebenswürdige Nichte zur Frau gibst. Unsre gegenseitige

Liebe –

STARODUM (freudig zu Sophie). Wie? Dein Herz verstand schon denjenigen

zu wählen, den ich dir im voraus ausersehen hatte? Er ist jener

Bräutigam –

SOPHIE. Und ich liebe ihn von Herzen.

STARODUM. Ihr seid beide einer des andern würdig. (Vereinigt entzückt

ihre Hände.) Von ganzer Seele gebe ich meine Einwilligung.

MILON (Starodum umarmend). Mein Glück ist } (Zusammen.)

unermeßlich! }

}

SOPHIE (Starodums Hände küssend). Wer kann }

glücklicher sein als ich?! }

PRAWDIN. Wie aufrichtig bin ich erfreut!

STARODUM. Mein Glück kennt keine Worte!

MILON (Sophie die Hand küssend). O seliger Augenblick!

SOPHIE. Ewig wird mein Herz dich lieben!

Siebenter Auftritt.

DIE VORIGEN und SKOTININ.

SKOTININ. Auch ich bin da.

STARODUM. Was führt dich her?

SKOTININ. Meine eigene Angelegenheit.

STARODUM. Womit kann ich dienen?

SKOTININ. Mit drei Worten.

STARODUM. Und diese sind?

SKOTININ. Umarme mich recht fest und sage: Sophie ist dein.

STARODUM. Bist du nicht recht gescheit? Denke mal ordentlich nach!

SKOTININ. Ich denke niemals und bin im voraus versichert, daß, wenn auch

du nicht denken wirst, Sophie die Meine wird.

STARODUM. Sonderbarer Kauz! Du bist, wie ich sehe, nicht auf den Kopf

gefallen und willst, daß ich meine Nichte einem Menschen gebe, den ich

gar nicht kenne.

SKOTININ. Dann sag’ ich’s dir, und du wirst mich kennen. Ich bin Taras

Skotinin, nicht der letzte meines Geschlechts. Die Skotinin sind ein

großes und altes Geschlecht. Den Urururgroßvater findest du in keiner

Heraldik.

PRAWDIN. Sie werden uns noch glauben machen wollen, daß er älter ist als

Adam!

Der Landjunker: Lustspiel in fünf Aufzügen · 第 29 / 47 题