JEREMEJEWNA. Was steht zu Befehl?
FRAU PROSTAKOWA. Bist du die Magd, du Hundetochter? Hab’ ich im Hause
außer deiner elenden Fratze eine Magd? Wo ist Palaschka?
JEREMEJEWNA. Erkrankt, liegt seit dem Morgen zu Bette.
FRAU PROSTAKOWA. Sie liegt? Ach, die Bestie! Liegt, als wenn sie eine
Adelige wäre!
JEREMEJEWNA. Sie hat starkes Fieber und phantasiert unaufhörlich.
FRAU PROSTAKOWA. Die Bestie phantasiert! Als wenn sie eine Adelige wäre!
So rufe den Mann, den Sohn! Sage ihnen, daß durch Gottes Güte unsre
Erwartung in Erfüllung gegangen ist: der teure Onkel unsrer lieben
Sophie ist angekommen, unser zweiter Vater ist bei uns zu Besuch,
gedankt sei dem Himmel! Nun, mach fort, rühr dich! (Jeremejewna schnell
ab.)
STARODUM. Wozu der Lärm? Gottes Güte hat mich nicht Ihr Vater werden
lassen, und dank der Güte Gottes bin ich Ihnen auch gar nicht bekannt.
FRAU PROSTAKOWA. Dein plötzliches Erscheinen, Väterchen, hat mich um den
Verstand gebracht. So laß dich doch wenigstens ordentlich umarmen, du
unser Wohlthäter!
Fünfter Auftritt.
DIE VORIGEN. PROSTAKOW, MITROFAN und JEREMEJEWNA.
(Während der nachfolgenden Worte Starodums haben sich Prostakow und
Sohn, die durch die Mittelthür eingetreten waren, hinter den Rücken
Starodums gestellt. Der Vater will ihn umarmen, sobald die Reihe
an ihn kommt, der Sohn – die Hand küssen. Jeremejewna hat
seitwärts Platz genommen und steht mit übers Kreuz geschlagenen
Armen regungslos da, die Blicke starr auf Starodum gerichtet und
jedes seiner Worte mit kriechender Aufmerksamkeit verfolgend.)
STARODUM (ungern die Prostakowa umarmend). Ganz überflüssige Güte,
Madame, ohne die ich recht gut auskommen könnte! (Reißt sich aus der
Umarmung und wendet sich nach der Seite Skotinins, der schon mit
ausgebreiteten Armen dagestanden und ihn nun umfängt.) Zu wem bin ich
nun geraten?
SKOTININ. Ich bin’s, meiner Schwester Bruder.
STARODUM (der noch zweie bemerkt, mit Ungeduld). Und wer ist das?
PROSTAKOW (ihn umarmend). Ich bin der Mann meiner } (Zugleich.)
Frau. }
}
MITROFAN (seine Hand küssend). Und ich meiner Mutter }
Söhnchen. }
MILON (zu Prawdin). Jetzt werde ich mich nicht vorstellen.
PRAWDIN (zu Milon). Ich werde Gelegenheit finden, dich später
vorzustellen.
STARODUM (Mitrofan die Hand entziehend). Dieser sucht die Hand zu
küssen: man sieht, welch edle Seele in ihm herangebildet wird!
FRAU PROSTAKOWA. Sprich, mein Liebling: „Wie sollt’ ich, Herr, deine
Hand nicht küssen – du bist ja mein zweiter Vater.“
MITROFAN. Wie sollt’ ich, lieber Onkel, deine Hand nicht küssen – du
bist ja mein Vater! (Zur Mutter.) Welcher war’s doch?
FRAU PROSTAKOWA. Der zweite.
MITROFAN. Der zweite? Der zweite Vater, lieber Onkel.
STARODUM. Ich bin, mein Bester, weder dein Vater noch dein Onkel.
FRAU PROSTAKOWA. Väterchen, der liebe Junge prophezeit sich vielleicht
sein Glück: wer weiß, mit Gottes Hilfe könnte er ja dein Neffe werden.
SKOTININ. Wirklich? Und ich bin zu schlecht für den Neffen? O Schwester!
FRAU PROSTAKOWA. Ich will, Bruder, mich mit dir nicht herumbeißen. (Zu
Starodum.) Noch nie im Leben, Väterchen, hab’ ich mit jemand gezankt.
Mein Charakter ist: und werd’ ich noch so sehr beschimpft, nie sag’ ich
ein Wort dagegen. Gott wird’s denjenigen schon heimzahlen, die mich Arme
beleidigen!
STARODUM. Das hab’ ich gleich bemerkt, als du nur zur Thür hereintratst.
PRAWDIN. Ich bin schon drei Tage Zeuge ihres sanften Charakters.
STARODUM. Dieses Vergnügen werd’ ich nicht so lange genießen können.
Liebe Sophie, morgen fahren wir mit dir nach Moskau.
FRAU PROSTAKOWA. O Väterchen, wofür zürnst du uns?
PROSTAKOW. Wofür diese Ungnade?
FRAU PROSTAKOWA. Wie? Wir sollten von Sophiechen scheiden, unserm
Herzenskinde? Ich werde vor Kummer Hungers sterben!