MILON (entzückt). O, da ist sie ja selber!
Zweiter Auftritt.
DIE VORIGEN und SOPHIE.
SOPHIE. Milon, bist du’s?
PRAWDIN. Welches Glück!
MILON. Die ist’s, die mein ganzes Herz beherrscht! ... Teure Sophie,
sprich, wie kommt’s, daß ich dich hier treffe?
SOPHIE. Wieviel hab’ ich gelitten seit dem Tage unsrer Trennung! Meine
gewissenlosen Verwandten –
PRAWDIN. Freund, laß das Fragen! es bereitet ihr nur Schmerz. Von mir
wirst du erfahren, welche Roheiten –
MILON. Die Nichtswürdigen!
SOPHIE. Heute übrigens hat die Frau vom Hause zum erstenmal mir
gegenüber einen andern Ton angeschlagen. Als sie erfuhr, daß mich der
Onkel zu seiner Erbin eingesetzt, verfiel sie aus Grobheit und Zanksucht
in kriechende Liebenswürdigkeit, und ich ersehe aus allen ihren
Anspielungen, daß sie mich ihrem Sohne als Braut zugedacht hat.
MILON (ungeduldig). Und du hast ihr nicht alsbald deine vollste
Verachtung ausgesprochen?
SOPHIE. Nein ...
MILON. Hast ihr nicht gesagt, daß dein Herz bindende Pflichten hat, daß
–
SOPHIE. Nein ...
MILON. O, nun seh’ ich mein Verderben! Ich habe einen beglückten
Nebenbuhler! ... Nun, ich zweifle ja gar nicht an seinen Vorzügen: er
ist gewiß klug, aufgeklärt, liebenswürdig; aber daß er sich mit mir in
meiner Liebe messen könnte –
SOPHIE (lächelnd). Gott, wenn du ihn sähest – du würdest rasen vor
Eifersucht!
MILON (grimmig). Ich kann mir alle seine Vorzüge vorstellen!
SOPHIE. Nein, du kannst sie dir gar nicht alle vorstellen! Er zählt zwar
erst sechzehn Jahre, hat jedoch schon die höchste Sprosse der
Vollkommenheit erklommen und kann gar nicht mehr höher steigen.
PRAWDIN. Wie kann er nicht höher steigen, Fräulein? Er hat ja bald die
Fibel ausgelernt und wird wohl alsbald zum Psalmbuch übergehen.
MILON. Von solcher Beschaffenheit also ist mein Nebenbuhler?! ... Ach,
Sophie, warum quälst du mich, und sei’s auch nur im Scherz! Du weißt,
wie einem Liebenden selbst der geringste Verdacht Leiden macht! ... Nun
sage mir, was du ihr geantwortet hast. (In diesem Augenblick geht
Skotinin nachdenklich über die Bühne, ohne von jemand bemerkt zu
werden.)
SOPHIE. Ich sagte ihr, daß ich vom Willen des Onkels abhänge, daß er
bald selber herkommen werde – was ich aus dem Briefe schließe, den (zu
Prawdin) Sie dank dem Herrn Skotinin nicht haben zu Ende lesen dürfen.
MILON. Skotinin!
SKOTININ. Hier!
Dritter Auftritt.
DIE VORIGEN und SKOTININ.
PRAWDIN. Sie haben also gelauscht, Herr Skotinin? Das hab’ ich von Ihnen
nicht erwartet!
SKOTININ. Ich ging zufällig vorbei und antwortete, da man mich anrief.
Das ist so meine Art: wer „Skotinin!“ ruft, dem antwort’ ich „Hier!“ Ich
habe in der Garde gedient und erhielt als Korporal meinen Abschied: rief
man nun auf dem Versammlungsplatz laut: „Taras Skotinin!“ so brüllte
ich: „Hier!“
PRAWDIN. Wir haben Sie nicht angerufen, und Sie können nun gehn, wohin
Sie gehen wollten.
SKOTININ. Ich wollte nirgendhin gehn, ich schritt nur so in Gedanken auf
und ab. Es ist so meine Art: sitzt mir mal ein Gedanke im Kopfe fest, so
läßt er sich mit keinem Pflock austreiben – sitzt was drin, so sitzt es
fest. Dann denk’ ich nur dieses Etwas und seh’ es im Traum wie in der
Wirklichkeit und in der Wirklichkeit wie im Traum.
PRAWDIN. Und was beschäftigt Sie gegenwärtig?
SKOTININ. Ach, bester, teuerster Freund! Wunderdinge passieren mir.
Meine Schwester ließ mich schnell – schnell aus meinem Dorfe herkommen –
und wenn sie mich ebenso schnell aus ihrem Dorfe heimschickt, so kann
ich vor der ganzen Welt mit reinem Gewissen behaupten: leer gekommen,
leer zurückgekehrt.
PRAWDIN. Wie ich Sie bedauere, Herr Skotinin! Ihre Schwester spielt mit
Ihnen wie mit einem Ball.
SKOTININ. Wie mit einem Ball? Gott schütze vor Unglück! Will ich doch
selber sie so weit schleudern, daß das ganze Dorf sie eine ganze Woche
lang umsonst suchen soll!
SOPHIE. Ach, wie Sie zornig sind!
MILON. Was ist Ihnen?
SKOTININ. Bitte urteilen Sie selbst – Sie sind ein vernünftiger Mensch.
Also, meine Schwester hat mich herkommen lassen, damit ich heirate. Nun
zieht sie sich zurück mit dem Vorwand: „Wozu brauchst du, Bruder, eine
Frau, wenn du nur ein gutes Schwein hast.“ Nein, Schwester – ich will
mir auch eigene Ferkel anschaffen! Auf _den_ Leim geh’ ich nicht!
PRAWDIN. Auch mir will es scheinen, Herr Skotinin, daß Ihre Schwester
eine Heirat im Sinne hat, nur nicht die Ihrige.
SKOTININ. Mag sie doch – ich stehe keinem im Wege: heirate jeder seine
Braut. Ich werde mich an einer fremden nicht vergreifen, aber auch
Fremde sollen sich an der meinigen nicht vergreifen. (Zu Sophie.)
Fürchte nichts, mein Schatz: niemand wir dich mir entreißen.
SOPHIE. Was soll das heißen?
MILON (aufschreiend). Welche Frechheit!
SKOTININ (zu Sophie). Nun, worüber bist du denn so erschrocken?
PRAWDIN (zu Milon). Wie kann man einem Skotinin zürnen!
SOPHIE (zu Skotinin). So ist es denn beschlossen, daß ich Ihre Frau
werde?
MILON. Mit Mühe halt’ ich an mir!
SKOTININ. Niemand entgeht seinem Schicksal, mein Herz! Sünde ist’s, daß
du wider dein Glück murrst. Das herrlichste Leben wirst du an meiner
Seite haben. Zehntausend hast du Revenuen! Welch ein Glück! Eine solche
Summe hab’ ich in meinem Leben nicht einmal gesehen! Donnerwetter, für
dieses Geld kann ich mir ja alle Schweine auf der Welt kaufen! Ja, jeder
Mund soll in die Trompete stoßen: bei Skotinin ist das Paradies der
Schweine!
PRAWDIN. Wenn allein die Schweine bei Ihnen ein paradiesisches Leben
führen, so wird Ihre Frau vor Ihnen und selbigen Schweinen wenig Ruhe
haben.
SKOTININ. Wenig Ruhe? Ei, hab’ ich denn zu wenig Raum in meinem Hause?
Sie soll für sich allein das Eckzimmer mit dem Divan haben! Freundchen,
wenn schon jetzt jedes meiner Schweinchen einen besonderen Koben hat, so
wird sich für meine Frau schon ein Zimmerchen finden.
MILON. Welch ein viehischer Vergleich!
PRAWDIN (zu Skotinin). Nichts wird daraus, Herr Skotinin. Ich will’s
ihnen nur gerade heraus sagen: Ihre Schwester will Fräulein Sophie mit
Mitrofan verheiraten.
SKOTININ (zornig). Was, wie? Der Neffe soll den Onkel ausstechen! Alle
Rippen will ich dem Kerl eindrücken, sobald ich ihn sehe! Und ein
Schweinesohn will ich sein, wenn ich nicht Sophiens Mann werde oder den
Bengel zum Krüppel schlage!
Vierter Auftritt.
DIE VORIGEN. JEREMEJEWNA und MITROFAN.
JEREMEJEWNA. Du solltest doch ein ganz klein wenig lernen!
MITROFAN. Sprich noch ein Wort, alte Hexe, so will ich’s dir eintränken:
werde mich wieder bei der Mutter beklagen, und sie wird dich, wie
gestern, durchwalken!
SKOTININ. Komm mal her, Freundchen.
JEREMEJEWNA. Geh zum Onkel, Kind.
MITROFAN. Guten Tag, Onkel ... Was bist du so borstig?
SKOTININ. Mitrofan, blicke mir frei und gerade in die Augen.
JEREMEJEWNA. Thu’s, mein Süßer!
MITROFAN (zu Jeremejewna). Was ist denn der Onkel für ein Wundertier,
daß ich ihn angucken soll?
SKOTININ. Noch einmal: blicke mir frei und gerade in die Augen!
JEREMEJEWNA. Erzürne doch den Onkel nicht! Sieh nur, mit welchen
Glotzaugen er dich anstarrt! ... Nun, glotz ihn ebenso an! (Skotinin und
Mitrofan blicken aufeinander mit weit aufgerissenen Augen.)
MILON. Das ist ein absonderliches Zwiegespräch!
PRAWDIN. Was es wohl für ein Ende nehmen wird?
SKOTININ. Mitrofan, dein Leben hängt an einem Haar. Sprich die volle
Wahrheit! Wenn ich die Sünde nicht scheute, so würde ich, ohne weitere
Worte zu verlieren, dich bei den Beinen packen und deinen Schädel an der
Wand zerschmettern. Doch möchte ich nicht meine Seele verderben, indem
ich einen Unschuldigen richte.
JEREMEJEWNA (zitternd). Wehe, er tötet ihn! Wehe meinem armen Kopfe!
MITROFAN. Bist du toll, Onkel? Ich habe keine Ahnung, wofür du über mich
herfällst!
SKOTININ. Ich warne dich: leugne nicht, damit ich dir nicht im Jähzorn
den Todesschlag versetze – deine Hände werden dich wenig schützen. Ich
nehm’s auf mich und werde Rechenschaft geben Gott und Kaiser. Doch auch
unschuldig nimm keine Schuld auf dich, um nicht unverdient geprügelt zu
werden!
JEREMEJEWNA. Gott schütze vor unverdienten Prügeln!
SKOTININ. Möchtest du heiraten?
MITROFAN (schmachtend). Schon längst, Onkelchen ...
SKOTININ (stürzt auf Mitrofan). Ach, du verwünschter Racker!
PRAWDIN (Skotinin zurückhaltend). Herr Skotinin, keine
Handgreiflichkeiten!
MITROFAN. Amme, decke mich!
JEREMEJEWNA (stellt sich vor Mitrofan, wütend mit erhobenen Fäusten).
Krepieren will ich auf der Stelle, aber dem Kinde laß ich kein Haar
krümmen! Komm du nur, die Augen kratz’ ich dir aus dem Kopfe!
SKOTININ (zitternd und mit der Faust drohend, ab). Ihr sollt an mich
denken!
JEREMEJEWNA (ihm nach). Meine Krallen sind scharf genug!
MITROFAN (dem Onkel nachrufend). Packe dich, Onkel, hol’ dich der Geier!
Fünfter Auftritt.
DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA und PROSTAKOW.
FRAU PROSTAKOWA (zum Mann). Lüg du nur! Bist zeitlebens ein Maulaffe
gewesen!
PROSTAKOW. Er und Prawdin sind wie in die Erde gesunken! Bin ich schuld?
FRAU PROSTAKOWA (zu Milon). Ach, Herr Offizier! Ich habe Sie im ganzen
Dorfe gesucht; mein Mann hat sich die Beine ablaufen müssen, um Ihnen
meinen tiefsten Dank für das vortreffliche Kommando auszusprechen.
MILON. Wofür denn, gnädige Frau?
FRAU PROSTAKOWA. Wie denn, wofür? Ihre Soldaten sind prächtige Menschen:
haben bis jetzt mit keinem Finger etwas angerührt. Zürnen Sie nicht,
bester Herr, daß diese Mißgeburt (auf den Mann zeigend) mit seinem
ewigen Gaffen Ihnen nicht wie nötig begegnet ist. Er war von Kindheit an
ein Tölpel.