DIENER (außer Atem zu Prostakow). Gnädiger Herr, gnädiger Herr! Soldaten
sind gekommen, haben in unserm Dorfe Quartier gemacht!
PROSTAKOW. O Unglück, sie werden uns gänzlich ruinieren!
PRAWDIN. Worüber erschrecken Sie so?
PROSTAKOW. Ach, Lieber, Guter! Ich hab’s ja schon erlebt! Ich wag nicht,
ihnen unter die Augen zu treten!
PRAWDIN. Befürchten Sie nichts. Sie werden natürlich von einem Offizier
angeführt, der es zu keiner Gewaltthat kommen läßt. Wollen wir zusammen
hingehen. Ich bin versichert, daß Sie sich unnütz beunruhigen. (Prawdin,
Prostakow und der Diener ab.)
SKOTININ. Alle haben mich verlassen ... Will doch einen Spaziergang
durch den Viehhof machen!
Zweiter Aufzug.
Erster Auftritt.
PRAWDIN und MILON.
MILON. Wie freut es mich, mein teurer Freund, dich wiederzusehn! Wie
kommst du her?
PRAWDIN. Gern will ich dir den Grund meines Hierseins mitteilen. Ich bin
zum Mitgliede der hiesigen Provinzialverwaltung ernannt worden und habe
Befehl, den hiesigen Bezirk zu inspizieren. Gleichzeitig unterlass’ ich
es nicht aus eignem Herzensantrieb, diejenigen tyrannischen Gutsbesitzer
zu studieren, die ihre Vollmacht über ihren Untergebenen unmenschlich
mißbrauchen. Du kennst die Denkungsart unsers Gouverneurs. Mit welchem
Eifer hilft er der leidenden Menschheit! Mit welcher Hingebung erfüllt
er die humanen Absichten der Regierung. Wir haben es bei uns selber
gesehen, daß, wenn der Gouverneur derartig ist, wie ihn das Reglement
vorzeichnet, der Wohlstand der Bewohner ein gesicherter bleibt. Ich
wohne hier schon drei Tage und fand einen ehrlosen Narren von Gutsherrn
und dessen Furie von Frau, deren teuflischer Charakter dem ganzen Hause
Unheil bringt. Worüber sinnst du, mein Freund? Sage doch, wirst du lange
hier bleiben?
MILON. Schon nach einigen Stunden verlass’ ich dies Haus.
PRAWDIN. Warum so bald? Ruh dich doch erst aus.
MILON. Ich darf nicht: muß ohne Zögern die Soldaten weiterführen ...
Außerdem brenn’ ich selber vor Ungeduld, schneller in Moskau zu sein.
PRAWDIN. Und der Grund hierzu?
MILON. Dich, als meinen Freund, will ich in das Geheimnis meines Herzens
einweihen. Ich liebe und bin so glücklich, geliebt zu werden. Schon über
ein halbes Jahr bin ich von der getrennt, die mir teurer ist als alles
auf der Welt; und was noch betrübender ist: diese ganze Zeit über hab’
ich keinerlei Nachricht von ihr erhalten. Oft schrieb ich ihr Schweigen
dem Erkalten zu und zermarterte mein Herz. Da erhielt ich plötzlich eine
Mitteilung, die mich höchlich überraschte. Man schreibt mir nämlich, daß
sie nach dem Tode ihrer Mutter von entfernten Verwandten zu sich aufs
Dorf genommen worden sei – und ich weiß weder von wem, noch wohin.
Vielleicht befindet sie sich jetzt in den Händen von Egoisten, bei denen
sie, die schutzlose Waise, tyrannisiert wird. Der Gedanke allein macht
mich rasen!
PRAWDIN. Eine derartige Unmenschlichkeit sehe ich in diesem Hause, doch
schmeichle ich mir mit der Hoffnung, der Bosheit der Frau und der
Narrheit des Mannes eine Grenze zu stecken. Ich habe schon von allem
unsern Chef in Kenntnis gesetzt und zweifle nicht, daß man Maßregeln
ergreifen wird, diesem saubern Paar Einhalt zu thun.
MILON. Wie glücklich bist du, Freund, daß du das Los Unglücklicher
erleichtern kannst! ... Auch ich bin in einer sehr mißlichen Lage und
weiß nicht, was ich beginnen soll.