MILON. Bitte, nicht im geringsten –

FRAU PROSTAKOWA. Er ist manchmal wie vor den Kopf geschlagen – steht

stundenlang mit starr aufgerissenen Augen. Was hab’ ich schon alles mit

ihm versucht, was hat er alles von mir aushalten müssen – nichts wirkt

auf seine dicke Haut. Und geht mal sein Klotzzustand vorüber, so beginnt

er ein solches Blech zu schwätzen, daß man zu Gott fleht, er möchte ihn

nur wieder vor den Kopf schlagen!

PRAWDIN. Sie wenigstens, gnädige Frau, können nicht über seinen

Charakter klagen: er ist sanftmütig –

FRAU PROSTAKOWA. Wie ein Kalb, bester Herr, wie ein Kalb! Deshalb auch

sind alle bei uns im Hause so verwöhnt. Denn um Strenge walten zu lassen

und die Schuldigen gehörig zu bestrafen – dazu ist er zu dämlich! Muß

alles selbst thun, lieber Herr. Vom Morgen bis zum Abend hat weder meine

Zunge noch meine Hand einen Augenblick Ruhe: bald muß ich schimpfen,

bald hauen; nur auf solche Weise kann ich das Haus halten.

PRAWDIN (für sich). Es wird bald anders gehalten werden.

FRAU PROSTAKOWA (zu Sophie). Habe die Zimmer für deinen lieben Onkel in

stand gesetzt. Ach, wie möcht’ ich ihn sehen, den ehrwürdigen Greis! Ich

habe viel Gutes von ihm vernommen. Selbst böse Menschen behaupten, er

sei nur ein wenig griesgrämig, doch außerordentlich klug; wen er einmal

liebt, den liebt er von ganzer Seele.

PRAWDIN. Und wen er nicht liebt, der ist ein schlechter Mensch. (Zu

Sophie.) Ich selber habe die Ehre, Ihren Onkel zu kennen. Ich habe

manches über ihn vernommen, das mir aufrichtige Hochachtung für ihn ins

Herz flößte. Was man so seine Griesgrämigkeit, seine Grobheit nennt, ist

nur der Eindruck seiner Geradheit. Nie im Leben hat seine Zunge „Ja“

gesagt, wenn seine Seele ein „Nein“ fühlte.

SOPHIE. Dafür hat er auch nur mit großer Mühe sein Glück machen können.

FRAU PROSTAKOWA. Gott segnet uns, indem er seine Bemühungen mit Erfolg

segnete. Nichts wünscht’ ich sehnlicher als sein väterliches Wohlwollen

für meinen Mitrofan! ... Sophiechen, mein Herz, willst du nicht des

Onkels Zimmer in Augenschein nehmen? (Sophie ab; zu Prostakow.) Hast du

schon wieder Maulaffen feil? Begleite sie, die Beine sind dir nicht

abgefallen.

PROSTAKOW (im Fortgehen). Nicht abgefallen, jedoch eingeknickt.

FRAU PROSTAKOWA. Meine einzige Sorge, meine einzige Freude ist –

Mitrofan. Ich habe gelebt, er muß erst leben und Mensch werden. (Hier

erscheinen Kutejkin mit einer Fibel und Zyfirkin mit einer Schiefertafel

und einem Griffel. Beide fragen durch Zeichen Jeremejewna, ob sie

eintreten dürfen. Sie winkt herein, Mitrofan – heraus.) Nun, Gott wird

wohl gnädig sein, wird ihn mit Glück segnen.

PRAWDIN. Sehen Sie sich um, gnädige Frau, was hinter Ihrem Rücken

vorgeht.

Der Landjunker: Lustspiel in fünf Aufzügen · 第 10 / 47 题