PROSTAKOW. Also ihre Dörfer?
SKOTININ. Auch nicht gerade die Dörfer, sondern das, was sich in diesen
Dörfern aufhält und meine größte Leidenschaft ist.
FRAU PROSTAKOWA. Was denn, lieber Bruder?
SKOTININ. Schweine sind meine Leidenschaft, Schwester. In unserm Umkreis
gibt’s dermaßen große Schweine, daß jedes, sollte es sich auf die
Hinterfüße stellen, uns alle um Kopfeslänge überragen würde.
PROSTAKOW. Es ist doch sonderbar, Schwager, wie die Verwandten einander
gleichen können! Unser Mitrofan ist ganz nach dem Onkel geraten: auch er
hatte von Kindesbeinen an dieselbe Leidenschaft für Schweine wie du. Als
er drei Jahr zählte, so zitterte er vor Freude beim Anblick eines
Schweinchens.
SKOTININ. In der That, höchst wunderbar! Nun, mag Mitrofan die Schweine
lieben: er ist mein Verwandter, und hierbei spielt die Ähnlichkeit eine
Rolle. Wie erklärt sich denn aber _meine_ Leidenschaft für die Schweine?
PROSTAKOW. Auch hierbei spielt die Ähnlichkeit eine Rolle, denk’ ich.
Sechster Auftritt.
DIE VORIGEN. SOPHIE tritt auf mit einem Brief in der Hand; ihr
Gesicht strahlt vor Freude.
FRAU PROSTAKOWA. Was bist du denn so lustig, meine Beste? Worüber freust
du dich?
SOPHIE. Soeben hab’ ich eine freudige Nachricht erhalten. Der Onkel, von
dem wir so lange nichts vernommen, den ich liebe und ehre wie einen
Vater, ist dieser Tage in Moskau angelangt. Da ist der Brief, den ich
soeben von ihm erhalten habe.
FRAU PROSTAKOWA (erschrickt; mit verbissener Wut). Was? Starodum, dein
Onkel, lebt? Und du wagst es, ihn für auferstanden auszugeben? Diese
Lüge ist wirklich einzig!
SOPHIE. Er war ja gar nicht gestorben!
FRAU PROSTAKOWA. Nicht gestorben! Hätte er denn nicht sterben können?
... Nein, meine Beste, das sind deine Erfindungen, um uns mit deinem
Onkel ins Bockshorn zu jagen, damit wir dir Freiheit lassen! Du denkst:
der Onkel ist ein kluger Mensch, er wird schon Wege finden, mich aus
euren Händen zu befreien! Und darüber freust du dich ... aber bitte,
freue dich nur nicht zu sehr: dein Onkel ist natürlich von den Toten
nicht auferstanden.
SKOTININ. Schwester! Wenn er aber gar nicht gestorben wäre?
PROSTAKOW. Verhüt’ es Gott, daß er nicht gestorben wäre!
FRAU PROSTAKOWA (zum Mann). Wie: „nicht gestorben?“ ... Mache mich nicht
wirr! Weißt du denn nicht, daß ich schon seit mehreren Jahren
Totenmessen für den Frieden seiner Seele halten lasse? Es ist unmöglich,
daß meine Gebete nicht bis zu Gott gedrungen seien! (Zu Sophie.) Gib mal
den Brief her (ihn an sich reißend). Eine Wette geh’ ich ein, daß es ein
Liebesbrief ist, und ich errate auch den Schreiber: es ist jener
Offizier, der dir einen Antrag machte, und den du auch heiraten wolltest
... Und welche Bestie händigt dir ohne meine Erlaubnis Briefe ein? Wart,
das werd’ ich schon herausbekommen! Das sind Zeiten: jungen Mädchen
werden Briefe geschrieben! Junge Mädchen können lesen und schreiben!
SOPHIE. Bitte lesen Sie selbst den Brief, und Sie werden alsdann sehen,
daß er das Unschuldigste von der Welt enthält.
FRAU PROSTAKOWA. „Lesen Sie selbst den Brief!“ Nein, meine Beste, ich
bin, Gott sei Dank, nicht so erzogen. Ich empfange Briefe, lasse sie
jedoch immer andre lesen. (Zum Mann.) Lies vor.
PROSTAKOW (nachdem er lange hineingeblickt). Das dürfte schwer fallen.
FRAU PROSTAKOWA. Auch dich hat man, scheint’s, wie ein junges Mädchen
aus der guten alten Zeit erzogen ... Bruder, bitte, lies du.
SKOTININ. Ich? Ich habe nie in meinem Leben etwas gelesen, Schwester!
Gott hat mich mit solchem langweiligen Zeug verschont.
SOPHIE. Erlauben Sie, daß ich lese.
FRAU PROSTAKOWA. O, meine Beste, ich weiß wohl, daß du eine Meisterin
darin bist – nur trau’ ich dir nicht so recht ... Der Lehrer Mitrofans
wird wohl bald kommen; er soll mir lesen.
SKOTININ. Wird denn der Junge schon im Schreiben und Lesen unterrichtet?
FRAU PROSTAKOWA. Ach, lieber Bruder, schon gegen vier Jahre unterrichtet
man ihn. Ja, Sünde wär’s, zu sagen, daß wir uns nicht alle Mühe geben,
Mitrofan zu erziehen: drei Lehrer werden bezahlt! Im Lesen und Schreiben
unterweist ihn Kutejkin, Vorsänger in der Kirche zu Mariä Schutz- und
Fürbitte. Rechnen lehrt ein abgedankter Sergeant, Namens Zyfirkin. Beide
kommen sie aus der Stadt hierher. Den Unterricht im Französischen und in
den übrigen Wissenschaften erhält mein armer Mitrofan von einem
Deutschen, Adam Adamytsch Wralmann. Diesem zahlen wir dreihundert
Rubelchen jährlich; er sitzt mit uns an _einem_ Tische, seine Wäsche
wird von unsern Dienstboten gewaschen; ein Pferd steht immer zu seiner
Verfügung; zu Mittag bekommt er ein Glas Wein, zur Nacht ein Talglicht,
und selbst die Perücke wird ihm umsonst von Fomka in stand erhalten ...
Doch, was wahr ist, bleibt wahr: auch wir sind mit ihm zufrieden,
Bruder: er überbürdet den Knaben nicht. Und man muß doch Mitrofan ein
wenig pflegen, solange er noch jung ist: wenn er denn noch zehn Jährchen
etwa – was Gott verhüten möge – dienen muß, wird ihm kein Schmerz
erspart bleiben! Übrigens – wie’s einem bei der Geburt bestimmt ist!
Schon mancher aus der Familie der Prostakows ist im Schlaf zu Rang und
Würden gestiegen – ist denn Mitrofan schlechter als sie? Ei – da kommt
ja wie gerufen unser teurer Mieter!
Siebenter Auftritt.
DIE VORIGEN und PRAWDIN.
FRAU PROSTAKOWA. Lieber Bruder, hier stell’ ich dir unsern teuren Gast
vor – Herr Prawdin; und das, mein Herr, ist mein Bruder.
PRAWDIN. Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.
SKOTININ. Sehr wohl, mein Herr. Und wie lautet Ihr Familienname? Ich
habe nicht recht gehört.
PRAWDIN. Mein Name ist Prawdin, damit Sie recht hören.
SKOTININ. Und wo geboren, mein Herr? Wo liegen Ihre Dörfer?
PRAWDIN. Ich bin in Moskau geboren, wenn es Ihnen zu wissen not thut,
und meine Dörfer liegen in diesem Bezirk.
SKOTININ. Und darf ich fragen, mein Herr – Ihr und Ihres Vaters Vorname
ist mir unbekannt – ob es in Ihren Dörfern Schweinchen gibt?
FRAU PROSTAKOWA. Fange doch nicht an, von Schweinen zu sprechen, Bruder!
Wollen wir lieber Herrn Prawdin unsre Not klagen. (Zu Prawdin.) Die
Sache ist nämlich die: es war das Geheiß Gottes, daß wir dieses junge
Mädchen zu uns nahmen. Nun erhält sie Briefe von Onkeln, die ihr aus
jener Welt schreiben. Wollten Sie die Güte haben, uns allen diesen Brief
laut vorzulesen!
PRAWDIN. Verzeihen Sie – ich lese niemals Briefe, ohne von deren
Empfängern hierzu befugt zu sein.
SOPHIE. Ich bitte Sie darum, Sie werden mich sehr verbinden.
PRAWDIN. Wenn Sie es also befehlen ... (liest) „Liebe Nichte! Meine
Geschäfte zwangen mich, mehrere Jahre fern von meinen Verwandten zu
leben; die weite Entfernung beraubte mich des Vergnügens, Nachricht von
ihnen zu erhalten. Nach mehrjährigem Aufenthalt in Sibirien bin ich nun
in Moskau. Ich kann wohl als Beispiel dienen, daß man sich durch Fleiß
und Ehrlichkeit ein Vermögen erarbeiten kann. Dank diesen Mitteln und
mit Hilfe des Glücks habe ich zehntausend Rubel Revenuen –“
SKOTININ und beide PROSTAKOWS. Zehntausend!
PRAWDIN (im Lesen fortfahrend). – „Zu deren Erben ich Dich, liebe
Nichte, ernenne.“
FRAU PROSTAKOWA. Dich zur Erbin! }
}
PROSTAKOW. Sophie zur Erbin! } (Gleichzeitig.)
}
SKOTININ. Sie zur Erbin! }
FRAU PROSTAKOWA (Sophie stürmisch umarmend). Gratuliere dir, meine
Herzens-Sophie! Ich weiß mich vor Freude nicht zu fassen! Jetzt mußt du
einen Bräutigam haben. Und eine bessere Braut kann ich mir für Mitrofan
gar nicht wünschen! Das ist ein Onkel! Der leibliche Vater! Ich hab’s
mir immer gedacht, daß ihn Gott behütet, daß er noch wohl und gesund
ist!
SKOTININ (die Hand hinhaltend). Nun, Schwester, schlag ein.
FRAU PROSTAKOWA (leise zu Skotinin). Warte noch, Bruder: erst muß man
sie fragen, ob sie dich nehmen will.
SKOTININ. Wie? Fragen? Wir werden doch nicht erst ihre Meinung hören
wollen?!
PRAWDIN. Darf ich den Brief zu Ende lesen?
SKOTININ. Wozu? Und sollten Sie fünf Jahre lesen – Besseres als die
Zehntausend werden Sie doch nicht herauslesen!
FRAU PROSTAKOWA (zu Sophie). Herzens-Sophie, komm mit mir auf mein
Schlafzimmer. Ich habe äußerst Wichtiges mit dir zu sprechen (führt
Sophie fort).
SKOTININ. S–o–o–o! Na, ich sehe, daß heute wohl schwerlich aus der
Verlobung was wird!
Achter Auftritt.