FRAU PROSTAKOWA (ärgerlich). Wer, Mitrofan?
MITROFAN. Du, Mutter, du wurdest so müde vom Prügeln!
FRAU PROSTAKOWA. Umarme mich, mein Herz! Das ist ein Sohn! O, du mein
einziger Trost!
SKOTININ. Nun, Mitrofan, ich merk’ es: du bist der echte Sohn deiner
Mutter, nicht aber deines Vaters.
PROSTAKOW. Ich wenigstens liebe ihn, wie es einem Vater geziemt: er ist
ein kluges, ein vernünftiges Kind, ein Spaßvogel, ein Schalk. Mitunter
bin ich vor Freude ganz außer mir und kann es dann gar nicht glauben,
daß er mein Sohn ist.
SKOTININ. Doch gegenwärtig macht unser Spaßvogel ein recht ernstes
Gesicht.
FRAU PROSTAKOWA. Sollte man nicht in die Stadt nach dem Doktor schicken?
MITROFAN. Nein, nein, Mutter; ich werde mich schon selber gesund machen.
Will doch mal zum Taubenschlag laufen, vielleicht daß –
FRAU PROSTAKOWA. Gott gnädig ist. Geh, mein Teurer, spiele ein wenig.
(Mitrofan mit der Jeremejewna ab.)
Fünfter Auftritt.
FRAU PROSTAKOWA, PROSTAKOW und SKOTININ.
SKOTININ. Wie kommt’s denn, daß ich meine Braut nicht sehe? Wo ist sie?
Am Abend findet die Verlobung statt: wär’ es da nicht Zeit, ihr
mitzuteilen, daß man sie verheiratet?
FRAU PROSTAKOWA. Dazu haben wir noch Zeit, Bruder. Wenn man’s ihr vorher
sagt, so kann sie gar denken, daß wir sie nach ihrer Einwilligung
fragen! Ich bin nur durch meinen Mann mit ihr verwandt und liebe, daß
mir fremde Menschen gehorchen.
PROSTAKOW (zu Skotinin). Der Wahrheit die Ehre! Wir haben Sophie
behandelt, als sei sie eine echte und rechte Waise. Als ihr Vater starb,
war sie noch ein ganz kleines Kind. Ein halbes Jahr darauf bekam ihre
Mutter, meine Verwandte, den Schlag –
FRAU PROSTAKOWA (sich das Herz bekreuzigend). Die Kraft des Kreuzes sei
mit uns!
PROSTAKOW. Dank welchem sie auch mit Tode abging. Des Mädchens Onkel,
ein Herr Starodum, fuhr nach Sibirien, und da er schon seit mehreren
Jahren völlig verschollen ist, so halten wir ihn denn auch für
verstorben. Als wir merkten, daß Sophie mutterseelenallein dastand,
nahmen wir sie zu uns aufs Dorf und verwalten nun ihr Gut, als sei es
unser eignes.
FRAU PROSTAKOWA. Bist heute ganz ins Lügen hineingeraten, mein Lieber!
Der Bruder könnte gar glauben, daß wir sie aus Interesse zu uns genommen
haben.
PROSTAKOW. Wie sollte er das glauben?! Ihr unbewegliches Vermögen können
wir doch nicht in unsre Tasche hineinwandern lassen!
SKOTININ. Das bewegliche ist zwar schon hineingewandert, aber ich bin
kein Verräter. So was macht Scherereien, die ich nicht liebe, die ich
fürchte. Wie oft mich auch die Nachbarn übervorteilt, wieviel Schaden
sie mir gebracht – ich habe auf keinen eine Klage eingerichtet. Statt
mir den Schaden durch Laufereien einzubringen, zwack’ ich’s mir von den
Bauern ab, und kein Hahn kräht danach.
PROSTAKOW. Es ist wahr, Schwager: die ganze Nachbarschaft meint, du
verstehest es meisterhaft, den Obrok[1] einzukassieren.
[1] Abgaben der zinspflichtigen Bauern. _Anm. d. Übers._
FRAU PROSTAKOWA. Wenn du’s uns doch lehren wolltest, lieber Bruder; wir
verstehn’s gar nicht. Seitdem wir alles, was die Bauern besaßen, uns
zugesteckt haben, können wir sie gar nicht mehr rupfen. Ein wahrer
Jammer!
SKOTININ. Gern, Schwester, will ich’s euch lehren – macht nur, daß ich
Sophie heirate.
FRAU PROSTAKOWA. Gefällt dir denn das Mädchen so ungeheuer?